Mittwoch, 17. Mai 2017

Sind wir alle Extremisten?

Extrem hier, extrem da. Extremes Gesetz. Extreme Inhalte. Extreme Meinung. Islamkritiker sind extrem. Trump, Blocher, Petry auch. Die Schliessung der Grenzen in Europa sowieso. Im heutigen Sprachgebrauch hat sich die inflationäre Aufbietung des Wortes 'extrem' eingenistet, fast jeder zweite Satz enthält eine Angabe zu Extremismus, so scheints. Dabei fällt auf: Rechte politische Ansichten werden eher als extrem gebrandmarkt als linke. Aber ab wann gilt eine Meinung als extrem? Und ist extrem zwingend falsch? Zwingend gefährlich? 

Laut Duden ist 'extrem' eine radikale Haltung oder Richtung. Etwas, das im politischen Sinn „das Äusserste“ oder „das Ärgste“ bezeichnet – im Verhältnis zur angenommenen Mitte. Und zugleich als Minderheit im Verhältnis zur derzeitigen Mehrheit und als Gegensatz zu deren politischer Orientierung.

Wer aber entscheidet, was die angenommene Mitte ist? Gehen wir davon aus, die angenommene Mitte ist die Mehrheit einer Gesellschaft, der sogenannte Mainstream. Empfindet er etwas als extrem, gilt das also als diktatorische Wahrheit – und alle anderen haben sich damit abzufinden. Das anzunehmen ist doch aber, wenn nicht extrem, dann zumindest gänzlich unsensibel, und zwar für all jene, die sich in der politischen Orientierung der Mehrheit nicht erkennen. 

Ein Beispiel: Die Begriffe, mit denen die angenommene Mitte die Schweizerische Volkspartei, die SVP, und ihre Wähler beschreibt, reichen von 'rechts', 'extrem', 'rechtspopulistisch, 'rechtsextrem' bis 'ein Haufen von Nazis'. In Anbetracht des SVP-Wähleranteils bei den Wahlen im 2015 macht das etwa 753'000 extreme Schweizer. 

Meine Beobachtung ist, dass der Ausdruck, den man für diese Partei und ihre Anhänger benützt, je extremer wird, je weniger man sich mit ihr identifiziert. Ob etwas extrem ist oder nicht, basiert also zu einem grossen Teil auf seiner subjektiven Ansicht. Oder umgekehrt: Je mehr etwas von der eigenen Weltanschauung abweicht, desto extremer empfindet man es – und nennt es falsch und gefährlich.

Sind nun jene extrem, die sich gegen Internetzensur und für Redefreiheit aussprechen – oder sind es jene, die aus Angst vor Hass und Hetze Zensur befürworten? Ist Trumps gründlichere Immigranten-Überprüfung extrem, oder sind jene extrem unverantwortlich, die Immigranten unkontrolliert einreisen lassen wollen? Extrem kann aber auch ein demonstrativer Patriotismus sein. Für Moslem, die den Islam streng ausleben, kann unsere westliche, freiheitliche Grundordnung extrem sein. Heute empfinden wir Dinge als völlig normal, die früher als extrem galten; eine Gesellschaft ist im Wandel, Extreme begegnen uns nicht statisch, sie ändern im Laufe der Zeit. Auch ist es möglich, extreme Ansichten zu haben, damit aber vernünftig zu argumentieren.

Angesichts unserer empörungswilligen Gesellschaft könnte man annehmen, dass es von Extremisten, Sexisten und Rassisten nur so wimmelt. Tut es aber nicht. Es zeigt höchstens, dass es vielen beim Einordnen einer Person nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung geht. Sie beurteilen ein Individuum aufgrund eines Vorurteils und gehen dann oft vom Schlimmsten aus. Ich selbst ertappe mich immer wieder dabei, im ersten Reflex etwa eine Ansicht, die der meinen diametral entgegenläuft, als völlig unhaltbar oder gar idiotisch abzutun. Versuche dann aber, mich vielleicht in einem zweiten Moment darauf einzulassen. 

Vorurteile sind ja grundsätzlich nichts Schlimmes, sie sind eine Art Frühwarnsystem im Hirn, das Situationen abgleicht und Wahrscheinlichkeitsrechnungen durchführt. Wären damals unsere frühen Vorfahren beim Anblick von Tieren mit grossen Zähnen nicht reflexartig getürmt – ohne konkretes Wissen, ob diese tatsächlich gefährlich sind – wir wären heute wohl alle nicht hier. Das Problem mit Vorurteilen ist, dass wir unsere eigene subjektive Wahrheit grösstenteils darauf aufbauen und sie dann häufig als die einzige Wahrheit anerkennen – das ist nun mal der Anspruch eines grossen Egos, ganz unabhängig vom politischen Spektrum. So gesehen müssen andere Wahrheiten zwangsläufig extrem sein. 

In seinem Buch "The Dictionary Of Political Thought" beschreibt der renommierte politische Philosoph Roger Scruton ("How to be a Conservative") einen Extremisten unter anderem als jemanden, der mit einer politischen Idee ans Limit geht, auch mit der Absicht, die Opposition zu eliminieren. Der Mittel einsetzt, die die Freiheit und Menschenrechte von anderen beeinträchtigen und der intolerant gegenüber allen Ansichten ist, die nicht mit der eigenen übereinstimmen. 

Wenn wir ehrlich sind, trifft all das auf die Wenigsten zu, die heute als 'extrem' geächtet werden. Sie sind auch nicht gefährlich noch liegen sie mit ihren Ansichten komplett falsch. Der überbordende Gebrauch des Wortes ist daher völlig unsinnig. Und wer glaubt, durch das Anprangern von vermeintlichen Extremisten ein besserer Mensch zu sein, weil er damit ja seine eigene Korrektheit unterstreicht, der irrt. Es wird nie für jedes Individuum alles perfekt sein. Wir werden nie mit allem übereinstimmen. Wir sind zu permanenter Anpassung gezwungen, müssen uns arrangieren mit unliebsamen, verletzenden Meinungen und Fakten. Müssen unsere eigenen Kompromisse finden. Die 'angenommene Mitte' kann uns dabei nicht helfen, sie ist ein vages, unbestimmtes Konstrukt. Eines, das einen grossen Teil der Gesellschaft ausschliesst. 

Übrigens: Sich hie und da auf eine unorthodoxe Meinung einlassen, hat auch seine Vorteile. Es weist ein Ego zumindest ein bisschen in seine Schranken. 

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. 

Mein sexy Fake-Profil oder: Selbst ist der User

Vergangene Woche war ich Ziel von Missbrauch auf Facebook. Jemand gab sich für meine Person aus: Das Profil präsentierte allerlei Tamara- Fotos, im Text bot ich mich als Sexarbeiterin an. Offenbar lassen sich mit meinen Bildern ahnungslose Männer ködern – ich sollte das vielleicht als Kompliment verstehen.

Auf Facebook werden täglich 4,75 Milliarden Inhalte in Form von Kommentaren, Profilen, Fotos und Videos geteilt. Eine Zahl, zu gross, als dass eine absolute Kontrolle möglich wäre oder FB-Mitarbeiter jede einzelne Seite nach schädlichen oder illegalen Inhalten durchforsten könnten. Deshalb übernehmen Algorithmen den Job. Sie sind so programmiert, dass sie anhand von bestimmten und geheimen Kriterien "schlechte Inhalte" identifizieren und sofort eliminieren.

Der Vorteil: Dank der computerisierten Aufsicht war das Fake-Profil innert einer Stunde nach meiner Meldung gelöscht. Der Nachteil: Weil Maschinen nicht zwischen Ironie und Ernst zu unterscheiden oder den Schweregrad eines Verstosses abzuwägen vermögen, kann die Verbannung leicht Unschuldige treffen. Auch inspiriert das Sicherheitstool zu Benutzung für persönliche Zwecke: Jeder darf jedes Profil melden, das ihm nicht in den Kram passt, somit bestimmt eine Minderheit über dessen Löschung – zumindest in den ersten Stunden vor der Beanstandung durch den Betroffenen.
Man kann argumentieren, dass die vorübergehende Verbannung eines Profils das kleinere Übel darstellt als ein Inhalt, der gegen ein Individuum oder eine Gruppe hetzt. Das ist richtig. Nur beschneidet die automatisierte Express-Zensur die Grundrechte einer ganzen Gesellschaft, die Meinungs- und Kunstfreiheit. Wir müssen an der Stelle natürlich differenzieren. Ich spreche hier nicht von ins Netz gestellten Kapitalverbrechen wie Mord und Vergewaltigung. Es geht mir vor allem um politische Meinungsäusserung.

Jüngstes Beispiel davon ist Imad Karim. Facebook entfernte ohne Erklärung das Nutzerprofil des deutsch-libanesischen Schriftstellers und Islamkritikers. Viele bezeichneten die Aktion als vorauseilenden Gehorsam angesichts des neuen Gesetzentwurfs der deutschen Bundesregierung, der soziale Netzwerke verpflichten will, "offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang der Beschwerde" zu löschen – ansonsten drohe eine Strafe von bis zu 50 Millionen Euro. In Anbetracht dieses Sümmchens ist es nicht verwunderlich, wenn die sozialen Medien zu globalen Zensurmaschinen mutieren. Ob ein einzelner Inhalt als rechtswidrig qualifiziert, ob er unter Meinungsfreiheit fällt oder nicht, lässt sich aber nicht mit Algorithmen, sondern nur mit einem Heer von Anwälten, viel Geld und Zeit klären. Heiko Maas' Forderung nach neuen Zensurpraktiken ist also – gelinde gesagt – naiv, da technologisch und juristisch kaum umsetzbar. Karims Profil wurde übrigens 24 Stunden später wieder aufgeschaltet, kommentarlos.

Nach welchen Kriterien Facebook bislang zensuriert, macht das Unternehmen nicht transparent. Der Eindruck, dass es seine Standards für politische Zwecke nützt, drängt sich laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aber zusehends auf: 2015 zensierte Facebook den nach Deutschland ins Exil verbannten Schriftsteller Liao Yi-wu. Er hatte Bilder eines Aktivisten gepostet, der nackt durch Stockholm gerannt war – die kommunistische Führung spendete der Zensur Beifall. In Russland verbannte Facebook ein Foto eines sich küssenden homosexuellen Paars, in der Türkei blockierte es nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" eine Seite, die Bilder des Propheten Mohammed zeigte.

Eines steht fest: Der ideale User ist für Facebook jener, der Freunde findet, Fotos liked, hie und da auf Werbung klickt. Dass der Erfolg das Unternehmen überholt hat, dürfte nur bedingt im Sinne von Mark Zuckerberg sein, nämlich dann, wenn die Werbekassen klingeln. Heute, wo Facebook auch für Menschen zum Sprachrohr geworden ist, die sonst keine Plattform haben, ihre politische Meinung zu verbreiten – Oppositionelle in Diktaturen, Regierungs- und Systemkritiker, aber auch Hassprediger – wird er sich über die damit einhergehende Verantwortung zunehmend den Kopf zerbrechen müssen.

Die sozialen Medien sind eine Herausforderung für die Gesellschaft. Ein Stück weit Verantwortung darf man von einem globalen Machtgefüge wie Facebook erwarten – und zu dem Zweck stellt das Unternehmen ja auch Kontrollinstrumente zur Verfügung. Verantwortung darf man aber auch von den Nutzern erwarten: Wir sollten selber wissen, wessen Meinung wir lesen möchten, wen wir blockieren, melden, was für uns schlecht ist.

Etwas mehr Vertrauen in ihre Bürger stände auch den Regierungen gut an. Hass und Hetze wird es immer geben. Sie liegen leider in der Natur des Menschen. Einiges von dem, was als verletzend und unerträglich heraufbeschwört wird, ist aber einem Individuum durchaus zuzumuten. Es liegt auch in unserer eigenen Verantwortung, gewisse Dinge zu ertragen – oder das Problem selbstbestimmt zu lösen. Weder Regierungen noch soziale Medien können uns vor allem Bösen dieser Welt schützen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. 







Gefährlich sind die Humorlosen

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Dass ihm dieser eher banale Tweet zum Verhängnis wird, hätte sich der prominente US-Videospielproduzent Colin Moriarty wohl nicht gedacht. Als Frauen am 8. März weltweit ihren Frauentag feierten, wurde auch das Hashtag #daywithoutawoman ins Leben gerufen. Damit sollte der "enorme Wert, den Frauen zum sozioökonomischen System beitragen", hervorgehoben werden.

Innerhalb der Computerspielindustrie ergoss sich ein Empörungs-Tsunami über Colin Moriarty: Sexist! Sexist! Wie kann man nur so etwas Niederträchtiges über Frauen sagen! Das Ausmass der Hysterie der Gerechtigkeitsfanatikerinnen veranlasste Moriarty, seinen Job zu kündigen; arbeitet man in einer Branche, die derart von der Zustimmung der Öffentlichkeit abhängig ist, kann man sich in den USA keinen Witz mehr erlauben. Auch keine eigene Persönlichkeit.

Solange wir in unseren mitteleuropäischen Kulturkreisen noch Mann/Frau-Aspekte ansprechen dürfen, schauen wir uns "Ein Tag ohne Frau" mal an. Stereotyp hin oder her – der erste Reflex eines männlichen Wesens ist nun mal der: Friede herrscht! Ein Mann lebt ihn wahrscheinlich täglich an die dreissig Mal geistig aus. Wo ist das Problem? Ich sehe beim besten Willen nichts Verwerfliches daran, wenn Männer sich hie und da nach Frau-freier Zeit sehnen. Es gibt gute Gründe, warum unsere Anwesenheit von geistig verstörend bis unsäglich anstrengend sein kann.

Das Reizvolle an einem Tag ohne Frau ist doch, dass Männer dann all die Dinge tun können, die sie sonst unterdrücken müssen: Sie rülpsen, prahlen, hauen Sprüche raus ohne Sinn und Verstand, oder verharren stundenlang in Schweigen – und es ist in Ordnung. Sie müssen keine Gentlemen sein. Werden nicht genötigt, Neugierde aufzubringen für eine neue Handtasche. Müssen sich nicht dazu entschliessen, keine Notiz von ihr zu nehmen, wenn sie mit ihrer Vorwurfsliste anrauscht. In Anwesenheit einer Frau hätte die Hälfte ihrer Handlungen oder Nicht-Handlungen wohl Konsequenzen. Aber, wie wir (Frauen) ja nur zu gut wissen: Spätestens am Nachmittag kommt die Langeweile und dann gibt es für sie nichts Schöneres als unsere Rückkehr.

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Ich persönlich schmunzle darüber. Aber das Lachen dürfte vielen Männern mittlerweile vergangen sein. Ich sage Männer, weiss und hetero, weil es häufig sie sind, die sich mit der political correctness moderner Feministinnen und Empörungsradikalen auseinanderzusetzen haben. Ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden - da wird einem Angst und bange. Dass die Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit mit solchen Aktionen gerade eben nicht Gerechtigkeit fördern, sondern die Spaltung der Gesellschaft, weil sie damit einer schleichenden Unsicherheit, Selbstzweifel und verstärktem Misstrauen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen Vorschub leisten, scheint ihnen nicht bewusst.

Das Problem sind aber nicht die Berufsempörten, auch nicht jene, die die Sozialen Medien als eine Art virtuelle Handfeuerwaffe einsetzen, um Menschen zu zerstören. Diese Gruppen rufen zwar am lautesten aus, aber sie machen insgesamt eine zu kleine Anzahl aus, als dass sie mit ihren Ansichten die Wurzel der gesellschaftlichen Vernunft ausreissen könnten. Das Problem sind Institutionen wie Behörden, Universitäten, die Wirtschaft und Arbeitgeber, die diesen Wahnsinn begünstigen, indem sie sich, aus Angst vor einem Imageschaden, solidarisch auf die Seite der Negativler schlagen. Universitäten kuschen vor protestierenden Studenten, Unternehmen vor Social Media-Stänkerern.

Pepsi zog neulich Hals über Kopf einen neuen Werbespot zurück, nachdem Aktivisten moniert hatten, der Spot würde an die Black Lives Matter-Bewegung erinnern und diese trivialisieren. Pepsis öffentliche Reue kam postwendend: "Wir entschuldigen uns dafür. […]. Wir hatten nicht vor, ein seriöses Thema auf eine lockere Weise darzustellen. Wir löschen den Inhalt und werden nichts dazu weiterverbreiten. Wir entschuldigen uns auch, Kendall Jenner in diese Lage gebracht zu haben." Ja, der Spot ist dämlich - Kendall Jenner, die einem Polizisten an einer Demo eine Pepsi reicht und die Welt ist dann in Ordnung. Aber das ist eine Stilfrage. Dass Unternehmen wegen eines Shitstorms einknicken, ihre eigenen Ideen und Werte anstandslos aufgeben, nur weil einige Übersensible sich an allem und jedem stören und gar eine "kulturelle Aneignung" dahinter sehen wollen – es ist der falsche Weg zu sozialer Gerechtigkeit.

Im Fall vom Gameproduzenten Moriarty blieb seine Firma stumm, stellte sich nicht öffentlich hinter ihn, hielt ihn nicht mit allen Mitteln von der Kündigung ab. Zur Erinnerung: Er ermordete nicht seine Grossmutter, er haute einen banalen Witz raus.

Ereignisse wie dieses lassen flächendeckend eine zunehmende Verunsicherung aufkeimen. Ist das Vertrauen einer Gesellschaft in das harmonische Zusammenleben erst einmal zerstört, stellt ein allfälliger kurzzeitiger Imageschaden eines Unternehmens das kleinere Übel dar.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.