Mittwoch, 17. Mai 2017

Mein sexy Fake-Profil bei Facebook

Vergangene Woche war ich Ziel von Missbrauch auf Facebook. Jemand gab sich für meine Person aus: Das Profil präsentierte allerlei Tamara- Fotos, im Text bot ich mich als Sexarbeiterin an. Offenbar lassen sich mit meinen Bildern ahnungslose Männer ködern – ich sollte das vielleicht als Kompliment verstehen.

Auf Facebook werden täglich 4,75 Milliarden Inhalte in Form von Kommentaren, Profilen, Fotos und Videos geteilt. Eine Zahl, zu gross, als dass eine absolute Kontrolle möglich wäre oder FB-Mitarbeiter jede einzelne Seite nach schädlichen oder illegalen Inhalten durchforsten könnten. Deshalb übernehmen Algorithmen den Job. Sie sind so programmiert, dass sie anhand von bestimmten und geheimen Kriterien "schlechte Inhalte" identifizieren und sofort eliminieren.

Der Vorteil: Dank der computerisierten Aufsicht war das Fake-Profil innert einer Stunde nach meiner Meldung gelöscht. Der Nachteil: Weil Maschinen nicht zwischen Ironie und Ernst zu unterscheiden oder den Schweregrad eines Verstosses abzuwägen vermögen, kann die Verbannung leicht Unschuldige treffen. Auch inspiriert das Sicherheitstool zu Benutzung für persönliche Zwecke: Jeder darf jedes Profil melden, das ihm nicht in den Kram passt, somit bestimmt eine Minderheit über dessen Löschung – zumindest in den ersten Stunden vor der Beanstandung durch den Betroffenen.
Man kann argumentieren, dass die vorübergehende Verbannung eines Profils das kleinere Übel darstellt als ein Inhalt, der gegen ein Individuum oder eine Gruppe hetzt. Das ist richtig. Nur beschneidet die automatisierte Express-Zensur die Grundrechte einer ganzen Gesellschaft, die Meinungs- und Kunstfreiheit. Wir müssen an der Stelle natürlich differenzieren. Ich spreche hier nicht von ins Netz gestellten Kapitalverbrechen wie Mord und Vergewaltigung. Es geht mir vor allem um politische Meinungsäusserung.

Jüngstes Beispiel davon ist Imad Karim. Facebook entfernte ohne Erklärung das Nutzerprofil des deutsch-libanesischen Schriftstellers und Islamkritikers. Viele bezeichneten die Aktion als vorauseilenden Gehorsam angesichts des neuen Gesetzentwurfs der deutschen Bundesregierung, der soziale Netzwerke verpflichten will, "offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang der Beschwerde" zu löschen – ansonsten drohe eine Strafe von bis zu 50 Millionen Euro. In Anbetracht dieses Sümmchens ist es nicht verwunderlich, wenn die sozialen Medien zu globalen Zensurmaschinen mutieren. Ob ein einzelner Inhalt als rechtswidrig qualifiziert, ob er unter Meinungsfreiheit fällt oder nicht, lässt sich aber nicht mit Algorithmen, sondern nur mit einem Heer von Anwälten, viel Geld und Zeit klären. Heiko Maas' Forderung nach neuen Zensurpraktiken ist also – gelinde gesagt – naiv, da technologisch und juristisch kaum umsetzbar. Karims Profil wurde übrigens 24 Stunden später wieder aufgeschaltet, kommentarlos.

Nach welchen Kriterien Facebook bislang zensuriert, macht das Unternehmen nicht transparent. Der Eindruck, dass es seine Standards für politische Zwecke nützt, drängt sich laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aber zusehends auf: 2015 zensierte Facebook den nach Deutschland ins Exil verbannten Schriftsteller Liao Yi-wu. Er hatte Bilder eines Aktivisten gepostet, der nackt durch Stockholm gerannt war – die kommunistische Führung spendete der Zensur Beifall. In Russland verbannte Facebook ein Foto eines sich küssenden homosexuellen Paars, in der Türkei blockierte es nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" eine Seite, die Bilder des Propheten Mohammed zeigte.

Eines steht fest: Der ideale User ist für Facebook jener, der Freunde findet, Fotos liked, hie und da auf Werbung klickt. Dass der Erfolg das Unternehmen überholt hat, dürfte nur bedingt im Sinne von Mark Zuckerberg sein, nämlich dann, wenn die Werbekassen klingeln. Heute, wo Facebook auch für Menschen zum Sprachrohr geworden ist, die sonst keine Plattform haben, ihre politische Meinung zu verbreiten – Oppositionelle in Diktaturen, Regierungs- und Systemkritiker, aber auch Hassprediger – wird er sich über die damit einhergehende Verantwortung zunehmend den Kopf zerbrechen müssen.

Die sozialen Medien sind eine Herausforderung für die Gesellschaft. Ein Stück weit Verantwortung darf man von einem globalen Machtgefüge wie Facebook erwarten – und zu dem Zweck stellt das Unternehmen ja auch Kontrollinstrumente zur Verfügung. Verantwortung darf man aber auch von den Nutzern erwarten: Wir sollten selber wissen, wessen Meinung wir lesen möchten, wen wir blockieren, melden, was für uns schlecht ist.

Etwas mehr Vertrauen in ihre Bürger stände auch den Regierungen gut an. Hass und Hetze wird es immer geben. Sie liegen leider in der Natur des Menschen. Einiges von dem, was als verletzend und unerträglich heraufbeschwört wird, ist aber einem Individuum durchaus zuzumuten. Es liegt auch in unserer eigenen Verantwortung, gewisse Dinge zu ertragen – oder das Problem selbstbestimmt zu lösen. Weder Regierungen noch soziale Medien können uns vor allem Bösen dieser Welt schützen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. 







Gefährlich sind die Humorlosen

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Dass ihm dieser eher banale Tweet zum Verhängnis wird, hätte sich der prominente US-Videospielproduzent Colin Moriarty wohl nicht gedacht. Als Frauen am 8. März weltweit ihren Frauentag feierten, wurde auch das Hashtag #daywithoutawoman ins Leben gerufen. Damit sollte der "enorme Wert, den Frauen zum sozioökonomischen System beitragen", hervorgehoben werden.

Innerhalb der Computerspielindustrie ergoss sich ein Empörungs-Tsunami über Colin Moriarty: Sexist! Sexist! Wie kann man nur so etwas Niederträchtiges über Frauen sagen! Das Ausmass der Hysterie der Gerechtigkeitsfanatikerinnen veranlasste Moriarty, seinen Job zu kündigen; arbeitet man in einer Branche, die derart von der Zustimmung der Öffentlichkeit abhängig ist, kann man sich in den USA keinen Witz mehr erlauben. Auch keine eigene Persönlichkeit.

Solange wir in unseren mitteleuropäischen Kulturkreisen noch Mann/Frau-Aspekte ansprechen dürfen, schauen wir uns "Ein Tag ohne Frau" mal an. Stereotyp hin oder her – der erste Reflex eines männlichen Wesens ist nun mal der: Friede herrscht! Ein Mann lebt ihn wahrscheinlich täglich an die dreissig Mal geistig aus. Wo ist das Problem? Ich sehe beim besten Willen nichts Verwerfliches daran, wenn Männer sich hie und da nach Frau-freier Zeit sehnen. Es gibt gute Gründe, warum unsere Anwesenheit von geistig verstörend bis unsäglich anstrengend sein kann.

Das Reizvolle an einem Tag ohne Frau ist doch, dass Männer dann all die Dinge tun können, die sie sonst unterdrücken müssen: Sie rülpsen, prahlen, hauen Sprüche raus ohne Sinn und Verstand, oder verharren stundenlang in Schweigen – und es ist in Ordnung. Sie müssen keine Gentlemen sein. Werden nicht genötigt, Neugierde aufzubringen für eine neue Handtasche. Müssen sich nicht dazu entschliessen, keine Notiz von ihr zu nehmen, wenn sie mit ihrer Vorwurfsliste anrauscht. In Anwesenheit einer Frau hätte die Hälfte ihrer Handlungen oder Nicht-Handlungen wohl Konsequenzen. Aber, wie wir (Frauen) ja nur zu gut wissen: Spätestens am Nachmittag kommt die Langeweile und dann gibt es für sie nichts Schöneres als unsere Rückkehr.

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Ich persönlich schmunzle darüber. Aber das Lachen dürfte vielen Männern mittlerweile vergangen sein. Ich sage Männer, weiss und hetero, weil es häufig sie sind, die sich mit der political correctness moderner Feministinnen und Empörungsradikalen auseinanderzusetzen haben. Ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden - da wird einem Angst und bange. Dass die Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit mit solchen Aktionen gerade eben nicht Gerechtigkeit fördern, sondern die Spaltung der Gesellschaft, weil sie damit einer schleichenden Unsicherheit, Selbstzweifel und verstärktem Misstrauen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen Vorschub leisten, scheint ihnen nicht bewusst.

Das Problem sind aber nicht die Berufsempörten, auch nicht jene, die die Sozialen Medien als eine Art virtuelle Handfeuerwaffe einsetzen, um Menschen zu zerstören. Diese Gruppen rufen zwar am lautesten aus, aber sie machen insgesamt eine zu kleine Anzahl aus, als dass sie mit ihren Ansichten die Wurzel der gesellschaftlichen Vernunft ausreissen könnten. Das Problem sind Institutionen wie Behörden, Universitäten, die Wirtschaft und Arbeitgeber, die diesen Wahnsinn begünstigen, indem sie sich, aus Angst vor einem Imageschaden, solidarisch auf die Seite der Negativler schlagen. Universitäten kuschen vor protestierenden Studenten, Unternehmen vor Social Media-Stänkerern.

Pepsi zog neulich Hals über Kopf einen neuen Werbespot zurück, nachdem Aktivisten moniert hatten, der Spot würde an die Black Lives Matter-Bewegung erinnern und diese trivialisieren. Pepsis öffentliche Reue kam postwendend: "Wir entschuldigen uns dafür. […]. Wir hatten nicht vor, ein seriöses Thema auf eine lockere Weise darzustellen. Wir löschen den Inhalt und werden nichts dazu weiterverbreiten. Wir entschuldigen uns auch, Kendall Jenner in diese Lage gebracht zu haben." Ja, der Spot ist dämlich - Kendall Jenner, die einem Polizisten an einer Demo eine Pepsi reicht und die Welt ist dann in Ordnung. Aber das ist eine Stilfrage. Dass Unternehmen wegen eines Shitstorms einknicken, ihre eigenen Ideen und Werte anstandslos aufgeben, nur weil einige Übersensible sich an allem und jedem stören und gar eine "kulturelle Aneignung" dahinter sehen wollen – es ist der falsche Weg zu sozialer Gerechtigkeit.

Im Fall vom Gameproduzenten Moriarty blieb seine Firma stumm, stellte sich nicht öffentlich hinter ihn, hielt ihn nicht mit allen Mitteln von der Kündigung ab. Zur Erinnerung: Er ermordete nicht seine Grossmutter, er haute einen banalen Witz raus.

Ereignisse wie dieses lassen flächendeckend eine zunehmende Verunsicherung aufkeimen. Ist das Vertrauen einer Gesellschaft in das harmonische Zusammenleben erst einmal zerstört, stellt ein allfälliger kurzzeitiger Imageschaden eines Unternehmens das kleinere Übel dar.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.