Mittwoch, 3. Januar 2018

Schweden hat ein Problem - und löst es nicht

Es gab viele Schnapsideen im Jahr 2017, die grösste aber kommt aus Schweden: Das sogenannte Einwilligungsgesetz. Im Königreich obliegt es ab dem kommenden Juni dem Mann, die "eindeutige Zustimmung" zum Sex beweisen zu können, ansonsten kann er der Vergewaltigung angeklagt werden. Konkret muss jeder Mann vor allen sexuellen Handlungen um Erlaubnis fragen – und es wird ihm geraten, das Einverständnis am besten schriftlich abzusichern.

Da stellt sich die Frage, ob ein Live-Stream zum Anwalt bereits während des Vorspiels für die notarielle Beglaubigung nicht die geeignetste Lösung wäre. Im Idealfall haben die Bettpartner natürlich schon beim Abendessen den späteren Sex zur Diskussion gestellt, Einwilligungen ausgesprochen oder das schriftliche Einverständnis in die Nachttischschublade gelegt, zwischen Gleitcreme und Kleenex.

Mit dem Gesetz hoffe die schwedische Vize-Regierungschefin Isabella Lövin, dass der "neue Strafbestand die Einstellung der Männer verändere". Jeder junge Mann müsse lernen, dass Sex auf Freiwilligkeit basiere. Wie man diese Freiwilligkeit beweisen kann, ist allerdings nicht bekannt.
Der neue Tatbestand der "unachtsamen Vergewaltigung" bedeutet, dass der Täter hätte einsehen müssen, dass seine Partnerin nicht zu einer sexuellen Handlung bereit war. Somit zielt das Gesetz, das eine Antwort auf die #Metoo-Kampagne ist, vor allem auf sexuelle Übergriffe ab, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, unter Bekannten und Paaren. Als Beispiel wird der Fall einer Frau genannt, die mitten in der Nacht aufwachte, weil sie das Geschlechtsteil des Bettpartners in sich spürte. Er hatte dabei keine Gewalt angewandt. Sie war erschrocken, hat sich nicht gewehrt und nicht Nein gesagt. Der Täter wurde deshalb freigesprochen. Gemäss dem neuen Gesetz soll es künftig auch dann als Vergewaltigung zählen, wenn sich das Opfer nicht wehrt, weil es vielleicht schläft, oder unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht.

Das Tatbestand der "unachtsamen Vergewaltigung" basiert offensichtlich auf der Annahme, dass Sex oftmals aufgrund von Missverständnissen vollzogen wird: Frau will nicht, sagt aber nicht Nein, wehrt sich nicht und Mann fasst es deswegen als ein Ja auf.  Der Begriff "unachtsame Vergewaltig" ist, mit Verlaub, totaler Unsinn. Vergewaltigung hat, wie das Wort sagt, mit Gewalt zu tun, mit dem Ausleben einer gewalttätigen, bösartigen, besitz- und machtergreifenden Energie einer Person über eine andere. Ohne diese gefährliche Energie ist es eher ein Missverständnis, oder ein Versuch, Sex zu bekommen, den eine Frau aber, sofern sie zum Sprechen und Denken in der Lage ist, mit einem Nein abwehren kann. Es gibt gewiss Fälle, wo einem aus Panik die Schockstarre in den Zangengriff nimmt und man nicht fähig ist, sich zur Wehr zu setzen. Ich habe es erlebt. Diese Situationen aber entstehen in der Regel bei einem plötzlichen und gewaltsamen Angriff, und wenn man weiss, dass man gegen die körperliche Überlegenheit des Mannes keine Chance hat. Kaum aus irgendeiner "Unachtsamkeit" heraus. Und sowieso: Wer die Energie besitzt, jemanden zu Sex zu zwingen, lässt sich nicht von einer fehlenden Einwilligung aufhalten.

Ja, Alkohol beeinträchtigt das klare Denken und Handeln. Das weiss jedes Kind. Auf der anderen Seite macht er lockerer. Menschen werden erwiesenermassen anhänglicher, tun Dinge, die sie sonst vielleicht nicht tun würden. Hat man sich in der Nacht zuvor einem sexuellen Abenteuer hingegeben, am Morgen danach kann oder möchte man sich aber nicht daran erinnern – vielleicht, weil der Seitensprung aufgeflogen ist – ist es ein Einfaches, den Vorfall als Vergewaltigung darzustellen. Ich habe einen aktuellen Fall in der Bekanntschaft, wo genau das passiert ist. Auch hier ist ein vorangegangenes Einverständnis nutzlos, denn es ist möglich, im Laufe der Nacht seine Meinung zu ändern, oder aber zu behaupten, unter Zwang oder Alkoholeinfluss eingewilligt zu haben. Um Frauen vor ungewolltem Sex zu schützen, könnte man ebenso gut ein Gesetz vorlegen, dass Sex unter Alkohol- oder Drogeneinfluss generell verbietet.

Wäre ich Mutter einer Tochter, würde ich ihr den Rat mit auf den Weg geben, niemals so viel Alkohol oder Drogen zu konsumieren, dass ihr Zustand es nicht mehr gestattet, Herrin der Lage zu sein. Auch würde ich ihr dringend empfehlen, sich in einer ungewollten Situation, wenn immer möglich und mit Händen und Füssen zu wehren. Die feministisch geprägte schwedische Regierung sieht das offenbar anders. Anstatt die Frauen zu mehr Eigenverantwortung zu motivieren à la "Frauen, wehrt Euch!", bevorzugt sie das Zementieren der weiblichen Opferrolle und zeichnet lieber das Bild des hilflosen Geschöpfes, das sich, im Schlaf oder benebelt von Alkohol, nicht zu wehren mag oder zu ängstlich ist, um Nein zu sagen. Damit es klar ist: Es gibt keine einzige Rechtfertigung für sexuelle Übergriffe – weder sexy Kleidung noch ein alkoholisierter Zustand, noch Schlaf. Niemals. Aber solange keine Gewalt vom Gegenüber ausgeht, sollte man von einer erwachsenen Person erwarten dürfen, dass sie Nein sagt und sich wehrt.

Gemäss einem Bericht der NZZ glaubt keine der in den Vernehmlassungsprozess einbezogenen Instanzen, dass der neue Artikel zu mehr Verurteilungen führen werde. Weil die Unfreiwilligkeit sexueller Handlungen sehr schwer zu beweisen sei, könne das Gesetz in vielen Freisprüchen resultieren, befürchten Kritiker. Dies wiederum erschüttere das Vertrauen in den Rechtsstaat und halte Opfer davon ab, Anzeige zu erstatten.

Das neue Gesetz widmet sich einem Nebenschauplatz – das Kernproblem in Schweden liegt woanders. Die meisten und krassesten Fälle von sexuellen Übergriffen finden nicht hinter geschlossenen Türen statt – sondern im Freien, in Parks, Schwimmbädern, an Festivals. In Malmö kam es in weniger als einem Monat zu mehreren Gruppenvergewaltigungen. Beim letzten Vorfall vor Weihnachten wurde ein 17-jähriges Mädchen in einem Park auf so grausame Weise vergewaltigt, dass sie mit der Ambulanz ins Krankenhaus gebracht werden musste. Die Täter sollen dem Mädchen eine brennbare Flüssigkeit in den Schoss geschüttet und diese angezündet haben. Daraufhin protestierten mehrere hundert Malmöer Bürger gegen die Unfähigkeit der Polizei, den Schutz der einheimischen Frauen zu gewährleisten.

Die schwedische Journalistin Paulina Neuding beschreibt im Online-Magazin Quillette 
in ihrem Artikel "Schwedens Vergewaltigungskrise offenbart ein Feministen-Paradox" (10.10.2017) ein erschreckendes Bild ihres Heimatlandes. Gemeldete Sexualverbrechen sind zwischen 2007 und 2016 um 61 Prozent gestiegen. Gemäss einer Statistik fühlt sich fast eine von drei Frauen in ihrem Quartier nicht mehr sicher. Die Zahl nahm stetig zu, gemäss der Regierungsagentur "Nationales Gremium für Verbrechensprävention" (Bra) sei das eine alarmierende Entwicklung. Viele Opfer von Sexualverbrechen warten monate- oder jahrelang auf einen Gerichtsprozess und auf Gerechtigkeit. Bei einem 12-jährigen Mädchen, das im vergangenen Juni in einem öffentlichen WC vergewaltigt wurde, dauerte es über sechs Wochen, bis es von der Polizei zu dem Fall befragt wurde. Im August 2016 wurde eine Frau ausserhalb Stockholms Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Obwohl mehrere Verdächtige identifiziert wurden, dauerte es laut Neuding fast ein Jahr, bis sie inhaftiert wurden. Ein Jahr, in dem das Opfer laut seiner Anwältin ein immenses psychologisches Trauma zu bewältigen hatte, das bis ans Lebensende bleiben würde. Dennoch seien die Verdächtigen während Monaten frei herumgelaufen, bevor die Polizei Zeit fand, sie zu verhaften.

Ein weiterer, Brechreiz verursachender Fall ist die als "Snapchat rape" bekannte Vergewaltigung eines jungen Mädchens vom Januar 2017 in Uppsala, welche die zwei Männer filmten und das Video in Echtzeit ins Internet hochluden. Vom Moment an, als die Mutter es der Polizei meldete dauerte es zwei Monate, bis sie von den Ermittlern kontaktiert wurde. Wie Neuding schreibt, anerkennt Torgny Söderberg, Chefermittler bei der Stockholmer Polizei, das Problem, dass für Vergewaltigungs-Ermittlungen zu wenig Ressourcen vorhanden sind: "Es ist schwer zu erklären, warum Vergewaltigungsfälle sich stapeln und auf Ermittlung warten, aber die anderen Verbrechen sind noch ernster. Wir sind gezwungen zwischen zwei Übel zu entscheiden." Angesichts solcher Aussagen scheinen Metoo-Debatten über Po-Grabscher von vor 20 Jahren, anzügliche Sprüche oder Gesetze mit Einwilligungs-Paragrafen grotesk.

Paulina Neuding lebt und arbeitet in Schweden. "Die vorherrschende Meinung während der vergangenen Jahre war stets gewesen, dass Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe nicht gestiegen sind – obwohl es Beweise gibt, die das Gegenteil belegen", so die Journalistin. Man habe den Anstieg stets erklärt mit der breiter gefassten Definition von Vergewaltigung und der höheren Meldebereitschaft. "Steigende Vergewaltigungszahlen in Schweden sind so paradoxerweise zum Beweis für Geschlechtergleichheit geworden." In ihrem Artikel präsentiert sie Studien, die in eine andere Richtung zeigen: Sie alle weisen eine Überrepräsentation von Immigranten unter den Verdächtigen bei sexuellen Übergriffen auf, speziell aus patriarchalischen Gesellschaften im Mittleren Osten und Nordafrika. Die Überrepräsentation von Immigranten sei noch höher bei Gruppenvergewaltigungen. Gemäss einer offiziellen Studie von 2005 liege die Wahrscheinlichkeit, dass männliche Immigranten eine Vergewaltigung begehen, 5.1 Mal höher als bei Schweden. In der Studie erklärt das "Bra" die Überrepräsentation mit Demographie und Immigration: "Die Anzahl Menschen in Schweden, die zu jenen Flüchtlingsgruppen zählen, die in früheren Studien eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit aufgewiesen haben, ein Verbrechen zu begehen, ist gestiegen."

Für Neuding lässt das einen Schluss zu: "Wenn sich die Überrepräsentation nicht dramatisch verändert hat seit der letzten Studie, ist es realistisch davon auszugehen, dass Immigration zum Anstieg der gemeldeten Sexualverbrechen beigetragen hat." Und: "Die Zahlen vermitteln in Wahrheit keinen feministischen Erfolg, sondern das Versagen, die Sicherheit der Frauen zu gewährleisten."
Es offenbare das Dilemma der schwedischen Politiker: Einerseits sei da der progressive Glaube an die multikulturelle Diversität, andererseits die Pflicht der Feministen, die Frauen zu schützen.

Egal, aus welchem Blickwinkel man das neue Gesetz betrachtet, es wird wahrscheinlich kaum eine Frau vor brutalen Übergriffen schützen. Stattdessen macht es alle Männer zu potentiellen Vergewaltigern und schreibt mündigen Bürgern nach Kindergartenart vor, wie diese sich im Schlafzimmer zu benehmen haben.
Es ist wichtig, bestimmte Gruppen nicht pauschal auszugrenzen. Um aber Lösungen für Problemlagen zu finden, müssen alle Probleme klar benannt und offen auf den Tisch gelegt werden, und bei Differenzen muss eben hart debattiert werden. Mit Einwilligungs-Humbug Sexualverbrechen verhindern zu wollen, mutet einfach nur zynisch an.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Dezember 2017

Aktionskunst ist Pseudo-Provokation

Von Vorhaut, Vagina und Kunst

Anfangs Dezember nagelte der dänische Performance-Künstler Max Uwe Jensen die Vorhaut seines Penis an einen Baum in Wittenberg. Vor drei Jahren presste die Schweizerin Milo Moiré während der Art Cologne nackt mit Farbe gefüllte Eier aus ihrer Vagina. Ende November baute das Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals vor den Wohnsitz eines AfD-Politikers.

Aktionskunst nennt sich das, Performance Art. Dem einen ging es darum, Sätze Luthers zu rezitieren und „Jesus Christus selbst übertreffen“ zu wollen, wie der 45-jährige Däne laut der Mitteldeutschen Zeitung erklärte – und dabei auch nicht vergass, ein Kamerateam aufzubieten. Den anderen um einen Protest gegen den umstrittenen AfD-Politiker Bernd Höcke, den man damit auffordern wollte, vor dem Holocaust-Denkmal um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu bitten – nachdem man ihn und seine Familie zuvor gemäss eigenen Angaben zehn Monate lang beobachtet hatte. Die Eier-legende Dritte wollte ein feministisches Statement zur Fruchtbarkeit abgeben. Irgendetwas in der Art.

Kunst ist ja alles, darf ja alles. Kunst kennt keine Grenzen und keine Tabus. Da sind sich eigentlich alle einig. Und grundsätzlich stimmt das wohl auch. Deshalb scheint die Sichtweise zu einfach, dass etwas, das man nicht versteht, keine Kunst sein darf, oder etwas, das man nicht mag, keine Kunst sein kann. Kunst zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man sie nicht immer versteht. Dass man sich daran reibt, dass sie aus der konventionellen Welt ausbricht, zum Nachdenken anregt, inspiriert, provoziert, intellektuell stimuliert. Und es gibt ja auch Performance Art, die das tatsächlich alles gleichzeitig tut, auf mehreren Ebenen einen Prozess beim Zuschauer in Gang setzt. Werke und Aktionen von Josef Beuys zum Beispiel, einem der berühmtesten deutschen Künstler, waren sogar für Kunstfreunde "eine Zumutung", dennoch sagt man über Beuys, er dachte die Kunst neu. Bei einer Performance 1965 etwa bemalte der Düsseldorfer seinen Kopf mit Honig, lief wie ein Herumtreiber mit einem toten Hasen durch eine Galerie und erklärte diesem die Bilder. Der Hase war für Beuys die Inkarnation von Tod und Geburt.

Oder Marina Abramovic, umstritten wie kaum ein anderer Performance-Künstler, sie legte sich schon nackt auf einen Eisblock oder bürstete ihre Haare, bis die Kopfhaut blutete. Die vielleicht bekannteste Performance der 71-jährigen ist das Experiment "Rhythm 0" von 1974. Da stand die Serbin starr in einem Raum, die Zuschauer durften sich eines Gegenstandes bedienen und damit mir ihr machen, was sie wollten. Was dann folgte, hätte sie selber nie für möglich gehalten: Männer begrabschten sie intim, andere zerschnitten ihre Kleider, ritzten sie mit Rasierklingen, drückten ihr Dornen in den Bauch oder zielten mit geladener Pistole auf sie. Das Sozialexperiment offenbarte einen verstörenden Einblick in die menschliche Psyche, zeigte, wie böse Menschen werden können, wenn sie alles dürfen, wenn sie ihre moralische Verantwortung nicht zu verantworten haben. Abramovic und Beuys haben sich übrigens gut gekannt. Laut einem Essay auf der MoMA-Website soll Beuys der Legende nach Abramovic sogar einmal aus den Flammen gerettet haben, als sie bei einer ihrer Vorstellungen in Ohnmacht fiel.

Die bedeutendsten Werke von Beuys und Abramovic stammen wahrscheinlich aus den 70gern – und mit den Jensens und Moirés von heute haben sie kaum etwas gemein. Ich bin keine Kunstexpertin, aber während Performance Art damals eng verbunden schien mit der Risikobereitschaft des Künstlers, oder einem höheren Zweck diente, neues Material erkundete und entdeckte, der Gesellschaft einen Spiegel vorhielt, mutet sie heute nur mehr als absurde Darbietung einiger Selbstdarsteller an, die einen Weg gefunden haben, ihren Exhibitionismus oder ihre politische Radikalität zu einer Show aufzublasen.

In Zeiten, wo wir mit sexuellen Reizen überflutet und durch die Medien beinahe täglich mit politischem Extremismus konfrontiert sind, locken nackte Menschen oder Aktivisten mit Kriegsbemalung nicht mal mehr den allergrössten Spiesser hinterm Ofen hervor. Sie lösen keine Debatten mehr aus. Schockieren nicht mehr. Ihre Aktionen sind höchstens in dem Sinne aufregend, als dass sie Ekel und Unverständnis hervorrufen. Im Falle des "Zentrums für politische Schönheit" besitzen sie sogar einen irrwitzigen Unterhaltungswert, denn laut einem Gerichtsurteil darf sich Philipp Ruch, der künstlerische Leiter, dem Wohnhaus der Familie Höcke nur noch auf 500 Meter nähern, was es ihm gemäss eigenen Angaben verunmöglicht, seine eigene Wohnung in einem Nachbarhaus zu betreten.

Um in aller Ernsthaftigkeit als "Kunst" bezeichnet zu werden, reichen die Aktionen von Penis-an-Bäume-Naglern, Eier-aus-der-Vagina-Presserinnen und Politiker-Bespitzlern aus – wo es doch im Grunde nichts weiter ist als zwanghafte und stumpfsinnige Pseudo-Provokation. Kunst darf alles? Einverstanden. Dann dürfen wir auch eine Meinung dazu haben.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Dezember 2017



















Die Sexismus-Debatte gerät zur Farce

In der Schweiz möchte man Parlamentarier erziehen und erlässt deshalb Richtlinien, die ihnen die Grenze zwischen "Flirt" und "sexueller Belästigung" aufzeigen. In England soll Nachpfeifen bald als "Hate Crime" angezeigt werden können. In Deutschland echauffieren sich Politikerinnen wegen eines ungeschickt ausgedrückten Komplimentes.

Die Sexismus-Debatte läuft aus dem Ruder. Wo Menschen früher harmloses Verhalten wie Nachpfeifen oder anzügliche Sprüche einfach ignorierten und mit gesundem Menschenverstand Missstimmungen untereinander regelten, fühlen sie sich heute ernsthaft sexuell belästigt und wollen es der Polizei melden. Nicht nur ist das absurd, damit zwingen einige Übersensible auch allen anderen ihre moralischen Massstäbe auf. Wer wegen eines ungebührlichen Spruchs in einen emotionalen Ausnahmezustand gerät, sollte sich Gedanken über seine eigene Verklemmtheit oder aber über seine Selbstsicherheit machen.

Die Verwaltungsdelegation der Schweizerischen Bundesversammlung hat am 12. Dezember für ihre Ratsmitglieder Richtlinien zur sexuellen Belästigung publiziert. Darin steht unter anderem: Flirt ist gegenseitige Entwicklung, aufbauend, löst Freude aus. Sexuelle Belästigung ist eine einseitige Annäherung, eine persönliche Verletzung, untergräbt das Selbstwertgefühl, löst Ärger aus. Und: Entscheidend ist nicht die Wahrnehmung der aktiven Person, sondern diejenige der Person, an die das Verhalten gerichtet ist.

Dass weltweit mehrheitlich Frauen von sexueller Belästigung betroffen sind, ist eine Tatsache, dass Frauen sich heute wehren und sich nicht mehr alles gefallen lassen, eine gute Entwicklung. Eine passende Umschreibung stammt von Weltwoche-Verleger und SVP-Nationalrat Roger Köppel, der die aktuelle Stimmung in einer SRF-Sendung als eine Art der "sexuellen Reformation der Frauen" sieht, die "ihre Thesen an eine virtuelle Kirchentür nageln".

Sexuelle Belästigung ist inakzeptabel, gehört bestraft. Witze und Sprüche mit sexuellem Bezug zählen zu den am häufigsten erlebten sexuellen Belästigungen an Arbeitsplätzen. Das Problem ist: Jeder empfindet gewisse Verhalten unterschiedlich, nicht jeder sieht in einem anzüglichen Witz sexuelle Belästigung. Wieso sollte also die Toleranzgrenze wegen den Sensibleren unter uns nach unten versetzt werden? Und wenn Belästigung auch mit dem Selbstwertgefühl des Empfängers zu tun hat, wieso ist dann nur der Absender verantwortlich?

Menschen sind bei der Beurteilung mehr oder weniger in zwei Gruppen gespalten: Die eine Gruppe zeichnet sich durch ein niedrigeres Mass an Gelassenheit im Umgang mit ungebührlichem Verhalten aus. Sie sieht sexuelle Belästigung als ein strukturelles Problem, als Auswuchs eines ungleichen Machtverhältnisses zwischen Mann und Frau – sei es am Arbeitsplatz oder ausserhalb. Sie will, wie die Schweizer Partei SP jüngst forderte, die Beweislast im Fall von sexueller Belästigung umkehren. Ob ein Verhalten sexuelle Belästigung ist, kommt für sie alleine auf das Empfinden des Empfängers an. Karin Moos von der "Frauenberatung Sexuelle Gewalt" in Zürich sagte schon vergangenes Jahr in der Gratiszeitung 20 Minuten: "Entscheidend ist, wie es beim Empfänger ankommt. Darum geht es, und nicht um die Motive des Absenders. Wenn man es als störend und unangenehm empfindet, ist es falsch."

Die andere Gruppe, zu der ich mich zähle, erachtet sexuelle Belästigung nicht als ein strukturelles Problem, sondern als ein Problem von gewissen Individuen. Denn erstens belästigt die grosse Mehrheit der Männer keine Frauen und zweitens existiert keine Chancenungleichheit zwischen Mann und Frau, zumindest nicht bei uns, in den westlichen Industrieländern (Ausnahmen gibt es immer). Die Forderung der umgekehrten Beweislast ist hoch problematisch, weil sexuelle Belästigung auf subjektivem Empfinden beruht und es die Tür weit öffnet für falsche Anschuldigungen, da der Beweis, jemanden nicht unsittlich berührt oder verbal belästigt zu haben in vielen Situationen kaum zu erbringen ist.

Auch die Behauptung, dass es entscheidend ist, wie es beim Empfänger ankommt, scheint nur halbwegs logisch. Unter dem Aspekt betrachtet wäre ja schon ein "Guten Morgen, schöne Frau!" möglicherweise falsch. Die Absicht spielt selbstverständlich eine Rolle, der zwischenmenschliche Umgang ist voller Missverständnisse, und nicht jedes plumpe Anbaggern, nicht jeder anzügliche Kommentar entsteht aus einer sexuellen Motivation heraus oder aus einer geschlechtsbezogenen Geringschätzung. Es gibt Menschen, die sind übermässig körperbetont, oder unbedacht, naiv. Käme es nur auf das Empfinden des Empfängers an, müsste man den Absender im Fall einer Beschwerde gar nicht mehr anhören. Kommunikation ist keine Einbahnstrasse, sondern ein gegenseitiges Abtasten, das auch von Seiten des Empfängers ein offenes, faires Interpretieren und Einordnen der Inhalte voraussetzt.

Ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung, ob ein Verhalten als harmlos oder ungebührlich empfunden wird, scheint die Sympathie des Absenders. Gefällt die Person, ist es Flirt, gefällt sie nicht, Belästigung. Ja, oftmals ist es so einfach, auch wenn manche es nicht gerne hören. Kommt eine Flirt-SMS oder ein anzüglicher Spruch von jemandem, dem man nicht so gut gesinnt ist, empfindet man ihn doch schnell als unangenehm, während man über den selben Kommentar, oder vielleicht sogar einem Po-Tätscheln aus Richtung einer sympathischen Person einfach nur die Augen rollt. Und sind wir ehrlich, beginnt ein Flirt (oder eine Beziehung) nicht oft mit einem spitzen Spruch? Einem Ausloten, wie weit man gehen kann, einem Abchecken der Reaktion des Gegenübers?

Persönlich sehe ich es so: Einzelne Worte, anzügliche Sprüche oder Witze, wenn auch herablassend oder verletzend, sehe ich grundsätzlich eher nicht als sexuelle Belästigung, höchstens als nervend oder primitiv – oder eben verletzend. Sexuelle Belästigung scheinen mir vor allem Beispiele wie das Anfassen intimer Körperteile (Po, Brust), das wiederholte Anfassen von nicht intimen Stellen (Oberschenkel), oder wenn ein Absender sein Verhalten trotz einem Wink oder konfrontierenden Gespräch nicht sofort beendet. Dann sollten die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.

Das Argument, dass Frauen oftmals nicht in der Lage sind sich zu wehren – entweder aus Scham, aus oder Angst vor Konsequenzen, oder weil sie sich selber schuldig fühlen – halte ich für widersprüchlich, und in vielen Fällen trifft es schlicht nicht zu. Denn einerseits wird permanent moniert, dass Frauen zu wenig Chefpositionen bekleiden, andererseits sollen sie nicht imstande sein, sich gegen anzügliche Sprüche zur Wehr zu setzen? Dann sollten sie es eben lernen. In Kaderposition oder im Job generell gibt es noch ganz andere Hürden. Und gerade, wer es ins Parlament geschafft hat, beweist ein gewisses Grad an Durchsetzungsvermögen. Auch steht eine Frau heute angesichts unzähliger Gleichstellungsbüros und einer Reihe von Sonderbehandlungen wie Spezialprojekten, Frauenförderung und Quoten kaum mehr alleine da. Die Mär vom wehrlosen, bedürftigen Opfer ist schlicht überholt und klingt langsam wie eine alte Platte mit Sprung.

Selbstverständlich müssen sich Männer und Frauen zu benehmen wissen, Respekt und Anstand gegenüber ihren Mitmenschen demonstrieren, ihnen muss auch klar sein, dass ungebührliches Verhalten Konsequenzen hat. Machtmissbrauch, Ausnützen einer Notlage, jemanden unter Druck setzen – inakzeptabel und strafwürdig. Aber zwischen Chef und einem Arbeitskollegen auf gleicher Ebene gilt es zu unterscheiden. Und bei letzterem kann es doch nicht nur die Aufgabe des Mannes sein, herauszufinden, wieviel jede einzelne Frau im gesellschaftlichen Umgang verträgt.

Ein Wort zu Kleidung. Sexy Outfits rechtfertigen keine sexuelle Belästigung. Niemals. Wenn sich eine Frau aber in hohen Hacken durch die Welt quält, in sexy Shorts oder vielversprechendem Dekolleté ins Büro rauscht, so dass die Klimaanlage wegen erhöhtem Pulsschlag bei den männlichen Kollegen auf Hochtouren laufen muss, tut sie das in den allermeisten Fällen nicht in der Hoffnung, dass niemand sie bemerkt.

Mit ihrer Kleidung setzen Damen gerne und selbstgefällig ihre erotischen Reize in Szene – ich sehe es täglich, einer gelegentlichen Bein-Parade bin ich selbst nicht abgeneigt. Wer etwas anderes behauptet, verschliesst sich der Realität. Entscheidet sich also eine Dame, mit ihrem Outfit Aufmerksamkeit zu erregen, sollte sie auch mit der Situation zurechtkommen, die solche Kleidung möglicherweise mit sich bringt, wie etwa ein Kompliment oder ein spitzer Spruch zu den Domina-Absätzen oder dem Pamela-Anderson-Ausschnitt.

Frauen wollen ernst genommen werden. Wollen nicht auf Äusserlichkeiten reduziert werden. Wollen Anerkennung. Selbstbestimmung. Unabhängigkeit. Führungspositionen. Dann sollten Frauen ein Stück weit auch selbst Verantwortung tragen und Probleme selber regeln, anstatt von Gesellschaft oder Staat zu verlangen, dass sie es für sie tun. Solcherlei Direktiven, wie sie jetzt im Schweizer Parlament erlassen wurden, sprechen einer Frau jegliches selbstbewusste Handeln ab und zementieren stattdessen ihre Opferrolle.

Es wird immer primitive, unhöfliche, respektlose Menschen geben. Man kann ein Nachpfeifen oder einen anzüglichen Spruch zur sexuellen Belästigung aufblasen und einen Po-Grabscher zum Kriminalfall, kann wegen einiger Idioten gewohnheitsmässig aufs Empören verfallen. Oder man entwickelt etwas mehr Selbstsicherheit, die es einem – in Kombination mit einer gewissen Gelassenheit – erleichtert, Dinge an sich abperlen zu lassen.




veröffentlicht bei BaZ und TE im Dezember 2017

Geblockt von Frau Sibylle

Diese Woche hatte ich meine erste Begegnung mit Sibylle Berg. Sie ereignete sich auf Twitter, der digitalen Sammelstelle für Politiker, Journalisten und Intellektuelle, und solchen, die gerne etwas von all dem sein wollen und sich dabei furchtbar ernst nehmen. Ich wurde von ihr geblockt – ein Vorgang, den man in der realen Welt als Tür vor der Nase zuknallen beschreiben könnte.

Frau Sibylle, wie sie in ihrer SPON-Kolumne heisst, ist Autorin und Dramatikern. Vielleicht leicht durchgeknallte, vielleicht sensible, auch angefeindete Frau und "erbarmungsloseste Schriftstellerin deutscher Sprache" (sagt das Feuilleton), Ikone des linken Establishments. Bislang konnte ich mich nicht zum Lesen ihrer Bücher entschliessen, ich bummle aber gelegentlich durch ihre Kolumnen, deren Ansichten ich ausnahmslos nicht teile. An den einen Weihnachtstext aber "In dieser verdammten Nacht" (SPON 22.12.2012) erinnere ich mich noch heute, so stark fand ich den. Ich folge Frau Sibylle auf Twitter, weil ich offen bin für verschiedene Meinungen, auch wenn sie mein geistiges Wohlbefinden streckenweise derart strapazieren, dass Schnappatmung die Folge ist.

Zu einem Beitrag der Tagesschau über die Grossrazzien in der linksextremen Szene wegen den G20-Krawallen schrieb Frau Sibylle ihren 70'000 Followern: "WTF". WTF steht für What the F*** und drückt, sagen wir, ein bisschen Missmut aus. Da Landfriedensbruch von meinem Blickwinkel aus kein übermässig dehnbarer Begriff ist, kommentierte ich ihr "WTF" mit «'WTF'? WTF!». Offensichtlich konnte sie sich dafür nicht erwärmen, Sekunden später kam die Mitteilung: "Du kannst Sibylle Berg nicht folgen, da du blockiert wurdest." Zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe gäbe es noch diverse Abstufungen wie etwa das ehemals angewandte simple Ignorieren einer Person oder die Funktion "Stummschalten". Blocken jedoch lässt keinen Spielraum für Zwischentöne zu.

Dass ausgerechnet Frau Sibylle mich auf Twitter blockt, schlug mir ein bisschen aufs Gemüt – nicht wegen der Aktion an sich, sondern weil jemand wie sie, der sich auf dem Twitter-Profil mit "Kaufe nix, ficke niemanden" beschreibt, also jemand, der wohl Eier in der Hose hat, sich überhaupt zum Blocken herablässt. Frau Sibylle, die Zartbesaitete? Da gerät ein Weltbild für einen Moment ins Wanken. Und überhaupt, wo bleibt die Solidarität unter Frauen? Sind wir nicht grundsätzlich Schwestern im Geiste? Sie hat sogar mal für die gleiche Zeitung, die Basler Zeitung, geschrieben. Aber eben, die BaZ, dieses Nazi-Hetzblatt. Und jetzt noch ein Tweet von einer, die ganz offensichtlich kein Verständnis hat für Demonstranten, die ja nur friedlich Autos angezündet und die Stadt verwüstet haben.

Jemanden aufgrund einer abweichenden Meinung zu blocken ist charakteristisch für die sozialen Medien. Gerade hier verschanzen wir uns in unserer kleinen Meinungsnische, lesen nur noch Meldungen, die unsere Weltanschauung bekräftigen, folgen nur Menschen, die unsere Meinung bestätigen, pausenlos. Mit anderen Ansichten setzen wir uns nicht auseinander. "Filter Bubble" nennt sich das Phänomen, wo wir uns durch unsere ausgewählten Kontakte ein behagliches Örtchen unter Gleichgesinnten erschaffen.
Ein gutes Beispiel für eine bequeme "Filter Bubble" ist mein Youtube-Kanal, wo ich jede Woche gesellschaftspolitische Ereignisse kommentiere. Wie die Like/Dislike-Quote der letzten beiden Videos zeigt – "Die Dornröschen-Posse", 233:0 / "Schweden hat ein Problem", 314:0 – kann sich eine Mehrheit der Zuschauer mit den Inhalten identifizieren. Das heisst nicht, dass keine Missbilligung existiert. Falls sie aber präsent ist, dann häufig stumm, denn wer sich in einem Konsens-Umfeld wähnt, passt sich lieber stillschweigend der vermuteten Mehrheit an – das ging aus einer Studie des Pew Research Center von 2014 hervor, die sich mit der "Theorie der Schweigespirale für das Internet" befasste.

Die "Filter Bubble" verbindet innerhalb der Gruppe, aber sie treibt auch einen Keil durch die Gesellschaft, spaltet sie in zwei Lager. So zumindest beschreibt es der US-Autor und Politologe Eli Pariser, der den Begriff "Filter Bubble" entwickelt und ein Buch darüber geschrieben hat. Laut Pariser schotten wir uns in unserer „Filter Bubble“ vom Rest der Welt ab, glauben aber, die ganze, „normale“ Welt sei unserer Meinung. So können sich Fake-News verbreiten ohne dass Gegenmeinungen oder Richtigstellungen in die Blase durchdringen können. Pariser hat auch herausgefunden, dass zwei Personen, die bei Suchmaschinen wie Google denselben Suchbegriff eintippen, aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Orientierung andere Suchergebnisse erhalten können. Ein Liberaler erhalte unter Umständen beim Suchbegriff „BP“ Ergebnisse zur Ölverschmutzung im Golf von Mexico, während der Konservative Informationen über die Gesellschaft für Investoren erhält (Wikipedia). Pariser hält die Algorithmen und das eigene Nutzerverhalten für die unterschiedlichen Resultate verantwortlich. Die Algorithmen würden unsere Vorlieben anhand der Seiten oder Bilder, die wir liken und mit Freunden teilen, erkennen – und uns andere Themen oder Seiten gar nicht erst vorschlagen. Die Entwicklung hält er für gefährlich, denn es hetze uns gegeneinander auf.

Bei Frau Sibylle lag ich falsch. Ihr Blocken war ein Missverständnis – oder so ähnlich. Wenig später kam ein Tweet: "Sie sind nicht blockiert. Immer 1 Mal ein & ausatmen. Shit happens." Auf Anweisung habe ich sofort einmal ein- und ausgeatmet. Dann bin ihr gleich wieder neu gefolgt, was sie wiederum mit einem "like" honorierte. Zwei Filterblasen – ein versöhnlicher Abschluss. Auch das gibt's. 



veröffentlicht bei BaZ und TE im Dezember 2017

Die Dornröschen-Posse

Weil der Prinz das schlafende Dornröschen wachküsst, sei der Kuss nicht einvernehmlich. Und Märchen wie Dornröschen, wo Frauen im Tiefschlaf geküsst werden, würden den sexuellen Übergriff verherrlichen. Das äusserte eine besorgte Mutter neulich auf BBC. Es dauert einige Momente, bis man nach solchen Bemerkungen das Gleichgewicht wiederfindet.

"Ich denke, in Dornröschen geht es auch um sexuelles Verhalten und Zustimmung", sagte sie weiter. "Diese Märchen sind bezeichnend dafür, wie tief verwurzelt dieses Verhalten in unserer Gesellschaft ist." Dornröschen sei frauenfeindlich und sexistisch, es gehöre nicht in Schulerziehung, Kinder müssten davor geschützt werden. Pädagoginnen und Feministinnen stimmen ihrer These zu. Persönlich denke ich, es sollte umgekehrt sein: Märchen sollten vor gewissen Eltern, Pädagoginnen und Feministinnen geschützt werden. Mit ihrer Ideologie vereinnahmen sie die Unbedarftheit der Erzählungen und interpretieren Dinge hinein, die absurd sind. Das Sexismus-Fieber grassiert und es ist im Begriff, nun auch die Märchen zu verhexen.

Für viele Kinder zählt der Moment abends im Bett, wenn Mutter oder Vater ein Märchen vorliest, zu den schönsten des Tages. Sie tauchen dann ein in eine andere Welt, in tiefe, dunkle Wälder, in golden glänzende Schlösser, verwandeln sich in eine Prinzessin, oder fürchten sich vor dem bösen Wolf. Oder sie finden es cool, wenn die Stiefmutter jemanden verwünscht. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Märchen sind zeitlos und fast jede Kultur auf der Welt erzählt sie weiter, weil sie auf eine Weise und in einer Sprache geschrieben sind, die universell gültig ist. Märchen greifen die grossen Themen des Lebens auf – Liebe, Hass, Eifersucht, Treue, Tod. Der bedeutende amerikanische Kinderpsychiater Bruno Bettelheim sagte einst: "Nur wenn ein Märchen das bewusste und unbewusste Verlangen vieler Menschen enthielt, wurde es immer wieder erzählt."

"Märchen transportieren patriarchale Geschlechterrollen, mit denen sich Kinder dann zu identifizieren versuchen", erklärte eine Pädagogin zu der Debatte in der Gratiszeitung 20 Minuten. Auch Natalie Trummer von Terre des Femmes findet, dass "diese Stereotypen dann verantwortlich sind für die sexuelle Gewalt und Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft". Eine Lehrerin müsse in der Schule kritische Fragen zu Märchen stellen, etwa, "warum nicht ein Prinz einen Prinzen küsst oder eine Magd eine Prinzessin."

Tatsächlich küssten sich Prinzen nicht vor 200 Jahren, zur der Zeit, als zum Beispiel die Grimm-Märchen geschrieben wurden – zumindest nicht öffentlich. Es gab da auch noch keine 60 verschiedenen Geschlechts-Identitäten und keine Feminismus-Experten, die sich tiefgründig mit Prinzenküsschen und deren Auswirkungen auf schlafende Prinzessinnen auseinandersetzen. Aber es gab damals schon eine Art politische Korrektheit, zumindest, was berühmte Erzählungen der Gebrüder Grimm anging. Viele der von den Brüdern gesammelten und teilweise überarbeiteten Werke, die sie zwischen 1812 and 1858 herausgegeben hatten, drehen sich um Gewalt, Sex und Mord und waren ursprünglich auch nicht für Kinder, sondern für Erwachsene gedacht. Die Brüder selbst schrieben einige ihrer Märchen um, machten sie Kindgerechter und somit auch erfolgreicher; in einer überarbeiteten Fassung wurde etwa aus Dornröschen "es" statt "sie".

Eine frühere Version des Dornröschens aus dem Jahr 1634, die das vollständige Thema aufnahm, übertraf übrigens die Grimm-Erzählung gewaltmässig um einiges. Sie stammt vom italienischen Autor Giambattista Basile und hiess "Sonne, Mond und Thalia". Laut dem "Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher" beginnt die Geschichte ähnlich wie die Disneyversion von 1959, aber als Thalia in ihrem Schlaf lag und der fremde König vorbeikam und ihrer Schönheit verfiel, versuchte er zwar sie wachzurütteln, allerdings ohne Erfolg, und so er verging sich an der schlafenden Prinzessin: "Dann trug er sie in seinen Armen auf ein Lager und pflückte dort die Früchte der Liebe."

Wie gesagt, das ist eine uralte Version. Die Empörung jener, die nun die Verbannung von Dornröschen aus Klassenzimmern fordern, bezieht sich auf zeitgenössische Fassungen, wie sie heute in Märchenbüchern anzutreffen sind, oder auf Disneys Sleeping Beauty von 1959. Auf Versionen, die in den vergangenen Jahrzehnten soweit von jeglicher Erotik und Gewalt entrümpelt wurden, dass man von ihnen sagt, die Grimm Brüder selbst würden ihr Werk kaum mehr wiedererkennen.

Der Auslegung von Pädagogen, dass gewisse Märchen zu grausam sind und nicht Teil der Kindererziehung sein sollten, widersprach der bedeutende Kinderpsychologe Bruno Bettelheim. Laut einem Spiegel-Artikel aus den 70iger Jahren nannte der verstorbene Autor von "Kinder brauchen Märchen" (1977) diese "eine wichtige Lebenshilfe, um die chaotischen Spannungen ihres Unterbewusstseins zu bewältigen." Gemäss Bettelheim, der berühmt wurde durch seine Behandlung von psychisch kranken Kindern, "verführen die Märchenlösungen bei Kindern nicht dazu, sie auch im späteren Leben zu erwarten". Er hält im Gegenteil die frühen Ausflüge in die Irrationalität für eine Voraussetzung, um zum "Realitätsprinzip" zu gelangen. Da Märchen oftmals mehrschichtige Botschaften enthalten, eignen sie sich auch, dem Kind eine Gefahr aufzuzeigen, ohne sie ihm konkret erklären zu müssen.

Es ist klar, nicht alle Märchen sind für alle Kinder geeignet. Aber grundsätzlich wissen Kinder, dass Märchen Fantasie sind, das bestätigt auch die professionelle Märchen-Erzählerin Conchi Vega in 20 Minuten: "Sie sind in der Lage, zwischen Märchen und Realität zu unterscheiden."
Einige Märchen würden wir heute nicht mehr so schreiben wie vor 200 Jahren. Andere Zeit, anderer Kontext, andere Moral. Heute aber in modernen Fassungen von Dornröschen "sexuelles Verhalten" auszumachen oder das "Wachküssen ohne Zustimmung" anzuprangern, ist nicht nur grotesk, es offenbart auch, dass manche Erwachsene nicht mehr in der Lage sind, Märchen als das zu sehen, was sie sind: Surreale Welt, Metapher, Fantasie-Anreger, überlieferter Mythos. Zig Generationen, Millionen von Menschen haben Dornröschen gelesen. Sind aus den Buben deswegen alles Sexisten geworden? Chauvinisten? Sexualtäter? Und aus den Mädchen verschupfte, hilfsbedürftige, wehrlose Frauen? Kinder werden nicht durch Märchen geprägt, sondern vor allem durch Eltern, die ihnen Anstand, Respekt und ein bestimmtes Verhalten vorleben.

Es ist schlicht ermüdend, wenn von feministischen Kreisen heute permanent alles und jedes zum Sexismus erklärt wird, die Heldentat eines Prinzen, der seine Prinzessin rettet, als seine Stärke und ihre Schwäche ausgelegt wird. Das angeblich übermächtige Patriarchat scheint für sie die zeitgenössische Hexe zu sein, das verkörperte Böse, das sich als Ziel genommen hat, die Feen auf dieser Welt zu missbrauchen und auszubeuten und die kleinen Prinzen in lüsterne, unterdrückende Sexmonster zu verwandeln.

Manche Eltern lassen ihre Kinder nicht Mickey Mouse lesen, andere verhängen ein TV-Verbot oder Videospiele sind tabu. Jeder hat seine eigenen Ansichten von Moral – und das ist auch gut so. Wer aber seine Ideologie und persönlichen Ängste über Kulturgüter zu stülpen versucht, indem er deren Umschreibung oder gar Verbannung aus der öffentlichen Erziehung fordert, erklärt seine eigenen Moralvorstellungen zur allgemeinen Gültigkeit. Etwas mehr Gelassenheit ist angebracht.



veröffentlicht bei BaZ und TE im Dezember 2017

Schweden hat ein Problem

"Im Sommer 2018 veranstalten wir ein Musikfestival, wo Sicherheit gegeben ist. Es werden keine Cis-Männer da sein, weder im Publikum noch auf der Bühne." Das gab das Statement Festival jüngst auf seiner Webseite bekannt. Wegen sexueller Übergriffe bleibt Männern der Eintritt verwehrt. Konzerte in Europa werden nun also getrenntgeschlechtlich veranstaltet. Bravo. Unsere Gesellschaft ist auf dem direkten Weg ins Mittelalter.

Auch wenn die Festival-Ansage zu Ironie verleitet, die Sache ist ernst. Während des Bråvalla-Festivals in Schweden gingen dieses Jahr vier Anzeigen von Frauen wegen Vergewaltigung bei der Polizei ein, 23 weitere sexuelle Übergriffe wurden gemeldet. Das beliebte Festival wurde deshalb für 2018 abgesagt. Es ist das dritte Jahr nacheinander, dass Frauen und Mädchen bei Festivals in Schweden sexuell angegriffen werden. Hat das Land in den vergangenen Jahren tatsächlich einen enormen Anstieg an Vergewaltigungen erlebt, wie es viele behaupten, oder ist es nur ein Hirngespinst der Rechten, um gegen bestimmte Gruppen zu hetzen?

Es ist nicht ganz einfach, sich einen Überblick zu verschaffen über die Anzahl Sexualstraftaten im Königreich, die Daten gehen auseinander. Auf der schwedischen Regierungs-Webseite www.government.se steht: "Die Anzahl gemeldeter Vergewaltigungen ist gestiegen, aber die Definition von Vergewaltigung ist im Laufe der Zeit breiter gefasst worden, Zahlen zu vergleichen ist deshalb schwierig." Auch sei es irreführend, die Zahlen mit anderen Ländern zu vergleichen, da Vergewaltigung unter schwedischem Recht anders ausgelegt würde. Als Beispiel wird angeführt: Wenn eine Frau von ihrem Mann während eines Jahres jede Nacht vergewaltigt würde, zähle man in Schweden 365 separate Fälle, während es in vielen anderen Ländern als ein Übergriff gelte, oder gar nicht registriert würde.

Laut einer Statistik von United Nations Office on Drugs and Crime wurden in Schweden im Jahr 2015 pro 100'000 Einwohner 56,69 Fälle von Vergewaltigung der Polizei gemeldet (in Deutschland liegt die Zahl bei 8,70, in der Schweiz bei 6,41). Weil es nur die angezeigten Vergewaltigungen sind und tatsächlich Unterschiede zu anderen Ländern hinsichtlich der Definition existieren, vergleichen wir die Zahlen in Schweden selbst: 2003 kamen auf 100'000 Einwohner 24,99 angezeigte Vergewaltigungen. Innerhalb der letzten zwölf Jahre hat sich die Anzahl mehr als verdoppelt. Die Organisation "Women Against Rape" schrieb 2010 sogar von einer Vervierfachung: "Schweden besitzt die höchste Pro-Kopf-Anzahl an angezeigten Vergewaltigungen in Europa. Diese Anzahl hat sich in den letzten 20 Jahren vervierfacht, die Verurteilungen haben stetig abgenommen." Auch wenn man die Quote um das Argument "bereinigt", dass heute mehr Übergriffe angezeigt werden als noch vor zwölf Jahren und der Vergewaltigungsbegriff in Schweden weiter gefasst wird, ist die Zahl noch immer horrend hoch.

Der Aufschrei darüber blieb während der vergangenen Jahre weitestgehend aus. Erst 2016 kam es zum handfesten Skandal und zu Rücktritten, als während eines Musikfestivals mehrere Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen erstattet wurden – und gleichzeitig aufflog, dass die Polizei schon 2014 Übergriffe bei Festivals vertusche, weil es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handelte – man wollte sich nicht "wegen Verallgemeinerung angreifbar" machen.

Das Verschweigen der Polizei beleuchtet ein Welt.de-Artikel vom 17.8.2016: "Erst nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht deckte die Zeitung „Dagens Nyheter“ auf, dass es Übergriffe in Stockholm überhaupt gab." Damit gemeint ist das Jugendfestival „We are Stockholm" von 2014. Der Grund für die mangelnde Transparenz bei der Polizei sei, dass die meisten der rund 200 Täter "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan" waren. Ein ZeitOnline-Artikel vom 17.6.2016 beschreibt es so: "Tatsächlich ist das Risiko des Generalverdachts nicht von der Hand zu weisen. Die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht sind auch in Schweden Thema gewesen, genauso wie die Frage danach, ob die Herkunft der Täter eine Rolle spielt – oder auch nicht." Gemäss einem Polizeibericht machen sexuelle Übergriffe bei Festivals oder in Schwimmbädern nur etwa zwei Prozent aller angezeigten Sexualstraftaten in Schweden aus. Allerdings seien junge Flüchtlinge überrepräsentiert.

Eine Korrelation herzustellen zwischen dem starken Anstieg der Vergewaltigungen in Schweden und der jahrzehntelangen, ultra-liberalen Einwanderungspolitik ist heute heikel, gerade weil es dazu keine exakten Zahlen gibt. Ganz abgesehen von den Festivals gäbe es laut einem NZZ-Artikel von 2016 im nordischen Raum aber durchaus Hinweise darauf, dass zwischen Migration und Sexualverbrechen direkte Zusammenhänge bestehen. Der Autor nennt eine norwegische Fernsehstation, die berichtete, dass von 399 Personen, die im Jahr 2015 wegen Sexualverbrechen verurteilt wurden, 90 einen Migrationshintergrund hätten. Damit sind Migranten im Vergleich zu ihrem Anteil von 15 Prozent an der Gesamtbevölkerung in Norwegen überproportional vertreten.

"Was haltet ihr davon, ein wirklich cooles Festival auf die Beine zu stellen, bei dem nur Nicht-Männer Willkommen sind? Wir machen das so lange, bis ALLE Männer gelernt haben, sich zu benehmen." Der Vorschlag eines männerlosen Festivals kam von der schwedischen Komikerin und Feministin Emma Knyckare – und er ist teilweise nachvollziehbar. Schliesst man alle Männer aus, schliesst man sexuelle Übergriffe aus. Frauen fühlen sich sicherer, unbeschwerter. Drehen sich nicht mehr um auf dem Weg zur abgelegenen Toilette, wenn sie Schritte hinter sich hören. Hätte ich eine Tochter, liesse ich sie ohne Bedenken das Women only-Festival besuchen, bei den üblichen Events würde ich sie wohl begleiten wollen.

Dennoch: Der Ausschluss von Männern an öffentlichen Events ist falsch. Gewaltprävention zwecks Geschlechtertrennung bedeutet nicht Emanzipation, sondern Kapitulation und Rückschritt. Und es ist langfristig keine Lösung, denn es richtet sich gegen die falschen Männer.

Ein Veranstalter hat natürlich das Recht, sämtliche männliche Wesen von seinem Festival zu verbannen. Damit bestraft er aber alle Männer für die Taten einiger weniger, ausserdem deutet er damit an, dass man Frauen vor allen Männern schützen muss. Knyckare's Äusserung "Bis die Männer gelernt haben, sich zu benehmen" mag vielleicht der Feministinnen-Schlachtruf der Postmoderne sein, bewirkt aber gewiss nicht, dass sich Männer deswegen besser benehmen. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich genervt und genarrt fühlen, weil sie mit Grabschern und Vergewaltigern in denselben Topf geworfen werden. Zu Recht. Denn während ansonsten alle Mittel angewendet werden, um Pauschalisierung zu vermeiden, geht sie hier ganz offensichtlich in Ordnung.
Man stelle sich vor, ein Veranstalter würde ein Festival gründen, wo Frauen draussen bleiben müssen – vielleicht, weil die Männer mal unter sich bleiben wollen, weil sie dann all die Dinge tun können, die sie sonst unterdrücken müssen, rülpsen, prahlen, nichtssagendes Zeug daherreden, ohne, dass es Konsequenzen hat – der Aufschrei der Stockholmer Feministinnen, er würde wohl bis zum Nordpol hörbar sein. Und schliesslich: Musikfestivals sind doch auch dazu da, um zu flirten, ein bisschen rumzumachen, Grenzen ausloten, sich gemeinsam dem ekstatischen Rausch der pochenden, dröhnenden Musik hinzugeben. In meiner Jugend war es jedenfalls so. Ob sich ein Festival, das ausschliesslich aus Frauen besteht, auf der Bühne und im Publikum, finanziell lohnt, wage ich zu bezweifeln.

Wenn sich heute eine Kultur manifestiert hat, in der Frauen aus Angst vor Übergriffen lieber alleine feiern, ist das vor allem eines: Das Totalversagen des Staates. Schwedens Aufgabe, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, ist auf ganzer Linie gescheitert. Dort liegt das Problem. Staat und Polizei müssen eine transparentere und bessere Aufklärung leisten, sollten ihre Einwanderungspolitik zumindest hinterfragen, gegebenenfalls ändern, gesetzliche Rahmenbedingungen wie härtere Strafen schaffen, die abschrecken – und sich in der Welt herumsprechen. Feministinnen und Medien müssen da den Finger drauflegen. Und zwar ohne die geringste Angst, sich wegen irgendwelcher "Verallgemeinerungen" angreifbar zu machen.

Die Lösung wäre wahrscheinlich zu einfach (und zu utopisch), bestimmten Ausländergruppen pauschal den Zugang zu Festivals fortan zu verbieten und dann anzunehmen, es würden nie mehr Übergriffe stattfinden – auch unter Einheimischen gibt es Sexualtäter. Ausserdem würden durch solche Massnahmen Unschuldige bestraft und Integration komplett verunmöglicht. Der bessere Weg scheint hier, wenigstens derzeit, eine Aufstockung des Sicherheitspersonals.

Im Kampf gegen sexuelle Gewalt aber müssen Männer miteinbezogen werden. Wir sollten sie als Verbündete sehen, statt sie auszugrenzen. Und sie sind da. Sie wollen uns helfen. Die allermeisten Männer, die ich je kennengelernt habe, stehen Frauen zur Seite, unterstützen sie und verteidigen sie gegen das Übel. Wenn wir nicht mehr alle zusammen feiern können, ist das einer fortschrittlichen Gesellschaft unwürdig.




veröffentlicht bei BaZ&TE am 24.11.2017

Ein Dirndl ist ein Dirndl ist ein Dirndl

Manchmal ist es ja besser, einen geschriebenen Käse gar nicht erst kommentieren. In dem Fall aber eignet er sich ganz gut, zuerst einen kurzen Blick auf die faszinierenden Traditionen einiger Länder zu werfen.

Einer der ältesten Bräuche in Indien ist das Feiern des Holi-Festes. Während mindestens zwei Tagen bewerfen sich Inder auf der Strasse gegenseitig mit gefärbtem Pulver und gefärbtem Wasser. Zwischen Ende Februar und Mitte März heissen sie mit dem farbenfrohen Fest den Frühling willkommen, alle Inder feiern zusammen, unabhängig von der Kaste, der sie angehören. Das Holi wird auch als Sieg des Guten über das Böse gefeiert.

Ein jüngeres Brauchtum in der Schweiz ist der Räbeliechli-Umzug im November. Kinder ziehen in einer Lichterkette durch die Strassen mit beleuchteten Laternen, die sie selbst aus Rüben schnitzen. Als "Räbe" bezeichnete man früher die Rübe, im Mittelalter war sie Grundnahrungsmittel. Der Räbeliechtli-Umzug gehört zu den Erntedank-Traditionen, die den Herbst einläuten.

6,2 Millionen Menschen besuchen jährlich die Wiesn in München. Das erste Oktoberfest fand am 12.Oktober 1810 statt, Anlass war die Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese. Die Wiesn hat sich seither zu einem Volksfest mit kommerziellem Charakter gewandelt, heute stehen nebst Geselligkeit, Blasmusik und Schlager vor allem Alkoholkonsum und das Tragen von Tracht im Vordergrund.

Auf der deutschen Website Ze.tt. (Zeit-Verlag) schrieb eine Redaktorin neulich, dass die Tracht eine politische Meinung widergebe, "Ausdruck eines konservativen Mindsets" sei: "Die Konservativen wie die Rechten nutzen die Tracht für sich", so die Autorin. "Wenn ich heute an Tracht denke, schiessen mir Bilder des Volksmusik-Sängers Andreas Gabalier, von Rechtskonservativen und besoffenen, sexistischen Männern in den Kopf." Deshalb würde sie sich schämen und ihr Dirndl nicht mehr tragen.

Auch die Tracht hat eine interessante Geschichte: Früher verriet zum Beispiel die verwendete Menge an Stoff und Knöpfen den Reichtum des Trägers und aus welcher sozialen Schicht er stammte. Gemäss der Stuttgarter Zeitung entstand das Trachtenspiel im 19. Jahrhundert: "Als Inszenierung der deutschen Landesherren, deren Ziel es war, gegen die Nachwirkungen der französischen Revolution und der französischen Besatzung ein National- und Heimatgefühl zu entwickeln. Schon auf dem Wiener Kongress erschienen österreichische Politiker demonstrativ in heimischer Tracht."

Auch wenn gewisse Politiker heute die Tracht angeblich für sich "nutzen" – sie kann vieles sein: Ausdruck des Heimatgefühls, der Lebensfreude, Hommage an eine Tradition, Erinnerung an ein früher ungemein hartes Landleben, Rollenspiel, für Damen ein Kostüm mit Sexappeal. Sich die Deutungshoheit über ein Kleidungsstück anzumassen und aus einem Dirndl ein Politikum zu kreieren – es ist Ausdruck eines Zeitgeistes, wo viele nicht mehr zwischen Politik und Gesellschaft, Person und Meinung zu unterscheiden vermögen.

Brauchtümer sind etwas Wunderbares, dazu gehört auch traditionelle Kleidung. Traditionen zu pflegen ist besonders wichtig in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit. Es hilft uns, das Vergangene nicht zu vergessen und inspiriert uns für die Zukunft.

Ein Dirndl drückt etwa so viel politische Haltung aus wie ein Paar löchrige Socken aus Angorakaninchenwolle. Morgen werde ich meines an einem Baselbieter Wiesn-Fest mit einer riesen Gaudi zur Schau tragen.


veröffentlicht im November 2017