Donnerstag, 16. November 2017

Ist es Männerhass?

Die Feindseligkeit, die Männern derzeit pauschal und von allen Seiten entgegenschlägt, ist grotesk. Die Sexismus-Debatte offenbart ein neues Phänomen: Zwischen Anmache und sexuellem Missbrauch wird kaum mehr differenziert. Und für eine Anschuldigung braucht es keinen Beweis mehr, die Geschichte eines "Opfers" genügt. Das sollte man als Mann besser im Kopf haben, möchte man nicht eines Tages für eine unbewusste menschliche Geste oder ein blödes Anbaggern gelyncht werden.

Der Weinstein-Skandal wird verlängert, es scheint zum Trend geworden, Männer öffentlich und rückwirkend der sexuellen Belästigung zu bezichtigen. Eine ehemalige Filmpraktikantin wirft Dustin Hoffman sexuelle Belästigung vor wegen eines "Ich nehme ein hartgekochtes Ei und eine weichgekochte Klitoris" vor 26 Jahren. Der britische Verteidigungsminister ist zurückgetreten wegen Knietätscheln vor 15 Jahren. Steven Seagal soll vor 22 Jahren eine Schauspielerin im offenen Kimono und Unterwäsche empfangen, Sepp Blatter vor fünf Jahren an Hope Solos Po gegriffen haben. Adam Sandler legte neulich in einer TV-Show seine Hand kurz aufs Knie einer Schauspielerin und ein ehemaliger Diplomat sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen, weil er die deutsche SP-Politikerin Sawsan Chebli als "jung und schön" bezeichnete – eine für sie sexistische Beleidigung, die sie auf Twitter mit "Es war einfach nur krass" kommentierte. (Ich persönlich finde ja eher krass, dass dann wegen Aussagen wie der von Chebli Frauen wie ich leiden – wenn uns aus Angst kein Mann mehr sagt, wir seien jung und schön).

Es gibt ein Wort dafür, wenn eine unbewusste menschliche Geste, ein Kompliment oder auch "Dirty Talk" zum Sexismus-Skandal hochstilisiert werden, und der Aufschrei und die mediale Aufmerksamkeit wegen Masturbierens bald grösser ist als bei einer Meldung wegen Vergewaltigung: Hysterie. Weil emotionsgeladene Empfindsamkeit bei vielen rationales Denken aussetzen lässt, verlieren Menschen den Sinn für Proportionen: Sie vermengen Flirts, schlüpfrige Witze, Anbaggern, Belästigung, einvernehmliche Affären, Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe zu einem einzigen Potpourri. Dass für jeden Menschen die Unschuldsvermutung gilt, bis das Unrecht bewiesen ist – es scheint nicht mehr zu gelten. Dass ohne Abwägen oder konfrontierendes Gespräch gleich vom Schlimmsten ausgegangen wird – es ist zur Regel geworden. Der britische Journalist Peter Hitchens hat es in seiner Daily Mail-Kolumne über die "kreischenden, flatternden Ankläger" so formuliert: "Bei dem Thema haben sie viel gemein mit militanten Islamisten. Auch sie glauben, dass man von allen Männern annehmen müsse, sie seien sabbernde Raubtiere."

Es geht mir in dem Text hier nicht um Vergewaltigungen, auch nicht um sexuelle Übergriffe. Ich beziehe mich auf die oben genannten Belästigungsvorwürfe gegen Männer wie Hoffman und Co. Ja, Comedian Louis C.K. (der sein Masturbieren vor zwei Frauen im Hotelzimmer zugegeben hatte, es aber als "einvernehmlich" bezeichnete, weil er zuvor um ihr Einverständnis gefragt hatte) ist ein Widerling. Es gibt Männer, die besitzen eine Art Neandertaler-Mentalität, spüren sich nicht mehr. Ich bin keine Psychologin, vermute aber, es stammt von dem männlichen, kompetitiven Ego, das eher zu solch unreflektierter Selbstzufriedenheit neigt. Besonders Männer in Star-Sphären halten sich manchmal offenbar für erhaben und unantastbar. Es rechtfertigt keine einzige Entgleisung, trotzdem gilt es festzuhalten: Ihre Taten sind nicht kriminell, sie sind höchstens hochgradig respektlos. 

Wie viele Frauen habe ich diese Respektlosigkeiten erlebt, auch einen sexuellen Übergriff, den ich damals, vor etwa 32 Jahren, in Basel angezeigt hatte. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich deswegen je als Opfer gesehen. Natürlich sind wir nicht alle gleich, jeder verarbeitet ein schockierendes, demütigendes Ereignis anders. Wenn nun aber Fälle von anzüglichen Sprüchen oder Knietätscheln aufgerollt werden, die Jahrzehnte zurückliegen, frage ich mich in aller Sachlichkeit: Was soll das bezwecken? Spuren oder Zeugen sind keine mehr da, vor dem Strafsystem hat es also kaum mehr Belang. Bleibt noch das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit – indem man auf irgendeine Art Aktivismus betreibt, wenn auch Netz-Aktivismus, gehört man dazu, entwickelt ein Gefühl der Macht. Das Problem an der Sache ist: Wer jeden Mückenfurz anprangert, untergräbt die Ernsthaftigkeit der Thematik.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Dass wir Frauen uns mit männlichem Chauvinismus, sexueller Belästigung und Machtmissbrauch nicht mehr einfach abfinden und jetzt einige schlimme Fälle ans Licht kommen, ist gut und richtig. Männer sollten nicht meinen, nur weil sie uns körperlich überlegen sind, oder auf der Jobleiter öfters über uns stehen, haben sie das Recht, sich wie Schweine zu benehmen. Auch, dass unsere Gesellschaft heute gewisse Themen offener anspricht, gehört zur gemeinschaftlichen Weiterentwicklung. Es gibt Frauen, die mental nicht so stark sind, deren Schwäche ausgenutzt wird. Diesen Frauen gilt es zu helfen. Und auch hier setzt Gleichberechtigung an.

Aber gerade angesichts des gesellschaftlichen Wandels, und eben dieser Gleichberechtigung, die noch nie so fortschrittlich wie heute war, mutet der kollektive Empörungsaktivismus wie eine Abrechnung mit dem männlichen Geschlecht an. Mich beschleicht das Gefühl, nicht wenige reiben sich insgeheim die Hände über diese Anschuldigungswelle, die weit über Typen wie Weinstein hinausgeht. Männerfrust scheint sich im Laufe der letzten Jahre in Männerhass gewandelt zu haben. Vor allem in den Sozialen Medien wird das Bild gezeichnet von den gierigen, sexlüsternen Kerlen, den machtbesessenen Bossen, die über das arme Leben armer Frauen (und Männer) bestimmen und uns sowieso nur ausnützen wollen. Modernen Feministinnen scheint die aktuelle Sexismus-Debatte entgegenzukommen, offenbart sie doch einmal mehr das böse Patriarchat, das, wie sie stets behaupten, die Herabwürdigung, Drangsalierung und sexuelle Bedrängung der Frau mit System vorantreibt.

Der Begriff Misandrie (Männerhass) existiert nicht erst seit der Postmoderne. Der Soziologe Christoph Kucklick stellte laut Wikipedia die These auf, dass das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann sogar lange vor dem modernen Feminismus entstanden ist, um 1800 zu Beginn der Moderne. Misandrie ist heute weit verbreitet, wie der kanadische Soziologieprofessor Anthony Synnott im US-Magazin Psychology Today schreibt. Während niemand den Feminismus kritisiere, gäbe es unzählige Beispiele von politischer Dämonisierung des Mannes, so Synnott. Er nennt in seinem Artikel prominente Feministinnen, die Männer als "Feinde" bezeichnen (Marilyn French), als "Das Todes-Geschlecht" (Rosalind Miles), oder das häusliche Vorstadtleben als "komfortables Konzentrationslager" für Frauen, und deren Ehemänner als SS-Gefängniswächter (Betty Friedan).

Gemäss der Untersuchung der Wissenschaftler Paul Nathanson und Katherine K. Young von 2001 "Spreading Misandry: Teaching Contempt for Men in Popular Culture" werde Misandrie wie Misogynie (Frauenhass) kulturell propagiert, aber im Gegensatz zur Misogynie als legitim betrachtet. Das bestätigt auch eine empirische Studie von Jim R. Macnamara von 2006, die ergab, dass Männlichkeit in den modernen angloamerikanischen Medien als das angeborene Böse präsentiert wird, mit 70 Prozent negativer Darstellungen. Mit einigen wenigen Ausnahmen wie Kriegsveteranen oder Feuerwehrmännern seien Männer, die positiv dargestellt werden, jene, die ihre "femininen Seiten" herausstellten.
Die verstorbene britische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing sagte 2001: "Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird." Und: "Die dümmsten, ungebildetsten und scheusslichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen."

Man kann nun einwenden, dass die meisten Morde und Gewaltverbrechen (und sexuellen Belästigungen) von Männern begangen werden und diese darum den Weg in die Nachrichten finden. Das stimmt. Nimmt man aber den männlichen Anteil der Weltbevölkerung von 3,753 Milliarden (Quelle: Weltbank 2016), liegt man wohl nicht komplett falsch, wenn man sagt, die allerallermeisten männlichen Wesen verüben keine Straftaten, keine sexuellen Belästigungen, die allermeisten Männer auf dieser Welt sind gute, rechtschaffene Typen.

Feministinnen wie die US-Autorin Judith Levines bemühen zur Rechtfertigung von Misandrie gerne das Argument, dass Männerhass "eine Folge der Unterdrückung von Frauen durch Männer" sei. Männerhass mit Diskriminierung zu erklären, greift aber – zumindest in den westlichen Industrieländern – zu kurz, weil es systematische Diskriminierung, Ausgrenzung und Herabwürdigung der Frau hier nicht gibt (was nicht heissen soll, dass Diskriminierung nicht existiert, aber sie ist nicht die Regel). Würden Frauen stets diskriminiert, woher käme dann zum Beispiel unsere ungeheure Macht, Männer zu stürzen, ihren Ruf zu zerstören, aufgrund einer einzigen, unbewiesenen Anschuldigung? Mit Verlaub, aber in Anbetracht der unzähligen Männer, die es sich heute abgewöhnt haben, Komplimente zu machen, sich bei jedem Wort oder jeder Geste, die sie benutzen, in Acht nehmen und im Job bei Besprechungen mit Frauen die Tür stets offenlassen, scheint mir das propagierte Bild der Männer, die durch ihr schlechtes Benehmen den Hass der Frauen hervorrufen, eher brüchig.

Sexuelle Kontakte, Flirten, Anmache sind keine exakte Lehre, es gibt viele Grauzonen, Menschen sind tapsig, machen Fehler. Und ja, sie sind boshaft. Bevor wir aber den Flirt-Knigge einer erstickenden Form von Generalüberholung unterziehen, vor dem Sex beginnen, Verträge zu unterschreiben, bevor die letzte Spontanität schwindet, weil abgelöst von einem Klima des Misstrauens zwischen den Geschlechtern, sollten wir vielleicht einen Moment mit unserer Empörung innehalten. Wir können uns ein Leben lang als Opfer sehen, uns über Ereignisse aufregen, die weit zurückliegen, oder im Jetzt passieren. Oder wir können sie als "demütigenden Mist" abhaken, dazu gehört auch zu lernen, mit gewissen Situationen umzugehen.



BaZ, 14.10.2017

Polizeizensur: Das Misstrauen wächst

In Zürich gab der Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (Alternative Liste) diese Woche bekannt, dass er per sofort die Nationalität von Tätern in Medienmitteilungen nicht mehr nennen würde. Dies sei diskriminierend, schüre Ressentiments und liefere fremdenfeindlichen Menschen Futter.

Den Entscheid halte ich für falsch – ganz egal, ob er in der Schweiz, Deutschland oder Österreich von einem Sicherheitsvorsteher getroffen wird. Die Bevölkerung hat das Recht, relevante Informationen zu erfahren, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Natürlich ist es kein juristisches Recht, sondern meine subjektive Empfindung als Bürgerin, die mir sagt, dass ich vorhandene Daten bei einer Straftat erhalten sollte – wie auch bei einem schweren Unfall. Gerade diese Woche geschah etwas Unfassbares, ein 80-jähriger fuhr in Lenzburg (AG) eine 19-jährige auf dem Zebrastreifen tot. Durch die Altersangabe könnte suggeriert werden, dass ältere Menschen ein grösseres Unfallrisiko darstellen. Ist es deswegen Altersdiskriminierung?

Die starke Zuwanderung von Männern aus fremden Kulturkreisen bringt einige gesellschaftliche Schwierigkeiten mit sich. Ich fühle mich nicht sicherer, wenn ich die Nationalität der (mutmasslichen) Täterschaft kenne. Aber: Eine Nationalität ist wie Geschlecht und Alter Teil der Informationen, aufgrund derer ich Ereignisse besser einzuordnen und mir einen Überblick über mögliche Probleme zu verschaffen vermag. Es ist für die Bevölkerung (zumindest in der Schweiz) auch eine Datensammlung als Entscheidungshilfe für Wahlen, zum Beispiel bei verkehrspolitischen Entscheiden oder Integration. Ein Controlling, mit dem der Bürger abwägen kann, ob sich die Massnahmen der Politik als wirkungsvoll erweisen.

Auch statistisch gesehen ist die Ausweisung der Nationalität bei Tätern relevant, denn ohne Problemerkennung befänden wir uns auf einem Blindflug, oder, wie es Florian Schoop in der NZZ eleganter formuliert: "Hier geht es um die Interpretation von Symptomen, die zu einem Befund führen können. Und dieser Befund bringt eine Gesellschaft weiter als das Vorenthalten von relevanten Informationen. In Zukunft bleiben diese Symptome leider im Dunkeln."

Gewiss, man neigt dazu, Daten selektiv zu interpretieren, so, dass sie zu seiner vorgefassten Meinung passen. Das ist aber nicht das Problem der Datenmitteilung, sondern des Individuums und seinen persönlichen Vorurteilen. Durch das Verschweigen von Informationen lösen sich Vorbehalte aber nicht plötzlich in Luft auf. Im Gegenteil, so entstehen Gerüchte, Feindseligkeit, man schürt noch mehr Ressentiments gegenüber jenen Gruppen, die man eigentlich schützen möchte. Und, ganz nebenbei: Verschwiegenheit ist auch dem Vertrauen zwischen Bürger und Staat nicht gerade zuträglich.

Informationen sind nie gut oder schlecht. Informationen schaffen Transparenz. Transparenz sei laut Sicherheitsvorsteher Wolff gewährleistet, da "Medien auf Nachfrage bei der Polizei die Nationalität erfahren können". Es ist eine Pseudo-Transparenz, denn in Realität ist es eben so, dass ein gezieltes Nachfragen aufgrund von Zeitmangel auf Redaktionen oft zu aufwendig ist und Medienmitteilungen häufig eins zu eins übernommen werden.

Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen begünstigt ein friedliches Zusammenleben der Bewohner in einem Land. Etwas mehr Zuversicht uns gegenüber wäre angebracht, statt der unsäglichen Bevormundung. Die allermeisten Menschen können Informationen abstrahieren, wissen, dass sich Einzelfälle nicht verallgemeinern lassen und ziehen nicht reflexartig fixfertige Rückschlüsse. Probleme gehören offengelegt und angesprochen. Wer das für Diskriminierung hält, verschliesst sich der Realität.


BaZ, 9.11.2017


Ja zu Cultural Appropriation!

Bislang habe ich stets geglaubt, in der Schweiz wenigstens blieben wir verschont von gewissen zeitgenössischen gesellschaftlichen Ansprüchen. Nur kriechen die meisten Trends, die ihren Ursprung in den USA haben, früher oder später rund um den Erdball. Und so ist es kaum verwunderlich, dass uns vor einigen Tagen die öffentliche Aufforderung "Weisse, hört auf, Dreadlocks zu tragen" erreichte. Das sei kulturelle Aneignung. Die Kulturpolizei ist im Alpenland angekommen – und wittert Cultural Appropriation an jeder Ecke.

Der Begriff steht für weisse Menschen, die Symbole, Kleidungsstücke oder Handlungen übernehmen von anderen ethnischen Gruppen und so angeblich deren kulturelle Identität stehlen und herabwürdigen. Die Dreadlocks-Forderung hat Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Präsidentin der SP-Migranten Zürich, in der Gratiszeitung 20 Minuten geäussert.

Dreadlocks bekommt man, wenn man seine Haare für längere Zeit nicht wascht oder kämmt. Würde ich für einen Monat lang auf Haarpflege verzichten, bekäme ich Dreadlocks, verfilzte, tote Haarmaterie. Dreadlocks hat keine Kultur für sich erfunden. Gemäss der Website dreadfactory.de geht man davon aus, dass schon Ur-Völker Dreads trugen, ganz einfach, weil sie über keine Kämme verfügten – oder das Waschen der Haare nicht zu ihren Prioritäten zählte. Dreads waren schon bei den alten Ägyptern anzutreffen, angeblich soll der ägyptische Pharao Tutanchamun sie getragen haben. Auch die Germanen, Wikinger, Griechen und Naga trugen sie. Dreads haben später auch Julius Cäsar beschäftigt, der angeblich über die Kelten sagte, sie hätten “Haare wie Schlangen”.

Dass nun ausgerechnet Dreadlocks ein Zeichen von kultureller Insensibilität von Weissen gegenüber Minderheiten darstellen sollen, ist ein Vorwurf der eher absurden Sorte. Brändle-Amolo sagt laut 20 Minuten, dass Weisse Dreadlocks oder Cornrows, eine aus Afrika stammende Flechtfrisur, völlig naiv tragen würden, ohne zu wissen, was überhaupt dahinterstecke: "Die Cornrows stellten Landkarten dar und dienten Sklaven als Fluchtweg aus den Plantagen." Die 41-jährige Kenianerin findet es auch problematisch, wenn "Weisse Blues und Jazz spielen und unsere Musik monetarisieren". Auch sei es eine Frechheit, wenn weisse Designer mit afrikanisch-inspirierter Kleidung Profit machen.

Die Bereiche, wo Aktivisten, die sich gegen Cultural Appropriation engagieren, heute getriggert sind, scheinen zahlreich: Musik, Mode, Tanz, Essen, Haar, Schmuck, Sport etc. Chanel gilt als Kulturdieb, weil das Unternehmen den Bumerang als Sportaccessoire verkaufte, wo es doch ursprünglich die Waffe australischer Aborigines war. Eine Schönheitskönigin, weil sie bei der Miss America-Wahl als Nicht-Inderin einen Bollywood-Tanz aufführte. Laut der New York Times erstellten Aktivisten in Portland, Oregon, neulich sogar eine Liste von "white-owned appropriative restaurants" ("Restaurants weisser Besitzer, die sich fremde Kulturen aneignen"), in der Hoffnung, dass Leute diese Orte boykottieren. Die Begründung: Weisse sollten nicht Gerichte wie Banh mi oder Dosas kochen.

Ich selbst eigne mir immer mal wieder eine fremde Kultur an, nämlich dann, wenn ich meine Lieblings-Ohrringe, die Kreolen, trage. In einem Vice-Artikel mit dem Titel "Kreolen sind meine Kultur, nicht dein Trend" beklagte eine Autorin neulich, dass, wenn Weisse Kreolen anziehen, sie damit die Identität jener Leute stehlen würden, die einst hart gegen koloniale Strukturen gekämpft hätten: "Kreolen werden von Minderheiten als Symbole des Widerstands, der Stärke und Identität getragen. Überlege es dir zweimal, bevor du sie trägst."

Mit Verlaub, aber nein, ich überlege mir nicht zweimal, bevor ich meine Kreolen trage. Auch die Kreolen hat keine Kultur für sich erfunden. Ihr Herkunftsort ist nicht bestimmt, aber es gibt Funde von ringförmigen Ohranhängern aus Helmsdorfer Fürstengräbern, die bis in die Bronzezeit zurückreichen. Auch überlege ich mir nicht zweimal, bevor ich Gewänder überziehe oder Musik höre, die nicht aus meiner eigenen Kultur stammen. Und wenn ich Lust auf Dreadlocks oder Rappen habe, dann werde ich eben Rappen und dazu Dreadlocks tragen. Vielleicht nehme ich dann sogar ein Musikvideo auf.

Um ernst zu bleiben: Aus der Perspektive von Minderheiten wie Ureinwohnern ist die Entrüstung teilweise nachvollziehbar, wenn Grossunternehmen ihre traditionellen Symbole oder Kleidungsstücke zweckentfremden, unter grossem Profit veräussern, und Käufer ihren Hintergrund kaum mehr kennen. Nur richten sich die unzähligen Forderungen heute in erster Linie an Privatpersonen, mit ihren Dreadlocks, Kreolen und Tacos.

Und hier gibt es zwei Sichtweisen: Man kann es als Aneignung oder Diebstahl sehen, oder als Hommage an die Kultur, als ein Teilen oder sich-inspirieren-lassen. Indem man etwa wunderschöne, afrikanisch- oder indisch-inspirierte Kleidung trägt, zollt man den Kulturen doch gerade das Ansehen, das sie dafür verdienen. Was zählt, ist doch die Absicht. Es möchte wohl kaum jemand mit dem Bindi den Hinduismus herabwürdigen oder mit den Kreolen oder Dreadlocks die kulturelle Identität von Afrikanern stehlen.

Spinnt man die These der Aktivisten weiter, dürfte ja auch niemand ausser den Griechen einen demokratischen Staat ausrufen. Oder mathematische Formeln der Babylonier verwenden. Weit genug zurück verschmilzt alles miteinander, das macht unsere kulturelle Vielfalt doch gerade aus. Und, nebenbei, alle "borgen" von den anderen. Die New York Times führt dazu die weltweit gefeierte schwarze Opernsängerin Jessye Norman an, die berühmt ist für ihr Wagner-Repertoire. Oder Hamdi Ulukaya, ein türkischer Immigrant, der als Gründer des beliebten "Greek Jogurt" in Amerika zum Erfolg kam. Und schliesslich kennen wir alle Damen wie Beyoncé, die ihr gekräuseltes Haar strecken lassen, damit es eben dem von Weissen ähnelt.

"Tragt ein Bindi, ich sehe es als kulturelle Wertschätzung und nicht als Aneignung", schreibt Neetu Chandak, eine Amerikanerin mit indischen Wurzeln im US-Studentenmagazin The College fix. Sie sehe es als Ehre und habe in ihrem Leben stets Leute ermutigt, indisch-inspirierte Accessoires, Bindis oder Halloween-Kostüme zu tragen, auch Indisches Essen zu probieren. "Das half, ein Bewusstsein zu schaffen für meine Kultur und erzeugte ein Gefühl der Einheit." Sie erlebe ständig, dass jene Leute, die sich aktiv gegen kulturelle Aneignung engagieren, gar nicht Teil der Kultur sind, von der sie behaupten, sie würde angeeignet. "Es ist doch ironisch anzunehmen, sie würden mit ihrem 'Kreuzzug' die Rechte von Minoritäten und Immigranten verfechten, während sie in Wahrheit Menschen mit ihren Meinungsvorschriften tyrannisieren."

Auch Céleste Ugochukwu, Präsident des Afrikanischen Diasporarates der Schweiz, macht es laut 20 Minuten stolz, wenn Menschen afrikanische Kulturgüter benutzen. "Was gibt es für bessere Marketinginstrumente, um Afrika im Westen zu promoten? So können wir der Welt zeigen, wie reich die afrikanische Kultur ist." Die afrikanische Wirtschaft könne davon nur profitieren. Hinter der Bewegung gegen Cultural Appropriation vermutet Ugochukwu "möglicherweise Minderwertigkeitskomplexe". "Es gibt noch Schwarze, die sich den Weissen gegenüber unterlegen fühlen", sagt er, deshalb würden sie es als eine Art Raub an ihrer Kultur sehen. Man sollte Afrika aber nicht immer als armes Opfer instrumentalisieren, sondern alle sollten am Projekt "Rebranding Africa" mitmachen. Nach scharfer Kritik ruderte Brändle-Amolo später zurück, sie "wende sich nicht gegen die Weissen als Rasse". Und ob Weisse afrikanische Frisuren tragen wollen, sei jedem selbst überlassen. Dankeschön.

Manchmal scheint es, als ob Menschen krampfhaft nach Zeichen von Rassismus, von Unfairness und Diskriminierung suchen. Diese Motivation aber, in allem stets das Negative zu sehen, ist nicht nur nicht förderlich für zwischenmenschliche Beziehungen, sie ist belastend für Integration und Diversität. Um es mit den Worten von Neetu Chandak zu sagen: Hey, seht es nicht als cultural appropriation, sondern als cultural appreciation!


BaZ, 3.11.2017

Verbote stinken

Ich mag Rauch nicht. Ich war mein Leben lang Nicht-Raucherin. Der Qualm ist schrecklich und der Gestank, der sich in geschlossenen Räumen in Kleidung und Haar einnistet und erst beim nächsten Waschen wieder verschwindet, kaum zumutbar.

Ich mag viele Dinge im Leben nicht. Menschen mit gewissen Ausdünstungen im ÖV. Leggins. Städtische Parkreglemente, die dazu führen, dass ich immer weniger das Haus verlasse. Vor allem aber mag ich eines nicht: Leute, die für alles ein Verbot fordern.

Nadia Ghisolfi, eine CVP-Politikerin aus dem Tessin, will laut der Westschweizer Zeitung Le Matin das Rauchen gleich mit vier Vorstössen im Tessiner Kantonsparlament einschränken; Rauchen soll auf Spielplätzen verboten werden, in Bahnhöfen, an Bushaltestellen und vor öffentlichen Gebäuden. Und auf Terrassen von Restaurants sollen Raucher und Nicht-Raucher voneinander getrennt werden. Stimmt das Tessin dem Verbot zu, ist die Chance gross, dass weitere Kantone folgen, es möchte ja niemand als gesundheitlicher Miesepeter dastehen.

In einer perfekten Welt gibt es keine Zigaretten, auch keine Autos, Flugzeuge, Schiffe, Eisenbahnen, Kraftwerke, keine Industrie, Fleischproduktion, keine Drogen und keinen Alkohol. In einer perfekten Welt sind sich die Wissenschaftler einig darüber, was gut und schlecht ist, und ob Passivrauch im Freien wirklich schädlich ist – in Realität sind sie es nicht. Einige Wissenschaftler kamen immerhin zum Ergebnis, dass die Schadstoffbelastung in der Nähe eines Rauchers draussen kaum weniger stark ist als drinnen, aber sie hält im Freien nur kurz an und reicht nicht weit; zwei Meter von einem Raucher entfernt kann einem der Giftabfall nichts mehr anhaben. Sofern man also jene Organe besitzt, die einem die Fortbewegung ermöglichen, könnte man die kritische Distanz selbst regeln, im Bahnhof und bei Bushaltestellen.

Bleibt das Argument "es ist halt störend, wenn". So drückt es Verbots-Befürworterin Verena El Fehri von der Tabakprävention im 20 Minuten aus.  "Es ist halt störend, wenn man auf der Terrasse sitzt und von links und rechts eingenebelt wird." Das sei eine Diskriminierung von nichtrauchenden Gästen. Die schutzbedürftigen Gäste in den Restaurants. Sofern sie jene Organe besitzen, die ein Sprechen ermöglichen, könnten sie beim Tischnachbar auf das Problem hinweisen. Und ist es eigentlich auch Diskriminierung, wenn Nicht-Automobilisten gezwungen sind, die Schadstoffe der Automobilisten einzuatmen? Man sollte vielleicht auch Fahrzeuge vor öffentlichen Gebäuden verbieten und deren Benutzung auf die eigenen vier Wände des Besitzers beschränken.

Beim Rauchverbot auf Spielplätzen argumentiert El Fehri mit der Vorbildwirkung von Erwachsenen und den Zigarettenstummel am Boden. Der Punkt ist diskutierbar. Nur kann man die Vorbildfunktion auf eine ganze Reihe von Bereichen ausdehnen, von denen einige wohl genauso schlimm für Kinder sind wie das Rauchen – etwa beim Alkohol- und Drogenkonsum, bei Gewaltanwendung, beim Verhalten von Mitmenschen untereinander ganz generell. Auch darf den Leuten ein bisschen gesunder Menschenverstand zugetraut werden.

Ja, hie und da stört man sich an den Macken seiner Mitbürger. Das Leben ist aber eine Aneinanderreihung von Kompromissen. Dem anderen etwas gönnen, das Fordern mal aussetzen. Der Passivraucherschutz in unserem Land geht weit genug. Wem er nicht reicht, kann sich ja im hauseigenen Bunker einschliessen. Zur Sicherheit.


BaZ, 26.10.2017


#MeToo: Späte Enthüllungen, pauschale Anschuldigungen

Gut möglich, dass mir wegen dieser Zeilen der Vorwurf des "Victim Blaming" entgegenschlägt, das ist der moderne Begriff dafür, wenn man Opfern die Schuld gibt. Vielleicht wird man mich für emotionslos und frauenfeindlich halten. Falls es eintrifft, dann ist es eben so.

#Metoo ist überall. In Berlin demonstrierten am letzten Oktoberwochenende Hunderte gegen Sexismus, sie trugen Schilder mit Aufschriften „United Pussy Riot“ oder transparente Regenschirme mit dem Hashtag #MeToo. In französischen Städten waren es mehrere tausend Frauen, die für die #Metoo-Kampagne auf die Strasse gingen.

Die #Metoo-Bewegung, die aus dem Harvey Weinstein-Skandal heraus geboren wurde, und einige Begebenheiten rund um den ehemals mächtigsten Produzenten Hollywoods hinterlassen aber, aus etwas zeitlicher Distanz betrachtet, bei mir einen schalen Beigeschmack. Und nur weil ich eine Frau bin, muss ich nicht grundsätzlich solidarisch sein mit der Damenwelt, die nun von ihren Erfahrungen mit Weinstein-Typen in den sozialen Medien berichtet – ich muss diese weder uneingeschränkt glauben, noch einstimmen in diesen Kanon der Opfersymbiose, der streckenweise überraschend unreflektiert daherkommt.

Wie ich in meiner Kolumne vom 12. Oktober geschrieben habe, halte ich Männer wie Harvey Weinstein für Schweine. Ich glaube, dass die meisten Anschuldigungen gegen ihn der Wahrheit entsprechen – er hat viele Grenzen überschritten, darunter solche, die strafrechtlich relevant sein dürften. Er gehört dafür bestraft.

Es ist gut, dass Hollywoods A-Liga-Damen Weinsteins Übergriffe publik machten. Nur: Warum tun sie es erst jetzt? Hätten Superstars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie die sexuellen Belästigungen schon vor 20 Jahren gemeldet, wären viele weniger bekannte und weniger mächtige Schauspielerinnen vermutlich gewarnt und geschützt gewesen. Dass Paltrow oder Jolie wegen ihres jungen Alters eingeschüchtert gewesen sein sollen, nehme ich ihnen nicht ab. Paltrow war längst eine etablierte Schauspielerin, die mit Mutter Blythe Danner, Hollywood-Schauspielerin, Vater Bruce Paltrow, Filmproduzent, Steven Spielberg als Patenonkel und Brad Pitt als Freund genug Unterstützung gehabt hätte, die ganze verlogene Branche auffliegen zu lassen, wenn ihr danach gewesen wäre. Auch bei Jolie, damals längst ein Star und mit familiärem Hollywood-Power gesegnet (Mutter Schauspielerin, Vater Oscar-Preisträger Jon Voight) scheint das Bild der von den Medien gezeichneten Ohnmacht fehl am Platz. Gewiss, damals war der soziale Umgang mit solchen Themen ein anderer als heute. Dennoch dürfte das jahrelange Schweigen der beiden Stars (und vieler, vieler weiterer), die sich in der Öffentlichkeit stets als Kämpferinnen für die Sache der Frau präsentieren, und die nachträglichen Anschuldigungen, auch wenn sie berechtigt sind, eine Karriere-technische Massnahme gewesen sein.

Das bringt mich zu Asia Argento. Hier ist der Fall komplex. Die italienische Schauspielerin erzählte dem New Yorker im Zuge der Weinstein-Enthüllungen, dass sie von ihm vor 20 Jahren vergewaltigt wurde, er gewaltsam "Oralsex an ihr vollzogen" habe. Sie habe bisher geschwiegen, weil sie Angst hatte, er würde sie "vernichten".

Ich schliesse die Augen und stelle mir das Szenario vor (was für mich einfach ist, da ich als angehende Schauspielern in jüngeren Jahren selbst nach Hollywood übersiedelte und diesem Typ Mann mehrfach begegnet bin): Ich bin also Asia Argento, 22, will in der Filmmetropole meinen Traum verwirklichen. Unbedingt. Ich nehme dafür Hürden in Kauf, ziehe, entgegen jeder Vernunft, in das ferne Land, treffe dort wichtige Männer, die mir weiterhelfen können. Einen Weinstein persönlich kennenzulernen ist für angehende Schauspieler wie ein Sechser im Lotto – mächtiger als er war zu der Zeit kaum einer. Weinstein lädt mich auf sein Hotelzimmer ein – zu einer Party, wie ich annehme. Ich bin aufgeregt. Es könnte mir hier kaum besser ergehen! Dass es bei vielen dieser berühmt-berüchtigten Hollywood-Feiern jede Menge Drogen gibt, hübsche Mädchen, mächtige Typen und Sex, ist mir bewusst. So what?

Die Mär von den "schutzlosen, eingeschüchterten" jungen Schauspielerinnen, welche uns die Medien (und mit ihnen alle im Geiste verbundenen) nun unisono auftischen, ist Blödsinn. Vereinzelt trifft es vielleicht zu. Wer sich aber nach Hollywood aufmacht, ist in den meisten Fällen nicht schwach, nicht eingeschüchtert, höchstens naiv. Diese Frauen sind keine verschupften Hascherln, keine zerbrechlichen Bambis. Und, ganz generell zur Auffrischung: Frauen sind gerissen, sie können berechnend sein, manipulierend – und das nicht erst seit dem Aufkeimen des Feminismus im Zuge der Aufklärung; schon im alten Ägypten liess sich der letzte weibliche Pharao, Kleopatra, gleich mit mehreren mächtigen Männern ein, um ihre Ziele zu erreichen.

Zurück zu Weinstein: Party im Hotelzimmer? Es böte sich mir zu dem Zeitpunkt noch die Möglichkeit einer Planänderung, aber selbstverständlich mache erst mal mit, begebe mich aufs Zimmer. Keiner da ausser Weinstein. Bin ich zu früh? Ich bin verunsichert – und jetzt auch auf der Hut. Jetzt böte sich mir nochmals die Möglichkeit einer Planänderung, abzuhauen mit irgendeiner Ausrede, aber ich bleibe. Wir quatschen ein bisschen, dann verschwindet Weinstein – und kehrt im Bademantel und mit Körperlotion zurück, bittet um eine Massage. Dass er Sex mit mir will, kann er mir deutlicher kaum offenbaren. Ich bin erschrocken, aber nicht im Schockzustand. Ein Hotelzimmer ist kein abgelegenes Waldstück, Schreie und Kreischen können gehört werden, Flucht ist noch immer möglich.

Argento hatte "Panik", wie sie sagt, floh aber nicht. Sie massierte Weinstein, wenn auch "widerwillig", dann habe er ihren Rock hochgehoben, ihre Beine auseinander gezwungen und Oralsex an ihr vollzogen. Laut dem New Yorker habe sie sich nicht physisch gewehrt, aber mehrfach gesagt, dass er aufhören solle. Jede Frau reagiert in einer solchen Situation anders. Die physische Überlegenheit eines Mannes kann unglaublich einschüchternd sein – ich kenne es aus eigener Erfahrung. Womöglich war es die Angst vor einer Eskalation, welche die junge Frau damals zum Bleiben bewogen hatte. Besser sich fügen in eine Situation, die man wenigstens ein bisschen kontrollieren kann.

Der Teil, der jetzt kommt, lässt mich aber stutzen. In den folgenden fünf Jahren hat die Italienerin Weinsteins weitere Avancen erlaubt, die beiden sind "sich näher gekommen", inklusive gemeinsame Abendessen und einer (einvernehmlichen) On/Off-Sexbeziehung. Der damals 45-jährige habe sie auch seiner Mutter vorgestellt. "Ich fühlte mich so, als ob ich musste", gab sie dem New Yorker zu Protokoll. Einer ihrer Filme war kurz vor dem Start und sie wollte Weinstein "nicht erzürnen", weil er ihre Karriere hätte zerstören können.
Es ist also nicht das Stockholm-Syndrom, sondern die Karriere. An der Stelle wage ich die Frage einzuwerfen: Wäre der Peiniger nicht Weinstein gewesen, sondern zum Beispiel der Typ, der ihr vor dem Hotel den Parkschein gab, wäre sie dann auch zu dem Parkschein-Typen für eine Party ins Hotelzimmer gegangen und hätte ihn widerwillig massiert? Oder hätte sie vielleicht in einem viel früheren Stadium eine rationale Entscheidung getroffen, nämlich die Notbremse zu ziehen und zu verschwinden? 

Während Argento in Hollywood für ihre Enthüllung gefeiert wurde wie eine Superheldin, hielten sich ihre Landsleute mit dem Applaus zurück. Prominente Italienerinnen kritisierten sie scharf und stellten öffentlich die Frage, warum sie über die angebliche Vergewaltigung nicht früher sprach, zumal sie ja freiwillig aufs Hotelzimmer ging. Aufgrund des öffentlichen "Bashings" – und der zweifellos beleidigenden Vorwürfe einiger Kolumnisten – kündigte Argento laut der US-Website Quartz an, von Italien nach Deutschland zu ziehen.

Bevor jetzt alle aufschreien: Ich bin der Meinung, ein Nein ist immer ein Nein. Wenn ein Mann (oder eine Frau) eine offensichtliche Ablehnung des Gegenübers an einem bestimmten Punkt noch immer nicht begriffen hat (diesbezüglich existieren ja einige Exemplare), ist spätestens bei einem Nein der ultimative Rückzug geboten. Niemand, egal, wie naiv, egal wie kurz der Rock, egal wie flirt-reich das Gespräch zuvor war, ist je schuld an einer erlebten Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff ist durch nichts auf dieser Welt gerechtfertigt.

Die von Schauspielerin Alyssa Milano initiierte #MeToo-Bewegung wurde nach den Weinstein-Enthüllungen zum Renner in den sozialen Medien. Tausende Frauen weltweit erzählten von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Sein Leid mit anderen zu teilen, ist gewiss eine Befreiung – nur bergen solche öffentlichen Offenbarungen auch das Risiko von Mitläuferinnen, von Übertreibungen. Die US-Journalistin Michelle Malkin schrieb in einem Artikel für The Daily Wire, die #MeToo-Bewegung sei ein kollektives Virtue Signalling (signalisieren der eigenen Tugendhaftigkeit) der sehr gefährlichen Sorte: "Behauptungen sind keine Wahrheiten, bis sie als Fakten bewiesen und durch Beweise erhärtet worden sind." Und: "Ich glaube nicht jeder Frau, die jetzt ihre Geschichte erzählt. Ich schulde keiner anderen Frau Loyalität, nur weil wir das selbe Pronomen teilen." Weil Malkin, die auch Moderatorin der Sendung "Michelle Malkin Investigates" bei CRTV.com ist, sich das Recht vorbehält, "Behauptungen individueller Kläger von sexuellen Übergriffen gründlich zu untersuchen, anstatt sie reflexartig und pauschal als 'Opfer' zu verteidigen", wurde sie gefühllos und unmenschlich geschimpft.

Malkin ist sich sicher, dass viele Anschuldigungen gegen Weinstein stattgefunden haben. Dennoch schreibt sie: "Erfahrung und wissenschaftliche Literatur haben gezeigt, dass sich ein signifikanter Teil der Anschuldigungen oft als Unwahrheiten herausstellt, als Übertreibungen oder Erfindungen." Malkin zitiert eine Statistik von Brent Turvey, einem forensischen Wissenschaftler und Profiler, der das Thema "falsche Anschuldigungen" in seinem gleichnamigen Buch während Jahrzehnten erforscht hat. Gemäss Turney's Bericht liegt die Zahl von falschen Anschuldigungen bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in den Vereinigten Staaten zwischen 8 und 41 Prozent.

Gemäss dem ehemaligen Basler Kriminalkommissar Markus Melzl werden in der Schweiz und in Deutschland keine Zahlen erhoben, in wie vielen Fällen von Sexualdelikten es sich um falsche Anschuldigung handelt. In der Schweizerischen Kriminalstatistik werden die beiden Straftatbestände Art. 303 (falsche Anschuldigung) und Art. 304 (Irreführung der Rechtspflege) nur zusammen ausgewiesen. Laut Melzl ist es aber gerade bei Delikten ohne Zeugen oder Spuren extrem wichtig, akribisch zu arbeiten und zu ermitteln: "Dazu gehören auch kritische Fragen an die Opfer, was manchmal von den Opfern selbst und den Angehörigen nur schwer verstanden wird. Zuerst heisst es dann immer 'aha, die glauben mir nicht und wollen mir da etwas unterstellen'".

Mit Bewegungen wie #MeToo den Finger auf Missstände zu legen, ist legitim. Und wie wir im Fall von "House of Cards"-Hauptdarsteller Kevin Spacey sehen – der vor 31 Jahren einen damals 14-Jährigen sexuell belästigt haben soll – ermutigt es Menschen nun, auf ihre Peiniger zeigen.

Nur differenziert die Kampagne nicht zwischen sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Die Journalistin Daniella J. Greenbaum fasst es im US-Politmagazin Commentary so zusammen: "In dem man Belästigung mit tätlichen Übergriffen gleichsetzt, wie es die Kampagne tut, erweist man jenen Frauen, die unsere Unterstützung am meisten brauchen, einen schlechten Dienst." (männliche Opfer sind bei ihrer Analyse gewiss miteingeschlossen).

Auch scheint die Kampagne zu einer Art digitaler Hexenjagd gegen das männliche Geschlecht mutiert – in unzähligen Tweets werden Männer derzeit ohne kritische Auseinandersetzung pauschal verunglimpft. Das ist lächerlich, denn auch wenn gewisse Männer Frauen (oder Männer) sexuell belästigen, tun es nicht alle. Ein Effekt des Rundumschlags: Die Haltung von Männern ändert sich. "Ich habe Frauen früher beruflich gerne und stets gefördert", erzählt mir der Chef eines Deutschen Unternehmens. "Das tue ich heute nicht mehr, weil ich einfach keine Scherereien möchte."

Es kommt einem ein bisschen so vor, als ob diese späten Enthüllungen und pauschalen Anschuldigungen samt ihrer Instrumentalisierung heute eine Art Überkompensation sind für jahrzehntelange Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen. Ob die Diskussionen schlussendlich dazu beitragen, dass Gewalt an Frauen tatsächlich abnimmt, oder ob damit nicht einfach ein Keil zwischen die beiden Geschlechter getrieben wird, bleibt abzuwarten.


veröffentlicht in der BaZ, 25.10.2017







Die unbequeme Wahrheit

"Die unbequeme Wahrheit ist, dass die weisse Rasse die gewalttätigste und unterdrückendste Naturgewalt auf Erden ist." Munroe Bergdorf macht kein Geheimnis aus ihrer Abneigung gegen eine bestimmte ethnische Gruppe. Rassismus sei "nicht erlernt" sagt sie weiter, sondern "geerbt" und "weitergegeben durch Privilegien". Bergdorfs Kommentare wurden vergangene Woche in einem Videoclip bei der britischen BBC ausgestrahlt.

Munroe Bergdorf, 30, gemäss eigener Aussage eine "Transgender mixed race person", ist ein britisches Model. Globale Bekanntheit erlangte sie im August, als die Kosmetikfirma L'Oréal sie im Zuge ihrer "Diversitäts-Initiative" zum "Gesicht der neuen Diversität" kürte – und die Zusammenarbeit vier Tage später wieder beendete, nachdem Bergdorf auf Facebook rassistische Kommentare über weisse Menschen postete.

In dem BBC-Clip wiederholt Bergdorf diese Aussagen fast wortgetreu, nur scheint die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt kein Problem damit zu haben, dem Model eine Plattform zu bieten für Kommentare, die, kämen sie von einer berühmten weissen Persönlichkeit, zweifelsohne unter Hatespeech fielen, und aufgrund derer sie von einem privaten Unternehmen entlassen wurde. Der grosse Aufschrei blieb aber aus. Ausser ein paar wütenden Twitter-Kommentaren fand keine nennenswerte Empörung statt. Als "Transgender mixed race person" darfst du offenbar etwas, das andere nicht dürfen: Eine ethnische Gruppe pauschal verunglimpfen.

Dass dem Rassismus in unserer Gesellschaft, je nach Richtung, aus der er kommt, ein unterschiedliches Mass an Kritik entgegenschlägt, zeigt auch das Beispiel des bekannten US-Rappers Talib Kweli Greene. Greene beschimpfte neulich den konservativen Journalisten Ben Shapiro auf Twitter als "white boy". "Weisser Junge" ist wie "schwarzer Junge" eine auf Hautfarbe basierende Beleidigung. Von Shapiro auf Twitter darauf angesprochen, schrieb Greene: "Was ist das Problem, weisser Junge? Du meinst, 'weisser Junge' ist rassistisch? Wow. Du bist dümmer als ich dachte." Und Shapiro solle sich unterstehen, ihn "schwarzen Jungen" zu nennen, das sei rassistisch. Umgekehrt nicht, denn weisse Menschen könnten nicht wirklich Opfer von Rassismus sein. Der grosse Aufschrei über Greenes Bemerkungen, dem auf Twitter immerhin über eine Million Menschen folgen, blieb aus.

Yusra Khogali, die Mitbegründerin der Black Lives-Matter Bewegung Toronto ist schon mit einer ganzen Reihe von extremen, rassistischen Kommentaren aufgefallen. Laut einem Blog in der Huffington Post vom 8.2.2017 sinnierte sie einmal öffentlich darüber, dass weisse Menschen wegen ihrer weissen Haut Untermenschen seien ("sub-human"). Wie der Blogautor James Di Fiore schreibt, stützte sie ihr Behauptung damit, dass weisse Menschen keinen hohen Anteil an Melanin hätten, das hindere sie daran, Licht aufzunehmen und somit auch den Sinn für moralische Klarheit ("moral clarity"). Im Februar 2016 twitterte sie schon: "Bitte Allah gibt mir die Kraft, diese Männer und weissen Leute heute hier nicht zu verfluchen/töten. Bitte. Bitte. Bitte." Gemäss der kanadischen Zeitung Toronto Sun schrieb sie auf ihrer Facebookseite von weissen Menschen, die "rezessive, genetische Defekte" seien. Ausser beim Autor, der in seinem Huff-Blog Khogalis Rücktritt von der Black Lives Matter-Bewegung forderte, und einigen wütenden Reaktionen in den sozialen Medien, blieb die politische und mediale Empörung auch hier aus.

Dass für Menschen wie Khogali, Greene oder Bergdorf andere Massstäbe gelten und diese moralische Inkonsistenz in Teilen der Gesellschaft verankert zu sein scheint, zeigt auch der US-Blog Rabbe.ca. Unter dem Titel "Weisse Menschen haben kein Recht, Yusra Khogali's Wut zu kritisieren" erklärt der Autor, dass Menschen, die unter dem "Rassismus-Problem des Systems" leiden, nicht verantwortlich gemacht werden dürfen für ihre zornigen Äusserungen – diese Aktivisten hätten einzig eine "Verpflichtung gegenüber ihrer Bewegung".

Es ist gewiss so, dass aufgrund der Geschichte weisse Menschen sensibler sein sollten, sensibilisierter im Umgang mit ethnischen Minderheiten. Die Anfeindungen, mit denen ihre Angehörigen manchmal heute noch zu kämpfen haben, sind real. Missstände existieren. Rassismus existiert. Und es ist wichtig, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. In der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Das Bewusstsein der Gesellschaft dafür zu schärfen. Niemand sollte aufgrund seiner Herkunft oder seines Geschlechts diffamiert werden.

Diese Tatsache ändert aber nichts daran: Rassismus ist Rassismus, egal, von welcher Gruppe er kommt. Historische Diskriminierung oder aktuelle Missstände sind keine Persilscheine für weiteren Rassismus, für rassistische Kommentare auch nicht. Jene nun Schweigende, die ansonsten schnell sind mit dem Anprangern von Ungerechtigkeiten, solange es dem "richtigen" Zweck dient – Medien, Politik, Promis, Aktivisten und Meinungsmacher – drücken hier offenbar ein Auge zu. Vergangenes Unrecht mit einer Art Über-Kompensierung wettzumachen wollen, ist aber der falsche Weg um das Problem zu lösen.

Munroe Bergdorf wird Ungerechtigkeiten erlebt haben, ihr Frust, ihr Zorn ist verständlich. Indem sie aber genau das tut, was sie anderen vorwirft – mit dem Finger pauschal und immer wieder auf eine Gruppe von Menschen zu zeigen, ohne die Unterscheidung zu tatsächlichen Rassisten vorzunehmen – zwingt sie die Öffentlichkeit, sich auf eine Seite zu schlagen. Sie erreicht damit, dass Leute Hautfarbe eher wieder mehr gewichten, anstatt sie einfach als Attribut wie etwa Haarfarbe wahrzunehmen – und dass somit das Kategorisieren von Menschen in Gruppen eher wieder zu- statt abnimmt.

Das Resultat: Aufkeimende Wut über die ungleichen Moral-Kompässe, Wut unter den Beschuldigten und eine Gesellschaft, die sich mehr und mehr spaltet. Auch das ist Teil der unbequemen Wahrheit.



veröffentlicht in der BaZ am 19.10.2017