Donnerstag, 26. Januar 2017

Selektive Werte

Jemanden einen Chauvinisten zu schimpfen, der sich vulgär über Frauen äussert, geht völlig in Ordnung. Es spricht auch nichts dagegen, sich monatelang an einem Mann abzuarbeiten, der Unwahrheiten verbreitet oder sonstige verbale Entgleisungen produziert. Man darf verunsichert sein über diesen neuen US-Präsidenten und seine Politik. Vor allem aber hat man das Recht, an einer Kundgebung teilzunehmen, ohne dass einem eine Faust entgegendonnert. Dumm bloss, wenn das nur für eine Seite gilt.

Vergangene Woche hatten die Trump-Gegnerinnen ihren grossen Auftritt. Sie gaben ihrer Abscheu Ausdruck indem sie – anders als der randalierende, mit "Wie konnten wir Hass gewinnen lassen?"-Plakaten durch Washington ziehende Mob – am friedlichen "Marsch der Frauen" teilnahmen. Sie hielten dort ihrerseits Plakate hoch, darunter solche, die andeuteten, dass Trump Homosexuelle und Transgender verunglimpfe – auch wenn er sich nie in negativer Weise zu diesen Gruppen äusserte, im Gegenteil: Auf einen Wahlparteitag der Republikaner hat Trump den Investor Peter Thiel, einen bekennenden Homosexuellen, als Redner eingeladen; in der heiklen Klofrage sprach er sich dafür aus, dass Transgender die Toilette benützen sollten, der sie sich zugehörig fühlen.

Friedvolle Frauensolidarität ist, wenn Madonna dem Publikum erklärt, wie wütend sie sei und dass sie "sehr viel darüber nachgedacht habe, das Weisse Haus in die Luft zu sprengen." Später schob sie auf Instagram nach, sie habe dabei nur "in Metaphern gesprochen". Hollywoodstar Ashley Judd trug das Gedicht einer Soziologiestudentin vor, in dem behauptet wird, dass Trump "feuchte Träume von seiner Tochter Ivanka" habe. Eine Zeile lautete auch: "Ich bin nicht so eklig, wie wenn deine eigene Tochter dein liebstes Sexsymbol ist."

Dass man als Repräsentantin eines Mediums mit rechtskonservativen (also falschen) Ansichten keinen Anspruch auf Frauensolidarität hat, musste eine Reporterin der US-Website Rebel Media am Marsch der Frauen erfahren. Ein scheinbar durch ihre Anwesenheit in Wallung geratener Demonstrant präsentierte der Kamera seinen Mittelfinger und als sie ihn nach dem Grund seines Zornes fragte, schlug er zu. Ob er die Kamera oder ihr Gesicht treffen wollte, ist in dem Youtube-Video nicht genau zu erkennen. Später identifiziert, bot er an, die beschädigte Kamera zu ersetzen. Man kann davon ausgehen, dass sich die Interviewerin ihrer Reizung bewusst war, ja. Der Punkt ist dennoch: Ein Zeichen setzen gegen männliche Gewalt an Frauen, zählte nicht gerade das zu den Absichten des Protests? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet jene Frauen, die Trump bei jeder Gelegenheit (teils zurecht!) anprangern und sich als Opfer seiner angeblich falschen Politik sehen, hier von Solidarität absahen: Keine Empörung, stattdessen wollten anwesende Damen dem Schläger unerkannt zur Flucht verhelfen, hielten Plakate vor die Kameralinse. Den Vorfall filmten andere Medien mit – der Aufschrei der Weltpresse, die ansonsten jedes "Pussy"-Zitat durch den Fleischwolf dreht, blieb aber aus.

Verleumdung, metaphorischer Aufruf zur Gewalt, Zerstörung von Eigentum: Offenbar ist alles cool und erlaubt, solange es sich gegen die Andersdenkenden richtet; die Vorkämpfer demonstrativer Taktlosigkeiten können sich des Applauses der Massen sicher sein. Dass sie damit in die gleiche Kerbe schlagen wie ihr verhasster Protagonist – wen kümmerts?



veröffentlicht in der BaZ.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Einfach nur die Schnauze halten

Selbstverständlich kann man an der festlichen Amtseinführung eines Präsidenten ein Lied über das Lynchen singen – das ist etwa so passend, wie wenn Gainsbourg & Birkin ihren Stöhn-Hit "Je t'aime" an der Geburtstagsfeier des Papstes zum Besten geben würden.

Aber von vorne: Was haben die morgige Amtseinführung von Donald Trump und das Dschungelcamp gemeinsam? Nur, wer seinen Auftritt mit Gründen der Publicity rechtfertigen oder die Gage dringend brauchen kann, nimmt an der Show teil, so scheints. Kein einziger Weltstar hat sich bereit erklärt, Mr. President ein Ständchen zu singen – es treten auf: Jackie Evancho, eine America’s Got Talent-Teilnehmerin, ein Mormonenchor und die Tanzgruppe The Rockettes. Immerhin bot sich Trumps Erzfeind, Hollywood-Schauspieler Alec Baldwin, an: "Ich möchte an Trumps Amtseinführung performen, und zwar 'Highway to Hell' von AC/DC", schrieb er auf Twitter. Opernstar Andrea Bocelli sah sich gemäss Mail on Sunday gezwungen, die Anfrage nach Erhalt von Todesdrohungen abzulehnen (und nicht wie ursprünglich berichtet aus Furcht vor einem Fan-Boykott).

Dafür rückte Rebecca Ferguson ins Rampenlicht. Die britische Sängerin ("Nothing's Real but Love") sagte, sie würde auftreten – unter der Bedingung, den Song "Strange Fruit" singen zu dürfen. "Strange Fruit" wurde um 1939 aus Protest gegen Lynchmorde in den Südstaaten geschrieben und enthält Zeilen wie "Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel" oder "Ein schwarzer Körper baumelt im Südstaatenwind". Team Trump hielt das offenbar für ungünstig – wenig später zog Ferguson ihre Zusage zurück und twitterte: "Ich wollte Strange Fruit singen, weil das der einzige Song war, der meine künstlerische Integrität nicht kompromittieren würde. Als jemand, der viel Liebe hat für alle Menschen, besonders aber für Afroamerikaner und die Black lives matter-Bewegung, wollte ich einen Moment der Pause kreieren, damit die Leute nachdenken können."

Gewiss, berühmte Menschen haben das Recht, die Vergesslichen und Verstandlosen unter uns Normalos zum Nachdenken über vergangene Verbrechen oder künftige Staatsmänner zu bewegen, so wie sie das Recht auf Selbstüberschätzung haben. Nur gibt es Rechte, die man vernünftigerweise nicht in Anspruch nimmt – wie etwa eine Show für seine persönlichen Zwecke zu missbrauchen oder das Publikum seiner simplen Unterhaltung zu berauben. Kaum treten sie vor Massenmedien auf, ziehen Stars heute gewohnheitsmässig ihr Predigergewand über und drängen der Welt ungefragt ihre politischen und idealistischen Botschaften auf; Meryl Streep, George Clooney, Lady Gaga et cetera, alle wurden sie im Laufe ihrer Karriere zu Heiligen, die es zu ihren Pflichten zählen, das Publikum zu erziehen und uns mitzuteilen, wie gut sie sind – und wie schlecht alle anderen.

Die Weltretter haben morgen ihren freien Tag – und entgegen ihrer tief verankerten Überzeugung wird es den Grossteil der Zuschauer freuen. "Stars müssen endlich erkennen, dass sich niemand dafür interessiert, was sie über Trump denken", fasste es Schauspieler Mark Wahlberg vor einigen Wochen im Magazin Task & Purpose zusammen. "Viele in Hollywood leben in einer Blase. Sie sind realitätsfremd gegenüber den Sorgen normaler Leute, des Durchschnittstypen, der täglich seine Familie ernähren muss. Stars sollten nicht über Politik reden."
Oder, frei nach Kinski: „Halten Sie die Klappe, Sie haben hier keine Funktion im Augenblick.“


veröffentlicht in der BaZ

Donnerstag, 12. Januar 2017

Invasion der Memmen


Warnung: Dieser Text enthält möglicherweise verstörende Ansichten.

Im Handarbeitsunterricht flog mir als etwa vierzehnjährige einmal ein Wollknäuel um die Ohren. Präzise geworfen von der Lehrerin, der mein ständiges Getuschel mit der Tischnachbarin auf den Geist ging. Ich war kurz perplex, widmete mich dann aber artig meinem Kreuzstich.

Wäre ich heute Schülerin, wäre ich wahrscheinlich traumatisiert von dem Ereignis, würde flugs den Schulpsychologen aufsuchen und zur seelischen Genesung zwei Wochen zuhause bleiben. Eine Übertreibung? Nicht wirklich. Für die Generation Schneeflocke ist tatsächlich alles ganz unerträglich. Generation Schneeflocke ist die Bezeichnung für junge Menschen, die emotional sehr verletzlich sind, wenig belastbar und abweichende Meinungen als persönliche Herabwürdigung empfinden. Sie sehen es als ihr Grundrecht, von allen potentiell unangenehmen Dingen im Leben geschützt zu werden.

Hochschulen sind Förderer dieser "Ich bin das Zentrum des Universums"-Haltung. Wie "The Telegraph" vergangene Woche berichtete, führen immer mehr Universitäten in den USA und England zum Schutze der jungen Seelen Trigger Warnings ein, Warnhinweise bei Bildern oder Texten angesichts möglicher psychischer Belastungen. Der Begriff Trigger Warning stammt aus der Psychologie; mittels Vorwarnungen lassen sich bei Kriegsveteranen mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder Opfern von Sexualverbrechen erneute Traumata vermeiden.

Heute besitzt das Wort Trauma eine ganze neue Bedeutung: Weil sie "möglicherweise ein negatives Gefühl auslösen können", warnt die Glasgow Universität laut der britischen Zeitung ihre Theologiestudenten vor "Bildern von Jesus' Kreuzigung". Die Oxford Universität warnt ihre Jurastudenten vor "verstörendem Inhalt" bei Lektionen, die sexuelle Gewalt betreffen. Veterinärstudenten werden vor toten Tieren gewarnt. Archäologiestudenten vor Skeletten. Die schottische Stirling Universität warnt bei Gender Studien: "Wir können nicht ausschliessen, dass Sie Material antreffen, das negative Reaktionen auslösen kann und bitten Sie, die nötigen Vorkehrungen zu treffen." Aufgewühlte Studenten dürfen die Lesung verlassen. (Sie können sich dann direkt in Safe Spaces zurückziehen, speziell eingerichtete Komforträume, die ihnen ein Gefühl der Geborgenheit geben sollen – noch so ein fragwürdiger Trend. Nach dem Trump-Schock schossen diese zeitgenössischen Kuschelzonen an US-Hochschulen laut "The Washington Post" wie Pilze aus dem Boden).

Die psychische Verfassung von Schneeflocken gerät auch ins Wanken, wenn jemand eine Ansicht vertritt, die ihrer eigenen Weltanschauung widerspricht. Dann formieren sie sich beharrlich in Protestbewegungen, wie vor einigen Wochen gegen Professor Jordan Peterson von der Universität Toronto, der es wagte, auf die Gefahren der Political Correctness hinzuweisen. Oder sie stellen unliebsame Kontrahenten an den Pranger, bis diese ihren Posten von selbst räumen – wie im Fall des Yale Professoren-Ehepaars, das die Verbannung von "potentiell verletzenden" Halloweenkostümen in Frage stellte und dafür als rassistisch und kulturell unsensibel gebrandmarkt wurde.

Die totale Abschottung vor negativen Gefühlen, vor Konfrontationen, vor Reizen – immerhin gestattet sie den gebeutelten Seelen, sich ungestört ihren Instagram-Posts und dem Zelebrieren des persönlichen Opferstatus hinzugeben. Wer schützt uns eigentlich vor dieser Generation?


veröffentlicht in der BaZ

Donnerstag, 5. Januar 2017

Es lebe die Diva


Den peinlichsten Silvestermoment erlebte vermutlich Mariah Carey. Kurz vor Mitternacht sollte sie am Konzert auf dem Times Square drei Songs zum Besten geben. Doch ihre Lippen wollten sich partout nicht synchron zum Gesangstext bewegen, auch setzte das Playback zu spät ein – der letzte Auftritt im alten Jahr ging für die 46-Jährige gehörig in die Netzstumpfhose.

Statt die Technikpanne mit Humor zu überspielen, stöckelte sie auf der Bühne hin und her und wirkte dabei wie der Frust persönlich. Bevor sie entnervt die Bühne verliess, hatte sie noch einen Moment Zeit, die Hände in die Hüfte zu stemmen und dem Publikum ein – immerhin synchrones – "Ich hätte auch gerne Urlaub gehabt, habe aber keinen" entgegenzuwerfen. Auch mit jahrelanger Übung hätte Mariah Carey nicht treffender die Mariah-Carey-Parodie geben können. Es war grossartig. Mariah wurde dafür mit Häme übergossen – das zeitgenössische Publikum schätzt eben den Wert einer wahren Diva nicht mehr. Persönlich finde ich das schade. Der Unterhaltungswert von Diven ist unerreicht.

Eine Diva ist man ja nicht einfach so. Ihre Empfänglichkeit für Verhätschelung und Sonderbehandlung basiert auf einer hart antrainierten Arroganz. Denn entgegen der populären Meinung lässt erst die Vergötterung durch ihre Untertanen eine Diva dem Überlegenheitsgefühl verfallen. Weil ihre Starallüren hohes Empörungspotential besitzen, gestattet sie den Medien unbezahlbare Seitenfüller – intensiv gelesen von jenen, die jetzt über Mariah ablästern.

Diven kommen vor in allen Altersklassen, Geschlechtern und Berufen. Während ihres Aufenthalts bei Auftritten fordern sie vom Veranstalter vertraglich allerlei Extrawürste, gemäss der Website Thesmokinggun.com etwa einen schwarzen Maybach (Jay-Z). Ein komplett weisses Hotelzimmer – weisse Möbel, Blumen, Kerzen und Vorhänge (Jennifer Lopez). Einen Spiegel über dem Bett (Justin Timberlake). Bei ihren Einsätzen als Redner verlangen sie von Unternehmen oder Universität einen gecharterten Rundflug-Privatjet, mindestens Typ Gulfstream 450 (Hillary Clinton). Eine Präsidentensuite mit angrenzenden Zimmern fürs Personal (Hillary Clinton). Bodentransport, Mahlzeiten, das Bezahlen der gesamten Telefonrechnung (Hillary Clinton). Eine 1'000-Dollar-Pauschale für den Stenographen (Hillary Clinton).

Man kann Mariah Carey also weiss Gott keinen Vorwurf machen. Alles, was sie braucht, ist ein Hotelzimmer voller Luftbefeuchter zwecks Stimmpflege und gelegentliches Herumtragen (ohne Sänfte), wenn die Füssschen schmerzen. Dass sie nach ihrer letzten Trennung den 10 Millionen teuren Verlobungsring dank Vertrag behalten durfte, oder nur an ein Fotoshooting kommt, wenn ihr dafür Stylisten im Wert von 85'000 Dollar zur Verfügung stehen, ist doch okay. Alles andere wäre eine Zumutung für die einzige Popsängerin der Welt, deren Stimmvolumen über fünf betäubende Oktaven reicht. Wer dann noch an Silvester schuften muss, während die selbstgefällige, johlende Partymeute vor einem Urlaub hat, der muss sich nicht alles gefallen lassen.

Mariah spricht bekanntlich vor dem Auftritt mit niemandem (die Stimme!) – und weil sie vermutlich auch mit niemandem spricht, wenn sie wie beim Auftritt in New York nur Playback singt, konnte sie dem Tontechniker die Reihenfolge und Länge ihrer Songs wohl nicht recht mitteilen. Dass der Kerl nicht im Stande war, die Wünsche unmittelbar von Mariahs Augen abzulesen, ist aber der eigentliche Skandal.