Freitag, 13. Oktober 2017

Harvey Weinstein & Hollywood: Kultur des Verdrängens

Es war im Hauseingang, als er mich beim Abschied gegen die Wand drückte und mir jäh und unbeholfen seine Zunge in den Mund stiess. Ich war knapp 20, lebte seit kurzem als Schauspielschülerin in Hollywood, er Filmproduzent um die 50, ein bisschen bekannt, nicht unsympathisch. Nach einer Party fuhr er mich nach Hause und vergass dabei auch nicht, die noch unbesetzte Rolle in seinem nächsten Projekt zu erwähnen. "Karriere gelauncht!" war mein naiver, erster Gedanke. Wir stehen dann aber vor der Tür, ich winde mich aus seiner Klammerumarmung, stammle etwas von einem Freund und husche in meine Wohnung. Falls die Rolle je existierte, ging sie an eine andere. Ich empfand etwas zwischen Scham und Schaudern, hakte den Vorfall unter "unwilkommene Avancen" ab, das Leben ging weiter.

Manche Schauspielerinnen (auch Schauspieler) schlafen mit Produzenten, um eine Rolle zu bekommen. Ganz freiwillig. Und jetzt bitte keine Moralpredigt. Ich weiss es, ich habe fünf Jahre lang in Hollywood gelebt und in Filmkreisen verkehrt. Gefallen für Gefallen? Man kann es ablehnen oder annehmen – ein Urteil über Letzteres sollte sich niemand anmassen. Es ist wie ein einvernehmliches Tauschgeschäft. So naiv, verletzlich und hilflos, wie Frauen ständig von Feministinnen dargestellt werden, sind sie nicht.

Zum Fall Harvey Weinstein. Er hat, wie die New York Times aufdeckte, Frauen über Jahrzehnte sexuell belästigt und genötigt. Die Anschuldigungen reichen von dem wiederholten Bitten und Drängen nach Massagen, ungewollten Berührungen, bis hin zu drei Vergewaltigungsvorwürfen.

Bei Weinstein war es kein Tauschgeschäft. Er verlangte etwas von den Frauen das sie ihm nicht geben wollten, und das haben sie ihm signalisiert. Weinstein, der so manchen aufstrebenden Schauspieler zum Star machte, darunter Matt Damon und Gwyneth Paltrow, wird wohl ständig attraktive und aufregende Frauen um sich herumgehabt haben. Er war nicht nur mächtig, Weinstein war der Inbegriff einer gigantischen Chance. Er wird sich gewöhnt gewesen sein, dass Frauen seine Einladungen zum Abendessen, zum Schlummerdrunk oder zu mehr annahmen. In einer perfekten Hollywood-Welt sind selbstverständlichsind alle tugendhaft, arbeiten hart, und die Person mit dem grössten Talent bekommt die Rolle. In Realität gehst an 100 Castings, konkurrierst dort mit 500 Frauen, alle schöner, schlanker, besser vernetzt, merkst, dass du dich an dem Ort der unheilvollen Allianz aus Ehrgeiz und Lebenstraum kaum durchzusetzen vermagst und entscheidest dich vielleicht für eine Abkürzung – lässt dich freiwillig mit einem wie Weinstein ein.

Und bevor jetzt alle aufschreien: Ich will hier nicht die Vergehen von Weinstein kleinreden oder verteidigen. Im Gegenteil: Seine Verfehlungen können durch nichts entschuldigt werden. Männer wie er sind Schweine. Was er getan hat, hat mit Tauschhandel nichts zu tun. Seine Machtposition ausnützen, Frauen zu sexuellen Handlungen nötigen, sie einschüchtern, ihnen drohen, ist verwerflich, abscheulich, gehört bestraft – die Vergewaltigungen, sollten sie sich als wahr herausstellen, gehören hart bestraft. Heute, wo unsere Gesellschaft weiterentwickelt ist, sensibilisierter und aufgeklärter, ist es für Opfer von sexuellen Belästigungen und Übergriffen zum Glück einfacher als vor 30 Jahren, ein offenes Ohr oder Hilfe zu finden.

Gemäss der New York Times war Weinsteins Ruf als Sexjäger "das am schlechtesten gehütete Geheimnis in Hollywood und New York". Auch Schauspielerin Jessica Chastain schreibt in einem Tweet, sie sei von Anfang an gewarnt worden: "Die Geschichten waren überall. Das zu leugnen erzeugt ein Umfeld, wo es wieder passiert." 

Dass Schauspieler und Superstars, Regisseure und Produzenten, wie sie jetzt in ihren Statements beteuern, allesamt während 30 Jahren nichts davon gewusst haben wollen, mutet schon etwas fragwürdig an.

Geradezu heuchlerisch aber ist es, wie Hollywoods selbsternannte Gralshüter der Moral in ihren Statements jetzt pingelig genau darauf bedacht sind, den Anschein von kategorischer Ehrenhaftigkeit zu vermitteln, als habe noch dort nie jemand seine persönliche Würde ein Stück weit für den beruflichen Erfolg zurückgestellt. Hollywood, die Stadt der Träume, Hoffnungen, aber auch des komprimierten Opportunismus, hat zwei Seiten. Hätte ich mich damals mit dem Typen eingelassen, wäre ich heute Schauspielerin? Ehrlich gesagt, die Frage habe ich mir schon in aller Sachlichkeit gestellt.



Der Beitrag erschien in kurzer Version zuerst in der Basler Zeitung. 

NFL Hymnen-Boykott: Drama in 4 Akten

Vom Protest einiger NFL-Spieler zur Massen-Hysterie-Bewegung gegen Donald Trump – Chronologie eines Kulturkampfes, in dem es nur Verlierer gibt.

1. Akt. Im Sommer 2016 kniet NFL-Star Colin Kaepernick aus Protest gegen Rassendiskriminierung zur Hymne nieder. Die Hymne ist weltweit ein Symbol, das Menschen vereint, ein Stück Heimatstolz. Weil aber ganz besonders für die Amerikaner Flagge und Hymne für Unabhängigkeit stehen, für gefallene US-Soldaten, für den Zusammenhalt der 50 Bundesstaaten und zu einem Spiel gehören wie Hotdogs, fallen die Reaktionen auf Kaepernicks Protest entsprechend ambivalent aus.

2. Akt. Vergangenes Wochenende protestieren über 150 NFL-Profis nach Kaepernick-Vorlage zur Hymne kniend gegen Polizeigewalt gegen Schwarze. Viele Amerikaner unterstützen den Protest. Etwa genauso viele halten ihn für die masslose Respektlosigkeit einiger überbezahlter, privilegierter Millionäre gegenüber ihrem Land und seinen Bewohnern, insbesondere aber gegenüber Kriegsveteranen, die weit weniger privilegiert sind, aber ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um für diese Flagge zu kämpfen.

3. Akt. Die Kontroverse spitzt sich zu, als sich am Freitagabend in einer Anwandlung von Wahnsinn Donald Trump einmischt. Während einer Rede sagt er laut Daily Mail: "Würde man es nicht gerne sehen, wenn einer dieser NFL-Besitzer zu jemandem, der unsere Flagge nicht respektiert, sagt 'nehmt diesen *****sohn vom Feld. Raus! Er ist gefeuert!'". Später ruft er in wütenden Tweets zum Boykott der NFL auf, fordert, dass protestierende Spieler entlassen werden. "Wenn ein Spieler das Privileg möchte, Millionen von Dollars in der NFL oder anderen Ligen zu verdienen, sollte es ihm oder ihr nicht erlaubt sein, unsere grossartige amerikanische Flagge (oder das Land) nicht zu respektieren und er sollte sich zur Nationalhymne erheben. Wenn nicht, BIST DU GEFEUERT. Finde etwas anderes, das du tun kannst!" In dem Moment mutiert die "Take a knee"-Demo von NFL-Spielern gegen Diskriminierung zur ultimativen Protestbewegung NFL, Sportler, Demokraten, Medien gegen Donald Trump. Und weil Trumps Gegner gelegentlich zu ekstatischen Kurzschlussreflexen neigen, schlagen sie vor: Alle sollten nun zur Hymne knien.

Irgendwo an der Stelle schaltet sich die NFL öffentlich ein, verurteilt Trumps Kommentare. Nur hat sie die Rechnung ohne einen Teil der Amerikaner gemacht, der mit dem "Opportunismus" (The Daily Wire) der mächtigen Liga bestens vertraut ist. Die US-Website The Daily Wire frischt auf: 2014 engagierten sich Spieler der St. Louis Rams in einem "Hands Up, Don't Shoot"-Protest – die Liga unternahm nichts. Nach dem Massaker von Schwarzen Radikalen an Polizisten wollten die Dallas Cowboys-Spieler zu Ehren der getöteten Polizisten Abziehbilder der Dallas Polizei tragen – die NFL lehnte das ab. Das Knien während der Hymne von Kaepernick und anderer Spieler – es ging für die NFL in Ordnung. Als einige Profis am 11. September 2016 spezielle Schuhe tragen wollten, um die 9/11-Toten zu ehren, drohte die NFL mit Bussen.

4. Akt. Zu Sinnbildern des inzwischen Kontinent-umspannenden Streits werden am Sonntag die NFL-Spieler Alejandro Villanueva und LeSean McCoy. Ersterer tritt als einziger seines Teams aus der Kabine, präsentiert sich zur Hymne stehend, dafür wird er von Konservativen und Trump-Anhängern gefeiert und sein Trikot zum Verkaufsschlager. Letzterer entschied sich während des Gesangs für Stretch-Übungen. Was aber macht Tom Brady, Patriots-Legende und Trump-Freund? Kniet er, kniet er nicht? Brady kniet nicht, hakt sich aber solidarisch bei den Teamkollegen ein. Dem US-Radio WEEI sagt er montags über Trump: "Sicher widerspreche ich seiner Aussage. Ich finde, sie ist einfach nur entzweiend." Etwa zeitgleich brilliert Neo-Nationalheld Villanueva bei ESPN mit der Sportler-Aussage des Jahres: Sein Gang aus der Kabine sei ein Missverständnis gewesen, er habe nur die Flagge sehen wollen. Soweit der Überblick bis Mittwoch.

Fest steht: Der friedliche Protest der Sportler ist legitim – genauso legitim wie die Kritik daran. Auch Donald Trump darf Kritik ausüben – nur eben, wie ein Staatsmann. Indem er aber die Entlassung der protestierenden Spieler fordert, agiert er nicht nur kleinkariert, mit solchen Aussagen giesst er Öl ins Feuer einer ohnehin gespaltenen Gesellschaft. Auch greift das Argument "verwöhnte Millionäre" zu kurz, den meisten Spielern sind die Millionen ja nicht in die Wiege gelegt worden. Sie sind zu Superstars und Idolen geworden, weil sie hart trainiert, viel investiert und viel geopfert haben.

Und dennoch: Auch wenn Verständnis da ist für ihren "Take a knee"-Protest, so muten doch Ort und Zeitpunkt befremdlich an. Die Sportler beanspruchen für ihre Kundgebung eine Plattform, die für viele ein Zufluchtsort vom Realitätsalltag darstellt, von Sorge und Leid, oder ein behutsam kultiviertes Momentum der Ehrerbietung ist für vergangene Seelen. Es gäbe doch viele andere, geeignetere Orte für eine Unmutsbekundung, wie etwa Interviews oder Kommentare in grossen Zeitungen, oder in TV-Shows- und Debatten zu dem Thema, man könnte durch Reden an entsprechenden Anlässen die Aufmerksamkeit darauf lenken, Aktivismus-Arbeit bei bestimmten Organisationen und Communities betreiben.

Den Sport aber, diese letzte Bastion der völkerverbindenden Unschuld, mit Politik zu vermengen und für Kulturkämpfe zu vereinnahmen, ist keine kluge Idee, und es lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Denn einen versöhnlichen Abschluss dürfte es hier nicht geben. Es ist keiner da, der die Eskalation aufhalten könnte. Vorhang.


Eine kurze Version des Beitrages erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Filmzensur: Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Weil sie politisch nicht korrekt sind, werden Filmklassiker aus Kinos verbannt

"Wo wir schon dabei sind, es gibt rassistische und sexistische und homophobe Momente in Filmklassikern, die nicht mehr Klassiker sein sollten." Dieser Tweet des prominenten US-Filmproduzenten John Levenstein ("Silicon Valley") im Zuge der Debatte um die Konföderierten-Denkmäler in den USA schlug neulich hohe Wellen. Als wenig später Kinobetreiber im US-Bundesstaat Tennessee eine Vorführung des Kultstreifens "Vom Winde verweht" absagten, war für viele klar: Erst die Statuen herunterreissen, dann die Filme zensurieren. Filmklassiker stellen heute einen weiteren Zankapfel dar im Ringen um die Political Correctness.

Die Kontroverse schwelt schon länger. Angefacht wurde sie von linksliberalen Kreisen in den USA, die fordern: Filmklassiker mit "rassistisch gefärbtem Inhalt" sollten nicht länger als Klassiker eingestuft und am besten ganz aus den Kinosälen verbannt werden. Vermehrt melden sich namhafte Exponenten zu Wort, wie eben Levenstein, der meinte, gewisse Filme würde er sich nicht einmal mehr ansehen, aus Angst, sie heute schlecht zu finden.

Wie soll man eine solche Aussage einordnen? Versuchen wir es mal so: Die moralische Höherstellung heutiger Standards offenbart eine Arroganz gegenüber früheren Gesellschaften. Und ein Unvermögen, Geschichte so akzeptieren, wie sie sich eben ereignete. Während man bei den Statuen immerhin diskutieren kann, ob sich angesichts der gesellschaftlichen Spannungen ihre Verlagerung von öffentlichen Plätzen Museen nicht als bessere Lösung erweist, ist es beim Genre Film eher eindeutig: Meisterwerke, die vor 50, 80 oder 100 Jahren produziert wurden, heute zu degradieren und von Listen oder Lichtspielhäusern zu entfernen, weil deren Inhalt problematisch ist und Gefühle verletzen könnte, ist naiv und falsch. Und: Es ist eine Art der Zensur.

Nehmen wir drei Werke, die, gemessen an heutigen Standards, besonders stark in der Kritik stehen.
Prominentestes Beispiel ist das Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" (1939). Der Film spielt während des amerikanischen Sezessionskrieges und endet mit dem Untergang der Konföderierten. Er ergründet die romantischen Verstrickungen der Scarlett O’Hara mit Rhett Butler und ihrem Jugendfreund Ashley Wilkes und ist eine der wuchtigsten Darbietungen von den Facetten der Liebe, die je verfilmt wurden.

Manche sehen es anders: Ein Artikel von Spiegel Online von 2014 beschreibt die "Schwulstoper" (SPON) als eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: "Amerikas Rassismus lebt weiter fort - und wer wissen will, wie das passieren kann, der muss sich nur 'Vom Winde verweht' antun, jene Ode an die gute alte Sklavenzeit." Gemäss der britischen Zeitung The Independent sagte das Kultkino Orpheum in Memphis, Tennessee, jüngst ein Screening des Klassikers ab: "Das Orpheum kann keinen Film zeigen, der gegenüber einem grossen Teil seiner lokalen Bevölkerung unsensibel ist", so die Betreiber.

Ja, die Botschaft des Films ist rassistisch gefärbt. Und ja, er glorifiziert die Sklaverei. Er bildet ein Stück Geschichte ab, die entmenschlichend war, abscheulich, derer wir uns heute zu recht schämen. Auslöschen können wir sie nicht. Der Film ist dennoch in seinem Plot, der Umsetzung und der technischen Machart von historischer Bedeutung, wird von Millionen Menschen verehrt und – auch nach der dreissigsten Wiederholung – gerne gesehen. Und: Er ermöglichte afro-amerikanischen Schauspielern das Mitwirken im Filmgeschäft – von insgesamt zehn Oscars ging einer an Hattie McDaniel als beste Nebendarstellerin. Damit war sie die erste schwarze Schauspielerin, die den Goldburschen je gewann.

Den Vorwurf der rassistischen Untertöne sowie der ethnischen Stereotypisierung muss sich auch "Breakfast at Tiffany's" (1961) gefallen lassen. Wegen dem von Mickey Rooney mit getapten Augenliedern, Hasenzähnen und einem überzogenen Akzent gespielten Charakter eines Japaners fordern Aktivisten regelmässig, den Streifen von der Liste der Klassiker zu kippen. Erfolglos – in der AMC-Auflistung "The 50 Greatest Romantic Movies" rangiert er auf Rang 7. Die anhaltenden Diskussionen aber warfen einen kleinen Schatten über Rooneys lange, erfolgreiche Filmkarriere.

Als der wohl rassistische amerikanische Film, der je produziert wurde, gilt "The Birth of a Nation" aus dem Jahr 1915. Der über dreistündige Stummfilm erzählt das Leben während des amerikanischen Bürgerkriegs und in der Zeit des Wiederaufbaus in den Südstaaten anhand zweier Familien. Der Stoff stösst einem beim Gucken ziemlich sauer auf, er ist definitiv nichts für empfindliche Gemüter: Die weissen Südstaatler werden in "The Birth of a Nation" als Opfer dargestellt, unterdrückt und gedemütigt von der erstarkenden schwarzen Bevölkerung während der Wiederaufbau-Zeit, der Ku-Klux-Klan als erlösende Truppe, die die Weissen vor den wilden, vergewaltigenden und mordenden Schwarzen rettet. Es wird noch grotesker: Weisse werden durchs Band intelligent gezeichnet, sympathisch und gut, Schwarze und Mulatten dümmlich, unsympathisch und bösartig. Schwarz geschminkte Weisse spielen die Rollen schwarzer Hauptdarsteller (Blackfacing). Der Tiefpunkt: Der Film wurde einst vom Ku-Klux-Klan als Anwerbung für Mitglieder benützt.

Trotz oder gerade wegen der grossen öffentlichen Debatte – es gab Proteste und in einigen US-Staaten war seine Freigabe verboten worden – war das Epos ein riesiger finanzieller Erfolg. Filmwissenschaftler beschreiben seine künstlerischen und filmtechnischen Innovationen als bahnbrechend und den Film deswegen als das "vielleicht bedeutendste und einflussreichste Werk der amerikanischen Filmgeschichte". 1998 wurde "The Birth of a Nation" vom American Film Institute in die "Top 100 American Films" gewählt.

Alle drei Beispiele (und es gäbe noch zahlreiche andere) haben eines gemeinsam: Sie sind in einer Zeit produziert worden, wo andere moralische Standards und auch eine andere Art von Humor herrschten als heute. Es ist anzunehmen, dass die Filmemacher mit ihren Werken keine schlechten Absichten verfolgten. Sie waren keine Rassisten. Meisterwerke, die in einer anderen Epoche erschaffen wurde, aus dem Kontext der damaligen Zeit zu nehmen und gemäss heutigen Moralstandards zu beurteilen, ist nicht nur als Einwand gegen die künstlerische Freiheit zu werten, sondern auch als Akt moralischer Überheblichkeit. Denn Moral ist nicht universell, sie ist gebunden an eine Zeit – was heute moralisch verwerflich ist, war es damals nicht, oder nicht im gleichen Masse. Was eine Gesellschaft in hundert Jahren für verwerflich hält, ist es für uns heute vielleicht nicht.

Geschichte wird durch Filme weitererzählt und auch interpretiert. Sie sind ein Instrument, das uns zeigt, wie es früher war und wie die Gesellschaft sich geändert hat. Das heisst nicht, dass wir diese Streifen nicht kritisch beurteilen dürfen, Filme können, ja sollten kontroverse Debatten auslösen, eine Herausforderung für den Zuschauer sein. Aber Rassismus oder Sexismus anzuprangern in jahrzehntealten Werken und sie aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist eine ungeeignete Form der Geschichtsaufarbeitung – wer die Vergangenheit auslöschen will, lernt nichts für die Zukunft.

Und, ganz nebenbei: Es ist doch vor allem das Publikum mit seinen Kinoticket- und DVD-Käufen, das entscheidet, welches Werk zum Klassiker wird und welchen Film es in den Lichtspieltheatern dieser Welt sehen möchte.


Der Beitrag erschien in kürzerer Version in der Zürcher Weltwoche vom 21.9.2017