Donnerstag, 30. März 2017

Hate Speech: Die neue Nazikeule

Studenten, die sich mit den falschen Zeitungen auseinandersetzen, geraten offenbar auf die schiefe Bahn. Deshalb nehmen sich britische Universitäten ein Beispiel an China und zensurieren in ihren Journalistenklassen bestimmte Blätter – solche, die von der "richtigen" Linie abweichen. Nein, das ist kein Witz.

Wie eine Studie des Online-Politmagazins Spiked ergab, schränkten im vergangenen Jahr 94% der Hochschulen in Grossbritannien die Redefreiheit ein. Die Londoner City University, Heimat einer der weltweit angesehensten Journalistenschulen, verbannte The Sun, Daily Mail und Daily Express – weil diese Zeitungen Hass in der Gesellschaft schüren würden. Studentenorganisationen verbannten Redner vom Campus – wie etwa die Bürgerrechtlerin Maryam Namazie, die sich gegen Islamismus engagiert oder die Feministin Germaine Greer, weil sie ihre eigenen Ansichten zum Transgenderismus hat.

Die BBC-Sendung "Daily Politics" griff das Thema unlängst auf. An der Debatte nahm die Journalistin Kaite Welsh teil, prominentes Aushängeschild der Verbannungs-Befürworter: "Das ist nicht Zensur. Wenn gewisse Institutionen dir keine Plattform geben wollen, musst du das akzeptieren. Redefreiheit heisst nicht, die Freiheit zu haben, eingeladen zu werden, wo immer du möchtest." Und: "Die Studenten wollen keinen Fanatismus und keinen Hate Speech."

Wir sind beim Kampfbegriff Hate Speech, zu Deutsch: Die Hassrede. Der Hate Speech-Hammer funktioniert wie die Nazikeule – man bezichtigt Menschen mit anderen Ansichten dem Hate Speech, um sie stumm zu schalten. Für Menschen mit eher linker politischer Gesinnung ist Hate Speech mittlerweile ganz vieles: Donald Trumps Äusserungen zur illegalen Immigration. Der Ausdruck von Ablehnung gegenüber den über 60 Geschlechtsidentitäten, die einem bei Facebook zur Auswahl stehen. Oder die Anmerkung, dass das Tragen eines Indianerkostüms keine rassistische Tat ist und nicht sollte verboten werden. Alles Hate Speech.

Laut Wikipedia bezeichnet die Hassrede die sprachliche Ausdrucksweise von Hass mit dem Ziel der Verunglimpfung bestimmter Personen oder Gruppen. Im Vordergrund steht deren Ausgrenzung und die Anwendung von Gewalt gegen sie.

Was also ist zweifellos Hate Speech? Klassische Beispiele von Hate Speech: "Wenn ich einmal an der Macht bin, dann wird die Vernichtung der Juden meine erste und wichtigste Aufgabe sein." (Zitat Adolf Hitler. Quelle: Institut für Zeitgeschichte). Oder: "Tötet Erdogan – mit seinen eigenen Waffen" (Aufschrift eines Plakates der Revolutionären Jugendgruppe Bern an einer Demonstration in der Schweiz vergangene Woche).
Kein Beispiel von Hate Speech: Etwa die Äusserungen der bekannten Feministin Germaine Greer, die von britischen Universitäten verbannt wurde – wegen angeblicher Hassrede. Greer sagt Dinge wie: Chirurgische Eingriffe zu erlauben in Bezug auf eine Geschlechtsumwandlung sei unethisch, weil sie gesundes Gewebe entfernen und eine lebenslange Abhängigkeit von Medizin kreieren. Eine provokative Ansicht? Ja. Schwer zu akzeptieren und verletzend für Transgender? Ja. Nur sät das nicht zwangsläufig Hass. Mit Gewalt hat es gar nichts zu tun. Man darf davon ausgehen, dass Greer Transgender-Menschen nicht als Hass-Objekte sieht.

Die NZZ erwähnte neulich Ronald Dworkin, einer der bedeutendsten US-Rechtsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Ein Inhalt könne gemäss Dworkin auch dann ein Beitrag zur politischen Diskussion sein, wenn er einen Angriff auf bestimmte Gruppen darstelle. Ein politisches System, das die Redefreiheit wegen möglicher unliebsamer Äusserungen beschneide, könnte keine volle Legitimität geniessen.

Natürlich muss man als Redner akzeptieren, wenn einem bestimmte Institutionen keine Plattformen zum Ausbreiten seiner Meinung anbieten wollen. Aber gerade Universitäten sind doch Orte, wo verschiedenste Meinungen debattiert und ausgetauscht, auch hinterfragt werden (sollten). Dabei geht es nicht darum, ob eine Meinung richtig oder falsch ist. Argumente, auch wenn sie den eigenen Ansichten vielleicht diametral widersprechen, tragen doch erst zu einer umfassenden Meinungsbildung bei.

Die Social Justice Warrior, zu deren Mission es zählt, jedes verletzte Gefühl auf der Welt zu schützen, vergaloppieren sich zusehends. Als Mitglied einer Minderheitengruppe ist man bisweilen vielleicht Vorurteilen und Intoleranz ausgesetzt. Das ist leider traurige Realität. Indem man aber Debatten, Meinungen und Zeitungen von Hochschulen verbannt, behebt man keine Missstände, sondern unterdrückt die Stimmenvielfalt in einer Bevölkerung. Und schliesst so einen grossen Teil der Gesellschaft von Grundsatzdebatten aus.
Rede-Zensur taugt für Studenten als Vorbereitung auf das reale Leben etwa so gut wie Trigger Warnings vor einem Atomkrieg.


veröffentlicht in der BaZ

Brüste raus, alles gut?

So, Ihr Patriarchen, Ihr alten Säcke in den Machtzirkeln, zieht Euch warm an! Lange hat man Euch gewarnt, jetzt ist es da: Das Foto. Darauf protestieren Juso-Frauen nackt gegen Sexismus und verbrennen Büstenhalter – ganz nach Manier der 70ger Jahre Frauenbewegung. Wenn das mal Eure antiquierten Denkweisen nicht komplett auf den Kopf stellt.

"Wir nehmen den Frauenhassern, Chauvinisten und Altherren-Runden damit ihre eigenen Waffen weg, laden sie neu und schiessen zurück!" Juso Schweiz-Präsidentin Tamara Funiciello fand vergangene Woche klare Worte im Blick. Mit dem provokativen Nackt-Werk wollten die Damen auch auf den Women's March in Zürich aufmerksam machen.

Zum Glück gibts die Jungsozialisten. Ihre Aktionen besitzen stets Unterhaltungswert. Als Vorbilder nennen die Juso-Ladies die "Femen"-Damen, die ja vor einigen Jahren mit ihren entblössten Körpern schlagartig Weltruhm erlangten. Nacktheit als Kampfeinsatz hat sich mittlerweile etabliert: Tierschutz-Aktivisten protestieren nackt gegen die Fellindustrie. Moderatorinnen gegen Instagram. Studenten für mehr Gelder für den öffentlichen Verkehr. Veganer, um auf den Weltvegantag hinzuweisen. In Madrid protestierte eine Frau mit nackter Brust gegen Donald Trump.

Soziales Engagement ist gut. Die Welt braucht Aktivisten, um Umdenken und Veränderungen herbeizuführen. Aber warum muss das nackt sein? Ich halte das für Überdramatiserung. Was genau hat ein nackter Frauenkörper mit Tierrechten zu tun? Was ein nackter Männerkörper mit dem öffentlichen Verkehr? Warum sollten Chauvinisten ihre Vorurteile gegenüber Frauen abbauen, weil sich diese in aller Öffentlichkeit oben ohne zeigen? Ironischerweise sehen die Anti-Sexismus-Expertinnen im Nacktaktivismus keinen Widerspruch: Den weiblichen Körper einsetzen und zum politischen Objekt degradieren, geht offenbar in Ordnung – solange es den eigenen Absichten dient.

Ich habe nichts dagegen, wenn Frauen sich nackt ablichten lassen, um etwa als "Freiheitskämpferinnen" Schlagzeilen zu generieren. Das Problem ist, wir sind abgestumpft. Nacktaktivismus gestaltet sich in Zeiten allgegenwärtiger Sexualisierung so wirkungsvoll wie ein Fleischverbot für Vegetarier. Die Bilder dienen höchstens den Medien als Clickbaiting: Sie stellen das Foto Online und lassen einfach die Leser darüber streiten.

Dass Nacktaktivismus als Stilmittel ein Trugschluss ist, beweist die (deplatzierte) Häme, die sich über das Juso-Bild ergoss: Die Aufmerksamkeit transferiert sich nicht auf die gewünschte Thematik, sondern rein auf die Körper der Protagonistinnen. Funiciello sagt: "Es sind unsere Körper, ohne Filter, ohne Photoshop! Sie sind schön und genauso möchten wir uns zeigen." Alles, was damit ausgedrückt wird, ist aber doch das Verlangen, von anderen als schön empfunden zu werden. Warum ist es so wichtig, was Leute denken? Menschen dazu zu bewegen, dass sie einen mögen, ist der falsche Ansatz im Kampf für Gleichberechtigung.

Das verhasste Patriarchat, das uns Frauen ja angeblich nicht ernst nimmt und aufs Körperliche reduziert, wird seine Haltung angesichts demonstrativer Hüllenlosigkeit nicht schlagartig ändern. Aber während die einen permanent den Sexismus bejammern, stellen sich die anderen auf die Hinterbeine, mucken auf gegen Ungerechtigkeiten, nehmen Kurse in Verhandlungstaktik, gehen Risiken ein, finden neue kreative Wege zur Jobverwirklichung, übernehmen die Verantwortung über ihr Leben. Für all das braucht es eines garantiert nicht: Nackte Brüste.



veröffentlicht in der BaZ




Freitag, 17. März 2017

Wählt doch Argumente statt Redeverbot, liebe AfD-Gegner!

"Wir machen es uns zunehmend bequem in unserer Blase, so dass wir nur noch Informationen akzeptieren, die zu unserer Meinung passt, anstatt dass wir unsere Meinung auf Tatsachen basieren." Barack Obama sprach in seiner Abschiedsrede ein gesellschaftliches Phänomen an: Die einzige Wahrheit ist die subjektive Wahrheit. Meinungen von Andersdenkenden sind unwahr und falsch. Auch in der Schweiz gewinnt man dieser Ego-Theorie immer mehr Vergnügen ab.

Morgen Freitag hätte im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee die Podiumsdiskussion "Die neue Avantgarde" stattfinden sollen. Themen: Populismus und Autoritarismus. Weil die Veranstalter auch Menschen rechts der Mitte eine Plattform geben wollten, luden sie unter anderen AfD-Vordenker Marc Jongen ein. Eine kaum erträgliche Zumutung für hunderte von Kulturschaffenden. Sie forderten in einem offenen Brief, "der AfD keine Bühne zu bieten" und riefen zum Boykott auf. Das Theater sagte den Event ab – aus Sicherheitsgründen und "aufgrund der Hitze der ausgelösten Debatte, in der persönliche Beleidigungen und Erpressung leider nicht gescheut wurden."

Jongen, 48, ist Philosoph, er hat Gedankengänge wie diesen: "Ich möchte nicht, dass das Deutsche verschwindet, weil viel kulturell Wertvolles in dieser Sprache geschrieben und gesagt wurde. Im Moment bewegen wir uns geradewegs auf die kulturelle Selbstabschaffung zu". Oder diesen: "Ich möchte die Demokratie stärken durch mehr Bürgerbeteiligung auf allen politischen Entscheidungsebenen" (NZZ am Sonntag).

Natürlich kann man von Bürgern eines wenig aufgeklärten Landes wie der Schweiz nicht erwarten, dass sie sich eine eigene Meinung machen (Bildungsarmut). Oder zu differenzieren vermögen (kollektive Dummheit). Oder dass sie Informationen überprüfen (Internetzensur). Man darf sich also nicht wundern, wenn die empörten Kulturschaffenden – allesamt im Besitz höherer Bildung, Intelligenz und Internetanschluss – sich gegen die Volksverführung- und Verhetzung durch Andersdenkende einsetzen. Wir sollten ihnen dankbar sein (Ironie: aus).

Die AfD ist eine demokratische Partei. Man kann von ihr halten, was man will. Kann ihre Thesen unsinnig und gefährlich finden. Indem man ihren Exponenten einen Maulkorb überstülpt, ändert man grundsätzlich nichts. Sie werden sich dadurch nicht in Luft auflösen – im Gegenteil, man modelliert sie so zu Helden der Redefreiheit. Sie werden ihre Auftritte eben anderswo durchführen und dort vermutlich – anders als im Zürcher Theaterhaus – auf keine Gegenargumente stossen. Verbannung schützt in dem Fall niemanden, sie fördert höchstens Gruppierungen im Untergrund.
Befürworter der Event-Annullierung argumentieren mit der deutschen Geschichte, die zeigen würde, was Extremisten zustande bringen. Dass Andersdenkende zwangsläufig Extremisten sind, war mir so gar nicht bewusst. Das hiesse ja, dass sämtliche deutsche Parteien mit teils extremen Ideologien – wie die Linke, die Grünen, die Piratenpartei oder die Bürger in Wut – von Veranstaltungen ausgeschlossen werden müssten.

Wäre es da nicht gescheiter, mit diesen angeblichen "Extremisten" eine konstruktive Debatte zu führen? Und wäre ein Podium nicht genau der richtige Ort, um ihre "fremdenfeindlichen" Denkweisen aufzuzeigen – und argumentativ zu widerlegen?

Aber ja, sich ausschliesslich Schonkost zuzuführen ist einfacher als die Auseinandersetzung mit unliebsamem Gedankengut. So ähnlich hatte das wohl auch Obama gemeint.


veröffentlicht in der BaZ

Donnerstag, 9. März 2017

Absurder Kampf der Frauen

Gerade war der internationale Tag der Frauen. Den gleichen Lohn wie die Männer zu bekommen, die Gleichstellung von Mann und Frau in Wirtschaft und Beruf ganz allgemein – alles wichtige Themen, für die wir Frauen kämpfen müssen. Nur driftet der Kampf von Frauen für Frauen heute immer öfter ins Absurde.

Manche Feministinnen sind besessen von dem Bestreben, ein möglichst frauenverachtendes Bild unserer Gesellschaft zu zeichnen. Schlimm muss es dann für sie sein, wenn sie Vorfälle beklagen, mit denen die angeblich verachteten Frauen selbst kein Problem haben.

Das Werbefoto einer Berliner Allianz-Agentur sorgte für die jüngste Sexismus-Debatte. Darauf steht der Firmenchef im Vordergrund, hinter ihm stehen seine acht Mitarbeiterinnen. Und, du liebe Güte, die Damen zeigen Bein! Sie tragen Minikleider und Highheels! Wegen dieses Fotos, das sie wahrscheinlich nächtelang wachgehalten hat, entschloss sich die prominente Publizistin Inge Bell, auf Facebook anzuklagen: Frauen könnten so auch für ein Bordell werben. Das Bild sei "sexistisch, entindividualisierend, frauenverachtend", schob sie im Spiegel nach. Im Netz stiess sie auf Zustimmung.

Sich für Missstände einzusetzen, ist löblich. Und ja, Sexismus existiert. Etwa, wenn eine antiquierte Firmenpolitik die Jobchancen einer Frau verhindert, der Vorgesetzte seine Stellung ausnutzt, um seiner Angestellten näherzukommen oder wenn bei der Amtseinführung von Frank-Walter Steinmeier zum neuen Bundespräsident für Damen tatsächlich ein "Minikleid" Pflicht wäre (der Aufschrei diesbezüglich hatte sich schon in die digitale Welt hinausgezwitschert, war aber rasch wieder verstummt, da es sich um ein Missverständnis handelte).

Das Foto, entindividualisierend? Jedes Firmenbild ist hoffentlich entindividualisierend, weil es dabei ja nicht ums Individuum, sondern die Firma geht. Das wesentliche Detail: Die Mitarbeiterinnen haben sich freiwillig und gerne in der Aufmachung präsentiert, wie sie erklärten. Ein Gedankengang, prädestiniert, die jahrzehntelang auf dem Opferstatus der Frau aufgebaute Agenda von Feministinnen über den Haufen zu werfen. Dabei haben sie uns doch so eindringlich erklärt, was uns alles schadet. Wir kapieren es einfach nicht.

Hier liegt das Problem: Wir leben in Zeiten der Spaltungen. Menschen werden nur mehr pauschal in Gruppen eingeteilt statt als Individuum behandelt. Ich bin nicht mehr Tamara Wernli, sondern Mitglied der vordefinierten Gruppe der Frauen, also bin ich gewohnheitsmässig benachteiligt, schutzbedürftig und lauerndem Sexismus ausgesetzt – auch wenn ich es nicht bin. Jede Gruppe erhält einen bestimmten Status, je nach Grad ihrer Diskriminierung: In der Hackordnung der Unterdrückten schlägt Frau Mann, ethnische Minderheit schlägt Frau, und so weiter.

Auf irgendeine Art diskriminiert zu sein, hat heute seine Vorteile: Als Mitglied einer Opfergruppe ist man berechtigt, andere zu benachteiligen und es wird einem verziehen – nennen wir es den Opfergruppen-Persilschein. Warum sonst blieb der grosse Aufschrei fast sämtlicher Frauenaktivistinnen nach der Kölner Silvesternacht gegenüber Männern und Flüchtlingen aus gewissen Kulturkreisen aus? Keinen Stich hat der weisse hetero Mann. Auch wenn er sich tadellos verhält, ihn trifft immer eine gewisse Erbschuld.

Der undifferenzierte, inflationäre Gebrauch von Buzz-Wörtern wie "sexistisch" führt den Kampf um Gleichstellung in die Bedeutungslosigkeit. Wer wegen solcherlei Firlefanz eine Sexismus-Debatte lostritt und dabei die Rhetorik und Dramatik anwendet, als hätte eine Massenvergewaltigung stattgefunden, bagatellisiert die tatsächlichen Missstände.

Uns Frauen vor jedem und allem schützen zu wollen, ist in der heutigen westlichen Gesellschaft genauso unnötig wie die Auswechslung des kritisierten Fotos, mit der die Berliner Firma schlussendlich einen Deckel über die Empörung stülpte. Diese selbstgefällig erregten Gemüter sollte man nicht ernst nehmen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. 

Donnerstag, 2. März 2017

Heuchelei der Journalisten

Die Web-Plattform Fiverr bietet allerlei Jobs für fünf US-Dollar an. Um diese Absurdität auf "humorvolle Weise" aufzuzeigen, machte Entertainer PewDiePie neulich ein Experiment: Er buchte bei Fiverr zwei tanzende Inder, die ein Schild mit der Aufschrift "Tod allen Juden" hochhalten. Ja, für Geld kann man alles kaufen. Und ja, die Aufschrift ist – auch für Satire – indiskutabel geschmacklos und zeugt von absoluter Geistesschlichtheit. Den Witz könnte man genauso als getarnten Aufruf zur Gewalt verstehen. Die Verlockung, Grenzen auszuloten, und der Drang, seine Follower zu verblüffen, war für PewDiePie offenbar stärker als jede Vernunft.

PewDiePie aka Felix Kjellberg ist der grösste Youtube-Star der Welt. Er postet Videos von sich beim Gamen, bei Lach-Herausforderungen, er macht sich über Dinge lustig. 54 Millionen Abonnenten gefällt die Unterhaltung des Amateur-Comedian. Geschätzte acht Millionen Dollar im Jahr verdient der 27-jährige damit. Wer es als Einzelperson zustande bringt, dass seine Videos an einem Tag von bis zu sechzehn Millionen (!) Menschen angeguckt werden, braucht sich nicht zu wundern, wenn einem gewisse Dummheiten irgendwann um die Ohren fliegen: Das "Wall Street Journal" brandmarkte PewDiePie in einem vielbeachteten Artikel als Antisemiten, mit der Folge, dass Disney seine Partnerschaft mit ihm beendete. PewDiePie entschuldigte sich, er sei zu weit gegangen mit dem Witz, wollte nie Antisemitismus bewerben.

Ich mag PewDiePie nicht verteidigen. Von einem erwachsenen Menschen dürfte man erwarten, dass er seine Witze zu Ende denkt und abschätzt, wie sie auf andere wirken könnten. Als Influencer trägt er ein Stück weit Verantwortung. Dass das WSJ sich berufen fühlte, mit dem Video bei Disney hausieren zu gehen – er hat es selbst verschuldet.

Nur gibt es da zwei kleine Probleme. Das WSJ schreibt in seiner vernichtenden Schlagzeile von antisemitischen "posts", also Mitteilungen. Ein Witz ist keine Mitteilung. Man kann nun auf Wortspielereien herumtanzen, verzichtet man aber auf diese Differenzierung oder ist nicht bemüht, die Absicht hinter dem Medienexperiment zu erfahren, übersimplifiziert man den Sachverhalt, anstatt ein vollständiges Bild zu zeichnen.
Heuchlerisch wird es dann, wenn der federführende Journalist, Ben Fritz, dieselbe Art von Witzen bei Twitter loslässt: "War gerade auf meiner ersten Chanukka Party. Hatte keine Ahnung, dass Juden so geschickt im Brutzeln sind." Man verliert sich eben schnell in den Genüssen befriedigten Hochmuts. Den Tweet hat Fritz mittlerweile gelöscht; im Archiv ist er noch immer auffindbar.

Dank dem WSJ-Artikel ist PewDiePie einflussreicher denn je. Am Tag nach der Veröffentlichung verzeichnete sein Kanal 18'795 neue Abonnenten. Am fünften Tag danach +85'833, am sechsten +117'835 (Quelle: socialblade.com/youtube). Seine Anhängerschaft bleibt ihm treu, weil sie zu unterscheiden vermag und versteht, was er aufzeigen wollte. Er wird weiterhin viel Geld verdienen. Wer daran zweifelt, begreift den Mechanismus der neuen Medien nicht.

Hinter PewDiePies Filmchen steckt keine antisemitische Absicht. Ich habe mir unzählige seiner Clips angeguckt. Einige sind töricht, taktlos, andere – wie seine jüngste Abrechnung mit Ben Fritz, "How about that" – ein komödiantisches Glanzstück. Bis Ende Woche wird er mit den gesammelten Klicks für das eine Video die Auflage des gesamten WSJ um das Fünffache überschritten haben.


veröffentlicht in der Basler Zeitung