Freitag, 30. Dezember 2016

2016: Verrückte Welt

Der Planet ist überschwemmt mit Rassisten. Und zum Held wird, wer einmal gehänselt wurde und sein Elend auf Twitter bekannt macht. Der Jahresrückblick. 

Frauen, ethnische Minderheiten, Schwule, Lesben, Transgender – die Opfergruppen sind 2016 so zahlreich wie nie. Wer nicht auf irgendeine Art beleidigt oder diskriminiert wird, ist eben bloss normal. Weil normal aber langweilig ist und man als Normaler zudem Gefahr läuft, selbst zu den Unterdrückern zu zählen, wünschen sich viele das herbei, was man im Fachjargon Mikroaggressionen nennt – etwas, das einem angetan wird und das man als beleidigend empfinden kann. Mikroaggressor ist, wer zum Beispiel die exotisch aussehende Postmitarbeiterin hinter dem Tresen nach ihrer Herkunft fragt. Ob aus reiner Neugier, spielt keine Rolle, es ist rassistisch.
Das Wort "exotisch" selbst ist natürlich strittig, vermutlich steht es auf der Liste der verbannten, weil beleidigenden Wörter, die Studenten der Universität Wisconsin erstellt haben, wie "verrückt" oder "lahm". Letzteres sei verletzend für all jene, die tatsächlich ihre Beine nicht mehr benützen können.

Studenten der Uni North Carolina stören sich derweil an Kostümen. Sie verboten an Halloween das Indianer-Kostüm und den "Hey Amigo Mexican", weil man damit die Tradition der kulturellen Identität verspotten würde. Dass es der Mehrheit jener Minderheiten einerlei ist, wie Leute sich an Partys kleiden: eine Nebensächlichkeit. 

"Wer ist ze?" heisst es neu an der Oxford Universität. Dort zeigt sich die Sprachpolizei einfallsreich im Ausbrüten neuer Begriffe. Um Transgender nicht zu beleidigen und allgemein Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau fühlen (Zwitter, Androgyne etc), empfiehlt die Elite-Uni ihren Studenten, sich mit geschlechtsneutralen Pronomen wie "ze" anzusprechen anstatt mit "er" oder "sie". 

Es existieren endlos Gelegenheiten, sich über Beleidigungen aufzuregen – besonders gut eignen sich Männer, die einem unaufgefordert Komplimente machen. "Heute bist du aber nett angezogen" oder "Du trägst schöne Stiefel" – Beispiele sexistischer Erniedrigungen, mit denen Schweizer Frauen im Alltag zu kämpfen haben. Ihr kollektiver #SchweizerAufschrei ging in Zürich und Bern um die Welt. Überhaupt wird der Kreuzzug gegen die Spezies "weisser Hetero-Mann" immer angesagter: Weil der Bürgerrechtler Bernie Sanders im US-Wahlkampf einmal das Wort "Ghetto" benutzte, musste er empörten Black Lives Matter-Aktivisten tagelang erklären, wie er es meinte (oder nicht). Dass er schon als Student gegen Rassendiskriminierung demonstrierte und auch beim legendären Marsch mit Martin Luther King mitlief – irrelevant.

Relevanz erkennen Experten immerhin bei ernsten Problemen wie dem Global Warming. Aus über 190 Ländern reisen sie per Flugzeug nach Marrakesch, debattierten während zwei Wochen in klimatisierten Räumen und stellten auf dem Gelände sogar eine Reihe Ladestationen für Elektroautos auf. Da in Marokko Abgase aber nicht zu den dringendsten Problemen zählen, kam kein einziges Elektroauto je vorbei. 

Und was bleibt? Als Gesellschaft legen wir uns ohne Not allerlei Zwänge auf, um unsere Verbundenheit mit Minderheiten zu demonstrieren, während es uns eigentlich darum geht, uns selbst besser zu fühlen. Es macht sich eben gut, auf der Seite der Leidenden zu sein. Besonders dann, wenn man dafür nur ein neues Hashtag zu kreieren braucht, mit dem sich das Leid besser zelebrieren lässt. 



zuerst veröffentlicht in der BaZ

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Dünn, na und?

Wenn andere Frauen schlanker sind, kann das eine weibliche Seele ziemlich in Wallung bringen. Wo früher "Fat Shaming" angesagt war, die Verspottung von übergewichtigen Damen (und auch Herren), wird heute das Dünnsein kritisiert. Frauen beurteilen vor allem Frauen. 

Klappergestell! Hungerhaken! Über einen mageren Frauenkörper zu richten ist en vogue, gerade beim weiblichen Geschlecht scheint es eine Art der Selbsthygiene zu sein. Einerseits fühlt es sich gut an, weil man damit die Zustimmung des versammelten Frauenkollektivs auf sicher hat. Andererseits basiert das Ablästern über Schlanke ja meist auf dem Vorwurf, Dünnsein würde ein "komplett falsches und ungesundes Frauenbild aussenden". Und Schuld auf andere abwälzen ist immer ein Akt der Befriedigung. Dünne sind auch schuld am Klimawandel. Und am Syrienkrieg. Auch die Klatschmedien bemühen sich angestrengt, das Gewicht ihrer Protagonistinnen zu skandalisieren: "Kendall Jenner wird immer magerer!" (20 Minuten). "Amal Clooney ist nur noch Haut und Knochen!" (Bild). "Sind die Victoria's Secret Engel zu dünn?" fragte die Schweizer Illustrierte und liess im Selbstversuch eine Normalgewichtige Size Zero-Kleider anprobieren – die Kleider passten, welch Überraschung, nicht.

Indem sie erwachsene Models mit Körpern von 12-jährigen Jungs über den Laufsteg schickt, fördert die Modeindustrie natürlich ein fragwürdiges Schönheitsideal. Viele Mädchen und junge Frauen idealisieren auch die sehr schlanken Figuren ihrer Vorbilder wie Kate Middleton oder Angelina Jolie. Bei Essstörungen kann das natürlich eine gewichtige Rolle spielen. Indem man aber sämtliche mageren Frauenkörper zum Synonym für ungesunde und schädliche Beeinflussung erklärt, löst man dieses Problem nicht. "Es ist eine irreführende Idee", sagt Claire Mysko, Direktorin vom Nationalen Verband für Essenstörungen in Amerika, in der New York Times. "Eine Person kann einen normalen BMI haben und dennoch eine gequälte Beziehung zum Essen und ihrem physikalischen Bewusstsein führen; andere können knochig aussehen und es geht ihnen bestens." Von einem tiefen BMI auf Kränklichkeit oder Schwäche zu schliessen, ist also genauso verkehrt wie Hunger leiden wegen eines vermeintlichen Schönheitsideals.

Es gibt sie leider, die Frauen, die von Natur aus schlank sind, oder dünn – die Wortwahl ergibt sich ja meist aus der persönlichen Sympathie oder Abneigung für das kritisierte Individuum. Frauen, die essen können, was sie wollen, ohne zuzunehmen. Die problemlos in jedes Kleid passen. Und ja, das ist fies. Wenn eine all das hat, schürt es Ressentiments. Der schlanke, gesunde Körper kann aber auch ein Statement sein, ein Ausdruck der Individualität: "Ich bin diszipliniert, ich treibe Sport, ich fühle mich gut." 

Männer übrigens finden den Anblick einer kurvigen Frau am Reizvollsten, wie ein aktuelles Experiment der Daily Mail zeigt. In einem Test standen mehrere Herren, ausgestattet mit einer Spezialbrille, die ihre Augenbewegungen misst, drei Models 30 Sekunden lang gegenüber. Die Damen repräsentierten drei Figurtypen: kurvig, athletisch, schlank, alle verpackt in kurze Shorts und enge Oberteile. Dem kurvigen Modell schenkten die Männer die grösste Aufmerksamkeit – 36 Prozent ihrer Blicke, gefolgt von der athletischen Dame mit 34 Prozent. Schlusslicht war die Frau mit Modelfigur mit 29 Prozent. Zumindest was männliche Bewunderung angeht, lohnt die Fixierung also nicht. 



veröffentlicht in der Basler Zeitung


Donnerstag, 8. Dezember 2016

Männer sind schuld an weiblichen Falten



Es könnte sein, dass Männer das Aussehen von Frauen nachhaltig ruinieren. Und zwar dort, wo wir mit ihnen mitunter die schönsten Stunden verleben: im Bett.

Das Schlafen ist zwar ein einsamer Akt, aber der Rückzug in den nächtlichen Zweierkosmos hat etwas kuschelig Romantisches. Das Problem ist, dass Frauen, die angesichts dieser Nähe schlecht nächtigen, am nächsten Morgen die Quittung dafür erhalten: Gleich nach dem Aufstehen sieht unser Gesicht aus wie etwas, das gerade ausgiebiges Auswringen hinter sich hat. Bis sich die zerknitterten Hautschichten wieder in gutmütiger Glättung präsentieren, dauert es bis nach dem ersten Kaffee. 

Es gibt eine Verbindung zwischen Schlafmangel und Falten, das bestätigt das medizinische Center der Universität Cleveland: "Insbesondere schlecht schlafende Frauen zeigen doppelt so viele Zeichen der Hautalterung, mehr Fältchen, eine ungleichmässige Pigmentation und reduzierte Hautelastizität", heisst es in ihrer von Estée Lauder beauftragten Untersuchung. Forscher der Universität Wien haben vor einigen Jahren herausgefunden, dass Frauen ohne Männer besser schlafen. In ihrem Schlafverhalten reagieren Frauen auf die Anwesenheit eines Bettpartners viel sensitiver als Männer. Dass ihr Schlaf derart beeinflussbar ist, habe evolutionäre Gründe: "Die Frau reagiert auf den Mann. Sie ist auf jede Bewegung empfindlich", sagt John Dittami, Co-Autor der Studie. 

Ich bin ja dankbar, dass Wissenschaftler die Sensibilität von uns Frauen in den Fokus rücken. Als semi-effiziente Schläferin mit frühmorgendlichem Hang zur Hautschrumpelung stelle ich aber eine neue These auf: Nicht die weiblichen Gene sind schuld an unserer Überempfindlichkeit im Schlafzimmer, sondern die seltsamen Bettgewohnheiten der Männer. Jede Frau, die einmal mit einem Kerl das Co-Schlafen praktiziert hat, weiss, dass sie eine erholsame Nacht zerschneiden können wie ein schlechter Traum. Hier ein paar Beispiele: 

-Männer haben diese unerklärliche Besessenheit für offene Fenster. Lärm, Kälte – egal, ohne frische Luftzufuhr können sie angeblich nicht schlafen. 
-Weil sie – anders als wir Frauen – entgegen dem eindringlichen Rat ihres Dickdarms ausgiebig zu Abend essen und auch die akustischen Nachwirkungen gewisser Speisen komplett ignorieren, wälzen sie sich später im Bett wie umgekippte Mastschweine. Dazu stossen sie Flatulenz-Ansammlungen aus, die sogar den Hund fortjagen. Apropos Hund: Ja, der schläft im Bett, weil es einem Mann jedes Mal das Herz bricht, ihn von der Bettkante zu stossen. 
-Ihr Schnarchen ist allgegenwärtig. Laut Untersuchungen schnarchen 30 Prozent der Männer, im Gegensatz zu 10 bis 20 Prozent der Frauen. Die Ursachen liegen im Übergewicht und im höheren Alkoholkonsum, beides Faktoren, die tendenziell mehr Männer betreffen. 
-Der nächtliche Höhepunkt ist, wenn sie einem mit ihren Armen und Beinen unter sich begraben, weil sie im Traum wieder einmal romantische Momente ausleben; gemäss Schlafforschern träumen Männer eher von Sex und Waffen – Frauen von Gefühlen. 
Wenn von 364 Nächten 300 auf diese Art verlaufen, macht das in einer zehnjährigen Beziehung hochgerechnet etwa 6000 Extra-Fältchen.

Fazit: Männer sind fabelhafte Wesen. Aber mit ihnen ein Bett zu teilen taugt für unsere Frischzellenkur etwa so gut wie ein kleines Sonnenbad auf Planet Merkur. Etwas Gutes hat es dennoch: Mit ihrer Anwesenheit wärmen sie immerhin unsere kalten Füsse.



Veröffentlicht in der Basler Zeitung.




Donnerstag, 1. Dezember 2016

Total durchgeknallt

Wir leben in Zeiten des Wahnsinns. Drei Milliarden Jahre Evolution sind auf einmal irrelevant. Entwertet von der Empfindsamkeit einer Gesellschaft, wo jeder seine eigene Wahrheit konstruieren darf, die Wahrheit, die gerade seinem emotionalen Selbstverständnis entspricht. Dazu gehören Geschlechtsidentitätswechsel im Schnellverfahren – gesetzlich gefördert und begünstigt von Medizinern. Ein aktuelles Youtube-Video aus Kanada zeigt, wies geht. 

In dem Experiment gibt sich Reporterin Lauren Southern, eine junge Frau, als Person aus, die ihre Geschlechtsidentität als "ausserhalb des Systems von Mann und Frau" empfindet. "Ich fühle, mein Geschlecht ist eher männlich", beschreibt sie sich einer Ärztin und bittet um ein medizinisches Attest, das ihre männliche Identität bestätigen soll. "Ich präsentiere mich nicht immer männlich […]. Ich fühle mich zu Frauen hingezogen." Die Ärztin, anfangs verwirrt, stellt nach zwei kurzen Rückfragen die Diagnose aus: Geschlecht männlich. 
Mit dem Dokument beantragt Southern später beim Einwohneramt eine neue Identitätskarte – sie trägt Highheels, ihr langes Haar fällt über die Schultern. Sie stellt klar: "Ich möchte als männlich identifiziert werden." Die Mitarbeiterin, anfangs verwirrt, händigt ihr nach einem kurzen Telefonat die ID aus: Geschlecht männlich. Sie spricht die Reporterin mit "Sir" an.  

Man könnte es als irrwitzige Episode abtun, wäre der Test nicht vor dem Hintergrund eines neuen Gesetzes (Bill C-16) entstanden, das der liberale Premierminister Justin Trudeau im Mai dem Parlament vorgestellt hat. Es soll die Rechte von Transgender-Personen in den kanadischen Menschenrechten verankern. Tritt das Gesetz in Kraft, könnte man schon nur für das Infrage stellen eines Geschlechts, egal, ob ein medizinisches Attest vorliegt, rechtlich belangt werden. 

Es ist unbestritten: Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren, soll ein Identitätswechsel nicht unnötig schwergemacht werden. Auch sind die Anfeindungen, mit denen Transgender manchmal konfrontiert werden, traurige Realität. Realität ist aber auch das Kuschen vor der Political Correctness. Es ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Leute aus Angst vor Konsequenzen ihren Kopf ein- und den Stecker zur Vernunft ausziehen. Es hat etwas vorauseilend Gehorsames, so, wie wenn man seinen Rasen frühzeitig mäht, damit der Nachbar nicht auf die Idee kommt, man vernachlässige die Gartenpflege.

Indem man für 2,5 Prozent der Bevölkerung (Anzahl Transgender in Kanada) radikale Gesetze fordert, vereinfacht man vielleicht deren Alltag ein bisschen. Für 97,5 Prozent der Menschen aber werden sich heikle Situationen auftun – der zwischenmenschliche Umgang wird zum Hochseiltanz. Ist es nicht auch Diskriminierung, wenn ein Arbeitgeber per Gesetz mit der "Ismus"-Keule niedergestreckt wird, nur, weil er das Geschlecht eines Mitarbeitenden hinterfragt? Spinnt man es weiter, könnten erfolglose Profiboxer ja einfach ein Comeback bei den Damen geben. Oder Jobsuchende je nach Stellenbeschrieb ihre Identität wechseln. Körperdurchsuchungen am Flughafen dürften zu bizarren Vorführungen mutieren. 

Welchen Weg schlagen wir ein, wenn eine Realität nicht mehr auf biologischen Fakten basiert, sondern nur mehr auf subjektiven Emotionen? Wenn man nach dem Lustprinzip alles verlangen kann? 

Eine Gesellschaft, die alle Anfeindungen gesetzlich regeln möchte, geisselt sich selbst.





Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.