Samstag, 16. September 2017

En Vogue: Extrawurst

Bitte lehnen Sie sich zurück und lassen Sie wenn nötig ein Schmunzeln zu – aus der Reihe "Absurditäten: Genration Schneeflocke" haben wir wieder einmal ein paar Blüten herausgefiltert.

Gemäss dem ehemaligen Oxford-Absolventen und Historiker Dominic Sandbrook wenden übersensible Studenten heute eine neue Praktik an, um sich vor den schlimmen Dingen dieser Welt zu schützen: Sie verlangen nach Spezialbehandlungen. Zu den skurrilsten seiner Beispiele zählte eine ehemalige Jusstudentin. Sie verklagte die Oxford Universität wegen "Verlust von Einkommen", weil die Universität ihr trotz ihrer "chronischen Angst" eine Spezialbehandlung verweigerte – die junge Dame wollte die Prüfung mit einem Laptop in einem privaten Raum und ablegen. Die Ablehnung habe sie zu einer einjährigen Ausbildungspause genötigt und führte so zum Verlust eines Jahreseinkommens.
Weil sie an "Angst und Depression" leide und "eine wirklich langsame Leserin" sei, wünschte eine ehemalige Studentin des Balliol College in Oxford verlängerte Deadlines. Das College weigerte sich, sie verliess es später.
Studenten des Pembroke College in Cambridge verlangten eine Umstellung des Mensa-Menüplans, da Gerichte wie Jamaican Stew oder Tunisian Rice "rassistische Mikroaggressionen" seien.
In Oxford störten sich Studenten an einer kleinen Statue des ehemaligen Politikers und Oxford-Mäzen Cecil Rhodes. Sie formierten sich in einer Protestbewegung um das Denkmal herunterzureissen. Dass die Statue, wie Sandbrook in seinem Daily Mail-Artikel schreibt, hoch über einer Strasse stand, wo sie kaum jemand sehen konnte und ihre Präsenz für Bewohner von Oxford überhaupt keinen Unterschied machte, spielte für die aufgebrachten 20-jährigen keine Rolle. Laut dem Historiker ging es ihnen auch gar nicht um die Bewohner, sondern nur um sich selbst: "Einfach die Strasse entlang zu gehen, in einer der privilegiertesten Bildungsanstalten der Welt, war offenbar genug, um sie zu Tränen zu rühren."

Aus den USA kommt dieser laut Sandbrook "sehr giftige Narzissmus" bekannterweise her, konkret aus universitären linksliberalen Kreisen. Kein Wunder also, sind sie dort empörungsmässig (bislang noch) weiter geschult als in Europa: Weil Bücher wie "The Great Gatsby" oder Shakespeare's "The Merchant of Venice" teilweise "anstössig und beleidigend" seien, forderten Studenten für diese literarischen Werke Trigger Warnings (Warnhinweise). In Yale veranstalteten Hochschüler 2015 eine regelrechte Hexenjagd auf einen Professor, weil er ihre "verletzten Gefühle" angesichts der "beleidigenden Halloween-Kostüme" nicht ernst genommen habe. Als Professor Nicholas Christakis, der bis zu dem Eklat zu den renommiertesten Dozenten in Yale gehörte und als Wissenschaftler und Bestseller-Autor globales Ansehen geniesst, der entrüsteten Gruppe seine Sicht erklären wollte, kreischte eine Studentin unter Tränen: "Warum zum Teufel hast du diesen Job nur angenommen? Du solltest zurücktreten!" Es ginge nicht darum, eine intellektuelle Umgebung auf dem Campus zu schaffen. "Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!" Eine andere Studentin schrie: "Wir sterben hier!"

Eigentlich könnte man diese übersensitiven Kinder einfach belächeln, die an ihren Elite-Unis alle Vorzüge dieser Welt auf ihrer Seite haben und dennoch in selbstmitleidiger Empörung schwelgen und die Polizei rufen wollen, wenn sie sich beleidigt fühlen (kein Scherz). Die zu privilegientrunken sind um zu merken, dass es gerade umgekehrt ist, dass es sie sind, die ihre Mitmenschen mobben. Nur haben sie eben Erfolg mit ihrer Masche der Dauerempörung. Laut dem Zeit Online-Artikel "Die Debatten-Polizei" von 2016 ist Kritik an den Studentenprotesten innerhalb amerikanischer Universitäten mittlerweile weitgehend tabu: "Niemand will auf der Seite der Unterdrücker, der privilegierten Mehrheit stehen. Insbesondere weisse, männliche, heterosexuelle Professoren können es sich kaum mehr leisten, die Proteste offen zu kritisieren", schreibt der Autor, der anonym bleiben wollte. Professoren mit Festanstellung seien sich ihres Jobs zwar einigermassen sicher, Ziel einer Hexenjagd möchte dennoch niemand werden.

Natürlich gibt es auch die anderen Studenten. Jene, die eine Universität als Ort der geistigen Arbeit und der Herausforderung verstehen. Ihr Fokus ist das Lernen, und nicht das Fordern und Zelebrieren eines Lifestyles, der während der nächsten drei bis sechs Jahre möglichst cool und bequem zu sein hat. Angesichts der Vorkommnisse an den Elite-Unis scheint diese Gruppe jedoch zunehmend von der anderen eingeholt zu werden.

Ein Weltuntergang ist das nicht. Nur, die Schneeflocken-Studenten von heute sind vermutlich die Politiker und Behördenvorsteher von morgen (nicht die CEO's, dafür sind sie wohl nicht leistungsfähig genug). Sie werden dann Meinungen von Mitarbeitern, die nicht in ihre Weltsicht passen, diskreditieren. Sie werden an jeder Ecke Diskriminierung ausmachen, Rassismus, Sexismus auch. Und deshalb Safe Spaces so gross wie Kirchen bauen. Sie werden Leute einstellen aufgrund von Quoten und nicht aufgrund von Leistung und Verdienst. Sie werden das Opfersystem pflegen und weiterentwickeln. Sie werden es als Sieg der sozialen Gerechtigkeit über eine böse, patriarchalisch geprägte Gesellschaft zelebrieren.

Es gibt da dieses berühmte Zitat von Otto von Bismark, der für viele als einer der grössten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts gilt. Von Bismark sprach damit zwar das Geld an, aber es lässt sich auch auf die Wertekultur der soeben beschriebenen Studentengeneration münzen:

"Die erste Generation verdient das Geld,
die zweite verwaltet das Vermögen,
die dritte studiert Kunstgeschichte
und die vierte verkommt vollends." (Übrigens: Nichts gegen Kunstgeschichte).

Schmunzeln Sie noch immer?

Wenn ein Deux-Pièces politisch wird

Das Vanity Fair hat unlängst seine berühmte, jährlich erscheinende "Best dressed"-Liste veröffentlicht. Zu den am vortrefflichsten gekleideten Persönlichkeiten aus dem Politsektor im 2017 zählen laut dem Modemagazin Michelle und Barack Obama, Frankreichs Première Dame Brigitte Macron mit Gatte Emmanuel sowie der Kanadische Premierminister Justin Trudeau. Nicht hinreichend gut gekleidet und deshalb der Liste fern: Melania Trump.

Nun gibt es ja alle möglichen Geschmacksgründe. Die modische Interpretation des "Vanity Fair" mutet aber umso eigenwilliger an, je genauer man sich die stofflichen Highlights besagter Gefeierter ansieht: Justin Trudeau machte modemässig zuletzt mit Socken mit Regenbogen-Streifen von sich reden, verziert mit der Aufschrift "Eid Mubarak" (muslimische Begrüssung), die er bei der Gay-Pride-Parade in Toronto zur Schau trug. Emmanuel Macron gab sich beim Besuch eines Luftwaffenstützpunktes unlängst dem Spott der Franzosen preis, als er im Kampfpilotenanzug einen auf Tom Cruise machte (er selbst hat nie Militärdienst geleistet). Gattin Brigitte ist vor allem bekannt für ihre Minis, die sie bei offiziellen Empfängen vorzugsweise trägt – wie etwa das weisse Kleidchen beim Treffen mit den Trumps in Paris. Das Teil kam ihren wohlgeformten Beinen zwar entgegen, wirkte aber modisch so deplatziert wie eine Trachtenlederhose an einer Chanel-Show und liess sie zudem aussehen, als käme sie gerade von einer Krankenstation.

Seit sie First Lady ist, pflegt Melania Trump bei ihren Auftritten mimik- und gestikmässig stets klassische Zurückhaltung, die sich auch in ihrer ausnahmslos dem Anlass entsprechenden Garderobe widerspiegelt: Bei formellen Empfängen trägt sie meist knielange Bleistiftkleider, je nach Wetterlage mit verspieltem Muster oder unifarbene Deux-Pièces, abends sind ihre Roben fliessend, von femininer Eleganz. Nie wirkt sie aufdringlich, oder billig oder macht den Anschein, ein verjüngendes oder pompöses Image promoten zu wollen. Und wenn sie im Hurricane-Katastrophengebiet eben in Highheels erscheint – und dafür von Trump-Kritikern als "abgehoben" gerügt wird –, zieht sie nur ihre persönliche Linie durch. Kurz: Die Frau hat Stil. Weil sie aber mit dem falschen Mann verheiratet ist, ist es vielen unmöglich, sich in irgendeiner Form Anerkennung für das ehemalige Model abzuringen.
Ginge es nach dem Urteil von Vanity Fair, würde sie wohl auch im direkten Vergleich mit Leuten, die in Müllsäcke gehüllt sind, modemässig abfallen.

Wenn ein Mangel an Unterscheidungsvermögen den Verstand pausieren lässt, wird es zusehends absurder. Dann wird Kunst, ja sogar Mode für Politik missbraucht. Wir erinnern uns an die Künstler, die mit Forderungen wie "Ivanka, häng meine Bilder ab" ihrer Verachtung ob der Politik ihres Vaters Aufmerksamkeit verleihen wollten. An Aktivisten, die zum Boykott an ihrer Modemarke aufriefen. An Designer, die medienwirksam mitteilten, dass sie Melania nicht einkleiden würden.

Natürlich geben die Herren Macron und Trudeau optisch etwas her, auch Brigitte Macron oder Michelle Obama tragen schöne Gewebe und edle Schnitte. Nur mutet es eher als Scherz an, wenn sie alle besser gekleidet sein sollen als die amerikanische First Lady – und es wirft die Frage auf, warum eigentlich Angela Merkel nicht mitausgezeichnet wurde.

Das alles bietet selbstverständlich nicht genug Stoff für übermässige Empörung, auch beschreibt es nicht den Untergang der Mode, höchstens einen schlechten Stil. Aber es offenbart die Erkenntnis, dass diese angeblich Trend-vorgebenden Listen ihre Unschuld verloren haben – vielleicht sollte "Vanity Fair" sie einfach umbenennen in "Menschen, die wir mögen".
Eine sachliche Auseinandersetzung, das Abstrahieren zwischen Mensch und Politik findet jedenfalls kaum mehr statt. An seiner Stelle wird ein Charakter untrennbar an seine Meinung getackert, Rationalität ausgetauscht gegen Emotionalität. Es ist ja auch zu unerträglich, der Frau eines ungeliebten Präsidenten ein My Anerkennung zu zollen. Fest steht: Bei der Masse zu punkten vermag heute nur noch jener mit der "richtigen" gesinnungspolitischen Haltung.
Kleingeistiges Schubladendenken – es ist die neuste Mode.


Eine kurze Version des Beitrags erschien in der BaZ am 14.8.2017

Nur Frauen, geht das gut?

Mit Leidenschaft verfolgt Hollywood derzeit sein Bestreben, die Diversität zu fördern bei der Filmbesetzung. Einerseits möchte man mit dem Aufsprengen der männlichen Dominanz bei Hauptrollen das globale Kinopublikum besser repräsentieren, andererseits Schauspielern aus Minderheitengruppen zu mehr Rollen verhelfen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen; Studios und Produzenten dürfen selbstverständlich mit ihren finanziellen Mitteln jene Filme schaffen und mit jenen Schauspielern besetzen, von denen sie sich Erfolg versprechen.

Zu den Diversitäts-Aktionen zählen Neuverfilmungen mit Geschlechtertausch: Man nimmt erfolgreiche Originale, belässt den Plot beim Alten – und ersetzt Hauptdarsteller mit Hautdarstellerinnen. In der Annahme, (versierte) Komödiantinnen könnte ohne Weiteres in die Rollen von Bill Murray und Dan Aykroyd schlüpfen, ohne dass der Film an Originalität oder Humor einbüsst, vereinnahmte man vergangenes Jahr "Ghostbusters" (1984). Die Kultkomödie wurde in dem Remake zur grotesken Blödelei geschrumpft – und floppte trotz Kristen Wiig und Melissa McCarthy als Geisterjägerinnen. Als "Ocean's Ocho" kommt nächstes Jahr das weibliche Spinoff von "Ocean's Eleven" (2001) mit Sandra Bullock und Cate Blanchett ins Kino. Für eine Neugeburt aus Frauenperspektive muss nun auch der Klassiker "Herr der Fliegen" (1990) herhalten: Statt der Buben stranden Mädchen auf einer einsamen Insel.

"Wir möchten eine getreue aber zeitgenössische Adaption des Buches kreieren", erklärten die Filmemacher David Siegel und Scott McGehee vergangene Woche. "Es ist eine zeitlose Geschichte, die besonders heute relevant ist, […] mit dem Mobbing und der Idee, dass Kinder eine Gesellschaft formen und das Verhalten nachmachen, das sie bei Erwachsenen sahen bevor sie von der Aussenwelt abgeschnitten wurden."

Das kann durchaus Stoff darstellen für einen packenden Film – sechs- bis zwölfjährige Mädchen, die abgeschnitten von Zivilisation und dem Einfluss von Erwachsenen ums Überleben kämpfen. Nur: Mit William Goldings "Lord of the Flies" hat das Konzept so natürlich wenig zu tun. Im Original ging es nicht darum, "das Verhalten von Erwachsenen nachzumachen"; im Zentrum steht das Gruppenverhalten und die aufkeimende Gewaltbereitschaft unter männlichen Teenagern in einer Extremsituation, das Recht des Stärkeren, das in der Aufteilung in zwei Teams, in deren gegenseitiger Bekämpfung und schliesslich im Töten seinen Gipfel findet.

Mädchen und Buben sind aber nicht gleich. Mädchen mobben zwar auch, aber sie sind im Teeniealter nicht so gewalttätig wie Jungs, ihr Einfühlungsvermögen ist stärker ausgeprägt, sie suchen eher Harmonie statt Konfrontation. Wenn man also die Rollen der Jungs einfach von Mädchen spielen lässt, ist es nicht nur ein anderer Ausgangspunkt, es entstünde auch eine ziemlich verzerrte Widergabe von menschlichem Verhalten.

Women only – wenn das Publikum es wünscht, geht das gut. Hollywoods Repertoire an begnadeten Schauspierinnen ist riesig, Frauen meistern ernste Rollen, lustige auch – man denke an die bezaubernde Doris Day. Aber statt einfach Klassiker zu adaptieren zwecks Gendertausch, warum nicht neue Geschichten kreieren? Neue Drehbücher schreiben?

Übrigens, es wurden schon Rufe laut nach einem weiblichen James Bond. Das halte ich dann wirklich für die Dämlichste aller Ideen. Jane Bond, ja, genau. Und dann beim rückwärts einparken den Aston Martin zerkratzen.


BaZ, 7.8.2017

Krieg der Worte – oder wie Aktivismus den Journalismus ablöst

Sollte das Ziel gewesen sein, einen Beitrag zu leisten zur Spaltung einer ohnehin gereizten Gesellschaft, kann man die Schlagzeilen einiger Leitmedien von vergangener Woche als äusserst gelungen bezeichnen. "Der Spiegel", "CNN", "The Huffington Post" und "Vice" unterscheiden sich, was Headlines angeht, kaum mehr von den "Breitbarts" dieser Welt – jenem Webportal, das die versammelte Presse stets so selbstgefällig verteufelt. Der einzige Unterschied: Die vermeintlich seriösen Medien schreiben für ein anderes Publikum.

Headlines sind der wichtigste Teil eines Artikels, bestenfalls dringen sie in den Denkprozess des Lesers, triggern ihn, verleiten zum Weiterlesen. Ich habe nichts gegen aufdringliche Headlines. Ich benütze sie in meinen Kolumnen selbst, spitze sie zugunsten der Neugier zu, wie neulich, als ich Google's "sexistische Kackscheisse" titelte. Ein Begriff, der nicht aus meinem Geistesfundus stammt, ich zitierte damit eine Headline des Schweizer Webportals "Watson", dessen Autor seiner ungezügelten Verachtung über einen Google-Mitarbeiter freien Lauf liess – und die ich für restlos unangebracht halte. Dass in der Folge in Leserbriefen meine Kinderstube in Frage gestellt wurde, veranschaulicht, dass Leser eben das lesen, was sie lesen wollen.

Nun ist "Tamaras Welt" eine Meinungskolumne, also ein subjektives Gedankengelage, und widergibt nicht zwingend die Meinung der "Basler Zeitung"-Redaktion. Titelbilder bei "Spiegel" aber, oder Artikel auf der Website von "CNN" reflektieren, sofern sie nicht als "Meinung" gekennzeichnet sind, üblicherweise die politische Ausrichtung des gesamten Mediums. Es überrascht also höchstens am Rande, wenn eine Redaktion in ihrem Bestreben, der Leserschaft (und sich selbst) das zu geben, was diese eben lesen will, mit ihren Schlagzeilen politischen Aktivismus betreibt.

In dem Sinne wurden vergangene Woche alle rhetorischen und grafischen Register gezogen. "Der Spiegel" bildete auf seinem Cover eine Ku-Klux-Klan-Mütze ab, titelte "Das wahre Gesicht des Donald Trump" und implizierte damit, Trump sei Mitglied des KKK.
"The Huffington Post" schrieb zum Abgang von Trump-Chefstratege Steve Bannon: "Goy, Bye!" Das Wort "Goy" bezeichnet aus jüdischer Sicht einen Nichtjuden. Sein Gebrauch ist aber kontrovers weil beleidigend, laut "dictionary.com" impliziert es normalerweise die "Verachtung für Nicht-Juden".
Im Zuge der Ausschreitungen um die Konföderierten-Statuen titelte eine "Vice"-Kolumne "Let's blow up Mount Rushmore" – man sollte die monumentalen Porträtköpfe der US-Präsidenten in South Dakota in die Luft sprengen.
In einer Schlagzeile auf seiner Website beschrieb "CNN" die linke Antifa-Bewegung in Bezug auf Charlottesville als Aktivisten, die "Frieden durch Gewalt suchen". Dass ausgerechnet die Antifa mit ihren vermummten Kampfgestalten, dem Vandalismus, den Ladenplünderungen, den äusserst gewalttätigen Angriffen auf Polizisten auf einer Friedensmission sein soll, war dem Sender dann wohl doch ein bisschen suspekt, die romantisierende Headline wurde später geändert, "Aktivisten suchen Frieden durch Gewalt" gelöscht. Auch "Huffpost" und "Vice" aktualisierten, aber erst nach zahlreichen Leserprotesten, ihre Wortwahl, also das, was gemäss eigener Terminologie unzweifelhaft unter "Hatespeech" fällt. Nur änderte es nichts mehr, Tausende Leser hatten es schon angeklickt.

Schlagzeilen dürfen polarisieren, dürfen Debatten auslösen, kontrovers sein – Meinungsfreiheit gilt für alle. Schlagzeilen müssen den Betroffenen nicht schützen, ihm nicht gefallen. Der Leserschaft auch nicht. Das Problem ist, wer anderen fortwährend Hetze vorwirft, sich in moralischer Empörung ereifert und nach Sperrung und Zensur ruft – wie es Leitmedien in ihrem hochmotivierten Kampf gegen alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht tun – aber selber mit Beleidigung und Anheizen nicht zurückhält, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern macht sich zum Mittäter eben dieser Volksaufwiegelung. Und er offenbart vor allem eines: Masslosen Hochmut.


BaZ vom 24.8.2017

Transgender im Militär?

Mit einem hohen Grad an Gereiztheit wird derzeit in den USA diskutiert, ob Transgender-Menschen Militärdienst leisten sollen. Donald Trump kündigte im Juli an, die US-Regierung akzeptiere oder erlaube nicht, dass "Transgender im US-Militär in irgendeiner Funktion dienen". Das Militär müsse überwiegend auf Sieg fokussieren und könne nicht belastet werden mit enormen Medizinkosten und Störungen, die Transgender in der Militärwelt mit sich bringen. Der Entscheid kam ziemlich genau ein Jahr, nach dem die US-Regierung unter Barack Obama die Armee für Transgender geöffnet hatte.

Gemäss der "New York Times" (26.7.2017) ist das Verbot eine Antwort auf eine sich im Capitol Hill leise zusammenbrauende Frage: Soll der US-Steuerzahler für die Gender-Transition und Hormontherapie von dienstleistenden Transgender bezahlen?

Verbots-Befürworter argumentieren, das Militär sei kein soziales Experiment. Der Irak-Kriegsveteran und Autor J.R. Salzman schrieb auf Twitter, dass Menschen mit mentalen Problemen eine Belastung in der Armee seien, weil die Probleme sie ineffektiv für den Kampf machen: "Nun nehmen Sie jemanden, der verwirrt ist, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Stellen Sie diese Person mit ihren psychologischen Problemen in eine stressvolle Umgebung wie ein Kriegsgebiet. Ihr eine spezielle Behandlung zu geben aufgrund ihrer Identität, das geht nicht." Political Correctness habe keinen Platz im Militär.

Das scheint grundsätzlich logisch. Auf der anderen Seite aber ist die Behauptung, alle Transgender hätten mentale Probleme und seien deshalb militäruntauglich, eine Übersimplifizierung - Transgender sind nicht generell gestört in ihrer Psyche; sie sind einfach in einem falschen Körper geboren. (Ich spreche hier nicht von der "Gender-fluiden"-Fraktion, die sich je nach Befindlichkeit ein eigenes Gender zulegt oder sich gar keiner Identität einordnen will). Die WHO erwägt sogar, "Transgenderidentitätsstörung" nicht mehr als "mentale Störung" zu klassifizieren - sondern als "Zustand verbunden mit sexueller Gesundheit". Kommt hinzu, dass bei allen Menschen familiäre Probleme wie Scheidung oder Sorgestreit, Selbstzweifel oder finanzielle Schwierigkeiten mentale Auswirkungen haben können bei Verhalten in Stresssituationen.

In der Schweiz werden Transgender ganz normal in die Milizarmee integriert. Hubert Annen, Dozent für Militärpsychologie, sagt in einem "Tagesanzeiger"-Interview: "Bei der Rekrutierung gibt es grundsätzliche Tauglichkeitskriterien, die sexuelle Ausrichtung, oder ob jemand Transgender ist, ist kein expliziter Bestandteil davon." Transgender bekämen keine spezielle Behandlung, aber je nach Fall würde zusammen mit dem Vorgesetzten geschaut, ob eine individuelle Lösung – wie manchmal bei den Frauen – gefunden werden kann.

Laut einer vom Pentagon 2016 in Auftrag gegebenen Studie dienen bis zu 15'000 Transgender im US-Aktivdienst – von 1.3 Millionen insgesamt. Gemäss dem Bericht haben sie im US-Militär eine minimale Auswirkung auf operative Leistungsfähigkeit, Bereitschaft und Gesundheitskosten; letztere steigen zwar von $2,4 Millionen auf $8,4 Millionen – das Budget für Gesundheitskosten im US-Militär beträgt aber geschätzte $50 Milliarden ($41 Millionen gibt das Verteidigungsministerium jährlich für Viagra aus).

Die Antwort ist also eher eine pragmatische: Wer den Tauglichkeitstest besteht, sollte dienen dürfen. Alles andere ist Diskriminierung.


veröffentlicht in der BaZ 17.8.2017