Dienstag, 27. Juni 2017

Body Positivity: Zeigt her eure Cellulite

Viele populäre Bewegungen starten im Kern mit etwas Sinnvollem. Das war so beim Feminismus, wo die Ursprungsidee die Gleichheit war, oder bei der "Black Lives Matter"-Bewegung, die die Diskriminierung von Schwarzen anprangerte. Das Problem am Aktivismus ist, dass er häufig von einigen Radikalen gekidnappt wird. Sie spannen ihn für ihre persönlichen Zwecke ein und leben ihn vom Grundgedanken völlig abweichend aus. Bewegungen entwickeln sich dann ins Absurde: Der Feminismus mutierte zur Männer-hassenden-"Ich will alles haben"-Religion, die Black Lives Matter-Bewegung in ihrer extremen Auslegung insinuiert, dass Rassismus erst beendet ist, wenn es keine Weissen mehr gibt.

Nun liegt eine neue Bewegung im Trend: Body Positivity. Das Motto: Egal wie dick, adipös, ungesund - jeder Körper ist schön, jeder Körper gehört gefeiert. (Und wer das nicht wunderbar findet, ist Teil des bösen Patriarchats). Anfangs gestartet als Protest gegen Models, die aussahen, als stöckelte nur mehr ihr Skelett über den Catwalk, und gegen den Schönheitswahn im Generellen, driftet auch diese Strömung ins Lächerliche: "Wir möchten fette Körper sehen, alle Arten von Körper, auf dem Cover von Mainstream-Medien", erklärt eine Aktivistin kämpferisch. Vorreiterinnen sind etwa das XXL-Model Tess Holliday oder die Schauspielerin und Feministin Lena Dunham. Letztere ist so stolz auf ihre körperlichen Makel, dass sie es kaum erträgt, wenn diese nicht gesehen werden: Als sie auf einem Magazincover abgebildet war, beanstandete sie sofort (fälschlicherweise), da sei mit Retusche nachgeholfen worden und das sei nicht ihr Körper. Später beehrte sie ein anderes Titelbild und erntete für ihre Orangenhaut-Offenbarung den ersehnten Beifall. Cellulite zeigen heisst Selbstbewusstsein, so die Botschaft, ist "Female Empowerment", also Frauenemanzipation. Sich zu Schamgefühl herabzulassen ist bei Feministinnen gewiss nicht Teil ihrer Selbstliebe – es hiesse ja, ein Defizit zuzugeben.

Grundsätzlich ist es etwas Gutes, seinem Körper mit vorbehaltloser Akzeptanz zu begegnen und zu sagen: Ich bin mit meinem Aussehen zufrieden. Ich lasse mir nichts vorschreiben. Wer übergewichtig ist, Cellulite hat, soll sich nicht dafür schämen. Das meine ich so. Und wenn man daran nichts ändern will, auch gut - jeder soll sich so wohl fühlen, wie er ist. Auch an Widersprüche innerhalb feministischer Bewegungen hat man sich gewöhnt: Die Zurschaustellung seines Körpers ist selbstverständlich nur dann hip, wenn man eben diesen bestimmten Körpertyp besitzt, jenen, der nicht ins gängige Schönheitsbild passt. Wer mit schlanken Beinen und flachem Bauch posiert, gilt freilich als Opfer des Schönheitswahns, als Opfer der vorherrschenden Männerwelt (die schlanke Frauen angeblich attraktiver findet) und hat seine Selbstbestimmung irgendwo zwischen "Glamour" lesen und Ananasdiät eingebüsst.

Wenn wir aber an einen Punkt gelangen, wo Menschen, die eine auffallende Ähnlichkeit zu Nilpferden besitzen, eingeredet wird, dass sie ihre absackenden Fleischschichten kritiklos lieben und ja nichts daran ändern sollten, dann verliert der Aktionismus seine gesunde Balance. Übergewicht schönzureden und vor allem, es in der Öffentlichkeit prominent zu bewerben, ermutigt zu einem ungesunden Lifestyle: Fette Körper sind langfristig nicht gesund. Übergewicht und Adipositas sind Risikofaktoren für zahlreiche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes und Krebs. Dies zu ignorieren ist fahrlässig.

Die Body Positivity-Bewegung hatte in ihrem Ursprung gewiss einen noblen Zweck. Dass sie sich heute hauptsächlich damit beschäftigt, wie das Äussere auf andere zu wirken hat, oder wen die Massenmedien aufs Cover hieven, offenbart, dass das Selbstwertgefühl ihrer Anhängerinnen eben doch von der Bestätigung anderer abhängt. "Empowerment" benötigt nur, wem seine Stärken bewusstgemacht werden müssen, wessen Selbstvertrauen ein Helferlein braucht.
Anstatt sich der feierlichen Inszenierung ihrer intimen Makel hinzugeben, sollten die Damen vielleicht die Einsicht zulassen, dass einem nie alle attraktiv finden.

veröffentlicht in der BaZ

Ein "Shit" zuviel

"Dieses Stück Scheisse ist nicht nur eine Peinlichkeit für Amerika und ein Fleck auf der Präsidentschaft. Er ist eine Peinlichkeit für die ganze Menschheit." Anfangs Juni gestattete der prominente CNN-Moderator Reza Aslan seinem Unmut digitale Aufmerksamkeit, als er bei Twitter über Donald Trump herzog.

Trump's Tweet nach den Londoner Terroranschlägen – "Wir brauchen das Reiseverbot als einen zusätzlichen Level der Sicherheit!" – löste bei dem 45-jährigen iranisch-amerikanischen Religionswissenschaftler, der häufig bei öffentlichen Debatten als Verfechter des Islam auftritt, offensichtlich einen derartigen Schockmoment aus, dass ihm das rhetorische Gleichgewicht abhandenkam. Als dann republikanische Stimmen die Absetzung seiner CNN-Doku-Serie "Believer" forderten, bedauerte er seinen Tweet so reumütig wie vorhersehbar: "Ich hätte den Präsidenten nicht mit Obszönitäten beschreiben sollen", twitterte er. Er habe seine Coolness verloren. So sei er normalerweise nicht.

Dass Moderatoren oder Journalisten als Vorbilder für Tugend und Vollkommenheit herhalten sollten, ist natürlich Quatsch. Sie dürfen Fehler machen, dürfen abseits der Redaktion dummes Zeug tun, dummes Zeug reden. Und wenn sie dafür eben Kloaken-Rhetorik verwenden, demaskieren sie sich damit ja nur selbst. Denn solche Wortmeldungen ereignen sich nicht einfach. Sie erfordern ein Übermass an schlechter Kinderstube, an Arroganz, an Selbstgefälligkeit. An Feindseligkeit.

Meinungs- und Redefreiheit, für die ich ausdrücklich einstehe, schliesst Geschmacklosigkeit mit ein, geistige Beschränktheit auch. Wenn also die US-Komikerin Kathy Griffin, wie neulich geschehen, mit dem blutigen, abgetrennten Kopf von Donald Trump à là IS-Style posiert, mag es zwar keine Gürtellinie geben, die tief genug ist für die Einordnung der weder lustigen noch satirischen Aktion, unter das Recht auf künstlerische Freiheit fällt sie dennoch. Auch wer Politiker verbal zerpflückt, Religionen kritisiert, Frauen- oder sonstige Bewegungen in Frage stellt, sollte das tun dürfen, ohne rechtlich belangt zu werden. Jedem seine Meinungsfreiheit – Konsequenzen wie etwa Jobverlust trägt freilich jeder selbst.

Natürlich fördert Trump mit gewissen seiner Aussagen heftige Reaktionen – nur hat alles sein Mass. Aslans frühere Tweets, die er mittlerweile gelöscht hat, dokumentieren seine angebliche "Coolness" gegenüber politisch Andersdenkenden nur zu präzise. Im August 2012 schrieb er: "Um es klarzustellen, ich hatte mir in der Tat gewünscht, jemand würde den Kongressabgeordneten Todd Akin vergewaltigen. Ich möchte da nicht missverstanden werden." September 2016 über Trump: "Der Vater ein Stück Scheisse, der Sohn ein Stück Scheisse." Mai 2017: "Was für eine Freude, wenn dieses lügende schleimscheissende narzisstische soziopathische Stück Scheisse Fake-Präsident endlich bekommt, was er verdient."

Diese Petitessen eines seiner Moderatoren haben sich für CNN offensichtlich mit dem Renommee eines seriösen Nachrichtensenders vereinbaren lassen; Aslan durfte eine Show für CNN produzieren, "Believer", seit März auf Sendung, blieb unangetastet – bis vergangene Woche. Da beendete CNN die Zusammenarbeit mit ihm. "Die Art von Rede ist nie angemessen", las man in einem Statement. Um das zu merken, benötigte das Unternehmen ganze fünf Jahre. Hate Speech wird eben schnell als Problem erkannt und deklariert, ausser, er kommt aus den eigenen Reihen.

veröffentlicht in der BaZ

Toxische Männlichkeit II

"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist", wusste schon Paracelsus im 15. Jahrhundert. Dass auch ein bestimmtes menschliches Verhalten weitestgehend von der Dosis gewisser Charakterzüge abhängt, scheint für die Spezies Genderexperten nicht gegeben: Sie setzen asoziales Benehmen generell mit Männlichkeit gleich, statt es mit der Frage des Masses zu verbinden.

Neulich haben wir den Gender-Begriff "toxische Männlichkeit" erläutert - typisch männliche Eigenschaften kreieren angeblich ein Umfeld, das zu Gewalt gegenüber Frauen ermuntert. Frauen würden sich darum von Männlichkeit bedroht und abgestossen fühlen.

Das Problem an Thesen, die statt belegten Inhalten nur moralische Überlegenheit transportieren, ist, dass ihre Widerlegung meist schneller erfolgt, als dass der Gender-Profi seinen Gedanken zu Ende spinnen kann. Nämlich dann, wenn die Wissenschaft ins Spiel kommt. Ich bin gerade auf eine aktuelle Studie gestossen, veröffentlicht von der American Psychological Association (APA), die zeigt: Frauen stehen auf Männlichkeit.

"Frauen mit männlichen Ehemännern weisen eine grössere Zufriedenheit auf während ihres Fruchtbarkeits-Höhepunktes", so der Titel der Studie, deren Ziel es war, die Korrelation zwischen der Fruchtbarkeit der Frau und der Männlichkeit ihres Partners zu untersuchen, im Kontext einer langjährigen Beziehung. Dazu wurden die täglichen Daten von 70 neuverheirateten Paaren analysiert. Das von Studienleiterin Andrea L. Meltzer auf zwölf Seiten dargelegte Resultat, offenbart, dass Frauen mit Ehemännern, die sich selbst anhand ihres Verhaltens als männlich einstufen, um den Eisprung herum zufriedener mit ihren Partnern sind, als Frauen mit weniger maskulinen Ehemännern. Bei ihnen wurde während der Zeit überhaupt kein Anstieg der Zufriedenheit festgestellt.

Natürlich muss man jede Studie relativieren, und 70 Paare sind nicht gerade viel. Auch steht ausser Frage: Ein zu hohes Grad an gewissen männlichen Eigenschaften wie Dominanz oder kompetitives Verhalten ist selbstverständlich sozial nicht mehr verträglich – nur hat das nichts mit Männlichkeit per se zu tun, sondern mit dem Charakter der betroffenen Person. Ob männlich oder weiblich spielt dabei keine Rolle. Jeder Charakterzug, der ins Extreme driftet, stellt ein gesellschaftliches Zusammenleben auf die Probe. Das kann man übrigens auch auf positive Eigenschaften beziehen: Ist jemand exzessiv humorvoll und grölt die ganze Zeit über, geht er uns bald mal aufn Sack.

Eine Überraschung ist das Studienresultat trotzdem nicht. Auch Säugetiere wie etwa Gorillaweibchen suchen in ihrer fruchtbaren Phase instinktiv die Nähe des stärksten, grössten, zähesten, dominantesten Männchens (also exakt jene Tiere mit den von Genderisten so verteufelten Eigenschaften) und signalisieren ihm dann ihre Paarungsbereitschaft. "Im Endeffekt kommen meistens hochrangige Männchen zum Zug", erklärt der Primatenforscher Peter Kappeler in der Berliner Zeitung.

Die Tatsache, dass wir Frauen ausgerechnet während unserer biologisch wertvollsten Zeit – also dann, wenn wir nichts weniger tun, als den Fortbestand der Menschheit zu sichern – mit maskulinen Partnern zufriedener sind als mit verweichlichten, lammfrommen Stubentigern, dürfte sich für "Gender Studies"-Professoren anfühlen wie eine zu eng gebundene Fliege. Aber wahrscheinlich halten sie auch hierfür eine abstruse Erklärung bereit, etwa die: Es hat nix mit Natur zu tun! Es ist die Gesellschaft, die uns unsere Präferenz anerzogen hat. (Das wäre dann dieselbe Gesellschaft, die Mädchen einredet, dass sie dunkelblau mögen und später sehnlichst Ingenieurinnen werden wollen). Oder, noch besser: Frauen sind während ihres Eisprungs gar nicht zurechnungsfähig.

Für jene Frauen unter uns, die bestimmte feminine Charaktervorlieben als "soziales Konstrukt" anzweifeln, und die ihre Neigung zu männlichen Partnern mit dem Urinstinkt erklären, gibt es ab heute bestimmt einen neuen Gender-Begriff: toxische Weiblichkeit.


veröffentlicht in der BaZ

Toxische Männlichkeit

Man muss ziemlich entrückt sein von der Realität, wenn man, wie ich, den offensichtlich naheliegenden Zusammenhang von traditionell maskulinen Charakterzügen – wie Durchsetzungsvermögen, kompetitives Verhalten, Dominanz – und Gewalt nicht sofort erkennt. Ich verband Männlichkeit bislang mit selbstsicheren, couragierten Männern, die mit sich und der Welt im Reinen sind, ihr mit Respekt entgegentreten. Fürsorgliche und rechtschaffene Gentlemen eben.

Da lag ich wohl falsch. Männlichkeit ist giftig. Findige Akademiker aus dem Dunstkreis des Genderismus haben dafür einen Begriff erschaffen: Toxic Masculinity. Der US-Psychologieprofessor Terry Kupers beschreibt sie als "die Konstellation von sozial-destruktiven männlichen Wesenszügen, die Dominanz und Abwertung gegenüber Frauen, Homophobie und mutwillige Gewalt begünstigen". Die Website Geekfeminism nennt als Form der toxischen Männlichkeit das "schädliche Patriarchat" und bringt das "sozial-konstruierte Verhalten" ins Spiel, das die männliche Genderrolle als gewalttätig, unemotional und sexuell aggressiv beschreibt. Die New York Times titelte im Februar im Zusammenhang mit Feuerwaffen: "Ehemänner sind tödlicher als Terroristen".

Männlichkeit gilt offenbar als hochproblematisch und muss abgeschafft werden – Universitäten arbeiten mit Hochdruck daran. Wie das US-Internetportal Campusreform berichtet, können Studenten der Oregon State University an einer "Männlichkeits-Konferenz" eine neue Männlichkeit besprechen, "die nicht durch Macht, Privilegien und Unterdrückung beschränkt ist." Das New Yorker Ithaca College bietet den Workshop "Männlichkeit und Gewalt" an, hier studiert die künftige Elite die vorherrschende Männlichkeit ("hegemonic masculinity") mit dem Ziel, "Individuen zu helfen, die Giftigkeit der Männlichkeit zu verstehen und anzuerkennen, um Gewalt zu beenden." Das psychologisch wertvollste Angebot hält die kanadische Regina Universität bereit: Laut der Washington Times stellte sie im März "Männlichkeits-Beichtstühle" auf, wo Studenten für ihre Sünden der Männlichkeit Absolution holen konnten (es geht hier, wohlgemerkt, nicht um Sexualstraftäter oder Gewaltverbrecher, sondern um das durchschnittliche männliche Wesen). Die Quintessenz: Mann sein ist grundsätzlich etwas Negatives, eine Art böses Geschwür, wer aber ganz fest an sich arbeitet, vermag sich vielleicht zu rehabilitieren.

Dass die Bestrebungen zur Neudefinition vom Mann in Genderkreisen dringlicher scheinen als der Fokus auf tatsächliche Gewalttäter und reale soziale Nachteile, ist nicht verwunderlich angesichts ihrer These vom weissen Mann und seinen Privilegien (und der daran gekoppelten systematischen Unterdrückung der Frau), die eben nach permanenter Untermauerung verlangt. Weil sie von Akademikern stammt, hat die Idee von der toxischen Männlichkeit zwar den Anstrich von Wissenschaft, nur ist nirgens belegt, dass Männer mit eher männlichen Wesenszügen mehr Gewalttaten verüben als die anderen, oder dass sie sich Frauen gegenüber überlegen fühlen – oder diese gar unterdrücken. Auch existiert in den Augen der Professoren "toxische Weiblichkeit" anscheinend nicht – obwohl gemäss diversen Statistiken die Anzahl männlicher Opfer bei häuslicher Gewalt steigt.

Simone de Beauvoir, Feministin in einer Zeit, wo die Frau als methodisches Opfer männlicher Unterdrückung tatsächlich Realität war, sagte einst: "Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist." Noch Fragen?


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Von wegen Leitkultur

Wir führen aktuell eine Debatte über unsere Leitkultur, und übersehen dabei, dass das Wort an sich schon ein Widerspruch ist: Regeln für angemessenes Verhalten können vielleicht "angeleitet" werden. Tatsächlich gelebt werden sie jedoch nur freiwillig – oder eben nicht. Ich war gerade in Japan. Hier wird besonders deutlich, dass ein harmonisches Zusammenleben auf dem Konsens der Werte beruht.

Die Menschen lächeln hier viel. Sie sagen Ja, auch wenn sie Nein meinen, weil es der Harmoniepflege dient. In der U-Bahn wird nicht telefoniert, Unterhaltungen werden nur leise geführt. Alle reihen sich artig in die Warteschlange ein. Generell versucht jeder auf jeden Rücksicht zu nehmen.

Japan lebt von seinen Gegensätzen. Holzhütten und Wolkenkratzer. Geishas und Starbucks. Altehrwürdige Tempel und hochtechnisierte Toiletten, wo sich das Washlet in öffentlichen Gebäuden und Hotels dank UV-Licht so keimfrei präsentiert, dass man daraus trinken könnte, und die Reinigungsangebote für den Allerwertesten von Dusche bis zu Massagefunktion und Föhn reichen, inklusive Vogelgezwitscher zur Übertönung peinlicher Geräusche. Das WC im edlen Londoner "Ritz" muss sich für Japaner wie ein mittelalterliches Plumpsklo anfühlen. Überhaupt scheint hier vieles durchdachter als in unseren Breitengraden. Wie sonst sollte das harmonische Zusammenleben, das es tatsächlich ist, funktionieren in einer Stadt wie Tokio, wo knapp 38 Millionen Menschen auf einem Raum zusammenleben, der nur ein bisschen kleiner ist das Bundesland Schleswig-Holstein? Ich bin nicht Soziologin, schätze aber, dass eine solche Bevölkerungsdichte bei uns Zustände herbeiführen würde wie im Hollywoodfilm "Mad Max", wo in einer postapokalyptischen Welt Anarchie und Chaos herrschen.

In Japan, so lese ich, liegt der Ausländeranteil bei zwei Prozent. Hier lebt eine durchwegs homogene Gesellschaft, Menschen vertreten dieselben Werte und Grundsätze. Das Gefühl von gemeinsamer Verantwortung und die Wahrung der Harmonie steht über den individuellen Bedürfnissen und Absichten – ohne dass dabei die persönliche Entfaltung gehemmt oder geschwächt würde. Zweifellos das Gegenteil der bei uns gelebten "Ich zuerst"-Mentalität, wo sich jeder für das Zentrum des Universums hält und seine Ansichten und Bedürfnisse über alles andere hievt. Mit ihrer Einstellung halten die Bewohner Tokios Lasten wie Dichtestress aus, endloses Schlange stehen oder horrende Mieten (ohne dass sie gleich Häuser besetzen). Der typische Japaner scheint in sich genügsam, gegen aussen trägt er eine aufgeräumte Distanz. Zuvorkommenheit ist so selbstverständlich wie unser Handschlag zur Begrüssung.

Gerade im Kontext mit unserer aktuellen Debatte um Leitkultur sind diese Beobachtungen interessant. Die jahrtausendalten japanischen Werte, die bis in die Moderne überlebt haben, ihre Mentalität und Lebensphilosophie, scheinen das, was das Land ausmacht und die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, was sie Gesetze und Regeln einhalten und ihre Rechte nicht missbrauchen lässt; die Kriminalität in Tokio ist im internationalen Vergleich gering, Mord, Todschlag, Diebstahl sind seit Jahren rückläufig. Tokio gilt laut diversen Studien als sicherste Metropole der Welt. Ohne Weiteres lässt man im Café seine Handtasche während des Gangs zur Toilette am Stuhl hängen – bei uns, selbst in einer Kleinstadt, ein Ding der Undenkbarkeit.

Nicht alles ist hier wunderbar, es rumort auch in Japan: Überalterung, kaum Geburten – Experten prognostizieren einen enormen Bevölkerungsrückgang bis 2050. Trotz Fachkräftemangel in Pflegeberufen oder in der Landwirtschaft gilt hier eine restriktive Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. Laut einem Artikel von "Zeit.de" gibt Japan zwar viel Geld an Entwicklungsprojekte im Ausland aus, aber die Behörden sind nicht gleich grosszügig bei bedürftigen Ausländern. Es dränge sich der Verdacht auf, dass sich die politische Führung durch grosszügige Entwicklungshilfeleistungen von der Pflicht freikaufen will, Flüchtlinge aufzunehmen. 2013 hat das Land nur sechs Personen als Flüchtlinge aufgenommen – und das wahrscheinlich noch widerstrebend. Meiner Einschätzung nach besitzen diese sechs einen Doktortitel, einen IQ von 150, und sind wohl grosse Japan-Fans.

Die Japaner wollen eben unter sich bleiben. Na, und? Man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Und wenns zu schlimm wird, schliessen sie sich halt wieder ein für 200 Jährchen, wie sie es zuletzt um zirka 1660 taten. Ein- und Ausreise waren damals verboten, weil man den Verlust der kulturellen Einzigartigkeit befürchtete. Wie mir Einheimische erzählen, haltet die grosse Mehrheit der Japaner an der heutigen entschlackten Form der Abschottung fest – aus Angst, dass Einwanderung mehr Kriminalität bedeuten und kulturelle Diskrepanz die Harmonie im Land empfindlich stören könnte.

Es ist eine gewagte Hypothese: Sind die Japaner vielleicht weiterentwickelt als wir in ihrer Kultur? Als Gesellschaft gefestigter? Eine Kultur ist ja nicht besser oder schlechter, sie ist nur anders. Fest steht: Für die japanische Regierung kommt das Land und sein Volk an erster Stelle. Das Volk dankt es, so scheints, indem es geschlossen hinter ihr steht. Man kann ihre Prinzipien oder Sorgen egoistisch finden. Ob aber Immigration im grossen Stil – unbestritten ein Einflussfaktor beim Fachkräftemangel – die Jobprobleme langfristig zu lösen oder die eh schon stetig wachsende Wirtschaft noch mehr anzukurbeln vermag, steht in den Sternen.
Anstand und Etikette bilden hier ein sensibles Gefüge, das, wie man als Reisende feststellt, durch unbedachte Fremdeinwirkung leicht an seine Grenzen gelangt. Blendet man den evolutions-biologischen Standpunkt mal aus, ist die Frage doch die: Ist immer mehr Wachstum überhaupt die Lösung in einer Welt, die eh schon überbevölkert ist? Salopp formuliert: Warum sollen sie sich opfern, wenn wir unseren Bockmist nicht im Griff haben?

Die Sorgfalt, mit der die Japaner ihre Werte und ihre kulturelle Vergangenheit bewahren, ist bewundernswert.