Sonntag, 25. Februar 2018

Sind Frauen ihre eigenen grössten Feinde?

Frauen sind wunderbare Wesen. Sie sind unermüdlich einfühlsam, können stundenlang zuhören, bei geschlechtsspezifischen Problemen sind sie im Stande, diese so lange zu analysieren, bis sie sich von alleine lösen, sie geben sich gegenseitig Halt. Und weil sie beim Sprechen rund 20‘000 Wörter pro Tag benützen – Männer benützen 7000 – gehen Frauen schwungvoll kommunikativ durchs Leben. Clint Eastwood sagte einst: „Wenn eine Frau nicht spricht, soll man sie auf keinen Fall unterbrechen.“

Und dann gibt es noch……. die andere Seite.

Die schwangere Herzogin Kate trug vergangenen Sonntag an der Bafta-Verleihung ein dunkelgrünes Kleid. Du liebe Güte. Schwarz wäre gewünscht gewesen, zumindest von der Feministen-Front, denn die Veranstaltung stand im Zeichen der "Time's Up"-Initiative, als Protest gegen sexuelle Übergriffe in der Filmindustrie und die ungleiche Bezahlung bei den Geschlechtern. Die meisten Schauspielerinnen erschienen solidarisch in schwarz. Statt sich dem "Time's Up"-Protokoll zu beugen, entschied sich Kate für das royale Protokoll: Die Tradition verlangt von Mitgliedern des Königshauses, politische Botschaften zu vermeiden.

Viele Frauen reagierten im Internet empört, warfen Kate vor, ihre Sache zu verraten. Journalistin Rachel McGrath twitterte: "Ich bin mir bewusst, dass die Royals nicht in 'Proteste' involviert werden sollten… aber wäre es für Kate Middleton wirklich SO schlimm gewesen, schwarz zu tragen??? Ich fühle mich im Stich gelassen." Nikki Long schrieb: "Enttäuscht von Kate Middleton […]. Das ist keine politische Sache. Es ist eine Frauensache!" Andere fanden, Kate sollte sich schämen, im grünen Kleid in der ersten Reihe zu sitzen, wenn sie ihre Unterstützung für Frauen nicht zeigen will, sollte sie zuhause bleiben. Dass die 36-jährige lediglich von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machte, sich so zu kleiden wie sie möchte, haben die Damen in ihrer Dauerempörung vergessen. Man wird den Eindruck nicht los, dass es vielen mit ihrer Aburteilung gar nicht um die fehlende Solidarität ging, sondern ums Kate-Bashing.

Generell scheint Kritik an Frauen häufig von Frauen zu kommen – hinter der Fassade der angeblichen Frauensolidarität steckt oftmals unbegründete Negativität und Grobheit gegenüber den Geschlechtsgenossinnen.

Dass Frauen ihre eigenen grössten Nörgler und Kritiker sind, ist für mich persönlich nichts Neues. Seit ich im Berufsleben stehe, erlebe ich die bissigste Negativität von Vertreterinnen des eigenen Geschlechts. Neu daran ist höchstens, dass die sexistischsten Seitenhiebe im 21. Jahrhundert ausgerechnet von jenen Frauen stammen, die angeblich gegen Sexismus ankämpfen. Ein lustiges Beispiel lieferte neulich eine bekannte Basler Politikerin, die mich in ihrem Leserbrief als ein "modisches Vorzeigeweibchen mit Wallemähne" beschrieb, ein "Männertraum der alten Art", ich sei bestimmt nicht von jenem Sexismus betroffen, den "Businessfrauen erleben müssen." Frauen entscheiden also, welche Frauen von Sexismus betroffen sind und welche nicht – und wenn es ihrer Sache dient, bedienen sie sich demselben, ohne auch nur mit der getuschten Wimper zu zucken (aber garantiert mit lebhaft getönten Bäckchen).

Der Begriff "verdrehte Schwesternschaft" umschreibt es ganz gut, leider stammt er nicht von mir. Vor einigen Jahren hat die Autorin Kelly Valen in ihrem viel beachteten Buch "The Twisted Sisterhood" das Verhalten von Frauen gegenüber anderen Frauen untersucht. Das Resultat der Erhebung, für die sie über 3000 Frauen befragte, war ernüchternd: Fast 90% der befragten Frauen empfanden, dass "Strömungen von Gemeinheit und Negativität von anderen Frauen ausgehen". 84% gaben an, dass sie durch andere Frauen ernsthafte, lebensverändernde Seitenhiebe erlitten hatten. Die weibliche Freundschaft sei charakterisiert durch eine hinterhältige, "willkürliche Negativität". Über 75% sagten, dass sie schon durch Eifersucht oder Konkurrenz anderer Frauen verletzt wurden.
Autorin Valen erklärte in der britischen Zeitung Guardian, dass die Kämpfe, die unter der Oberfläche brodeln, so erbarmungslos sind, dass Frauen sich untereinander unsicher fühlen: "Sie haben richtigerweise identifiziert, dass die primäre Bedrohung ihrer emotionalen Sicherheit von Frauen ausgeht." Und in vielen Fällen würden diese Kämpfe von genau jenen Frauen geführt, die ständig Loblieder auf Feminismus und Frauenpower singen. Oprah Winfrey und Arianna Huffington lobten Valen's Mut und empfahlen das Buch zum Lesen.

"The Twisted Sisterhood" folgte auf einen Essay, den Valen 2007 in der New York Times publizierte und darin ihre Theorie, dass Frauen die Co-Architekten ihrer eigenen Unzufriedenheit sind, erstmals äusserte. Dafür wurde sie auf feministischen Webseiten regelrecht fertiggemacht, als illoyal und verräterisch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen abgekanzelt. Insbesondere weibliche Akademikerinnen und feministische Bloggerinnen hätten mit Wut reagiert: "Ich war anti-Frauen, eine weibliche Frauenhasserin und offensichtlich eine schlechte Mutter." Laut Guardian unterstützten namhafte Psychotherapeutinnen Valen's Theorie und fügten bei, dass hinter dem Vorhang der Schwesternschaft eine Vielzahl von emotionalem Gewirr läge, das mit unserer Gesundheit und der Qualität unserer Leben verheerende Schäden anrichten könne.
Valen hatte für ihre Studie keine Männer befragt. Man könnte ihr also unterstellen, das Resultat sei verfälscht, weil es nicht zeigt, ob dasselbe Verhalten nicht auch unter Männern existiert und sie einfach menschliche Charakterzüge grundsätzlich beschreibt. Eine grössere Studie der US-Fernsehsendung Today Show in Zusammenarbeit mit dem Self Magazine von 2011 kam aber zum selben Ergebnis: In der Online-Befragung, die mit 18'000 Frauen durchgeführt wurde, gaben 84% der Frauen an, eine "giftige" Freundin gehabt zu haben, die ihnen mit ihrem hinterhältigen Benehmen das Leben schwergemacht hatte.

Wenn Hollywoodstars in sündhaft teure Roben steigen und durch deren Farbwahl glauben, menschliches Verhalten beeinflussen zu können, dann sollen sie das tun. Sie können schwarz tragen all day long, niemand hat etwas dagegen. Wenn Feministinnen täglich neue Hashtags ins Leben rufen und den Rest der Welt zum Mitmachen animieren wollen – heute sollst du schwarz tragen, morgen hüpfend über den roten Teppich springen – dann sollen sie das tun. Und auch wenn sie dabei das Paradox ihrer eigenen Hashtags nicht erkennen – die einerseits jedes Mal aufs Neue die Opferrolle der Frau unterstreichen sollen, wenn es anderseits Tatsache ist, dass eine einzige Frau heute aufgrund einer einzigen Behauptung das Leben eines Mannes innert Kürze zerstören kann, sie also scheinbar doch nicht so hilflos ist, wie von den Hashtag-Erfinderinnen stets dargestellt – dann ist auch das kein Allerwelts-Drama.

Wenn aber Frauen, die ihr eigenes Ding durchziehen und sich dem Gruppenzwang nicht beugen, von anderen Frauen wie Verräterinnen behandelt und aus Schwestern übergangslos Feinde werden, dann ist dieser weibliche Aktivismus grundsätzlich ungesund für die Gesellschaft. Nur weil sie andere Ansichten haben oder passiv bleiben, sind sie nicht Anti-Frau, auch nicht für Lohnungleichheit oder in Akzeptanz von sexueller Belästigung. Die Damen faseln zwar von Frauensolidarität, aber das Wort "Gleichschritt" wäre passender, weil ihr Verhalten näher bei diktatorischer Unterdrückung liegt als bei femininer Unterstützung. Das honigsüsse Miteinander unter Frauen – es bleibt jedenfalls eine Mär.


veröffentlicht bei BaZ und Tichys Einblick im Februar 2018

Feminismus: Out of Control.

Stellen sie sich vor, sie hätten einen Job, den sie seit Jahren gerne ausüben und bei dem sie gut bezahlt werden. Nun aber orten einige plötzlich ein Problem darin, entscheiden, dass die Arbeit eine Zumutung ist und ihnen nicht guttue. Und weil diese einigen sich in einer weltweiten Bewegung erstarken, knickt ihr Arbeitgeber ein und löst ihre Abteilung auf: Sie sind den Job los. So geschehen gerade bei den Gridgirls der Formel eins. Im Zuge der Metoo-Debatte haben die Organisatoren entschieden, auf die hübschen, klapp bekleideten, sexy Damen an der Rennstrecke zu verzichten. Die Hysterie rund um den Sexismus kennt kein Halten mehr, die Feminismus-Bewegung rast wie eine fehlgeleitete Rakete durch die Gesellschaft. Und trifft dabei die Falschen.

Der Feminismus hat einen langen Weg hinter sich. Frauen wie Emmeline Pankhurst haben um die vorletzte Jahrhundertwende den Kampf für die Rechte der Frau angeführt. Zu einer Zeit, wo Frauen aufgrund ihres Geschlechts systematisch benachteiligt wurden, ging die Engländerin für die Gleichberechtigung Risiken ein, setzte ihren Ruf, sogar ihre Gesundheit aufs Spiel, um ihre Ziele zu erreichen. Sie benutzte auch illegale Mittel, mehrmals musste ins Gefängnis. Wir Frauen heute haben es mutigen Aktivistinnen wie Emmeline Pankhurst zu verdanken, die sich damals aufgeopfert haben, so dass wir ein besseres Leben führen können.

Der Feminismus von damals hat nicht mehr viel gemein mit jenem von heute. Zum einen liegt das daran, dass – zumindest in westlichen Industrieländern – keine systematische Ungleichheit zwischen Frau und Mann mehr existiert (Ausnahmen gibt es immer), es also den Einsatz in der Form in unseren Breitengraden nicht mehr braucht. Auch hat sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft gewandelt und gestärkt, viele sind heute in der Lage, sich selber zu wehren – und wenn nicht, stehen zahlreiche Mittel und Förderungsprojekte zur Unterstützung bereit. Zum anderen sind heute praktisch alle irgendwie Feministen – das Label gehört zum zeitgenössischen Chic, auch bei den Herren. Also tritt man möglichst öffentlichkeitswirksam für "die Sache der Frau ein". Und auch wenn es heute weder Selbstopfer, noch Tapferkeit, nicht einmal Risiko benötigt – eine rosa Pussymütze und das Wettern gegen Donald Trump reicht – für den Gratismut gibt’s allemal Applaus.

Das Model Emily Ratajkowski nennt sich Feministin, sie räkelt sich in Videos schon mal halbnackt und lasziv in Spaghetti samt Sauce – "Selbstbestimmung" sei das, weil sie sich für ihr Tun ja selbst entscheidet. Auch Scarlett Johansson ist Feministin, Madonna, Beyoncé, die meisten linksaktivistischen Repräsentanten sowieso. Sie alle setzen sich ihres Zeichens für Frauen ein. Während aber Ratajkowski und Beyoncé für ihre selbstbestimmten, körperbetonten und halbnackten Auftritte gefeiert und verehrt werden von modernen Frauenrechtlern, soll es den Gridgirls nicht gestattet sein, sich dekorativ zu präsentieren. Mit seiner Doppelmoral gibt sich der Feminismus heute der Lächerlichkeit preis.

Und so hat diese Bewegung zwei grosse Haken: Feministen betonen zwar stets den Zusammenhalt unter Frauen – der gilt aber nur für jene, die ihre Ansichten und Ideologien teilen. Äussert eine Kritik wie im Falle von Catherine Deneuve, die es gewagt hatte, die Metoo-Bewegung zu kritisieren, nimmt die Entrüstung der Frauenrechtler das Mass öffentlicher Verbal-Hinrichtung an. Es geht soweit, dass sich Abweichlerinnen für ihre Gedanken rechtfertigen und entschuldigen müssen. Die Intoleranz ist beschämend.

Der Druck der selbstgefälligen Moralinstanzen war mitentscheidend dafür, dass die Formel 1-Organisatoren künftig ohne die Gridgirls weitermachen. "Dieser Brauch passt nicht zu unseren Werten und widerspricht den gesellschaftlichen Normen. Wir glauben nicht, dass er für unsere alten und neuen Fans relevant ist", so Formel 1-Marketingchef Sean Bratches. Ein paar Tage zuvor hatte auch der Darts-Verband den Job der Walk-on-Girls, die die Spieler auf die Wettkampfbühne begleiten, nach anhaltenden Diskussionen in den sozialen Medien abgeschafft.

Wir sind beim zweiten Haken: Beim Feminismus geht es ja angeblich um die Würde der Frau, konkret, sie sollte nicht als ein auf ihren Körper reduziertes Objekt dargestellt werden (der moderne Kampfbegriff heisst "Objektifizierung"), es geht um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Wenn nun Feministinnen, von denen kaum eine überhaupt Formel 1 schaut, bestimmen, welche Frauen welchen Job machen und wie sie ihren Körper einsetzen sollen, stärkt das nicht die Würde der Frau. Es ist genau das Gegenteil der Fall: Sie nehmen den Frauen das Recht auf Selbstbestimmung. Dass die Damen ihre Arbeit freiwillig und gerne machen und sich nicht als "Objekte" sehen, interessiert die Frömmler aber nicht. Und so entblösst sich ihr Aufstand als das, was er eigentlich ist: Eine Moralshow, in erster Linie für sich selbst kreiert.

Dass die direktbetroffenen Gridgirls nicht gerettet werden wollen, haben sie öffentlich zum Ausdruck gebracht. So schrieb Lauren-Jade auf Twitter: "Die Welt dreht gerade durch! Angeblich verteidigen uns diese Feministen, aber in Wirklichkeit verlieren wir wegen ihnen unsere Jobs! Während den acht Jahren, die ich als Gridgirl gearbeitet habe, habe ich mich kein einziges Mal schlecht gefühlt! Ich tue es, weil ich es gerne tue und weil ich die Wahl habe." Niemand sollte ihr vorschreiben dürfen, was sie arbeite. "Sie wollen uns verteidigen, aber das tun sie nicht." Auch Kelly Brook, Model und berühmtes F1-Fahnengirl, zeigt sich laut The Sun wütend: "Feministen bevormunden uns, sie versuchen uns das Recht zu nehmen eigene Entscheide zu treffen. Die Gridgirls sind intelligente Frauen, viele zahlen damit ihre Ausbildung." Natürlich ginge es dabei um das Äussere, aber sie habe sich nie ausgenützt gefühlt, der Job sei auch nicht entwürdigend.

Ja, die Gridgirls stammen aus einer anderen Zeit. Es gibt sie seit den 1960er Jahren, nach heutigen Massstäben könnte man ihre Arbeit als sexistisch bezeichnen: Knapp bekleidete Frauen, die im Schatten des glorreichen Fahrers stehen und ihm den Schirm halten – für das haben Generationen von Frauenrechtlerinnen ihre Kämpfe nicht geführt. Vielleicht passen Gridgirls tatsächlich nicht mehr zum modernen Rennsport, die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Wenn die Formel 1 den Job abschaffen will, ist es ihr gutes Recht. Statt sich aber dem Diktat der politischen Korrektheit zu beugen, hätte sie die Gridgirls-Abteilung einfach auf natürliche Weise einschlummern lassen können – die Arbeit wäre für Frauen vielleicht in den nächsten Jahren von alleine unattraktiv geworden, Bewerbungen wären zurückgegangen.
Bis dahin aber ist es ein Job für sie, der ihnen Möglichkeiten bietet – ein Sprungbrett, Leute kennenzulernen, ein Start ins Show- und Modelbusiness, eine Geldquelle. Ihnen diese Wahl ausgerechnet im Namen der Frauenrechte zu nehmen, offenbart nicht nur die eigenartigen Verrenkungen eines Feministen-Hirns, sondern vereint den Widerspruch dieser Bewegung in sich, denn schlussendlich schadet sie diesen Frauen mehr, als dass sie ihnen nützt.

Und, wie geht’s jetzt weiter? Es böte sich ja noch weiteres Entrümpeln an auf dem Weg in die neue Prüderie. Nach den Gridgirls werden wohl die küssenden Ehrendamen beim Radfahren verbannt (schon geschehen mancherorts). Dann die Nummern-Girls beim Boxen. Cheerleader. Misswahlen. Heidi Klums Girl-Parade. Playmates. Die Victoria's Secret-Show. Pornostars. Vielleicht wäre es einfacher, wenn man Glamour und Sexyness grundsätzlich aus der Gesellschaft verbannen würde. Wenn es Frauen nämlich nicht mehr gestattet ist, feminin und sexy zu sein, können jene von Bitterkeit in Beschlag genommenen Damen, die weniger feminin und sexy sind, nicht beleidigt sein.

Wenn ein feministischer Wächterrat mitentscheidet, welche Frau welchen Job ausüben darf, ist das ein Rückschritt für die Gesellschaft. Gänge es wirklich um Ungerechtigkeiten, gäbe es ganz andere Brandherde auf dieser Welt. In Iran zum Beispiel gehen fast täglich Frauen auf die Strasse, entblössen in der Öffentlichkeit ihr Haupt, schwenken ihr Kopftuch im Protest gegen den Kopftuchzwang in ihrem Land. Ihnen drohen Gefängnisstrafen bis zu zwei Monaten, einige wurden schon festgenommen. Der Widerstand dieser tapferen und mutigen Frauen, der jenem von Emmeline Pankhurst in England ähnlich ist, wird zwar von westlichen Feministen zur Kenntnis genommen, einige faseln in den sozialen Medien etwas von Unterstützung und Mitgefühl. Ansonsten aber bleibt ihr Aufbegehren gegen die missachtete Würde der Frau im Nahen Osten überschaubar. Für diese Art von Protest braucht es eben mehr als das Aufsetzen von rosaroten Pussymützen. 


veröffentlicht bei BaZ und Tichys Einblick Februar 2018







Zustand der Gesellschaft: Es brodelt.

"The oldest and simplest justification for government is as protector: protecting citizens from violence." – "Die älteste und einfachste Berechtigung für eine Regierung ist die eines Beschützers: Bürger vor Gewalt schützen." Vor etwa einem Jahr schrieb die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter auf der Website des World Economic Forum Davos diesen Satz zuoberst in ihrem Artikel über die "3 Verantwortlichkeiten, die eine Regierung gegenüber ihren Bürger hat". Als ich vergangene Woche einen Bericht über Cottbus las, fiel er mir sofort wieder ein. Slaughter verwies dann auf "Leviathan" (1651), das berühmte Werk von Thomas Hobbes, wo Menschen in einen Gesellschaftsvertrag einwilligen mit einem absolutistischen Herrscher und dabei auf Freiheit und Selbstbestimmung verzichteten, damit er im Gegenzug ihre Sicherheit garantiert, sie vor sich selbst und vor fremden Feinden schützt.

In westlichen Industriestaaten garantiert der Staat seinen Bürgern Sicherheit, ohne dass sie ihre Freiheiten drastisch einschränken oder Verträge mit Diktatoren eingehen müssen. So zumindest schreibt es das non-fiktionale demokratische Grundprinzip vor. Was aber, wenn eine Regierung nicht alle Mittel ausschöpft, um den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten? Was, wenn sich ein Teil der Gesellschaft nicht ausreichend beschützt fühlt? Und dieser Teil von Tag zu Tag wächst?

"Menschen aufgebracht", "Bürger schockiert", "vorsichtiger geworden", "vermeiden ÖV", "gehen nach einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr auf die Strasse", "aufgeheizte Atmosphäre", "Sorgen und Ängste". Vergangene Woche habe ich diese Worte über den Zustand der deutschen Gesellschaft in nur einem einzigen Bericht (Welt.de) gelesen. Die Intensität der Attribute hat mich erstaunt. Sie beschreiben die Stimmung in Cottbus im Osten Deutschlands. Die 100'000-Einwohner-Stadt hat 250 Millionen Euro Schulden, keine nennenswerte Industrie und es zeichnet sich das Ende des Kohleabbaus ab. Das sorgt für viel Armut und Verdrängung. Zusätzlich zu dieser eh schon prekären Situation ereigneten sich in den vergangenen Monaten mehrere gewalttätige Vorfälle mit Flüchtlingen. Auf einer Feier stritten eine 18-jährige Deutsche und ein 18-jähriger Syrer. Bei anderer Gelegenheit schnitt ein Syrer einem 16-jährigen Deutschen bei einem Streit mit einem Messer ins Gesicht. Dann stritten drei minderjährige Syrer bei einem Einkaufzentrum mit einem Paar, verlangten, dass die Frau ihnen "Respekt bezeuge" und attackierten das Paar ebenfalls mit einem Messer.

Vielleicht ist das beunruhigende Bild, das die Journalistin von Cottbus zeichnet, ja massloss übertrieben. Vielleicht sind es Äusserungen von "besorgten Bürgern", die gar nicht so besorgt sind und damit nur Stimmung gegen Flüchtlinge machen wollen. Vielleicht sind die Cottbuser ja tatsächlich besorgt, aber höchstens aus Gründen der Verblendung – weil sie sich zu oft in den sozialen Medien herumtreiben, wo sie mit irreführenden Informationen gefüttert werden, und sowieso nur das lesen, was sie lesen möchten. Vielleicht sind ja die sozialen Medien an sich ein Angstmacher-Tool, denn durch sie bekommen Menschen heute viel mehr mit als früher, den ganzen Dreck dieser Welt in der kleinen Twitter-oder Facebook-Bubble, das kann eine Psyche beeinflussen. Vielleicht ist die Gesellschaft insgesamt sensibler geworden, Vorfälle verunsichern heute schneller als früher. Vielleicht ist es die Wohlstandsverteilung – die Verkleinerung des Mittelstandes, mehr mangelnde Bildung und mehr Armut, Faktoren, die zu Ghettos, Bandenbildung und Kriminalität beitragen – die ein vermindertes Sicherheitsgefühl mit sich zieht. Vielleicht wird bei der Darstellung der Cottbuser Verhältnisse zu viel auf die besorgten Bürger und zu wenig auf die Situation der Täter eingegangen, auf die jungen, traumatisierten Männer aus Kriegsregionen. Und ach, vielleicht ist Cottbus einfach nur ein Einzelfall.

Das Problem ist, Cottbus ist kein Einzelfall. Die Stimmung offenbart sich in vielen deutschen Städten ähnlich. Menschen sind von Unsicherheit getrieben, es herrscht ein Durcheinander aus Zweifeln, Frust und Unverständnis. Es gibt nicht wenige, die die Situation mit einem Molotow-Cocktail beschreiben, der sich irgendwann entzünden wird. Wann genau, darin ist man sich noch uneins.

Eine kleine Bestandsaufnahme: "Gereizte Stimmung", (Delmenhorst, Bürger, 29.2.2016; Quelle: Nordwest Zeitung). "Angst um ihre Tochter", weil "bis zu 25 Flüchtlinge" im Klassenraum (Delmenhorst, 25.1.2016, Ehepaar; Bild.de). "Der soziale Frieden droht zu kippen", "subjektives Sicherheitsgefühl total verändert" (Salzgitter, 16.10.2017, Fachbereichsleiterin Strategische Planung, Simone Kessner; welt.de). "Absatz von Pfefferspray rasant gestiegen" (Wilhelmshaven, Faktencheck Redaktion, 2.2.2016; Wilhelmshavener Zeitung). "Lage hoch problematisch", "stehen vor sozialer Krise" (Neukölln, 7.11.2015, Bürgermeisterin Franziska Giffey; bz-berlin.de). "Angespannte Stimmung", "Sorgen um Anstieg der Kriminalität" (Hannover, Bürger, 21.8.2015; Hannoverische Allgemeine). "Bewohner haben Angst" (Kandel, Redaktion, 10.1.2018; Tagesschau). "Sicherheitsgefühl der Bürger verschlechtert sich deutlich" (Freiburg, Oberbürgermeister Dieter Salomon, 22.3.2017; Südkurier). "Ein Drittel der Deutschen geht angespannter durch den Alltag", "Angst im Kopf" (Berlin, 29.12.2016; Spiegelonline). "Gefühl der Bedrohung", "vielen Frauen ist mulmig" (Deutschland, 20.9.2017; Süddeutsche). Ich könnte weitere Beispiele nennen, aber der Punkt kommt wahrscheinlich auch so rüber.

Es sind unterschiedliche Städte. Unterschiedliche Journalisten aus unterschiedlichen Verlagen haben die Beiträge zwischen 2015 und 2018 geschrieben. Unterschiedliche Menschen haben sich darin geäussert, mit unterschiedlichem Alter, unterschiedlichem sozialem Hintergrund, Bildung und unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Und ja, selbstverständlich werden Fälle manchmal aufgebauscht und instrumentalisiert für gewisse Ideologien, das passiert auf allen Seiten. Dennoch: Wenn sich seit dem ersten Artikel 2015 die Situation in Deutschland nicht entscheidend zum Guten verändert hat – was angesichts aller Vorfälle seither eher unwahrscheinlich ist – ist es realistisch davon auszugehen, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten das subjektive Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft stark vermindert hat. Und so überrascht es kaum, dass das wichtigste Problem für die Deutschen auch im Januar 2018 Flüchtlinge sind: Gemäss einer repräsentativen Umfrage der 'Forschungsgruppe Wahlen: Politbarometer' (19.1.2018) liegt das Thema 'Flüchtlinge, Ausländer und Integration' mit 40 Prozent auf Platz eins.

Frau Merkel, wie wichtig ist Ihnen eigentlich der Zustand der Bevölkerung? Ich denke, die Frage ist an der Stelle berechtigt.

Man sollte annehmen, dass es beim Regieren um das Wohl des Volkes geht. Dass das Wohl des Volkes nicht mehr zweifellos garantiert ist, weil sich zu viele Einzelfälle zu einer überproportionalen Gefahr kumuliert haben, davor haben einige Unerschrockene längst gewarnt. Sie alle wurden als ausländerfeindliche rechte Hetzer beschimpft. Ängste und Unruhe in der Gesellschaft offenbaren sich aber losgelöst von einer politischen Richtung, besorgt sind bei weitem nicht nur Menschen am rechten Rand.
Die Tagesschau spricht von einer "Flüchtlingskriminalität" und gerade erst äusserte sich Tübingens Bürgermeister Boris Palmer (Grüne) zum zweiten Mal innert kurzer Zeit und nach einem erneuten Zwischenfall auf Facebook: "Es ist statistisch erwiesen, dass es unter den Asylbewerbern eine zehnfach überhöhte Gewaltbereitschaft gibt, die man in Straftaten messen kann. Es ist daher einfach nicht mehr möglich, diese Schlägerei als isolierten Einzelfall zu betrachten. Er steht in einer sehr langen Reihe von gleichartigen Ereignissen. Das ist einfach nur eine unbequeme Wahrheit. Man darf nicht so tun, als hätten all die Opfer der Gewalt einen Verkehrsunfall gehabt. Es gibt einen konkreten Zusammenhang zwischen der Entscheidung, die Menschen in Deutschland aufzunehmen und jedem einzelnen Opfer einer Gewalttat durch einen Flüchtling. Das muss man im statistisch normalen Umfang akzeptieren."

Ein syrischer Messerstecher macht nicht alle Ausländer zu Kriminellen. Ich will mit dem Text auch nicht andeuten, dass man keine Flüchtlinge aufnehmen sollte. Menschen zu helfen, die vor Krieg und Zerstörung fliehen, gehört zu einem freien, modernen Land.
Nur ist es meiner bescheidenen Meinung nach mit einer gehörigen Portion Naivität behaftet, zu glauben, dass jeder, der sich Flüchtling nennt, automatisch schutzbedürftig ist. Wer offene Grenzen propagiert muss damit rechnen, dass unter den Einreisenden auch Wirtschaftsmigranten sind, Kriminelle, strafrechtlich Verfolgte, verurteilte Straftäter – die Menschen also vor ihnen geschützt werden müssen. Den "Schutzbedarf" nicht bei jedem einzelnen zu hinterfragen, offenbart eine zutiefst antisoziale Haltung.
Ebenso naiv ist die Annahme, die hunderttausendfache Zuwanderung von hauptsächlich jungen Männern aus fremden Kulturen ohne grundlegendem Bildungsniveau habe keinen nennenswerten Impact auf eine Gesellschaft, und alle aktuellen Probleme lösen sich bis in fünf oder so Jahren wie durch Magie von alleine. Nur weil die Menschen da sind, heisst es nicht, dass sie gut integriert oder glücklich werden. Eine Gesellschaft ist die Summe ihrer Bewohner, geprägt und geformt von deren Einflüssen; am Ende muss sie sich fragen, wohin sie sich entwickeln will.
Und schliesslich, zeugt auch das berühmte "wir schaffen das" von verblüffender Arroganz, heisst es doch eigentlich nichts weiter, als dass jemand anderes die Probleme lösen und den Preis für ihre Weltrettungsaktion bezahlen muss – auch wenn das gewisse Leute nicht wahrhaben wollen.

Denn ist es nicht so, dass sich Frau Merkel und all jene, die Menschen verurteilen, die sich Luft machen, in der Regel in sicherer Distanz von besagten sozialen Brennpunkten aufhalten – ausser wenn sie sich mit Bodyguards und Journalistentross für eine Inspektion in die Nähe wagen? Würde Merkel mit der S-Bahn fahren, würde sie joggen an Orten wie etwa dem Görlitzer Park in Berlin oder abends durch gewisse Stadtteile schlendern, würde sie in Cottbus, Delmenhorst oder Wilhelmshaven wohnen, sie würde Dinge vielleicht von einem anderen Blickwinkel aus betrachten. So aber ist sie gefangen in ihrer überheblichen Frömmigkeit, die wohl durch ein Leben inspiriert wurde, das in einer anderen Welt stattfindet als jenes des Durchschnittsbürgers. Dieses Leben hat sie vermutlich dazu verleitet, sich schamlos über Regeln des Rechtsstaates hinwegzusetzen und über eine Million Menschen unkontrolliert ins Land kommen zu lassen. Es hat wahrscheinlich bewirkt, dass sie die Flüchtlingskrise am 12. Januar 2018 als "beendet" bezeichnete (Hurra! Alles ist gut.). Hat sie trotz vieler unüberwindbarer gesellschaftlicher Schranken zur Zustimmung veranlasst, 220'000 neue Migranten pro Jahr, jedes Jahr, im Land aufzunehmen. Diese Leben ist möglicherweise verantwortlich dafür, dass sie eine mögliche Grenzschliessung nicht mal ins Auge fasst.

Es bedarf einer Art Zauberei, um all die heute lodernden Flämmchen in der Gesellschaft zu ersticken. Die Frage aber, wie wichtig dieser Kanzlerin der Zustand der Bevölkerung ist, die scheint zumindest geklärt.


veröffentlicht bei BaZ und Tichys Einblick im Januar 2018









NetzDG: Dummheit, Petze und Hass

Deutschland ist zensurfreundlicher geworden. Seit Jahresbeginn ist das Netzdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft, es soll "Hassrede" in den sozialen Medien eindämmen. "Offensichtlich rechtswidrige Inhalte müssen innerhalb von 24 Stunden gelöscht werden, sonst drohen hohe Geldstrafen, so die Ansage.

Und so wird jetzt eben, wie von vielen vorausgesagt, eher zu viel als zu wenig gesperrt: Satirische Tweets, Beleidigungen, abweichende Meinungen. Bezüglich der Sperrregeln herrscht reine Willkür. Bei Twitter etwa schrieb eine Userin: "Idee: Weissen Männern ein Tweetlimit von drei Tweets am Tag geben. Alle Probleme gelöst." Ein User kommentierte das so: "Schwarzen Frauen ein Tweetlimit von drei Tweets am Tag geben. Alle Probleme gelöst." Beide Tweets wurden gemeldet, ersterer wurde von Twitter für unbedenklich erklärt, der andere wird in Deutschland zurückgehalten.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer erklärte in einem NZZ-Artikel, dass Beiträge – zum Beispiel bei Facebook – von Mitarbeitern der Bertelsmann-Tochter Arvato gesichtet werden. "Diese Mitarbeiter sind in der Regel keine Juristen und haben im Durchschnitt nur acht Sekunden um zu entscheiden, ob ein Beitrag gelöscht werden muss", so Beer. Acht Sekunden? Acht Sekunden reichen nicht mal aus, sich morgens für ein Paar Schuhe zu entscheiden. Dass in derselben Zeitspanne über die Meinungsäusserungsfreiheit von Menschen gerichtet werden darf, verursacht Magenkrämpfe.

Auf der anderen Seite wird viel gepetzt. Twitter muss nicht mitteilen, wer versucht hat, einen Tweet zu löschen, so bleiben Melder anonym. Das verleitet offenbar dazu, selbst Tweets wie jenen der Polizeigewerkschaft Hamburg zu melden: "Studie: Durch Flüchtlinge ist es seit 2014 zu einem spürbaren Anstieg von Gewalttaten in Deutschland gekommen, dies überschattet den eigentlich positiven Trend hin zu weniger Mord, Totschlag und Raubdelikten." Fremdenfeindlich? Hetzerisch? Verleumdend? Oder nur der Wahrheit entsprechend? Twitter stufte den Tweet als nicht regelwidrig ein, sperrte ihn nicht. Die Situation ist aber die: Denunzianten haben Hochkultur.

Würde unsere Gesellschaft ganz ohne Zensur im Internet auskommen, oder ist ein gewisses Mass an Kontrolle und Aufsicht sinnvoll? Es gibt durchaus Fälle, wo man der Forderung nach Zensur ein gewisses Mass an Berechtigung nicht ganz absprechen kann. Hierzu ein kleines Beispiel.

In einer Live-Show debattierten anfangs Jahr auf einem kanadischen Youtube-Kanal mehrere professionelle Redner – Repräsentanten der Liberalen, Libertären und Linken – mit Richard Spencer, dem Gründer der Alt-Right-Bewegung. Die Philosophie der Alt-Right ist es, dass die westliche Zivilisation durch die weisse Rasse entstanden ist. Ihre Anhänger sehen die Identität der weissen Bevölkerung durch multikulturelle Einwanderung bedroht und wollen sie verteidigen. Spencer gilt als eine der umstrittensten Personen in den USA, manche bezeichnen ihn als "Nazi-Sympathisant".

In der rund vierstündigen Debatte stritten die Teilnehmer sachlich und zivilisiert über zeitgenössische Tretminen-Themen wie Genetik, Rasse, Identität und Massenmigration. Verschiedenste Meinungen prallten aufeinander, darunter sehr befremdliche. So spricht sich Spencer etwa für die Gründung eines weissen Ethnostaates aus – die Antwort, wie er das ohne Gewalt zu Stande bringen will, blieb er schuldig. Er ruft zwar nicht rhetorisch zu Gewalt auf – und kann somit auch nicht für Gewalt verantwortlich gemacht werden. Aber er streut Ideen, die durchaus Parallelen zum Nationalsozialismus aufweisen. Mit klugen Argumenten entlarvten die Debattierer diese Ideen als das, was sie sind: Absurd und gefährlich. Und hier kann man sich zu Recht fragen: Sollte man jemanden wie ihm eine Plattform bieten? Eine Plattform für "Nazi-Propaganda", wie es Kritiker der Show formulierten? Sollte Youtube das Video in Deutschland zurückhalten?

Hier einige Gründe, die pro Sperrung sprächen: Seine Ansichten, liesse man sie gedeihen, könnten bei einigen seiner Anhänger zu Hetze und Gewalt verleiten. Nicht jeder ist reif genug, mit bestimmtem Ideen umzugehen und sie richtig einzuordnen, sie einfach als falsch und absurd abzutun. Die Geschichte hat gezeigt, was Extremisten zustande bringen. Auch könnten öffentliche Debatten wie diese dazu beitragen, dass rassistische Diskussionen gegen bestimmte Gruppen wie Juden oder Schwarze wieder salonfähig würden.
Von den Debattierern schien nämlich keiner dieser Gruppen anzugehören (was ich als Kritikpunkt anmerke), Spencers Ideen hätten somit für sie grundsätzlich keine Konsequenzen. Wie aber würde sich ein Schwarzer oder ein Jude fühlen, würde er mit rassistischen Aussagen konfrontiert, wie etwa jener, dass "Weisse in der Zukunft ihren eigenen Ethnostaat errichten sollten, um die Gesellschaft weiter zu bringen"? Warum und wie soll jemand überhaupt argumentieren bei jemandem, der ihn quasi als "Untermensch" einstuft, auch wenn er das Wort nicht sagt? Für jene unter uns, die wir von Spencers Thesen nicht betroffen sind, scheint es ein Einfaches, uneingeschränkte Redefreiheit zu fordern, solange wir uns dabei nicht selber emotional investieren müssen. Pro Zensur könnte man auch den Punkt anbringen, dass seine Äusserungen für viele verletzend und beleidigend sind.
Ich bin mir bei diesem Beispiel angesichts der Meinungsäusserungsfreiheit nicht ganz schlüssig. Ich tendiere aber eher dazu, dass ein Redeverbot, oder ein Zurückhalten des Videos nicht richtig wäre. Meine folgenden Argumente gelte nicht für strafrechtlich relevante Äusserungen oder solche, die einen von Aufruf zu Gewalt darstellen, diese gehören selbstverständlich untersucht und entsprechend geahndet.

Die Debatte stiess auf enormes Interesse, es war über weite Strecken weltweit der meistgesehene Live-Video-Stream. In der Gesellschaft ist offenbar ein Bedürfnis vorhanden, ungefilterte, unbeschönigte Meinungen zu heiklen Themen zu hören. In einer Nachbesprechung räumte der Organisator Andy Warski ein, dass das Gäste-Line Up diverser hätte sein sollen. Die grosse Mehrheit der Reaktionen fiel dennoch positiv aus, "Danke für die offene Debatte, solche schwierigen Diskussionen brauchen wir heute", las man in den Kommentaren. Den Vorwurf, er habe Nazi-Propaganda eine Plattform geboten, konterte Warski mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung.
Man kann Spencers Thesen verletzend und beleidigend finden – das ist kein Argument für Zensur, denn niemand besitzt das Grundrecht, nie beleidigt oder verletzt zu werden. Man kann seine Ideen für absurd und gefährlich halten – indem man Personen wie ihm aber die Debatte verweigert oder das Video sperrt, ändert man wahrscheinlich grundsätzlich nichts. Gedanken kann man nicht verhindern.

Ist es nicht überhebliches Denken, dass eine bestimmte Ideologie durch Zensur könnte gesteuert werden? Wahrscheinlicher scheint, dass das Gegenteil eintrifft, dass Zensur Leute wie ihn zu "Opfern" machen würde, zu Märtyrern im Namen der Redefreiheit. Sie werden ihre Vorträge dann eben anderswo halten, Diskussionen in den Untergrund verlagern, wo sie auf keine Gegenargumente stossen oder mit Leuten streiten, die vielleicht nicht so eloquent sind wie diese liberalen und libertären Speaker, deren Beruf es ist, für ihre politischen Überzeugungen zu debattieren. Offene Diskussionen auf Augenhöhe zwingen Menschen, ihre Gedanken auszuformulieren, das ermöglicht es erst, ihre Ansichten, die sonst unangefochten blieben, argumentativ zu widerlegen.
Und ganz ehrlich: Die Debatte war interessant und unterhaltsam. Es ist erfrischend zuzusehen, wie sich Menschen mit extrem unterschiedlichen Positionen rational einem Thema annähern. Eine reife Gesellschaft sollte dazu eigentlich in der Lage sein. Ansonsten ist es der Tod der Debatten-Kultur.

Das bringt uns zurück zum NetzDG. Hassrede im Internet existiert. Beleidigungen, Vulgärsprache, auch rassistische Bemerkungen, ich treffe es nicht häufig an bei Twitter, aber es ist da – genauso wie im realen Leben, dessen Abbild die sozialen Medien schlussendlich sind. Dennoch: Internet-Debatten oder Tweets zu verbieten, auch wenn sie für manche beleidigend wirken mögen, ist nicht richtig, es ist Bevormundung. Menschen sollen selber entscheiden dürfen, welche Meinungen sie hören und lesen wollen, welche nicht. Es ist absurd, wenn die Politiker sich als moralische Grundinstanz erheben, mit unausgegorenen Gesetzen und anhand ihres subjektiven Empfindens Entscheide für den ganzen Rest treffen. Würde in der realen Welt jeder jeden wegen eines verbalen Ausfalls oder eines verletzten Gefühls bei der Polizei anzeigen, die Gesellschaft verfiele wohl innert kürzester Zeit in chaotische Zustände – sooo weit davon entfernt scheint man in den Deutschen sozialen Medien nicht zu sein. Das Gesetz gegen Hass schützt niemanden wirklich vor Hass, aber es schürt zunehmend selbst Hass. Von anonymen Denunzianten gemeldet zu werden, fördert nun mal keine überschwängliche Begeisterung.

Ich hätte übrigens einen Vorschlag für Twitter: Wer mehr als zweimal einen Tweet meldet, der nicht gegen Twitterregeln verstösst, sollte mit einer roten Clownnase in seinem Profilbild gebrandmarkt werden. Keiner mag Petzen.


veröffentlicht bei BaZ und Tichys Einblick im Januar 2018

Diffamierung statt Schweden-Debatte

Auf meinen Beitrag zum neuen "Einwilligungsgesetz" in Schweden erhielt ich überdurchschnittlich viele Kommentare. Darunter war auch ein Leser, der mir "toxischen Femonationalismus" vorwarf.

Ich gestehe, ich kannte den Ausdruck Femonationalismus nicht. Gemäss einem Artikel bei Zeitonline ist es die "Indienstnahme feministischer Perspektiven für rassistische Argumentationen". Der Begriff stammt aus dem linken Spektrum. Sara R. Farris, Uni-Dozentin am Goldsmith College in London, hat ihn in ihrem Buch "Die politische Ökonomie des Femonationalismus" untersucht, bei einem Auftritt bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Deutschland erklärte sie, wie Femonationalisten "die Rechte von Frauen für nationalistische, sexistische, rechtsradikale und antimuslimische Angriffe instrumentalisieren, um die Integration von Immigrant_innen und Muslim_innen zu vereiteln." So steht es auf deren Website.

Ich hatte das zwar nett gemeinte aber unsinnige Gesetz, das Menschen zu einer Einwilligung vor dem Sex verpflichtet, für naiv und unnötig erklärt. Naiv, weil sich das Einverständnis nicht beweisen lässt, auch, weil sich ein Mensch mit gefährlicher Energie einen feuchten Dreck um eine Einwilligung schert. Unnötig, weil es kaum zu mehr Verurteilungen führen wird – was selbst Experten zugeben. Unsinnig, weil es auf einen Nebenschauplatz zielt, anstatt sich des Kernproblems anzunehmen, dem horrenden Anstieg von Vergewaltigungen an öffentlichen Orten. Auch wenn sexuelle Übergriffe in Schlafzimmern geschehen und man diese nicht verharmlosen sollte, ist der Gesetzesentwurf nur Symbolpolitik und eine Verschwendung von Ressourcen, die woanders dringender gebraucht würden. Um "einen Wandel in der Gesellschaft" zu bewirken, benötigt es kein Gesetz. Wer als Erwachsener nicht mitgekriegt hat, dass man zu einvernehmlichem Sex willens und in der Lage zu sein muss, den erzieht auch ein Gesetz nicht um. Einen Mentalitäts-Umschwung herbeiführen können höchstens Sensibilisierungskampagnen, die bestenfalls schon während der Erziehung ansetzen – und bei denen auch an die Eigenverantwortung von Frau und Mann appelliert wird.

Wie die Schwedin Paulina Neuding in einem vielbeachteten Artikel für das Webmagazin Quillette.com beschrieb, sind zwischen 2007 und 2016 Sexualverbrechen in Schweden um 61% gestiegen, während Strafverfolgungen stetig abgenommen haben. Statistiken zeigen, dass 2016 nur elf Prozent der gemeldeten Vergewaltigungen strafrechtlich verfolgt wurden, zwanzig Prozent weniger als 2014. Die schwedische Polizei heillos überlastet, schwerste Vergewaltigungen werden erst nach Monaten ermittelt. Angesichts solcher Tatsachen kann man selbstverständlich an Gesetzentwürfen basteln, die vor allem auf den Tatbestand "unachtsame" sexuelle Übergriffe durch Partner im Schlafgemach abzielen. Man kann die vielen einzelnen Arbeitsschritte durchlaufen, etliche Institutionen, Fachleute, Politiker miteinbeziehen, die sich monatelang mit dem Prozess – von Vorlegung der Idee über die Ausarbeitung des Entwurfes bis hin zur Zustimmung durch die Regierung – befassen. Kann dazu bei Kaffee und Kuchen diskutieren.

Vielleicht dauert dieser Gesetzesentwurfs-Prozess in Schweden ja nur sechs Wochen. So lange wartete ein 12-jähriges vergewaltigtes Mädchen, bis es von der Polizei zu ihrem Fall befragt wurde. Vielleicht dauerte er zwei Monate. So lange erstreckte sich die Wartezeit bis zur Befragung für eine Augenzeugin, nachdem sie eine im Internet Live-gestreamte Vergewaltigung angezeigt hatte. Vielleicht ein Jahr. Etwa so lange liefen identifizierte mutmassliche Vergewaltiger frei herum, bis die Polizei Ressourcen fand, sie zu verhaften. Es ist davon auszugehen, dass die Opfer ihre "Nicht-Zustimmung" zum Ausdruck gebracht hatten – und falls nicht, hatten sie ihren guten Grund. Wie muss es sich für Opfer solcher Taten anfühlen, wenn augenscheinlich genügend Ressourcen und Gelder vorhanden sind für kaum praktikable Gesetze – während gleichzeitig dringende Mittel fehlen, die ihre Sicherheit womöglich hätten gewährleisten und ihnen schnellere Gerechtigkeit hätten bringen können?

Wenn ich also als Frau dem Gesetz nicht applaudiere und stattdessen Neudings Kernaussage erwähne – den belegbaren Zusammenhang zwischen steigenden Vergewaltigungszahlen und Immigration – dann darf man meine Sichtweise gerne mit Argumenten kontern. Denn meine Meinung kann auch falsch sein.

Das Problem ist, dass Menschen heute reflexartig mit ständig neu kreierten Totschlag-Begriffen um sich werfen und so sachliche Debatten von vornherein abwürgen. Darin liegt eines der grössten Probleme der heutigen Gesellschaft. Debatten zu heiklen Themen wie der Einwanderungspolitik werden so schon im Kern erstickt, ein offener Diskurs ist kaum mehr möglich. Alles, was nicht ins eigene Weltbild passt oder was man nicht gerne hört, als "rassistisch" und "toxisch" abzutun, ist kontraproduktiv – es werden mittlerweile zu viele Menschen als -Isten gebrandmarkt; Kritiker der Einwanderungspolitik als Rassisten. Skeptiker der MeToo-Kampagne als Misogynisten. Zweifler an der Lohnungleichheit-Theorie als Sexisten. Sogar der Grüne-Politiker Boris Palmer wird als "Rechtspopulist" diffamiert, weil er auf das Frauenbild in den Herkunftsländern von Immigranten und dessen Zusammenhang zu Sexualstraftaten in Deutschland hingewiesen hatte. Er schrieb jüngst auf seiner Facebookseite: "Schon 2016 waren 10% aller Tatverdächtigen in Sexualstraftaten Asylbewerber, 2017 wird der Wert weiter steigen. Das ist bei 1,5% der Bevölkerung einfach viel zu hoch und nicht relativierbar." Er habe schon 2015 erklärt, dass der Kulturbruch zum sexuell viel offeneren Leben hier und die fehlende Perspektive hier in Aufnahmeeinrichtungen völlig ausreiche, um diese Auffälligkeit zu erklären und vorherzusehen: "Seither muss ich mich als Rechtspopulist beschimpfen lassen."

Wie soll eine Gesellschaft auf der Grundlage überhaupt noch kontroverse Debatten führen können? Jeder weiss, dass es auch unter Einheimischen Sexualtäter gibt, und fände erwiesenermassen eine Anhäufung von Sexualverbrechen durch Einheimische statt, würde darüber informiert, die Ursache des Problems ergründet und offen diskutiert. Es wäre eine Selbstverständlichkeit. Jeder weiss auch, dass die Mehrheit der Immigranten keine Sexualverbrechen begeht. Etwas anderes zu behaupten, ist falsch und verunglimpfend. Genauso falsch ist es aber, aus Rücksicht auf Diskriminierung von bestimmten Gruppen die Augen vor der Realität zu verschliessen, Zahlen zu relativieren und jenen, die sie ansprechen, Beleidigungen wie Femonationalismus zu unterstellen. "Die Wut, die Morde in Kandel und Freiburg, aber auch Vergewaltigungsserien wie in Tübingen hervorrufen, ist menschlich verständlich", schreibt Palmer, "und wir dürfen nicht zulassen, dass alle, die sie teilen, zur AfD geschoben werden, weil nur beschwichtigt oder beschimpft wird." Ich stimme dem Grünen-Politiker 100% zu. Denn damit wird auch den Opfern nicht geholfen.

Seit der letzten Kolumne, während wir hier über neue Gaga-Begriffe diskutieren, ist die Welle von Gruppenvergewaltigungen in Malmö weitergegangen. Die vierte in nur wenigen Wochen geschah am 29. Dezember, wie die Münchner Zeitung tz.de unter Berufung auf die Schwedische Zeitung Sydsvenskan berichtet. Auch hier wurde die Frau laut Polizeiangaben an einem öffentlichen Ort attackiert und von mehreren Personen brutal vergewaltigt.
Für das Opfer ist es wohl irrelevant, woher die Täter stammen. Aber es ist nun einmal die Aufgabe des Staates seine Bevölkerung zu schützen. Gefährlich wird es, wenn eine Regierung mangels rationaler Sicht auf die Ausgangslage ineffiziente Massnahmen ergreift. Um das zu kritisieren, muss man keine Femonationalistin sein.


veröffentlicht bei BaZ und Tichys Einblick, Januar 2018