Montag, 3. Dezember 2018

Warum schweigen die Medien? (über 1200 Mal geteilt bei Twitter)

"Wissen ist Macht", das haben wir von den Eltern eingeimpft bekommen, verinnerlicht, wir geben es weiter an unsere Kinder. Der britische Philosoph Francis Bacon ist der Kreateur des Bonmots. Im 16. Jahrhundert hat er es ins Leben gerufen, zur Zeit der Renaissance und des Humanismus, als eine neue Art des Intellekts in Entstehung war, weg vom Scheuklappen-Denken des Mittelalters und der Religion, hin zu Wissenschaft und Experimenten, durch die man neue Erkenntnisse erlangte. Wissen ist auch Macht, weil Kenntnis über eine Sache oder ein Ereignis die Basis bereitet, um sich ein fundiertes, ausgewogenes Urteil zu bilden.

Vor etwa zwei Wochen stellte sich heraus, dass eine der Frauen, die Richter Brett Kavanaugh der Vergewaltigung bezichtigten, ihre Geschichte frei erfunden hat. Allen ins Gesicht gelogen, öffentlich und ungeniert. Judy Munro-Leighton hatte zuerst behauptet, sie sei die Verfasserin eines anonymen Briefes, worin stand, dass Kavanaugh und sein Freund sie "in seinem Auto vergewaltigten". Der Brief war auf einer Website im Zuge der Anhörung veröffentlicht worden. Nachdem sie von Ermittlern befragt wurde, gab sie zu, dass sie den Brief nicht geschrieben und Kavanaugh sie nicht vergewaltigt habe. Sie wollte "Aufmerksamkeit erlangen" und seine "Nominierung stoppen".

Über die pikante Falschanschuldigung haben unter anderem "Business Insider", "Newsweek", "Daily Mail", "New York Post", "The Daily Beast", "USA Today", "Fox News" und das "Wallstreet Journal" berichtet. Es war nicht die einzige Falschaussage im Kavanaugh-Fall; laut "USA Today" steht im Untersuchungsbericht des Komitees, dass Julie Swetnick und Michael Avenatti 'erhebliche falsche Aussagen' tätigten, um die Ermittlungen zu behindern. Und: Drei weitere Anschuldigungen erwiesen sich als 'nicht glaubwürdig'.

Von den deutschsprachigen Leitmedien hielt es kein einziges für nötig, über Munro-Leightons Lüge zu informieren. Ich war überrascht und twitterte: "Google ich 'Kavanaugh Falschanschuldigung' finde ich in deutschen Leitmedien KEINEN EINZIGEN Artikel darüber. Die Berichte zu den Vorwürfen gegen den Mann waren zahlreich, eine Entlastung wird stillgeschwiegen. Darum, liebe Medien, mögen euch viele Leser nicht mehr."

Natürlich bin ich damit einigen Journalisten auf den Schlips getreten. Ralph Pöhner, Chefökonom bei der "Handelszeitung", antwortete: "Quatsch. In deutschen Medien wurde der hier beschriebene Fall mit keinem Wort erwähnt. Also müssen sie auch nix korrigieren." Später meinte er, man könne schon darüber berichten, aber: "Angesichts der Themenlage diese Woche (Midterms, Merz, Brexit...) würde ich als Blattmacher auch sagen, dass wir uns nicht um irgendeine linke Idiotin in Washington kümmern."

Wenn jemand eine Vergewaltigung erfindet und das später zugibt, ist das eine Entlastung. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass es nur fair ist, einer Entlastung ebenso mediale Aufmerksamkeit einzuräumen. Der konkrete Vorwurf wurde zwar offenbar von deutschsprachigen Leitmedien nicht thematisiert, das ist für mich aber kein schlüssiges Argument, um über die neue Information nicht zu schreiben. Gerade angesichts der populären Kavanaugh-Berichterstattung ist es für die Öffentlichkeit möglicherweise von Interesse, wenn eine der Anschuldigungen nun erwiesenermassen falsch ist. Natürlich ändert es grundsätzlich nichts, es hängen noch immer (unbewiesene) Anschuldigungen gegen den Supreme Court-Richter in der Luft. Losgelöst von Kavanaugh kann ich mir aber aus Sicht einer gebrandmarkten Person vorstellen, dass eine bestätigte Falschanschuldigung eine Befreiung ist, und darum von Belang, wenn die Erkenntnis den Weg an die Öffentlichkeit findet. Die erdichtete Vergewaltigung von Munro-Leighton zeigt aber vor allem auch, dass man nicht jede Geschichte vorbehaltslos glauben kann – und wie wichtig Beweise und Ermittlungen sind.

Ob die Dame eine 'linke Idiotin' ist, eine rechte Anwältin, ein apolitisches Supermodell, spielt überhaupt keine Rolle. Eine Falschanschuldigung kann dazu führen, dass Karriere, Familie, Leben zerstört werden. Wer Vergewaltigungen erfindet, um Leuten zu schaden, sollte bestraft werden. Zumal auch bei einem Freispruch immer etwas haften bleibt, Leute sich hauptsächlich an den Vorwurf erinnern und weniger an die Information über die Unschuld, die irgendwann später folgt. Und natürlich erweist man Opfern von tatsächlichem sexuellem Missbrauch damit keinen Dienst. Ähnliches schreibt das "Wallstreet Journal" zum Fall Kavanaugh: "[…] Darum ist es wichtig, dass man Ankläger, die lügen, entlarvt und bestraft. Falsche Aussagen im Kongress schaden den Nominierten und ihren Familien, verschwenden Ressourcen und vergiften die amerikanische Politik."

Man kann nun einwenden, dass es viel mehr tatsächliche sexuelle Übergriffe gibt als Falschanschuldigungen – und die Berichterstattung deshalb unterschiedlich breit ausfällt. Das mag stimmen, als Argument gegen einen Artikel überzeugt es mich nicht.

Es gibt vermutlich mehr Falschanschuldigungen bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen als gemeinhin angenommen. Laut dem forensischen US-Profiler Brent Turvey, der "Falsche Anschuldigungen" für sein gleichnamiges Buch anhand wissenschaftlicher Literatur mehrerer Jahrzehnte analysiert hat, liegt die Zahl in den Vereinigten Staaten zwischen 8 und 41 Prozent (Quelle: US-Newswebsite "The Daily Wire"). Gemäss einer Münchner Studie von 2005 zu Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Bayern, die im Auftrag des Bayerischen Staatsministerium des Innern verfasst wurde, sind 'mindestens ein Fünftel bis zu einem Drittel der Vorgänge zweifelhaft'. Experten bestätigen diese Resultate: "Das Phänomen der Falschanschuldigung bei Vergewaltigungen ist sehr verbreitet. Wir rechnen damit, dass etwa die Hälfte der Anzeigen fingiert ist", sagte Thomas Hansjakob, damals Erster Staatsanwalt im Kanton St. Gallen, in einem Artikel des "Schweizer Beobachter" von 2012.

Warum berichten Journalisten nicht mit derselben Leidenschaft über erwiesene Falschbezichtigungen, wie sie es über Anschuldigungen tun? Kavanaugh ist ja nicht das einzige Beispiel – bei Jörg Kachelmann und einigen weiteren war der Freispruch nach dem vernichtenden Vorwurf vielen Medienschaffenden kaum mehr einen Artikel wert. Ist es die Unsicherheit, dass man Frauenwerte verraten könnte? Die wahren Opfer? Scheut man heute die #MeToo-Verfechter? Verfliegt die Motivation, weil für solcherlei Artikel kein Applaus in Aussicht steht?

"Darum, liebe Medien, mögen euch viele Leser nicht mehr." Mein Tweet wurde über 1000 Mal geliked. Ich würde das als Indikator für öffentliches Interesse bezeichnen. Wenn also Blattmacher die Information als nicht relevant einstufen, haben sie entweder kein Gespür dafür, wofür die Leserschaft bereit ist, ihre Aufmerksamkeit zu investieren. Oder aber sie leiden an Überheblichkeit: Man begrenzt den Inhalt seiner Beiträge auf das, was seinen eigenen ideologischen und moralischen Massstäben entspricht, und filtert Informationen selektiv aus. Den Anschein macht es zumindest. Die Emanzipation des Publikums ist aber schon zu weit fortgeschritten, deshalb taugt diese Taktik für die Leserbindung etwa so gut wie ein 100 Prozent-Preisaufschlag aufs Abo.



veröffentlicht BaZ, Nov. 2018








Gruppenvergewaltigung in Freiburg: Die Kraft der Symbolik

Freiburg liegt eine Stunde von Basel entfernt. In jüngeren Jahren habe ich in Freiburgs Diskotheken die Nächte durchgetanzt, bis meine Füsse brannten. In einer dieser Discos hat sich vor etwa zwei Wochen eine junge Frau amüsiert, vielleicht hat auch sie getanzt, bevor sie in der Nähe eines Lokals von acht Männern vergewaltigt wurde. Lese ich von solchen Taten, breiten sich in meinem Kopf Bilder, die ich nicht beschreiben möchte, zu diffusem Horror aus. Hoffentlich, so ein erster Gedanke, hat sie keine schweren körperlichen Verletzungen. Hoffentlich hat sie Menschen um sich herum, die ihr bei der Verarbeitung des Traumas helfen. Hoffentlich kann sie irgendwann wieder unbeschwert lachen.

Die Freiburger Polizei hat acht mutmassliche Täter festgenommen, darunter laut FAZ sieben syrische Flüchtlinge und ein Deutscher. Im gleichen Statement, in dem sich der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) von der Tat 'entsetzt' zeigte und bei Facebook äusserte, dass seine 'Gedanken dem Opfer und seiner Familie' gelten, warnte er vor pauschalen Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen, die Mehrheit der in Deutschland lebenden Migranten verhalte sich gesetzestreu. Weiter schrieb er: Kriminelles Handeln werde nicht toleriert.

Herr Horn hat recht. Die Mehrheit der Migranten verhaltet sich gesetzestreu – und die grosse Mehrheit der Menschen weiss das. Auch soll man vor der Aufklärung der Tat keine voreiligen Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass die nach solchen Taten von Politikern gewohnheitsmässig abgesonderten Floskeln in einem Moment, in dem die Fassungslosigkeit viele Leute in einen emotionalen Negativsprudel reisst, kontraproduktiv sind.

Angesichts der Schwere der Tat – acht Männer haben sich während mehreren Stunden an der Frau vergangen – sind überstürzte, unreflektierte Gedanken menschlich, wir sind keine Roboter. Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen sind hässlich, sie lassen sich aber nicht einfach durch mahnende Worte austreiben, durch positive Alltagserlebnisse und persönliche Gespräche schon. All diese Bedenken und Befangenheiten sind aber unter dem Einfluss des Entsetzens, den das Opfer, seine Familie und viele Menschen gerade in Freiburg durchleben, jetzt wie auch damals, als im Oktober 2016 Maria Ladenburger von einem afghanischen Migranten vergewaltigt und ermordet wurde, Nebenplätze.
Um gedankliche Nebenszenarien darf es aber nicht an erster Stelle gehen. Das goutieren die Menschen nicht. Deshalb bleibt die reflexhafte Erwähnung wirkungslos; keine einzige negative Betrachtung wandelt sich dadurch in eine positive, die Mahnung zur Besonnenheit wird aber als Bevormundung verstanden, auch als eine Art Vertuschung und Ablenkung davor, dass man halt nicht in der Lage ist, die Frauen zu beschützen. Deshalb schürt sie noch mehr Frust und Wut in der Bevölkerung, speziell bei jenen, die sich in ihren Vorurteilen bestätigt sehen. Wenn eventuelle Pauschalurteile einen Politiker (zurecht) umtreiben, wäre es vernünftiger, zu einem späteren Zeitpunkt davor zu warnen. Gleichwohl, die Hassmails, die Horn nun entgegenschlagen, sind widerlich.

Kopfschütteln löst aber erst recht aus, wenn Politiker wie Horn zwar das Vorurteil-Problem in ihrem ersten Statement sofort benennen, Gedanken zu möglichen Ursachen der Gewalt aber grosszügig ausblenden – entweder weil sie keine Problematik erkennen (wollen) oder aus Angst vor dem Rassismusvorwurf. Bei Facebook schreibt er zwar, dass es ihn bestürze, dass unter den Tätern auch Geflüchtete seien. „Wir bieten diesen Schutz an, fordern aber auch klipp und klar, dass unsere Regeln und Gesetze von Allen akzeptiert und eingehalten werden", so Horn. Angesichts der Tatsache, dass fast alle mutmasslichen Täter polizeibekannt waren, gegen den Hauptbeschuldigten sogar ein Haftbefehl vorlag (und nicht vollzogen wurde), kommt diese 'Forderung' ein Stück weit wie Hohn daher und ist klipp und klar noch unnützer als die Warnung vor Pauschalurteilen.

Dabei liegen die Fragen, die Menschen beschäftigen und mit denen sich Politiker (sämtlicher Couleur) dieser Tage in ihren Kommentaren primär befassen könnten, wie offene Spielkarten auf dem Tisch: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Täter und Gewalt gegen Frauen? Warum können straffällige Asylbewerber nicht sofort abgeschoben werden? Warum werden Haftbefehle nicht sofort vollzogen? Warum dauern Abschiebeverfahren so lange? Braucht es eine Verschärfung der Abschieberegeln? Ich bin keine Expertin, aber möglicherweise ist das Asylgesetz veraltet. Es vermag die heutigen Herausforderungen der Masseneinwanderung nicht mehr zu bewältigen, gerade im Hinblick auf negative Asylentscheide, die angefochten werden und eine Abschiebung jahrelang verzögern können.

Einer, der diese heiklen Fragen in seinen Statements aufgreift, ist Horns Amtskollege aus Tübingen, der Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Er setzt sich mit den möglichen Ursachen des Verbrechens und mit den Straftätern unter Flüchtlingen und Immigranten auseinander – und reicht konkrete Lösungsvorschläge nach. Und ja, das ist eine Seltenheit, und sie tut gut.

So schrieb er nach der Tat in Freiburg auf seiner Facebook-Seite, dass zwar alle für ein Asylrecht qualifiziert seien, die sich nichts zu Schulden kommen lassen, die Bewegungsfreiheit für gewaltbereite Asylbewerber aber stark eingeschränkt werden müsse. Betroffene sollten in entlegenen Gegenden untergebracht werden, wo keine nächtliche Anbindung an den ÖPNV existiert. Wer die Einrichtung verlasse, soll kontrolliert und der Zeitpunkt festgehalten werden. "In den sicheren Landeseinrichtungen könnten die Asylverfahren ruhig beendet und die Abschiebungen vorbereitet und durchgeführt werden, ohne zu riskieren, dass in diesem Zeitraum schwere Straftaten zu beklagen sind", schreibt Palmer. Dieser weitgehende Entzug der Bewegungsfreiheit würde seiner Meinung nach die Gefahr aus der Gruppe der gewaltbereiten Flüchtlinge drastisch reduzieren.

Vielleicht gehen einige dieser Vorschläge zu weit, weil sie Menschen – wir sprechen hier von gewaltbereiten Immigranten ohne Integrationsbemühungen – zu sehr einschränken, vielleicht sind sie rechtlich nicht durchsetzbar. Das spielt aber in dem Moment keine Rolle. Es ist die berühmte 'Kraft der Symbolik', die zählt: Da hat sich einer etwas überlegt, sich informiert, nimmt Ängste ernst, ist bereit, einen offenen Diskurs zu führen und bemüht um greifbare Lösungsvorschläge – im Wissen, dass bestimmte Kreise ihn dafür umgehend ins Hetzer-Netz werfen. Palmer fordert einen Wandel, in einem neuen Facebook-Eintrag wendet er sich direkt an Kollege Martin Horn: "Es gab genügend Zeit, um die vielen früheren Fälle zu bewerten und das Muster zu erkennen. Der aktuelle Fall in Freiburg steht in einer langen Reihe und verdeutlicht daher die Dringlichkeit, etwas zu ändern."

Eine Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung ist immer entsetzlich. Aber die menschliche Psyche ist nun mal so gepolt, dass es für uns nochmal einen Unterschied macht, wenn die mutmasslichen Täter Leute sind, die ins Land kommen, weil sie Schutz suchen. Wenn Palmers Ideen Anstoss zu neuen Massnahmen liefern und dadurch nur eine einzige schwere Straftat verhindert wird, haben sich seine Überlegungen gelohnt. Und schlussendlich muss das das oberste Kriterium sein. Nach solchen Verbrechen genauso weitermachen wie bisher, ist keine Option.


veröffentlicht bei BaZ am 2. Nov. 2018

Sawsan's Rolex.

Wäre ich Sawsan Cheblis PR-Beraterin, ich würde ihr vom Tragen einer Rolex abraten. "Sawsan", würde ich sagen, "das ultimative Statussymbol taugt zum Promoten der Ideologie einer sozialgerechten Gesellschaft, wo es keine Reichen und keine Armen geben soll, etwa so gut wie eine Pelzstola um den Hals einer Tierschutz-Aktivistin."

Das Foto, auf dem die Berliner SPD-Staatssekretärin eine 7300 Euro teure Rolex trägt, hat für Aufruhr gesorgt. Bei Twitter schrieb ein User dazu belustigt: "Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss." Dass jetzt auch noch das Bild einer Cartier (9'850 Euro) an Cheblis Handgelenk kursiert, macht es nicht besser.

Der PR-Job wäre harte Arbeit. Denn das Hinderliche an einem SPD-Posten für Leute mit Empfänglichkeit für schöne Dinge ist halt, dass die Zurschaustellung seines Wohlergehens mit Produkten, die für den 'kleinen Mann' unerschwinglich sind, eher schlecht ankommt. Die äusserliche Manifestation widerspricht den vorgeplapperten Überzeugungen, torpediert das Wir-Gefühl unter den Gleichgesinnten. Natürlich nicht jenes der elitären Kaste, der Politiker und Publizisten – von denen sich die meisten problemlos eine Rolex leisten können, und die die Uhr-Kritik jetzt lautstark verurteilen. Aber das der Leute an der Basis, die sich wohl ihre eigene Sache dazu denken. Und die wir nicht hören oder lesen. "Sawsan, denk an die Steuerzahler!", würde ich empfehlen.

Das soll nicht heissen, dass sozialistische Politiker nur bei C&A einkaufen, Swatch tragen, in Ibis-Hotels absteigen und Pauschalurlaub auf Mallorca buchen sollten. Aber zwischen Luxusmarken und Mittelschichtware gibts ja noch diverse Abstufungen, die der eigenen Glaubwürdigkeit zuträglicher sind – wie etwa eine Tissot Le Locle oder die Omega De Ville, hübsches, solides Schweizer Uhrwerk unter 1'500 Euro. Hinzu kommt, dass Gemüter schnell von Neid in Besitz genommen werden. Ich persönlich posiere darum bei Fotoshootings immer ohne meine Rolex. Aber was weiss ich schon, bin ja weder Sozi noch vom Staat bezahlt.

Dennoch: Als Nicht-PR-Beraterin halte ich die Eskalation rund um Cheblis Uhr für absurd. Man mag sie für ihre Politik und Arbeit kritisieren, aber nicht für private Dinge, die sie sich vom eigenen Geld gekauft hat. Selbstverständlich kann auch eine SPD-lerin eine Luxusuhr besitzen, ein bisschen Häme muss sie dann halt ertragen. Anfeindungen deswegen sind aber unangebracht. Und ich stimme FDP-Chef Christian Lindner zu, der twitterte: "Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein." 

Dass sich jetzt viele in den sozialen Medien über die Rolex mokieren, ist nicht ganz verwunderlich – zumal die 40-jährige dort nicht gerade durch Zurückhaltung auffällt; sie gilt als Reizfigur. Aber alles, was ihre politischen Gegner mit der hochgekochten Empörung erreichen, sind Twitter-Likes für Chebli, denn gerade einer Person, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist sozialer Aufstieg zu gönnen und vor allem ist es der beste Beweis dafür, dass er möglich ist.

Nun aber das Amüsante an #Rolexgate: Leute aus dem linken Spektrum haben plötzlich ihre Liebe zu Luxusuhren entdeckt. Ungefragt breiten sie bei Twitter ihre Geschichten über Sparen und harte Arbeit aus und führen dazu ihren teuren Zeitmesser samt Foto Chebli-solidarisch vor. Liebe Genossen: Aus aktuellem Anlass geht das ja in Ordnung. Ab nächste Woche gilt das wieder als klassisches Geklotze.

Im Zweifel...lieber zweifeln. Anschuldigungen gegen Ronaldo & Kavanaugh

Die Gemüter sind nach dem Kavanaugh-Fall noch nicht beruhigt, da steht der nächste Vergewaltigungsvorwurf auf den Frontseiten; die Schlinge liegt jetzt um Cristiano Ronaldos Hals.
Während dem Star-Richter sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, die 36 Jahre zurückliegen und die nicht durch Beweise erhärtet werden konnten, soll der Star-Kicker vor neun Jahren eine Frau in einem Hotelzimmer in Las Vegas vergewaltigt haben.
Gemäss dem "Spiegel" hat Kathryn Mayorga den Übergriff damals der Polizei gemeldet, ohne den Namen des Täters zu nennen, später soll sie von Ronaldo 375'000 Dollar Schweigegeld akzeptiert haben. Jetzt hat sie eine Zivilklage eingereicht und fordert Schadensersatz für "psychische Schäden". Laut Ronaldo ist der Sex einvernehmlich gewesen.

Wem soll man glauben? Die bissige Frage stellt sich jedes Mal aufs Neue, wenn uns, praktisch im Wochentakt, Meldungen erreichen, in denen Frauen prominenten Männern sexuelle Übergriffe vorwerfen. Für mich persönlich ist es nur schwer möglich, ein Schloss um die Emotionalität zu legen und die Anschuldigungen rein sachlich zu bewerten.

Vermutlich sind die meisten Menschen in diesen Glaubensfragen hin- und hergerissen. Meine Gedanken verhalten sich stets gleich – und in der Reihenfolge: "Warum kommt sie damit erst jetzt?", "Luder" (bei Geldforderungen), später "das kann sie unmöglich erfunden haben", "falls wahr, wäre es schrecklich", dann: "Die Beweise vor Gericht werden es klären."

Nur werden es die Beweise wahrscheinlich nicht klären. Wenn Vorfälle viele Jahre zurückliegen, gibt es kaum mehr Spuren oder Zeugen. Und wenn es Zeugen gibt, dann können sie sich – wie die Anklägerin selbst – häufig nicht mehr genau erinnern.
Dass Vergewaltigungsopfer manchmal all die Jahre über schweigen, ist nachvollziehbar. Ich bin kein Fan von Lady Gaga, aber neulich hat sie - selbst Opfer von sexueller Gewalt - in der Late Show mit Stephen Colbert etwas Wichtiges gesagt: "Wenn man Opfer von sexuellem Missbrauch wurde, ändert man sich. Das Hirn ändert sich. Es nimmt das Trauma, stellt es in eine Kiste und sperrt es weg, so dass wir den Schmerz überleben können." Später könne man durch ein Ereignis getriggert werden und die Kiste öffnet sich. Bei Kavanaugh's Anklägerin sei der Auslöser wohl seine Nomination für das höchste Richteramt im Land gewesen, so die Sängerin.

Ohne Beweise steht Aussage gegen Aussage. Jahre später kann diese Patt-Situation 'er sagt, sie sagt' zum Nachteil des Opfers geraten. Dennoch: In unserem Rechtsstaat ist jemand erst dann schuldig, wenn seine Schuld bewiesen und dadurch die Wahrheit bestätigt ist. Sonst könnte jeder alles behaupten und wir bräuchten keine ordentlichen Gerichtsverfahren mehr – und viele Damen würden sehr schnell sehr reich werden (ja, dafür können Sie mich jetzt mit faulen Tomaten bewerfen).

Für viele scheint das Rechtsstaatsprinzip heute keine Gültigkeit mehr zu haben. Einerseits liegt es daran, dass ja meistens fremde Menschen von so einem Vorwurf betroffen sind – wäre der eigene Vater, Ehemann oder Bruder der Vergewaltigung beschuldigt, würde sich so mancher bestimmt wieder im Eiltempo für das "Im Zweifel für den Angeklagten" entscheiden. Andererseits sind es gerade Bewegungen wie #MeToo, die Vorverurteilungen aufgrund reiner Behauptungen befeuern. Wäre es bei Kavanaugh möglich gewesen, seine Karriere aufgrund von unbewiesenen, 36 Jahre alten Vorwürfen zu zerstören, hätte das nicht nur völlig neue Möglichkeiten im Kampf gegen politische Gegner eröffnet, sondern auch im Geschlechterkampf ganz allgemein.

Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs müssen ernst genommen werden. Und da hat die #MeToo-Bewegung vielleicht, trotz ihrer Makel, ein Stück weit dazu beigetragen, dass Opfer von tatsächlichem Missbrauch heute mehr Gehör finden. Christine Blasey Ford oder Kathryn Mayorga auch ohne Fakten zu glauben ist völlig legitim. Es liegt in der Natur der Menschen, dass wir geneigt sind Dinge glauben, die sie uns als sehr wahrscheinlich erscheinen – oder einfach, weil wir sie glauben wollen. Gerade beim Vorwurf der Vergewaltigung sind wir rasch von emotionsgeladener Parteilichkeit ergriffen.

Ich denke aber, dass man die Parteinahme, ähnlich wie den Schmerz, auch in eine Kiste wegsperren kann, zumindest vorübergehend. Es ist möglich, dem Opfer zuzuhören und es ernst zu nehmen und gleichzeitig auf Beweisen zu beharren oder diese abzuwarten, und dem Angeschuldigten eine faire Chance zur Verteidigung zu geben – bevor man sich in Medien oder sozialen Medien in routinierter Manier zum Scharfrichter erhebt. Anteilnahme und Zweifel schliessen sich nicht per se aus. Und dafür muss man im Übrigen für die Beschuldigten nicht einmal besondere Sympathien hegen.

Wenn uns Kavanaugh und Ronaldo etwas lehren, dann das: Wer einen sexuellen Übergriff erlebt hat, sollte sich, wenn immer möglich durchringen und sofort zur Polizei gehen. Egal, wie schwierig es in dem Moment ist, später wird alles noch viel schwieriger.


veröffentlicht bei BaZ, Okt. 2018

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Auf Böhmermans Twitter-Blockliste (über 1500 Mal geteilt bei Twitter)

Hat man heute die falsche Haltung, ist die Chance gross, dass sein Name auf einer schwarzen Liste auftaucht. Meiner steht neuerdings auf der Twitter-Blockliste des Jan Böhmermann, Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen ZDF.

Vor einigen Monaten schon hatte Satiriker Böhmi eine Liste mit unliebsamen Twitter-Accounts erstellt, die man seiner Meinung nach Blocken sollte – und dem er selbst mit der Disziplin einer chinesischen Kunstturnerin nachging. (Ich hatte darüber berichtet. Anlass für das Blocken meiner Wenigkeit, ohne den Namen einer Liste zuzufügen, war mein Tweet: "Ein Satiriker blockt alle, die sich über IHN lustig machen. Nebst Hyperempfindlichkeit verrät das auch einiges über Stehvermögen. Und Grösse." Zack, Block).

Meine Tränen darüber waren gerade erst getrocknet, da zündet der Humorbolze die zweite Stufe, indem er dieser Tage bei Twitter, quasi als Gag verpackt, schreibt: "Installiere jetzt Jan Böhmermanns persönliche Blockliste (8421 handgeblockte Accounts) – OHNE GEWÄHR! Viel Spass!" Seinen über zwei Millionen Followern fügte er die Liste bei, man kann sie direkt übernehmen und so tausende Andersdenkende aufs Mal blocken. Und weil auf der Seite der "Guten" schon lange nicht mehr unterschieden wird zwischen liberal-konservativ, rechts, rechtsradikal und Nazi – alles das gleiche Pack! – stehen auf Böhmis neuer Blacklist nebst tatsächlichen Nazi-Trollen auch Namen von Welt-, FAZ- und BaZ-Autoren.

Der "Gag" erreicht somit eine neue Dimension. Wo Böhmi zuvor hauptsächlich Accounts blockte, die ihn selbst kritisierten, nervten, beleidigten oder eben die falsche Gesinnung hatten, bringt er nun Namen in Umlauf von Personen, wo in vielen Fällen nicht die geringste Interaktion stattfindet, weder mit ihm noch untereinander. Angesichts seiner Millionen Follower ist anzunehmen, dass viele der angestifteten Fans die Block-Empfehlung ohne grosses Nachdenken übernehmen. Man muss keinen Abschluss in Raketenwissenschaft haben um zu erkennen, dass diese Aktion dem gesellschaftlichen Diskurs etwa so sehr dient wie ein Schweigegebot der Podiumsdiskussion. Zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe gäbe es im Übrigen noch diverse Abstufungen wie das ehemals verwendete simple Ignorieren der Person oder "Stummschalten". Blocken aber ist die Guillotine unter den Twitter-Funktionen, der Beleg für tiefste Verachtung.

Ich folge einigen Leuten der "anderen Seite". Ich bin offen für verschiedene Meinungen, auch wenn sie mein geistiges Wohlbefinden streckenweise derart strapazieren, dass Schnappatmung die Folge ist. Margarete Stokowski zum Beispiel, feministische Spiegel-Autorin, ich habe sogar ihr aktuelles Buch "Die letzten Tag des Patriarchats" bestellt. Wie soll man gegen moderne Feministen anschreiben, wenn man deren Argumente nicht kennt? Oder der Links-Ikone Sophie Passmann. Wir sind uns beide insofern einig, dass wir Frauen sind – that's it. Trotzdem pflegen wir einen angenehmen Umgang. Wenn man sich ein bisschen von seiner eigenen Engstirnigkeit abkoppelt, ist es (manchmal) möglich, Personen zu achten oder ihre Arbeit zu schätzen, auch wenn man mit ihnen in politischen Fragen uneins ist.

Blocken an sich geht völlig in Ordnung. Ich habe davon zwar noch nie Gebrauch gemacht, weil ich jedem die Chance zum Kontern geben möchte. Ich kann aber verstehen, dass man halt nicht alles lesen möchte. Böhmi kann natürlich blocken, wen er will, wenn es ihm Genugtuung verschafft. Er kann selbstverliebt von seiner Kanzel herab predigen, sich in seiner Filterblase abschotten, andere Meinungen, Kritik und das Pack aussperren. Gerade die, die besonders heftig austeilen ("Ziegenficker"), sind manchmal die routiniertesten Despoten, pardon, Mimosen. Er kann aus dem Epizentrum der moralischen Überheblichkeit, wo ständig für mehr Toleranz geworben wird, aber alles, was nicht dem eigenen Gedankengut entspricht, pauschal delegitimiert wird, eine Block-Hysterie verbreiten – vielleicht ist das der neue Zeitgeist. Passend dazu gibt es ja dieses Sprichwort mit dem Wasser, dem Wein und dem Predigen.

Und auch wenn ihm in seinem Purge-Wahn offensichtlich entgangen ist, dass zum Charakter des Kommunikationstools Twitter eben gehört, "normalen" Leuten eine Plattform zu bieten, um sich mit Prominenten oder Politikern auszutauschen, sie herausfordern, zu  kritisieren, ihnen zu widersprechen, ist das nicht tragisch. Er kann nichts dafür, dass er solche Zusammenhänge nicht erkennt.

Das Problem sind die dummen Gebührenzahler. Viele haben angesichts der "Gags" des zu berappenden ZDF-Satirikers zunehmend miese Laune. Wenn also die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt noch ein bisschen mehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen möchte, dann sollte sie den totalitären Aktionen ihres Vorzeige-Mitarbeiters auf keinen Fall den Riegel vorschieben.


Frauen verboten: Die Zünfte wollen uns nicht, so what?

Im Kampf gegen die allgegenwärtige Diskriminierung haben die sensiblen Seelen unter uns ein neues Objekt im Visier: Die Basler Zünfte. Sie sind traditionsgemäss reine Männerdomänen. Die Basler SP fordert jetzt, so quasi im Namen des weiblichen Geschlechts, dass Zünfte sich den Frauen öffnen sollen (Feministen forderten das längst auch anderorts). Deren Ausschluss bedeute Diskriminierung. Und: Die Öffnung sei eine Bereicherung für diese Institutionen.

Das lässt Schmunzeln. Dass die Damen eine Bereicherung sein sollen für die eingeschworenen Männerclubs, ist ja nett gemeint, aber eher Gegenstand linker Schönwetterfantasien. Wer sich überall als Bereicherung sieht, demonstriert nicht nur eine übersteigerte Selbstverliebtheit, er offenbart auch eine Diskrepanz in Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Grössenordnung eines Tsunami.

Genauso wie die Zünfte erdreisten sich auch Serviceclubs, keine Frauen aufzunehmen. Neulich habe ich ein Referat gehalten bei Rotary. Dort wurde mir erzählt, dass diese Clubs genauso wie Zünfte unter Druck stehen, weil ihnen das Etikett der Frauenfeindlichkeit angehängt wird; die Vorwürfe hinterlassen die Herren – diplomatisch ausgedrückt – dezent genervt.

Die Entstehung der Zünfte geht zurück ins 12. Jahrhundert, wo sich Handwerker zu organisierten Verbänden zusammenschlossen und Regeln festlegten, die der beruflichen Absicherung und Positionierung dienten. In progressiven Städten wie Köln arbeiteten im Mittelalter auch Frauen im Gewerbe, es gab dort drei reine Frauenzünfte – was eine Ausnahme war. Im wirtschaftlichen Leben heute haben Zünfte an Bedeutung verloren. Ohne sie zu schmälern kann man behaupten, dass es jetzt vor allem Männertreffs sind zwecks Networking und Engagement fürs Gemeinwohl.

Warum also sollen Frauen da nicht dabei sein dürfen – zumal sie ja nicht einfach so ihre eigenen Zünfte gründen können, wie das etwa bei Serviceclubs möglich wäre? Ganz einfach: Weil Männer eben manchmal unter sich bleiben, ihr eigenes Ding machen wollen. Frauen lenken ab. Ohne Frauen sind Männer entspannter. Sie reden untereinander über andere Dinge. Die Gruppendynamik ändert sich. Auch haben Männer und Frauen oft eine unterschiedliche Definition von freizeitlichem Vergnügen.

Frauen haben keinen Nachteil im Leben, wenn sie nicht Zunftmitglied sind. Anders als vor vielleicht 200 Jahren spielt es für den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg keine Rolle. Auch gibt es heute zahlreiche andere Möglichkeiten für Networking oder gemeinschaftliche Bürgeraktivitäten. Angesichts der hartnäckigen Forderung nach Öffnung stellt sich die Frage: Strebt eine Mehrheit der Frauen im Land eine Mitgliedschaft überhaupt an? Und warum geht das offenbar dringende Bedürfnis nicht von Damen des bürgerlichen Lagers aus? Angesichts ihrer viel stärkeren Vertretung in Wirtschaft und Unternehmertum müssten ja gerade sie in ihrer Zunft-Ablehnung massive Nachteile erkennen.

Und so bleibt wieder einmal nicht viel mehr übrig als das gewohnheitsmässige Gebaren der Feministentruppe, die in ihrer Überempfindsamkeit jeden Entscheid als Ungerechtigkeit und Diskriminierung gegen sich selbst versteht. Ihre selbstgefällige Zwängerei, mit der sie auf Teufel komm raus durchstieren wollen, was nicht nach ihrem Gusto läuft, wird in der Gesellschaft als zunehmend anstrengend empfunden. Männer wollen unter sich bleiben? So, what. Lasst ihnen doch den Spass.

Ach, Serena.

Gelegentliches Zerstören eines Tennisrackets oder frustriertes Herumgemotze auf dem Court ist kein Skandal. Das passiert den grössten Stars. Es geht um viel Geld, Prestige, teilweise haben die Sportler ihr ganzes Leben auf den einen Moment hingearbeitet.

Bei der vielleicht grössten Tennisspielerin aller Zeiten, Serena Williams, gehen die Ausfälligkeiten ein Stück weiter: 2009 drohte sie einer Linienrichterin: „Wenn ich könnte, würde ich verdammt noch mal diesen verdammten Ball in deine verdammte Gurgel stecken und dich umbringen. Hörst du das?“ 2011 fuhr sie die Schiedsrichterin an: “Sie sind eine Hasserin und haben ein unattraktives Inneres."

Auch am Samstag bei den US Open hatte die 36-jährige weder das Racket noch sich selbst im Griff. Sie verlor die Nerven – und das Spiel. Zuvor hatte der Schiedsrichter sie dreimal verwarnt, irgendwann schrie sie ihn an: „Ich habe eine Tochter, ich betrüge nicht!“ Und: „Du schuldest mir eine Entschuldigung“. Sie nannte ihn "Dieb" und "Lügner" und zückte die Sexismuskarte: „Das ist nicht fair. Nur weil ich eine Frau bin.“ Bei der Siegerehrung wurde die Gewinnerin Naomi Osaka vom Publikum ausgebuht, weinte. Serenas Gezeter hat den glanzvollsten Moment ihrer Karriere ruiniert. Das ist unschön.

Wer sich so danebenbenimmt, muss mit Konsequenzen rechnen, das gilt für Normalsterbliche wie für Superstars. In Serenas Fall war die Konsequenz unter anderem eine Karikatur in der australischen Zeitung The Herald Sun. Darin ist sie als zwängelndes Baby dargestellt. Es bildet ihr Benehmen treffend ab.

Die humorloseren Zeitgenossen unter uns empören sich darüber, das Bild sei rassistisch und sexistisch. Der Internetmob zog über den Karikaturisten Mark Knight her, forderte seine Entlassung, drohte ihm mit Mord. Er löschte er seinen Twitter-Account.

Ich kann das Getöse um die Karikatur nicht verstehen. Satire IST überspitzt, Leute werden übertrieben dargestellt, Stereotype herausgearbeitet. Männer werden ständig mit stereotypen Merkmalen abgebildet – übergrosse Segelohren, schütteres Haar, Hängebauch und rote Nase – keiner schert sich drum. Ich wurde schon mehrmals karikiert, sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen oder als "Telefasel"-Tussi mit riesen Zinken. Du meine Güte.

Was soll an der Karikatur rassistisch sein? Äussere Merkmale sind übertrieben abgebildet: Gekräuseltes Haar. Üppige Lippen. Athletische Statur mit grossem Hintern. Wenn das nicht mehr zumutbar ist, muss Karikatur grundsätzlich verboten werden. Im Übrigen hat Serena ja auch kein Primaballerina-Figürchen. Das heulende Riesenbaby? Sie hat sich wie ein wütendes Baby aufgeführt. Der Karikaturist, der Tage zuvor einen männlichen Spieler als gereiztes Kleinkind darstellte, schrieb: "Es ist eine Karikatur über Verhalten. Es hat nichts mit Rasse zu tun."

Die Besessenheit mit Identitätspolitik vergiftet die künstlerische Freiheit. Karikaturen erschaffen angesichts einer dauerdrohenden Guillotine in Medien und sozialen Medien – der Job wird dereinst so befriedigend sein wie ein Spaziergang durchs Minenfeld. Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weisser Mann oder eine grossflächig verhasste weisse Gruppe ist. Künstler werden von Rassismus- und Sexismusvorwürfen irgendwann genug haben. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig. Humor bleibt auf der Strecke. Was für eine traurige Gesellschaft.



Paygap: Wenn Medien ihre Leser für blöd halten

Journalisten führen ihr Publikum manchmal ziemlich an der Nase herum. Mittels diskreter Umgehung der Fakten pimpen sie gerne mal ihre Schlagzeilen und meinen dann, es merkts keiner. Ein gutes Beispiel lieferte neulich das IT-Newsportal Golem.de. Es titelte: "Weibliche IMB-Angestellte verdienen in England 14,6 Prozent weniger." Ein ziemlich krasser Lohnunterschied. Ungerecht und diskriminierend. Denken sich wohl alle, die nicht weiterlesen – uns viele lesen nach der Schlagzeile nicht weiter.

Im Textteil steh dann: "Zwischen beruflich gleichgestellten Frauen und Männern betrage der Unterschied etwa ein Prozent." Beruflich gleichgestellt heißt, gleiche Position und Qualifikation. Der Lohnunterschied (Paygap) von Frauen und Männern mit gleicher Position und Qualifikation beträgt bei IBM also etwa ein Prozent. Das ist praktisch nichts, NOTHING. Es ist so wenig, dass es keinen Piep wert wäre – außer eben, man lässt in der Schlagzeile den zentralen Punkt weg.

Einen nicht-bereinigten Paygap für eine reißerische Schlagzeile zu instrumentalisieren, ist unprofessioneller Journalismus. Es ist ein manipulativer Versuch, seine Leser in bestimmte Denkbahnen zu lenken, nämlich dass IBM ein diskriminierender Arbeitgeber ist. Man nimmt im Kauf, dem Unternehmen zu schaden und dazu gehört eine zünftige Portion Verschlagenheit. Golem.de ist mit 1,92 Millionen Unique Usern im Monat (Quelle: Agof) kein Winzling.

Ich tat also, was man in so einer Situation tut, ich twitterte den IBM-Text und schrieb an die Golem-Redaktion: "Wenn der 14%-Paygap aus der Schlagzeile im Textteil – und unter Berücksichtigung relevanter Fakten – plötzlich auf 1% schrumpft. Manche Journalisten gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Leser ein bisserl verblödet sind." Die Antwort: "Wir sind hier anderer Meinung: Ein Paygap von 14 Prozent ist auch dann relevant, wenn er nicht darauf zurückzuführen ist, dass Frauen und Männer in derselben Position ungleich bezahlt werden, sondern darauf, dass Männer offenbar bessere Aufstiegschancen haben als Frauen."

"Offenbar" ist eine Projektion des Schreibers. Eine subjektive Annahme. Dass bei IBM mehr Männer aufsteigen, kann auch daran liegen, dass die Frauen dort nicht unbedingt aufsteigen wollen, oder viele Frauen nicht bereit sind Vollzeit zu arbeiten, oder die Firma schlicht weniger Auswahl an Damen hat. Denn Tatsache ist: Wie ein Computer zusammengesetzt ist, interessiert die Mehrheit der Frauen dieses Planeten etwa so sehr wie das Innenleben eines Doppelschlitztoasters. Mit IT&Co. können Frauen im Durchschnitt weniger anfangen als Männer. Die feministischen Kreise aber, die den Paygap permanent als unerschütterlichen Beweis für systematischen Sexismus und Diskriminierung durch das böse Patriarchat anbringen, haben sich entschlossen, von dieser Realität keine Notiz zu nehmen. Unterstützt werden sie dabei von vielen Journalisten, die statt in gesicherte Beweise lieber in eine ideologisch motivierte Meinungsbeeinflussung investieren.

Stuart Reges, Dozent für Informatik an der University of Washington mit 32 Jahren Berufserfahrung, widerspricht der Behauptung, dass Lohnunterschiede auf Männer und ihre patriarchalischen Organisationen zurückzuführen sind. "Frauen wollen weniger Computerwissenschaften studieren als Männer und eher keine Karriere als Software-Ingenieur anstreben" – dieser Unterschied sei hauptsächlich verantwortlich für Lohnunterschiede in der IT-Branche, schrieb er jüngst im Onlinemagazin Quillette. Die Darstellung von Autoren, Professionellen und Aktivisten, dass Frauen systematisch von den lukrativen Branchen in der IT ausgeschlossen werden, sei ein gefährlicher "Oppression Narrative", eine Erzählung, die auf Unterdrückung basiert.

Dass die Geschlechter unterschiedliche Interessen haben und darum unterschiedliche Berufsentscheide treffen, hat schon der Dokumentarfilm "Gehirnwäsche, das Gleichstellungsparadox" (2010) gezeigt. Der Soziologe Harald Eia hat herausgefunden, dass sich Frauen in Norwegen, dem Land mit der mustergültigsten Geschlechtergleichheit weltweit, trotz intensiver staatlicher Förderprojekte für frauentypische Berufe entscheiden – die halt oftmals schlechter bezahlt sind. In Norwegen ist fast 90% des Pflegepersonals weiblich, 90% aller Ingenieure sind männlich, obwohl die Regierung seit Jahren versuche, Männer für den Pflegeberuf zu begeistern und Frauen für das Ingenieurswesen. Mit Diskriminierung habe das nichts zu tun.

Das bestätigt auch ein User, der auf meinen Golem-Tweet antwortete: "Ich bin Software-Entwickler. Es gibt kaum Kolleginnen. Wenn doch, überproportional aus Osteuropa oder Indien. Und viele werden nie zum besserverdienenden Senior-Entwickler, weil sie vorher die Branche wechseln. Das verzerrt die Statistik enorm."

Frauen haben bei uns die freie Wahl und wollen trotzdem nur sehr selten als Ingenieurin oder Programmiererin arbeiten. Die freie Wahl, noch so ein Zankapfel. Denn genau an der Stelle ruft die selbsterklärte Beschützer-Fraktion erneut dazwischen "Die ist doch gar nicht frei!" – weil Frauen ja in diese gesellschaftlichen Schablonen und Stereotypen hineingedrängt werden. In ihrer Entrüstung entgeht ihnen, dass sie Frauen mit der Behauptung bei der Studien- oder Berufswahl jegliches selbständige Denken absprechen, sie zu hilfsbedürftigen Geschöpfen machen, die nicht in der Lage sind, Entscheide für sich zu treffen (wie solche Frauen dann bei Lohnverhandlungen oder in Führungspositionen reüssieren sollen, wäre dann die nächste Frage).

So argumentiert auch die renommierte US-Philosophin und Autorin Christina Hoff Sommers. In ihrem Meinungsstück bei der Huffington Post von 2012 zitierte sie eine Studie der American Association of University Women (AAUW), die herausgefunden hat, dass der Paygap nahezu verschwindet, wenn man relevante Variablen wie Branche, Ausbildung und Länge am Arbeitsplatz miteinkalkuliert. Der 23 Prozent Lohnunterschied sei einfach die durchschnittliche Differenz zwischen den Löhnen bei Männern und Frauen, die Vollzeit beschäftigt sin. Wichtig sei, dass man die "bereinigte" Lohndifferenz bei der Berechnung nimmt. "Wenn es wahr wäre, dass ein Arbeitgeber Jill für dieselbe Arbeit weniger zahlen müsste als Jack, dann würden clevere Unternehmer all ihre männlichen Arbeitskräfte feuern und sie mit weiblichen ersetzen, und einen riesigen Marktvorteil geniessen", so Hoff Sommers.

Meistens bleiben bei Lohndifferenzen einige wenige Prozent übrig, die trotz der einkalkulierten Faktoren nicht erklärbar sind. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen tendenziell schlechter verhandeln. Vielleicht entscheidet manchmal einfach persönliche Sympathie. Das ist menschlich – und kann Männer genauso treffen. Und es gibt wohl auch Männer, die ihren Geschlechtsgenossen mehr bezahlen und ihnen die besseren Jobs zuschanzen. Das ist ungerecht und gehört bekämpft. Ich wäre die erste, die sich beschweren würde, bekämen meine männlichen Kollegen mehr Honorar für die gleiche Kolumne. Nur, so einfach ist es auch da wieder nicht. Wäre ich Chefin, würde ich mehr Faktoren als nur "gleiche Arbeit und Qualifikation" in meine Honorarberechnung einfliessen lassen, wie etwa den Bekanntheitsgrad eines Schreibers, das Spektrum seiner Themenwahl, seine Flexibilität bei spontanen Textanfragen, die Resonanz auf seine Kolumnen (wie oft geteilt online, wie viele Kommentare im Schnitt etc.).

Unternehmen sind sensibilisiert, bemühen sich um Fairness in der Lohnfrage. Journalisten, die den Narrativ einer strukturellen geschlechtlichen Lohnungleichheit unkritisch verbreiten, dienen der Sache nicht. Aber man kann Medien keinen allzu grossen Vorwurf machen, denn einerseits leben sie von Clickbaiting, andererseits ist das Überwinden der eigenen Vorurteile geistig auch nicht gerade einfach, da können Fakten noch so hartnäckig sein.


Samstag, 18. August 2018

ZEIT-Debatte: Der schleichende Tod der Meinungsfreiheit (über 12'000 mal geteilt bei baz.ch)

Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, liebe Leser, wir stehen kurz vor dem Untergang unserer Zivilisation. Der soziale Frieden ist nachhaltig zerstört. Zerstört hat ihn ein einziger Essay in einer deutschen Zeitung – und alle selbsternannten Moralhüter zusammen konnten die Ketzerschrift nicht verhindern. Tja. In den USA sind sie einen Schritt weiter: Texte, die sensible Gemüter zu sehr erregen, werden sofort vom Netz genommen.

Kurze Zusammenfassung für jene, die vergangene Woche im Urlaub weilten: Bei der Zeit wurde debattiert, ob es gut ist, wenn private Hilfsorganisationen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten. Autorin Mariam Lau, die selbst einmal zwei Wochen mit einem privaten Rettungsschiff mitgefahren ist, findet: "Die Retter vergrössern das Problem." Sie schreibt von Helfern, die sich keine Gedanken darüber machen, wie etwa die italienische Regierung ihren Bürgern erklären soll, dass sie Tausende von Menschen einkleiden, beherbergen und ernähren sollen, "die gekommen sind, um zu bleiben – legal, illegal, ganz egal."

Lau ist keine verwirrte Nazi-Braut. Seit 2010 schreibt sie für die linksliberale Zeit. Ihr Text ist sachlich und differenziert formuliert. Dennoch ist er für viele Publizisten und Politiker aus dem eher linken Spektrum mehr als unzumutbar. Angesichts ihrer Reaktionen, die viel irritierender sind als Laus Essay, dürfte diese eine abweichende Ansicht von Migräne bis Magengeschwür alles bei ihnen ausgelöst haben. Eigentlich ist es ein Luxus, sich über den adäquaten Inhalt von Zeitungsartikeln derart erregen zu können.

Die Empörung der Meinungsinspektoren entlud sich bei Twitter. "Ich bin erschüttert, wie leicht unsere Zivilisation bricht", kommentierte SPON-Kolumnist Jakob Augstein. Kollegin Judith Horchert hat offenbar direkt das Abo gekündigt – immerhin wegen 919 falscher Worte. Sie habe "den Betrag, den ich bis Jahresende für @DIEZEIT ausgegeben hätte, nun an private Seenotretter gespendet." Von Zeit-Redaktor Christian Bangel gabs besonders stilvolle Kolleginnen-Schelte: "Aber es ist auch ein Übergriff, mit dieser Abscheu über Leute zu schreiben […]." Laus persönliche Meinung ein Übergriff – diese Logik würde sogar Einsteins Grosshirn überfordern.
Das linke Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" sieht den "sozialen Frieden nachhaltig gestört". Eine österreichische Journalistin macht bei Lau "menschenfeindliche Positionen" aus, bei Sea-Watch klingts ähnlich: "Diskutieren wir in Deutschland gerade ernsthaft, ob man Menschen einfach sterben lässt oder nicht, @DIEZEIT?" Tim Wolff, Chefredakteur des Titanic-Magazins, setzte noch einen obendrauf, er startete eine Umfrage: "Zeit"-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen?" Satire! Haha, lustig ists. Nur, für die Autorin dürften Tötungsspinnereien, Gewaltandrohungen im Netz, Anfeindungen und Unterstellungen von 'menschenfeindlich' und 'Übergriff' nicht ganz so amüsant sein.

Den Flüchtlings-Aktivismus auf dem Mittelmeer zu hinterfragen, ist weder unmenschlich noch zivilisationsgefährdend. Die Ethikexperten aber äussern ihre Kritik rhetorisch so, als ging es der Autorin um die Frage, ob man Menschen ertrinken lassen soll. Sie bedienen sich damit des klassischen Strohmann-Arguments: Statt auf ihre These einzugehen – dass NGO's den Schleppern in die Hände spielen – argumentieren sie gegen etwas, das sie nie gesagt hat. In Laus Beitrag steht nirgends, dass man Menschen nicht vor dem Ertrinken retten soll. Natürlich kann man jetzt sagen, hey, wer sich aus dem Fenster lehnt, muss Kritik einstecken können. Das stimmt. Und Kritik geht auch in Ordnung – nur ist Kritik heute zu einer kollektiven Aburteilung der Person als Ganzes verkommen, sie hat ein zerstörerisches und ungesundes Mass angenommen, wo die Diskussion keinen Spass mehr macht. Meinungsvielfalt? Immer mehr Autoren zweifeln daran, ob sie sensible Themen überhaupt noch aufgreifen, ihre Ansichten dazu aufschreiben sollen.

Während sich die leicht Erregbaren in Deutschland wegen eines einzigen Artikels den Sommerfrieden ruinieren, scheint man in den USA seine eigene Lösung im Umgang mit Empörung gefunden zu haben: Meinungsstücke werden bei Gegenwind sofort vom Netz genommen.

Jüngst hat das Nachrichtenportal Business Insider einen Text, der nicht sein darf, innert weniger Stunden nach seiner Veröffentlichung wieder von seiner Website entfernt – ein Zensur-Tempo, mit dem selbst China Mühe hätte mitzuhalten.

Kolumnistin Daniella Greenbaum hatte es gewagt, Scarlett Johansson zu verteidigen, die eine landesweite Debatte um ihren neuen Film ausgelöst hat, in dem sie einen Transgender-Mann spielen sollte. Der von Transgender-Schauspielern initiierte Aufstand gegen die Johansson-Besetzung erstreckte sich von einem wütenden Internetmob, der sich auf den Hollywoodstar stürzte, bis hin zu Leitmedien, die ihr eine 'unsensible Rollenwahl' vorwarfen. Eine Transgender-Schauspielerin schrieb bei Twitter: "Du bist nicht nur gegen uns und stiehlst unsere Geschichte und unsere Chancen, du klopfst dir dafür auch noch auf die Schulter, dass du unser Leben nachahmst… so verdorben. Ich habe so genug."

Natürlich könnte man einwenden, dass jemand, der Worte wie "Diebstahl" und "Nachahmen" im Zusammenhang mit Schauspielern benützt, deren Job es ist, in andere Rollen zu schlüpfen – schwach ausgedrückt – eine Vollmeise hat. Und dass gemäss der Logik ja auch nur kranke Menschen Kranke, Frauen mit Kids Mütter oder ausgebildete Lebensretter Superman spielen dürften. Nur käme man hier mit Rationalität etwa so weit, wie wenn man einem Kind mit verbundenen Augen das Lesen beibringen möchte. Johansson ist unter dem Druck aus dem Projekt ausgestiegen. Greenbaum, die in ihrem zurückgezogenen Artikel nüchtern und sachlich argumentiert hatte, dass Schauspielerinnen Männer und Trans-Männer spielen können, hat ihren Job bei BI gekündigt. Die Hysterie obsiegt.

Dass der Trend in den Medien dahin geht, sein Publikum vor sensiblen oder kontroversen Themen und andersgearteten Ansichten bestmöglich zu schützen (und sich selbst von deren Zorn), zeigt auch das Beispiel der deutschen Schriftstellerin Tina Uebel. In einem Zeit-Artikel (13.7.2018) berichtet sie, wie die politische Korrektheit – auch bei eben dieser Zeitung – ihre Arbeit einschränke. "Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte." In einem Reisebericht für die Zeit habe sie über einen Hahnenkampf in Kolumbien geschrieben, der zur dortigen Kultur gehöre. Man habe ihr gesagt, sie soll die Passage streichen: "Zu problematisch, sagt die Redaktion, im erwartbaren Leser-Shitstorm drohe jegliche positive Wahrnehmung der Haupterzählung unterzugehen."

Hätte man Mariam Laus Essay einem 'kulturellen Sensitivitäts'-Test unterzogen, er wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit durchgefallen. Ihr Text steht zwar noch online, die Chefredaktion sah sich aber unterdessen in einer Stellungnahme genötigt, ihn öffentlich zu rechtfertigen, und dass dort je wieder ein derart umstrittener Artikel erscheinen wird, ist eher unwahrscheinlich. Auf jeden Fall lassen Ereignisse wie dieses keine allzu hoffnungsvolle Prognose für die Medien- und Meinungsvielfalt zu: Die Empfindlichkeit gewisser Gruppen scheint stetig grösser zu werden, die Anfeindungen heftiger und die Chefredaktoren für Forderungen einer aufgebrachten Menge empfänglicher.

Wenn Menschen sachlich und vernünftig formulierte Meinungen nicht ertragen und deswegen in einen Zustand glühenden Moralisierens verfallen, liegt es nicht am Absender, sondern am Empfänger: Diese Leute sind zu reizbar, zu sensibel, zu anmaßend, zu wenig tolerant. Sie nehmen für sich in Anspruch, die einzig richtige Meinung zu besitzen und ihre Wahrheit allen anderen aufdrängen zu müssen. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt formuliert es so: "Der Thron, von dem herab sie über Andersdenkende urteilen, wächst in den Himmel."

Möglicherweise sollten die Thron-Besetzer sich mal ein paar Gedanken dazu machen. Denn es ist keine rechte oder linke Angelegenheit, es betrifft uns alle. Hysterie und moralische Überheblichkeit dürfen Stimmen nicht zum Verstummen bringen.




veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018

Raus aus der Filterblase!

Man kann mit Menschen, mit denen man in sämtlichen politischen Fragen uneins ist, ein tolles Verhältnis haben. Man kann diese Leute lustig und intelligent finden und sie wertschätzen.

Das ist nicht das Ergebnis langjähriger Studien, die Erkenntnis stammt aus meinem persönlichen Erfahrungsfundus. Und auch wenn ich Gefahr laufe, einen Frömmigkeitsvorwurf zu kassieren: Lassen Sie sich gelegentlich einmal auf einen Gedankenaustausch mit der anderen Seite ein. Mit der Seite, deren Ansichten und Argumentation von Schnappatmung bis Migräne alles in Ihnen auslöst. Und auch wenn es Ihr Nervenkostüm möglicherweise strapaziert: Eine andere Weltansicht kann einen Horizont erweitern.

Einige werden sich jetzt fragen: Wieso soll man mit linken Gutmenschen diskutieren? Jemand, der Merkels Politik gut findet, hat doch nicht alle Latten am Zaun. Jemand, der den privaten Flüchtlings-Aktivismus unterstützt, ist doch von Haus aus bescheuert – nein, das ist er nicht. Oder wieso soll man mit rechten Hetzern reden? Jemand, der AfD wählt, ist doch ein Nazi – nein, auch das muss er nicht sein.

Natürlich: Um seinen geistigen Wohlbefinden gerecht zu werden, schützt man sich so gut es geht vor allzu hartnäckigen "falschen" Meinungen. Wir konsumieren oft nur Artikel und folgen in den sozialen Medien nur jenen, die unsere Weltsicht bestätigen. Sich mit der anderen Seite auseinanderzusetzen, ist anstrengend, viel einfacher ist es "Kommunist!", "linker Gutmensch!" oder "rechter Hetzer!" zu quieken – oder bei Twitter gleich zu blocken. Auch Journalisten blocken sich dort gegenseitig, sogar öffentlich-rechtliche Medienanstalten blockieren aufmüpfige Follower (wobei es zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe ja durchaus Abstufungen gäbe, wie etwa simples Ignorieren oder die Funktion "Stummschalten". Blocken jedoch lässt keinen Spielraum für Zwischentöne zu).

Wer die sozialen Medien, mehr oder weniger das Abbild der Gesellschaft, ein bisschen verfolgt, der kann beobachten, wie sich die Gesellschaft in politischen Fragen ungefähr in zwei Lager teilt: In Gut und Böse, je nach Blickwinkel, wo man politisch steht. Diese Lager, die sich nicht wahnsinnig sachlich gesonnen sind und beide um die Deutungshoheit ringen, haben, so scheints, überhaupt keine geistigen Schnittmengen mehr. Reizthemen wie Mesut Ösil, Flüchtlinge oder Klimaerwärmung – sie sind zu unüberwindbaren gesellschaftlichen Barrieren geworden. Dabei ist es gar nicht immer so, dass die beiden Lager nicht dasselbe Ziel hätten. Oftmals haben sie das gleiche Ziel, nur ist ihr Weg dahin ein völlig anderer. Mit der Folge, dass man das Ziel des anderen dann grundsätzlich ablehnt.

Statt uns einzulassen mit doofen Meinungen doofer Menschen, sperren wir sie lieber aus, verschanzen wir uns in unserer kleinen Meinungsnische, der Filter Bubble. Dort haben wir uns ein behagliches Örtchen unter Gleichgesinnten erschaffen. Fremde Einflüsse können unser Weltbild hier nicht zum Kippen bringen. Und so werden fremde Gedanken in die ewige Verdammnis entsandt, bevor sie überhaupt gründlich durchdacht werden können. Das Resultat: Die Gesellschaft hat immer mehr Mühe, mit verschiedenen Meinungen umzugehen.

Und wenn man dann einmal etwas anderes liest, ist man in höchstem Grade schockiert – wie etwa bei dem umstrittenen Essay einer Zeit-Redaktorin, den ich im letzten Beitrag erwähnte. Gerade an dem Beispiel konnte man ja wunderbar beobachten, wie oftmals gar nicht auf das Argument eingegangen wurde, stattdessen argumentiere man gegen etwas, das die Person nie gesagt hat – oder wenn, dann in einem völlig anderen Kontext.

Dass die Filter Bubble zwar innerhalb der Gruppe verbindet, die Gesellschaft aber in zwei Lager spaltet, bestätigt auch der US-Autor und Politologe Eli Pariser in seinem Buch "Filter Bubble". Darin warnt er davor, dass wir uns in unserer Filterblase vom Rest der Welt abschotten, auch von neuen Ideen und Informationen. Das habe eine Verengung der Weltsicht zur Folge, die gefährlich sei für die Gesellschaft, da es den Diskurs erschwere.

Ich gestehe, ich bin da teilweise nicht besser. Wenn in Leserkommentaren meine Ansichten bestätigt werden, gefällt mir das ungemein. Umgekehrt beschleicht mich manchmal fast eine heimliche kleine Freude, wenn ein Autor in seinem Text meine Weltanschauung teilt. Als liberal gesinnter Mensch, der sich politisch irgendwo in der Mitte verortet, versuche ich aber, zumindest offen zu sein für andere Meinungen, versuche, das Motiv dahinter zu verstehen. Sei es bei Social Media oder bei Zeitungsartikeln, ich bemühe mich, Ansichten aus dem gesamten politischen Spektrum zu lesen – auch wenn ich mich dabei teilweise fürchterlich aufrege oder es meine Vorurteile bestätigt.

Leider kann das Bemühen, auch seine Followerschaft zu öffnen für andere Ansichten, zünftig in die Hose gehen, wie ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt. Schauspieler Mark Duplass ("Zero Dark Thirty") hatte seiner Twitter-Fangemeinde, für einen Hollywoodler fast schon todesmutig, den meinungsstarken konservativen Journalisten Ben Shapiro zum Folgen empfohlen: "Wenn ihr interessiert daran seid, den Gang zu überqueren, empfehle ich euch Ben Shapiro. Ich stimme mit ihm nicht in vielem überein, aber er ist eine ehrliche Person, er beugt die Wahrheit nicht. Seine Absichten sind gut." Der Tweet war sozial nicht sehr ergiebig. Gelinde gesagt. Der Shitstorm des getriggerten Internet-Mobs war so heftig, dass Duplass den Tweet löschte und sich entschuldigte – ein Impuls, den er besser unterdrückt hätte, denn etwas Gutes über einen politischen Gegner zu sagen, beweist Toleranz und Grossmütigkeit.

In den USA zeigt sich die Spaltung der Gesellschaft besonders deutlich, Liberale und Konservative haben zu den meisten zentralen Themen eine 180 Grad entgegengesetzte Meinung. So ganz anders ist es bei uns ja nicht. Darum braucht es mehr starke Persönlichkeiten, die nicht einknicken bei Gegenwind. Natürlich ist das einfach gesagt; bei 1000 bösen Tweets, Morddrohungen oder Firmen, die sich von einem distanzieren, zieht man sich lieber zurück. Aber das Aushalten ist so unheimlich wichtig für unsere Meinungsfreiheit.

Nach dem Shapiro-Schema sollte es nicht ablaufen. Und selbstverständlich kann man nicht immer objektiv sein. Aufeinander zugehen heisst auch nicht, seine eigenen Positionen aufzugeben. Aber neue Impulse aufzunehmen, fremde Ideen ein bisschen open minded und pragmatisch anzugehen, das ist nicht so unvernünftig. Man muss nicht alles von einer Person gut finden, um vor ihr Respekt zu haben.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018

Ich, Sexistin

Eine jüngst bei The Guardian veröffentlichte Studie hat herausgefunden: "Männliche Journalisten ignorieren ihre Kolleginnen bei Twitter". Das "Gender-Ungleichgewicht" führe dazu, dass Journalistinnen nicht die gebührende Aufmerksamkeit für ihre kreative Arbeit bekommen; dieser Alltags-Sexismus kreiere Nachteile für Frauen im Job.

Die eigenen Vorurteile werden ja immer gerne gepflegt, deshalb stelle mir das so vor, dass sich die Studienmacher zuerst gefragt haben, in welchem Bereich des Lebens man noch Sexismus anprangern könnte. Dann haben sie darum geknobelt und sich bei "Twitter" dazu entschlossen, eine Studie abzufassen. Twitter ist von dem Sexismus-Gedöns bislang mehr oder weniger verschont geblieben.

So oder so: Der Sexismus-Vorwurf ist heute in allen Lebenslügen, pardon, -Lagen, wie ein Joker, er bekommt Instant-Beachtung und funktioniert auch ohne Erbringung des Beweises, der ein bestimmtes männliches Verhalten zwingend an Überlegenheitsfantasien und Diskriminierung gegenüber Frauen koppeln würde.

Aber einverstanden, es ist schon so: Männer beschäftigen sich bei Twitter mehr mit ihresgleichen als mit dem weiblichen Geschlecht. Und hier mein Geständnis: Ich tue es auch. Ich kommentiere, like und retweete Beiträge von Männern viel öfter als solche von Frauen. Von den 137 Accounts, denen ich bei Twitter folge, sind nur 33 weiblich. Alarmierend ist das, wie ich jetzt aus der Studie im Guardian erfahre: "Nimmt man die Bedeutung von Twitter im Polit-Journalismus, kann es gut sein, dass dieses Gender-Ungleichgewicht einen noch grösseren strukturellen Nachteil für Journalistinnen in ihrem Beruf schafft."

Als Teil des sexistischen Patriarchats bin ich also mitverantwortlich für die Verdrängung von kreativen Journalistinnen an den äusseren Twitter-Rand, und auch für gewisse Probleme, denen sie in ihrem Job begegnen. Irgendwie habe ich es ja immer geahnt.
Die Studie, die im deutschsprachigen Raum unter Journalistinnen rege geteilt wurde, ist von "American Political Reporters" und basiert auf 2,292 analysierten Twitter-Konten von Journalisten in Washington DC. Konkret steht da, dass männliche Polit-Journalisten ihren Kollegen in 91,5% ihrer Zeit antworten und sie dreiviertel Mal mehr retweeten als ihre weiblichen Kolleginnen: “Am alarmierendsten ist, dass männliche Journalisten sich bei Twitter fast ausschliesslich mit ihresgleichen beschäftigen, während Journalistinnen sich eher mit Journalistinnen befassen." Diese männliche Dominanz erschwere es Journalistinnen gerade bei politischen Debatten, sich Gehör zu verschaffen.

Zu wenig Beachtung für die Damen? Frauen und die Opferrolle: Man kommt irgendwie nicht voneinander los – es erinnert spontan an Glenn Close in Fatal Attraction. Und weil eben Fakten zur Rechtfertigung von Sexismus-Ideen nicht so wahnsinnig gut taugen, begnügt man sich mit deren taktvoller Auslassung. Denn Tatsache ist: Verschiedene Faktoren, die nichts mit Sexismus zu tun haben, erklären das Phänomen der bescheideneren Berücksichtigung von Frauen in den sozialen Medien. Das Online-Verhalten bei den Geschlechtern ist grundsätzlich unterschiedlich: Frauen nutzen soziale Medien eher dazu, um sich mit Freunden und Familie zu unterhalten, ihr Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen, während Männer da eher Job-mässig unterwegs sind und ihre Accounts aus dem Grund möglicherweise mit mehr Ambition und Aufwand verwalten. Laut einem Artikel des Wirtschaftsmagazins persönlich.com, der das Online-Verhalten von Influencern beschreibt (bekannte Journalisten sind auch Influencer), liken Frauen gerne und häufiger, Männer schreiben tendenziell lieber eigene Beiträge.

Preisfrage: Wem folgt und mit wem interagiert man also eher? Mit Personen, die mehr eigene Beiträge posten oder solchen, die meist nur liken und retweeten? Das heisst nicht, dass Frauen grundsätzlich weniger Eigeninitiative demonstrieren, aber bei Twitter und Facebook geht es in die Richtung. Zudem sind Männer meines Erachtens in ihren Beiträgen einen Zacken couragierter, schneidiger, ihre Posts kommen weniger überlegt daher, dafür authentischer und ja, man kann es auch Spontaneität zu Lasten der Professionalität nennen – aber das bewirkt eben mehr Kontakte. Der Hauptgrund aber, warum ich mich in den sozialen Medien mehr mit Männern beschäftige, ist ihr Humor. Männer sind lustiger als Frauen.

Man kann also Studien wie diese so deuten, dass Journalistinnen bei Twitter wegen der männlichen Dominanz ignoriert werden, kann das Argument derart überstrapazieren, dass es sogar für systematische Nachteile im Job herhalten muss – eine wunderbar bequeme Denkweise, die einem befreit von mehr eigener Initiative, Originalität und Mut. Oder man kann sie so interpretieren, dass viele Frauen sich eben mit anderen, wichtigeren Dingen als Twitter beschäftigen – mit ihrer Arbeit oder der Familie. Oder, wenn bei Twitter, dann mit Fotoaustausch unter Freundinnen und dergleichen.

Auf jeden Fall dürfte es nicht lange dauern, bis das Unternehmen – um auf der Höhe der Zeit und ihrer Nörgeler zu sein – diesbezüglich neue Regeln einführt und Männer dazu verpflichtet, den twitternden Damen vermehrt Beachtung für ihre kreative Arbeit zu schenken und ihre Beiträge uneingeschränkt zu liken, teilen und kommentieren.

Zwecks Erfolgspotential im Humorbereich hätte ich dann einen Vorschlag: Die Herren könnten das Verfassen dieser Tweets doch gleich mitübernehmen. Ich weiss, jetzt gibt’s zünftig eins obendrauf.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018

Freitag, 29. Juni 2018

Moderner Feminismus: Angriff auf die Schönheit

Es gibt zwei Arten von Frauen. Die einen haben Spass. Sie sind mit sich im Reinen. Handeln selbstbestimmt. Strahlen Zuversicht aus. Sie lieben das Frausein. Zelebrieren ihre Dekolletees und die Weiblichkeit. Die Anerkennung dafür nehmen sie dankbar an.
Die anderen, die sind neidisch. Frustriert. Hypersensibel. Dauerempört. Regen sich über Unterwäscheplakate auf, über lustige Werbung auch. Den Blick aufs Dekolletee halten sie für sexuelle Belästigung, ein Kompliment für einen Übergriff und den Hostessen-Job für die reinste Demütigung. Diese Frauen sind durchdrungen von dem Verlangen, alle Bereiche, in denen sie nicht mithalten können, abzuschaffen. Haben sie keinen Spass, sollen ihn auch die anderen nicht haben. Wir sprechen von der vierten Welle der Feministinnen, und mit ihrem Angriff auf die weibliche Schönheit haben sie derzeit grossen Erfolg.

Neulich bin ich über einen Artikel gestolpert. "Grüne wollen Miss-Wahl auch für weniger Schöne" titelte die Berliner Zeitung B.Z. Die Grünen-Politikerin Marianne Burkert-Eulitz beschwerte sich, dass "Jugendliche, die nicht gross und schlank sind, bei Miss-Wahlen ausgegrenzt" würden. Jeder solle eine Chance bei einem Schönheitswettbewerb bekommen – auch weniger schöne Menschen. Persönlich finde ich ja, man könnte noch weiter gehen: Damit sich niemand aufgrund seines Aussehens ausgrenzt fühlt, sollte man Teilnehmer von Schönheitswettbewerben nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach ihren Bastel-Fertigkeiten beurteilen. Oder nach ihrem Umgang mit Entenküken. Ihrem Erfolg beim Biotomatenanbau.

Der Artikel ist zwar ein paar Jährchen alt, im Zuge der Miss-America-Neuerungen hat er aber neue
Relevanz erlangt – auch meine Ideen wurden da übrigens mehr oder weniger zielstrebend umgesetzt. Anfangs Juni teilte die Organisation mit, dass der Badeanzug-Teil, also der Höhepunkt der Schönheitswahl, künftig abgeschafft wird. Die Teilnehmerinnen müssen sich auch nicht mehr im Abendkleid und hohen Schuhen präsentieren, sie können anziehen "was immer sie wollen". Der Wettbewerb werde neu für "Frauen aller Figuren und Grössen" sein. Statt auf physische Attribute werden die Juroren auf soziales Engagement und die Ziele im Leben der Frauen fokussieren. "Wir werden unsere Kandidatinnen nicht länger aufgrund ihrer physischen Erscheinung beurteilen, das ist riesig", jubelte die Vorsitzende Gretchen Carlson beim TV-Sender ABC. Sie nannte es eine kulturelle Revolution.
Yaaaaay! Schlabberlook und flache Schuhe! So revolutionär, so fortschrittlich, so frauen-gerecht! Genau das, was die Zuschauer bei Misswahlen sehen wollen. Und wer dann die richtigen Gedanken auspackt ('Ich bin gegen Diskriminierung') und sich für die richtige Sache engagiert (Frauen/ Transgender/ Schwule/ Lesben/ ethnische Minderheiten und Weltfrieden), gewinnt das Krönchen. Wenn man bedenkt, dass die allermeisten Frauen an dem Schönheitswettbewerb teilnehmen, weil sie eine Karriere als Astrophysikerin anstreben, macht der Entscheid durchaus Sinn. Konsequenterweise sollte man auch das Makeup bei dem Auftritt abschaffen.

Irgendwie passend zu der Sexismus-Thematik schrieb die deutsche Slam-Poetin und Spiegel Daily-Kolumnistin Sophie Passmann neulich einen Tweet, in dem die 24-jährige ein Foto kommentierte, das zwei Hostessen zeigt, die eine neue Tafel im deutschen Wirtschaftsministerium enthüllen. Der dazugehörige Minister, ein älterer Herr, steht daneben (und guckt der Enthüllung zu): "Haben wir 2018? Kann das auf dem Foto so schlecht erkennen, weil da 2 HOSTESSEN IM MINIKLEID im Wirtschaftsministerium stehen." Oh. Mein. Gott. UNERHÖRT. Zwei Hostessen machen einen Job, freiwillig, den sie sich irgendwann freiwillig ausgesucht haben, tragen obendrein erst noch freiwillig ein MINIKLEID. Und ein Mann steht daneben und schaut ihnen zu. Ein MANN. Die Schönen und das Patriarchat, die Herablassung gegenüber dem weiblichen Geschlecht, sie ist bildlich, schamlos, und sie dringt aus allen Pixeln. Reicht mir bitte jemand Baldriantropfen, bevor meine Empörung darüber spontan meinen Kopf auf die Tischplatte knallen lässt…?

Kriegen wir uns wieder ernsthaft ein. Man könnte nun einwenden, dass es doch keine Rolle spielt, was ein paar Feministen in Interviews und sozialen Medien und auch sonst wo von sich geben. Gelangweilte Mütter, Studentinnen mit Masterfach rhythmischer Ausdruckstanz, Moralistinnen, deren bröckeliges Gedankenhochhaus eh keiner ernst nimmt. Das Problem ist, es spielt eine Rolle. Passmanns Tweet hat mit über 4000 Likes voll ins Schwarze getroffen und wegen der Empörungsschübe selbsternannter Frauenversteherinnen fallen derzeit einige der letzten Bastionen weiblicher Reize: die Formel 1-Gridgirls wurden abgeschafft (konkret: die Frauen haben ihren Job verloren), die Darts-Walk-On-Girls ebenso, Hostessen stehen zur Diskussion, die Cheerleader wackeln, Nummerngirls beim Boxen auch. Misswahlen werden in pseudo-intellektuelle Charityevents umgemodelt.

Feministen bekämpfen die Fokussierung auf äussere Merkmale, weil sie die Frau angeblich zum (Sexual)Objekt degradieren und jene ausgrenzt, die weniger schön, schlank und gross sind. Natürlich wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Sie tun es, weil sie der Neid quält. Mit Ausgrenzung hat das nichts zu tun. Wer sich aufgrund seiner kleinen Statur und seiner grossen Nase (meine eigene fällt im Übrigen auch in die Kategorie) irgendwo ausgegrenzt fühlt, der hat Probleme, die über das Frausein hinausgehen, die irgendwo beim Selbstwertgefühl angesiedelt gehören und die auch die Verbannung von sexy Anblicken aus der Öffentlichkeit nicht zu lösen vermag.

Bei einer Miss-Wahl misst sich nun mal Schönheit, und auch wenns für manche schrecklich klingt, es gibt eine objektive, universelle Schönheit, nach der die Gesellschaft Individuen beurteilt. Der Protest dagegen ist so aussichtlos wie der Kampf gegen Zellulite, egal, wie viele Berufe man einstampfen wird. Bei Schönheitswettbewerben geht es um Attraktivität, so wie es beim olympischen Hammerwerfen um Kraft geht und dort wohl keinem in den Sinn käme, nach einem speziell leichten Hammer zu verlangen, damit ihn auch ein 50 Kilo-Frauchen werfen kann. Es ist Blödsinn, alles so anpassen zu wollen, damit alles für alle möglich ist. Unattraktive Menschen müssen nicht an Schönheitswettbewerben teilnehmen. Und ganz grundsätzlich, warum soll das Fokussieren auf physische Attraktivität schlecht sein? Warum ist Schönheit weniger wert als beispielsweise Intelligenz? Intelligenz wird durch Gene mitbestimmt, Schönheit auch. Ausserdem schliessen sich Eigenschaften wie Sexyness und Intelligenz oder Selbstbestimmung gegenseitig ja nicht aus, und Schach- und Bikiniwettbewerbe können wunderbar nebeneinander existieren.

Kaum ein Gridgirl oder eine Hostess sieht sich als würdeloses und diskriminiertes Sexobjekt. Es sind Frauen, die eine Entscheidung für sich getroffen haben. Feministen aber verbreiten dieses Bild seit Jahrzehnten, dabei ist es nicht nur eine schamlose Lüge, sondern auch eine Schmälerung der Verdienste jener Frauen, die sich für ihren Körper abrackern. Dass sich ihr Angriff gerade gegen ihre Selbstbestimmung richtet, ist in ihrer Säuberungswut wohl untergegangen.

Wenn Feministen uns in ihre vorgefertigte Frauenform pressen wollen, bestimmen wollen, wie wir zu denken und uns zu verhalten haben, was für uns gut oder schlecht ist, dann tun sie das ja im Namen der Gleichberechtigung. Genau deshalb hat die Feminismus-Bewegung nichts mehr gemein mit ihrer Ursprungsidee, als tapfere Frauen einst gegen ihre systematische Unterdrückung kämpften, später für das Recht auf politische Mitbestimmung, und sich dann gegen das Patriarchat auflehnten. Heute bekriegt die vierte Welle der Gretchen Carlsons dieser Welt alles, was nicht in ihr eigenes Konzept passt. Sie übermalen Gedichte, hängen Bilder ab, stampfen ganze Berufsgattungen ein – und wer das alles zu kritisieren wagt, wird als frauenfeindlich und reaktionär beschimpft und in eine ungemütliche politische Ecke gedrängt.

Ich habe darum meine eigene These: Dem Feminismus geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung. In den vergangenen Jahren hat man zwar hat so getan, als stünde man für Fortschritt bei den Geschlechtern, und solange man die Sorte Selbstbestimmung förderte, die nicht mit den eigenen Ansichten kollidierte, war es bequem und man selbst unverdächtig. In Wirklichkeit aber kämpfen die modernen Feministinnen nur für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen, um Autorität, und darum, diese kompromisslos durchzusetzen – Freiheitsvernichtung nach Diktatorinnen-Art. Dabei gehen sie so clever vor, dass es kaum einer merkt.


BaZ/TE im Juni 2018

Liebe Deutsche, mässigt euren WM-Jubel

Ich hoffe ja sehr, dass sich unsere Nachbarn im Norden über die Tore der Deutschen Nationalmann…... pardon, der Mannschaft, während der WM nicht zu fest freuen. Sich nicht zu fest von Stolz und Heimatgefühlen hinreissen lassen. Nicht zum Patrioten mutieren. Denn solche Gefühle, die sind ein grosses Problem.

Was bei der der WM geht und was nicht, eine kleine Erklärung: Fähnchen aufhängen, das ist okay. Zumindest, wenn es nach der Grünen-Politikerin Claudia Roth geht. Sie hat es im Interview mit dem Tagesspiegel explizit erlaubt: "Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen."

Aber bitte nicht übertreiben, denn Frau Roth sagt weiter: "Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung."

Persönlich deute ich das so, dass zurückhaltendes Klatschen und zu einem Lächeln verzogene Mundwinkel im grünen Bereich liegen, die Arme hochreissen und lautes Herumgekreische jedoch die Grenze des Zumutbaren ziemlich sicher überschreiten. Auf keinen Fall geht blasiertes Klopfen auf die stolz geschwellte National-Brust und frenetischem Riesenfahnen-Schwenken, das ist der direkte Weg in den Nationalsozialismus. Prompt bringt Frau Roth in ihrer Argumentation ja auch eine rechte Partei ins Spiel, die "auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören". Das liesse sich nicht einfach so ausblenden und Leute sollten das beim Feiern im Blick haben.

So weit, so Nazi. Jetzt aber haben wir ein Problem mit den Fähnchen. Während Frau Roth dieses bedrohliche Stück Stoff erlaubt, haben ihre jugendlichen Freunde im Geiste, die Linksjungend "Solid", etwas dagegen. Unter dem Motto "Deutschland knicken" riefen sie auf ihrer Webseite jüngst zur "kritischen Intervention im nationalen Fahnenmeer“ auf. Konkret steht da, man solle Deutschlandfähnchen an Autos und auch sonst wo "fangen" und "knicken" – im nicht-linken Sprachmilieu auch bekannt unter stehlen und zerstören. Auf der Webseite steht weiter, dass während der WM der "öffentliche Raum zunehmend schwarz-rot-gold gefärbt" sei und diese Tatsache oft als "harmloser Party-Patriotismus verklärt" würde. Das Mitfiebern für das eigene Team verletzte aber und werte diejenigen ab, die dabei ausgeschlossen werden: "Aussen vor bleiben insbesondere Migrant*innen, People of Colour und andere Menschen, die nicht als Teil des nationalen Kollektivs betrachtet werden." Auch würde die Zahl rassistischer Gewalttaten zu Zeiten von Fussballmeisterschaften steigen.

Die beherzten jungen Spassförderer haben für ihr "Deutschland knicken" extra eine Broschüre angefertigt. Unter dem Titel "Techniken und Kniffe für das Fähnchenfangen" erklären sie in aller Gründlichkeit die Pros und Kontras von "Abbrechen, Abreissen, Abschneiden und Anbrennen". Weil sie die verschiedenen Varianten zuvor getestet haben, wird für den grösstmöglichen Erfolg das Abschneiden empfohlen, bei dem "eine mitgeführte Schere schnelle und sichere Ergebnisse liefert."

Es ist nicht das erste Mal, dass junge linke Denker in Deutschland mit scharfsinniger Logik aufwarten. Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz schrieb schon bei der Fussball-EM 2016, dass "Nationalstolz die Gewalt und nationalistisches Gedankengut stärkt". Unter dem Slogan "Patriotismus = Nationalismus, Fussballfans Fahnen runter!" forderten sie ein Fahnenboykott. Bei der Fussball-EM 2012 verteilte die Jugendorganisation der Grünen Anti-Patriotismus-Aufkleber, die eine durchgestrichene Deutschlandfahne zeigten und die Aufschrift „Patriotismus? Nein danke!“. Der Fahnen-Zirkus ist unter jungen Linken aus aller Welt beliebt: Wegen Gefahr von Nationalismus und "Militarisierung der ganzen Welt" riefen die Schweizer Jusos 2014 anlässlich unseres Nationalfeiertages zu Verzicht auf Schweizer-Flaggen auf.

Wenn also Patriotismus zu Ausgrenzung führt, zu Nationalismus auch, und wenn aus Fussballfans übergangslos Nazis werden, müssen Weltmeisterschaften neu betrachtet werden: Wir sollten künftig jegliche Verbundenheitsgefühle eindämmen – Gefahr wegen Verletzen von Gefühlen. Wir sollten bei den Sporttrikots auf die Landeszeichen verzichten – Gefahr von rassistischer Gewalttaten. Den Jubel bestmöglich unterdrücken – Gefahr wegen Selbstbeweihräucherung. Fähnchen verbieten – Gefahr der Abwertung. Wir sollten Turniere mit Nationalbezug möglicherweise streichen – Gefahr wegen Militarisierung. Und Nationalitäten grundsätzlich abschaffen – Gefahr wegen all dem zusammen.

Da die Empfehlung von Politikern, wie genau man die Freude über seine Mannschaft ausdrücken sollte, erfahrungsgemäss sehr viele Fussball-Begeisterte interessiert, sollte man subito rausgehen und seine Fähnchen abhängen. Denn diese am Auto oder sonst wo anzubringen, ist nicht nur Ausgrenzung, vor allem ist es Anstiftung zu Straftaten, denn damit hetzt man die Linksjugend auf und stachelt sie zu Diebstahl und Sachbeschädigung an. Das sollte einem einfach bewusst sein.


veröffentlicht bei TE Juni 2018

Böhmermann checkt's nicht, Schwarze Listen und Abweichler

Neulich hat mich Jan Böhmermann bei Twitter geblockt. Der Comedian mochte meinen Tweet nicht: "Ein Satiriker blockt alle, die sich über IHN lustig machen. Nebst Hyperempfindlichkeit verrät das auch einiges über Stehvermögen. Und Grösse." Hintergrund meiner Bemerkung war, dass Böhmi mit der Routine einer Vollblut-Mimose bei Twitter alle blockt, die sich kritisch über ihn äussern. Mit Blocken schliesst man unliebsame Follower aus, sie können dann nichts mehr von einem lesen. Persönlich habe ich noch nie jemanden geblockt, trotz Beleidigungen und all dem Mist.

Böhmi blockt nicht nur wahnsinnig gerne, der ZDF-Mitarbeiter erstellt auch Listen von Personen, die man blocken sollte. Mit der Aktion "Reconquista Internet", die er in seiner ZDF-Show lancierte, wolle er rechte und rechtsradikale Trolle und Hater im Internet bekämpfen. Die Liste mit den bösen Twitter-Accounts verbreitete er anfangs Mai bei Twitter.

Weil im aktuellen Deutschland ja jeder, der politisch eher rechts oder konservativ oder liberal-konservativ ist, auf derselben Stufe steht wie ein Total-Nazi, finden sich auf Böhmis Liste nebst echten rechtsextremen Trollen auch unzählige Twitter-Konten von kritischen Zeitgenossen wie etwa dem Philosophen Dushan Wegner oder Verleger Roland Tichy. Listenhunde gibt’s schon lange, neu gibt’s auch Listenmenschen. Böhmi, bravo.

Böhmi ist nicht der einzige, den schwarze Listen in einen Zustand heldenhafter Überlegenheit versetzen. Die Deutschen stehen auf Ketzer-Verzeichnisse. Wie sonst lässt sich erklären, dass sich diese öffentlichen Pranger, die ideologisch Abtrünnige zum Schweigen bringen sollen, verbreiten wie unbehandelter Ausschlag? Vergangenes Jahr erstellte das Online-Lexikon Agentin*In eine Liste mit angeblichen "Gegnern des Islam", "Gegnern der Homosexuellen", und der Genderforschung. Hier fand man Autoren wie Alexander Kissler, Birgit Kelle, Matthias Matussek und auch Weltwoche-Verleger Roger Köppel. Wegen zu viel Kritik existiert die Liste nicht mehr. Im März veröffentliche Welt.de unter dem Titel "Rechts? Deutsche Schriftsteller im Schnell-Check" eine Liste von Abtrünnigen, klatschte auf deren Foto einen roten Warnstempel, wie auf das von Uwe Tellkamp, der es gewagt hatte, sich kritisch über die aktuelle Einwanderungspolitik zu äussern.

Was aber macht diese lose Gruppe prominenter Andersdenkender so gefährlich, dass die Gesellschaft mit Hingabe vor ihnen gewarnt werden muss?

Zuerst einmal sind es lästige, unerwünschte Provokateure. Sie setzten sich über das Dogma einer moralisierenden Gesellschaft hinweg, das ihnen bestimmtes Denken vorschreiben will. Freie Autoren, Intellektuelle, Gründer von alternativen Medienplattformen, die meisten kennen sich untereinander, bestreiten gemeinsam Auftritte. Der Grossteil unter ihnen setzt sich in den sozialen Medien in Szene. Sie haben sich dort eine enorme Reichweite erschaffen, weil dort Meinungen und Texte jenseits des Mainstreams verbreitet und ausgetauscht werden, User sich von den alternativen Angeboten oftmals mehr angesprochen fühlen als von klassischen Medien. Populär sind sie nicht nur wegen ihres Mutes, unbequeme Wahrheiten anzusprechen, sondern weil sie fundierte Begründungen gleich mitliefern.

Natürlich haben sie nicht immer recht. Auch können ihre Ansichten für andere verletzend sein. Möglicherweise argumentieren sie teilweise einseitig. Ich stimme ihren Ansichten oft nicht zu, halte sie für übertrieben. Die Gesellschaft lechzt aber nach einem offenen Diskurs. Und diese Personen, die ich teilweise persönlich kenne, möchten sachliche Diskussionen vorantreiben. Der Preis dafür ist der Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus, als Handlanger der Nazis zu agieren, auf öffentlich verbreiteten Listen nennt man sie mit Letzteren in einem Atemzug. Auch die Autoren Henryk Broder und Rainer Meyer alias Don Alphonso sind Teil der verhassten Gruppe. Werbeleute haben für Broders Website Achse des Guten schon ein Werbeboykott empfohlen; nach anhaltender Kritik hat er soeben auf einen Literaturpreis verzichtet. Don Alphonso habe "die Marktlücke eines elitären Rechtspopulismus für sich entdeckt", schrieb die TaZ.

Je mehr Diffamierung diese Gruppe - insbesondere von anderen Medien - erfährt, desto mehr scheint ihr Publikum zu wachsen. Unter Don Alphonso's Blog, den er neu für Welt.de schreibt, findet sich regelmässig eine Rekordanzahl an Kommentaren. Das von Roland Tichy gegründete liberal-konservative Meinungsmagazin Tichys Einblick hat monatlich drei Millionen Besuche auf seiner Seite. Autorin Birgit Kelle zählt zu den gefragtesten Gästen in Talkshows. Philosoph und Buchautor Dushan Wegner hat sich mit seinen pointierten Texten über Politik zum Influencer emporgeschrieben. Henryk Broder hat auf Youtube Hunderttausende Zuschauer. Menschen vor ihnen zu warnen, scheint vor allem eines: Unfreiwillig komisch. 

Weil man sich auf die Dauerempörten blind verlassen kann, ist es keine Überraschung, dass es in den USA nach ähnlichem Muster abläuft. Dort heisst die Gruppe der prominenten Irrgläubigen "Intellectual Dark Web." In ihrem jüngst erschienen Artikel in der New York Times erzählt Bari Weiss von geächteten Intellektuellen, von Professoren, die aus ihrer Uni gedrängt werden, von kritischen Stimmen, die mundtot gemacht werden sollen. Konservative, Liberale, Libertäre, alles dabei, von Neurowissenschaftler Sam Harris über Psychologieprofessor Jordan Peterson bis zur Feministin Ayaan Hirsi Ali und den konservativen Autoren Ben Shapiro und Douglas Murray ('Der Selbstmord Europas').
Ihr Vergehen: Sie halten Dinge wie Identitätspolitik für schädlich für die Gesellschaft, sie sprechen sich öffentlich gegen Gender-Ideologie aus, sie glauben an biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau. Zusammen haben sie ein Millionenpublikum in den sozialen Medien, sind zu einer intellektuellen Macht abseits vom Mainstream herangewachsen. Autorin Weiss greift in ihrem Text die Frage auf, wie gut sich diese neuen Alternativ-Stars abgrenzen von Trollen, Rechtsextremen, Verschwörungstheoretikern, die ihnen zu Ruhm mitverhelfen, indem sie ihre Meinungen und Beiträge mit dem eigenen Millionenpublikum teilen und weiterverbreiten. Sie fürchtet eine Manipulation der Zuschauer, weil viele Menschen keine Alternative kennen würden und es nicht besser wüssten.

Die Frage ist berechtigt. Mit grossem Publikum kommt grosse Verantwortung. Viele Menschen teilen Beiträge unkritisch, übernehmen Fake News oder Meinungen ohne zu hinterfragen – schwarze Listen auch. Aber: Sich öffentlich abzugrenzen, weil man eventuell gewisse weltanschauliche Schnittmengen hat mit einer verhassten Person oder Gruppe, ist Blödsinn. Warum sollte man sich von etwas distanzieren, wo man nicht Teil davon ist? Niemand muss sich vorschreiben lassen, wie er zu denken hat. Wer einen liest, zustimmt, im Internet teilt – das liegt ausserhalb seiner Kontrolle. Der Vorwurf des Helfershelfers offenbart deshalb eine sehr beschränkte Denkweise.

Zurück zu Böhmi: Auch wenn es moralisch fragwürdig ist, jeder darf schwarze Listen entwerfen, wenn es ihm Genugtuung verschafft. Jeder hat das Recht, andere zu blocken. Jeder darf behaupten, dass der andere ein rassistischer Hornochse ist. Wer mit seiner Meinung provokativ unterwegs ist, sollte Gegenwind bis zu einem gewissen Punkt aushalten können (für Satiriker gilt das selbstverständlich nicht!!).

Wer aber Menschen auf Blacklists vorführt, wer wie der Schmähdichter seinen Millionen vor allem junger Fans Andersdenkende zum Blocken empfiehlt, dem sollte klar sein, dass er damit nicht nur dem Diskurs schadet und die Spaltung der Gesellschaft fördert. Vor allem entsprechen ihre Aktionen genau dem totalitären Gedankengut, das sie eigentlich zu bekämpfen glauben. Nur fehlt ihnen die Geisteskraft, das zu erkennen.


veröffentlicht bei BaZ/TE im Mai 2018

Cultural Appropriation: Ein verdammtes Kleid


"My culture is NOT your goddamn prom dress." Meine Kultur ist nicht dein verdammtes Prom-Kleid. Bumm. Herr Lams Gemüt war am Wochenende bei Twitter feurig erregt. Nein, Herrn Lam, einen jungen Asiaten aus den USA, muss man nicht kennen. Ein Mädchen hat Bilder von ihrer High-School-Feier gepostet, auf denen es ein Qipao trägt. Das Fräulein ist keine Chinesin, notabene. Ein Qipao ist aber ein traditionelles chinesisches Kleid, hoher Kragen, seitlicher Schlitz, aus Seide oder Satin, dessen Tragen für Nicht-Chinesen strikt verboten ist. Zu meiner Schande besitze ich auch eines, habe schon darin moderiert. Herr Lam hatte das aber nicht mitbekommen.

Und in China fällt ein Sack Reis um, denken Sie jetzt vielleicht. Von wegen. Zwar dürften sich Chinesen in China über den von Massenmedien aufgegriffenen Qipao-Skandal schlapp lachen, in den USA aber hat das Stück Stoff ein Erdbeben ausgelöst. Innert kurzer Zeit hat Herrn Lams Tweet 177'000 Likes erhalten. Ein Volltreffer, Herr Lams Durchbruch sozusagen. Er hat 177'000 Menschen überzeugt, dass das Mädchen das falsche Kleid trägt. Der Fauxpas liegt auf einer Schlimmheitsskala etwa auf derselben Stufe, wie wenn ich mir ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren lasse und damit auf eine Feier gehe. Oder mich in ein weisses, oben spitzes Bettlaken hülle.

Herr Lam schreibt weiter, das Kleid sei ursprünglich für Chinesinnen kreiert worden, die als Reinigungskraft arbeiteten. Zu einer Zeit, als asiatische Frauen unterdrückt wurden, sei es Symbol ihres Aktivismus geworden. Es bedeute Gender-Gleichheit. Es habe die Teilung der Klassen durchbrochen. Dass das Qipao einfach Teil des amerikanischen Materialismus ist und einem weissen Publikum diene, sei vergleichbar mit kolonialer Ideologie.

Das sind Argumente vom Format eines Jahrhundertdenkers. Mao höchstpersönlich hätte das nicht besser formuliert. Warum ist das noch nicht bei allen angekommen? Chinesische Gewänder dürfen nun mal nur Chinesen tragen. Kimonos nur Japaner, Saris nur Inderinnen, Dirndl nur Bayerinnen und Österreicherinnen. Anzüge und Krawatte sind nur weissen Männern erlaubt, gestrecktes Haar weissen Frauen. Wer nicht Amerikaner ist, sollte keine Levis tragen, Nicht-Italiener nicht italienisch kochen. Wagner singen oder Mozart klimpern geht nur bei Europäern, eine Demokratie ausrufen nur bei den Griechen. Und dass so viele Nicht-Babylonier mathematische Formeln benützen – ohne Worte! Solange wir diese Segregation nicht alle verinnerlicht haben, wird das nie etwas mit dem Wir-Gefühl, mit interkultureller Würdigung und Toleranz.

Der Trend geht ja sowieso weg von der Durchmischung von Kulturen. Denn Durchmischung heisst Diebstahl von Identitäten und cultural appropriation, also Aneignung von Kultur, heisst rassistische weisse Menschen, die sie herabwürdigen, Textil einfach als Fashionstatement oder Kostüm benützen. Kleider haben aber eine lange Geschichte. Wie auch das Qipao, das an einem Tag irgendwo in Taiwan, pardon, in China, für Fr. 18.99 produziert wurde.

Weisse sollten bei Diskussionen um Identitätspolitik ohnehin nicht mitreden. Und besser dem gefeierten Herrn Lam zuhören, wie 177'000 Kultursensible es vernünftigerweise tun. Er selbst kleidet sich zwar nicht wie ein Chinese im 19. Jahrhundert, auf seinem Profilbild trägt er Shorts und eine Baseballkappe von Adidas, aber auf Twitter schrieb er immerhin: "Ich esse Tamales mit Stäbchen." Und in Guatemala fällt gerade ein Sack Mais um.


Legalize it!

Vergangene Woche hat die FDP in Deutschland einen Tweet abgesetzt, in dem sie die Cannabis-Legalisierung forderte. Selbstverständlich hat das Empörungswellen ausgelöst, spürbar bis in die Schweiz, wo übrigens gerade im April die Unterschriftensammlung begonnen hat für die Initiative zur Cannabis-Legalisierung. Nun, liebe Leser, chillen Sie ein bisschen. Auch wenn es mir Kritik einbringt: Ich stimme dem legalen Kiffen zu.

Kiffen ist ein Tütchen Entspannung, ist maximal dummes Gelaber, gemütliches Beisammensein auch. Lachsalven, Fressattacken und ein Gang durchs Zeitlupenuniversum. Kiffen ist in der Gesellschaft nicht so stark verankert wie Alkohol- oder Nikotinkonsum. Die Männerriege vom Turnverein raucht nach dem Korbball keinen Joint – eher kippt man im nächsten Lokal ein Bier oder Glas Wein. In Deutschland kiffen circa vier Millionen Menschen, in der Schweiz hunderttausende. Es sind per Gesetz Kriminelle. Geniesser von Alkohol- und Nikotin, genauso schädliche Substanzen wie Cannabis, wenn nicht schädlicher, sind es nicht.

Wer Cannabis verbieten will, muss konsequenterweise auch Alkohol und Nikotin verbieten. Alle psychoaktiven Substanzen sind schlecht, ergo sollten sie und ihre genussfreudigen Abnehmer alle gleich behandelt werden. Nur ist es natürlich so, dass Wein- oder Bierliebhaber eher einen Leberknacks in Kauf nehmen als auf ihr Lieblingsgetränk zu verzichten und Raucher eher eine ramponierte Lunge. Sind wir realistisch: Ein Alkoholverbot würde niemals funktionieren. Nicht mal annähernd würde es auf Akzeptanz in der Gesellschaft stossen, das hat schon die Prohibition in Amerika gezeigt. Es wäre etwa so, als würde man den Menschen den Sex wegnehmen – nur für einige viel, viel schlimmer. Wenig überraschend an der Diskussion ist, dass vor allem jene gegen Hanf-Legalisierung sind, die selber nicht kiffen. Verbote zu fordern, die einen selbst nicht betreffen, ist ja so einfach.

Wie soll Cannabis legalisiert werden und für wen? Cannabis sollte staatlich kontrolliert und nur an Volljährige verkauft werden, flankiert von wirksamen Jugendschutzmassnahmen. Wie es die Befürworter vorschlagen, könnten die zusätzlichen Steuereinnahmen für Prävention, Suchtbehandlung oder die Sanierung der Altersvorsorge eingesetzt werden. 

Sie geben jetzt zu bedenken, dass mit der Legalisierung suggeriert wird, Drogenkonsum sei in Ordnung, und damit ein komplett falsches Zeichen an Kinder und Jugendliche ausgesendet würde? Eine kontrollierte Freigabe von Cannabis bedeutet nicht Verharmlosung. Es bleibt unsere Aufgabe, Drogen nicht zu bagatellisieren, aufzuklären, zu warnen. Legal heisst nicht, man kann tun was man will. Natürlich sind Drogen schädlich, Cannabis kann gefährlich sein, besonders für Jugendliche – darum sollte es auch nur für über 18-jährige freigegeben werden. Auf jeden Fall lebt es sich ohne Cannabis gesünder. Aber darum geht es nicht; nur weil etwas schädlich ist, kann man es nicht verbieten. In Grossbritannien zum Beispiel sterben jährlich rund 3000 Menschen an den Folgen von Aspirin, wie eine Studie der Oxford Universität ergab. Für viele Menschen ist das Medikament schädlich. Sollte man deswegen Aspirin verbieten?

Sie argumentieren mit der Gefahr von Psychosen? Ja, es ist bewiesen, dass Cannabiskonsum psychotische Störungen auszulösen vermag. Regelmässiger Konsum in hohen Mengen erhöht das Risiko. Der Prozentsatz der Menschen mit hanfinduzierten Psychosen ist aber klein – auch wenn Legalisierungs-Gegner nun plötzlich alle "jemanden in der Bekanntschaft kennen", der mal eine Psychose erlebt hat. Laut einer schwedischen Studie ist die Wahrscheinlichkeit zwar dreimal höher, dass Vielkonsumenten Schizophreniesymptome entwickeln als Abstinenzler, aber nur 1,4 Prozent der Cannabis-Konsumenten zeige überhaupt Anzeichen einer Störung im Vergleich zu 0,6 Prozent der Personen, die nach eigenen Angaben noch nie Cannabis konsumiert hatten.
Ausserdem besteht die Gefahr von Psychosen auch bei Alkoholkonsum, haben Sie das gewusst? "Eine substanzinduzierte Psychose ist eine psychotische Störung, die von einer psychotropen Substanz wie etwa Alkohol oder Cannabinoide ausgelöst wurde", heisst es bei Wikipedia.

Mit der freien Verfügbarkeit würde der Konsum steigen? Möglicherweise kurzfristig. Am Anfang entsteht ein kleiner Hype, auch weil der lästige Weg zum Dealer endlich wegfällt. Es gibt aber keine Beweise für einen erwähnenswerten Anstieg in Ländern mit liberaler Drogenpolitik. Der US-Bundesstaat Colorado führte die Cannabis-Legalisierung 2012 ein. Laut 20 Minuten zeigt ein Bericht der Drogen- und Kriminalitätsabteilung der UNO, dass der dortige Konsum von Mitte 2000er-Jahre bis 2014 von sechs Prozent auf acht gestiegen ist, der Anstieg könne aber Ursachen haben wie gesellschaftliche Normen, Zugänglichkeit oder Preisveränderungen.

Cannabis sei eine Einstiegsdroge? Sie kann es sein. Aber der Gang zum illegalen Dealer erleichtert den Einstieg zu härteren Drogen erst recht, weil einem dort, sei es am Rande des Stadtparks oder in einem dreckigen Hinterhof, gefährlichere Substanzen oftmals gleich mitangeboten werden. Ist es nicht besser, Cannabis dort zu kaufen, wo die Abgabe kontrolliert, die Qualität einwandfrei ist und keine dubiosen Gestalten unterwegs sind?

Zu guter Letzt, Sie haben Angst vor bekifften und benebelten Autofahrern? Fürchten Sie sich auch vor betrunkenen Autofahrern? Zu einer Hanf-Legalisierung gehören natürlich genau wie beim Spiritus – nebst Regulierung und Altersbeschränkung – Regulationen im Strassenverkehr und kluge Testverfahren. Apropos: Sind Sie jemals einem aggressiven, pöbelnden Kiffer begegnet? Ich auch nicht. Meistens sind das relaxte Leute, die niemandem etwas zuleide tun. Aber wir alle hatten schon unsere negativen Erfahrungen mit Betrunkenen.

Stellen Sie sich einmal vor, heute wäre keine Substanz erlaubt und wir als Gesellschaft müssten darüber befinden, welche Substanzen legalisiert werden sollen. Ist es nicht so, dass wir nach gründlichem Abwägen aller Faktoren mit grosser Wahrscheinlichkeit Cannabis legalisieren würden – lange vor Nikotin und Alkohol? Und sollten Sie es noch nicht mitbekommen haben: Alkoholgenuss hat in unseren Breitengraden zwar eine längere Tradition, aber die Tüten haben aufgeholt, Kiffen ist ebenso zum Kulturgut avanciert. Die Gesellschaft wandelt sich, Gesetze und Regelungen sollten darum angepasst werden.

Wer kiffen will, der tut es sowieso. Wie so oft geht es darum, das richtige Mass zu finden, von Erwachsenen sollte man einen angemessenen Umgang mit dem Kraut erwarten können. Ich selbst kiffe übrigens nicht. Ich bin für Hanf-Legalisierung, weil mir Eigenverantwortung wichtig ist und eine freie Gesellschaft, in der Menschen selber entscheiden können.



im April veröffentlicht bei BaZ und TE











Donnerstag, 31. Mai 2018

Nazi-Mops und Burka


Never hate your enemies. It affects your judgment. Hüte Dich, Deine Feinde zu hassen, denn es trübt Dein Urteilsvermögen. Das berühmte Zitat von Michael Corleone aus dem Film 'Der Pate' könnte treffender nicht sein. Aktuelles Beispiel liefern zwei Texte von Journalisten. 


Der erste Text kommentierte einen Appel von Terre des Femmes. Die Frauenrechtsorganisation fordert ein Vollverschleierungsverbot und schrieb jüngst auf ihrer Webseite: „Ohne ein Verbot wird es in Deutschland bald sehr viel mehr Vollverschleierung geben.“ In einem Positionspapier listet Terre des Femmes die Argumente für das Verbot auf. 

Auf Schlagzeilen aus einer bestimmten Richtung kann man sich blind verlassen. Und so tippte denn auch eine Redaktorin der deutschen Tageszeitung TaZ.de flugs den Titel "Helfershelfer der AfD" über ihren Kommentar zur Forderung von Terre des Femmes. Mit dem Ansinnen des Vollverschleierungsverbotes, das für die Redaktorin "nicht sonderlich weit oben auf der Liste der Dringlichkeiten steht", stärke die Frauenrechtsorganisation die "Scheindebatte der Rechten". Das Problem sei, dass sich "antimuslimische Ressentiments und immer weiter nach rechts driftende Positionen überbieten." Wer diese wie Terre des Femmes ohne jede Not verbreite, legitimiere sie, so die Schreiberin. Damit unterstellte sie der Organisation Beihilfe zum Rechtspopulismus. Würden solcherlei Diffamierungsexperimente unserer Gesellschaft nicht akut schaden, wäre es beinahe lustig. 

Der zweite Artikel offenbarte eine ähnlich verquere Logik, aber jetzt geht’s um den Fall Mark Meechan. Meechan alias Count Dankula ist ein schottischer Youtuber, der jüngst wegen eines sogenannten Hassverbrechens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Sein Hassverbrechen bestand darin, dass er dem Mops seiner Freundin aus Witz den Hitlergruss beibrachte – der Mops streckt in dem Video tapsig sein kurzes Pfötchen in die Höhe, während Meechan pro-Nazi-Kommentare von sich gibt. Das Ganze erweckt bei der Zuschauerin ein Gefühl zwischen Kopfschütteln und Lachreiz. Meechan wollte damit seine Liebste auf die Palme bringen, was er im Nachhinein selbst als dumm bezeichnete. Das Video, das klar als Scherz erkenntlich war und nun als "Nazi pug" (Nazi Mops) in die Youtube-Annalen eingeht, war für die Schottischen Behörden keiner; Anstiftung zu Antisemitismus in einem "extrem beleidigenden" Video lautete die Anklage. Unterstützung erhielt Meechan von dem beliebten britischen Comedian Ricky Gervais: "Wenn du nicht daran glaubst, dass eine Person das Recht hat Dinge zu sagen, die du vielleicht als beleidigend empfindest, dann glaubst du auch nicht an Redefreiheit", schrieb er auf Twitter. 

Ein Journalist der britischen Onlinezeitung INews beurteilte das anders (was sein gutes Recht ist). Er sah sich in seinem Kommentar genötigt, Gervais – der sich, nebenbei, bei den Wahlen 2017 für Labour Party-Chef Jeremy Corbyn aussprach – als Helfer der Rechtsextremen zu bezeichnen: "Die Rechtsextremen benützen Online-Witze um ihre rechte Ideologie attraktiver zu machen und Mainstream-Comedians helfen ihnen dabei." Die Comedians, und damit meinte er vor allem Gervais, würden den richtigen Kontext des Videos nicht verstehen, so seine Behauptung.

Ob Meechans Witz lustig war, total daneben, ob Redefreiheit das Recht beinhaltet zu beleidigen, ob die Forderung der Frauenrechtsorganisation nach einem Vollverschleierungsverbot berechtigt ist – das soll hier heute nicht der Punkt sein. Von Bedeutung ist die Ähnlichkeit, die die Fälle von Terre des Femmes und Gervais offenbaren: Beide verteidigen und stehen für Prinzipien ein, die für sie selbst und für eine Gesellschaft massgebend sind; Frauenrechte und Redefreiheit. Und beide werden deshalb der Beihilfe zum Rechtspopulismus, gar zur Handreichung zum Rechtextremismus bezichtigt.

Hier ist das Problem: Auch die AfD in Deutschland fordert ein Vollverschleierungsverbot – und auf der Insel kämpfen, nebst den Liberalen, auch Rechtsaktivisten und Rechtsextreme für Redefreiheit und kritisieren das Urteil gegen Meechan öffentlich lautstark. Mit diesen Gruppen setzen sich halt dummerweise die Falschen für die richtige Sache ein. 
Natürlich ist die Motivation von verschiedenen Gruppen dahinter nicht immer dieselbe, man ist womöglich aus unterschiedlichen Gründen für oder gegen ein Anliegen. Das ändert aber in dem Moment an dem konkreten Thema nichts. 

Es stellt sich die Frage: Was wäre, wenn die AfD für den Klimaschutz eintreten würde? Würden Menschen dann Reifen im Garten verbrennen? Ein grösseres Auto anschaffen? Kohlekraftwerke unterstützen? Der Vorwurf 'Helfershelfer der AfD' an Terre des Femmes, nur weil die Organisation für dieselbe Sache einsteht wie jemand den man selbst verachtet, offenbart die beschränkte Denkweise mancher Leute. Gemäss ihrer Logik sollten sich Frauenorganisationen also nur für Frauenrechte einsetzen, solange sich keine verhasste Gruppe für dieselben Rechte einsetzt – weil sie ansonsten dieser Gruppe in die Hände spielen. Und gemäss derselben Logik sollte sich Comedian Gervais nur für Redefreiheit einsetzen, solange kein verhasster Youtuber, Aktivist oder Politiker ebenso für Redefreiheit kämpft – ansonsten unterstützt man diese bei der Verbreitung ihrer Ideologie.

Man kann mit der Agenda des politischen Gegners kollidieren. Kann sie für würdelos halten, übergeschnappt, für rassistisch auch. Wenn man aber aufgrund seiner Verachtung nicht mehr zu differenzieren vermag und reflexartig mit der Diffamierungsaxt um sich schlägt, schadet man nicht nur der offenen Debatte, sondern der Sache selbst. Als ob sie es ahnen würde, fügte Terre des Femmes auf ihrer Webseite zum Vollverschleierungsverbot bei: Religionskritik sei generell ein Merkmal jeder aufgeklärten und offenen Gesellschaft und habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Aber vor allem Kritik am Islam würde pauschal mit Rassismus und Rechtspopulismus gleichgesetzt. "Die Vorwürfe sind so vehement, teils denunziatorisch geworden, dass sie die Debatte vergiften und nichtreligiöse wie religiöse säkulare und liberale Kräfte zum Schweigen bringen."

Die zwei Kommentare und ihre Autoren sind so unbedeutend wie die Regenwolken vom Morgen. Sie stehen aber als Symbol einer Gesellschaft, die mit ihrem Gebaren zunehmend Menschen einschüchtert und so zur Bildung von extremen linken und rechten Rändern beiträgt. Deren Repräsentanten setzen sich geräuschvoll für ihre Prinzipien ein, während die grosse Mehrheit aus der Mitte aus Angst vor solcherlei Aburteilung lieber stumm bleibt, ihre Meinung nur mehr an privaten Abendessen preisgibt. Frauenrechte und Redefreiheit betrifft uns aber alle. Wir sollten den Kampf dafür gemeinsam führen, statt uns gegenseitig anzugreifen. 

veröffentlicht BaZ&TE im April 2018