Freitag, 30. Dezember 2016

2016: Verrückte Welt

Der Planet ist überschwemmt mit Rassisten. Und zum Held wird, wer einmal gehänselt wurde und sein Elend auf Twitter bekannt macht. Der Jahresrückblick. 

Frauen, ethnische Minderheiten, Schwule, Lesben, Transgender – die Opfergruppen sind 2016 so zahlreich wie nie. Wer nicht auf irgendeine Art beleidigt oder diskriminiert wird, ist eben bloss normal. Weil normal aber langweilig ist und man als Normaler zudem Gefahr läuft, selbst zu den Unterdrückern zu zählen, wünschen sich viele das herbei, was man im Fachjargon Mikroaggressionen nennt – etwas, das einem angetan wird und das man als beleidigend empfinden kann. Mikroaggressor ist, wer zum Beispiel die exotisch aussehende Postmitarbeiterin hinter dem Tresen nach ihrer Herkunft fragt. Ob aus reiner Neugier, spielt keine Rolle, es ist rassistisch.
Das Wort "exotisch" selbst ist natürlich strittig, vermutlich steht es auf der Liste der verbannten, weil beleidigenden Wörter, die Studenten der Universität Wisconsin erstellt haben, wie "verrückt" oder "lahm". Letzteres sei verletzend für all jene, die tatsächlich ihre Beine nicht mehr benützen können.

Studenten der Uni North Carolina stören sich derweil an Kostümen. Sie verboten an Halloween das Indianer-Kostüm und den "Hey Amigo Mexican", weil man damit die Tradition der kulturellen Identität verspotten würde. Dass es der Mehrheit jener Minderheiten einerlei ist, wie Leute sich an Partys kleiden: eine Nebensächlichkeit. 

"Wer ist ze?" heisst es neu an der Oxford Universität. Dort zeigt sich die Sprachpolizei einfallsreich im Ausbrüten neuer Begriffe. Um Transgender nicht zu beleidigen und allgemein Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau fühlen (Zwitter, Androgyne etc), empfiehlt die Elite-Uni ihren Studenten, sich mit geschlechtsneutralen Pronomen wie "ze" anzusprechen anstatt mit "er" oder "sie". 

Es existieren endlos Gelegenheiten, sich über Beleidigungen aufzuregen – besonders gut eignen sich Männer, die einem unaufgefordert Komplimente machen. "Heute bist du aber nett angezogen" oder "Du trägst schöne Stiefel" – Beispiele sexistischer Erniedrigungen, mit denen Schweizer Frauen im Alltag zu kämpfen haben. Ihr kollektiver #SchweizerAufschrei ging in Zürich und Bern um die Welt. Überhaupt wird der Kreuzzug gegen die Spezies "weisser Hetero-Mann" immer angesagter: Weil der Bürgerrechtler Bernie Sanders im US-Wahlkampf einmal das Wort "Ghetto" benutzte, musste er empörten Black Lives Matter-Aktivisten tagelang erklären, wie er es meinte (oder nicht). Dass er schon als Student gegen Rassendiskriminierung demonstrierte und auch beim legendären Marsch mit Martin Luther King mitlief – irrelevant.

Relevanz erkennen Experten immerhin bei ernsten Problemen wie dem Global Warming. Aus über 190 Ländern reisen sie per Flugzeug nach Marrakesch, debattierten während zwei Wochen in klimatisierten Räumen und stellten auf dem Gelände sogar eine Reihe Ladestationen für Elektroautos auf. Da in Marokko Abgase aber nicht zu den dringendsten Problemen zählen, kam kein einziges Elektroauto je vorbei. 

Und was bleibt? Als Gesellschaft legen wir uns ohne Not allerlei Zwänge auf, um unsere Verbundenheit mit Minderheiten zu demonstrieren, während es uns eigentlich darum geht, uns selbst besser zu fühlen. Es macht sich eben gut, auf der Seite der Leidenden zu sein. Besonders dann, wenn man dafür nur ein neues Hashtag zu kreieren braucht, mit dem sich das Leid besser zelebrieren lässt. 



zuerst veröffentlicht in der BaZ

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Dünn, na und?

Wenn andere Frauen schlanker sind, kann das eine weibliche Seele ziemlich in Wallung bringen. Wo früher "Fat Shaming" angesagt war, die Verspottung von übergewichtigen Damen (und auch Herren), wird heute das Dünnsein kritisiert. Frauen beurteilen vor allem Frauen. 

Klappergestell! Hungerhaken! Über einen mageren Frauenkörper zu richten ist en vogue, gerade beim weiblichen Geschlecht scheint es eine Art der Selbsthygiene zu sein. Einerseits fühlt es sich gut an, weil man damit die Zustimmung des versammelten Frauenkollektivs auf sicher hat. Andererseits basiert das Ablästern über Schlanke ja meist auf dem Vorwurf, Dünnsein würde ein "komplett falsches und ungesundes Frauenbild aussenden". Und Schuld auf andere abwälzen ist immer ein Akt der Befriedigung. Dünne sind auch schuld am Klimawandel. Und am Syrienkrieg. Auch die Klatschmedien bemühen sich angestrengt, das Gewicht ihrer Protagonistinnen zu skandalisieren: "Kendall Jenner wird immer magerer!" (20 Minuten). "Amal Clooney ist nur noch Haut und Knochen!" (Bild). "Sind die Victoria's Secret Engel zu dünn?" fragte die Schweizer Illustrierte und liess im Selbstversuch eine Normalgewichtige Size Zero-Kleider anprobieren – die Kleider passten, welch Überraschung, nicht.

Indem sie erwachsene Models mit Körpern von 12-jährigen Jungs über den Laufsteg schickt, fördert die Modeindustrie natürlich ein fragwürdiges Schönheitsideal. Viele Mädchen und junge Frauen idealisieren auch die sehr schlanken Figuren ihrer Vorbilder wie Kate Middleton oder Angelina Jolie. Bei Essstörungen kann das natürlich eine gewichtige Rolle spielen. Indem man aber sämtliche mageren Frauenkörper zum Synonym für ungesunde und schädliche Beeinflussung erklärt, löst man dieses Problem nicht. "Es ist eine irreführende Idee", sagt Claire Mysko, Direktorin vom Nationalen Verband für Essenstörungen in Amerika, in der New York Times. "Eine Person kann einen normalen BMI haben und dennoch eine gequälte Beziehung zum Essen und ihrem physikalischen Bewusstsein führen; andere können knochig aussehen und es geht ihnen bestens." Von einem tiefen BMI auf Kränklichkeit oder Schwäche zu schliessen, ist also genauso verkehrt wie Hunger leiden wegen eines vermeintlichen Schönheitsideals.

Es gibt sie leider, die Frauen, die von Natur aus schlank sind, oder dünn – die Wortwahl ergibt sich ja meist aus der persönlichen Sympathie oder Abneigung für das kritisierte Individuum. Frauen, die essen können, was sie wollen, ohne zuzunehmen. Die problemlos in jedes Kleid passen. Und ja, das ist fies. Wenn eine all das hat, schürt es Ressentiments. Der schlanke, gesunde Körper kann aber auch ein Statement sein, ein Ausdruck der Individualität: "Ich bin diszipliniert, ich treibe Sport, ich fühle mich gut." 

Männer übrigens finden den Anblick einer kurvigen Frau am Reizvollsten, wie ein aktuelles Experiment der Daily Mail zeigt. In einem Test standen mehrere Herren, ausgestattet mit einer Spezialbrille, die ihre Augenbewegungen misst, drei Models 30 Sekunden lang gegenüber. Die Damen repräsentierten drei Figurtypen: kurvig, athletisch, schlank, alle verpackt in kurze Shorts und enge Oberteile. Dem kurvigen Modell schenkten die Männer die grösste Aufmerksamkeit – 36 Prozent ihrer Blicke, gefolgt von der athletischen Dame mit 34 Prozent. Schlusslicht war die Frau mit Modelfigur mit 29 Prozent. Zumindest was männliche Bewunderung angeht, lohnt die Fixierung also nicht. 



veröffentlicht in der Basler Zeitung


Donnerstag, 8. Dezember 2016

Männer sind schuld an weiblichen Falten



Es könnte sein, dass Männer das Aussehen von Frauen nachhaltig ruinieren. Und zwar dort, wo wir mit ihnen mitunter die schönsten Stunden verleben: im Bett.

Das Schlafen ist zwar ein einsamer Akt, aber der Rückzug in den nächtlichen Zweierkosmos hat etwas kuschelig Romantisches. Das Problem ist, dass Frauen, die angesichts dieser Nähe schlecht nächtigen, am nächsten Morgen die Quittung dafür erhalten: Gleich nach dem Aufstehen sieht unser Gesicht aus wie etwas, das gerade ausgiebiges Auswringen hinter sich hat. Bis sich die zerknitterten Hautschichten wieder in gutmütiger Glättung präsentieren, dauert es bis nach dem ersten Kaffee. 

Es gibt eine Verbindung zwischen Schlafmangel und Falten, das bestätigt das medizinische Center der Universität Cleveland: "Insbesondere schlecht schlafende Frauen zeigen doppelt so viele Zeichen der Hautalterung, mehr Fältchen, eine ungleichmässige Pigmentation und reduzierte Hautelastizität", heisst es in ihrer von Estée Lauder beauftragten Untersuchung. Forscher der Universität Wien haben vor einigen Jahren herausgefunden, dass Frauen ohne Männer besser schlafen. In ihrem Schlafverhalten reagieren Frauen auf die Anwesenheit eines Bettpartners viel sensitiver als Männer. Dass ihr Schlaf derart beeinflussbar ist, habe evolutionäre Gründe: "Die Frau reagiert auf den Mann. Sie ist auf jede Bewegung empfindlich", sagt John Dittami, Co-Autor der Studie. 

Ich bin ja dankbar, dass Wissenschaftler die Sensibilität von uns Frauen in den Fokus rücken. Als semi-effiziente Schläferin mit frühmorgendlichem Hang zur Hautschrumpelung stelle ich aber eine neue These auf: Nicht die weiblichen Gene sind schuld an unserer Überempfindlichkeit im Schlafzimmer, sondern die seltsamen Bettgewohnheiten der Männer. Jede Frau, die einmal mit einem Kerl das Co-Schlafen praktiziert hat, weiss, dass sie eine erholsame Nacht zerschneiden können wie ein schlechter Traum. Hier ein paar Beispiele: 

-Männer haben diese unerklärliche Besessenheit für offene Fenster. Lärm, Kälte – egal, ohne frische Luftzufuhr können sie angeblich nicht schlafen. 
-Weil sie – anders als wir Frauen – entgegen dem eindringlichen Rat ihres Dickdarms ausgiebig zu Abend essen und auch die akustischen Nachwirkungen gewisser Speisen komplett ignorieren, wälzen sie sich später im Bett wie umgekippte Mastschweine. Dazu stossen sie Flatulenz-Ansammlungen aus, die sogar den Hund fortjagen. Apropos Hund: Ja, der schläft im Bett, weil es einem Mann jedes Mal das Herz bricht, ihn von der Bettkante zu stossen. 
-Ihr Schnarchen ist allgegenwärtig. Laut Untersuchungen schnarchen 30 Prozent der Männer, im Gegensatz zu 10 bis 20 Prozent der Frauen. Die Ursachen liegen im Übergewicht und im höheren Alkoholkonsum, beides Faktoren, die tendenziell mehr Männer betreffen. 
-Der nächtliche Höhepunkt ist, wenn sie einem mit ihren Armen und Beinen unter sich begraben, weil sie im Traum wieder einmal romantische Momente ausleben; gemäss Schlafforschern träumen Männer eher von Sex und Waffen – Frauen von Gefühlen. 
Wenn von 364 Nächten 300 auf diese Art verlaufen, macht das in einer zehnjährigen Beziehung hochgerechnet etwa 6000 Extra-Fältchen.

Fazit: Männer sind fabelhafte Wesen. Aber mit ihnen ein Bett zu teilen taugt für unsere Frischzellenkur etwa so gut wie ein kleines Sonnenbad auf Planet Merkur. Etwas Gutes hat es dennoch: Mit ihrer Anwesenheit wärmen sie immerhin unsere kalten Füsse.



Veröffentlicht in der Basler Zeitung.




Donnerstag, 1. Dezember 2016

Total durchgeknallt

Wir leben in Zeiten des Wahnsinns. Drei Milliarden Jahre Evolution sind auf einmal irrelevant. Entwertet von der Empfindsamkeit einer Gesellschaft, wo jeder seine eigene Wahrheit konstruieren darf, die Wahrheit, die gerade seinem emotionalen Selbstverständnis entspricht. Dazu gehören Geschlechtsidentitätswechsel im Schnellverfahren – gesetzlich gefördert und begünstigt von Medizinern. Ein aktuelles Youtube-Video aus Kanada zeigt, wies geht. 

In dem Experiment gibt sich Reporterin Lauren Southern, eine junge Frau, als Person aus, die ihre Geschlechtsidentität als "ausserhalb des Systems von Mann und Frau" empfindet. "Ich fühle, mein Geschlecht ist eher männlich", beschreibt sie sich einer Ärztin und bittet um ein medizinisches Attest, das ihre männliche Identität bestätigen soll. "Ich präsentiere mich nicht immer männlich […]. Ich fühle mich zu Frauen hingezogen." Die Ärztin, anfangs verwirrt, stellt nach zwei kurzen Rückfragen die Diagnose aus: Geschlecht männlich. 
Mit dem Dokument beantragt Southern später beim Einwohneramt eine neue Identitätskarte – sie trägt Highheels, ihr langes Haar fällt über die Schultern. Sie stellt klar: "Ich möchte als männlich identifiziert werden." Die Mitarbeiterin, anfangs verwirrt, händigt ihr nach einem kurzen Telefonat die ID aus: Geschlecht männlich. Sie spricht die Reporterin mit "Sir" an.  

Man könnte es als irrwitzige Episode abtun, wäre der Test nicht vor dem Hintergrund eines neuen Gesetzes (Bill C-16) entstanden, das der liberale Premierminister Justin Trudeau im Mai dem Parlament vorgestellt hat. Es soll die Rechte von Transgender-Personen in den kanadischen Menschenrechten verankern. Tritt das Gesetz in Kraft, könnte man schon nur für das Infrage stellen eines Geschlechts, egal, ob ein medizinisches Attest vorliegt, rechtlich belangt werden. 

Es ist unbestritten: Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren, soll ein Identitätswechsel nicht unnötig schwergemacht werden. Auch sind die Anfeindungen, mit denen Transgender manchmal konfrontiert werden, traurige Realität. Realität ist aber auch das Kuschen vor der Political Correctness. Es ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Leute aus Angst vor Konsequenzen ihren Kopf ein- und den Stecker zur Vernunft ausziehen. Es hat etwas vorauseilend Gehorsames, so, wie wenn man seinen Rasen frühzeitig mäht, damit der Nachbar nicht auf die Idee kommt, man vernachlässige die Gartenpflege.

Indem man für 2,5 Prozent der Bevölkerung (Anzahl Transgender in Kanada) radikale Gesetze fordert, vereinfacht man vielleicht deren Alltag ein bisschen. Für 97,5 Prozent der Menschen aber werden sich heikle Situationen auftun – der zwischenmenschliche Umgang wird zum Hochseiltanz. Ist es nicht auch Diskriminierung, wenn ein Arbeitgeber per Gesetz mit der "Ismus"-Keule niedergestreckt wird, nur, weil er das Geschlecht eines Mitarbeitenden hinterfragt? Spinnt man es weiter, könnten erfolglose Profiboxer ja einfach ein Comeback bei den Damen geben. Oder Jobsuchende je nach Stellenbeschrieb ihre Identität wechseln. Körperdurchsuchungen am Flughafen dürften zu bizarren Vorführungen mutieren. 

Welchen Weg schlagen wir ein, wenn eine Realität nicht mehr auf biologischen Fakten basiert, sondern nur mehr auf subjektiven Emotionen? Wenn man nach dem Lustprinzip alles verlangen kann? 

Eine Gesellschaft, die alle Anfeindungen gesetzlich regeln möchte, geisselt sich selbst.





Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Donnerstag, 24. November 2016

Die Arroganz der beleidigten Hollywood-Stars



In Hollywood herrscht eine kollektive Depression. Die Traumfabrik ist jetzt Rehaklinik, die Schauspieler brauchen nach dem Trump-Schock erst mal uneingeschränkt Erholung. Die einzigen, die feiern, sind die Psychiater. Seit dem Auffliegen von Heidi Fleiss' Callgirl-Ring in den Neunzigern haben ihre Kassen nicht mehr so geklingelt.

Etwas mehr als zwei Wochen sind seit der Wahl vergangen. Zwei Wochen, in denen sich die Repräsentanten der Glamourwelt endlosen Heulkollern hingaben, jammerten, klagten, trauerten. Lady Gaga protestierte vor dem Trump Tower, inmitten von Leuten, die "Fuck Trump" und "Trump frisst Scheisse" brüllten. Patrick Stewart ("Raumschiff Enterprise") verkündete: "Trump ist wahrscheinlich etwas vom Allerschlimmsten, das unserer Welt in den letzten 100 Jahren passiert ist." Yoko Ono stiess auf ihrer Social Media-Seite eine eigenartige Schallwelle aus, eine Mischung aus Orgasmusgestöhne und den Lauten eines Huhns, das gerade gerupft wird. 15 Sekunden lang.

Zwei Wochen sind genügend Zeit um den Learjet aufzutanken, ein paar Abendkleider in den Louis Vuitton-Koffer zu packen, irgendwo auf der Welt eine 12 Zimmer-Villa mit Pool und Tennisplatz zu erstehen und mit seinen Stylisten, Bodyguards, Nannys, Köchen und Pilatestrainern überzusiedeln. Aber sie sind alle noch da. Trotz ihrer aufsässigen Drohung, man würde auswandern, sollte Trump gewinnen: Barbra Streisand, Chelsea Handler, Meghan Markle (Prinz Harrys neue Flamme, eine US-Schauspielerin), Cher, Robert De Niro etc. Letzterer hat immerhin – weil er sich jetzt so "schlecht fühlt wie nach 9/11" – ein offizielles Asylangebot erhalten: 'Wenn er nach der Enttäuschung emigrieren möchte, heissen wir ihn willkommen," liess der Bürgermeister des italienischen Dorfes Ferrazzano verlauten. 
Den Vorschlag ernsthaft angenommen hat De Niro bislang nicht. Vielleicht sinniert er ja noch darüber, wie er den Zöllnern bei der Einreise seine Gewaltandrohung gegen den neuen Präsidenten erklären soll – vor der Wahl wandte er sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit und nannte Trump ein Schwein, dem er "eine ins Gesicht hauen" wolle. (Was Noch-Präsident Barack Obama nicht davon abhielt, ihn soeben mit der "Presidential Medal of Freedom" zu ehren, einer Auszeichnung für Personen, die einen bedeutenden Beitrag "für die Sicherheit oder das nationale Interesse der USA, den Weltfrieden und kulturelle Belange" geleistet haben).

So eine Präsidentschaftskampagne ist für Stars, die sich darin engagieren, ein bisschen wie eine Selbsthilfetherapie – man führt sich gegenseitig Lobgesänge vor, erinnert sich, wie toll man ist, dass man sich für die richtige Sache einsetzt, stillt sein Mitteilungsbedürfnis und nimmt dafür den ersehnten Beifall in Anspruch. Während Hillary Hollywoods A-Lister hinter sich versammelte – von Beyoncé über Katie Perry, Justin Timberlake, George Clooney bis Meryl Streep, sprachen sich für Donald immerhin Tila Tequila aus, ein Pornosternchen, zwei alternde 80iger-Stars (Kirstie Alley&Jon Voight) und zwei alternde Spinner (Dennis Rodman&Mike Tyson).


Ich habe bisher immer gedacht, Kriege sind das Schlimmste, was uns passieren kann, Hungersnöte, Naturkatastrophen. Was für ein Verhältnisblödsinn. Das Allerschlimmste ist, wenn das Interesse der Fans an seiner Meinung nicht annähernd so gross ist, man es von ihnen erwartet. Wenn Tausende Anhänger die inbrünstig betriebene Pro Hillary-Selbstinszenierung ignorieren und stattdessen einem "Schwein" die Stimme geben. Das setzt dem sorgfältig kultivierten Überlegenheitsgefühl in einem Masse zu, das nur durch die dramatische Zurschaustellung seines Abscheus über diesen fatalen Fehler wieder halbwegs psychische Ausbalancierung findet. Dass unter den für untauglich erklärten Wählern auch Menschen sind, die einem die Villa, den Koch und den Therapeuten mit ihren Musikkäufen oder Kinobesuchen erst ermöglicht haben, spielt keine Rolle.

Fakten vs Trump


Ich bewundere Menschen, die von Frömmigkeitsanfällen absehen, auch wenn die gesellschaftliche oder politische Etikette es verlangt, und stattdessen das A******** bleiben, das sie eben sind. Es ist dieselbe verquere Logik wie bei Jack Nicholson in "Shining": Den Charakter findet man auch dann noch Klasse, wenn er Menschen mordet.

Das Reizvolle an Donald Trump war für mich lange Zeit der romantische Gedanke, den er vermittelte, gegen das Politische Establishment oder den Bürokratie-Irrwitz ankämpfen zu wollen, und auch seine unverhohlene Geringschätzung gegenüber der Political Correctness. Das verlieh ihm in meinen Augen Charisma – als Frau bin ich ja empfänglich für Machogeplänkel (ist genetisch bedingt!).

Kleinbeigeben zu müssen und sich von seiner emotionalen Wahrheit zu verabschieden, erfordert zähes Ringen. Ganz freiwillig geschieht das ja sowieso nicht. Denn eine andere Meinung befürworten heisst ja oftmals etwas akzeptieren, das man gar nicht als Wahrheit sehen möchte, oder das der eigenen Moral diametral entgegenläuft. Wenn aber eine Faktenlage so eindeutig ist, dass man, würde man sie ignorieren, vom eigenen Stolz verspottet würde, bleibt nur die geistige Kehrtwende.

Ich bin nicht die einzige, die an ihren Emotionen festhaftet wie ein Magnetchen am Kühlschank. Der Trend geht dahin, dass Menschen – unter ihnen intelligente Mitbürger – Fakten ablehnen und stattdessen an ihre eigene, subjektive Wahrheit glauben. Fakten messen sie nur dann Bedeutung bei, wenn die in ihrem Sinne sind. Zu diesen Ablehnungssympathisanten zählen etwa Anhänger gewisser Religionen, die wissenschaftliche Tatsachen wie die Evolutionstheorie kategorisch zurückweisen. Oder trotz erdrückendem Faktenberg nicht bejahen können (wollen), dass die Welt älter als 6000 Jahre ist. In der Vergangenheit taten sich Menschen schwer damit, die Erde als Kugelform zu akzeptieren.

Das Problem bei Fakten ist, dass sie einen ständigen Kampf gegen unsere Emotionen führen – gegen das angestammte Gedankengut, basierend auf unserem moralischen und idealistischen Verständnis. "Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit", wusste schon Voltaire. Sich mit Fakten einlassen kann gefährlich sein, denn es kann die eingewurzelte Logik alt aussehen lassen, ganze Weltanschauungen über den Haufen werfen, und unsachliche, ja panische Reaktionen hervorrufen –  über emotionsgeladene Themen wie Rasse oder Religion zu debattieren gilt heute teilweise als hochproblematisch. Der bekannte US-Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris bestätigt: "Gewissen Fakten sind Menschen nicht gewachsen." Als Beispiel nennt er wissenschaftliche Untersuchungen wie die Intelligenzunterschiede zwischen Rassen. Das sei zwar eine rationale Angelegenheit, aber so stigmatisiert, dass sie je nach aufgestellter These die Karriere des Wissenschaftlers zerstören könne. "Natürlich kann man sich fragen, was ein solches Resultat überhaupt bringt. Aber das heisst nicht, dass Rassist ist, wer genetische Unterschiede verstehen möchte." Wissenschaftliche Ergebnisse sind weder gut noch schlecht, entscheidend ist, wie eine Gesellschaft damit verfährt.

Fakt ist Trumps Hassrhetorik. Fakt ist Pussygate. Fakt ist, er ignoriert Fakten. Trump ist ein Zeitgenosse, mit dem man auch komplett verpixelt nicht auf einem Foto erscheinen möchte.
Fakt ist aber auch, dass niemand weiss, wie gut oder schlecht er sich als Präsident erweisen wird.


 veröffentlicht in der Basler Zeitung, November 2016







Wie die Political Correctness unsere Comedians schrumpft

In etwa fünf Jahren wird es keine Komiker mehr geben. Nicht, weil die älteren unter den heutigen Stars ins Pensionsalter driften und keine talentierten Leute nachrücken. Die Gattung wird verschwinden, weil Satiriker in ihren Shows zu viele reizbare Menschen beleidigen, zu viele Gefühle verletzen, mit ihren Witzen zu sehr aufs kollektiv gekränkte Nervensystem drücken. Politisch inkorrekte Komik ist in einer von Überempfindlichkeit und Opferhysterie geprägten Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss.

Vergangene Woche zerfetzen selbsternannte Rachegöttinnen Amy Schumer, eine der schillerndsten Sterne am amerikanischen Comedyhimmel. Schumer (35),  selbsterklärte Feministin und Künstlerin, die sich in ihren Shows häufig über sich selbst lustig macht, hat den Fehler begangen und eine schwarze Sängerin beim Singen und Twerken imitiert – Beyoncé. In Beyoncés 'Formation'-Originalvideo geht es um die Erstarkung von schwarzen Frauen, das Lied lehnt sich an die Bewegung Black Lives Matter. "Es gibt keine Entschuldigung für Amy Schumer, die kulturelle Bedeutung von 'Formation' für Schwarze nicht zu kennen, ich hoffe, das schadet ihrer Karriere", twitterten empörte Internetrebellinnen. "Es ist ein verdammtes Hassverbrechen, ihr diese Parodie zu erlauben und sie auf Tidal zu veröffentlichen." Der Musik-Streamingdienst Tidal gehört Beyoncés Ehemann Jay-Z. Nur schien sich dort niemand daran zu stören. Schumer erklärte später, die beiden hätten ihr Einverständnis gegeben und es sei nie als Parodie gemeint gewesen, sondern: "Frauen feiern andere Frauen." 

Gegen Rassismus einzutreten, ist wichtig. Nur zielt die heutige Political Correctness völlig an ihrem Ursprungsziel vorbei, Misstände gegen Randgruppen zu bekämpfen, und vergiftet stattdessen die künstlerische Freiheit. Gags schreiben mit Rassismus-Warnsystem im Hinterkopf und drohende Anzeigen von beleidigten Zuschauern nach einer Show – der Komikerjob wird dereinst so befriedigend sein wie ein Sonntagsspaziergang durch ein Minenfeld. Dieter Nuhr, Chris Tall, die Schweizer Birgit Steinegger und Michael Elsener, alle wurden sie schon von Radikalsensiblen zu Rassisten erklärt, letzterer, weil er Secondos aus dem Balkan parodierte. Im 20 Minuten sagte dazu ein Schweizer Rapper albanischer Abstammung: "Besonders problematisch ist, dass Elsener nichts mit der Kultur aus dem Balkan am Hut hat. Einem 'Jugo' würde man solche Witze verzeihen, bei einem Schweizer ist es schwierig."

Das lässt ja doch noch ein wenig hoffen für die globale Satirezunft. Secondos dürfen sich also über Secondos lustig machen. Dicke über Dicke, Muslime über Muslime, Frauen über Frauen, Schwarze über Schwarze. Dass dem tatsächlich so ist, zeigt US-Komiker Chris Rock: "Wer sind die größten Rassisten, Weiße oder Schwarze? Schwarze, weil wir die Schwarzen ebenfalls hassen", lautet einer seiner Lieblingswitze. Natürlich macht er sich damit nicht nur Freunde, aber seiner Karriere haben solche Rassenwitze bisher kaum geschadet – bis, ja bis er sich als Moderator der diesjährigen Oscars einen Gag über Asiaten leistete. Da wurde auch er von Betroffenheitsaktivisten flugs mit der Rassismuskeule gezüchtigt.

Neulich habe ich ein YouTube-Video gesehen, in dem Neil deGrasse Tyson, einer der weltweit angesehensten Astrophysiker und populärer Debattenredner, erklärt, wie man mit überempfindlichen Menschen in einem Publikum umzugehen habe: "Wenn man Worte oder Aussagen benützt, die jemand als kränkend empfinden könnte, sollte man Sätze darum bilden und sie auf eine Art formen, dass sie kugelsicher sind gegen Missverständnis oder Missbrauch." Tyson hat seine Empfehlung zwar nicht auf Comedians bezogen, offenbart damit jedoch ihr Dilemma.


Damit sich kein einziger Zuhörer je verletzt oder diskriminiert fühlt, müsste ein Komiker seine Pointe verbal etwa so aufgleisen: "Mit meinen nächsten Worten möchte ich keineswegs Frauen herabwürdigen. Ich möchte sie auch nicht auf die gleiche Stufe setzen mit Hunden. Ich würde weder eine Frau noch einen Hund je in einen Kofferraum sperren. Ich respektiere alle Menschen und Tiere. Und hier also der Witz: Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte 15 Minuten und öffne den Kofferraum. Wer freut sich, dich zu sehen?" Die Comedy der Zukunft.


veröffentlicht in der Basler Zeitung, November 2016

Wer schwindelt, hat mehr vom Leben




In der Rubrik "The Ethicist" im New York Times Magazine können Leser jede Woche eine Frage einsenden zu moralischen Aspekten im Alltag. Ein gewisser Kwame Anthony Appiah, Philosophielehrer an der New York University, gibt Antwort.
Vergangene Woche wollte jemand wissen: Sollte man seiner demnächst die Ehe vollziehenden Bekannten sagen, dass die Diplome ihres Bräutigams gefälscht sind? Man sei nicht verpflichtet, meinte Herr Appiah, diese Information für sich zu behalten. Wenn man es ihr nicht sagt und sie würde später mit den Konsequenzen umgehen müssen oder gar Opfer des Schwindels werden, würde man sich fühlen, als hätte man sie im Stich gelassen.

Urkundenfälschung ist eine Straftat, keine Frage. Und die Massenempörung ist ja auch stets riesig, wenn mal wieder ein Politiker dem Frisieren seines Lebenslaufes oder ein Radprofi dem Doping überführt wird. Nur hat Herr Appiah beim Absondern seiner Weisheiten das Wichtigste weggelassen: Schwindeln – die beschönigende Version von Lügen – ist nichts Grausames, Schwindeln ist essentiell, ohne Schwindeleien würde eine Gesellschaft nicht funktionieren. Und jeder zieht eben seine eigene Grenze zwischen harmlos und verwerflich.

Wir alle schwindeln, lügen, täuschen etwas vor, das wir nicht sind – zur Vertuschung, aus Geltungsdrang, Schuldgefühlen oder Geldgier. Wir malen Rouge auf unsere Blässe, pudern uns das Alter weg, wir tragen Push-Up-BHs und Spanx, die unsere hängenden Fleischschichten zusammenhalten. Im Freibad ziehen wir den Bauch ein. Wir nehmen Viagra. Langweiligen Gesprächspartnern heucheln wir Interesse vor. In der Steuererklärung führen wir den Wickelraum als Büro auf. In meinem Pass zähle ich einen Zentimeter mehr als Gott mich schuf – beim Massnehmen habe ich mich vielleicht versehentlich auf die Zehenspitzen gestellt (das bleibt aber unter uns, liebe Leser!). Models tun so, als würden sie essen. Prominente besuchen Calais. Menschen, die sich kennenlernen, lügen in den ersten zehn Minuten durchschnittlich dreimal, hat der US-Psychologe Robert Feldman herausgefunden. Die wohl nächste US-Präsidentin, Hillary Clinton, lügt gemäss einer Studie von PolitiFact etwa 28 Prozent ihrer Zeit – und liegt damit sogar unter dem Politikerdurchschnitt (Donald Trump lügt 80 Prozent).

"Lügen sind der Schmierstoff der Kommunikation", sagt Psychologe Feldman im Interview mit Zeit Online. "Sozial geschickte Menschen lügen häufiger. Sie verstehen besser, was die soziale Situation erfordert. Weniger beliebte Menschen sind nicht so sensibel dafür, was ihre Gesprächspartner hören wollen, daher sind sie eher verletzend. Gute Lügner sind sympathischer." Das Charisma spielt auch auf der anderen Seite eine Rolle: Der Schweregrad eines Schwindels ist dehnbar, er ist vom Zeitgeist und, ganz besonders, vom Absender abhängig – was wir beim einen für eine infame Lüge halten, tun wir beim anderen als kleine Flunkerei ab.

Und sind wir mal ehrlich, wo würde das hinführen, wenn wir den Impuls zu Schwindeln unterdrücken würden? Unsere ganze moralische Unreinheit würde zum Vorschein kommen, unsere Vorurteile, Abscheu, Willkür, Egomanie. Wir würden ständig Sätze sagen wie 'Ich halte Sie für eine Emporschläferin' oder 'Ihr Mundgeruch ist unerträglich' oder 'Die Zeichnung deines Sohnes finde ich komplett dämlich'. Es wäre der Ruin für unsere Gesellschaft.

Weil die meisten Menschen eine starke Neigung zur Selbstaufwertung entwickeln und täglich wohldosiertes Schwindeln in Anspruch nehmen, sind wir alle ständig Empfänger davon. Opfer sind wir deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: In gesellschaftlicher Isolation befinden sich doch jene Menschen, die niemals lügen. Insensibel, verletzend, unsympathisch: Wer immer komplett aufrichtig ist, kann unmöglich Freunde haben.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Ist Ihr Boss ein Psychopat?

Vorgesetzte verbringen ja einen Grossteil ihrer Arbeitszeit damit, Mitarbeitende mit ihren fragwürdigen Angewohnheiten in Erstaunen zu versetzen. Sie taxieren einem beispielsweise mit diesem stechenden Blick, wenn man sich im Gang kreuzt. Oder sie begrüssen einen mit so übertriebener Begeisterung, dass der Schleim bis auf den Teppich tropft. Sie brechen am Ende ihrer Witze in Gelächter aus, mit dem sie jedes wiehernde Pferd in den Schatten stellen. Während wichtigen Präsentationen von Mitarbeitern tippen sie demonstrativ auf ihrem Smartphone herum, als läge das Ende des Syrienkrieges in ihren Händen.

Haben Sie gerade ein Aha-Erlebnis, liebe Leser? Dann liefere ich Ihnen heute möglicherweise eine Erklärung: Falls sich zu diesem Verhalten noch Narzissmus oder Egoismus hinzugesellen – Eigenschaften, zu denen Vorgesetzte ja ein besonders inniges Verhältnis pflegen – könnte es sein, dass Sie es bei Ihrem Chef mit einem Psychopathen zu tun haben.

Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass 21 Prozent der CEO's einen "klinisch signifikanten Level" an psychopathischen Zügen aufweisen. Einer von fünf Vorgesetzten ist Psychopath – laut den Forschern ungefähr dieselbe Zahl wie unter Gefängnisinsassen (bei 1:100 liegt das Psycho-Verhältnis in der normalen Bevölkerung). Narzissmus, oberflächlicher Charme, mangelnde Empathie, Egoismus, manipulatives Verhalten – alles Anzeichen für psychopatische Züge.

Mit ihrer Untersuchung wollen die Studienverfasser Arbeitgebern helfen einen Weg zu finden, um potentielle Psychopathen vor einer Anstellung herauszufiltern. Der Gerichtsmediziner Nathan Brooks, der die Studie mit den Universitäten San Diego und Bond in Australien durchführte, empfiehlt Unternehmen, die Rekrutierung ihres Personals zu verbessern. Anstatt als erstes auf die Jobfähigkeiten zu fokussieren, sollte man den Kandidaten einem psychologischen Persönlichkeitstest unterziehen.

Ich bin verwirrt. Haben die Wissenschaftler da nicht etwas durcheinandergebracht? Sind es in gewinnorientierten, börsenkotierten Betrieben nicht gerade Leute mit oben genannten Eigenschaften, die für den Managerjob am ehesten in Frage kommen? Wird von CEO's nicht verlangt, Leute zu entlassen ohne schlechtes Gewissen? Quartalszahlen um jeden Preis zu erreichen? Möglichkeiten für Umsatzwachstum zu finden, auch wenn sie nicht immer lupenrein sind? Für geschäftliche Vorteile auch mal seine Moral ein bisschen zu strapazieren?

"Typische Psychopathen veranstalten viel Chaos und tendieren dazu, andere Leute gegeneinander auszuspielen", sagt Nathan Brooks weiter. Erklärt er damit nicht einen grossen Teil von uns zu Psychopathen? 
Gerade erst habe ich nämlich ein paar wichtige Geschäftstermine komplett verwechselt (Chaos), weshalb mein Mann beim Hundehüten aushelfen musste. Dass er deswegen genötigt war, seine eigene Agenda umzustellen, hielt ich für irrelevant (mangelnde Empathie) – meine Jobperformance ist nun mal wichtiger (Egoismus). Damit ich ihn mit dem süssen Versprechen (oberflächlicher Charme) eines wilden Wochenendes (manipulatives Verhalten) um den Finger wickeln konnte, habe ich meine Planungsfehler einem Arbeitskollegen in die Schuhe geschoben (Leute gegeneinander ausspielen). Und weil ich der Überzeugung bin, dass mein methodisches Vorgehen Manager-Qualitäten offenbart (Narzissmus), werde ich mich demnächst um eine hohe Kaderstelle bewerben. 

Danke, Herr Brooks, für die nützliche Studie!



veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Genderaktivisten fordern Unisex-Klos


In Zürich führte vor einigen Tagen und unter grossem Mediengetöse das erste Restaurant der Schweiz Unisex-Toiletten ein. Wie das Newsportal Watson berichtete, wollen die Betreiber des Lokals Coming Soon damit "ein Statement der Offenheit und Rücksichtnahme gegenüber unseren trans- und intergeschlechtlichen Mitmenschen" setzen, also gegenüber Personen, die sich nicht – oder nicht nur – mit dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden.
Folgt man der Logik der Gastwirte, wird Diskriminierung beseitigt, Leidensdruck gemindert und die Welt ein generell besserer Ort – wenn Frauen, Männer, und alle, die sich irgendwo in der Mitte angesiedelt fühlen, das gleiche Klo benützen. Aus PR-Sicht ein gelungener Coup – und aus gesellschaftlicher Sicht?

Das Ausmass ihrer Bemühungen lässt vermuten, dass die globale Toiletten-Gerechtigkeit ganz oben auf der Agenda von Gender-Aktivisten steht. Innert relativ kurzer Zeit haben sie erreicht, dass weltweit immer mehr öffentliche Toiletten Unisex-tauglich gemacht werden müssen: Der Staat New York verpflichtet nächstes Jahr tausende Bar- und Restaurantbetreiber, ihre getrennt ausgewiesenen Toiletten neu zu beschildern. In Schweden und England gibt es Unisex-Klos, in Köln, Berlin. Der Gerechtigkeitssinn von Gender-Aktivisten ist so ausgeprägt, dass sie sogar Bussen in Kauf nehmen – mit Unisex-Klos verstösst das Zürcher Lokal gegen Bauvorschriften.

Die wenigsten Leute bestreiten, dass Transgender die Toilette benützen dürfen, der sie sich zugehörig fühlen. Dass sie dabei manchmal mit Anfeindungen konfrontiert werden, ist traurige Realität. Gegen solche Missstände müssen wir vorgehen, nur ist das stille das falsche Örtchen hierfür. Aus zwei Gründen:

1. Die meisten Transgender-Menschen wollen keine Sonderregelungen. Sie wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, vor allem wollen sie nicht Teil dieser hysterischen Debatte sein. Gender-Aktivisten aber haben die WC-Frage zur dringendsten Problematik der Betroffenen erhoben, nirgends im Alltag erfahren sie offenbar mehr Diskriminierung als auf dem Klo. 
Katharina Kellmann, promovierte Geisteswissenschaftlerin aus Köln und Frau, die früher in einem männlichen Körper aufwuchs, kann nur den Kopf schütteln: "Was will man mit Unisex-Klos erreichen? Menschen wie ich werden damit doch erst recht diskriminiert." Sie findet die ganze Debatte müssig: "Es ist traurig, dass sich einige Medien und Menschen über Genderwahn ereifern, als stünde eine Kulturrevolution bevor. Ich halte Genderaktivisten für eine Gruppe von Menschen, die eher Unheil anrichten. Einige mögen es gut meinen. Aber manchmal weiss ich nicht, wer mir mehr auf den Geist geht: Die Berufstranssexuellen oder die Bekämpfer des Genderismus." Im Alltag stosse sie auf Probleme ganz anderer Art: "Fehlender Respekt, wenn etwa fremde Menschen von mir wissen wollen, ob eine solche Operation schmerzhaft ist. Beschämend ist auch die Genderberichterstattung, es gibt ja praktisch keine Talkshow ohne Quotentranse." Das schlimmste aber sei der Umgang durch Vorgesetzte: "Ein höherer Beamter meiner Arbeitsstelle fragte mich wortwörtlich, 'wie ich denn eine Frau sein wolle'. Der Personalrat, die Vertretung des arbeitenden Volkes, hat dabei nur einvernehmlich genickt."

Gemäss dem Transgender Network Switzerland machen Transgender in der Schweiz 0,5 Prozent der Bevölkerung aus. Menschen mit Blasenschwäche und Menschen mit Reizdarm stellen zusammen etwa 20 Prozent. Warum fordert man für Letztere keine schalldichten Klokabinen? Warum errichten Wirte keine Extra-Toiletten, die immer frei bleiben müssen, damit Passanten mit Blasenschwäche sie im Notfall benützen können – selbstverständlich ganz ohne Konsumzwang?

Im Ernst: Für so geringe Bevölkerungsanteile eine für die Mehrheit funktionierende Ordnung komplett umzukrempeln, ist absurd. Ausserdem, und das bringt uns zu Punkt 2, würde sich bald die nächste Bevölkerungsgruppe herabgewürdigt fühlen – die Frauen.
  
Von einem persönlichen Blickwinkel als Frau aus betrachtet, halte ich das ultimative Aktivisten-Ziel, weltweit sämtliche bestehenden Klos mit Unisex-Klos zu ersetzen, für eine ultimativ unsinnige Idee, für einen Rückschritt unserer Gesellschaft. Sollten in meiner Umgebung je flächendeckend Unisex-WCs eingeführt werden, esse ich – und viele mir bekannte Damen ebenso – nur noch zuhause (dann bleiben nicht nur Raucher den Restaurants fern, sondern auch Frauen).

Befürworter von Unisex-Toiletten argumentieren gerne, getrenntgeschlechtliche Toiletten seien ein Überbleibsel aus der Viktorianischen Ära (1837-1901), einer Zeit, wo Frauen aufgrund der Industrialisierung und ihrer Beschäftigung in der Textilindustrie erstmals vermehrt an öffentlichen Orten in Erscheinung traten und als "Schwaches Geschlecht" beschützt werden mussten. Weil die Rolle der Frau sich grundlegend verändert habe und mit getrennten Toiletten kein Verbrechen verhindert werde, seien sie nicht mehr zeitgemäss. Sie verweisen auch auf die jüngere amerikanische oder europäische Geschichte, wonach eine räumliche Trennung immer auch eine Art der Ausgrenzung zur Folge habe. Einen bemerkenswerten Satz steuerte 2009 eine Studentin der Berliner Humboldt Universität bei; Unisex-Toiletten wären "ein grosser Schritt für die Gleichstellung von Frauen und Männern". Wenn jemand Gewicht verlieren will, könnte er gemäss solchen Thesen ja einfach den Bäcker erschiessen.

Dass es bis etwa 1850 nur Klos für Männer gab, stützte sich hauptsächlich auf dem Widerwillen der Herren, Frauen vollständig im öffentlichen Leben oder in der Arbeitswelt aufzunehmen. Verspürte eine Frau damals ausserhalb ihrer vier Wände ein dringendes Bedürfnis, musste sie es unterdrücken, oder in einen Rinnstein urinieren (dank ihren langen Röcken ein mehr oder weniger diskreter Vorgang), manchmal hatte sie eine kleine "Urinette" bei sich. 1887 wurde in Massachusetts das erste Gesetz erlassen, das alle Arbeitgeber verpflichtete, Toiletten für ihre Mitarbeiterinnen zu bauen – eine grosse Errungenschaft für Frauen. Um 1920 waren solche Gesetze Regel; wenn heute nur eine Räumlichkeit für Mann und Frau zur Verfügung gestellt wird, erfolgt es meist aus Platzspargründen.

Natürlich sind getrenntgeschlechtliche Klos nicht zwingend notwendig für eine funktionierende Gesellschaft – nur kann man sich (unter dem Aspekt der Gleichmachung) grundsätzlich fragen, ob getrennte Duschkabinen zwingend nötig sind, oder getrennte Schlafsäle in der Armee. Ja, es ist ein Luxus, den wir Bewohner reicher Industrieländer uns leisten. Dass der Ursprungsgrund für getrennte Toiletten einst ein anderer war, spielt für mich als Frau letztendlich keine Rolle. Was zählt, ist das subjektive Wohlbefinden. Mein Toiletten-Erlebnis ist ohne die Anwesenheit der Herren ungezwungener, ich fühle mich geschützter. Ich möchte mir die Lippen nachziehen oder die Kabine verlassen ohne starrende Männerblicke – mich in einer Klo-Schlange mit meinem Chef einreihen zu müssen würde wahrscheinlich meine Peinlichkeitsobergrenze sprengen. 
Selbstverständlich ist es Quatsch, wegen eines natürlichen Vorgangs dem Schamgefühl zu verfallen und es existiert auch kein rationaler Grund, einem andersgeschlechtlichen Menschen gegenüber mehr Scham zu empfinden als einem gleichgeschlechtlichen – nur kann man niemandem vorschreiben, was er fühlt. Scham entflammt bei jedem unterschiedlich, in Japan zum Beispiel sind öffentliche Damentoiletten mit kleinen Lautsprechern ausgestattet, um gewisse Körpergeräusche zu übertönen. Ich kenne Paare, die zuhause getrennte Toiletten haben, damit das Knistern in ihrer Beziehung erhalten bleibt. Und zu guter Letzt brauchen wir Frauen ja noch einen Ort, wo wir in Ruhe ablästern können.

Die Angst vor verkleideten Triebtätern in Damentoiletten heraufzubeschwören, wie es Gegner von Unisex-Klos mit ihrer bigotten Agenda tun, ist genauso wenig fruchtbar, wie unter Vorschiebung eines früheren Zeitalters das Bild von Schwarzen, Weissen oder Juden in separaten Räumen zu zeichnen, das suggerieren soll, Trennung stehe als Synonym für Diskriminierung. Das trifft nicht zu. Man kann sich gegen Unisex-Klos aussprechen und gleichzeitig anders-fühlenden Mitmenschen Respekt entgegenbringen.

Mit der Auswechslung von Kloschildern wird Diskriminierung nicht auf magische Weise verbannt. Menschen sind ignorant, Menschen sind böse. Auferlegte Zwänge vermögen gewisse Denkweisen nicht zu beeinflussen – und eine Gesellschaft, die alle Anfeindungen abfangen und gesetzlich regeln möchte, stutzt sich selbst die Flügel. Es gibt Dinge, die ein Mensch, so schmerzlich sie sind, überwinden muss. "Werte Gesellschaft, wenn ihr liberal sein wollt, dann tut nicht so, als wäre euch der Schneemensch begegnet", sagt Katharina Kellmann. "Werte Betroffene, lebt euer Leben, wehrt euch da, wo es angemessen ist, aber macht keinen Kult daraus."


veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016





Männer populärer als Frauen - und schon regt sich Widerstand

Hauptrollen in bedeutenden Filmen werden in der Regel besetzt mit attraktiven Menschen. Männlich. Weiss. Heterosexuell. Ist das fair?

Es herrsche eine "epidemische Unsichtbarkeit", was Rollen für Frauen, Menschen mit Behinderung oder Homosexuelle betrifft, befindet eine aktuelle Studie der Universität von Southern California. Laut dem Bericht ist nur ein Drittel der Hollywood-Sprechrollen weiblich – obwohl Frauen in den Vereinigten Staaten über die Hälfte der Bevölkerung repräsentieren. Lesbische- oder Transgender-Charaktere zählen für weniger als 1 Prozent aller Sprechrollen. Nur 12 Prozent der Filmcharaktere sind schwarz – die Ungleichheit in Hollywood sei allgegenwärtig und systematisch.

Die Empörung ist – aus dem emotionalen Blickwinkel oben genannter Gruppen – teilweise nachvollziehbar. Minderheiten sind im Film untervertreten. Nur: "Allgegenwärtig" würde ja heissen, dass alle Frauen, Homosexuellen oder Afroamerikaner automatisch benachteiligt sind. Und dass sie sich in einem kompetitiven Markt nicht durchzusetzen wissen. Käme das wiederum nicht einer Herabwürdigung all jener Frauen, Homosexuellen oder Afroamerikanern gleich, die es dennoch geschafft haben? Ohne regulatorische Massnahmen? Ohne Förderung? Ohne Magie?

Wenn man keinen Erfolg hat, soll man nicht seine Hautfarbe als Ausrede nehmen, sagt Morgan Freeman, Hollywood-Urgestein und Oscar-Preisträger, in einem CNN-Interview: "Bleib bei deinen Vorsätzen, was du im Leben tun willst und strebe danach!" Erfolg habe nichts mit Rasse zu tun.

Gewiss, die Zeiten gab es, wo Minderheiten mutwillig benachteiligt wurden. Wer aber heute von "systematischer Diskriminierung" spricht, wo Ellen DeGeneres, eine Lesbe, zu den erfolgreichsten Talkmasterinnen zählt, die reichste Frau im Showbiz Afroamerikanerin ist (Oprah), und der bestverdienende Schauspieler Dwayne Johnson (Mutter aus Samoa, Vater Afroamerikaner), der guckt doch durch eine ziemlich verstaubte Linse.

Ronda Rousey, kalifornische "Mixed Martial Arts"-Athletin und Schauspielerin, bringt es auf den Punkt: "Ich bin nicht die höchstbezahlte Kämpferin, weil die Veranstalter nett sein wollen zu uns Frauen. Ich bin es, weil ich ihnen die höchsten Zahlen und am meisten Geld einbringe. Was man verdient, sollte im Verhältnis stehen zu dem, was man einbringt." Genau so wird es auch in der Pornoindustrie gehandhabt: Weil sie die Hauptattraktion sind, verdienen Frauen deutlich mehr als Männer – je grösser ihre Popularität, desto grösser ihre Gage. Gemäss einem Bericht von CNBC kassieren weibliche Porno-Superstars bis zu $2'000 für eine Szene, ein Viertel mehr als ihre Berufskollegen. Darüber hat sich aber noch nie jemand beklagt. Wo bleiben hier die Frontkämpfer sozialer Gerechtigkeit?

Wenn man also als Frau oder Teil einer Minderheit in der Filmindustrie nicht genügend Beachtung findet, geschieht es nicht immer aus Gründen des Sexismus oder der Diskriminierung, wie ja so gerne unterstellt wird. Sondern aus Wirtschaftlichkeit; es ist schlicht weniger Nachfrage vorhanden. Demografische Zahlen sind deshalb irrelevant: 50 Prozent Frauenanteil in der Bevölkerung bedeutet noch lange kein Recht auf 50 Prozent aller Sprechrollen.

Zu den mit Abstand kommerziell erfolgreichsten Filmprodukten gehören Comicverfilmungen. Und für das globale Kinopublikum sind Actionhelden üblicherweise nicht weiblich, oder Transgender, sie haben auch keine körperliche Behinderung. Sie sind: Attraktiv. Männlich. Weiss. Heterosexuell.

Das kann man finden, wie man will. Kompetitiver Markt heisst, das Produkt entscheidet. Eine simple Formel, die sich übrigens auch in unseren Breitengraden auf sämtliche, auf Wettbewerb ausgerichtete Jobs übertragen lässt.


veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016


Der irre Kampf der Social Justice Warrior

Neulich kursierte ein Video bei Youtube, das eine Frau bei einer Taxifahrt irgendwo in Amerika aufgezeichnet hat. Weil sie die Hula-Wackelpuppe auf dem Armaturenbrett als "beleidigend für Hawaiianer" hält, forderte sie den Fahrer zu deren Entsorgung auf. Indem er sich auf eine Diskussion einliess, sorgte er für seine Kündigung. Die Frau bedankte sich dafür auf Facebook mit dem Post "Wir haben gewonnen!" und erntete Applaus.

Vor einigen Tagen attackierte eine Studentin im kanadischen Calgary einen Kommilitonen, weil er einen Hut mit dem Slogan "Make America great again" trug. An einem öffentlichen Ort sei dieser Hut "bedenklich", denn der Slogan bedeute, dass "keine Migranten erlaubt sind und keine Menschen mit anderer sexueller Orientierung". Donald Trump benützt ihn für seine Wahlkampagne.

Eine Onlinepetition mit dem Hashtag #Wedonteattrees (wir essen keine Bäume) verlangte vergangene Woche die Entlassung einer Wettermoderatorin von The Weather Channel. Diese kündigte in ihrer Sendung den Orkan "Matthew" über Haiti an, dabei verglich sie das Land mit der Dominikanischen Republik, wo es "grüner" sei und sagte: "Die Haitianer reissen alle Bäume aus, verbrennen alle Bäume. Sogar die Kinder sind so hungrig, dass sie die Bäume essen." Laut der 21'000 Peditionsunterstützer ist die Äusserung "extrem menschenverachtend".

Mein erster Impuls zu #Wiressenkeinebäume war ein unbeherrschtes Lachen. Der Kommentar ist vor allem dämlich. Wenn er sich als Posse viral verbreitet und das Netz darüber gelacht hätte, wäre es lediglich eine Dumpfbacken-Story mehr im digitalen Unterholz. Hat er aber nicht. Menschen, die von der Anzahl her ein Fussballstadion füllen, verfielen wegen des Satzes in kollektiven Zorn – in den Sozialen Medien entlud er sich über die Moderatorin wie das Unwetter über Haiti. Wer in dem Masse gejagt wird, stellt ganz offensichtlich eine ernsthafte Bedrohung dar. Nur, für wen?

Die drei Beispiele zeigen, dass der Kampf der Social Justice Warrior zunehmend unverhältnismässiger wird. Social Justice Warrior – eine 1:1-Übersetzung gibt es nicht – ist ein aus dem amerikanischen stammender, laut Wikipedia ironischer Begriff für Menschen, die sich als Aktivisten gegen soziale Ungerechtigkeiten sehen, wobei es ihnen mehr um persönliche Bestätigung als um tiefsitzende Überzeugung geht.

Ja, die Meteorologin hat einen Fehler begangen (und sich dafür öffentlich entschuldigt). Sie hat eine dumme Bemerkung losgelassen, inhaltlich falsch obendrein, und angesichts der historischen Vergangenheit von Haiti und seiner Nachbarsrepublik kann der Kommentar für Betroffene beleidigend sein – man muss der Dame wohl die Kompetenz in Völkerkunde absprechen. Aber sie deswegen gleich öffentlich an den Pranger stellen? Ihre Entlassung erzwingen? Wird damit ein einziges Problem gelöst? Sie hat kein Gesetz geschrieben (und keines gebrochen). Sie hat niemanden absichtlich verletzt, niemandem geschadet. Das Leben von Haitianern ist durch ihren Kommentar weder schlechter noch besser geworden.

"Die moderne Menschheit hat zwei Arten von Moral: Eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt", sagte der Philosoph Bertrand Russel. Keine Frage, es muss in einer fortschrittlichen Gesellschaft möglich sein, abfällige Kommentare oder ungeliebte Meinungen zu kritisieren. Indem die Social Justice Warrior aber jeden Menschen nach einer missglückten Äusserung moralisch verurteilen und sich wie in Orwells bekannten Roman 1984 als korrigierende, totalitäre Welt-Instanz in Szene setzen, stellen sie sich selbst über alle anderen – und roden dabei ihre eigenen, vielbeschworenen Ideale der Toleranz und Aufgeklärtheit.

Unhöfliche, herabsetzende, dumme Kommentare – ja, sie tun weh. Möchten wir uns aber wegen jedes kränkenden Satzes eines Mitmenschen auf dieser Welt beleidigt fühlen – wir kämen aus dem Beleidigtsein nicht mehr heraus. Man sollte sich dort gegen Missstände einsetzen, wo es nötig ist, reale Bedrohungen bekämpfen. Wegen unbedeutenden Bemerkungen Revolten anzetteln, kann nicht die Lösung sein. Es gibt Dinge, da muss man einfach drüberstehen.




veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Moderne Frauen sind aggressiver



Aggressives Verhalten ist unter Frauen weit verbreitet: Neulich musste die Polizei eine Gruppe betrunkener und aggressiver Frauen aus einem Flugzeug aus England führen. Wie die Daily Mail berichtet, zerkratzte eine 40-jährige Firmenchefin (mit Oxford-Ausbildung) die Autos ihrer Ex-Freunde, weil sie sie verlassen haben. Eine vornehm gekleidete Dame beleidigte in London lauthals einen Reporter und stiess sein Fahrrad um.

Die britische Tageszeitung hat nun einen Trend ausgemacht: Moderne, gefestigte, im Job erfolgreiche Frauen rasten vermehrt aus – wegen Nichtigkeiten. Frauen, von denen man annehme, dass sie mit Belastung im Alltag umgehen könnten. Herumbrüllen, fluchen oder Gegenstände werfen stelle für sie eine zulässige Methode dar, sich zu behaupten. "Frauen erwarten heutzutage, alles zu haben, und es schnell zu haben", sagt die Londoner Psychologin Monica Cain. "Daraus resultiert Wut."

Ich bin ja so froh, dass Experten die Aufmerksamkeit auf unsere Wut lenken. Danke. Nur sehe ich nichts Verwerfliches daran, wenn eine Frau, ob modern oder antiquiert, sich unbeherrschten Ausbrüchen hingibt – zumal "Unverhältnismässigkeit" eine Frage des Blickwinkels ist.

Weil diese Frau vielleicht um sechs Uhr früh aufsteht. Vielleicht bereitet sie in aller Eile für Leon, Ben und Mia-Sofia Frühstück. Chauffiert sie in den Kindergarten. Stellt sich dort gewohnheitsmässig dem unterschwelligen und in epischer Länge vorgetragenen Tadel der Betreuerin zum Verhalten ihrer Kids. Bemerkt auf dem Weg ins Büro entsetzt, dass sie den Kuchen für Bens Geburtstagsfeier vergessen und in der Hektik ihre Augenbrauen komplett unterschiedlich gezupft hat. Trifft dann an der Geschäftsleitungs-Sitzung auf ihre männlichen Kollegen, die trotz der lausigen Vorbereitung (eben dieser Sitzung) aufgeblasen vor lauter Selbstgefälligkeit und mit einem Starbucks-"Coffee to go" gemütlich im Sessel hängen – die Sorte Mann, der die Kinderbetreuung ausnahmslos seiner Gattin überlässt, sich aber als Superpapa sieht, weil er abends mit dem Junior zwei Minuten Lego spielt und seinen Namen auf den Unterarm tätowiert hat – und die jetzt tatsächlich einen Spruch über ihre Gereiztheit vom Stapel lassen.

Ja, verdammt noch mal, dann rastet eine Frau eben aus!!!

Was soll sie denn sonst tun, implodieren etwa? Das Problem ist nicht die Frau und ihre Anfälle. Das Problem ist der gesellschaftliche Reflex, die sie auslösen: Tobt eine Frau, hat es den Charakter einer unreifen Göre – man denke an das schrille Kreischen des Kapuzineräffchens – oftmals ist es unfreiwillig komisch, in der Regel interessiert sich niemand ernsthaft dafür. Ruft der Silberrücken aus, bebt der Urwald. Alles verkriecht sich. Das Schlimmste: Brüllen Männer rum, steht es ihnen gut. Frauen macht es hässlich, beraubt sie ihrer Weiblichkeit.

Das alles ist schrecklich unfair. Ich plädiere dafür, die Gelassenheit im Alltag generell etwas zu drosseln (und Stressmanagement-Therapien wie FLOATING für den Urlaub aufzusparen). Gelegentliche Ausraster verschaffen Genugtuung – und stellen eine sinnvolle Methode dar gegen den Drang, sich einen Vorschlaghammer zu besorgen und damit ausgewählte Objekte zu bearbeiten.

Und damit das mit dem Ernstgenommen werden klappt, liebe Ladies: Nach einem Tobsuchtsanfall auf keinen Fall den Tränen verfallen! Ist die Mascara erst verschmiert, wandelt sich der letzte Rest Respekt übergangslos in Mitleid. Und das ist dann wirklich zum Heulen.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016


Sexuelle Belästigung: Minenfeld Arbeitsplatz

Die Situation am Arbeitsplatz ist delikat – besonders Führungskräfte fühlen sich immer mehr "wie auf einer Bombenentschärfungs-Mission", so ihre Schilderung. Ihr korrektes Verhalten spiele dabei keine Rolle.

Es ist indiskutabel: Wenn Vorgesetzte ihre Machposition oder das Abhängigkeitsverhältnis eines Mitarbeitenden zum Unternehmen ausnützen und die Person mit ungebetenen Annäherungen sexueller Art bedrängen, gehört das bestraft. In diesem Text möchte ich jedoch eine andere Facette hervorheben: Die Grauzone. Jenes Verhalten, das für mich nicht in jedem Fall verurteilungswürdig ist, den Begriff "sexuelle Belästigung" verzerrt und damit die Ernsthaftigkeit der Thematik untergräbt.

Laut einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2015) gehören "zweideutige Kommentare, Witze mit sexuellem Bezug" zu den am häufigsten erlebten Belästigungen an deutschen Arbeitsplätzen. Betroffen sind Frauen und Männer. Zweideutige Kommentare und Witze mit sexuellem Bezug – für mich gehören sie, anders als etwa die Aufforderung zu unerwünschten sexuellen Handlungen oder Aufforderungen wie "Setz dich auf meinen Schoss", zur Grauzone.

Experten beschreiben sexuelle Belästigung so: "Entscheidend ist, wie es beim Empfänger ankommt. Darum geht es, und nicht um die Motive des Absenders", sagt Karin Moos von der "Frauenberatung Sexuelle Gewalt" in Zürich gegenüber der Tageszeitung 20 Minuten. "Wenn man es als störend und unangenehm empfindet, ist es falsch."

Das scheint mir nur halbwegs logisch. Unter dem Aspekt betrachtet wäre dann ja schon ein "Guten Morgen!"-Gruss möglicherweise falsch. Käme es nur auf das Empfinden des Empfängers an, müsste man den Absender im Fall einer Beschwerde ja gar nicht mehr anhören.

Ich weiss von einem Abteilungsleiter eines Basler Unternehmens, der seinen Mitarbeitenden in der Cafeteria unbedacht einen Frauenwitz erzählte – und deswegen von einer Mitarbeiterin flugs bei der Personalabteilung wegen sexueller Belästigung angeschuldigt wurde. Es ist kein Einzelfall.

Sich wegen eines schlüpfrigen Witzes oder Kommentars oder einer Flirt-SMS zu empören, halte ich persönlich für Unsinn, übersensibel und schädlich für das gesamte Arbeitsklima. Man kann nicht alles einklagen. Dumme Sprüche, Flirten, Ausloten, wie weit man gehen kann – es ist menschlich, auch von einer professionellen Ebene lässt es sich nie komplett trennen. Gleich von sexueller Belästigung auszugehen, ohne Abwägen – war es eine gedankenlose Äusserung, eine Anmache, setzt es mich auf irgendeine Art unter Druck? – ohne konfrontierendes Gespräch, trägt nicht zur Lösung des Problems bei.

Denn ist es nicht so, dass man eine Flirt-SMS, einen Witz mit sexuellem Bezug oder einen anzüglichen Kommentar schnell mal als unangenehm empfindet, wenn es von jemandem kommt, dem man nicht gut gesinnt ist? Und über den selben Kommentar aus Richtung einer sympathischen Person einfach nur emotionslos die Augen rollt? Wie man eine Situation auffasst oder wo man seine Toleranzgrenze zieht, ob man einen Flirt, einen Kommentar als harmlos oder aufdringlich wahrnimmt, beruht doch auch auf den Sympathiewerten des Absenders.

Und dabei sind ja auch wir Frauen nicht immer ganz unschuldig: Mit ihrer Kleidung setzen Damen zwar gerne und selbstgefällig ihre erotischen Reize in Szene, rauschen in sexy Shorts und mit vielversprechenden Dekolletés ins Büro, so dass die Herren praktisch zum Hingucken gezwungen werden und Klimaanlagen wegen zu viel Pulsschlag auf Hochtouren laufen. Späht dann aber einer (oder der Falsche) mal ein bisschen zu lange, oder fällt der Spruch "Du lässt heute ganz schön meinen Blutdruck steigen!", ists auch wieder nicht recht.

Weil umgekehrt Männer im Hinblick auf weibliche Signalentsendung häufig nicht gerade als Schnell-Checker bezeichnet werden können – liebe Herren, ein für alle Mal: wenn Frauen nach eurer Bewunderung streben, ist das nicht in jedem Fall als sexuelles Angebot aufzufassen! –, darf man ihnen auch mal unmissverständlich sagen, wenns genug ist. Zu einer selbstbestimmenden Person, die wir ja alle sein möchten, gehört eben auch die Konfrontation des Gegenübers, der Versuch, die Lösung eines Problems zuallererst selbst herbeizuführen – und der Mut, unbequeme Tatsachen anzusprechen.

Vorgesetzten muss auch klar sein, dass ihrem Verhalten mehr Gewicht anhaftet und ein Chef nicht gleichzeitig Kumpel sein kann. Einen Wink hat aber jeder zugute. Bei Unbelehrbarkeit oder beim eingangs erwähnten Beispiel der mutwilligen Bedrängung und des Machtmissbrauches sollte man eine Enthüllung nicht fürchten, von seinen Rechten Gebrauch machen und den Weg der offiziellen Beschwerde gehen. Kein Job der Welt ist es Wert, in seiner Würde verletzt zu werden.

Führungskräfte überlegen es sich heute zweimal, bevor sie Mitarbeitenden ein Kompliment machen. Betritt eine Arbeitskollegin mit hübsch ausgestelltem Vorbau den Raum, krallen sie ihren Blick verzweifelt an der Decke fest, wie mir einige erzählen – erst recht dann, wenn sich die Dame in dem Moment auch noch entscheidet, an ihren Riemchenschuhen herumzufummeln. In den USA fahren viele Männer nicht mehr mit einer Arbeitskollegin Aufzug. Gemäss einem Artikel von Focus.de gibt es auch in Deutschland immer mehr Geschäftsführer, die nicht mehr alleine mit einer Frau im Raum sprechen, aus Angst, hinterher der Anmache beschuldigt zu werden.

Eine ungute Entwicklung. Gesunder Menschenverstand, Respekt und vor allem eine Portion Humor sind noch immer die besten Ratgeber für ein angenehmes Miteinander. 


veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016

Babies im Flugzeug: Ein Presslufthammer auf Reisen

Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung, was richtig ist für sein Kind und was nicht. Manche Eltern finden es richtig, mit ihrem Neugeborenen elfstündige Flugreisen zu unternehmen.

Der Dauerschallpegel eines brüllenden Babys ist mit etwa 80 Dezibel so laut wie ein Presslufthammer. Was mehrere Stunden in unmittelbarer Nähe eines solchen Gerätes einer Psyche antun, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die junge Mutter vor mir im Flieger hat also ein grösseres Problem (es deckt sich ein bisschen mit meinem). Nur halte ich es für hausgemacht, weshalb ich mich nicht zu Mitgefühl hinreissen lasse. Mit verschwitztem Gesicht versucht sie erfolglos, ihr Neugeborenes zu beruhigen, das mehr Ähnlichkeit mit einem Krebs hat als mit einem Kind.

Permanenter Motorlärm, Ausharren auf engstem Raum, Druck auf den Ohren, Turbulenzen – als Mama muss man dringende Gründe für ein solches Unterfangen haben. Dass ein Baby mit der Situation über den Wolken nicht zufrieden ist, kann man ihm nicht verübeln. Mit seinem ausgedehnten Geschrei, da bin ich mir sicher, verflucht es in seiner eigenen Sprache die Mutter, die ihm das Ganze eingebrockt hat.

Der Vater derweil: tiefenentspannt, guckt sich Filme an. Wenn Schreihals mal eine Minute lang still ist, defiliert er mit ihm 17 Mal den Gang hoch und runter – och, was ist er doch für ein toller Papa! Dann kündigt sich offenbar ein gewisser Druck an und die Mutter übernimmt wieder, reiht sich mit dem Windel-Füller vor der Toilette ein – genau neben mich. Das ist der eine Moment im Leben, wo man lieber neben ausrangierten Brennstäben sitzt – und sich ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt, ein Fenster einzuschlagen.

Eltern wollen ja immer, dass man Verständnis aufbringt für ihre Situation, für die Herausforderungen der Elternschaft. Man wisse ja nicht, wie schwierig es ist. Doch, ich weiss es, ich habe einen Hund! Aber das ist das Schlimmste, was man Eltern sagen kann: "Du kannst doch Hunde nicht mit Kindern vergleichen!!!" -"Wieso nicht? Der Pablo muss auch in die Schule, zum Psychologen, zum Arzt. Er brüllt auch herum und hat über ein halbes Jahr lang in die Hose gemacht."

Viele zeitgenössische Eltern leben nach dem Erziehungsprinzip, der Nachwuchs muss überall mit dabei sein. Im Restaurant, am Symphoniekonzert, auf der Trauminsel. Haben Eltern vor 30,40 Jahren nicht völlig anders getickt? Das Meer habe ich zum ersten Mal gesehen, da war ich 14. Zuvor verbrachten wir den Urlaub Zuhause oder bei Verwandten in der Schweiz, später schickten sie mich ins Ferienlager, wenn sie eine Auszeit von mir brauchten. Heute, wo alles geht, ist Verzicht, oder das lückenhafte Ausschöpfen seiner Möglichkeiten, uncool, verträgt sich nicht mit einem kultigen Lebensentwurf. Aber möglicherweise sind solche Gedanken ja einfach nur ein Zeichen, dass man älter wird.

Vor einigen Monaten schenkte der US-Billigflieger Jetblue auf einem seiner Flüge jedes Mal, wenn ein Baby weinte, allen Passagieren 25% Rabatt auf den nächsten Flug. Beim vierten Mal gabs für alle ein Gratisticket. Bilder der Aktion zeigen fröhlich klatschende Passagiere, wann immer ein Kleinkind schrie.

Die Idee hat grosses Potential. Den nächsten Urlaub werde ich bei Jetblue buchen. Leihe mir dafür den Kleinen meiner Freundin aus. Kneife ich ihn dann im Flieger ein paar Mal fest in die Seite.

Leider war die Jetblue-Aktion eine einmalige Werbekampagne. Aber träumen darf man ja noch.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016

Sexy Studien: Wissenschaft verbündet sich mit Aberglaube




Frauen, die in einer Partnerschaft sind und nur über einen mässigen IQ verfügen, sollten schleunigst über die Bücher gehen. Denn: "Je intelligenter die Frau, desto zufriedener der Mann". Diese Eyecatcher-Schlagzeile habe ich jüngst im GQ-Magazine gelesen, ein Forscher der Australischen National University hat die Erkenntnis aus einer Untersuchung gewonnen.

Mir persönlich kommt die Studie ja alles andere als entgegen, deshalb habe ich mich unverzüglich durch weitere wissenschaftlich abgestützte Ergebnisse dieser bedeutenden Thematik geklickt und bin auf folgende Resultate gestossen: "Männer stehen nicht auf clevere Frauen – ausser wenn sie SEHR attraktiv sind" (Studie der Universität Warschau publiziert bei Daily Mail).  Oder: "Männer wollen dümmere Frauen" (Studie der Universitäten Buffalo, Thousand Oaks und Texas; Stern.de). "Männer finden weniger intelligente und betrunkene Frauen attraktiver als schlaue und nüchterne" (Studie der Universität Texas; Glamour.de).

Ich mag Wissenschaftler. Ich attestiere ihnen eine aufgeräumte Klugheit, auch Verantwortungsgefühl, objektive Gelassenheit – Beweise sind nun mal Beweise. Auf eine Studie berufen kann man sich vortrefflich beim Smalltalk, wenn das Gespräch austrocknet, und sich an ihren Ergebnissen wunderbar abarbeiten, etwa in Kolumnen wie dieser.

Das Problem an Studien ist, dass sie sich alle widersprechen. Der Erfolg eines Wissenschaftlers misst sich an der Anzahl seiner veröffentlichten Studien in renommierten Magazinen, also publiziert der tüchtige Forscher unter hartnäckigem Erfolgsdruck und mit Hinblick auf eine saftige Schlagzeile Studie um Studie – unter dem Titel "Keine neuen Erkenntnisse zu Büroklammern" lassen sich nun mal nicht allzu viele Leser erreichen. Er stellt aus zwei entfernten Materien irgendeinen vagen Zusammenhang her und befragt dazu 33 Personen (oder testet es an 33 Mäusen).

Dabei werden interessante Ergebnisse zutage gefördert: "Beim männlichen Genital ist den befragten Frauen das Aussehen der Harnröhrenöffnung besonders unwichtig" (Universitätskinderspital Zürich). Oder: "Frauen, die ausreichend schlafen, haben nicht nur mehr Sex, sondern auch besseren" (Universität Michigan). Einen Nobelpreis für Humor gibt es (noch) nicht, aber für die bekloppteste Studie vergibt die Harvard-Universität jährlich den Ig-Nobelpreis. 

Ein epochales Forschungsergebnis erschien 2014, unter anderen publizierte es das angesehene Time Magazine: "An Fürzen schnüffeln kann Krebs heilen" (Studie Universität Exeter). Die Schlagzeile ging um die Welt, leider stellte sich heraus, dass in der Untersuchung nichts davon erwähnt wurde. Wissenschaftler schrieben später, im Text stehe nur, dass "der Körper gewisse Sulfide natürlich produziert und diese erhebliche Auswirkungen haben könnten bei künftigen Krankheitstherapien." Es sind also nicht nur die Urheber, die ihr Ergebnis zur Super-Schlagzeile hochstilisieren, sondern auch die Medien. Sie übernehmen Studien oft ohne Faktencheck oder Frage zu ihrer Finanzierung (diese Kolumne fällt diesbezüglich nicht aus dem Rahmen).

Man sollte sich wohl einfach jene Studie heraussuchen, die einem am meisten zusagt und dann fest dran glauben; Wissenschaft und Religion – so verschieden sind sie doch nicht.

Und hier noch die Lösung für die eingangs erwähnten dummen Frauen: Essen, essen, essen! Denn: "Frauen mit grossem Gesäss sind intelligenter" (Universität Pittsburgh). 



veröffentlicht in der Basler Zeitung, August 2016



Mit Twitter-Eifer gegen den bösen Trump

Je länger je mehr widern mich die Sozialen Medien an. Twitter, Facebook&Co. sind für vieles geeignet – Freunde finden, rasche Informationsbeschaffung in Krisen, Zurschaustellung des eigenen Egos. Sie verkommen jedoch zunehmend zur Plattform für verbitterte und beleidigte Seelen. Zum Austragungsort persönlicher Schlachten. Zum Tummelplatz für Menschen, die sich schon an einem einzigen unpassenden Wort komplett abarbeiten können. Hinter gewissen Kundgebungen, da bin ich mir sicher, stecken aber nicht einfach unbedachte Äusserungen gelangweilter Mitmenschen, auch nicht Verlockungen des Hochmuts. Der Trend kommt woanders her. Hier zwei aktuelle Beispiele:

Die Familie von Ex-Beatle George Harrison hat sich vergangene Woche auf Twitter beschwert, weil das Harrison-Lied "Here Comes The Sun" im Zusammenhang mit Ivanka Trump gespielt wurde. Trumps Tochter hat zu den Klängen niemanden umgebracht – sie stöckelte lediglich am Parteitag der Republikaner zu der berühmten Melodie auf die Bühne. Laut "Daily Mail" beklagten Harrisons Erben, die Nutzung des Songs sei nicht autorisiert gewesen, und überhaupt sei dessen Nutzung bei einer Trump-Show "beleidigend" und "entspräche nicht ihren Wünschen".

Anlässlich des dritten Geburtstages von Prinz George posteten seine Eltern Kate und William Fotos auf Twitter. Darauf sieht man den Kleinen mit Familienhund Lupo im Gras sitzen, Lupo leckt ein bisschen am Schokoeis des Jungen. Der Entrüstungssturm in den Sozialen Medien folgte umgehend, George sei ein "Monarchisten-Monster", er sollte wegen Tierquälerei bestraft werden. Tierschutzorganisationen sprangen auf den Beschwerdezug auf: Hunde seien Laktose-intolerant und man müsse mit der Fütterung vorsichtig sein.

Richtig, Hunden füttert man keine Schokolade, da giftig für Vierbeiner. Milchprodukte vertragen sie auch nicht. Aber ich habe noch von keinem Hund gehört, den ein Schlabber Eiscreme oder ein Stückchen Käse dahingerafft hätte. Geht's also wirklich um Tierliebe?
Richtig, Musiknutzungen müssen vergütet werden. Falls die Trump-Organisatoren dies versäumten, steht den Harrison-Erben, die angenehm leben von Musik, die sie nicht selbst komponiert haben, einer Klage nichts im Wege – Fall erledigt. Aber sie bevorzugen, ihre Empörung in die Welt hinaus zu posaunen. Geht’s also wirklich um die Tantiemen? Oder nicht eher um den ungeliebten Trump? Jede Wette, wäre Hillary Clinton zu "Here Comes The Sun" einmarschiert, wir würden von keinen solchen Tweets lesen, Nutzungsrechte hin oder her.

Die inszenierten Aufstände im Internet sind nichts weiter als das Manifest: "Wir gehören zu den Guten, damit es ja alle wissen!!!" Der gesellschaftliche Reflex breitet sich aus, "Haters" zu mobilisieren, um unangenehme Tatsachen oder Personen mit abweichenden Meinungen, also die Bösen, niederzuschreiben. Rationales Abwägen oder das (versuchsweise) Einnehmen einer anderen Position wird ersetzt durch Hardcore-Reaktionen auf Gefühlsebene. Der durchschnittliche Social Media-User, so scheints, "liked" vormittags Ferienfotos, dann checkt er den Beziehungsstatus von Freunden, nachmittags lässt er ein paar Hasstiraden vom Stapel.

Dass man Trump nicht mag, geht völlig in Ordnung. Nur speist sich ein Teil seines Erfolges aus genau der polemischen Stimmungsmache jener Menschen, die sich mit heuchlerischen Tweets in Szene setzen wollen. "Here Comes The Sun" passt genauso wenig zu den Erben des Ex-Beatle.