Freitag, 11. August 2017

Die verwirrte Suchmaschine - Google's "sexistische Kackscheisse"

Je hysterischer man etwas anprangert, desto mehr Leute lesen den Artikel. Das hat sich wohl jemand beim Schweizer Webportal "Watson" gedacht, als er/sie/es mit obiger Schlagzeile aus dem Fäkalfundus jüngst auf Empörungsmission ging. Und nein, es fand bei "Watson" kein Kindertag statt, der Titel stammt vermutlich von einer erwachsenen Person.

Im Zentrum des Geschehens, an dem sich gerade die globale Journaille abarbeitet, steht ein Entwickler bei Google. Der "Frauenhasser" ("Blick") hat sich erdreistet, den geringen Anteil von Frauen in der Technologiebranche mit biologisch unterschiedlichen Interessen der Geschlechter zu erklären. Seine Gedanken hat er auf 10 Seiten niedergeschrieben. Google hat ihn nun entlassen.

Heutzutage muss man ja als Journalist einen Text nicht mehr lesen, um ihn zu beurteilen. Wenn also der Anonyme gar nicht anonym ist, wie "Watson" behauptet (sein Name James Damore steht zuoberst im Manifest), und er auch nirgends schreibt, dass "Männer bessere Programmierer sind" als Frauen, wie ihm unzählige Medien unterstellen, fällt das wohl unter "imaginäre Schreibefreiheit". Und warum überhaupt argumentativ kontern, wenn man einfach nur "Sexist" draufschreiben kann?

Wenn das Manifest "sexistisch" sein soll, unterstütze ich hiermit offiziell einen Sexisten, dessen Meinung ich nämlich grösstenteils teile. Nur, es gibt keine einzige Zeile, die sich gegen Frauen richtet, sie herabwürdigt, abqualifiziert oder beleidigt. Damore argumentiert sachlich und ausgewogen, betont, dass er Diversität schätzt, bestreitet auch nicht, dass Sexismus existiert. Bei Google prangert er an, dass das Unternehmen Programme anbiete, "nur für Leute mit einem bestimmten Geschlecht oder Rasse" oder Einstellungsverfahren habe, wo für bestimmte Gruppen "Hürden abgebaut" werden, um "die falsche negative Quote zu verringern". Frauen, schreibt er, hätten tendenziell mehr Interesse an Menschen als an Gegenständen, das erkläre, warum sie eher Jobs in sozialen Bereichen und eine gute Work-Life-Balance ins Auge fassen, während Männer sich eher zu Status hingezogen fühlen und deshalb höher bezahlte Jobs anstreben.

Den Standpunkt kann man durchaus vertreten. Zahlreiche Studien belegen längst, dass Mann und Frau durchschnittlich andere Charakterzüge und Begabungen haben. Laut einer Untersuchung des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen gibt es sogar schon kurz nach der Geburt Unterschiede im Verhalten: Weibliche Babys reagieren eher auf Gesichter, männliche auf Gegenstände. Im Laufe ihres Lebens würden sich diese frühen Züge auf komplexere Arten manifestieren.

Frauen interessieren sich weniger für Technologie. Na, und? Es ist ja nicht so, dass wir nicht die Wahl hätten. Staat und Unternehmen in westlichen Industrieländern leisten heute viel für Chancengleichheit – mit Förderprogrammen, Spezialprojekten, grosszügigem Mutterschaftsurlaub. Natürlich kann man Damores Thesen anzweifeln – genauso wie eine Firmenpolitik, bei der Leute nicht einzig aufgrund ihrer Qualifikationen eingestellt werden, sondern zur Erfüllung einer Quote. Ihn aufgrund seiner (unemotional und durchdacht) geäusserten Meinung zu entlassen, ist zwar angesichts des Staubs, den er damit im Unternehmen aufgewirbelt hat, ansatzweise nachvollziehbar, zeugt aber ansonsten von einer zutiefst antiliberalen Haltung.

Das Manifest liefert doch eigentlich Anlass für spannende Debatten: Warum ist immer nur die Benachteiligung der Frau ein Thema? Warum sprechen wir nie darüber, dass gefährliche Jobs im Bergbau, bei Feuerwehr oder der Müllabfuhr in der Regel von Männern verrichtet werden? Inwiefern ist es Gleichberechtigung, wenn nur eine bestimmte Gruppe besonders gefördert wird? Diese Dinge gehören diskutiert. "Kackscheisse" ist einzig der Reflex, mit dem gewisse Leute darauf reagieren.


Wenn das Gute böse wird

Vergangene Woche fuhr eine der berühmtesten Frauen der Welt eine öffentliche Schmierkampagne gegen einen der berühmtesten Männer der Welt. Millionen Menschen werden dabei Zeugen eines Angriffs, bei dem Meinungen und Gefühle mehr Wert sind als Fakten. Kaum ein Medium berichtete anfänglich darüber – das Thema war unter dem Moralaspekt nicht sehr ergiebig: Bei der Dame handelt es sich um J.K. Rowling, Harry Potter-Autorin, politische Aktivistin, Frontkämpferin für Flüchtlinge und Bedürftige. Beim Verleumdeten um Donald Trump.

Die Attacke begann damit, dass Rowling ein Video auf Twitter postete, das den US-Präsidenten zeigt, wie er Leute begrüsst und dabei einen kleinen Jungen im Rollstuhl übersieht. Rowling schrieb ihren 11,3 Millionen Followern: "Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, glaube es - Maya Angelou". Dann reichte sie eine Reihe wütender Tweets nach: "So, ja. Dieser Clip von Trump, der absichtlich ein behindertes Kind übersieht, seine ausgestreckte Hand ignoriert, das berührte mich zutiefst." Und: "Wie schrecklich, dass Trump sich nicht überwinden kann, die Hand des kleinen Jungen zu schütteln, der ja nur den Präsidenten berühren möchte." Sie nannte ihn ein narzisstisches Monster.

Digitale Räume wie Twitter sind unzweifelhaft eine Plattform für schäumende, frustrierte Seelen, ein Ventil, Dampf abzulassen und sich derweil die Bestätigung von Gleichgesinnten einzuholen. Bei einer Millionen-Followerschaft rasen solche Vorwürfe schneller um den Globus als Harry Potter auf seinem Besen durchs Quidditchspiel – Rowling erhielt für ihr Trump-Bashing in kurzer Zeit eine Rekordzahl von fast einer halben Million Likes.

Das Problem ist, die britische Phantastin verbreitete eine Lüge. Rowling dachte offenbar, dass Trump in zu wenige Fettnäpfchen tritt und erfand noch eins dazu: Der Clip, den sie postete, war irreführend geschnitten worden. In einer längeren Version sieht man, wie Trump bei Betreten des Raumes zuerst auf das Kind zugeht, sich zu ihm hinunterbeugt, mit ihm spricht – länger als mit allen anderen im Raum.

Nun kann man Trump ja einiges vorwerfen und manches davon zurecht. Und ja, es kann auch mal vorkommen, dass man etwas postet, das sich im Nachhinein als falsch erweist. Zahlreiche ihrer Follower wiesen Rowling auf das gefälschte Video hin – tagelang. Ihre Verachtung für Trump muss aber grösser sein als ihr Sinn für Gerechtigkeit: Während all der Zeit entschuldigte sie sich weder für den Lügentweet noch stellte sie ihn richtig, sie löschte ihn auch nicht. Die Botschaft: Auch wenn Trump vielleicht keinen Fehler machte, so bleibt er trotzdem ein Ungeheuer – ihre Verleumdung erfüllt offensichtlich einen höheren Zweck. Erst als die Mutter des Jungen am Montag klarstellte, ihr Sohn sei gar nicht von Trump ignoriert worden, entfernte Rowling die Tweets und entschuldigte sich bei Mutter und Sohn. Nicht aber bei der Person, die sie diskreditiert hatte.

Dass eine reiche, berühmte Frau die sozialen Medien missbraucht, um den verhassten Präsidenten zu diffamieren, ist das eine. Dass die Mainstream-Medien, die ja ansonsten schnell sind beim Beklagen des Niedergangs der Fakten, das Thema erst in Folge ihrer Rechtfertigung aufgriffen, und selbst dann nicht Rowlings Denunziation, sondern die "Entschuldigung" zur Schlagzeile machten, zeugt von einem verschrobenen News-Verständnis.

Wenn das Gute auf einmal böse wird, bleiben es eben Geschichten aus Hogwarts.


veröffentlicht in der BaZ am 3.8.2017