Donnerstag, 23. Februar 2017

Dear White People

"Netflix kündigt eine neue Anti-Weiss-Show an, die den weissen Genozid verherrlicht. Ich kündigte mein Abo, tut dasselbe." So der happige Vorwurf eines Netflix-Abonnenten an die Adresse des Streaming-Dienstes. Der Tweet wurde dann tausendfach geteilt. Die jüngste Kontroverse rund um Rassismus driftet ins Absurde. Nur stehen die Dünnhäutigen für einmal auf der anderen Seite: Die Empörungshysterie ist im politisch rechten Lager angekommen.

Vor zwei Wochen strahlte Netflix den Trailer zur Serie "Dear White People" aus. Der 25-sekündige Clip generierte massive Kritik: Die Show sei rassistisch und "anti-weiss". Würde man eine Show "Dear Black People" nennen, wäre der globale Aufschrei riesig, bei Weissen aber sei es okay. Die Folge: unzählige wütende E-Mails und Abo-Kündigungen.

"Dear White People" basiert auf dem gleichnamigen Film von 2014. Es ist eine satirische Show über Rassismus, die Vorurteile abbauen soll. S-a-t-i-r-i-s-c-h. Weisse Männer werden im Trailer mit Seitenscheitel gezeigt und Karomusterpullover. Frau trägt Perlenkette. Eine schwarze Radiomoderatorin sagt: "Dear White People, akzeptable Halloween-Kostüme sind: Der Pirat, die nuttige Krankenschwester […]. Das Kostüm, das nicht geht: Ich." Sie meint damit das Blackfacing; Weisse, die sich das Gesicht dunkel anmalen.

Das sind 25 offensichtlich unerträgliche Sekunden für emotional verletzliche Individuen, die jeden Satz oder Gedanken, der ihrem eigenen irgendwie widerspricht, als persönliche Herabwürdigung empfinden. Kommt Ihnen das bekannt vor? Genau, normalerweise sind es die "Snowflakes", ideologisch eher links orientierte Erdenbürger, die an jeder Ecke eine Beleidigung ausmachen und mit Absurditäten wie "Safe Spaces" oder "Trigger Warnings" empfindliche Seelen schützen wollen.
In der Netflix-Debatte verhält es sich gerade umgekehrt: Beleidigt sind jene, die die Snowflakes bislang fürs Beleidigtsein kritisiert haben. Der Genozid-Tweet stammt vom bekannten Autor Tim Treadstone, Ex-Buzzfeed, heute Stimmungsmacher der amerikanischen Rechten.

Abgesehen davon, dass es einen weissen Genozid nie gab, sollte man es generell bleiben lassen, die gleichen objektiven Standards für sämtliche Rassen zu verwenden. Wenn Schwarze oder Juden sensibel reagieren auf gewisse Satire, ist das teilweise nachvollziehbar. Wenn aber Hellhäutige sich über die angeblich rassistische Propaganda dieser TV-Serie beklagen, ist es genauso aus der Verhältnismässigkeit gerissen wie der ständige Nazivergleich, mit denen Menschen mit anderen Meinungen ausgeknockt werden. Natürlich kann man sich fragen, ob es Sinn macht, einer bestimmten Rasse vorzuschreiben – wenn auch auf satirische Weise –, was diese zu tun hat. Man darf die Show dämlich finden. Aber deswegen den Sender boykottieren?

Die ganze Identitäts- und Rassenpolitik scheint mittlerweile gesellschaftsübergreifend an einem Punkt angelangt, wo empört sein zur Gruppenbeschäftigung geworden ist und die politische Gesinnung zur Frage der Moral. Wer der falschen Gruppe angehört, zählt zwangsläufig zu den Bösen. Mit ihren Anschuldigungen nähren sich die politischen Spektren gegenseitig, verschaffen so extremen Denkweisen Zulauf – und spalten die Gesellschaft.

Es wird leider immer rassistische Menschen geben, dumme auch. Jede unkonventionelle Idee aber als rassistisch abzukanzeln, dient der Sache nicht. Es lenkt nur von tatsächlichen Missständen ab.

Dear all, entspannt doch mal ein bisschen.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Der scheinheilige Maulkorb

Redefreifreiheit ist, wenn man einen Provokateur an einem Event auftreten lässt. Das dachte sich auch die University of California in Berkeley und genehmigte neulich den Auftritt von Milo Yiannopoulos. Die Hysterie seiner Gegner gipfelte in einer Hexenjagd.

Milo, 33, ist Autor beim rechtskonservativen Webportal Breitbart, bekennender Schwuler und Trump-Wähler. Er tingelt mit seiner "Dangerous Faggot"-Tour durch Amerikas Universitäten; weil seine Auftritte eine Mischung aus Vortrag und Unterhaltung sind, hat er oftmals Lacher auf seiner Seite. Wegen seiner provokativen Ansichten ("Radikaler Feminismus ist ein Krebsgeschwür für Männer " oder "Der Islam ist bösartig, weil er in einigen Ländern Homosexuelle wie mich mit dem Tod bestraft") wird er von der Opposition Hassprediger genannt, Rassist, Sexist, weisser Unterdrücker, Nazi. Der Nazi-Vergleich ist ja heute wie eine Trumpfkarte – er sticht alle Argumente aus, legitimieret offenbar alle Gewalt.

Wenn man sich Vorträge von Milo ansieht, hat man nicht den Eindruck, dass hier ein Monster am Werk ist. Er hat nicht vor, den dritten Weltkrieg anzuzetteln, er will keine Zivilisation auslöschen. Milo ist ein selbstverliebter, extrovertierter Typ, der sich mit teils nachvollziehbaren, teils beleidigenden, nicht plausiblen, aber mit gewaltfreien Argumenten gegen politische Korrektheit stellt, den Feminismus und die Black-Lives-Matter-Bewegung.

Weil einige hundert Menschen seine Ansichten nicht hören wollten, und eine konstruktive Debatte mit einem angriffslustigen rechten Aktivisten für sie ganz offensichtlich die Apokalypse herbeiführt, schlugen sie Scheiben ein, zündeten Holzpaletten an, warfen Molotowcocktails, stürmten Gebäude. Milo musste evakuiert werden, Trump stellte daraufhin die öffentlichen Gelder der Uni in Frage. Die New York Times twitterte gross die Schlagzeile: "Präsident Trump empört, dass Berkeley die Rede des rechten Yiannopoulos absagte." Die Ausschreitungen waren ihr eine kleine Erwähnung darunter wert.

Trump ist nicht der einzige, der laut darüber nachdenkt, den Universitäten Geld zu entziehen. Gemäss einem Artikel der New York Times vom vergangenen August streichen immer mehr Alumni ihre finanzielle Unterstützung, weil sie mit "der gegenwärtigen Kultur an Universitäten" nicht mehr einverstanden sind. Zu den Beanstandungen zählen: Die Redefreiheit ist gefährdet; die Administration kuscht vor protestierenden Aktivisten; Studenten sind zu sehr eingebunden in Rassen- und Identitäts-Politik. Ein Amhurst-Absolvent fasste es so zusammen: "Universitäten sind heute eingewickelt in diese politisch aufgeladene Mission, anstatt eine Institution der höheren Bildung zu sein. […] Wenn Studenten und Administration so viel Zeit mit Hexenjagd verbringen, geht viel von der intellektuellen Stärke verloren."

Man kann mit den Ansichten eines Milo Yiannopoulos übereinstimmen oder nicht. Fakt ist, auch Provokateure dürfen ihre Thesen öffentlich darlegen. Der linke Mob, pardon, die Demonstranten, die sich gerne als Vertreter einer gerechten, liberalen und toleranten Gesellschaft sehen, greifen Menschen an, zerstören Eigentum, halten einen Redner gewaltsam von seinem Auftritt ab und nennen diesen einen Nazi. Mangelt es an intellektueller Stärke, bringt man eben leicht etwas durcheinander. Eines aber haben sie mit ihren Gewalteskapaden erreicht: Milos Bekanntheit hat es zweifellos um ein Vielfaches gesteigert.


Donnerstag, 2. Februar 2017

Es tut mir ja so leid

Sich selbst klein machen, damit andere nicht beleidigt sind, gehört heute zum festen Bestandteil der westlichen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich selbst und ihr privilegiertes Leben offenbar so wenig leiden kann, dass sie sich erst besser fühlt, wenn sie sich mit permanenten Schuldeingeständnissen auf die Seite von Opfergruppen schlägt.

In Amerika bewegt ein Begriff die zarten Gemüter: "Cultural Appropriation", kulturelle Aneignung. Weisse Menschen sollten nicht Symbole, Kleidungsstücke oder Handlungen übernehmen von anderen Ethnischen Gruppen – weil sie damit den Minderheiten ihre kulturelle Identität und auch das Ansehen rauben, das sie dafür verdienen. Kulturelle Aneignung ist, wenn man an einer Mottoparty ein Indianerkostüm trägt oder sich ein Bindi auf die Stirn klebt – es wird als rassistische Tat angesehen. Besonders en vogue ist das Anprangern von Prominenten – genauso en vogue sind Prominente, die dann flugs auf Twitter Abbitte leisten.

Supermodel Karlie Kloss löste 2012 einen Sturm der Entrüstung aus, weil sie bei einer Victoria’s Secret-Show eine indianische Federhaube trug. Kloss' Tweet: "Es tut mir zutiefst leid, wenn das jemanden beleidigt hat." Schauspielerin Hillary Duff trug das falsche Halloweenkostüm. Empörung! Tweet: "Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei den Leuten, die ich beleidigt habe. Es war nicht richtig durchdacht." Musiker Pharrell Williams posierte in einer indianischen Federhaube auf einem ELLE-Cover. Empörung! Williams' Statement bei Buzzfeed: "Es tut mir aufrichtig leid. Ich respektiere und ehre jede Rasse und Kultur." Justin Timberlake erwähnte, dass Jesse Williams, ein Afroamerikaner, ihn inspiriere. Empörung! Tweet: "Ich entschuldige mich bei allen, die das daneben fanden. Ich habe nichts ausser Liebe für euch alle." Thor-Star Chris Hemsworth verkleidete sich an einer Mottoparty als Indianer. Empörung! Tweet: "Ich entschuldige mich aufrichtig und uneingeschränkt bei allen Ureinwohnern für diese gedankenlose Aktion. Ich hoffe, dass ich mit dem Unterstreichen meiner eigenen Unwissenheit ein bisschen helfen kann."

Aus der Perspektive von Minderheiten wie Ureinwohnern ist die Entrüstung teilweise nachvollziehbar, wenn ihre traditionellen Symbole oder Kleidungsstücke zweckentfremdet werden. Es gibt aber zwei Sichtweisen: Man kann es als Aneignung sehen, das wäre es aber nur, wenn die Ethnie selbst das Objekt nicht mehr benützen könnte. Oder als Hommage an die Kultur, als ein Teilen oder Sich-inspirieren-lassen. Was zählt, ist doch die Absicht. Es möchte wohl kaum jemand mit dem Bindi den Hinduismus herabwürdigen oder mit dem Pocahontas-Kostüm die kulturelle Identität von Amerikas Ureinwohnern stehlen.

Vertreter der Cultural Appropriation fordern auch, dass Rappen oder Dreadlocks Schwarzen vorbehalten bleiben. Spinnt man diese These weiter, dürfte ja auch niemand ausser den Griechen einen demokratischen Staat ausrufen. Oder mathematische Formeln der Babylonier verwenden. Wie stehts mit Musik? Weit genug zurück verschmilzt doch alles miteinander. Wer alles verbannt, verbannt auch das Bewusstsein für Traditionen. Und wo zieht man die Grenze? Offenbar dort, wo man nicht lautstark für Opfergruppen eintreten kann – denn White Cultural Appropriation existiert nicht.

Ich entschuldige ich mich bei allen, die sich über diesen Text empören. Ich habe nichts ausser Respekt für Sie, liebe Leserinnen und Leser.



veröffentlicht in der BaZ