Donnerstag, 16. November 2017

Ist es Männerhass?

Die Feindseligkeit, die Männern derzeit pauschal und von allen Seiten entgegenschlägt, ist grotesk. Die Sexismus-Debatte offenbart ein neues Phänomen: Zwischen Anmache und sexuellem Missbrauch wird kaum mehr differenziert. Und für eine Anschuldigung braucht es keinen Beweis mehr, die Geschichte eines "Opfers" genügt. Das sollte man als Mann besser im Kopf haben, möchte man nicht eines Tages für eine unbewusste menschliche Geste oder ein blödes Anbaggern gelyncht werden.

Der Weinstein-Skandal wird verlängert, es scheint zum Trend geworden, Männer öffentlich und rückwirkend der sexuellen Belästigung zu bezichtigen. Eine ehemalige Filmpraktikantin wirft Dustin Hoffman sexuelle Belästigung vor wegen eines "Ich nehme ein hartgekochtes Ei und eine weichgekochte Klitoris" vor 26 Jahren. Der britische Verteidigungsminister ist zurückgetreten wegen Knietätscheln vor 15 Jahren. Steven Seagal soll vor 22 Jahren eine Schauspielerin im offenen Kimono und Unterwäsche empfangen, Sepp Blatter vor fünf Jahren an Hope Solos Po gegriffen haben. Adam Sandler legte neulich in einer TV-Show seine Hand kurz aufs Knie einer Schauspielerin und ein ehemaliger Diplomat sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen, weil er die deutsche SP-Politikerin Sawsan Chebli als "jung und schön" bezeichnete – eine für sie sexistische Beleidigung, die sie auf Twitter mit "Es war einfach nur krass" kommentierte. (Ich persönlich finde ja eher krass, dass dann wegen Aussagen wie der von Chebli Frauen wie ich leiden – wenn uns aus Angst kein Mann mehr sagt, wir seien jung und schön).

Es gibt ein Wort dafür, wenn eine unbewusste menschliche Geste, ein Kompliment oder auch "Dirty Talk" zum Sexismus-Skandal hochstilisiert werden, und der Aufschrei und die mediale Aufmerksamkeit wegen Masturbierens bald grösser ist als bei einer Meldung wegen Vergewaltigung: Hysterie. Weil emotionsgeladene Empfindsamkeit bei vielen rationales Denken aussetzen lässt, verlieren Menschen den Sinn für Proportionen: Sie vermengen Flirts, schlüpfrige Witze, Anbaggern, Belästigung, einvernehmliche Affären, Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe zu einem einzigen Potpourri. Dass für jeden Menschen die Unschuldsvermutung gilt, bis das Unrecht bewiesen ist – es scheint nicht mehr zu gelten. Dass ohne Abwägen oder konfrontierendes Gespräch gleich vom Schlimmsten ausgegangen wird – es ist zur Regel geworden. Der britische Journalist Peter Hitchens hat es in seiner Daily Mail-Kolumne über die "kreischenden, flatternden Ankläger" so formuliert: "Bei dem Thema haben sie viel gemein mit militanten Islamisten. Auch sie glauben, dass man von allen Männern annehmen müsse, sie seien sabbernde Raubtiere."

Es geht mir in dem Text hier nicht um Vergewaltigungen, auch nicht um sexuelle Übergriffe. Ich beziehe mich auf die oben genannten Belästigungsvorwürfe gegen Männer wie Hoffman und Co. Ja, Comedian Louis C.K. (der sein Masturbieren vor zwei Frauen im Hotelzimmer zugegeben hatte, es aber als "einvernehmlich" bezeichnete, weil er zuvor um ihr Einverständnis gefragt hatte) ist ein Widerling. Es gibt Männer, die besitzen eine Art Neandertaler-Mentalität, spüren sich nicht mehr. Ich bin keine Psychologin, vermute aber, es stammt von dem männlichen, kompetitiven Ego, das eher zu solch unreflektierter Selbstzufriedenheit neigt. Besonders Männer in Star-Sphären halten sich manchmal offenbar für erhaben und unantastbar. Es rechtfertigt keine einzige Entgleisung, trotzdem gilt es festzuhalten: Ihre Taten sind nicht kriminell, sie sind höchstens hochgradig respektlos. 

Wie viele Frauen habe ich diese Respektlosigkeiten erlebt, auch einen sexuellen Übergriff, den ich damals, vor etwa 32 Jahren, in Basel angezeigt hatte. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich deswegen je als Opfer gesehen. Natürlich sind wir nicht alle gleich, jeder verarbeitet ein schockierendes, demütigendes Ereignis anders. Wenn nun aber Fälle von anzüglichen Sprüchen oder Knietätscheln aufgerollt werden, die Jahrzehnte zurückliegen, frage ich mich in aller Sachlichkeit: Was soll das bezwecken? Spuren oder Zeugen sind keine mehr da, vor dem Strafsystem hat es also kaum mehr Belang. Bleibt noch das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit – indem man auf irgendeine Art Aktivismus betreibt, wenn auch Netz-Aktivismus, gehört man dazu, entwickelt ein Gefühl der Macht. Das Problem an der Sache ist: Wer jeden Mückenfurz anprangert, untergräbt die Ernsthaftigkeit der Thematik.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Dass wir Frauen uns mit männlichem Chauvinismus, sexueller Belästigung und Machtmissbrauch nicht mehr einfach abfinden und jetzt einige schlimme Fälle ans Licht kommen, ist gut und richtig. Männer sollten nicht meinen, nur weil sie uns körperlich überlegen sind, oder auf der Jobleiter öfters über uns stehen, haben sie das Recht, sich wie Schweine zu benehmen. Auch, dass unsere Gesellschaft heute gewisse Themen offener anspricht, gehört zur gemeinschaftlichen Weiterentwicklung. Es gibt Frauen, die mental nicht so stark sind, deren Schwäche ausgenutzt wird. Diesen Frauen gilt es zu helfen. Und auch hier setzt Gleichberechtigung an.

Aber gerade angesichts des gesellschaftlichen Wandels, und eben dieser Gleichberechtigung, die noch nie so fortschrittlich wie heute war, mutet der kollektive Empörungsaktivismus wie eine Abrechnung mit dem männlichen Geschlecht an. Mich beschleicht das Gefühl, nicht wenige reiben sich insgeheim die Hände über diese Anschuldigungswelle, die weit über Typen wie Weinstein hinausgeht. Männerfrust scheint sich im Laufe der letzten Jahre in Männerhass gewandelt zu haben. Vor allem in den Sozialen Medien wird das Bild gezeichnet von den gierigen, sexlüsternen Kerlen, den machtbesessenen Bossen, die über das arme Leben armer Frauen (und Männer) bestimmen und uns sowieso nur ausnützen wollen. Modernen Feministinnen scheint die aktuelle Sexismus-Debatte entgegenzukommen, offenbart sie doch einmal mehr das böse Patriarchat, das, wie sie stets behaupten, die Herabwürdigung, Drangsalierung und sexuelle Bedrängung der Frau mit System vorantreibt.

Der Begriff Misandrie (Männerhass) existiert nicht erst seit der Postmoderne. Der Soziologe Christoph Kucklick stellte laut Wikipedia die These auf, dass das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann sogar lange vor dem modernen Feminismus entstanden ist, um 1800 zu Beginn der Moderne. Misandrie ist heute weit verbreitet, wie der kanadische Soziologieprofessor Anthony Synnott im US-Magazin Psychology Today schreibt. Während niemand den Feminismus kritisiere, gäbe es unzählige Beispiele von politischer Dämonisierung des Mannes, so Synnott. Er nennt in seinem Artikel prominente Feministinnen, die Männer als "Feinde" bezeichnen (Marilyn French), als "Das Todes-Geschlecht" (Rosalind Miles), oder das häusliche Vorstadtleben als "komfortables Konzentrationslager" für Frauen, und deren Ehemänner als SS-Gefängniswächter (Betty Friedan).

Gemäss der Untersuchung der Wissenschaftler Paul Nathanson und Katherine K. Young von 2001 "Spreading Misandry: Teaching Contempt for Men in Popular Culture" werde Misandrie wie Misogynie (Frauenhass) kulturell propagiert, aber im Gegensatz zur Misogynie als legitim betrachtet. Das bestätigt auch eine empirische Studie von Jim R. Macnamara von 2006, die ergab, dass Männlichkeit in den modernen angloamerikanischen Medien als das angeborene Böse präsentiert wird, mit 70 Prozent negativer Darstellungen. Mit einigen wenigen Ausnahmen wie Kriegsveteranen oder Feuerwehrmännern seien Männer, die positiv dargestellt werden, jene, die ihre "femininen Seiten" herausstellten.
Die verstorbene britische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing sagte 2001: "Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird." Und: "Die dümmsten, ungebildetsten und scheusslichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen."

Man kann nun einwenden, dass die meisten Morde und Gewaltverbrechen (und sexuellen Belästigungen) von Männern begangen werden und diese darum den Weg in die Nachrichten finden. Das stimmt. Nimmt man aber den männlichen Anteil der Weltbevölkerung von 3,753 Milliarden (Quelle: Weltbank 2016), liegt man wohl nicht komplett falsch, wenn man sagt, die allerallermeisten männlichen Wesen verüben keine Straftaten, keine sexuellen Belästigungen, die allermeisten Männer auf dieser Welt sind gute, rechtschaffene Typen.

Feministinnen wie die US-Autorin Judith Levines bemühen zur Rechtfertigung von Misandrie gerne das Argument, dass Männerhass "eine Folge der Unterdrückung von Frauen durch Männer" sei. Männerhass mit Diskriminierung zu erklären, greift aber – zumindest in den westlichen Industrieländern – zu kurz, weil es systematische Diskriminierung, Ausgrenzung und Herabwürdigung der Frau hier nicht gibt (was nicht heissen soll, dass Diskriminierung nicht existiert, aber sie ist nicht die Regel). Würden Frauen stets diskriminiert, woher käme dann zum Beispiel unsere ungeheure Macht, Männer zu stürzen, ihren Ruf zu zerstören, aufgrund einer einzigen, unbewiesenen Anschuldigung? Mit Verlaub, aber in Anbetracht der unzähligen Männer, die es sich heute abgewöhnt haben, Komplimente zu machen, sich bei jedem Wort oder jeder Geste, die sie benutzen, in Acht nehmen und im Job bei Besprechungen mit Frauen die Tür stets offenlassen, scheint mir das propagierte Bild der Männer, die durch ihr schlechtes Benehmen den Hass der Frauen hervorrufen, eher brüchig.

Sexuelle Kontakte, Flirten, Anmache sind keine exakte Lehre, es gibt viele Grauzonen, Menschen sind tapsig, machen Fehler. Und ja, sie sind boshaft. Bevor wir aber den Flirt-Knigge einer erstickenden Form von Generalüberholung unterziehen, vor dem Sex beginnen, Verträge zu unterschreiben, bevor die letzte Spontanität schwindet, weil abgelöst von einem Klima des Misstrauens zwischen den Geschlechtern, sollten wir vielleicht einen Moment mit unserer Empörung innehalten. Wir können uns ein Leben lang als Opfer sehen, uns über Ereignisse aufregen, die weit zurückliegen, oder im Jetzt passieren. Oder wir können sie als "demütigenden Mist" abhaken, dazu gehört auch zu lernen, mit gewissen Situationen umzugehen.



BaZ, 14.10.2017

Polizeizensur: Das Misstrauen wächst

In Zürich gab der Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (Alternative Liste) diese Woche bekannt, dass er per sofort die Nationalität von Tätern in Medienmitteilungen nicht mehr nennen würde. Dies sei diskriminierend, schüre Ressentiments und liefere fremdenfeindlichen Menschen Futter.

Den Entscheid halte ich für falsch – ganz egal, ob er in der Schweiz, Deutschland oder Österreich von einem Sicherheitsvorsteher getroffen wird. Die Bevölkerung hat das Recht, relevante Informationen zu erfahren, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Natürlich ist es kein juristisches Recht, sondern meine subjektive Empfindung als Bürgerin, die mir sagt, dass ich vorhandene Daten bei einer Straftat erhalten sollte – wie auch bei einem schweren Unfall. Gerade diese Woche geschah etwas Unfassbares, ein 80-jähriger fuhr in Lenzburg (AG) eine 19-jährige auf dem Zebrastreifen tot. Durch die Altersangabe könnte suggeriert werden, dass ältere Menschen ein grösseres Unfallrisiko darstellen. Ist es deswegen Altersdiskriminierung?

Die starke Zuwanderung von Männern aus fremden Kulturkreisen bringt einige gesellschaftliche Schwierigkeiten mit sich. Ich fühle mich nicht sicherer, wenn ich die Nationalität der (mutmasslichen) Täterschaft kenne. Aber: Eine Nationalität ist wie Geschlecht und Alter Teil der Informationen, aufgrund derer ich Ereignisse besser einzuordnen und mir einen Überblick über mögliche Probleme zu verschaffen vermag. Es ist für die Bevölkerung (zumindest in der Schweiz) auch eine Datensammlung als Entscheidungshilfe für Wahlen, zum Beispiel bei verkehrspolitischen Entscheiden oder Integration. Ein Controlling, mit dem der Bürger abwägen kann, ob sich die Massnahmen der Politik als wirkungsvoll erweisen.

Auch statistisch gesehen ist die Ausweisung der Nationalität bei Tätern relevant, denn ohne Problemerkennung befänden wir uns auf einem Blindflug, oder, wie es Florian Schoop in der NZZ eleganter formuliert: "Hier geht es um die Interpretation von Symptomen, die zu einem Befund führen können. Und dieser Befund bringt eine Gesellschaft weiter als das Vorenthalten von relevanten Informationen. In Zukunft bleiben diese Symptome leider im Dunkeln."

Gewiss, man neigt dazu, Daten selektiv zu interpretieren, so, dass sie zu seiner vorgefassten Meinung passen. Das ist aber nicht das Problem der Datenmitteilung, sondern des Individuums und seinen persönlichen Vorurteilen. Durch das Verschweigen von Informationen lösen sich Vorbehalte aber nicht plötzlich in Luft auf. Im Gegenteil, so entstehen Gerüchte, Feindseligkeit, man schürt noch mehr Ressentiments gegenüber jenen Gruppen, die man eigentlich schützen möchte. Und, ganz nebenbei: Verschwiegenheit ist auch dem Vertrauen zwischen Bürger und Staat nicht gerade zuträglich.

Informationen sind nie gut oder schlecht. Informationen schaffen Transparenz. Transparenz sei laut Sicherheitsvorsteher Wolff gewährleistet, da "Medien auf Nachfrage bei der Polizei die Nationalität erfahren können". Es ist eine Pseudo-Transparenz, denn in Realität ist es eben so, dass ein gezieltes Nachfragen aufgrund von Zeitmangel auf Redaktionen oft zu aufwendig ist und Medienmitteilungen häufig eins zu eins übernommen werden.

Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen begünstigt ein friedliches Zusammenleben der Bewohner in einem Land. Etwas mehr Zuversicht uns gegenüber wäre angebracht, statt der unsäglichen Bevormundung. Die allermeisten Menschen können Informationen abstrahieren, wissen, dass sich Einzelfälle nicht verallgemeinern lassen und ziehen nicht reflexartig fixfertige Rückschlüsse. Probleme gehören offengelegt und angesprochen. Wer das für Diskriminierung hält, verschliesst sich der Realität.


BaZ, 9.11.2017


Ja zu Cultural Appropriation!

Bislang habe ich stets geglaubt, in der Schweiz wenigstens blieben wir verschont von gewissen zeitgenössischen gesellschaftlichen Ansprüchen. Nur kriechen die meisten Trends, die ihren Ursprung in den USA haben, früher oder später rund um den Erdball. Und so ist es kaum verwunderlich, dass uns vor einigen Tagen die öffentliche Aufforderung "Weisse, hört auf, Dreadlocks zu tragen" erreichte. Das sei kulturelle Aneignung. Die Kulturpolizei ist im Alpenland angekommen – und wittert Cultural Appropriation an jeder Ecke.

Der Begriff steht für weisse Menschen, die Symbole, Kleidungsstücke oder Handlungen übernehmen von anderen ethnischen Gruppen und so angeblich deren kulturelle Identität stehlen und herabwürdigen. Die Dreadlocks-Forderung hat Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Präsidentin der SP-Migranten Zürich, in der Gratiszeitung 20 Minuten geäussert.

Dreadlocks bekommt man, wenn man seine Haare für längere Zeit nicht wascht oder kämmt. Würde ich für einen Monat lang auf Haarpflege verzichten, bekäme ich Dreadlocks, verfilzte, tote Haarmaterie. Dreadlocks hat keine Kultur für sich erfunden. Gemäss der Website dreadfactory.de geht man davon aus, dass schon Ur-Völker Dreads trugen, ganz einfach, weil sie über keine Kämme verfügten – oder das Waschen der Haare nicht zu ihren Prioritäten zählte. Dreads waren schon bei den alten Ägyptern anzutreffen, angeblich soll der ägyptische Pharao Tutanchamun sie getragen haben. Auch die Germanen, Wikinger, Griechen und Naga trugen sie. Dreads haben später auch Julius Cäsar beschäftigt, der angeblich über die Kelten sagte, sie hätten “Haare wie Schlangen”.

Dass nun ausgerechnet Dreadlocks ein Zeichen von kultureller Insensibilität von Weissen gegenüber Minderheiten darstellen sollen, ist ein Vorwurf der eher absurden Sorte. Brändle-Amolo sagt laut 20 Minuten, dass Weisse Dreadlocks oder Cornrows, eine aus Afrika stammende Flechtfrisur, völlig naiv tragen würden, ohne zu wissen, was überhaupt dahinterstecke: "Die Cornrows stellten Landkarten dar und dienten Sklaven als Fluchtweg aus den Plantagen." Die 41-jährige Kenianerin findet es auch problematisch, wenn "Weisse Blues und Jazz spielen und unsere Musik monetarisieren". Auch sei es eine Frechheit, wenn weisse Designer mit afrikanisch-inspirierter Kleidung Profit machen.

Die Bereiche, wo Aktivisten, die sich gegen Cultural Appropriation engagieren, heute getriggert sind, scheinen zahlreich: Musik, Mode, Tanz, Essen, Haar, Schmuck, Sport etc. Chanel gilt als Kulturdieb, weil das Unternehmen den Bumerang als Sportaccessoire verkaufte, wo es doch ursprünglich die Waffe australischer Aborigines war. Eine Schönheitskönigin, weil sie bei der Miss America-Wahl als Nicht-Inderin einen Bollywood-Tanz aufführte. Laut der New York Times erstellten Aktivisten in Portland, Oregon, neulich sogar eine Liste von "white-owned appropriative restaurants" ("Restaurants weisser Besitzer, die sich fremde Kulturen aneignen"), in der Hoffnung, dass Leute diese Orte boykottieren. Die Begründung: Weisse sollten nicht Gerichte wie Banh mi oder Dosas kochen.

Ich selbst eigne mir immer mal wieder eine fremde Kultur an, nämlich dann, wenn ich meine Lieblings-Ohrringe, die Kreolen, trage. In einem Vice-Artikel mit dem Titel "Kreolen sind meine Kultur, nicht dein Trend" beklagte eine Autorin neulich, dass, wenn Weisse Kreolen anziehen, sie damit die Identität jener Leute stehlen würden, die einst hart gegen koloniale Strukturen gekämpft hätten: "Kreolen werden von Minderheiten als Symbole des Widerstands, der Stärke und Identität getragen. Überlege es dir zweimal, bevor du sie trägst."

Mit Verlaub, aber nein, ich überlege mir nicht zweimal, bevor ich meine Kreolen trage. Auch die Kreolen hat keine Kultur für sich erfunden. Ihr Herkunftsort ist nicht bestimmt, aber es gibt Funde von ringförmigen Ohranhängern aus Helmsdorfer Fürstengräbern, die bis in die Bronzezeit zurückreichen. Auch überlege ich mir nicht zweimal, bevor ich Gewänder überziehe oder Musik höre, die nicht aus meiner eigenen Kultur stammen. Und wenn ich Lust auf Dreadlocks oder Rappen habe, dann werde ich eben Rappen und dazu Dreadlocks tragen. Vielleicht nehme ich dann sogar ein Musikvideo auf.

Um ernst zu bleiben: Aus der Perspektive von Minderheiten wie Ureinwohnern ist die Entrüstung teilweise nachvollziehbar, wenn Grossunternehmen ihre traditionellen Symbole oder Kleidungsstücke zweckentfremden, unter grossem Profit veräussern, und Käufer ihren Hintergrund kaum mehr kennen. Nur richten sich die unzähligen Forderungen heute in erster Linie an Privatpersonen, mit ihren Dreadlocks, Kreolen und Tacos.

Und hier gibt es zwei Sichtweisen: Man kann es als Aneignung oder Diebstahl sehen, oder als Hommage an die Kultur, als ein Teilen oder sich-inspirieren-lassen. Indem man etwa wunderschöne, afrikanisch- oder indisch-inspirierte Kleidung trägt, zollt man den Kulturen doch gerade das Ansehen, das sie dafür verdienen. Was zählt, ist doch die Absicht. Es möchte wohl kaum jemand mit dem Bindi den Hinduismus herabwürdigen oder mit den Kreolen oder Dreadlocks die kulturelle Identität von Afrikanern stehlen.

Spinnt man die These der Aktivisten weiter, dürfte ja auch niemand ausser den Griechen einen demokratischen Staat ausrufen. Oder mathematische Formeln der Babylonier verwenden. Weit genug zurück verschmilzt alles miteinander, das macht unsere kulturelle Vielfalt doch gerade aus. Und, nebenbei, alle "borgen" von den anderen. Die New York Times führt dazu die weltweit gefeierte schwarze Opernsängerin Jessye Norman an, die berühmt ist für ihr Wagner-Repertoire. Oder Hamdi Ulukaya, ein türkischer Immigrant, der als Gründer des beliebten "Greek Jogurt" in Amerika zum Erfolg kam. Und schliesslich kennen wir alle Damen wie Beyoncé, die ihr gekräuseltes Haar strecken lassen, damit es eben dem von Weissen ähnelt.

"Tragt ein Bindi, ich sehe es als kulturelle Wertschätzung und nicht als Aneignung", schreibt Neetu Chandak, eine Amerikanerin mit indischen Wurzeln im US-Studentenmagazin The College fix. Sie sehe es als Ehre und habe in ihrem Leben stets Leute ermutigt, indisch-inspirierte Accessoires, Bindis oder Halloween-Kostüme zu tragen, auch Indisches Essen zu probieren. "Das half, ein Bewusstsein zu schaffen für meine Kultur und erzeugte ein Gefühl der Einheit." Sie erlebe ständig, dass jene Leute, die sich aktiv gegen kulturelle Aneignung engagieren, gar nicht Teil der Kultur sind, von der sie behaupten, sie würde angeeignet. "Es ist doch ironisch anzunehmen, sie würden mit ihrem 'Kreuzzug' die Rechte von Minoritäten und Immigranten verfechten, während sie in Wahrheit Menschen mit ihren Meinungsvorschriften tyrannisieren."

Auch Céleste Ugochukwu, Präsident des Afrikanischen Diasporarates der Schweiz, macht es laut 20 Minuten stolz, wenn Menschen afrikanische Kulturgüter benutzen. "Was gibt es für bessere Marketinginstrumente, um Afrika im Westen zu promoten? So können wir der Welt zeigen, wie reich die afrikanische Kultur ist." Die afrikanische Wirtschaft könne davon nur profitieren. Hinter der Bewegung gegen Cultural Appropriation vermutet Ugochukwu "möglicherweise Minderwertigkeitskomplexe". "Es gibt noch Schwarze, die sich den Weissen gegenüber unterlegen fühlen", sagt er, deshalb würden sie es als eine Art Raub an ihrer Kultur sehen. Man sollte Afrika aber nicht immer als armes Opfer instrumentalisieren, sondern alle sollten am Projekt "Rebranding Africa" mitmachen. Nach scharfer Kritik ruderte Brändle-Amolo später zurück, sie "wende sich nicht gegen die Weissen als Rasse". Und ob Weisse afrikanische Frisuren tragen wollen, sei jedem selbst überlassen. Dankeschön.

Manchmal scheint es, als ob Menschen krampfhaft nach Zeichen von Rassismus, von Unfairness und Diskriminierung suchen. Diese Motivation aber, in allem stets das Negative zu sehen, ist nicht nur nicht förderlich für zwischenmenschliche Beziehungen, sie ist belastend für Integration und Diversität. Um es mit den Worten von Neetu Chandak zu sagen: Hey, seht es nicht als cultural appropriation, sondern als cultural appreciation!


BaZ, 3.11.2017

Verbote stinken

Ich mag Rauch nicht. Ich war mein Leben lang Nicht-Raucherin. Der Qualm ist schrecklich und der Gestank, der sich in geschlossenen Räumen in Kleidung und Haar einnistet und erst beim nächsten Waschen wieder verschwindet, kaum zumutbar.

Ich mag viele Dinge im Leben nicht. Menschen mit gewissen Ausdünstungen im ÖV. Leggins. Städtische Parkreglemente, die dazu führen, dass ich immer weniger das Haus verlasse. Vor allem aber mag ich eines nicht: Leute, die für alles ein Verbot fordern.

Nadia Ghisolfi, eine CVP-Politikerin aus dem Tessin, will laut der Westschweizer Zeitung Le Matin das Rauchen gleich mit vier Vorstössen im Tessiner Kantonsparlament einschränken; Rauchen soll auf Spielplätzen verboten werden, in Bahnhöfen, an Bushaltestellen und vor öffentlichen Gebäuden. Und auf Terrassen von Restaurants sollen Raucher und Nicht-Raucher voneinander getrennt werden. Stimmt das Tessin dem Verbot zu, ist die Chance gross, dass weitere Kantone folgen, es möchte ja niemand als gesundheitlicher Miesepeter dastehen.

In einer perfekten Welt gibt es keine Zigaretten, auch keine Autos, Flugzeuge, Schiffe, Eisenbahnen, Kraftwerke, keine Industrie, Fleischproduktion, keine Drogen und keinen Alkohol. In einer perfekten Welt sind sich die Wissenschaftler einig darüber, was gut und schlecht ist, und ob Passivrauch im Freien wirklich schädlich ist – in Realität sind sie es nicht. Einige Wissenschaftler kamen immerhin zum Ergebnis, dass die Schadstoffbelastung in der Nähe eines Rauchers draussen kaum weniger stark ist als drinnen, aber sie hält im Freien nur kurz an und reicht nicht weit; zwei Meter von einem Raucher entfernt kann einem der Giftabfall nichts mehr anhaben. Sofern man also jene Organe besitzt, die einem die Fortbewegung ermöglichen, könnte man die kritische Distanz selbst regeln, im Bahnhof und bei Bushaltestellen.

Bleibt das Argument "es ist halt störend, wenn". So drückt es Verbots-Befürworterin Verena El Fehri von der Tabakprävention im 20 Minuten aus.  "Es ist halt störend, wenn man auf der Terrasse sitzt und von links und rechts eingenebelt wird." Das sei eine Diskriminierung von nichtrauchenden Gästen. Die schutzbedürftigen Gäste in den Restaurants. Sofern sie jene Organe besitzen, die ein Sprechen ermöglichen, könnten sie beim Tischnachbar auf das Problem hinweisen. Und ist es eigentlich auch Diskriminierung, wenn Nicht-Automobilisten gezwungen sind, die Schadstoffe der Automobilisten einzuatmen? Man sollte vielleicht auch Fahrzeuge vor öffentlichen Gebäuden verbieten und deren Benutzung auf die eigenen vier Wände des Besitzers beschränken.

Beim Rauchverbot auf Spielplätzen argumentiert El Fehri mit der Vorbildwirkung von Erwachsenen und den Zigarettenstummel am Boden. Der Punkt ist diskutierbar. Nur kann man die Vorbildfunktion auf eine ganze Reihe von Bereichen ausdehnen, von denen einige wohl genauso schlimm für Kinder sind wie das Rauchen – etwa beim Alkohol- und Drogenkonsum, bei Gewaltanwendung, beim Verhalten von Mitmenschen untereinander ganz generell. Auch darf den Leuten ein bisschen gesunder Menschenverstand zugetraut werden.

Ja, hie und da stört man sich an den Macken seiner Mitbürger. Das Leben ist aber eine Aneinanderreihung von Kompromissen. Dem anderen etwas gönnen, das Fordern mal aussetzen. Der Passivraucherschutz in unserem Land geht weit genug. Wem er nicht reicht, kann sich ja im hauseigenen Bunker einschliessen. Zur Sicherheit.


BaZ, 26.10.2017


#MeToo: Späte Enthüllungen, pauschale Anschuldigungen

Gut möglich, dass mir wegen dieser Zeilen der Vorwurf des "Victim Blaming" entgegenschlägt, das ist der moderne Begriff dafür, wenn man Opfern die Schuld gibt. Vielleicht wird man mich für emotionslos und frauenfeindlich halten. Falls es eintrifft, dann ist es eben so.

#Metoo ist überall. In Berlin demonstrierten am letzten Oktoberwochenende Hunderte gegen Sexismus, sie trugen Schilder mit Aufschriften „United Pussy Riot“ oder transparente Regenschirme mit dem Hashtag #MeToo. In französischen Städten waren es mehrere tausend Frauen, die für die #Metoo-Kampagne auf die Strasse gingen.

Die #Metoo-Bewegung, die aus dem Harvey Weinstein-Skandal heraus geboren wurde, und einige Begebenheiten rund um den ehemals mächtigsten Produzenten Hollywoods hinterlassen aber, aus etwas zeitlicher Distanz betrachtet, bei mir einen schalen Beigeschmack. Und nur weil ich eine Frau bin, muss ich nicht grundsätzlich solidarisch sein mit der Damenwelt, die nun von ihren Erfahrungen mit Weinstein-Typen in den sozialen Medien berichtet – ich muss diese weder uneingeschränkt glauben, noch einstimmen in diesen Kanon der Opfersymbiose, der streckenweise überraschend unreflektiert daherkommt.

Wie ich in meiner Kolumne vom 12. Oktober geschrieben habe, halte ich Männer wie Harvey Weinstein für Schweine. Ich glaube, dass die meisten Anschuldigungen gegen ihn der Wahrheit entsprechen – er hat viele Grenzen überschritten, darunter solche, die strafrechtlich relevant sein dürften. Er gehört dafür bestraft.

Es ist gut, dass Hollywoods A-Liga-Damen Weinsteins Übergriffe publik machten. Nur: Warum tun sie es erst jetzt? Hätten Superstars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie die sexuellen Belästigungen schon vor 20 Jahren gemeldet, wären viele weniger bekannte und weniger mächtige Schauspielerinnen vermutlich gewarnt und geschützt gewesen. Dass Paltrow oder Jolie wegen ihres jungen Alters eingeschüchtert gewesen sein sollen, nehme ich ihnen nicht ab. Paltrow war längst eine etablierte Schauspielerin, die mit Mutter Blythe Danner, Hollywood-Schauspielerin, Vater Bruce Paltrow, Filmproduzent, Steven Spielberg als Patenonkel und Brad Pitt als Freund genug Unterstützung gehabt hätte, die ganze verlogene Branche auffliegen zu lassen, wenn ihr danach gewesen wäre. Auch bei Jolie, damals längst ein Star und mit familiärem Hollywood-Power gesegnet (Mutter Schauspielerin, Vater Oscar-Preisträger Jon Voight) scheint das Bild der von den Medien gezeichneten Ohnmacht fehl am Platz. Gewiss, damals war der soziale Umgang mit solchen Themen ein anderer als heute. Dennoch dürfte das jahrelange Schweigen der beiden Stars (und vieler, vieler weiterer), die sich in der Öffentlichkeit stets als Kämpferinnen für die Sache der Frau präsentieren, und die nachträglichen Anschuldigungen, auch wenn sie berechtigt sind, eine Karriere-technische Massnahme gewesen sein.

Das bringt mich zu Asia Argento. Hier ist der Fall komplex. Die italienische Schauspielerin erzählte dem New Yorker im Zuge der Weinstein-Enthüllungen, dass sie von ihm vor 20 Jahren vergewaltigt wurde, er gewaltsam "Oralsex an ihr vollzogen" habe. Sie habe bisher geschwiegen, weil sie Angst hatte, er würde sie "vernichten".

Ich schliesse die Augen und stelle mir das Szenario vor (was für mich einfach ist, da ich als angehende Schauspielern in jüngeren Jahren selbst nach Hollywood übersiedelte und diesem Typ Mann mehrfach begegnet bin): Ich bin also Asia Argento, 22, will in der Filmmetropole meinen Traum verwirklichen. Unbedingt. Ich nehme dafür Hürden in Kauf, ziehe, entgegen jeder Vernunft, in das ferne Land, treffe dort wichtige Männer, die mir weiterhelfen können. Einen Weinstein persönlich kennenzulernen ist für angehende Schauspieler wie ein Sechser im Lotto – mächtiger als er war zu der Zeit kaum einer. Weinstein lädt mich auf sein Hotelzimmer ein – zu einer Party, wie ich annehme. Ich bin aufgeregt. Es könnte mir hier kaum besser ergehen! Dass es bei vielen dieser berühmt-berüchtigten Hollywood-Feiern jede Menge Drogen gibt, hübsche Mädchen, mächtige Typen und Sex, ist mir bewusst. So what?

Die Mär von den "schutzlosen, eingeschüchterten" jungen Schauspielerinnen, welche uns die Medien (und mit ihnen alle im Geiste verbundenen) nun unisono auftischen, ist Blödsinn. Vereinzelt trifft es vielleicht zu. Wer sich aber nach Hollywood aufmacht, ist in den meisten Fällen nicht schwach, nicht eingeschüchtert, höchstens naiv. Diese Frauen sind keine verschupften Hascherln, keine zerbrechlichen Bambis. Und, ganz generell zur Auffrischung: Frauen sind gerissen, sie können berechnend sein, manipulierend – und das nicht erst seit dem Aufkeimen des Feminismus im Zuge der Aufklärung; schon im alten Ägypten liess sich der letzte weibliche Pharao, Kleopatra, gleich mit mehreren mächtigen Männern ein, um ihre Ziele zu erreichen.

Zurück zu Weinstein: Party im Hotelzimmer? Es böte sich mir zu dem Zeitpunkt noch die Möglichkeit einer Planänderung, aber selbstverständlich mache erst mal mit, begebe mich aufs Zimmer. Keiner da ausser Weinstein. Bin ich zu früh? Ich bin verunsichert – und jetzt auch auf der Hut. Jetzt böte sich mir nochmals die Möglichkeit einer Planänderung, abzuhauen mit irgendeiner Ausrede, aber ich bleibe. Wir quatschen ein bisschen, dann verschwindet Weinstein – und kehrt im Bademantel und mit Körperlotion zurück, bittet um eine Massage. Dass er Sex mit mir will, kann er mir deutlicher kaum offenbaren. Ich bin erschrocken, aber nicht im Schockzustand. Ein Hotelzimmer ist kein abgelegenes Waldstück, Schreie und Kreischen können gehört werden, Flucht ist noch immer möglich.

Argento hatte "Panik", wie sie sagt, floh aber nicht. Sie massierte Weinstein, wenn auch "widerwillig", dann habe er ihren Rock hochgehoben, ihre Beine auseinander gezwungen und Oralsex an ihr vollzogen. Laut dem New Yorker habe sie sich nicht physisch gewehrt, aber mehrfach gesagt, dass er aufhören solle. Jede Frau reagiert in einer solchen Situation anders. Die physische Überlegenheit eines Mannes kann unglaublich einschüchternd sein – ich kenne es aus eigener Erfahrung. Womöglich war es die Angst vor einer Eskalation, welche die junge Frau damals zum Bleiben bewogen hatte. Besser sich fügen in eine Situation, die man wenigstens ein bisschen kontrollieren kann.

Der Teil, der jetzt kommt, lässt mich aber stutzen. In den folgenden fünf Jahren hat die Italienerin Weinsteins weitere Avancen erlaubt, die beiden sind "sich näher gekommen", inklusive gemeinsame Abendessen und einer (einvernehmlichen) On/Off-Sexbeziehung. Der damals 45-jährige habe sie auch seiner Mutter vorgestellt. "Ich fühlte mich so, als ob ich musste", gab sie dem New Yorker zu Protokoll. Einer ihrer Filme war kurz vor dem Start und sie wollte Weinstein "nicht erzürnen", weil er ihre Karriere hätte zerstören können.
Es ist also nicht das Stockholm-Syndrom, sondern die Karriere. An der Stelle wage ich die Frage einzuwerfen: Wäre der Peiniger nicht Weinstein gewesen, sondern zum Beispiel der Typ, der ihr vor dem Hotel den Parkschein gab, wäre sie dann auch zu dem Parkschein-Typen für eine Party ins Hotelzimmer gegangen und hätte ihn widerwillig massiert? Oder hätte sie vielleicht in einem viel früheren Stadium eine rationale Entscheidung getroffen, nämlich die Notbremse zu ziehen und zu verschwinden? 

Während Argento in Hollywood für ihre Enthüllung gefeiert wurde wie eine Superheldin, hielten sich ihre Landsleute mit dem Applaus zurück. Prominente Italienerinnen kritisierten sie scharf und stellten öffentlich die Frage, warum sie über die angebliche Vergewaltigung nicht früher sprach, zumal sie ja freiwillig aufs Hotelzimmer ging. Aufgrund des öffentlichen "Bashings" – und der zweifellos beleidigenden Vorwürfe einiger Kolumnisten – kündigte Argento laut der US-Website Quartz an, von Italien nach Deutschland zu ziehen.

Bevor jetzt alle aufschreien: Ich bin der Meinung, ein Nein ist immer ein Nein. Wenn ein Mann (oder eine Frau) eine offensichtliche Ablehnung des Gegenübers an einem bestimmten Punkt noch immer nicht begriffen hat (diesbezüglich existieren ja einige Exemplare), ist spätestens bei einem Nein der ultimative Rückzug geboten. Niemand, egal, wie naiv, egal wie kurz der Rock, egal wie flirt-reich das Gespräch zuvor war, ist je schuld an einer erlebten Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff ist durch nichts auf dieser Welt gerechtfertigt.

Die von Schauspielerin Alyssa Milano initiierte #MeToo-Bewegung wurde nach den Weinstein-Enthüllungen zum Renner in den sozialen Medien. Tausende Frauen weltweit erzählten von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Sein Leid mit anderen zu teilen, ist gewiss eine Befreiung – nur bergen solche öffentlichen Offenbarungen auch das Risiko von Mitläuferinnen, von Übertreibungen. Die US-Journalistin Michelle Malkin schrieb in einem Artikel für The Daily Wire, die #MeToo-Bewegung sei ein kollektives Virtue Signalling (signalisieren der eigenen Tugendhaftigkeit) der sehr gefährlichen Sorte: "Behauptungen sind keine Wahrheiten, bis sie als Fakten bewiesen und durch Beweise erhärtet worden sind." Und: "Ich glaube nicht jeder Frau, die jetzt ihre Geschichte erzählt. Ich schulde keiner anderen Frau Loyalität, nur weil wir das selbe Pronomen teilen." Weil Malkin, die auch Moderatorin der Sendung "Michelle Malkin Investigates" bei CRTV.com ist, sich das Recht vorbehält, "Behauptungen individueller Kläger von sexuellen Übergriffen gründlich zu untersuchen, anstatt sie reflexartig und pauschal als 'Opfer' zu verteidigen", wurde sie gefühllos und unmenschlich geschimpft.

Malkin ist sich sicher, dass viele Anschuldigungen gegen Weinstein stattgefunden haben. Dennoch schreibt sie: "Erfahrung und wissenschaftliche Literatur haben gezeigt, dass sich ein signifikanter Teil der Anschuldigungen oft als Unwahrheiten herausstellt, als Übertreibungen oder Erfindungen." Malkin zitiert eine Statistik von Brent Turvey, einem forensischen Wissenschaftler und Profiler, der das Thema "falsche Anschuldigungen" in seinem gleichnamigen Buch während Jahrzehnten erforscht hat. Gemäss Turney's Bericht liegt die Zahl von falschen Anschuldigungen bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in den Vereinigten Staaten zwischen 8 und 41 Prozent.

Gemäss dem ehemaligen Basler Kriminalkommissar Markus Melzl werden in der Schweiz und in Deutschland keine Zahlen erhoben, in wie vielen Fällen von Sexualdelikten es sich um falsche Anschuldigung handelt. In der Schweizerischen Kriminalstatistik werden die beiden Straftatbestände Art. 303 (falsche Anschuldigung) und Art. 304 (Irreführung der Rechtspflege) nur zusammen ausgewiesen. Laut Melzl ist es aber gerade bei Delikten ohne Zeugen oder Spuren extrem wichtig, akribisch zu arbeiten und zu ermitteln: "Dazu gehören auch kritische Fragen an die Opfer, was manchmal von den Opfern selbst und den Angehörigen nur schwer verstanden wird. Zuerst heisst es dann immer 'aha, die glauben mir nicht und wollen mir da etwas unterstellen'".

Mit Bewegungen wie #MeToo den Finger auf Missstände zu legen, ist legitim. Und wie wir im Fall von "House of Cards"-Hauptdarsteller Kevin Spacey sehen – der vor 31 Jahren einen damals 14-Jährigen sexuell belästigt haben soll – ermutigt es Menschen nun, auf ihre Peiniger zeigen.

Nur differenziert die Kampagne nicht zwischen sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Die Journalistin Daniella J. Greenbaum fasst es im US-Politmagazin Commentary so zusammen: "In dem man Belästigung mit tätlichen Übergriffen gleichsetzt, wie es die Kampagne tut, erweist man jenen Frauen, die unsere Unterstützung am meisten brauchen, einen schlechten Dienst." (männliche Opfer sind bei ihrer Analyse gewiss miteingeschlossen).

Auch scheint die Kampagne zu einer Art digitaler Hexenjagd gegen das männliche Geschlecht mutiert – in unzähligen Tweets werden Männer derzeit ohne kritische Auseinandersetzung pauschal verunglimpft. Das ist lächerlich, denn auch wenn gewisse Männer Frauen (oder Männer) sexuell belästigen, tun es nicht alle. Ein Effekt des Rundumschlags: Die Haltung von Männern ändert sich. "Ich habe Frauen früher beruflich gerne und stets gefördert", erzählt mir der Chef eines Deutschen Unternehmens. "Das tue ich heute nicht mehr, weil ich einfach keine Scherereien möchte."

Es kommt einem ein bisschen so vor, als ob diese späten Enthüllungen und pauschalen Anschuldigungen samt ihrer Instrumentalisierung heute eine Art Überkompensation sind für jahrzehntelange Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen. Ob die Diskussionen schlussendlich dazu beitragen, dass Gewalt an Frauen tatsächlich abnimmt, oder ob damit nicht einfach ein Keil zwischen die beiden Geschlechter getrieben wird, bleibt abzuwarten.


veröffentlicht in der BaZ, 25.10.2017







Die unbequeme Wahrheit

"Die unbequeme Wahrheit ist, dass die weisse Rasse die gewalttätigste und unterdrückendste Naturgewalt auf Erden ist." Munroe Bergdorf macht kein Geheimnis aus ihrer Abneigung gegen eine bestimmte ethnische Gruppe. Rassismus sei "nicht erlernt" sagt sie weiter, sondern "geerbt" und "weitergegeben durch Privilegien". Bergdorfs Kommentare wurden vergangene Woche in einem Videoclip bei der britischen BBC ausgestrahlt.

Munroe Bergdorf, 30, gemäss eigener Aussage eine "Transgender mixed race person", ist ein britisches Model. Globale Bekanntheit erlangte sie im August, als die Kosmetikfirma L'Oréal sie im Zuge ihrer "Diversitäts-Initiative" zum "Gesicht der neuen Diversität" kürte – und die Zusammenarbeit vier Tage später wieder beendete, nachdem Bergdorf auf Facebook rassistische Kommentare über weisse Menschen postete.

In dem BBC-Clip wiederholt Bergdorf diese Aussagen fast wortgetreu, nur scheint die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt kein Problem damit zu haben, dem Model eine Plattform zu bieten für Kommentare, die, kämen sie von einer berühmten weissen Persönlichkeit, zweifelsohne unter Hatespeech fielen, und aufgrund derer sie von einem privaten Unternehmen entlassen wurde. Der grosse Aufschrei blieb aber aus. Ausser ein paar wütenden Twitter-Kommentaren fand keine nennenswerte Empörung statt. Als "Transgender mixed race person" darfst du offenbar etwas, das andere nicht dürfen: Eine ethnische Gruppe pauschal verunglimpfen.

Dass dem Rassismus in unserer Gesellschaft, je nach Richtung, aus der er kommt, ein unterschiedliches Mass an Kritik entgegenschlägt, zeigt auch das Beispiel des bekannten US-Rappers Talib Kweli Greene. Greene beschimpfte neulich den konservativen Journalisten Ben Shapiro auf Twitter als "white boy". "Weisser Junge" ist wie "schwarzer Junge" eine auf Hautfarbe basierende Beleidigung. Von Shapiro auf Twitter darauf angesprochen, schrieb Greene: "Was ist das Problem, weisser Junge? Du meinst, 'weisser Junge' ist rassistisch? Wow. Du bist dümmer als ich dachte." Und Shapiro solle sich unterstehen, ihn "schwarzen Jungen" zu nennen, das sei rassistisch. Umgekehrt nicht, denn weisse Menschen könnten nicht wirklich Opfer von Rassismus sein. Der grosse Aufschrei über Greenes Bemerkungen, dem auf Twitter immerhin über eine Million Menschen folgen, blieb aus.

Yusra Khogali, die Mitbegründerin der Black Lives-Matter Bewegung Toronto ist schon mit einer ganzen Reihe von extremen, rassistischen Kommentaren aufgefallen. Laut einem Blog in der Huffington Post vom 8.2.2017 sinnierte sie einmal öffentlich darüber, dass weisse Menschen wegen ihrer weissen Haut Untermenschen seien ("sub-human"). Wie der Blogautor James Di Fiore schreibt, stützte sie ihr Behauptung damit, dass weisse Menschen keinen hohen Anteil an Melanin hätten, das hindere sie daran, Licht aufzunehmen und somit auch den Sinn für moralische Klarheit ("moral clarity"). Im Februar 2016 twitterte sie schon: "Bitte Allah gibt mir die Kraft, diese Männer und weissen Leute heute hier nicht zu verfluchen/töten. Bitte. Bitte. Bitte." Gemäss der kanadischen Zeitung Toronto Sun schrieb sie auf ihrer Facebookseite von weissen Menschen, die "rezessive, genetische Defekte" seien. Ausser beim Autor, der in seinem Huff-Blog Khogalis Rücktritt von der Black Lives Matter-Bewegung forderte, und einigen wütenden Reaktionen in den sozialen Medien, blieb die politische und mediale Empörung auch hier aus.

Dass für Menschen wie Khogali, Greene oder Bergdorf andere Massstäbe gelten und diese moralische Inkonsistenz in Teilen der Gesellschaft verankert zu sein scheint, zeigt auch der US-Blog Rabbe.ca. Unter dem Titel "Weisse Menschen haben kein Recht, Yusra Khogali's Wut zu kritisieren" erklärt der Autor, dass Menschen, die unter dem "Rassismus-Problem des Systems" leiden, nicht verantwortlich gemacht werden dürfen für ihre zornigen Äusserungen – diese Aktivisten hätten einzig eine "Verpflichtung gegenüber ihrer Bewegung".

Es ist gewiss so, dass aufgrund der Geschichte weisse Menschen sensibler sein sollten, sensibilisierter im Umgang mit ethnischen Minderheiten. Die Anfeindungen, mit denen ihre Angehörigen manchmal heute noch zu kämpfen haben, sind real. Missstände existieren. Rassismus existiert. Und es ist wichtig, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. In der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Das Bewusstsein der Gesellschaft dafür zu schärfen. Niemand sollte aufgrund seiner Herkunft oder seines Geschlechts diffamiert werden.

Diese Tatsache ändert aber nichts daran: Rassismus ist Rassismus, egal, von welcher Gruppe er kommt. Historische Diskriminierung oder aktuelle Missstände sind keine Persilscheine für weiteren Rassismus, für rassistische Kommentare auch nicht. Jene nun Schweigende, die ansonsten schnell sind mit dem Anprangern von Ungerechtigkeiten, solange es dem "richtigen" Zweck dient – Medien, Politik, Promis, Aktivisten und Meinungsmacher – drücken hier offenbar ein Auge zu. Vergangenes Unrecht mit einer Art Über-Kompensierung wettzumachen wollen, ist aber der falsche Weg um das Problem zu lösen.

Munroe Bergdorf wird Ungerechtigkeiten erlebt haben, ihr Frust, ihr Zorn ist verständlich. Indem sie aber genau das tut, was sie anderen vorwirft – mit dem Finger pauschal und immer wieder auf eine Gruppe von Menschen zu zeigen, ohne die Unterscheidung zu tatsächlichen Rassisten vorzunehmen – zwingt sie die Öffentlichkeit, sich auf eine Seite zu schlagen. Sie erreicht damit, dass Leute Hautfarbe eher wieder mehr gewichten, anstatt sie einfach als Attribut wie etwa Haarfarbe wahrzunehmen – und dass somit das Kategorisieren von Menschen in Gruppen eher wieder zu- statt abnimmt.

Das Resultat: Aufkeimende Wut über die ungleichen Moral-Kompässe, Wut unter den Beschuldigten und eine Gesellschaft, die sich mehr und mehr spaltet. Auch das ist Teil der unbequemen Wahrheit.



veröffentlicht in der BaZ am 19.10.2017

Freitag, 13. Oktober 2017

Harvey Weinstein & Hollywood: Kultur des Verdrängens

Es war im Hauseingang, als er mich beim Abschied gegen die Wand drückte und mir jäh und unbeholfen seine Zunge in den Mund stiess. Ich war knapp 20, lebte seit kurzem als Schauspielschülerin in Hollywood, er Filmproduzent um die 50, ein bisschen bekannt, nicht unsympathisch. Nach einer Party fuhr er mich nach Hause und vergass dabei auch nicht, die noch unbesetzte Rolle in seinem nächsten Projekt zu erwähnen. "Karriere gelauncht!" war mein naiver, erster Gedanke. Wir stehen dann aber vor der Tür, ich winde mich aus seiner Klammerumarmung, stammle etwas von einem Freund und husche in meine Wohnung. Falls die Rolle je existierte, ging sie an eine andere. Ich empfand etwas zwischen Scham und Schaudern, hakte den Vorfall unter "unwilkommene Avancen" ab, das Leben ging weiter.

Manche Schauspielerinnen (auch Schauspieler) schlafen mit Produzenten, um eine Rolle zu bekommen. Ganz freiwillig. Und jetzt bitte keine Moralpredigt. Ich weiss es, ich habe fünf Jahre lang in Hollywood gelebt und in Filmkreisen verkehrt. Gefallen für Gefallen? Man kann es ablehnen oder annehmen – ein Urteil über Letzteres sollte sich niemand anmassen. Es ist wie ein einvernehmliches Tauschgeschäft. So naiv, verletzlich und hilflos, wie Frauen ständig von Feministinnen dargestellt werden, sind sie nicht.

Zum Fall Harvey Weinstein. Er hat, wie die New York Times aufdeckte, Frauen über Jahrzehnte sexuell belästigt und genötigt. Die Anschuldigungen reichen von dem wiederholten Bitten und Drängen nach Massagen, ungewollten Berührungen, bis hin zu drei Vergewaltigungsvorwürfen.

Bei Weinstein war es kein Tauschgeschäft. Er verlangte etwas von den Frauen das sie ihm nicht geben wollten, und das haben sie ihm signalisiert. Weinstein, der so manchen aufstrebenden Schauspieler zum Star machte, darunter Matt Damon und Gwyneth Paltrow, wird wohl ständig attraktive und aufregende Frauen um sich herumgehabt haben. Er war nicht nur mächtig, Weinstein war der Inbegriff einer gigantischen Chance. Er wird sich gewöhnt gewesen sein, dass Frauen seine Einladungen zum Abendessen, zum Schlummerdrunk oder zu mehr annahmen. In einer perfekten Hollywood-Welt sind selbstverständlichsind alle tugendhaft, arbeiten hart, und die Person mit dem grössten Talent bekommt die Rolle. In Realität gehst an 100 Castings, konkurrierst dort mit 500 Frauen, alle schöner, schlanker, besser vernetzt, merkst, dass du dich an dem Ort der unheilvollen Allianz aus Ehrgeiz und Lebenstraum kaum durchzusetzen vermagst und entscheidest dich vielleicht für eine Abkürzung – lässt dich freiwillig mit einem wie Weinstein ein.

Und bevor jetzt alle aufschreien: Ich will hier nicht die Vergehen von Weinstein kleinreden oder verteidigen. Im Gegenteil: Seine Verfehlungen können durch nichts entschuldigt werden. Männer wie er sind Schweine. Was er getan hat, hat mit Tauschhandel nichts zu tun. Seine Machtposition ausnützen, Frauen zu sexuellen Handlungen nötigen, sie einschüchtern, ihnen drohen, ist verwerflich, abscheulich, gehört bestraft – die Vergewaltigungen, sollten sie sich als wahr herausstellen, gehören hart bestraft. Heute, wo unsere Gesellschaft weiterentwickelt ist, sensibilisierter und aufgeklärter, ist es für Opfer von sexuellen Belästigungen und Übergriffen zum Glück einfacher als vor 30 Jahren, ein offenes Ohr oder Hilfe zu finden.

Gemäss der New York Times war Weinsteins Ruf als Sexjäger "das am schlechtesten gehütete Geheimnis in Hollywood und New York". Auch Schauspielerin Jessica Chastain schreibt in einem Tweet, sie sei von Anfang an gewarnt worden: "Die Geschichten waren überall. Das zu leugnen erzeugt ein Umfeld, wo es wieder passiert." 

Dass Schauspieler und Superstars, Regisseure und Produzenten, wie sie jetzt in ihren Statements beteuern, allesamt während 30 Jahren nichts davon gewusst haben wollen, mutet schon etwas fragwürdig an.

Geradezu heuchlerisch aber ist es, wie Hollywoods selbsternannte Gralshüter der Moral in ihren Statements jetzt pingelig genau darauf bedacht sind, den Anschein von kategorischer Ehrenhaftigkeit zu vermitteln, als habe noch dort nie jemand seine persönliche Würde ein Stück weit für den beruflichen Erfolg zurückgestellt. Hollywood, die Stadt der Träume, Hoffnungen, aber auch des komprimierten Opportunismus, hat zwei Seiten. Hätte ich mich damals mit dem Typen eingelassen, wäre ich heute Schauspielerin? Ehrlich gesagt, die Frage habe ich mir schon in aller Sachlichkeit gestellt.



Der Beitrag erschien in kurzer Version zuerst in der Basler Zeitung. 

NFL Hymnen-Boykott: Drama in 4 Akten

Vom Protest einiger NFL-Spieler zur Massen-Hysterie-Bewegung gegen Donald Trump – Chronologie eines Kulturkampfes, in dem es nur Verlierer gibt.

1. Akt. Im Sommer 2016 kniet NFL-Star Colin Kaepernick aus Protest gegen Rassendiskriminierung zur Hymne nieder. Die Hymne ist weltweit ein Symbol, das Menschen vereint, ein Stück Heimatstolz. Weil aber ganz besonders für die Amerikaner Flagge und Hymne für Unabhängigkeit stehen, für gefallene US-Soldaten, für den Zusammenhalt der 50 Bundesstaaten und zu einem Spiel gehören wie Hotdogs, fallen die Reaktionen auf Kaepernicks Protest entsprechend ambivalent aus.

2. Akt. Vergangenes Wochenende protestieren über 150 NFL-Profis nach Kaepernick-Vorlage zur Hymne kniend gegen Polizeigewalt gegen Schwarze. Viele Amerikaner unterstützen den Protest. Etwa genauso viele halten ihn für die masslose Respektlosigkeit einiger überbezahlter, privilegierter Millionäre gegenüber ihrem Land und seinen Bewohnern, insbesondere aber gegenüber Kriegsveteranen, die weit weniger privilegiert sind, aber ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um für diese Flagge zu kämpfen.

3. Akt. Die Kontroverse spitzt sich zu, als sich am Freitagabend in einer Anwandlung von Wahnsinn Donald Trump einmischt. Während einer Rede sagt er laut Daily Mail: "Würde man es nicht gerne sehen, wenn einer dieser NFL-Besitzer zu jemandem, der unsere Flagge nicht respektiert, sagt 'nehmt diesen *****sohn vom Feld. Raus! Er ist gefeuert!'". Später ruft er in wütenden Tweets zum Boykott der NFL auf, fordert, dass protestierende Spieler entlassen werden. "Wenn ein Spieler das Privileg möchte, Millionen von Dollars in der NFL oder anderen Ligen zu verdienen, sollte es ihm oder ihr nicht erlaubt sein, unsere grossartige amerikanische Flagge (oder das Land) nicht zu respektieren und er sollte sich zur Nationalhymne erheben. Wenn nicht, BIST DU GEFEUERT. Finde etwas anderes, das du tun kannst!" In dem Moment mutiert die "Take a knee"-Demo von NFL-Spielern gegen Diskriminierung zur ultimativen Protestbewegung NFL, Sportler, Demokraten, Medien gegen Donald Trump. Und weil Trumps Gegner gelegentlich zu ekstatischen Kurzschlussreflexen neigen, schlagen sie vor: Alle sollten nun zur Hymne knien.

Irgendwo an der Stelle schaltet sich die NFL öffentlich ein, verurteilt Trumps Kommentare. Nur hat sie die Rechnung ohne einen Teil der Amerikaner gemacht, der mit dem "Opportunismus" (The Daily Wire) der mächtigen Liga bestens vertraut ist. Die US-Website The Daily Wire frischt auf: 2014 engagierten sich Spieler der St. Louis Rams in einem "Hands Up, Don't Shoot"-Protest – die Liga unternahm nichts. Nach dem Massaker von Schwarzen Radikalen an Polizisten wollten die Dallas Cowboys-Spieler zu Ehren der getöteten Polizisten Abziehbilder der Dallas Polizei tragen – die NFL lehnte das ab. Das Knien während der Hymne von Kaepernick und anderer Spieler – es ging für die NFL in Ordnung. Als einige Profis am 11. September 2016 spezielle Schuhe tragen wollten, um die 9/11-Toten zu ehren, drohte die NFL mit Bussen.

4. Akt. Zu Sinnbildern des inzwischen Kontinent-umspannenden Streits werden am Sonntag die NFL-Spieler Alejandro Villanueva und LeSean McCoy. Ersterer tritt als einziger seines Teams aus der Kabine, präsentiert sich zur Hymne stehend, dafür wird er von Konservativen und Trump-Anhängern gefeiert und sein Trikot zum Verkaufsschlager. Letzterer entschied sich während des Gesangs für Stretch-Übungen. Was aber macht Tom Brady, Patriots-Legende und Trump-Freund? Kniet er, kniet er nicht? Brady kniet nicht, hakt sich aber solidarisch bei den Teamkollegen ein. Dem US-Radio WEEI sagt er montags über Trump: "Sicher widerspreche ich seiner Aussage. Ich finde, sie ist einfach nur entzweiend." Etwa zeitgleich brilliert Neo-Nationalheld Villanueva bei ESPN mit der Sportler-Aussage des Jahres: Sein Gang aus der Kabine sei ein Missverständnis gewesen, er habe nur die Flagge sehen wollen. Soweit der Überblick bis Mittwoch.

Fest steht: Der friedliche Protest der Sportler ist legitim – genauso legitim wie die Kritik daran. Auch Donald Trump darf Kritik ausüben – nur eben, wie ein Staatsmann. Indem er aber die Entlassung der protestierenden Spieler fordert, agiert er nicht nur kleinkariert, mit solchen Aussagen giesst er Öl ins Feuer einer ohnehin gespaltenen Gesellschaft. Auch greift das Argument "verwöhnte Millionäre" zu kurz, den meisten Spielern sind die Millionen ja nicht in die Wiege gelegt worden. Sie sind zu Superstars und Idolen geworden, weil sie hart trainiert, viel investiert und viel geopfert haben.

Und dennoch: Auch wenn Verständnis da ist für ihren "Take a knee"-Protest, so muten doch Ort und Zeitpunkt befremdlich an. Die Sportler beanspruchen für ihre Kundgebung eine Plattform, die für viele ein Zufluchtsort vom Realitätsalltag darstellt, von Sorge und Leid, oder ein behutsam kultiviertes Momentum der Ehrerbietung ist für vergangene Seelen. Es gäbe doch viele andere, geeignetere Orte für eine Unmutsbekundung, wie etwa Interviews oder Kommentare in grossen Zeitungen, oder in TV-Shows- und Debatten zu dem Thema, man könnte durch Reden an entsprechenden Anlässen die Aufmerksamkeit darauf lenken, Aktivismus-Arbeit bei bestimmten Organisationen und Communities betreiben.

Den Sport aber, diese letzte Bastion der völkerverbindenden Unschuld, mit Politik zu vermengen und für Kulturkämpfe zu vereinnahmen, ist keine kluge Idee, und es lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Denn einen versöhnlichen Abschluss dürfte es hier nicht geben. Es ist keiner da, der die Eskalation aufhalten könnte. Vorhang.


Eine kurze Version des Beitrages erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Filmzensur: Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Weil sie politisch nicht korrekt sind, werden Filmklassiker aus Kinos verbannt

"Wo wir schon dabei sind, es gibt rassistische und sexistische und homophobe Momente in Filmklassikern, die nicht mehr Klassiker sein sollten." Dieser Tweet des prominenten US-Filmproduzenten John Levenstein ("Silicon Valley") im Zuge der Debatte um die Konföderierten-Denkmäler in den USA schlug neulich hohe Wellen. Als wenig später Kinobetreiber im US-Bundesstaat Tennessee eine Vorführung des Kultstreifens "Vom Winde verweht" absagten, war für viele klar: Erst die Statuen herunterreissen, dann die Filme zensurieren. Filmklassiker stellen heute einen weiteren Zankapfel dar im Ringen um die Political Correctness.

Die Kontroverse schwelt schon länger. Angefacht wurde sie von linksliberalen Kreisen in den USA, die fordern: Filmklassiker mit "rassistisch gefärbtem Inhalt" sollten nicht länger als Klassiker eingestuft und am besten ganz aus den Kinosälen verbannt werden. Vermehrt melden sich namhafte Exponenten zu Wort, wie eben Levenstein, der meinte, gewisse Filme würde er sich nicht einmal mehr ansehen, aus Angst, sie heute schlecht zu finden.

Wie soll man eine solche Aussage einordnen? Versuchen wir es mal so: Die moralische Höherstellung heutiger Standards offenbart eine Arroganz gegenüber früheren Gesellschaften. Und ein Unvermögen, Geschichte so akzeptieren, wie sie sich eben ereignete. Während man bei den Statuen immerhin diskutieren kann, ob sich angesichts der gesellschaftlichen Spannungen ihre Verlagerung von öffentlichen Plätzen Museen nicht als bessere Lösung erweist, ist es beim Genre Film eher eindeutig: Meisterwerke, die vor 50, 80 oder 100 Jahren produziert wurden, heute zu degradieren und von Listen oder Lichtspielhäusern zu entfernen, weil deren Inhalt problematisch ist und Gefühle verletzen könnte, ist naiv und falsch. Und: Es ist eine Art der Zensur.

Nehmen wir drei Werke, die, gemessen an heutigen Standards, besonders stark in der Kritik stehen.
Prominentestes Beispiel ist das Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" (1939). Der Film spielt während des amerikanischen Sezessionskrieges und endet mit dem Untergang der Konföderierten. Er ergründet die romantischen Verstrickungen der Scarlett O’Hara mit Rhett Butler und ihrem Jugendfreund Ashley Wilkes und ist eine der wuchtigsten Darbietungen von den Facetten der Liebe, die je verfilmt wurden.

Manche sehen es anders: Ein Artikel von Spiegel Online von 2014 beschreibt die "Schwulstoper" (SPON) als eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: "Amerikas Rassismus lebt weiter fort - und wer wissen will, wie das passieren kann, der muss sich nur 'Vom Winde verweht' antun, jene Ode an die gute alte Sklavenzeit." Gemäss der britischen Zeitung The Independent sagte das Kultkino Orpheum in Memphis, Tennessee, jüngst ein Screening des Klassikers ab: "Das Orpheum kann keinen Film zeigen, der gegenüber einem grossen Teil seiner lokalen Bevölkerung unsensibel ist", so die Betreiber.

Ja, die Botschaft des Films ist rassistisch gefärbt. Und ja, er glorifiziert die Sklaverei. Er bildet ein Stück Geschichte ab, die entmenschlichend war, abscheulich, derer wir uns heute zu recht schämen. Auslöschen können wir sie nicht. Der Film ist dennoch in seinem Plot, der Umsetzung und der technischen Machart von historischer Bedeutung, wird von Millionen Menschen verehrt und – auch nach der dreissigsten Wiederholung – gerne gesehen. Und: Er ermöglichte afro-amerikanischen Schauspielern das Mitwirken im Filmgeschäft – von insgesamt zehn Oscars ging einer an Hattie McDaniel als beste Nebendarstellerin. Damit war sie die erste schwarze Schauspielerin, die den Goldburschen je gewann.

Den Vorwurf der rassistischen Untertöne sowie der ethnischen Stereotypisierung muss sich auch "Breakfast at Tiffany's" (1961) gefallen lassen. Wegen dem von Mickey Rooney mit getapten Augenliedern, Hasenzähnen und einem überzogenen Akzent gespielten Charakter eines Japaners fordern Aktivisten regelmässig, den Streifen von der Liste der Klassiker zu kippen. Erfolglos – in der AMC-Auflistung "The 50 Greatest Romantic Movies" rangiert er auf Rang 7. Die anhaltenden Diskussionen aber warfen einen kleinen Schatten über Rooneys lange, erfolgreiche Filmkarriere.

Als der wohl rassistische amerikanische Film, der je produziert wurde, gilt "The Birth of a Nation" aus dem Jahr 1915. Der über dreistündige Stummfilm erzählt das Leben während des amerikanischen Bürgerkriegs und in der Zeit des Wiederaufbaus in den Südstaaten anhand zweier Familien. Der Stoff stösst einem beim Gucken ziemlich sauer auf, er ist definitiv nichts für empfindliche Gemüter: Die weissen Südstaatler werden in "The Birth of a Nation" als Opfer dargestellt, unterdrückt und gedemütigt von der erstarkenden schwarzen Bevölkerung während der Wiederaufbau-Zeit, der Ku-Klux-Klan als erlösende Truppe, die die Weissen vor den wilden, vergewaltigenden und mordenden Schwarzen rettet. Es wird noch grotesker: Weisse werden durchs Band intelligent gezeichnet, sympathisch und gut, Schwarze und Mulatten dümmlich, unsympathisch und bösartig. Schwarz geschminkte Weisse spielen die Rollen schwarzer Hauptdarsteller (Blackfacing). Der Tiefpunkt: Der Film wurde einst vom Ku-Klux-Klan als Anwerbung für Mitglieder benützt.

Trotz oder gerade wegen der grossen öffentlichen Debatte – es gab Proteste und in einigen US-Staaten war seine Freigabe verboten worden – war das Epos ein riesiger finanzieller Erfolg. Filmwissenschaftler beschreiben seine künstlerischen und filmtechnischen Innovationen als bahnbrechend und den Film deswegen als das "vielleicht bedeutendste und einflussreichste Werk der amerikanischen Filmgeschichte". 1998 wurde "The Birth of a Nation" vom American Film Institute in die "Top 100 American Films" gewählt.

Alle drei Beispiele (und es gäbe noch zahlreiche andere) haben eines gemeinsam: Sie sind in einer Zeit produziert worden, wo andere moralische Standards und auch eine andere Art von Humor herrschten als heute. Es ist anzunehmen, dass die Filmemacher mit ihren Werken keine schlechten Absichten verfolgten. Sie waren keine Rassisten. Meisterwerke, die in einer anderen Epoche erschaffen wurde, aus dem Kontext der damaligen Zeit zu nehmen und gemäss heutigen Moralstandards zu beurteilen, ist nicht nur als Einwand gegen die künstlerische Freiheit zu werten, sondern auch als Akt moralischer Überheblichkeit. Denn Moral ist nicht universell, sie ist gebunden an eine Zeit – was heute moralisch verwerflich ist, war es damals nicht, oder nicht im gleichen Masse. Was eine Gesellschaft in hundert Jahren für verwerflich hält, ist es für uns heute vielleicht nicht.

Geschichte wird durch Filme weitererzählt und auch interpretiert. Sie sind ein Instrument, das uns zeigt, wie es früher war und wie die Gesellschaft sich geändert hat. Das heisst nicht, dass wir diese Streifen nicht kritisch beurteilen dürfen, Filme können, ja sollten kontroverse Debatten auslösen, eine Herausforderung für den Zuschauer sein. Aber Rassismus oder Sexismus anzuprangern in jahrzehntealten Werken und sie aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist eine ungeeignete Form der Geschichtsaufarbeitung – wer die Vergangenheit auslöschen will, lernt nichts für die Zukunft.

Und, ganz nebenbei: Es ist doch vor allem das Publikum mit seinen Kinoticket- und DVD-Käufen, das entscheidet, welches Werk zum Klassiker wird und welchen Film es in den Lichtspieltheatern dieser Welt sehen möchte.


Der Beitrag erschien in kürzerer Version in der Zürcher Weltwoche vom 21.9.2017





Samstag, 16. September 2017

En Vogue: Extrawurst

Bitte lehnen Sie sich zurück und lassen Sie wenn nötig ein Schmunzeln zu – aus der Reihe "Absurditäten: Genration Schneeflocke" haben wir wieder einmal ein paar Blüten herausgefiltert.

Gemäss dem ehemaligen Oxford-Absolventen und Historiker Dominic Sandbrook wenden übersensible Studenten heute eine neue Praktik an, um sich vor den schlimmen Dingen dieser Welt zu schützen: Sie verlangen nach Spezialbehandlungen. Zu den skurrilsten seiner Beispiele zählte eine ehemalige Jusstudentin. Sie verklagte die Oxford Universität wegen "Verlust von Einkommen", weil die Universität ihr trotz ihrer "chronischen Angst" eine Spezialbehandlung verweigerte – die junge Dame wollte die Prüfung mit einem Laptop in einem privaten Raum und ablegen. Die Ablehnung habe sie zu einer einjährigen Ausbildungspause genötigt und führte so zum Verlust eines Jahreseinkommens.
Weil sie an "Angst und Depression" leide und "eine wirklich langsame Leserin" sei, wünschte eine ehemalige Studentin des Balliol College in Oxford verlängerte Deadlines. Das College weigerte sich, sie verliess es später.
Studenten des Pembroke College in Cambridge verlangten eine Umstellung des Mensa-Menüplans, da Gerichte wie Jamaican Stew oder Tunisian Rice "rassistische Mikroaggressionen" seien.
In Oxford störten sich Studenten an einer kleinen Statue des ehemaligen Politikers und Oxford-Mäzen Cecil Rhodes. Sie formierten sich in einer Protestbewegung um das Denkmal herunterzureissen. Dass die Statue, wie Sandbrook in seinem Daily Mail-Artikel schreibt, hoch über einer Strasse stand, wo sie kaum jemand sehen konnte und ihre Präsenz für Bewohner von Oxford überhaupt keinen Unterschied machte, spielte für die aufgebrachten 20-jährigen keine Rolle. Laut dem Historiker ging es ihnen auch gar nicht um die Bewohner, sondern nur um sich selbst: "Einfach die Strasse entlang zu gehen, in einer der privilegiertesten Bildungsanstalten der Welt, war offenbar genug, um sie zu Tränen zu rühren."

Aus den USA kommt dieser laut Sandbrook "sehr giftige Narzissmus" bekannterweise her, konkret aus universitären linksliberalen Kreisen. Kein Wunder also, sind sie dort empörungsmässig (bislang noch) weiter geschult als in Europa: Weil Bücher wie "The Great Gatsby" oder Shakespeare's "The Merchant of Venice" teilweise "anstössig und beleidigend" seien, forderten Studenten für diese literarischen Werke Trigger Warnings (Warnhinweise). In Yale veranstalteten Hochschüler 2015 eine regelrechte Hexenjagd auf einen Professor, weil er ihre "verletzten Gefühle" angesichts der "beleidigenden Halloween-Kostüme" nicht ernst genommen habe. Als Professor Nicholas Christakis, der bis zu dem Eklat zu den renommiertesten Dozenten in Yale gehörte und als Wissenschaftler und Bestseller-Autor globales Ansehen geniesst, der entrüsteten Gruppe seine Sicht erklären wollte, kreischte eine Studentin unter Tränen: "Warum zum Teufel hast du diesen Job nur angenommen? Du solltest zurücktreten!" Es ginge nicht darum, eine intellektuelle Umgebung auf dem Campus zu schaffen. "Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!" Eine andere Studentin schrie: "Wir sterben hier!"

Eigentlich könnte man diese übersensitiven Kinder einfach belächeln, die an ihren Elite-Unis alle Vorzüge dieser Welt auf ihrer Seite haben und dennoch in selbstmitleidiger Empörung schwelgen und die Polizei rufen wollen, wenn sie sich beleidigt fühlen (kein Scherz). Die zu privilegientrunken sind um zu merken, dass es gerade umgekehrt ist, dass es sie sind, die ihre Mitmenschen mobben. Nur haben sie eben Erfolg mit ihrer Masche der Dauerempörung. Laut dem Zeit Online-Artikel "Die Debatten-Polizei" von 2016 ist Kritik an den Studentenprotesten innerhalb amerikanischer Universitäten mittlerweile weitgehend tabu: "Niemand will auf der Seite der Unterdrücker, der privilegierten Mehrheit stehen. Insbesondere weisse, männliche, heterosexuelle Professoren können es sich kaum mehr leisten, die Proteste offen zu kritisieren", schreibt der Autor, der anonym bleiben wollte. Professoren mit Festanstellung seien sich ihres Jobs zwar einigermassen sicher, Ziel einer Hexenjagd möchte dennoch niemand werden.

Natürlich gibt es auch die anderen Studenten. Jene, die eine Universität als Ort der geistigen Arbeit und der Herausforderung verstehen. Ihr Fokus ist das Lernen, und nicht das Fordern und Zelebrieren eines Lifestyles, der während der nächsten drei bis sechs Jahre möglichst cool und bequem zu sein hat. Angesichts der Vorkommnisse an den Elite-Unis scheint diese Gruppe jedoch zunehmend von der anderen eingeholt zu werden.

Ein Weltuntergang ist das nicht. Nur, die Schneeflocken-Studenten von heute sind vermutlich die Politiker und Behördenvorsteher von morgen (nicht die CEO's, dafür sind sie wohl nicht leistungsfähig genug). Sie werden dann Meinungen von Mitarbeitern, die nicht in ihre Weltsicht passen, diskreditieren. Sie werden an jeder Ecke Diskriminierung ausmachen, Rassismus, Sexismus auch. Und deshalb Safe Spaces so gross wie Kirchen bauen. Sie werden Leute einstellen aufgrund von Quoten und nicht aufgrund von Leistung und Verdienst. Sie werden das Opfersystem pflegen und weiterentwickeln. Sie werden es als Sieg der sozialen Gerechtigkeit über eine böse, patriarchalisch geprägte Gesellschaft zelebrieren.

Es gibt da dieses berühmte Zitat von Otto von Bismark, der für viele als einer der grössten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts gilt. Von Bismark sprach damit zwar das Geld an, aber es lässt sich auch auf die Wertekultur der soeben beschriebenen Studentengeneration münzen:

"Die erste Generation verdient das Geld,
die zweite verwaltet das Vermögen,
die dritte studiert Kunstgeschichte
und die vierte verkommt vollends." (Übrigens: Nichts gegen Kunstgeschichte).

Schmunzeln Sie noch immer?

Wenn ein Deux-Pièces politisch wird

Das Vanity Fair hat unlängst seine berühmte, jährlich erscheinende "Best dressed"-Liste veröffentlicht. Zu den am vortrefflichsten gekleideten Persönlichkeiten aus dem Politsektor im 2017 zählen laut dem Modemagazin Michelle und Barack Obama, Frankreichs Première Dame Brigitte Macron mit Gatte Emmanuel sowie der Kanadische Premierminister Justin Trudeau. Nicht hinreichend gut gekleidet und deshalb der Liste fern: Melania Trump.

Nun gibt es ja alle möglichen Geschmacksgründe. Die modische Interpretation des "Vanity Fair" mutet aber umso eigenwilliger an, je genauer man sich die stofflichen Highlights besagter Gefeierter ansieht: Justin Trudeau machte modemässig zuletzt mit Socken mit Regenbogen-Streifen von sich reden, verziert mit der Aufschrift "Eid Mubarak" (muslimische Begrüssung), die er bei der Gay-Pride-Parade in Toronto zur Schau trug. Emmanuel Macron gab sich beim Besuch eines Luftwaffenstützpunktes unlängst dem Spott der Franzosen preis, als er im Kampfpilotenanzug einen auf Tom Cruise machte (er selbst hat nie Militärdienst geleistet). Gattin Brigitte ist vor allem bekannt für ihre Minis, die sie bei offiziellen Empfängen vorzugsweise trägt – wie etwa das weisse Kleidchen beim Treffen mit den Trumps in Paris. Das Teil kam ihren wohlgeformten Beinen zwar entgegen, wirkte aber modisch so deplatziert wie eine Trachtenlederhose an einer Chanel-Show und liess sie zudem aussehen, als käme sie gerade von einer Krankenstation.

Seit sie First Lady ist, pflegt Melania Trump bei ihren Auftritten mimik- und gestikmässig stets klassische Zurückhaltung, die sich auch in ihrer ausnahmslos dem Anlass entsprechenden Garderobe widerspiegelt: Bei formellen Empfängen trägt sie meist knielange Bleistiftkleider, je nach Wetterlage mit verspieltem Muster oder unifarbene Deux-Pièces, abends sind ihre Roben fliessend, von femininer Eleganz. Nie wirkt sie aufdringlich, oder billig oder macht den Anschein, ein verjüngendes oder pompöses Image promoten zu wollen. Und wenn sie im Hurricane-Katastrophengebiet eben in Highheels erscheint – und dafür von Trump-Kritikern als "abgehoben" gerügt wird –, zieht sie nur ihre persönliche Linie durch. Kurz: Die Frau hat Stil. Weil sie aber mit dem falschen Mann verheiratet ist, ist es vielen unmöglich, sich in irgendeiner Form Anerkennung für das ehemalige Model abzuringen.
Ginge es nach dem Urteil von Vanity Fair, würde sie wohl auch im direkten Vergleich mit Leuten, die in Müllsäcke gehüllt sind, modemässig abfallen.

Wenn ein Mangel an Unterscheidungsvermögen den Verstand pausieren lässt, wird es zusehends absurder. Dann wird Kunst, ja sogar Mode für Politik missbraucht. Wir erinnern uns an die Künstler, die mit Forderungen wie "Ivanka, häng meine Bilder ab" ihrer Verachtung ob der Politik ihres Vaters Aufmerksamkeit verleihen wollten. An Aktivisten, die zum Boykott an ihrer Modemarke aufriefen. An Designer, die medienwirksam mitteilten, dass sie Melania nicht einkleiden würden.

Natürlich geben die Herren Macron und Trudeau optisch etwas her, auch Brigitte Macron oder Michelle Obama tragen schöne Gewebe und edle Schnitte. Nur mutet es eher als Scherz an, wenn sie alle besser gekleidet sein sollen als die amerikanische First Lady – und es wirft die Frage auf, warum eigentlich Angela Merkel nicht mitausgezeichnet wurde.

Das alles bietet selbstverständlich nicht genug Stoff für übermässige Empörung, auch beschreibt es nicht den Untergang der Mode, höchstens einen schlechten Stil. Aber es offenbart die Erkenntnis, dass diese angeblich Trend-vorgebenden Listen ihre Unschuld verloren haben – vielleicht sollte "Vanity Fair" sie einfach umbenennen in "Menschen, die wir mögen".
Eine sachliche Auseinandersetzung, das Abstrahieren zwischen Mensch und Politik findet jedenfalls kaum mehr statt. An seiner Stelle wird ein Charakter untrennbar an seine Meinung getackert, Rationalität ausgetauscht gegen Emotionalität. Es ist ja auch zu unerträglich, der Frau eines ungeliebten Präsidenten ein My Anerkennung zu zollen. Fest steht: Bei der Masse zu punkten vermag heute nur noch jener mit der "richtigen" gesinnungspolitischen Haltung.
Kleingeistiges Schubladendenken – es ist die neuste Mode.


Eine kurze Version des Beitrags erschien in der BaZ am 14.8.2017

Nur Frauen, geht das gut?

Mit Leidenschaft verfolgt Hollywood derzeit sein Bestreben, die Diversität zu fördern bei der Filmbesetzung. Einerseits möchte man mit dem Aufsprengen der männlichen Dominanz bei Hauptrollen das globale Kinopublikum besser repräsentieren, andererseits Schauspielern aus Minderheitengruppen zu mehr Rollen verhelfen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen; Studios und Produzenten dürfen selbstverständlich mit ihren finanziellen Mitteln jene Filme schaffen und mit jenen Schauspielern besetzen, von denen sie sich Erfolg versprechen.

Zu den Diversitäts-Aktionen zählen Neuverfilmungen mit Geschlechtertausch: Man nimmt erfolgreiche Originale, belässt den Plot beim Alten – und ersetzt Hauptdarsteller mit Hautdarstellerinnen. In der Annahme, (versierte) Komödiantinnen könnte ohne Weiteres in die Rollen von Bill Murray und Dan Aykroyd schlüpfen, ohne dass der Film an Originalität oder Humor einbüsst, vereinnahmte man vergangenes Jahr "Ghostbusters" (1984). Die Kultkomödie wurde in dem Remake zur grotesken Blödelei geschrumpft – und floppte trotz Kristen Wiig und Melissa McCarthy als Geisterjägerinnen. Als "Ocean's Ocho" kommt nächstes Jahr das weibliche Spinoff von "Ocean's Eleven" (2001) mit Sandra Bullock und Cate Blanchett ins Kino. Für eine Neugeburt aus Frauenperspektive muss nun auch der Klassiker "Herr der Fliegen" (1990) herhalten: Statt der Buben stranden Mädchen auf einer einsamen Insel.

"Wir möchten eine getreue aber zeitgenössische Adaption des Buches kreieren", erklärten die Filmemacher David Siegel und Scott McGehee vergangene Woche. "Es ist eine zeitlose Geschichte, die besonders heute relevant ist, […] mit dem Mobbing und der Idee, dass Kinder eine Gesellschaft formen und das Verhalten nachmachen, das sie bei Erwachsenen sahen bevor sie von der Aussenwelt abgeschnitten wurden."

Das kann durchaus Stoff darstellen für einen packenden Film – sechs- bis zwölfjährige Mädchen, die abgeschnitten von Zivilisation und dem Einfluss von Erwachsenen ums Überleben kämpfen. Nur: Mit William Goldings "Lord of the Flies" hat das Konzept so natürlich wenig zu tun. Im Original ging es nicht darum, "das Verhalten von Erwachsenen nachzumachen"; im Zentrum steht das Gruppenverhalten und die aufkeimende Gewaltbereitschaft unter männlichen Teenagern in einer Extremsituation, das Recht des Stärkeren, das in der Aufteilung in zwei Teams, in deren gegenseitiger Bekämpfung und schliesslich im Töten seinen Gipfel findet.

Mädchen und Buben sind aber nicht gleich. Mädchen mobben zwar auch, aber sie sind im Teeniealter nicht so gewalttätig wie Jungs, ihr Einfühlungsvermögen ist stärker ausgeprägt, sie suchen eher Harmonie statt Konfrontation. Wenn man also die Rollen der Jungs einfach von Mädchen spielen lässt, ist es nicht nur ein anderer Ausgangspunkt, es entstünde auch eine ziemlich verzerrte Widergabe von menschlichem Verhalten.

Women only – wenn das Publikum es wünscht, geht das gut. Hollywoods Repertoire an begnadeten Schauspierinnen ist riesig, Frauen meistern ernste Rollen, lustige auch – man denke an die bezaubernde Doris Day. Aber statt einfach Klassiker zu adaptieren zwecks Gendertausch, warum nicht neue Geschichten kreieren? Neue Drehbücher schreiben?

Übrigens, es wurden schon Rufe laut nach einem weiblichen James Bond. Das halte ich dann wirklich für die Dämlichste aller Ideen. Jane Bond, ja, genau. Und dann beim rückwärts einparken den Aston Martin zerkratzen.


BaZ, 7.8.2017

Krieg der Worte – oder wie Aktivismus den Journalismus ablöst

Sollte das Ziel gewesen sein, einen Beitrag zu leisten zur Spaltung einer ohnehin gereizten Gesellschaft, kann man die Schlagzeilen einiger Leitmedien von vergangener Woche als äusserst gelungen bezeichnen. "Der Spiegel", "CNN", "The Huffington Post" und "Vice" unterscheiden sich, was Headlines angeht, kaum mehr von den "Breitbarts" dieser Welt – jenem Webportal, das die versammelte Presse stets so selbstgefällig verteufelt. Der einzige Unterschied: Die vermeintlich seriösen Medien schreiben für ein anderes Publikum.

Headlines sind der wichtigste Teil eines Artikels, bestenfalls dringen sie in den Denkprozess des Lesers, triggern ihn, verleiten zum Weiterlesen. Ich habe nichts gegen aufdringliche Headlines. Ich benütze sie in meinen Kolumnen selbst, spitze sie zugunsten der Neugier zu, wie neulich, als ich Google's "sexistische Kackscheisse" titelte. Ein Begriff, der nicht aus meinem Geistesfundus stammt, ich zitierte damit eine Headline des Schweizer Webportals "Watson", dessen Autor seiner ungezügelten Verachtung über einen Google-Mitarbeiter freien Lauf liess – und die ich für restlos unangebracht halte. Dass in der Folge in Leserbriefen meine Kinderstube in Frage gestellt wurde, veranschaulicht, dass Leser eben das lesen, was sie lesen wollen.

Nun ist "Tamaras Welt" eine Meinungskolumne, also ein subjektives Gedankengelage, und widergibt nicht zwingend die Meinung der "Basler Zeitung"-Redaktion. Titelbilder bei "Spiegel" aber, oder Artikel auf der Website von "CNN" reflektieren, sofern sie nicht als "Meinung" gekennzeichnet sind, üblicherweise die politische Ausrichtung des gesamten Mediums. Es überrascht also höchstens am Rande, wenn eine Redaktion in ihrem Bestreben, der Leserschaft (und sich selbst) das zu geben, was diese eben lesen will, mit ihren Schlagzeilen politischen Aktivismus betreibt.

In dem Sinne wurden vergangene Woche alle rhetorischen und grafischen Register gezogen. "Der Spiegel" bildete auf seinem Cover eine Ku-Klux-Klan-Mütze ab, titelte "Das wahre Gesicht des Donald Trump" und implizierte damit, Trump sei Mitglied des KKK.
"The Huffington Post" schrieb zum Abgang von Trump-Chefstratege Steve Bannon: "Goy, Bye!" Das Wort "Goy" bezeichnet aus jüdischer Sicht einen Nichtjuden. Sein Gebrauch ist aber kontrovers weil beleidigend, laut "dictionary.com" impliziert es normalerweise die "Verachtung für Nicht-Juden".
Im Zuge der Ausschreitungen um die Konföderierten-Statuen titelte eine "Vice"-Kolumne "Let's blow up Mount Rushmore" – man sollte die monumentalen Porträtköpfe der US-Präsidenten in South Dakota in die Luft sprengen.
In einer Schlagzeile auf seiner Website beschrieb "CNN" die linke Antifa-Bewegung in Bezug auf Charlottesville als Aktivisten, die "Frieden durch Gewalt suchen". Dass ausgerechnet die Antifa mit ihren vermummten Kampfgestalten, dem Vandalismus, den Ladenplünderungen, den äusserst gewalttätigen Angriffen auf Polizisten auf einer Friedensmission sein soll, war dem Sender dann wohl doch ein bisschen suspekt, die romantisierende Headline wurde später geändert, "Aktivisten suchen Frieden durch Gewalt" gelöscht. Auch "Huffpost" und "Vice" aktualisierten, aber erst nach zahlreichen Leserprotesten, ihre Wortwahl, also das, was gemäss eigener Terminologie unzweifelhaft unter "Hatespeech" fällt. Nur änderte es nichts mehr, Tausende Leser hatten es schon angeklickt.

Schlagzeilen dürfen polarisieren, dürfen Debatten auslösen, kontrovers sein – Meinungsfreiheit gilt für alle. Schlagzeilen müssen den Betroffenen nicht schützen, ihm nicht gefallen. Der Leserschaft auch nicht. Das Problem ist, wer anderen fortwährend Hetze vorwirft, sich in moralischer Empörung ereifert und nach Sperrung und Zensur ruft – wie es Leitmedien in ihrem hochmotivierten Kampf gegen alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht tun – aber selber mit Beleidigung und Anheizen nicht zurückhält, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern macht sich zum Mittäter eben dieser Volksaufwiegelung. Und er offenbart vor allem eines: Masslosen Hochmut.


BaZ vom 24.8.2017

Transgender im Militär?

Mit einem hohen Grad an Gereiztheit wird derzeit in den USA diskutiert, ob Transgender-Menschen Militärdienst leisten sollen. Donald Trump kündigte im Juli an, die US-Regierung akzeptiere oder erlaube nicht, dass "Transgender im US-Militär in irgendeiner Funktion dienen". Das Militär müsse überwiegend auf Sieg fokussieren und könne nicht belastet werden mit enormen Medizinkosten und Störungen, die Transgender in der Militärwelt mit sich bringen. Der Entscheid kam ziemlich genau ein Jahr, nach dem die US-Regierung unter Barack Obama die Armee für Transgender geöffnet hatte.

Gemäss der "New York Times" (26.7.2017) ist das Verbot eine Antwort auf eine sich im Capitol Hill leise zusammenbrauende Frage: Soll der US-Steuerzahler für die Gender-Transition und Hormontherapie von dienstleistenden Transgender bezahlen?

Verbots-Befürworter argumentieren, das Militär sei kein soziales Experiment. Der Irak-Kriegsveteran und Autor J.R. Salzman schrieb auf Twitter, dass Menschen mit mentalen Problemen eine Belastung in der Armee seien, weil die Probleme sie ineffektiv für den Kampf machen: "Nun nehmen Sie jemanden, der verwirrt ist, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Stellen Sie diese Person mit ihren psychologischen Problemen in eine stressvolle Umgebung wie ein Kriegsgebiet. Ihr eine spezielle Behandlung zu geben aufgrund ihrer Identität, das geht nicht." Political Correctness habe keinen Platz im Militär.

Das scheint grundsätzlich logisch. Auf der anderen Seite aber ist die Behauptung, alle Transgender hätten mentale Probleme und seien deshalb militäruntauglich, eine Übersimplifizierung - Transgender sind nicht generell gestört in ihrer Psyche; sie sind einfach in einem falschen Körper geboren. (Ich spreche hier nicht von der "Gender-fluiden"-Fraktion, die sich je nach Befindlichkeit ein eigenes Gender zulegt oder sich gar keiner Identität einordnen will). Die WHO erwägt sogar, "Transgenderidentitätsstörung" nicht mehr als "mentale Störung" zu klassifizieren - sondern als "Zustand verbunden mit sexueller Gesundheit". Kommt hinzu, dass bei allen Menschen familiäre Probleme wie Scheidung oder Sorgestreit, Selbstzweifel oder finanzielle Schwierigkeiten mentale Auswirkungen haben können bei Verhalten in Stresssituationen.

In der Schweiz werden Transgender ganz normal in die Milizarmee integriert. Hubert Annen, Dozent für Militärpsychologie, sagt in einem "Tagesanzeiger"-Interview: "Bei der Rekrutierung gibt es grundsätzliche Tauglichkeitskriterien, die sexuelle Ausrichtung, oder ob jemand Transgender ist, ist kein expliziter Bestandteil davon." Transgender bekämen keine spezielle Behandlung, aber je nach Fall würde zusammen mit dem Vorgesetzten geschaut, ob eine individuelle Lösung – wie manchmal bei den Frauen – gefunden werden kann.

Laut einer vom Pentagon 2016 in Auftrag gegebenen Studie dienen bis zu 15'000 Transgender im US-Aktivdienst – von 1.3 Millionen insgesamt. Gemäss dem Bericht haben sie im US-Militär eine minimale Auswirkung auf operative Leistungsfähigkeit, Bereitschaft und Gesundheitskosten; letztere steigen zwar von $2,4 Millionen auf $8,4 Millionen – das Budget für Gesundheitskosten im US-Militär beträgt aber geschätzte $50 Milliarden ($41 Millionen gibt das Verteidigungsministerium jährlich für Viagra aus).

Die Antwort ist also eher eine pragmatische: Wer den Tauglichkeitstest besteht, sollte dienen dürfen. Alles andere ist Diskriminierung.


veröffentlicht in der BaZ 17.8.2017

Freitag, 11. August 2017

Die verwirrte Suchmaschine - Google's "sexistische Kackscheisse"

Je hysterischer man etwas anprangert, desto mehr Leute lesen den Artikel. Das hat sich wohl jemand beim Schweizer Webportal "Watson" gedacht, als er/sie/es mit obiger Schlagzeile aus dem Fäkalfundus jüngst auf Empörungsmission ging. Und nein, es fand bei "Watson" kein Kindertag statt, der Titel stammt vermutlich von einer erwachsenen Person.

Im Zentrum des Geschehens, an dem sich gerade die globale Journaille abarbeitet, steht ein Entwickler bei Google. Der "Frauenhasser" ("Blick") hat sich erdreistet, den geringen Anteil von Frauen in der Technologiebranche mit biologisch unterschiedlichen Interessen der Geschlechter zu erklären. Seine Gedanken hat er auf 10 Seiten niedergeschrieben. Google hat ihn nun entlassen.

Heutzutage muss man ja als Journalist einen Text nicht mehr lesen, um ihn zu beurteilen. Wenn also der Anonyme gar nicht anonym ist, wie "Watson" behauptet (sein Name James Damore steht zuoberst im Manifest), und er auch nirgends schreibt, dass "Männer bessere Programmierer sind" als Frauen, wie ihm unzählige Medien unterstellen, fällt das wohl unter "imaginäre Schreibefreiheit". Und warum überhaupt argumentativ kontern, wenn man einfach nur "Sexist" draufschreiben kann?

Wenn das Manifest "sexistisch" sein soll, unterstütze ich hiermit offiziell einen Sexisten, dessen Meinung ich nämlich grösstenteils teile. Nur, es gibt keine einzige Zeile, die sich gegen Frauen richtet, sie herabwürdigt, abqualifiziert oder beleidigt. Damore argumentiert sachlich und ausgewogen, betont, dass er Diversität schätzt, bestreitet auch nicht, dass Sexismus existiert. Bei Google prangert er an, dass das Unternehmen Programme anbiete, "nur für Leute mit einem bestimmten Geschlecht oder Rasse" oder Einstellungsverfahren habe, wo für bestimmte Gruppen "Hürden abgebaut" werden, um "die falsche negative Quote zu verringern". Frauen, schreibt er, hätten tendenziell mehr Interesse an Menschen als an Gegenständen, das erkläre, warum sie eher Jobs in sozialen Bereichen und eine gute Work-Life-Balance ins Auge fassen, während Männer sich eher zu Status hingezogen fühlen und deshalb höher bezahlte Jobs anstreben.

Den Standpunkt kann man durchaus vertreten. Zahlreiche Studien belegen längst, dass Mann und Frau durchschnittlich andere Charakterzüge und Begabungen haben. Laut einer Untersuchung des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen gibt es sogar schon kurz nach der Geburt Unterschiede im Verhalten: Weibliche Babys reagieren eher auf Gesichter, männliche auf Gegenstände. Im Laufe ihres Lebens würden sich diese frühen Züge auf komplexere Arten manifestieren.

Frauen interessieren sich weniger für Technologie. Na, und? Es ist ja nicht so, dass wir nicht die Wahl hätten. Staat und Unternehmen in westlichen Industrieländern leisten heute viel für Chancengleichheit – mit Förderprogrammen, Spezialprojekten, grosszügigem Mutterschaftsurlaub. Natürlich kann man Damores Thesen anzweifeln – genauso wie eine Firmenpolitik, bei der Leute nicht einzig aufgrund ihrer Qualifikationen eingestellt werden, sondern zur Erfüllung einer Quote. Ihn aufgrund seiner (unemotional und durchdacht) geäusserten Meinung zu entlassen, ist zwar angesichts des Staubs, den er damit im Unternehmen aufgewirbelt hat, ansatzweise nachvollziehbar, zeugt aber ansonsten von einer zutiefst antiliberalen Haltung.

Das Manifest liefert doch eigentlich Anlass für spannende Debatten: Warum ist immer nur die Benachteiligung der Frau ein Thema? Warum sprechen wir nie darüber, dass gefährliche Jobs im Bergbau, bei Feuerwehr oder der Müllabfuhr in der Regel von Männern verrichtet werden? Inwiefern ist es Gleichberechtigung, wenn nur eine bestimmte Gruppe besonders gefördert wird? Diese Dinge gehören diskutiert. "Kackscheisse" ist einzig der Reflex, mit dem gewisse Leute darauf reagieren.


Wenn das Gute böse wird

Vergangene Woche fuhr eine der berühmtesten Frauen der Welt eine öffentliche Schmierkampagne gegen einen der berühmtesten Männer der Welt. Millionen Menschen werden dabei Zeugen eines Angriffs, bei dem Meinungen und Gefühle mehr Wert sind als Fakten. Kaum ein Medium berichtete anfänglich darüber – das Thema war unter dem Moralaspekt nicht sehr ergiebig: Bei der Dame handelt es sich um J.K. Rowling, Harry Potter-Autorin, politische Aktivistin, Frontkämpferin für Flüchtlinge und Bedürftige. Beim Verleumdeten um Donald Trump.

Die Attacke begann damit, dass Rowling ein Video auf Twitter postete, das den US-Präsidenten zeigt, wie er Leute begrüsst und dabei einen kleinen Jungen im Rollstuhl übersieht. Rowling schrieb ihren 11,3 Millionen Followern: "Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, glaube es - Maya Angelou". Dann reichte sie eine Reihe wütender Tweets nach: "So, ja. Dieser Clip von Trump, der absichtlich ein behindertes Kind übersieht, seine ausgestreckte Hand ignoriert, das berührte mich zutiefst." Und: "Wie schrecklich, dass Trump sich nicht überwinden kann, die Hand des kleinen Jungen zu schütteln, der ja nur den Präsidenten berühren möchte." Sie nannte ihn ein narzisstisches Monster.

Digitale Räume wie Twitter sind unzweifelhaft eine Plattform für schäumende, frustrierte Seelen, ein Ventil, Dampf abzulassen und sich derweil die Bestätigung von Gleichgesinnten einzuholen. Bei einer Millionen-Followerschaft rasen solche Vorwürfe schneller um den Globus als Harry Potter auf seinem Besen durchs Quidditchspiel – Rowling erhielt für ihr Trump-Bashing in kurzer Zeit eine Rekordzahl von fast einer halben Million Likes.

Das Problem ist, die britische Phantastin verbreitete eine Lüge. Rowling dachte offenbar, dass Trump in zu wenige Fettnäpfchen tritt und erfand noch eins dazu: Der Clip, den sie postete, war irreführend geschnitten worden. In einer längeren Version sieht man, wie Trump bei Betreten des Raumes zuerst auf das Kind zugeht, sich zu ihm hinunterbeugt, mit ihm spricht – länger als mit allen anderen im Raum.

Nun kann man Trump ja einiges vorwerfen und manches davon zurecht. Und ja, es kann auch mal vorkommen, dass man etwas postet, das sich im Nachhinein als falsch erweist. Zahlreiche ihrer Follower wiesen Rowling auf das gefälschte Video hin – tagelang. Ihre Verachtung für Trump muss aber grösser sein als ihr Sinn für Gerechtigkeit: Während all der Zeit entschuldigte sie sich weder für den Lügentweet noch stellte sie ihn richtig, sie löschte ihn auch nicht. Die Botschaft: Auch wenn Trump vielleicht keinen Fehler machte, so bleibt er trotzdem ein Ungeheuer – ihre Verleumdung erfüllt offensichtlich einen höheren Zweck. Erst als die Mutter des Jungen am Montag klarstellte, ihr Sohn sei gar nicht von Trump ignoriert worden, entfernte Rowling die Tweets und entschuldigte sich bei Mutter und Sohn. Nicht aber bei der Person, die sie diskreditiert hatte.

Dass eine reiche, berühmte Frau die sozialen Medien missbraucht, um den verhassten Präsidenten zu diffamieren, ist das eine. Dass die Mainstream-Medien, die ja ansonsten schnell sind beim Beklagen des Niedergangs der Fakten, das Thema erst in Folge ihrer Rechtfertigung aufgriffen, und selbst dann nicht Rowlings Denunziation, sondern die "Entschuldigung" zur Schlagzeile machten, zeugt von einem verschrobenen News-Verständnis.

Wenn das Gute auf einmal böse wird, bleiben es eben Geschichten aus Hogwarts.


veröffentlicht in der BaZ am 3.8.2017

Donnerstag, 13. Juli 2017

Sexistische Werbung: Begehren unerwünscht

Gibt es zu einer Thematik keine Beschwerden, sorgen findige Politiker eben dafür, dass etwas zum Problem wird. In dem Sinne haben die Linken in Berlin der "sexistischen" Werbung den Kampf angesagt. Es liegen zwar keine Reklamationen vor, ihm sei auch keine sexistische Werbung in Charlottenburg bekannt, gibt ein Exponent laut "Tagesspiegel" zu. Trotzdem soll sie in der ganzen Stadt verboten werden.

Gemäss dem Kriterienkatalog von "Terre des Femmes" ist Werbung sexistisch und stuft die Frau zum Lustobjekt herab, wenn, unter anderem

1) Sexualität kommerzialisiert und Produkte dadurch emotionalisiert werden
2) die sexualisierte Darstellung von Frauen als 'befreite Sexualität der Frau' getarnt wird
3) Frauen unpassenderweise spärlich bekleidet sind

Besonders Frauen würden sich durch sexualisierte Werbung physisch minderwertig und diskriminiert fühlen; Essstörungen, Körperscham oder Depressionen seien die Folge. Hinzu kommen laut "Terre des Femmes" schlechter Sex, geringer Selbstwert, verminderte Denkleistung, sexuelle Belästigung, weniger Mitsprache und schlechte Noten.

Die Verbannung von Bikini- und Unterwäsche-Werbung an öffentlichen Orten ist deshalb zum erklärten, flächendeckenden Ziel politisierender Frauenversteher geworden. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte etwa Londons Bürgermeister Sadiq Khan vergangenes Jahr "allzu offenherzige und sexualisierte Werbung" in Metros und Bussen verboten. In der Schweiz gibt es in einigen Kantonen seit 2011 ein Gesetz gegen sexistische Werbung: Die Fachstelle für Gleichstellung jagt jedes Plakat auf öffentlichem Grund zuerst durch den Sexismus-Scanner.

Es stimmt, dass insbesondere jüngere Damen Rollenmodellen und Schönheitsidealen nacheifern, was sich ungesund auf Körper und Seele auswirken kann (dasselbe gilt übrigens auch für Männer). Eine breit angelegte medizinische Studie aber, mit der sich ein konkreter Zusammenhang ableiten liesse zwischen dem Anblick eines sexy Bikinimodell-Plakates und den psychischen Problemen einer Frau habe ich bislang noch nicht gefunden – falls welche existieren, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Zu Punkt 1 im Kriterienkatalog: "Sexualität wird kommerzialisiert und Produkte werden dadurch emotionalisiert": Ja, hoffentlich werden Produkte emotionalisiert, dann werden sie nämlich besser verkauft. Wer sich gegen Kommerzialisierung von Sexualität ausspricht, bedient sich eines Schein-Argumentes, ausser, er prangert auch die Kommerzialisierung von Krankheit oder das Älter werden an – ein stetig wachsender Werbemarkt. Alleine die Arzneimittelbranche investiert 1,3 Milliarden Euro in Werbung. Warum wird nie thematisiert, dass sich kranke oder alte Menschen dadurch psychisch minderwertig und diskriminiert fühlen könnten?

Die Logik der Verbots-Befürworter beruht ja auf der Annahme, dass Bikini- oder Unterwäsche-Werbung mit Sexappeal Begehren auslöse und Begehren gleich Sexismus ist – mit all seiner Lüsternheit und Herabsetzung. Nun lösen aber Plakate mit Sexappeal nicht zwingend Begehren oder Begierde aus. Und auch wenn es so wäre, warum ist Begehren etwas Negatives? Begehren ist ein Kompliment. Jemanden sexy zu finden, ist ein Kompliment – für Frau und Mann (und selbstverständlich für alle dazwischen). Wer Begehren als etwas anderes auslegt, ist gefühlsmässig abgestumpft oder benebelt von einer unzeitgemässen Art der Prüderie. Natürlich kann man jetzt sagen, Begehren ist der Vorläufer von Angrapschen oder von sexueller Gewalt und deshalb gefährlich. Und wenn im Haus eine Treppe existiert, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese einmal herunterstürzt.

Punkt 2: Werbung werde als "befreite Sexualität der Frau" getarnt. Dass die "befreite Sexualität" von der Frau aus gehen und Teil ihrer Selbstbestimmung sein könnte, scheint für die Vorkämpfer solcher Verbotskampagnen grundsätzlich unmöglich. Denn das wäre ja eigenständiges Denken und hiesse, Frauen wären keine Opfer. In Zeiten aber, wo der Opferstatus als höchste Währung gilt und Unterstützung und Förderung in allen Lebensbereichen verspricht, macht die permanente Darstellung der Frau als herabgewürdigtes, schwaches, sexualisiertes Geschöpf von ihrem Blickwinkel aus natürlich Sinn.

Nur ist das Problem an solchen Thesen, dass sie in grossen Zügen fernab der Realität liegen: Frauen sind grundsätzlich nicht schwach und hilfsbedürftig. Uns darf man durchaus selbständiges Denken und Abwägen zutrauen. Und auch junge Frauen sind klug genug um zu wissen, dass sie nicht aussehen müssen wie Models, dass Werbung nicht immer der Realität entspricht und dass überall digital verschönert, geglättet, verlängert wird – sie sind ja praktisch mit Fotoshop und Retusche-Programm aufgewachsen. Und falls es jemand verpasst hat: Es gehört heute zum Standard, dass sich junge Frauen bauchfrei und mit Ultra-Hotpants präsentieren (Punkt 3 im Katalog), im vollen Bewusstsein, dass sie sich damit als Lustobjekt darstellen. Ist diese Aufmachung etwa auch sexistisch… oder doch eher sexy?

Politiker, die ein Verbot für "sexistische" Werbung fordern, müssten konsequenterweise auch ein Verbot für erotisierende Stoffstücke wie dem Push up-BH oder dem Brazilian Bikini fordern. Sie müssten Stars wie Beyoncé oder Shakira zur Mässigung ihrer Outfits auffordern. Sie sollten am besten auch gleich den Modelberuf abschaffen, das Leistungsschwimmen, die Leichtathletik, damit sich beim Anblick dieser wunderbaren, gestählten, sexy Körper ja keine Frau auf dieser Welt minderwertig, diskriminiert und herabgewürdigt fühlt.

Wer schützt uns Frauen eigentlich vor diesem Überschutz?


veröffentlicht in der BaZ