Donnerstag, 13. Juli 2017

Sexistische Werbung: Begehren unerwünscht

Gibt es zu einer Thematik keine Beschwerden, sorgen findige Politiker eben dafür, dass etwas zum Problem wird. In dem Sinne haben die Linken in Berlin der "sexistischen" Werbung den Kampf angesagt. Es liegen zwar keine Reklamationen vor, ihm sei auch keine sexistische Werbung in Charlottenburg bekannt, gibt ein Exponent laut "Tagesspiegel" zu. Trotzdem soll sie in der ganzen Stadt verboten werden.

Gemäss dem Kriterienkatalog von "Terre des Femmes" ist Werbung sexistisch und stuft die Frau zum Lustobjekt herab, wenn, unter anderem

1) Sexualität kommerzialisiert und Produkte dadurch emotionalisiert werden
2) die sexualisierte Darstellung von Frauen als 'befreite Sexualität der Frau' getarnt wird
3) Frauen unpassenderweise spärlich bekleidet sind

Besonders Frauen würden sich durch sexualisierte Werbung physisch minderwertig und diskriminiert fühlen; Essstörungen, Körperscham oder Depressionen seien die Folge. Hinzu kommen laut "Terre des Femmes" schlechter Sex, geringer Selbstwert, verminderte Denkleistung, sexuelle Belästigung, weniger Mitsprache und schlechte Noten.

Die Verbannung von Bikini- und Unterwäsche-Werbung an öffentlichen Orten ist deshalb zum erklärten, flächendeckenden Ziel politisierender Frauenversteher geworden. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte etwa Londons Bürgermeister Sadiq Khan vergangenes Jahr "allzu offenherzige und sexualisierte Werbung" in Metros und Bussen verboten. In der Schweiz gibt es in einigen Kantonen seit 2011 ein Gesetz gegen sexistische Werbung: Die Fachstelle für Gleichstellung jagt jedes Plakat auf öffentlichem Grund zuerst durch den Sexismus-Scanner.

Es stimmt, dass insbesondere jüngere Damen Rollenmodellen und Schönheitsidealen nacheifern, was sich ungesund auf Körper und Seele auswirken kann (dasselbe gilt übrigens auch für Männer). Eine breit angelegte medizinische Studie aber, mit der sich ein konkreter Zusammenhang ableiten liesse zwischen dem Anblick eines sexy Bikinimodell-Plakates und den psychischen Problemen einer Frau habe ich bislang noch nicht gefunden – falls welche existieren, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Zu Punkt 1 im Kriterienkatalog: "Sexualität wird kommerzialisiert und Produkte werden dadurch emotionalisiert": Ja, hoffentlich werden Produkte emotionalisiert, dann werden sie nämlich besser verkauft. Wer sich gegen Kommerzialisierung von Sexualität ausspricht, bedient sich eines Schein-Argumentes, ausser, er prangert auch die Kommerzialisierung von Krankheit oder das Älter werden an – ein stetig wachsender Werbemarkt. Alleine die Arzneimittelbranche investiert 1,3 Milliarden Euro in Werbung. Warum wird nie thematisiert, dass sich kranke oder alte Menschen dadurch psychisch minderwertig und diskriminiert fühlen könnten?

Die Logik der Verbots-Befürworter beruht ja auf der Annahme, dass Bikini- oder Unterwäsche-Werbung mit Sexappeal Begehren auslöse und Begehren gleich Sexismus ist – mit all seiner Lüsternheit und Herabsetzung. Nun lösen aber Plakate mit Sexappeal nicht zwingend Begehren oder Begierde aus. Und auch wenn es so wäre, warum ist Begehren etwas Negatives? Begehren ist ein Kompliment. Jemanden sexy zu finden, ist ein Kompliment – für Frau und Mann (und selbstverständlich für alle dazwischen). Wer Begehren als etwas anderes auslegt, ist gefühlsmässig abgestumpft oder benebelt von einer unzeitgemässen Art der Prüderie. Natürlich kann man jetzt sagen, Begehren ist der Vorläufer von Angrapschen oder von sexueller Gewalt und deshalb gefährlich. Und wenn im Haus eine Treppe existiert, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese einmal herunterstürzt.

Punkt 2: Werbung werde als "befreite Sexualität der Frau" getarnt. Dass die "befreite Sexualität" von der Frau aus gehen und Teil ihrer Selbstbestimmung sein könnte, scheint für die Vorkämpfer solcher Verbotskampagnen grundsätzlich unmöglich. Denn das wäre ja eigenständiges Denken und hiesse, Frauen wären keine Opfer. In Zeiten aber, wo der Opferstatus als höchste Währung gilt und Unterstützung und Förderung in allen Lebensbereichen verspricht, macht die permanente Darstellung der Frau als herabgewürdigtes, schwaches, sexualisiertes Geschöpf von ihrem Blickwinkel aus natürlich Sinn.

Nur ist das Problem an solchen Thesen, dass sie in grossen Zügen fernab der Realität liegen: Frauen sind grundsätzlich nicht schwach und hilfsbedürftig. Uns darf man durchaus selbständiges Denken und Abwägen zutrauen. Und auch junge Frauen sind klug genug um zu wissen, dass sie nicht aussehen müssen wie Models, dass Werbung nicht immer der Realität entspricht und dass überall digital verschönert, geglättet, verlängert wird – sie sind ja praktisch mit Fotoshop und Retusche-Programm aufgewachsen. Und falls es jemand verpasst hat: Es gehört heute zum Standard, dass sich junge Frauen bauchfrei und mit Ultra-Hotpants präsentieren (Punkt 3 im Katalog), im vollen Bewusstsein, dass sie sich damit als Lustobjekt darstellen. Ist diese Aufmachung etwa auch sexistisch… oder doch eher sexy?

Politiker, die ein Verbot für "sexistische" Werbung fordern, müssten konsequenterweise auch ein Verbot für erotisierende Stoffstücke wie dem Push up-BH oder dem Brazilian Bikini fordern. Sie müssten Stars wie Beyoncé oder Shakira zur Mässigung ihrer Outfits auffordern. Sie sollten am besten auch gleich den Modelberuf abschaffen, das Leistungsschwimmen, die Leichtathletik, damit sich beim Anblick dieser wunderbaren, gestählten, sexy Körper ja keine Frau auf dieser Welt minderwertig, diskriminiert und herabgewürdigt fühlt.

Wer schützt uns Frauen eigentlich vor diesem Überschutz?


veröffentlicht in der BaZ

"Transphobic piece of shit!" Die Kontroverse um Jordan Peterson

Meine wohl couragierteste Revolte gegen Lehrer während der gesamten Schulzeit war das Vollkritzeln meines Pultes mit Graffiti. Ein Aufstand, der mich in meinen Augen auf die Ebene einer Jeanne d'Arc hievte. Gemessen an den heutigen Auswüchsen an Schulen, zugegeben, eine etwas mickrige Aktion. Aber damals trauten wir uns nicht mehr Respektlosigkeit zu.... und begriffen unbewusst, dass es zum Erwachsenwerden gehört, Lehrern einen gewissen Anstand entgegenzubringen.

Heute sind Lehrpersonen die Fussabtreter einer jungen Gesellschaft, die, privilegientrunken, wie sie ist, nicht mehr weiss, wie daneben sie sich benehmen soll. Das wohl krasseste Beispiel liefert derzeit Professor Jordan Peterson. Seine Vorlesungen werden gegenwärtig fast durchgehend gestört von einer Meute Studenten, die sich, selbstverliebt lächelnd, mit Zwischenrufen und Trötenlärm der Unverschämtheit verschrieben haben. "Transphobic piece of shit!", "Transphobisches Stück Scheisse!" riefen sie ihm während einer seiner letzten Auftritte an einer kanadischen Universität im Chor entgegen – ein vorläufiger Tiefpunkt spätpupertärer akademischer Dekadenz.

Der 55-jährige Peterson ist Psychologieprofessor an der Universität Toronto, er gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Vergangenes Jahr sprach er sich öffentlich gegen ein neues Gesetz in Kanada aus, was ihn im Handumdrehen zum Hassobjekt der LGBT-Aktivisten machte. Das Gesetz Bill C16 schützt Transgender vor Benachteiligungen, es stützt sich auf die Meinung, dass das biologische Geschlecht unabhängig ist von Gender und Identität – was bedeutet, dass man schon nur für den Nicht-Gebrauch von gender-gerechten Pronomen ("zhe", "zir") oder für das Infrage stellen eines Geschlechts, egal, ob ein medizinisches Attest vorliegt, rechtlich belangt werden kann. Wenn eine Frau sich also als Mann fühlt und zum Mann erklären lässt, muss sie als Mann angesprochen werden – trotz langem Haar und Highheels.

Ja, Peterson ist wahrscheinlich kein bequemer Zeitgeist. Das ist aber schon alles. Er lehnt Transmenschen nicht ab, hetzt nicht gegen die LGBT-Community. Er ist nicht grundsätzlich gegen ein Gesetz, das Transgender-Menschen schützen soll. Schaut man sich Petersons Vorträge an, stellt man fest, dass er ein sehr liberaler Mensch ist. Einer, der sich einfach der Weiterentwicklung der Gesellschaft in eine für ihn fragwürdige Richtung entzieht und sagt "Da mach ich nicht mehr mit". Das ist sein gutes Recht, ist weder asozial noch transphobisch. Er stemmt er sich gegen das Gesetz, weil es Menschen dazu zwinge, an eine fremde politische Ideologie zu glauben und eine fremde Sprache zu benützen. In einem TV-Interview sagt er: "Diese Wörter sind ein Konstrukt von Leuten, die ich als gefährlich empfinde. Für mich ist es ein Versuch, Sprache zu kontrollieren in eine Richtung, die nicht natürlich ist." Seine Weigerung, gender-neutrale Pronomen zu benützen, kostete ihm bislang einen Zuschuss für wissenschaftliche Arbeiten und handelte ihm zwei Warnbriefe seiner Universität ein, er möge aufhören über das Thema zu sprechen.

Natürlich kann man dagegenhalten, bis zu einem gewissen Punkt hat er sich der Mehrheit zu beugen, die das Gesetz unterstützt, weil er ja sonst den Fortschritt aufhalte. Nur: Eine Gesellschaft, wo jeder seine eigene Gender-Wahrheit konstruieren und gemäss seinem gerade aktuellen Selbstverständnis eine von mittlerweile über 80 Identitäten (Cis, Androgyn, Intersex, Genderqueer, Pangender, Intergender, Cross-Gender, Drag, Zwitter, Transfeminin, Two-Spirit usw.) in seinen kanadischen Pass eintragen lassen kann, ist für so manchen eben kein Fortschritt.

Kanada ist weit weg. Was dort aber derzeit geschieht, ist systematisch für die westliche Welt. Immer mehr werden Menschen per Gesetz gezwungen, ihre moralischen Werte aufzugeben, ihr Denken und ihre Kommunikation anzupassen an ein von oben diktiertes Gedankenkonzept, sei es durch Internetzensur oder durch staatliche Institutionen wie Universitäten, wo sich Studenten, mit freundlicher Unterstützung der Leitung, hemmungslos austoben, Vorlesungen stören und gestandene Professoren mit "Transphobic piece of shit!"-Rufen diffamieren dürfen.

Die Frage, wie man Probleme lösen kann, die Minderheiten betreffen, ist gut und wichtig. Nur ist das hier nicht springende Punkt; die grosse Mehrheit der westlichen Bevölkerung steht Transgender wohlgesinnt oder neutral gegenüber. Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei- oder zusammenleben nicht genügt, die nach anhaltender universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der ganzen Gesellschaft erzwingen wollen.

Prallen zwei gegensätzliche Ideologien aufeinander, wäre das für Studenten und Professoren ja eigentlich Anlass für spannende Debatten – Petersons kritisches Denken basiert auf jahrzehntelanger Analyse, er hätte viel Wissenswertes zu vermitteln – würde man ihn denn lassen. Ausserdem erweitern abweichende Meinungen den Horizont, lassen neue Argumente gedeihen.
Die Universität ist aber offensichtlich keine Umgebung mehr, wo kontroverse Theorien auf intellektueller Basis auseinandergenommen werden. Sie ist zur Hochburg moralischer Überlegenheit mutiert, wo sich die Administration hinter der Political Correctness verschanzt und das Kuschen vor zwanzigjährigen Flegeln zum Alltag gehört.

veröffentlicht in der BaZ

Schweigen fürs Eheglück

In der Rubrik "The Ethicist" im New York Times Magazine können Leser jede Woche Fragen stellen zu moralischen Aspekten im Alltag. Ein gewisser Kwame Anthony Appiah, Philosophielehrer an der New York University, gibt Antwort. An seiner Stelle übernehme ich heute.

Unter dem Titel "Was soll ein Liberaler tun, wenn seine Frau eine Trump-Fanatikerin ist?" beschrieb ein Mann neulich die angespannte Situation in seiner 30-jährigen Ehe: Seit Trump Präsident sei, reagiere sie mit Zorn auf jegliche Kritik an ihm, freundschaftliche politische Dispute seien nicht mehr möglich. Aus Angst vor ihren Ausfällen bringe er keine Trump-Themen mehr auf den Tisch, sie aber schon. Er möchte nun wissen, ob es ethisch vertretbar sei, wenn er ihren Tiraden über die "winselnden Demokraten" einfach mit Schweigen und gelegentlichem Nicken begegne – weil das ja als Zustimmung ausgelegt werden könnte.

Nun ist es ja so eine Sache mit der Partnerschaft. Fest steht: Der Mann ist seiner Frau grundsätzlich zur Bestätigung verpflichtet. Es geht zwar in Ordnung, wenn Männer hie und da ihre eigene Meinung haben und diese kundtun. Nur liegt das Geheimnis einer glücklichen Ehe eben darin, dass sie ihrem Gedankengelage laufend und bedingungslos zustimmen, oder zumindest ein gehöriges Mass an Assimilationsbereitschaft an den Tag legen – Happy wife, happy life. Ethisch ist das vertretbar, weil Männer in einer Ehe sowieso das Nachsehen haben und es somit keinen rationalen Grund gibt, sich so zu benehmen, als wüssten sie das nicht.

Ist eine Ehe mal etwas über erste Frische hinaus, kann man ja von Glück reden, wenn man sich überhaupt noch etwas zu sagen hat. Worüber unterhalten sich denn Eheleute, abends, wenn sie unter sich sind? Die älteren Semester starren in die Glotze, die jüngeren ins Smartphone. So gesehen ist Trump bei einer langjährigen Beziehung so dienlich wie ein Rollator bei Gleichgewichtsstörungen.

Dann gibts noch diese Studie. Britische Wissenschaftler von der University of London haben vor ein paar Jahren herausgefunden, dass bei Ehepaaren mit unterschiedlichen Ansichten über Politik die Wahrscheinlichkeit, dass diese mit einer Scheidung endet, acht Mal grösser ist als bei Paaren, wo beide die gleiche Partei wählen (Quelle: "Welt.de"). Hat man das Heu diesbezüglich also nicht (mehr) auf derselben Bühne – mit der Zeit stellen sich Beziehungspartner meistens als etwas anderes heraus, als man sie einst vorgefunden hat – gehört Schweigen erst recht zum Grundstock des ehelichen Anti-Stress-Managements. Nur ahnungslose Männer werfen der Gattin allfällige Lücken in ihrer Trump-Argumentation vor. (Warum Schweigen für Männer plötzlich ein Problem sein soll, erschliesst sich mir sowieso nicht; es ist wissenschaftlich belegt, dass ein männliches Hirn nur eines nach dem anderen zustande bringt, weil eine gehörte Information nur von einer Gehirnhälfte verarbeitet wird – sie können also nicht gleichzeitig zuhören und verwerten. Gender-Gap eben). Abgesehen davon streben Frauen in den meisten Fällen gar keine Antwort an – sie wollen nur ihr Läster-Ventil entkalken: Wer will zuhause schon vernünftig argumentieren, wenn eine ausgelassene unreflektierte Schimpftirade so viel befreiender ist?

Übrigens: Laut der Studie ist für eine funktionierende Ehe - nebst der gleichen politischen Einstellung -auch wichtig, dass Mann und Frau einen ähnlichen Geschmack beim Fernsehen und beim Essen haben, sowie die gleichen Ansichten über Pornographie und Haustiere.

Alles dagegenrudern bringt also nichts. Anstatt in Leserbriefen herumzujammern, lieber Herr XY, sollten Sie dem uneingeschränkten ehelichen Meinungsaustausch vermehrt eine Obergrenze setzen, höchstens Diskussionen ohne Konfliktpotential zulassen, und auch das nur in Zeiten von humanitären Härtefällen, wie etwa dem allmonatlichen Östrogenüberschuss. Alles andere ist ethisch einfach nicht vertretbar.