Donnerstag, 24. November 2016

Die Arroganz der beleidigten Hollywood-Stars



In Hollywood herrscht eine kollektive Depression. Die Traumfabrik ist jetzt Rehaklinik, die Schauspieler brauchen nach dem Trump-Schock erst mal uneingeschränkt Erholung. Die einzigen, die feiern, sind die Psychiater. Seit dem Auffliegen von Heidi Fleiss' Callgirl-Ring in den Neunzigern haben ihre Kassen nicht mehr so geklingelt.

Etwas mehr als zwei Wochen sind seit der Wahl vergangen. Zwei Wochen, in denen sich die Repräsentanten der Glamourwelt endlosen Heulkollern hingaben, jammerten, klagten, trauerten. Lady Gaga protestierte vor dem Trump Tower, inmitten von Leuten, die "Fuck Trump" und "Trump frisst Scheisse" brüllten. Patrick Stewart ("Raumschiff Enterprise") verkündete: "Trump ist wahrscheinlich etwas vom Allerschlimmsten, das unserer Welt in den letzten 100 Jahren passiert ist." Yoko Ono stiess auf ihrer Social Media-Seite eine eigenartige Schallwelle aus, eine Mischung aus Orgasmusgestöhne und den Lauten eines Huhns, das gerade gerupft wird. 15 Sekunden lang.

Zwei Wochen sind genügend Zeit um den Learjet aufzutanken, ein paar Abendkleider in den Louis Vuitton-Koffer zu packen, irgendwo auf der Welt eine 12 Zimmer-Villa mit Pool und Tennisplatz zu erstehen und mit seinen Stylisten, Bodyguards, Nannys, Köchen und Pilatestrainern überzusiedeln. Aber sie sind alle noch da. Trotz ihrer aufsässigen Drohung, man würde auswandern, sollte Trump gewinnen: Barbra Streisand, Chelsea Handler, Meghan Markle (Prinz Harrys neue Flamme, eine US-Schauspielerin), Cher, Robert De Niro etc. Letzterer hat immerhin – weil er sich jetzt so "schlecht fühlt wie nach 9/11" – ein offizielles Asylangebot erhalten: 'Wenn er nach der Enttäuschung emigrieren möchte, heissen wir ihn willkommen," liess der Bürgermeister des italienischen Dorfes Ferrazzano verlauten. 
Den Vorschlag ernsthaft angenommen hat De Niro bislang nicht. Vielleicht sinniert er ja noch darüber, wie er den Zöllnern bei der Einreise seine Gewaltandrohung gegen den neuen Präsidenten erklären soll – vor der Wahl wandte er sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit und nannte Trump ein Schwein, dem er "eine ins Gesicht hauen" wolle. (Was Noch-Präsident Barack Obama nicht davon abhielt, ihn soeben mit der "Presidential Medal of Freedom" zu ehren, einer Auszeichnung für Personen, die einen bedeutenden Beitrag "für die Sicherheit oder das nationale Interesse der USA, den Weltfrieden und kulturelle Belange" geleistet haben).

So eine Präsidentschaftskampagne ist für Stars, die sich darin engagieren, ein bisschen wie eine Selbsthilfetherapie – man führt sich gegenseitig Lobgesänge vor, erinnert sich, wie toll man ist, dass man sich für die richtige Sache einsetzt, stillt sein Mitteilungsbedürfnis und nimmt dafür den ersehnten Beifall in Anspruch. Während Hillary Hollywoods A-Lister hinter sich versammelte – von Beyoncé über Katie Perry, Justin Timberlake, George Clooney bis Meryl Streep, sprachen sich für Donald immerhin Tila Tequila aus, ein Pornosternchen, zwei alternde 80iger-Stars (Kirstie Alley&Jon Voight) und zwei alternde Spinner (Dennis Rodman&Mike Tyson).


Ich habe bisher immer gedacht, Kriege sind das Schlimmste, was uns passieren kann, Hungersnöte, Naturkatastrophen. Was für ein Verhältnisblödsinn. Das Allerschlimmste ist, wenn das Interesse der Fans an seiner Meinung nicht annähernd so gross ist, man es von ihnen erwartet. Wenn Tausende Anhänger die inbrünstig betriebene Pro Hillary-Selbstinszenierung ignorieren und stattdessen einem "Schwein" die Stimme geben. Das setzt dem sorgfältig kultivierten Überlegenheitsgefühl in einem Masse zu, das nur durch die dramatische Zurschaustellung seines Abscheus über diesen fatalen Fehler wieder halbwegs psychische Ausbalancierung findet. Dass unter den für untauglich erklärten Wählern auch Menschen sind, die einem die Villa, den Koch und den Therapeuten mit ihren Musikkäufen oder Kinobesuchen erst ermöglicht haben, spielt keine Rolle.

Fakten vs Trump


Ich bewundere Menschen, die von Frömmigkeitsanfällen absehen, auch wenn die gesellschaftliche oder politische Etikette es verlangt, und stattdessen das A******** bleiben, das sie eben sind. Es ist dieselbe verquere Logik wie bei Jack Nicholson in "Shining": Den Charakter findet man auch dann noch Klasse, wenn er Menschen mordet.

Das Reizvolle an Donald Trump war für mich lange Zeit der romantische Gedanke, den er vermittelte, gegen das Politische Establishment oder den Bürokratie-Irrwitz ankämpfen zu wollen, und auch seine unverhohlene Geringschätzung gegenüber der Political Correctness. Das verlieh ihm in meinen Augen Charisma – als Frau bin ich ja empfänglich für Machogeplänkel (ist genetisch bedingt!).

Kleinbeigeben zu müssen und sich von seiner emotionalen Wahrheit zu verabschieden, erfordert zähes Ringen. Ganz freiwillig geschieht das ja sowieso nicht. Denn eine andere Meinung befürworten heisst ja oftmals etwas akzeptieren, das man gar nicht als Wahrheit sehen möchte, oder das der eigenen Moral diametral entgegenläuft. Wenn aber eine Faktenlage so eindeutig ist, dass man, würde man sie ignorieren, vom eigenen Stolz verspottet würde, bleibt nur die geistige Kehrtwende.

Ich bin nicht die einzige, die an ihren Emotionen festhaftet wie ein Magnetchen am Kühlschank. Der Trend geht dahin, dass Menschen – unter ihnen intelligente Mitbürger – Fakten ablehnen und stattdessen an ihre eigene, subjektive Wahrheit glauben. Fakten messen sie nur dann Bedeutung bei, wenn die in ihrem Sinne sind. Zu diesen Ablehnungssympathisanten zählen etwa Anhänger gewisser Religionen, die wissenschaftliche Tatsachen wie die Evolutionstheorie kategorisch zurückweisen. Oder trotz erdrückendem Faktenberg nicht bejahen können (wollen), dass die Welt älter als 6000 Jahre ist. In der Vergangenheit taten sich Menschen schwer damit, die Erde als Kugelform zu akzeptieren.

Das Problem bei Fakten ist, dass sie einen ständigen Kampf gegen unsere Emotionen führen – gegen das angestammte Gedankengut, basierend auf unserem moralischen und idealistischen Verständnis. "Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit", wusste schon Voltaire. Sich mit Fakten einlassen kann gefährlich sein, denn es kann die eingewurzelte Logik alt aussehen lassen, ganze Weltanschauungen über den Haufen werfen, und unsachliche, ja panische Reaktionen hervorrufen –  über emotionsgeladene Themen wie Rasse oder Religion zu debattieren gilt heute teilweise als hochproblematisch. Der bekannte US-Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris bestätigt: "Gewissen Fakten sind Menschen nicht gewachsen." Als Beispiel nennt er wissenschaftliche Untersuchungen wie die Intelligenzunterschiede zwischen Rassen. Das sei zwar eine rationale Angelegenheit, aber so stigmatisiert, dass sie je nach aufgestellter These die Karriere des Wissenschaftlers zerstören könne. "Natürlich kann man sich fragen, was ein solches Resultat überhaupt bringt. Aber das heisst nicht, dass Rassist ist, wer genetische Unterschiede verstehen möchte." Wissenschaftliche Ergebnisse sind weder gut noch schlecht, entscheidend ist, wie eine Gesellschaft damit verfährt.

Fakt ist Trumps Hassrhetorik. Fakt ist Pussygate. Fakt ist, er ignoriert Fakten. Trump ist ein Zeitgenosse, mit dem man auch komplett verpixelt nicht auf einem Foto erscheinen möchte.
Fakt ist aber auch, dass niemand weiss, wie gut oder schlecht er sich als Präsident erweisen wird.


 veröffentlicht in der Basler Zeitung, November 2016







Wie die Political Correctness unsere Comedians schrumpft

In etwa fünf Jahren wird es keine Komiker mehr geben. Nicht, weil die älteren unter den heutigen Stars ins Pensionsalter driften und keine talentierten Leute nachrücken. Die Gattung wird verschwinden, weil Satiriker in ihren Shows zu viele reizbare Menschen beleidigen, zu viele Gefühle verletzen, mit ihren Witzen zu sehr aufs kollektiv gekränkte Nervensystem drücken. Politisch inkorrekte Komik ist in einer von Überempfindlichkeit und Opferhysterie geprägten Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss.

Vergangene Woche zerfetzen selbsternannte Rachegöttinnen Amy Schumer, eine der schillerndsten Sterne am amerikanischen Comedyhimmel. Schumer (35),  selbsterklärte Feministin und Künstlerin, die sich in ihren Shows häufig über sich selbst lustig macht, hat den Fehler begangen und eine schwarze Sängerin beim Singen und Twerken imitiert – Beyoncé. In Beyoncés 'Formation'-Originalvideo geht es um die Erstarkung von schwarzen Frauen, das Lied lehnt sich an die Bewegung Black Lives Matter. "Es gibt keine Entschuldigung für Amy Schumer, die kulturelle Bedeutung von 'Formation' für Schwarze nicht zu kennen, ich hoffe, das schadet ihrer Karriere", twitterten empörte Internetrebellinnen. "Es ist ein verdammtes Hassverbrechen, ihr diese Parodie zu erlauben und sie auf Tidal zu veröffentlichen." Der Musik-Streamingdienst Tidal gehört Beyoncés Ehemann Jay-Z. Nur schien sich dort niemand daran zu stören. Schumer erklärte später, die beiden hätten ihr Einverständnis gegeben und es sei nie als Parodie gemeint gewesen, sondern: "Frauen feiern andere Frauen." 

Gegen Rassismus einzutreten, ist wichtig. Nur zielt die heutige Political Correctness völlig an ihrem Ursprungsziel vorbei, Misstände gegen Randgruppen zu bekämpfen, und vergiftet stattdessen die künstlerische Freiheit. Gags schreiben mit Rassismus-Warnsystem im Hinterkopf und drohende Anzeigen von beleidigten Zuschauern nach einer Show – der Komikerjob wird dereinst so befriedigend sein wie ein Sonntagsspaziergang durch ein Minenfeld. Dieter Nuhr, Chris Tall, die Schweizer Birgit Steinegger und Michael Elsener, alle wurden sie schon von Radikalsensiblen zu Rassisten erklärt, letzterer, weil er Secondos aus dem Balkan parodierte. Im 20 Minuten sagte dazu ein Schweizer Rapper albanischer Abstammung: "Besonders problematisch ist, dass Elsener nichts mit der Kultur aus dem Balkan am Hut hat. Einem 'Jugo' würde man solche Witze verzeihen, bei einem Schweizer ist es schwierig."

Das lässt ja doch noch ein wenig hoffen für die globale Satirezunft. Secondos dürfen sich also über Secondos lustig machen. Dicke über Dicke, Muslime über Muslime, Frauen über Frauen, Schwarze über Schwarze. Dass dem tatsächlich so ist, zeigt US-Komiker Chris Rock: "Wer sind die größten Rassisten, Weiße oder Schwarze? Schwarze, weil wir die Schwarzen ebenfalls hassen", lautet einer seiner Lieblingswitze. Natürlich macht er sich damit nicht nur Freunde, aber seiner Karriere haben solche Rassenwitze bisher kaum geschadet – bis, ja bis er sich als Moderator der diesjährigen Oscars einen Gag über Asiaten leistete. Da wurde auch er von Betroffenheitsaktivisten flugs mit der Rassismuskeule gezüchtigt.

Neulich habe ich ein YouTube-Video gesehen, in dem Neil deGrasse Tyson, einer der weltweit angesehensten Astrophysiker und populärer Debattenredner, erklärt, wie man mit überempfindlichen Menschen in einem Publikum umzugehen habe: "Wenn man Worte oder Aussagen benützt, die jemand als kränkend empfinden könnte, sollte man Sätze darum bilden und sie auf eine Art formen, dass sie kugelsicher sind gegen Missverständnis oder Missbrauch." Tyson hat seine Empfehlung zwar nicht auf Comedians bezogen, offenbart damit jedoch ihr Dilemma.


Damit sich kein einziger Zuhörer je verletzt oder diskriminiert fühlt, müsste ein Komiker seine Pointe verbal etwa so aufgleisen: "Mit meinen nächsten Worten möchte ich keineswegs Frauen herabwürdigen. Ich möchte sie auch nicht auf die gleiche Stufe setzen mit Hunden. Ich würde weder eine Frau noch einen Hund je in einen Kofferraum sperren. Ich respektiere alle Menschen und Tiere. Und hier also der Witz: Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte 15 Minuten und öffne den Kofferraum. Wer freut sich, dich zu sehen?" Die Comedy der Zukunft.


veröffentlicht in der Basler Zeitung, November 2016

Wer schwindelt, hat mehr vom Leben




In der Rubrik "The Ethicist" im New York Times Magazine können Leser jede Woche eine Frage einsenden zu moralischen Aspekten im Alltag. Ein gewisser Kwame Anthony Appiah, Philosophielehrer an der New York University, gibt Antwort.
Vergangene Woche wollte jemand wissen: Sollte man seiner demnächst die Ehe vollziehenden Bekannten sagen, dass die Diplome ihres Bräutigams gefälscht sind? Man sei nicht verpflichtet, meinte Herr Appiah, diese Information für sich zu behalten. Wenn man es ihr nicht sagt und sie würde später mit den Konsequenzen umgehen müssen oder gar Opfer des Schwindels werden, würde man sich fühlen, als hätte man sie im Stich gelassen.

Urkundenfälschung ist eine Straftat, keine Frage. Und die Massenempörung ist ja auch stets riesig, wenn mal wieder ein Politiker dem Frisieren seines Lebenslaufes oder ein Radprofi dem Doping überführt wird. Nur hat Herr Appiah beim Absondern seiner Weisheiten das Wichtigste weggelassen: Schwindeln – die beschönigende Version von Lügen – ist nichts Grausames, Schwindeln ist essentiell, ohne Schwindeleien würde eine Gesellschaft nicht funktionieren. Und jeder zieht eben seine eigene Grenze zwischen harmlos und verwerflich.

Wir alle schwindeln, lügen, täuschen etwas vor, das wir nicht sind – zur Vertuschung, aus Geltungsdrang, Schuldgefühlen oder Geldgier. Wir malen Rouge auf unsere Blässe, pudern uns das Alter weg, wir tragen Push-Up-BHs und Spanx, die unsere hängenden Fleischschichten zusammenhalten. Im Freibad ziehen wir den Bauch ein. Wir nehmen Viagra. Langweiligen Gesprächspartnern heucheln wir Interesse vor. In der Steuererklärung führen wir den Wickelraum als Büro auf. In meinem Pass zähle ich einen Zentimeter mehr als Gott mich schuf – beim Massnehmen habe ich mich vielleicht versehentlich auf die Zehenspitzen gestellt (das bleibt aber unter uns, liebe Leser!). Models tun so, als würden sie essen. Prominente besuchen Calais. Menschen, die sich kennenlernen, lügen in den ersten zehn Minuten durchschnittlich dreimal, hat der US-Psychologe Robert Feldman herausgefunden. Die wohl nächste US-Präsidentin, Hillary Clinton, lügt gemäss einer Studie von PolitiFact etwa 28 Prozent ihrer Zeit – und liegt damit sogar unter dem Politikerdurchschnitt (Donald Trump lügt 80 Prozent).

"Lügen sind der Schmierstoff der Kommunikation", sagt Psychologe Feldman im Interview mit Zeit Online. "Sozial geschickte Menschen lügen häufiger. Sie verstehen besser, was die soziale Situation erfordert. Weniger beliebte Menschen sind nicht so sensibel dafür, was ihre Gesprächspartner hören wollen, daher sind sie eher verletzend. Gute Lügner sind sympathischer." Das Charisma spielt auch auf der anderen Seite eine Rolle: Der Schweregrad eines Schwindels ist dehnbar, er ist vom Zeitgeist und, ganz besonders, vom Absender abhängig – was wir beim einen für eine infame Lüge halten, tun wir beim anderen als kleine Flunkerei ab.

Und sind wir mal ehrlich, wo würde das hinführen, wenn wir den Impuls zu Schwindeln unterdrücken würden? Unsere ganze moralische Unreinheit würde zum Vorschein kommen, unsere Vorurteile, Abscheu, Willkür, Egomanie. Wir würden ständig Sätze sagen wie 'Ich halte Sie für eine Emporschläferin' oder 'Ihr Mundgeruch ist unerträglich' oder 'Die Zeichnung deines Sohnes finde ich komplett dämlich'. Es wäre der Ruin für unsere Gesellschaft.

Weil die meisten Menschen eine starke Neigung zur Selbstaufwertung entwickeln und täglich wohldosiertes Schwindeln in Anspruch nehmen, sind wir alle ständig Empfänger davon. Opfer sind wir deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: In gesellschaftlicher Isolation befinden sich doch jene Menschen, die niemals lügen. Insensibel, verletzend, unsympathisch: Wer immer komplett aufrichtig ist, kann unmöglich Freunde haben.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Ist Ihr Boss ein Psychopat?

Vorgesetzte verbringen ja einen Grossteil ihrer Arbeitszeit damit, Mitarbeitende mit ihren fragwürdigen Angewohnheiten in Erstaunen zu versetzen. Sie taxieren einem beispielsweise mit diesem stechenden Blick, wenn man sich im Gang kreuzt. Oder sie begrüssen einen mit so übertriebener Begeisterung, dass der Schleim bis auf den Teppich tropft. Sie brechen am Ende ihrer Witze in Gelächter aus, mit dem sie jedes wiehernde Pferd in den Schatten stellen. Während wichtigen Präsentationen von Mitarbeitern tippen sie demonstrativ auf ihrem Smartphone herum, als läge das Ende des Syrienkrieges in ihren Händen.

Haben Sie gerade ein Aha-Erlebnis, liebe Leser? Dann liefere ich Ihnen heute möglicherweise eine Erklärung: Falls sich zu diesem Verhalten noch Narzissmus oder Egoismus hinzugesellen – Eigenschaften, zu denen Vorgesetzte ja ein besonders inniges Verhältnis pflegen – könnte es sein, dass Sie es bei Ihrem Chef mit einem Psychopathen zu tun haben.

Eine aktuelle Studie hat herausgefunden, dass 21 Prozent der CEO's einen "klinisch signifikanten Level" an psychopathischen Zügen aufweisen. Einer von fünf Vorgesetzten ist Psychopath – laut den Forschern ungefähr dieselbe Zahl wie unter Gefängnisinsassen (bei 1:100 liegt das Psycho-Verhältnis in der normalen Bevölkerung). Narzissmus, oberflächlicher Charme, mangelnde Empathie, Egoismus, manipulatives Verhalten – alles Anzeichen für psychopatische Züge.

Mit ihrer Untersuchung wollen die Studienverfasser Arbeitgebern helfen einen Weg zu finden, um potentielle Psychopathen vor einer Anstellung herauszufiltern. Der Gerichtsmediziner Nathan Brooks, der die Studie mit den Universitäten San Diego und Bond in Australien durchführte, empfiehlt Unternehmen, die Rekrutierung ihres Personals zu verbessern. Anstatt als erstes auf die Jobfähigkeiten zu fokussieren, sollte man den Kandidaten einem psychologischen Persönlichkeitstest unterziehen.

Ich bin verwirrt. Haben die Wissenschaftler da nicht etwas durcheinandergebracht? Sind es in gewinnorientierten, börsenkotierten Betrieben nicht gerade Leute mit oben genannten Eigenschaften, die für den Managerjob am ehesten in Frage kommen? Wird von CEO's nicht verlangt, Leute zu entlassen ohne schlechtes Gewissen? Quartalszahlen um jeden Preis zu erreichen? Möglichkeiten für Umsatzwachstum zu finden, auch wenn sie nicht immer lupenrein sind? Für geschäftliche Vorteile auch mal seine Moral ein bisschen zu strapazieren?

"Typische Psychopathen veranstalten viel Chaos und tendieren dazu, andere Leute gegeneinander auszuspielen", sagt Nathan Brooks weiter. Erklärt er damit nicht einen grossen Teil von uns zu Psychopathen? 
Gerade erst habe ich nämlich ein paar wichtige Geschäftstermine komplett verwechselt (Chaos), weshalb mein Mann beim Hundehüten aushelfen musste. Dass er deswegen genötigt war, seine eigene Agenda umzustellen, hielt ich für irrelevant (mangelnde Empathie) – meine Jobperformance ist nun mal wichtiger (Egoismus). Damit ich ihn mit dem süssen Versprechen (oberflächlicher Charme) eines wilden Wochenendes (manipulatives Verhalten) um den Finger wickeln konnte, habe ich meine Planungsfehler einem Arbeitskollegen in die Schuhe geschoben (Leute gegeneinander ausspielen). Und weil ich der Überzeugung bin, dass mein methodisches Vorgehen Manager-Qualitäten offenbart (Narzissmus), werde ich mich demnächst um eine hohe Kaderstelle bewerben. 

Danke, Herr Brooks, für die nützliche Studie!



veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Genderaktivisten fordern Unisex-Klos


In Zürich führte vor einigen Tagen und unter grossem Mediengetöse das erste Restaurant der Schweiz Unisex-Toiletten ein. Wie das Newsportal Watson berichtete, wollen die Betreiber des Lokals Coming Soon damit "ein Statement der Offenheit und Rücksichtnahme gegenüber unseren trans- und intergeschlechtlichen Mitmenschen" setzen, also gegenüber Personen, die sich nicht – oder nicht nur – mit dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden.
Folgt man der Logik der Gastwirte, wird Diskriminierung beseitigt, Leidensdruck gemindert und die Welt ein generell besserer Ort – wenn Frauen, Männer, und alle, die sich irgendwo in der Mitte angesiedelt fühlen, das gleiche Klo benützen. Aus PR-Sicht ein gelungener Coup – und aus gesellschaftlicher Sicht?

Das Ausmass ihrer Bemühungen lässt vermuten, dass die globale Toiletten-Gerechtigkeit ganz oben auf der Agenda von Gender-Aktivisten steht. Innert relativ kurzer Zeit haben sie erreicht, dass weltweit immer mehr öffentliche Toiletten Unisex-tauglich gemacht werden müssen: Der Staat New York verpflichtet nächstes Jahr tausende Bar- und Restaurantbetreiber, ihre getrennt ausgewiesenen Toiletten neu zu beschildern. In Schweden und England gibt es Unisex-Klos, in Köln, Berlin. Der Gerechtigkeitssinn von Gender-Aktivisten ist so ausgeprägt, dass sie sogar Bussen in Kauf nehmen – mit Unisex-Klos verstösst das Zürcher Lokal gegen Bauvorschriften.

Die wenigsten Leute bestreiten, dass Transgender die Toilette benützen dürfen, der sie sich zugehörig fühlen. Dass sie dabei manchmal mit Anfeindungen konfrontiert werden, ist traurige Realität. Gegen solche Missstände müssen wir vorgehen, nur ist das stille das falsche Örtchen hierfür. Aus zwei Gründen:

1. Die meisten Transgender-Menschen wollen keine Sonderregelungen. Sie wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, vor allem wollen sie nicht Teil dieser hysterischen Debatte sein. Gender-Aktivisten aber haben die WC-Frage zur dringendsten Problematik der Betroffenen erhoben, nirgends im Alltag erfahren sie offenbar mehr Diskriminierung als auf dem Klo. 
Katharina Kellmann, promovierte Geisteswissenschaftlerin aus Köln und Frau, die früher in einem männlichen Körper aufwuchs, kann nur den Kopf schütteln: "Was will man mit Unisex-Klos erreichen? Menschen wie ich werden damit doch erst recht diskriminiert." Sie findet die ganze Debatte müssig: "Es ist traurig, dass sich einige Medien und Menschen über Genderwahn ereifern, als stünde eine Kulturrevolution bevor. Ich halte Genderaktivisten für eine Gruppe von Menschen, die eher Unheil anrichten. Einige mögen es gut meinen. Aber manchmal weiss ich nicht, wer mir mehr auf den Geist geht: Die Berufstranssexuellen oder die Bekämpfer des Genderismus." Im Alltag stosse sie auf Probleme ganz anderer Art: "Fehlender Respekt, wenn etwa fremde Menschen von mir wissen wollen, ob eine solche Operation schmerzhaft ist. Beschämend ist auch die Genderberichterstattung, es gibt ja praktisch keine Talkshow ohne Quotentranse." Das schlimmste aber sei der Umgang durch Vorgesetzte: "Ein höherer Beamter meiner Arbeitsstelle fragte mich wortwörtlich, 'wie ich denn eine Frau sein wolle'. Der Personalrat, die Vertretung des arbeitenden Volkes, hat dabei nur einvernehmlich genickt."

Gemäss dem Transgender Network Switzerland machen Transgender in der Schweiz 0,5 Prozent der Bevölkerung aus. Menschen mit Blasenschwäche und Menschen mit Reizdarm stellen zusammen etwa 20 Prozent. Warum fordert man für Letztere keine schalldichten Klokabinen? Warum errichten Wirte keine Extra-Toiletten, die immer frei bleiben müssen, damit Passanten mit Blasenschwäche sie im Notfall benützen können – selbstverständlich ganz ohne Konsumzwang?

Im Ernst: Für so geringe Bevölkerungsanteile eine für die Mehrheit funktionierende Ordnung komplett umzukrempeln, ist absurd. Ausserdem, und das bringt uns zu Punkt 2, würde sich bald die nächste Bevölkerungsgruppe herabgewürdigt fühlen – die Frauen.
  
Von einem persönlichen Blickwinkel als Frau aus betrachtet, halte ich das ultimative Aktivisten-Ziel, weltweit sämtliche bestehenden Klos mit Unisex-Klos zu ersetzen, für eine ultimativ unsinnige Idee, für einen Rückschritt unserer Gesellschaft. Sollten in meiner Umgebung je flächendeckend Unisex-WCs eingeführt werden, esse ich – und viele mir bekannte Damen ebenso – nur noch zuhause (dann bleiben nicht nur Raucher den Restaurants fern, sondern auch Frauen).

Befürworter von Unisex-Toiletten argumentieren gerne, getrenntgeschlechtliche Toiletten seien ein Überbleibsel aus der Viktorianischen Ära (1837-1901), einer Zeit, wo Frauen aufgrund der Industrialisierung und ihrer Beschäftigung in der Textilindustrie erstmals vermehrt an öffentlichen Orten in Erscheinung traten und als "Schwaches Geschlecht" beschützt werden mussten. Weil die Rolle der Frau sich grundlegend verändert habe und mit getrennten Toiletten kein Verbrechen verhindert werde, seien sie nicht mehr zeitgemäss. Sie verweisen auch auf die jüngere amerikanische oder europäische Geschichte, wonach eine räumliche Trennung immer auch eine Art der Ausgrenzung zur Folge habe. Einen bemerkenswerten Satz steuerte 2009 eine Studentin der Berliner Humboldt Universität bei; Unisex-Toiletten wären "ein grosser Schritt für die Gleichstellung von Frauen und Männern". Wenn jemand Gewicht verlieren will, könnte er gemäss solchen Thesen ja einfach den Bäcker erschiessen.

Dass es bis etwa 1850 nur Klos für Männer gab, stützte sich hauptsächlich auf dem Widerwillen der Herren, Frauen vollständig im öffentlichen Leben oder in der Arbeitswelt aufzunehmen. Verspürte eine Frau damals ausserhalb ihrer vier Wände ein dringendes Bedürfnis, musste sie es unterdrücken, oder in einen Rinnstein urinieren (dank ihren langen Röcken ein mehr oder weniger diskreter Vorgang), manchmal hatte sie eine kleine "Urinette" bei sich. 1887 wurde in Massachusetts das erste Gesetz erlassen, das alle Arbeitgeber verpflichtete, Toiletten für ihre Mitarbeiterinnen zu bauen – eine grosse Errungenschaft für Frauen. Um 1920 waren solche Gesetze Regel; wenn heute nur eine Räumlichkeit für Mann und Frau zur Verfügung gestellt wird, erfolgt es meist aus Platzspargründen.

Natürlich sind getrenntgeschlechtliche Klos nicht zwingend notwendig für eine funktionierende Gesellschaft – nur kann man sich (unter dem Aspekt der Gleichmachung) grundsätzlich fragen, ob getrennte Duschkabinen zwingend nötig sind, oder getrennte Schlafsäle in der Armee. Ja, es ist ein Luxus, den wir Bewohner reicher Industrieländer uns leisten. Dass der Ursprungsgrund für getrennte Toiletten einst ein anderer war, spielt für mich als Frau letztendlich keine Rolle. Was zählt, ist das subjektive Wohlbefinden. Mein Toiletten-Erlebnis ist ohne die Anwesenheit der Herren ungezwungener, ich fühle mich geschützter. Ich möchte mir die Lippen nachziehen oder die Kabine verlassen ohne starrende Männerblicke – mich in einer Klo-Schlange mit meinem Chef einreihen zu müssen würde wahrscheinlich meine Peinlichkeitsobergrenze sprengen. 
Selbstverständlich ist es Quatsch, wegen eines natürlichen Vorgangs dem Schamgefühl zu verfallen und es existiert auch kein rationaler Grund, einem andersgeschlechtlichen Menschen gegenüber mehr Scham zu empfinden als einem gleichgeschlechtlichen – nur kann man niemandem vorschreiben, was er fühlt. Scham entflammt bei jedem unterschiedlich, in Japan zum Beispiel sind öffentliche Damentoiletten mit kleinen Lautsprechern ausgestattet, um gewisse Körpergeräusche zu übertönen. Ich kenne Paare, die zuhause getrennte Toiletten haben, damit das Knistern in ihrer Beziehung erhalten bleibt. Und zu guter Letzt brauchen wir Frauen ja noch einen Ort, wo wir in Ruhe ablästern können.

Die Angst vor verkleideten Triebtätern in Damentoiletten heraufzubeschwören, wie es Gegner von Unisex-Klos mit ihrer bigotten Agenda tun, ist genauso wenig fruchtbar, wie unter Vorschiebung eines früheren Zeitalters das Bild von Schwarzen, Weissen oder Juden in separaten Räumen zu zeichnen, das suggerieren soll, Trennung stehe als Synonym für Diskriminierung. Das trifft nicht zu. Man kann sich gegen Unisex-Klos aussprechen und gleichzeitig anders-fühlenden Mitmenschen Respekt entgegenbringen.

Mit der Auswechslung von Kloschildern wird Diskriminierung nicht auf magische Weise verbannt. Menschen sind ignorant, Menschen sind böse. Auferlegte Zwänge vermögen gewisse Denkweisen nicht zu beeinflussen – und eine Gesellschaft, die alle Anfeindungen abfangen und gesetzlich regeln möchte, stutzt sich selbst die Flügel. Es gibt Dinge, die ein Mensch, so schmerzlich sie sind, überwinden muss. "Werte Gesellschaft, wenn ihr liberal sein wollt, dann tut nicht so, als wäre euch der Schneemensch begegnet", sagt Katharina Kellmann. "Werte Betroffene, lebt euer Leben, wehrt euch da, wo es angemessen ist, aber macht keinen Kult daraus."


veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016





Männer populärer als Frauen - und schon regt sich Widerstand

Hauptrollen in bedeutenden Filmen werden in der Regel besetzt mit attraktiven Menschen. Männlich. Weiss. Heterosexuell. Ist das fair?

Es herrsche eine "epidemische Unsichtbarkeit", was Rollen für Frauen, Menschen mit Behinderung oder Homosexuelle betrifft, befindet eine aktuelle Studie der Universität von Southern California. Laut dem Bericht ist nur ein Drittel der Hollywood-Sprechrollen weiblich – obwohl Frauen in den Vereinigten Staaten über die Hälfte der Bevölkerung repräsentieren. Lesbische- oder Transgender-Charaktere zählen für weniger als 1 Prozent aller Sprechrollen. Nur 12 Prozent der Filmcharaktere sind schwarz – die Ungleichheit in Hollywood sei allgegenwärtig und systematisch.

Die Empörung ist – aus dem emotionalen Blickwinkel oben genannter Gruppen – teilweise nachvollziehbar. Minderheiten sind im Film untervertreten. Nur: "Allgegenwärtig" würde ja heissen, dass alle Frauen, Homosexuellen oder Afroamerikaner automatisch benachteiligt sind. Und dass sie sich in einem kompetitiven Markt nicht durchzusetzen wissen. Käme das wiederum nicht einer Herabwürdigung all jener Frauen, Homosexuellen oder Afroamerikanern gleich, die es dennoch geschafft haben? Ohne regulatorische Massnahmen? Ohne Förderung? Ohne Magie?

Wenn man keinen Erfolg hat, soll man nicht seine Hautfarbe als Ausrede nehmen, sagt Morgan Freeman, Hollywood-Urgestein und Oscar-Preisträger, in einem CNN-Interview: "Bleib bei deinen Vorsätzen, was du im Leben tun willst und strebe danach!" Erfolg habe nichts mit Rasse zu tun.

Gewiss, die Zeiten gab es, wo Minderheiten mutwillig benachteiligt wurden. Wer aber heute von "systematischer Diskriminierung" spricht, wo Ellen DeGeneres, eine Lesbe, zu den erfolgreichsten Talkmasterinnen zählt, die reichste Frau im Showbiz Afroamerikanerin ist (Oprah), und der bestverdienende Schauspieler Dwayne Johnson (Mutter aus Samoa, Vater Afroamerikaner), der guckt doch durch eine ziemlich verstaubte Linse.

Ronda Rousey, kalifornische "Mixed Martial Arts"-Athletin und Schauspielerin, bringt es auf den Punkt: "Ich bin nicht die höchstbezahlte Kämpferin, weil die Veranstalter nett sein wollen zu uns Frauen. Ich bin es, weil ich ihnen die höchsten Zahlen und am meisten Geld einbringe. Was man verdient, sollte im Verhältnis stehen zu dem, was man einbringt." Genau so wird es auch in der Pornoindustrie gehandhabt: Weil sie die Hauptattraktion sind, verdienen Frauen deutlich mehr als Männer – je grösser ihre Popularität, desto grösser ihre Gage. Gemäss einem Bericht von CNBC kassieren weibliche Porno-Superstars bis zu $2'000 für eine Szene, ein Viertel mehr als ihre Berufskollegen. Darüber hat sich aber noch nie jemand beklagt. Wo bleiben hier die Frontkämpfer sozialer Gerechtigkeit?

Wenn man also als Frau oder Teil einer Minderheit in der Filmindustrie nicht genügend Beachtung findet, geschieht es nicht immer aus Gründen des Sexismus oder der Diskriminierung, wie ja so gerne unterstellt wird. Sondern aus Wirtschaftlichkeit; es ist schlicht weniger Nachfrage vorhanden. Demografische Zahlen sind deshalb irrelevant: 50 Prozent Frauenanteil in der Bevölkerung bedeutet noch lange kein Recht auf 50 Prozent aller Sprechrollen.

Zu den mit Abstand kommerziell erfolgreichsten Filmprodukten gehören Comicverfilmungen. Und für das globale Kinopublikum sind Actionhelden üblicherweise nicht weiblich, oder Transgender, sie haben auch keine körperliche Behinderung. Sie sind: Attraktiv. Männlich. Weiss. Heterosexuell.

Das kann man finden, wie man will. Kompetitiver Markt heisst, das Produkt entscheidet. Eine simple Formel, die sich übrigens auch in unseren Breitengraden auf sämtliche, auf Wettbewerb ausgerichtete Jobs übertragen lässt.


veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016


Der irre Kampf der Social Justice Warrior

Neulich kursierte ein Video bei Youtube, das eine Frau bei einer Taxifahrt irgendwo in Amerika aufgezeichnet hat. Weil sie die Hula-Wackelpuppe auf dem Armaturenbrett als "beleidigend für Hawaiianer" hält, forderte sie den Fahrer zu deren Entsorgung auf. Indem er sich auf eine Diskussion einliess, sorgte er für seine Kündigung. Die Frau bedankte sich dafür auf Facebook mit dem Post "Wir haben gewonnen!" und erntete Applaus.

Vor einigen Tagen attackierte eine Studentin im kanadischen Calgary einen Kommilitonen, weil er einen Hut mit dem Slogan "Make America great again" trug. An einem öffentlichen Ort sei dieser Hut "bedenklich", denn der Slogan bedeute, dass "keine Migranten erlaubt sind und keine Menschen mit anderer sexueller Orientierung". Donald Trump benützt ihn für seine Wahlkampagne.

Eine Onlinepetition mit dem Hashtag #Wedonteattrees (wir essen keine Bäume) verlangte vergangene Woche die Entlassung einer Wettermoderatorin von The Weather Channel. Diese kündigte in ihrer Sendung den Orkan "Matthew" über Haiti an, dabei verglich sie das Land mit der Dominikanischen Republik, wo es "grüner" sei und sagte: "Die Haitianer reissen alle Bäume aus, verbrennen alle Bäume. Sogar die Kinder sind so hungrig, dass sie die Bäume essen." Laut der 21'000 Peditionsunterstützer ist die Äusserung "extrem menschenverachtend".

Mein erster Impuls zu #Wiressenkeinebäume war ein unbeherrschtes Lachen. Der Kommentar ist vor allem dämlich. Wenn er sich als Posse viral verbreitet und das Netz darüber gelacht hätte, wäre es lediglich eine Dumpfbacken-Story mehr im digitalen Unterholz. Hat er aber nicht. Menschen, die von der Anzahl her ein Fussballstadion füllen, verfielen wegen des Satzes in kollektiven Zorn – in den Sozialen Medien entlud er sich über die Moderatorin wie das Unwetter über Haiti. Wer in dem Masse gejagt wird, stellt ganz offensichtlich eine ernsthafte Bedrohung dar. Nur, für wen?

Die drei Beispiele zeigen, dass der Kampf der Social Justice Warrior zunehmend unverhältnismässiger wird. Social Justice Warrior – eine 1:1-Übersetzung gibt es nicht – ist ein aus dem amerikanischen stammender, laut Wikipedia ironischer Begriff für Menschen, die sich als Aktivisten gegen soziale Ungerechtigkeiten sehen, wobei es ihnen mehr um persönliche Bestätigung als um tiefsitzende Überzeugung geht.

Ja, die Meteorologin hat einen Fehler begangen (und sich dafür öffentlich entschuldigt). Sie hat eine dumme Bemerkung losgelassen, inhaltlich falsch obendrein, und angesichts der historischen Vergangenheit von Haiti und seiner Nachbarsrepublik kann der Kommentar für Betroffene beleidigend sein – man muss der Dame wohl die Kompetenz in Völkerkunde absprechen. Aber sie deswegen gleich öffentlich an den Pranger stellen? Ihre Entlassung erzwingen? Wird damit ein einziges Problem gelöst? Sie hat kein Gesetz geschrieben (und keines gebrochen). Sie hat niemanden absichtlich verletzt, niemandem geschadet. Das Leben von Haitianern ist durch ihren Kommentar weder schlechter noch besser geworden.

"Die moderne Menschheit hat zwei Arten von Moral: Eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt", sagte der Philosoph Bertrand Russel. Keine Frage, es muss in einer fortschrittlichen Gesellschaft möglich sein, abfällige Kommentare oder ungeliebte Meinungen zu kritisieren. Indem die Social Justice Warrior aber jeden Menschen nach einer missglückten Äusserung moralisch verurteilen und sich wie in Orwells bekannten Roman 1984 als korrigierende, totalitäre Welt-Instanz in Szene setzen, stellen sie sich selbst über alle anderen – und roden dabei ihre eigenen, vielbeschworenen Ideale der Toleranz und Aufgeklärtheit.

Unhöfliche, herabsetzende, dumme Kommentare – ja, sie tun weh. Möchten wir uns aber wegen jedes kränkenden Satzes eines Mitmenschen auf dieser Welt beleidigt fühlen – wir kämen aus dem Beleidigtsein nicht mehr heraus. Man sollte sich dort gegen Missstände einsetzen, wo es nötig ist, reale Bedrohungen bekämpfen. Wegen unbedeutenden Bemerkungen Revolten anzetteln, kann nicht die Lösung sein. Es gibt Dinge, da muss man einfach drüberstehen.




veröffentlicht in der Basler Zeitung, Oktober 2016

Moderne Frauen sind aggressiver



Aggressives Verhalten ist unter Frauen weit verbreitet: Neulich musste die Polizei eine Gruppe betrunkener und aggressiver Frauen aus einem Flugzeug aus England führen. Wie die Daily Mail berichtet, zerkratzte eine 40-jährige Firmenchefin (mit Oxford-Ausbildung) die Autos ihrer Ex-Freunde, weil sie sie verlassen haben. Eine vornehm gekleidete Dame beleidigte in London lauthals einen Reporter und stiess sein Fahrrad um.

Die britische Tageszeitung hat nun einen Trend ausgemacht: Moderne, gefestigte, im Job erfolgreiche Frauen rasten vermehrt aus – wegen Nichtigkeiten. Frauen, von denen man annehme, dass sie mit Belastung im Alltag umgehen könnten. Herumbrüllen, fluchen oder Gegenstände werfen stelle für sie eine zulässige Methode dar, sich zu behaupten. "Frauen erwarten heutzutage, alles zu haben, und es schnell zu haben", sagt die Londoner Psychologin Monica Cain. "Daraus resultiert Wut."

Ich bin ja so froh, dass Experten die Aufmerksamkeit auf unsere Wut lenken. Danke. Nur sehe ich nichts Verwerfliches daran, wenn eine Frau, ob modern oder antiquiert, sich unbeherrschten Ausbrüchen hingibt – zumal "Unverhältnismässigkeit" eine Frage des Blickwinkels ist.

Weil diese Frau vielleicht um sechs Uhr früh aufsteht. Vielleicht bereitet sie in aller Eile für Leon, Ben und Mia-Sofia Frühstück. Chauffiert sie in den Kindergarten. Stellt sich dort gewohnheitsmässig dem unterschwelligen und in epischer Länge vorgetragenen Tadel der Betreuerin zum Verhalten ihrer Kids. Bemerkt auf dem Weg ins Büro entsetzt, dass sie den Kuchen für Bens Geburtstagsfeier vergessen und in der Hektik ihre Augenbrauen komplett unterschiedlich gezupft hat. Trifft dann an der Geschäftsleitungs-Sitzung auf ihre männlichen Kollegen, die trotz der lausigen Vorbereitung (eben dieser Sitzung) aufgeblasen vor lauter Selbstgefälligkeit und mit einem Starbucks-"Coffee to go" gemütlich im Sessel hängen – die Sorte Mann, der die Kinderbetreuung ausnahmslos seiner Gattin überlässt, sich aber als Superpapa sieht, weil er abends mit dem Junior zwei Minuten Lego spielt und seinen Namen auf den Unterarm tätowiert hat – und die jetzt tatsächlich einen Spruch über ihre Gereiztheit vom Stapel lassen.

Ja, verdammt noch mal, dann rastet eine Frau eben aus!!!

Was soll sie denn sonst tun, implodieren etwa? Das Problem ist nicht die Frau und ihre Anfälle. Das Problem ist der gesellschaftliche Reflex, die sie auslösen: Tobt eine Frau, hat es den Charakter einer unreifen Göre – man denke an das schrille Kreischen des Kapuzineräffchens – oftmals ist es unfreiwillig komisch, in der Regel interessiert sich niemand ernsthaft dafür. Ruft der Silberrücken aus, bebt der Urwald. Alles verkriecht sich. Das Schlimmste: Brüllen Männer rum, steht es ihnen gut. Frauen macht es hässlich, beraubt sie ihrer Weiblichkeit.

Das alles ist schrecklich unfair. Ich plädiere dafür, die Gelassenheit im Alltag generell etwas zu drosseln (und Stressmanagement-Therapien wie FLOATING für den Urlaub aufzusparen). Gelegentliche Ausraster verschaffen Genugtuung – und stellen eine sinnvolle Methode dar gegen den Drang, sich einen Vorschlaghammer zu besorgen und damit ausgewählte Objekte zu bearbeiten.

Und damit das mit dem Ernstgenommen werden klappt, liebe Ladies: Nach einem Tobsuchtsanfall auf keinen Fall den Tränen verfallen! Ist die Mascara erst verschmiert, wandelt sich der letzte Rest Respekt übergangslos in Mitleid. Und das ist dann wirklich zum Heulen.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016


Sexuelle Belästigung: Minenfeld Arbeitsplatz

Die Situation am Arbeitsplatz ist delikat – besonders Führungskräfte fühlen sich immer mehr "wie auf einer Bombenentschärfungs-Mission", so ihre Schilderung. Ihr korrektes Verhalten spiele dabei keine Rolle.

Es ist indiskutabel: Wenn Vorgesetzte ihre Machposition oder das Abhängigkeitsverhältnis eines Mitarbeitenden zum Unternehmen ausnützen und die Person mit ungebetenen Annäherungen sexueller Art bedrängen, gehört das bestraft. In diesem Text möchte ich jedoch eine andere Facette hervorheben: Die Grauzone. Jenes Verhalten, das für mich nicht in jedem Fall verurteilungswürdig ist, den Begriff "sexuelle Belästigung" verzerrt und damit die Ernsthaftigkeit der Thematik untergräbt.

Laut einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2015) gehören "zweideutige Kommentare, Witze mit sexuellem Bezug" zu den am häufigsten erlebten Belästigungen an deutschen Arbeitsplätzen. Betroffen sind Frauen und Männer. Zweideutige Kommentare und Witze mit sexuellem Bezug – für mich gehören sie, anders als etwa die Aufforderung zu unerwünschten sexuellen Handlungen oder Aufforderungen wie "Setz dich auf meinen Schoss", zur Grauzone.

Experten beschreiben sexuelle Belästigung so: "Entscheidend ist, wie es beim Empfänger ankommt. Darum geht es, und nicht um die Motive des Absenders", sagt Karin Moos von der "Frauenberatung Sexuelle Gewalt" in Zürich gegenüber der Tageszeitung 20 Minuten. "Wenn man es als störend und unangenehm empfindet, ist es falsch."

Das scheint mir nur halbwegs logisch. Unter dem Aspekt betrachtet wäre dann ja schon ein "Guten Morgen!"-Gruss möglicherweise falsch. Käme es nur auf das Empfinden des Empfängers an, müsste man den Absender im Fall einer Beschwerde ja gar nicht mehr anhören.

Ich weiss von einem Abteilungsleiter eines Basler Unternehmens, der seinen Mitarbeitenden in der Cafeteria unbedacht einen Frauenwitz erzählte – und deswegen von einer Mitarbeiterin flugs bei der Personalabteilung wegen sexueller Belästigung angeschuldigt wurde. Es ist kein Einzelfall.

Sich wegen eines schlüpfrigen Witzes oder Kommentars oder einer Flirt-SMS zu empören, halte ich persönlich für Unsinn, übersensibel und schädlich für das gesamte Arbeitsklima. Man kann nicht alles einklagen. Dumme Sprüche, Flirten, Ausloten, wie weit man gehen kann – es ist menschlich, auch von einer professionellen Ebene lässt es sich nie komplett trennen. Gleich von sexueller Belästigung auszugehen, ohne Abwägen – war es eine gedankenlose Äusserung, eine Anmache, setzt es mich auf irgendeine Art unter Druck? – ohne konfrontierendes Gespräch, trägt nicht zur Lösung des Problems bei.

Denn ist es nicht so, dass man eine Flirt-SMS, einen Witz mit sexuellem Bezug oder einen anzüglichen Kommentar schnell mal als unangenehm empfindet, wenn es von jemandem kommt, dem man nicht gut gesinnt ist? Und über den selben Kommentar aus Richtung einer sympathischen Person einfach nur emotionslos die Augen rollt? Wie man eine Situation auffasst oder wo man seine Toleranzgrenze zieht, ob man einen Flirt, einen Kommentar als harmlos oder aufdringlich wahrnimmt, beruht doch auch auf den Sympathiewerten des Absenders.

Und dabei sind ja auch wir Frauen nicht immer ganz unschuldig: Mit ihrer Kleidung setzen Damen zwar gerne und selbstgefällig ihre erotischen Reize in Szene, rauschen in sexy Shorts und mit vielversprechenden Dekolletés ins Büro, so dass die Herren praktisch zum Hingucken gezwungen werden und Klimaanlagen wegen zu viel Pulsschlag auf Hochtouren laufen. Späht dann aber einer (oder der Falsche) mal ein bisschen zu lange, oder fällt der Spruch "Du lässt heute ganz schön meinen Blutdruck steigen!", ists auch wieder nicht recht.

Weil umgekehrt Männer im Hinblick auf weibliche Signalentsendung häufig nicht gerade als Schnell-Checker bezeichnet werden können – liebe Herren, ein für alle Mal: wenn Frauen nach eurer Bewunderung streben, ist das nicht in jedem Fall als sexuelles Angebot aufzufassen! –, darf man ihnen auch mal unmissverständlich sagen, wenns genug ist. Zu einer selbstbestimmenden Person, die wir ja alle sein möchten, gehört eben auch die Konfrontation des Gegenübers, der Versuch, die Lösung eines Problems zuallererst selbst herbeizuführen – und der Mut, unbequeme Tatsachen anzusprechen.

Vorgesetzten muss auch klar sein, dass ihrem Verhalten mehr Gewicht anhaftet und ein Chef nicht gleichzeitig Kumpel sein kann. Einen Wink hat aber jeder zugute. Bei Unbelehrbarkeit oder beim eingangs erwähnten Beispiel der mutwilligen Bedrängung und des Machtmissbrauches sollte man eine Enthüllung nicht fürchten, von seinen Rechten Gebrauch machen und den Weg der offiziellen Beschwerde gehen. Kein Job der Welt ist es Wert, in seiner Würde verletzt zu werden.

Führungskräfte überlegen es sich heute zweimal, bevor sie Mitarbeitenden ein Kompliment machen. Betritt eine Arbeitskollegin mit hübsch ausgestelltem Vorbau den Raum, krallen sie ihren Blick verzweifelt an der Decke fest, wie mir einige erzählen – erst recht dann, wenn sich die Dame in dem Moment auch noch entscheidet, an ihren Riemchenschuhen herumzufummeln. In den USA fahren viele Männer nicht mehr mit einer Arbeitskollegin Aufzug. Gemäss einem Artikel von Focus.de gibt es auch in Deutschland immer mehr Geschäftsführer, die nicht mehr alleine mit einer Frau im Raum sprechen, aus Angst, hinterher der Anmache beschuldigt zu werden.

Eine ungute Entwicklung. Gesunder Menschenverstand, Respekt und vor allem eine Portion Humor sind noch immer die besten Ratgeber für ein angenehmes Miteinander. 


veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016

Babies im Flugzeug: Ein Presslufthammer auf Reisen

Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung, was richtig ist für sein Kind und was nicht. Manche Eltern finden es richtig, mit ihrem Neugeborenen elfstündige Flugreisen zu unternehmen.

Der Dauerschallpegel eines brüllenden Babys ist mit etwa 80 Dezibel so laut wie ein Presslufthammer. Was mehrere Stunden in unmittelbarer Nähe eines solchen Gerätes einer Psyche antun, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die junge Mutter vor mir im Flieger hat also ein grösseres Problem (es deckt sich ein bisschen mit meinem). Nur halte ich es für hausgemacht, weshalb ich mich nicht zu Mitgefühl hinreissen lasse. Mit verschwitztem Gesicht versucht sie erfolglos, ihr Neugeborenes zu beruhigen, das mehr Ähnlichkeit mit einem Krebs hat als mit einem Kind.

Permanenter Motorlärm, Ausharren auf engstem Raum, Druck auf den Ohren, Turbulenzen – als Mama muss man dringende Gründe für ein solches Unterfangen haben. Dass ein Baby mit der Situation über den Wolken nicht zufrieden ist, kann man ihm nicht verübeln. Mit seinem ausgedehnten Geschrei, da bin ich mir sicher, verflucht es in seiner eigenen Sprache die Mutter, die ihm das Ganze eingebrockt hat.

Der Vater derweil: tiefenentspannt, guckt sich Filme an. Wenn Schreihals mal eine Minute lang still ist, defiliert er mit ihm 17 Mal den Gang hoch und runter – och, was ist er doch für ein toller Papa! Dann kündigt sich offenbar ein gewisser Druck an und die Mutter übernimmt wieder, reiht sich mit dem Windel-Füller vor der Toilette ein – genau neben mich. Das ist der eine Moment im Leben, wo man lieber neben ausrangierten Brennstäben sitzt – und sich ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt, ein Fenster einzuschlagen.

Eltern wollen ja immer, dass man Verständnis aufbringt für ihre Situation, für die Herausforderungen der Elternschaft. Man wisse ja nicht, wie schwierig es ist. Doch, ich weiss es, ich habe einen Hund! Aber das ist das Schlimmste, was man Eltern sagen kann: "Du kannst doch Hunde nicht mit Kindern vergleichen!!!" -"Wieso nicht? Der Pablo muss auch in die Schule, zum Psychologen, zum Arzt. Er brüllt auch herum und hat über ein halbes Jahr lang in die Hose gemacht."

Viele zeitgenössische Eltern leben nach dem Erziehungsprinzip, der Nachwuchs muss überall mit dabei sein. Im Restaurant, am Symphoniekonzert, auf der Trauminsel. Haben Eltern vor 30,40 Jahren nicht völlig anders getickt? Das Meer habe ich zum ersten Mal gesehen, da war ich 14. Zuvor verbrachten wir den Urlaub Zuhause oder bei Verwandten in der Schweiz, später schickten sie mich ins Ferienlager, wenn sie eine Auszeit von mir brauchten. Heute, wo alles geht, ist Verzicht, oder das lückenhafte Ausschöpfen seiner Möglichkeiten, uncool, verträgt sich nicht mit einem kultigen Lebensentwurf. Aber möglicherweise sind solche Gedanken ja einfach nur ein Zeichen, dass man älter wird.

Vor einigen Monaten schenkte der US-Billigflieger Jetblue auf einem seiner Flüge jedes Mal, wenn ein Baby weinte, allen Passagieren 25% Rabatt auf den nächsten Flug. Beim vierten Mal gabs für alle ein Gratisticket. Bilder der Aktion zeigen fröhlich klatschende Passagiere, wann immer ein Kleinkind schrie.

Die Idee hat grosses Potential. Den nächsten Urlaub werde ich bei Jetblue buchen. Leihe mir dafür den Kleinen meiner Freundin aus. Kneife ich ihn dann im Flieger ein paar Mal fest in die Seite.

Leider war die Jetblue-Aktion eine einmalige Werbekampagne. Aber träumen darf man ja noch.



veröffentlicht in der Basler Zeitung, September 2016

Sexy Studien: Wissenschaft verbündet sich mit Aberglaube




Frauen, die in einer Partnerschaft sind und nur über einen mässigen IQ verfügen, sollten schleunigst über die Bücher gehen. Denn: "Je intelligenter die Frau, desto zufriedener der Mann". Diese Eyecatcher-Schlagzeile habe ich jüngst im GQ-Magazine gelesen, ein Forscher der Australischen National University hat die Erkenntnis aus einer Untersuchung gewonnen.

Mir persönlich kommt die Studie ja alles andere als entgegen, deshalb habe ich mich unverzüglich durch weitere wissenschaftlich abgestützte Ergebnisse dieser bedeutenden Thematik geklickt und bin auf folgende Resultate gestossen: "Männer stehen nicht auf clevere Frauen – ausser wenn sie SEHR attraktiv sind" (Studie der Universität Warschau publiziert bei Daily Mail).  Oder: "Männer wollen dümmere Frauen" (Studie der Universitäten Buffalo, Thousand Oaks und Texas; Stern.de). "Männer finden weniger intelligente und betrunkene Frauen attraktiver als schlaue und nüchterne" (Studie der Universität Texas; Glamour.de).

Ich mag Wissenschaftler. Ich attestiere ihnen eine aufgeräumte Klugheit, auch Verantwortungsgefühl, objektive Gelassenheit – Beweise sind nun mal Beweise. Auf eine Studie berufen kann man sich vortrefflich beim Smalltalk, wenn das Gespräch austrocknet, und sich an ihren Ergebnissen wunderbar abarbeiten, etwa in Kolumnen wie dieser.

Das Problem an Studien ist, dass sie sich alle widersprechen. Der Erfolg eines Wissenschaftlers misst sich an der Anzahl seiner veröffentlichten Studien in renommierten Magazinen, also publiziert der tüchtige Forscher unter hartnäckigem Erfolgsdruck und mit Hinblick auf eine saftige Schlagzeile Studie um Studie – unter dem Titel "Keine neuen Erkenntnisse zu Büroklammern" lassen sich nun mal nicht allzu viele Leser erreichen. Er stellt aus zwei entfernten Materien irgendeinen vagen Zusammenhang her und befragt dazu 33 Personen (oder testet es an 33 Mäusen).

Dabei werden interessante Ergebnisse zutage gefördert: "Beim männlichen Genital ist den befragten Frauen das Aussehen der Harnröhrenöffnung besonders unwichtig" (Universitätskinderspital Zürich). Oder: "Frauen, die ausreichend schlafen, haben nicht nur mehr Sex, sondern auch besseren" (Universität Michigan). Einen Nobelpreis für Humor gibt es (noch) nicht, aber für die bekloppteste Studie vergibt die Harvard-Universität jährlich den Ig-Nobelpreis. 

Ein epochales Forschungsergebnis erschien 2014, unter anderen publizierte es das angesehene Time Magazine: "An Fürzen schnüffeln kann Krebs heilen" (Studie Universität Exeter). Die Schlagzeile ging um die Welt, leider stellte sich heraus, dass in der Untersuchung nichts davon erwähnt wurde. Wissenschaftler schrieben später, im Text stehe nur, dass "der Körper gewisse Sulfide natürlich produziert und diese erhebliche Auswirkungen haben könnten bei künftigen Krankheitstherapien." Es sind also nicht nur die Urheber, die ihr Ergebnis zur Super-Schlagzeile hochstilisieren, sondern auch die Medien. Sie übernehmen Studien oft ohne Faktencheck oder Frage zu ihrer Finanzierung (diese Kolumne fällt diesbezüglich nicht aus dem Rahmen).

Man sollte sich wohl einfach jene Studie heraussuchen, die einem am meisten zusagt und dann fest dran glauben; Wissenschaft und Religion – so verschieden sind sie doch nicht.

Und hier noch die Lösung für die eingangs erwähnten dummen Frauen: Essen, essen, essen! Denn: "Frauen mit grossem Gesäss sind intelligenter" (Universität Pittsburgh). 



veröffentlicht in der Basler Zeitung, August 2016



Mit Twitter-Eifer gegen den bösen Trump

Je länger je mehr widern mich die Sozialen Medien an. Twitter, Facebook&Co. sind für vieles geeignet – Freunde finden, rasche Informationsbeschaffung in Krisen, Zurschaustellung des eigenen Egos. Sie verkommen jedoch zunehmend zur Plattform für verbitterte und beleidigte Seelen. Zum Austragungsort persönlicher Schlachten. Zum Tummelplatz für Menschen, die sich schon an einem einzigen unpassenden Wort komplett abarbeiten können. Hinter gewissen Kundgebungen, da bin ich mir sicher, stecken aber nicht einfach unbedachte Äusserungen gelangweilter Mitmenschen, auch nicht Verlockungen des Hochmuts. Der Trend kommt woanders her. Hier zwei aktuelle Beispiele:

Die Familie von Ex-Beatle George Harrison hat sich vergangene Woche auf Twitter beschwert, weil das Harrison-Lied "Here Comes The Sun" im Zusammenhang mit Ivanka Trump gespielt wurde. Trumps Tochter hat zu den Klängen niemanden umgebracht – sie stöckelte lediglich am Parteitag der Republikaner zu der berühmten Melodie auf die Bühne. Laut "Daily Mail" beklagten Harrisons Erben, die Nutzung des Songs sei nicht autorisiert gewesen, und überhaupt sei dessen Nutzung bei einer Trump-Show "beleidigend" und "entspräche nicht ihren Wünschen".

Anlässlich des dritten Geburtstages von Prinz George posteten seine Eltern Kate und William Fotos auf Twitter. Darauf sieht man den Kleinen mit Familienhund Lupo im Gras sitzen, Lupo leckt ein bisschen am Schokoeis des Jungen. Der Entrüstungssturm in den Sozialen Medien folgte umgehend, George sei ein "Monarchisten-Monster", er sollte wegen Tierquälerei bestraft werden. Tierschutzorganisationen sprangen auf den Beschwerdezug auf: Hunde seien Laktose-intolerant und man müsse mit der Fütterung vorsichtig sein.

Richtig, Hunden füttert man keine Schokolade, da giftig für Vierbeiner. Milchprodukte vertragen sie auch nicht. Aber ich habe noch von keinem Hund gehört, den ein Schlabber Eiscreme oder ein Stückchen Käse dahingerafft hätte. Geht's also wirklich um Tierliebe?
Richtig, Musiknutzungen müssen vergütet werden. Falls die Trump-Organisatoren dies versäumten, steht den Harrison-Erben, die angenehm leben von Musik, die sie nicht selbst komponiert haben, einer Klage nichts im Wege – Fall erledigt. Aber sie bevorzugen, ihre Empörung in die Welt hinaus zu posaunen. Geht’s also wirklich um die Tantiemen? Oder nicht eher um den ungeliebten Trump? Jede Wette, wäre Hillary Clinton zu "Here Comes The Sun" einmarschiert, wir würden von keinen solchen Tweets lesen, Nutzungsrechte hin oder her.

Die inszenierten Aufstände im Internet sind nichts weiter als das Manifest: "Wir gehören zu den Guten, damit es ja alle wissen!!!" Der gesellschaftliche Reflex breitet sich aus, "Haters" zu mobilisieren, um unangenehme Tatsachen oder Personen mit abweichenden Meinungen, also die Bösen, niederzuschreiben. Rationales Abwägen oder das (versuchsweise) Einnehmen einer anderen Position wird ersetzt durch Hardcore-Reaktionen auf Gefühlsebene. Der durchschnittliche Social Media-User, so scheints, "liked" vormittags Ferienfotos, dann checkt er den Beziehungsstatus von Freunden, nachmittags lässt er ein paar Hasstiraden vom Stapel.

Dass man Trump nicht mag, geht völlig in Ordnung. Nur speist sich ein Teil seines Erfolges aus genau der polemischen Stimmungsmache jener Menschen, die sich mit heuchlerischen Tweets in Szene setzen wollen. "Here Comes The Sun" passt genauso wenig zu den Erben des Ex-Beatle.



Die Political Correctness frisst den Patriotismus auf


Neulich habe ich mich von Heimatgefühlen hinreissen lassen. Das war dumm, denn heutzutage kann es einen Ruf ruinieren.

Auslöser dieses warmen, positiven Gefühls für mein Land, meine Schweiz, war ein unschuldiger Wasserrohrbruch, der Samstagnachts in meiner Wohngegend die gesamte Wasserversorgung lahmlegte. Wo eine solche Knacknuss in Frankreich oder Amerika (wo ich einst für längere Zeit lebte) von zuständiger Stelle mit kultivierter Gelassenheit angegangen wird, wird sie hierzulande mit der Ausdauer und Effizienz von Duracell-Männchen abgewickelt: Sonntagmorgen 08:00, Zettel im Lift informiert über das Leck. 08:15 Team vor Ort sucht Strasse nach Rohrbruch ab. 08:30 Team reisst Strasse auf. 12:00: Wasser fliesst – Leute sitzen wieder auf dem Klo und denken darüber nach, wie schlimm doch alles ist in unserem Land.

Und vielleicht haben sie ja recht. Und mein Stolz auf mein Land, er ist doch im Grunde genommen durch nichts gerechtfertigt. Wie kann man denn auf etwas stolz sein, das man sich selber nicht erarbeitet hat, wofür man nichts kann?

Die Mutation zur kleinen Patriotin war also ein Irrtum. Und nicht nur das. Denn das Problem bei Patrioten ist ja, dass sie mit dem positiven Bezug zu ihrer Nation unvermeidlich auch Nationalisten sind. Sie werden irgendwann rassistische Gewalt anwenden und weiss Gott was alles. Laut den jungen Grünen Deutschland ist es eben genau dieser „Nationalstolz, der Gewalt und nationalistisches Gedankengut stärkt“. Vorsorglich forderten sie deshalb ein Fahnenboykott für die Fussball-EM, weil „Patriotismus=Nationalismus=Fussballfans Fahnen runter“ (Quelle: Facebookseite Grüne Jugend Rheinland-Pfalz). Das hat weltretterische Züge. 

Und damit sind sie übrigens nicht die ersten; wegen Gefahr von Nationalismus und wegen „Militarisierung in der ganzen Welt“ („Blick“) riefen die Jungsozialisten Schweiz 2014 anlässlich unseres Nationalfeiertages zu Verzicht auf Schweizerkreuz-Flaggen auf. Ein bisschen mulmig wird mir, wenn ich zurückdenke an ein Fotoshooting von vor einiger Zeit, wo ich masslos unüberlegt ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zur Schau trug – das Bild kursiert noch immer im Netz. Das kann eine Karriere vernichten. Was sich wohl Anita Fetz dabei gedacht hat, als sie im selben Shirt neben mir posierte?

Wenn jetzt also aus Stolz und Patriotismus Nationalismus wird, gilt es einiges zu überdenken: Wir sollten Verbundenheitsgefühle grundsätzlich eindämmen (Gefahr wegen Fremdenfeindlichkeit). Auf Heimatdichter verzichten (Gefahr wegen Selbstüberhöhung). Geschichtsfächer an Schulen abschaffen (Gefahr wegen Minderwertigkeitskomplex oder etwas in der Art). Sportler mit Landeszeichen auf dem Trikot einsperren (Gefahr wegen Radikalismus). Turniere mit Nationalbezug streichen (Gefahr wegen Militarisierung). Nationalitäten abschaffen (Gefahr wegen Isolationismus). 

Keine Fahnen=keine Nationalität=keine Staaten=Anarchie=kein Sozialstaat. Moment, kein Sozialstaat? Wer zahlt dann meine Leistungen, mein Stipendium, meine Rente? Also so betrachtet ist die ganze Idee mit dem Fahnenboykott selbstverständlich sau blöd.




veröffentlicht in der Basler Zeitung, Juni 2016

Nörgelnde Ehefrauen retten ihre Männer



Neulich bin ich über eine Nachricht gestolpert, die das Verhältnis von Ehepartnern untereinander entweder dramatisch verbessern, oder aber eine Zunahme von handfesten Ehekrisen zu verantworten hat: Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die Nörgelei von Ehefrauen gut auf die Gesundheit ihrer Gatten auswirkt. Mir persönlich kommt das sehr entgegen.

Wissenschaftler der Michigan State University haben herausgefunden, dass Männer mit nörgelnden Gattinnen tendenziell weniger Diabetes entwickeln und allgemein gesünder sind. Der Zusammenhang: Frauen, die an ihren Männern herummeckern, regulieren auch besser deren gesundheitliche Aspekte – sie passen mehr auf sie auf. Die Studie wurde während fünf Jahren mit über 1000 verheirateten Paaren durchgeführt.

'Nörgeln' ist ja ziemlich negativ behaftet. Nörgeleien setzen oftmals den Gebrauch von "nie" und "immer" in einem Satz voraus: "Du gehst nie mit dem Hund raus, immer bleibt alles an mir hängen." Grundsätzlich ist es eine feminine Eigenschaft, Frauen pflegen das Nörgeln an ihren Männern schon über Jahrtausende – und beginnen damit, ehe sie mit demselben überhaupt eine feste Beziehung eingehen.

Nörgelei ist ein Einwurf, ein zugegeben emotional-kritischer – Nörgeln sachlich zu halten bringt ja nichts – aber ein Einwurf. Zur Motivationsbegünstigung, denn Männer und Frauen haben nun mal unterschiedliche Auffassungen von Dringlichkeit, von Relevanz im Generellen. 
So haben Männer etwa kein Problem mit unübersehbaren Staubschichten in der Wohnung, ihren Wagen aber fahren sie wegen eines Fliegendrecks durch die Waschstrasse. Sie finden es wichtig, eine neue Bohrmaschine zu kaufen, obwohl sie seit zehn Jahren kein Loch mehr gebohrt haben. Zu löchrigen Socken pflegen sie eine unerklärlich herzliche Verbindung, verteidigen die zerschundenen alten Dinger so leidenschaftlich wie der Hund seinen Knochen. Und weil sie die Aufmerksamkeitsspanne von Ameisen besitzen, sind sie bei rudimentärsten Aufgaben überfordert; beauftragt man sie mit dem Einkauf von Zitronenjoghurt, kommen sie mit Pfirsichquark zurück. Solange sie keine Zitronenpresse anschleppen, hält es sich zwar noch im Rahmen. Und doch kann es die taktisch durchplante Abwicklung in einem Haushalt empfindlich stören.

Nörgelei ist wie ein Motor, mit dem wir die Männer anschieben. Mit unseren Einwürfen kompensieren wir ja auch ein Stück weit die Einfachheit ihrer Gedanken. Dass uns jetzt eine akademische Studie von Optimiererinnen, die wir sind, in den Stand von Lebensretterinnen erhebt, beweist: Wir sind auf dem rechten Weg.

Das Problem mit Einwürfen ist, dass sie auch bei den harmonischeren unter den männlichen Wesen eine launenhafte Grundstimmung heraufbeschwören, eine Reizbarkeit zu Tage bringen, die der Lösung oben genannter Streitfragen wenig entgegenkommt. Deshalb, liebe Männer, bitte ein bisschen Entspannung, ein bisschen mehr Wir-Gefühl. Einwurf heisst nicht gleich Vorwurf! Natürlich nicht. Wer hinter allem stets Tadel vermutet oder denkt, man wolle ihn heruntermachen, ihm bei jeder Gelegenheit demonstrieren, was für ein Reinfall er ist, dieser Mann hat noch nicht gesehen, was wir mit Typen anstellen, die wir wirklich für eine Enttäuschung halten.

Wenn Euch Eure bessere Hälfte das nächste Mal mit einem Einwurf assistiert, wehrt Euch nicht, dankt es Ihr – schliesslich dient es Eurer aller Gesundheit! Ganz umsonst ist ein langes Leben eben nicht zu haben.


veröffentlicht in der Basler Zeitung, Juni 2016










Wann ist man alt?




Die Frage habe ich mir neulich mit Nachdruck gestellt. Der Grund: Ich sagte eine Feier ab, weil ich an dem Abend lieber zuhause bleiben und mit meinem Mann unseren neuen Dyson-Staubsauger ausprobieren wollte.

Und das ist absolut schrecklich. Genau so schrecklich wie das weisse Haar, das ich unlängst zwischen meinen dunklen Augenbrauen entdeckt und in einem Anfall von Panik ausgerissen habe. Ein Vorfall, der mir durch Mark und Bein ging. Oder die Erkenntnis, dass zwischen dem, was ich bin und dem, was ich mir in jungen Jahren vorgenommen hatte, ein Graben klafft, so gross wie das Drama, das ich jetzt daraus mache. Oder als 'gestandene Frau' bezeichnet zu werden, das ist das Schlimmste überhaupt – gestandene Dinge gehören hinter eine Vitrine im Antikenmuseum.

Und plötzlich melden sich Fragen: Bin ich eigentlich die Person, die ich immer sein wollte? Habe ich genug gelesen? Genug gesehen? Mein Lebenspotential voll ausgeschöpft? Mein Gleichgewicht gefunden? Irgendwann werde ich das rückblickend in aller Ernsthaftigkeit beurteilen müssen, und es dauert nicht mehr so lange wie auch schon. Und ab wann sind kurze Röcke zu kurz?

Die neue Zeitrechnung gewisser Psychologen, wonach wir uns jünger fühlen, desto älter wir werden, halte ich für Blödsinn. In der "Süddeutschen Zeitung" habe ich mal gelesen, dass sich 55-Jährige heute wie Anfang vierzig fühlen. Wenn das stimmt, würde ich mich mit bald 44 Jahren ja wie Ende zwanzig fühlen. Dann würde ich wahrscheinlich meinen Körper auf Instagram promoten statt mir von Ende Zwanzigern erklären lassen, was Instagram ist. Ich würde mir Gedanken über Aufreisser machen und nicht über Besenreisser. Ich wüsste, dass man eine dumme Person 'Kevin' nennt, statt den Namen cool zu finden. Ich würde nachts um die Häuser ziehen, statt nach dem Verzehr von selbstgemachtem Hackbraten wie eine gesättigte Kuh vor der Glotze zu liegen und die Häuslichkeit als Teil meiner Selbstverwirklichung zu betrachten. Ich würde mein Smartphone in erster Linie für Whatsapp benützen, anstatt für Einträge in die Einkaufsliste. Ich würde morgens fünf Minuten zur Gesichts-Verschönerung aufwenden, anstatt es mit einer Puderdecke zu überziehen, solide genug, um eine Pistolenkugel abzufangen. Ich würde mir die Augenbrauen anmalen, statt sie (die weissen) auszuzupfen.

Ist man jung, denkt man doch, man könne alles machen. Man wird von der Welt empfangen, stürzt sich begeisterungstrunken in ihre Arme. Kann unüberwindbare Schranken überwinden. Das unausgesprochene Versprechen steht im Raum, irgendwann wird sich schon alles wunschgemäss fügen. Zwanzig Jahre später ist irgendwann, und das Gefühl der Überlegenheit zerbröckelt. Dinge klappten eben nicht so, wie man sie sich vorgenommen hatte. Einige klappten, aber das zählt in dem Moment nicht. Vielleicht zählt es morgen wieder.

Ich möchte mit dem Gejammer jetzt nicht die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich ein Verfallsdatum habe. Ich habe ja eigentlich keins. Und gebe mir immer furchtbare Mühe, es auch so aussehen zu lassen. Mein Klagen ist vielleicht übertrieben. Nur gibt es eben Aspekte im Leben einer Frau, die man nicht mit dem Ehemann besprechen kann. Denn der hat gerade nur ein Thema: den neuen Dyson. Das beisst sich ein bisschen mit meinem Thema, der weissen Augenbraue. "Man braucht zehn Jahre, um sich an sein Alter zu gewöhnen." Zsa Zsa Gabor muss es wissen, die Gute ist jetzt 99.



 veröffentlicht in der Basler Zeitung, Juni 2016