Donnerstag, 31. Mai 2018

Nazi-Mops und Burka


Never hate your enemies. It affects your judgment. Hüte Dich, Deine Feinde zu hassen, denn es trübt Dein Urteilsvermögen. Das berühmte Zitat von Michael Corleone aus dem Film 'Der Pate' könnte treffender nicht sein. Aktuelles Beispiel liefern zwei Texte von Journalisten. 


Der erste Text kommentierte einen Appel von Terre des Femmes. Die Frauenrechtsorganisation fordert ein Vollverschleierungsverbot und schrieb jüngst auf ihrer Webseite: „Ohne ein Verbot wird es in Deutschland bald sehr viel mehr Vollverschleierung geben.“ In einem Positionspapier listet Terre des Femmes die Argumente für das Verbot auf. 

Auf Schlagzeilen aus einer bestimmten Richtung kann man sich blind verlassen. Und so tippte denn auch eine Redaktorin der deutschen Tageszeitung TaZ.de flugs den Titel "Helfershelfer der AfD" über ihren Kommentar zur Forderung von Terre des Femmes. Mit dem Ansinnen des Vollverschleierungsverbotes, das für die Redaktorin "nicht sonderlich weit oben auf der Liste der Dringlichkeiten steht", stärke die Frauenrechtsorganisation die "Scheindebatte der Rechten". Das Problem sei, dass sich "antimuslimische Ressentiments und immer weiter nach rechts driftende Positionen überbieten." Wer diese wie Terre des Femmes ohne jede Not verbreite, legitimiere sie, so die Schreiberin. Damit unterstellte sie der Organisation Beihilfe zum Rechtspopulismus. Würden solcherlei Diffamierungsexperimente unserer Gesellschaft nicht akut schaden, wäre es beinahe lustig. 

Der zweite Artikel offenbarte eine ähnlich verquere Logik, aber jetzt geht’s um den Fall Mark Meechan. Meechan alias Count Dankula ist ein schottischer Youtuber, der jüngst wegen eines sogenannten Hassverbrechens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Sein Hassverbrechen bestand darin, dass er dem Mops seiner Freundin aus Witz den Hitlergruss beibrachte – der Mops streckt in dem Video tapsig sein kurzes Pfötchen in die Höhe, während Meechan pro-Nazi-Kommentare von sich gibt. Das Ganze erweckt bei der Zuschauerin ein Gefühl zwischen Kopfschütteln und Lachreiz. Meechan wollte damit seine Liebste auf die Palme bringen, was er im Nachhinein selbst als dumm bezeichnete. Das Video, das klar als Scherz erkenntlich war und nun als "Nazi pug" (Nazi Mops) in die Youtube-Annalen eingeht, war für die Schottischen Behörden keiner; Anstiftung zu Antisemitismus in einem "extrem beleidigenden" Video lautete die Anklage. Unterstützung erhielt Meechan von dem beliebten britischen Comedian Ricky Gervais: "Wenn du nicht daran glaubst, dass eine Person das Recht hat Dinge zu sagen, die du vielleicht als beleidigend empfindest, dann glaubst du auch nicht an Redefreiheit", schrieb er auf Twitter. 

Ein Journalist der britischen Onlinezeitung INews beurteilte das anders (was sein gutes Recht ist). Er sah sich in seinem Kommentar genötigt, Gervais – der sich, nebenbei, bei den Wahlen 2017 für Labour Party-Chef Jeremy Corbyn aussprach – als Helfer der Rechtsextremen zu bezeichnen: "Die Rechtsextremen benützen Online-Witze um ihre rechte Ideologie attraktiver zu machen und Mainstream-Comedians helfen ihnen dabei." Die Comedians, und damit meinte er vor allem Gervais, würden den richtigen Kontext des Videos nicht verstehen, so seine Behauptung.

Ob Meechans Witz lustig war, total daneben, ob Redefreiheit das Recht beinhaltet zu beleidigen, ob die Forderung der Frauenrechtsorganisation nach einem Vollverschleierungsverbot berechtigt ist – das soll hier heute nicht der Punkt sein. Von Bedeutung ist die Ähnlichkeit, die die Fälle von Terre des Femmes und Gervais offenbaren: Beide verteidigen und stehen für Prinzipien ein, die für sie selbst und für eine Gesellschaft massgebend sind; Frauenrechte und Redefreiheit. Und beide werden deshalb der Beihilfe zum Rechtspopulismus, gar zur Handreichung zum Rechtextremismus bezichtigt.

Hier ist das Problem: Auch die AfD in Deutschland fordert ein Vollverschleierungsverbot – und auf der Insel kämpfen, nebst den Liberalen, auch Rechtsaktivisten und Rechtsextreme für Redefreiheit und kritisieren das Urteil gegen Meechan öffentlich lautstark. Mit diesen Gruppen setzen sich halt dummerweise die Falschen für die richtige Sache ein. 
Natürlich ist die Motivation von verschiedenen Gruppen dahinter nicht immer dieselbe, man ist womöglich aus unterschiedlichen Gründen für oder gegen ein Anliegen. Das ändert aber in dem Moment an dem konkreten Thema nichts. 

Es stellt sich die Frage: Was wäre, wenn die AfD für den Klimaschutz eintreten würde? Würden Menschen dann Reifen im Garten verbrennen? Ein grösseres Auto anschaffen? Kohlekraftwerke unterstützen? Der Vorwurf 'Helfershelfer der AfD' an Terre des Femmes, nur weil die Organisation für dieselbe Sache einsteht wie jemand den man selbst verachtet, offenbart die beschränkte Denkweise mancher Leute. Gemäss ihrer Logik sollten sich Frauenorganisationen also nur für Frauenrechte einsetzen, solange sich keine verhasste Gruppe für dieselben Rechte einsetzt – weil sie ansonsten dieser Gruppe in die Hände spielen. Und gemäss derselben Logik sollte sich Comedian Gervais nur für Redefreiheit einsetzen, solange kein verhasster Youtuber, Aktivist oder Politiker ebenso für Redefreiheit kämpft – ansonsten unterstützt man diese bei der Verbreitung ihrer Ideologie.

Man kann mit der Agenda des politischen Gegners kollidieren. Kann sie für würdelos halten, übergeschnappt, für rassistisch auch. Wenn man aber aufgrund seiner Verachtung nicht mehr zu differenzieren vermag und reflexartig mit der Diffamierungsaxt um sich schlägt, schadet man nicht nur der offenen Debatte, sondern der Sache selbst. Als ob sie es ahnen würde, fügte Terre des Femmes auf ihrer Webseite zum Vollverschleierungsverbot bei: Religionskritik sei generell ein Merkmal jeder aufgeklärten und offenen Gesellschaft und habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Aber vor allem Kritik am Islam würde pauschal mit Rassismus und Rechtspopulismus gleichgesetzt. "Die Vorwürfe sind so vehement, teils denunziatorisch geworden, dass sie die Debatte vergiften und nichtreligiöse wie religiöse säkulare und liberale Kräfte zum Schweigen bringen."

Die zwei Kommentare und ihre Autoren sind so unbedeutend wie die Regenwolken vom Morgen. Sie stehen aber als Symbol einer Gesellschaft, die mit ihrem Gebaren zunehmend Menschen einschüchtert und so zur Bildung von extremen linken und rechten Rändern beiträgt. Deren Repräsentanten setzen sich geräuschvoll für ihre Prinzipien ein, während die grosse Mehrheit aus der Mitte aus Angst vor solcherlei Aburteilung lieber stumm bleibt, ihre Meinung nur mehr an privaten Abendessen preisgibt. Frauenrechte und Redefreiheit betrifft uns aber alle. Wir sollten den Kampf dafür gemeinsam führen, statt uns gegenseitig anzugreifen. 

veröffentlicht BaZ&TE im April 2018

Frauenquote: Danke – aber nein danke!

Almosen für die Frau, die brauchen wir nicht. Schon an der Stelle erregen sich wahrscheinlich die ersten Gemüter. Die Frauenquote kann man doch nicht mit einer Spende vergleichen! Doch, kann man. Wenn Frauen assistiert wird, damit sie beruflich mehr Erfolg haben, dann erhält diese Gruppe Privilegien. Das ist wie ein süsses, kleines Geschenk. Geschenke am Arbeitsplatz sind oftmals kontraproduktiv.

Das Grundargument hinter der Frauenquote ist ja – sei es im Verwaltungsrat oder bei Kaderpositionen –, dass in Unternehmen männliche Dominanz vorherrscht. Frauen werden deshalb standardmässig gedeckelt, klein gehalten, Chancen werden ihnen verwehrt. Für wichtige Positionen werden Männer bevorzugt, weil eben die Entscheidungsträger oft Männer sind, die eher ihre Geschlechtsgenossen fördern und befördern als weibliche Mitarbeiter, so die Argumentation. Es gäbe mehr Gleichberechtigung, wenn mehr Frauen in hohen Positionen mitreden könnten. Gerade hat sich der Schweizer Ständerat für eine sanfte Frauenquote im Bundesrat ausgesprochen – der Anteil der Frauen soll dort rechtlich geregelt werden. Derzeit sind von sieben Bundesräten zwei weiblich.

In Deutschland gilt seit Anfang 2016 eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten. Laut einem Tagesanzeiger-Artikel von 2017 stieg die Frauenquote in Verwaltungsräten der 100 grössten Schweizer Firmen von 16 auf 17 Prozent, von den neuen Geschäftsleitungsmitgliedern ist heute jedes fünfte weiblich. "Ein rekordhoher Zustrom von Frauen", befand der Tagesanzeiger: Der Politik geht das aber zu wenig weit, sie fordert eine 30-Prozent-Frauenquote in Verwaltungsräten.

Egal, ob Deutschland oder Schweiz, Frauen sind in den Chefetagen unterrepräsentiert. Das ist eine Tatsache. Den Grund aber mit systematischer Chancenungleicheit und Diskriminierung zu verknüpfen, ist meines Erachtens falsch. Frauen haben heute – zumindest in westlichen Industrieländern – nicht weniger berufliche Chancen als Männer. Sie haben von Anfang an die gleichen Karrieremöglichkeiten. Sie können jedes Fach studieren, jeden Beruf ausüben. Eine Frau kann Ingenieurin werden, Wissenschaftlerin, Bundesrätin, Kanzlerin, Präsidentin. Die Chancen sind da – flankiert werden sie nebenbei auch noch mit diversen Förderprojekten, Anreizen und Impulsen. Über zu wenig Schützenhilfe kann man sich als Frau wirklich nicht beklagen. In unserer Gesellschaft haben wir die Wahl. Wie Frauen allerdings ihre Möglichkeiten nutzen, hier trennen sich die Geschlechter-Wege.

Wer Karriere machen will, muss ein Stück weit mehr opfern als die anderen. Das heisst mehr Einsatz, mehr Risikobereitschaft, längere, oftmals brutale Arbeitszeiten. Die Familie am Wochenende mehr alleine lassen. Karriere heisst auch, auf Urlaub zu verzichten, im Urlaub arbeiten. Das Gehirn ist so gepolt, dass die Priorität dem Job gehört. Tendenziell sind Männer eher für diesen Lifestyle bereit als Frauen. Ihre Priorität im Gehirn sind tendenziell und jenseits der Dreissig die Kinder (sofern sie welche hat) – und das ist gut so. Ohne die Opferbereitschaft seitens der Frau wäre die Menschheit nicht mehr existent. Die Opferbereitschaft des Mannes – oder der Ehrgeiz, je nach Blickwinkel – ermöglicht es ihm wiederum, eher in Chefpositionen aufzusteigen.

Mehr Frauen in Toppositionen zu bringen, ist richtig. Durchmische Teams arbeiten besser, das belegen diverse Studien. Männer und Frauen haben unterschiedliche Stärken (und Schwächen) – Frauen wird tendenziell mehr soziale Kompetenz bescheinigt, mehr Empathie. Untersuchungen belegen aber auch, dass Frauen sich weniger zutrauen als Männer, sie sind eher bescheiden und geben schneller auf. Männer hingegen können tendenziell besser verhandeln, scheuen sich weniger, unpopuläre Entscheide zu treffen, ihr Durchsetzungsvermögen ist ausgeprägter. Beide Geschlechter haben unterschiedliche Blickwinkel – diese angemessen einzubinden kommt dem Unternehmen zugute.

Trotz dieser Faktoren ist eine gesetzliche Reglementierung der Frauenquote gleich auf mehreren Ebenen der falsche Weg.

Frauen sind nicht standardmässig Opfer von männlicher Dominanz und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Wir werden nicht systematisch übersehen bei Beförderungen, klein gehalten, unterdrückt – auch wenn das von einigen Feministen stets so dargestellt wird. Das Jobpflaster ist hart – gewisse Branchen sind härter als andere. Aber es ist für alle hart – auch Männer sind dem Konkurrenzkampf ausgesetzt, werden übersehen, klein gehalten, schikaniert, gemobbt, ausgegrenzt. Wir Frauen haben diese unschöne Behandlung nicht für uns gepachtet. Ich sage nicht, dass es nicht passiert. Aber viele Jobentscheide beruhen – nebst der Fachkompetenz – auch auf persönlicher Sympathie und haben rein gar nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Ich selbst bin in meinem Berufsleben einige Male gescheitert. Abgewiesen worden, nicht berücksichtigt, angezweifelt. Unterschätzt und belächelt – und werde es noch immer. Vielleicht, weil ich eine Frau bin. Vielleicht, weil ich eine Wallemähne habe (wie weibliche Kritiker gerne monieren). Weil mein Lidstrich zu intensiv ist, vielleicht weil ich schlicht nicht die vorausgesetzten Qualifikationen mitbringe. So, what? Scheitern gehört dazu, Kämpfe zu führen gehört dazu, sich durchzusetzen auch, es ist niemals leicht – ausser vielleicht wenn das Lebensmotto Anspruchslosigkeit ist.

Seine Basis-Chancen zu nützen, obliegt jeder Person selbst. Eigenverantwortung heisst das Zauberwort.

Aktiv statt passiv zu sein, selbstsicher statt zweifelnd, anspruchsvoll statt bescheiden. Wie man so schön sagt: Jeder ist der Architekt seines eigenen Lebensentwurfes. Und ja, den Chancen muss man hie und da auf die Sprünge helfen. Persönlich habe ich mich früh, vor knapp 20 Jahren, für Selbständigkeit entschieden.

Das hat Vor- und Nachteile, grosser Vorteil aber ist, dass ich mich heute nicht über einen schlechten Lohn, einen dämlichen Chef oder ausbleibende Beförderungen beklagen muss – ich entscheide, wer mein Kunde wird, welches Mandat ich zu welchem Honorar annehme und welches nicht. Und jetzt kommt das Beste, nämlich die Befriedigung. Die grösste Befriedigung hat man nämlich über Dinge, die man ganz alleine geschafft hat, durch eigene Verdienste und Fähigkeiten. Die man sich durch kluge Entscheide, Können, Fleiss, Ausdauer, kreative Ideen erarbeitet hat – und nicht, weil einen gesetzliche Regelungen gepusht haben. Diese Zufriedenheit ist meiner Meinung nach – über ein gesamtes Leben gesehen – mehr wert als eine höhere Lohnstufe oder eine Kaderposition.

Und genau hier kommt der nächste Punkt gegen Frauenquoten. Wie kann man sich denn sicher sein, ob man eine Stelle oder Beförderung aufgrund seiner tatsächlichen Fähigkeiten bekommen hat, oder nicht einfach, weil es halt noch eine Frau im Kader braucht – eine Frage übrigens, die sich auch die Kollegen stellen werden. Fürs Arbeitsklima dürfte das nicht gerade förderlich sein. Und wo führt denn die erzwungene Quote hin? Geht man einen Schritt weiter, gäbe es noch zahlreiche weitere Gruppen, die man gesetzlich fördern könnte, wie etwa ältere Menschen, Uni-Abgänger oder Leute aus einer bestimmten Region. Und welche Gruppe wertet man dann als wichtiger?

Ein weiterer Faktor gegen die Frauenquote ist das Unternehmertum. Unternehmen haben das Risiko und die Verantwortung einer solchen (auch falschen) Entscheidung schlussendlich zu stemmen. In Realität ist die Frauenquote für viele Unternehmen nicht umsetzbar, weil einerseits teilweise schlicht zu wenig Frauen für einen Job bereit sind und sie andererseits den Kandidaten mit den besten Qualifikationen nehmen (müssen). Geschieht die Frauenquote auf freiwilliger Basis, geht sie darum völlig in Ordnung. Unternehmen sind heute sensibilisierter in Bezug auf Gleichstellung, sie stellen von alleine mehr Frauen ein. Erzwungene Quoten aber sind eine Einmischung ins Unternehmen und deshalb antiliberal. Gleichzeitig torpedieren sie die lang erkämpfte Chancengleichheit, indem sie eben nur jenen Chancen gewähren, die auf der "richtigen" Seite stehen.

Zu guter Letzt: Die Frauenquote ist ein Rückschritt für uns Frauen. Sie suggeriert nämlich, dass wir es nicht alleine schaffen. Sie unterstützt die Ansicht, dass – steckt eine Frau beruflich in der Sackgasse – dies aufgrund der männlichen Dominanz ist. Eine Denkweise, die sich leider in vielen Frauenhirnen gefestigt hat: Ich schaffe es nicht weiter, also bin ich Opfer von Chancenungleichheit, Diskriminierung, Vetternwirtschaft, Verschwörung. Die Frauenquote fördert die Abhängigkeit von dem Support-System und untergräbt die Eigenverantwortung.

Wir Frauen brauchen keine gesetzliche Assistenz, die uns zum Erfolg verhilft. Wir brauchen keine Privilegien fürs Frausein. Es gibt unzählige Beispiele von erfolgreichen Frauen, die sich trotz aller Widerstände durchgesetzt haben. Eine Person sollte einzig aufgrund von Verdienst und Können belohnt werden. Nicht wegen ihres Geschlechts.



Eine Gesellschaft knickt ein. Vor den Dauerempörten.

Ein Ratssaal. Ein Bild. Ein nackter weiblicher Rücken. Und eine Frau, die sich deswegen sexistisch belästigt fühlt. Für Hypererregbarkeit reicht ja heutzutage masslos wenig. Die Empörungsrevöltchen reihen sich nahtlos aneinander. Und ganz ehrlich, langsam schäme ich mich für solche Geschlechtsgenossinnen. Das Problem aber ist, dass man den frustrierten Seelen nachgibt.

Der Vorfall sei hier nur am Rande erwähnt – auch der Ort Heikendorf spielt keine Rolle; es könnte genauso gut in Bern, Wien oder Washington passiert sein. Denn egal, ob Westeuropa oder USA, gesellschaftliche Werte wie Toleranz und Freiheit werden von der Gruppe der Dauerbeleidigten gleichermassen torpediert.

Da empfand also eine Gemeindevertreterin ein Bild, das die nackte Rückenansicht einer Frau offenbarte, als Belästigung. Laut den Kieler Nachrichten beschwerte sie sich beim Bürgermeister: "Als Frau stossen diese Bilder mich ab". Sie wolle nicht stundenlang etwa auf einen Lederstiefel mit Stiletto-Absatz gucken. Der Bürgermeister sieht keine Herabwürdigung der Frau in dem Gemälde, entschied sich gegen das Abhängen, aber der Künstler Uwe Piepgras muss sein Bild bis Ende Ausstellung am 21. März vor jeder Sitzung – bitte festhalten – mit Laken überdecken.

Man kann, wie so oft, darüber Schmunzeln. Ist ja kein Drama. Kann das Groteske einfach wegschmunzeln. Warum überhaupt jeden Mückenfurz dieser Welt in einer Kolumne kommentieren? Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich es dennoch tue. Wo doch das besagte Gemeindehaus irgendwo in der Provinz liegt, und es sich ja wieder nur um einen Vorfall handelt, der von den Medien zwecks Klick-Generierung herausgepickt wurde.

Nun, ja, es ist kein irgendwo aus der Pampa herausgepickter Einzelfall. Die wachsende Gruppe der ewig Empörten wird immer lauter, ihre Forderungen kommen immer öfter und sie werden immer absurder.

Menschen, die sich reflexartig über Bagatellen empören, die gab es schon immer. Bluthochdruck, Frust und so. Und ja, man kann darüber Schmunzeln. Auch über jene, die ein Bild verhüllt haben wollen, weil es möglicherweise ihre eigene Verklemmtheit herausfordert. Sie vielleicht ein Problem mit der Sexualität oder ein negatives Verhältnis zum eigenen Körper haben – wobei das Bild ja nicht wirklich sexy ist. Künstler Piepgras sieht seine Werke als 'Hommage an die Schönheit der Weiblichkeit', sie verhüllen zu müssen, ist für ihn "Provinztheater" und "dicht an der Kunstzensur", so die Kieler Nachrichten. Neid, Prüderie, Frust, eine explosive Vermengung, die sich offenbar in einer ablehnenden Haltung gegenüber eines harmlosen Bildes zu manifestieren vermag.

Kritik an dem Bild geht ja auch in Ordnung, vielleicht ist der nackte Rücken in einem Sitzungsraum wirklich nicht angemessen. Es ist eine Frage des Geschmacks. Auch darf man (als Feminist) selbstverständlich seine Meinung vertreten wie etwa diese; dass das Bild die Herabwürdigung der Frau darstellt, es als Frau grundsätzlich schwierig ist ernst genommen zu werden, wenn unsereins stets auf Körper und Aussehen reduziert werden. Man kann auch darüber Schmunzeln, wie ernst sich gewisse Mitmenschen nehmen, mit welcher Selbstzufriedenheit sie durchs Leben hyperventilieren, keine Sekunde daran zweifelnd, dass sie die absolute Wahrheit für sich gepachtet haben. 

Über was ich allerdings nicht Schmunzeln kann, ist das Einknicken der Gesellschaft vor solchen Zeitgenossen. Das wirkliche Problem sind nicht die Stänkerer. Es sind jene, die ihren abstrusen Forderungen nachgeben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die zuständigen Personen, wenn konfrontiert mit gewissen Ansprüchen, zum Teil überfordert sind. Ich kann verstehen, dass man sich eher beugt, statt eine Aburteilung zu riskieren, ein öffentliches Vorgeführt werden nach Mittelalter-Art, wie es heute, auch wegen den sozialen Medien, gang und gäbe ist. Der Grad ist, je nach Blickwinkel, schmal zwischen berechtigter Kritik angesichts des Gemeinwohls und der Übertreibung mit einer Forderung – es ist nachvollziehbar, dass man lieber einmal zu viel als zu wenig nachgibt.

Das Einknicken aber, so scheints, hat sich in unserer Gesellschaft einquartiert. Ein Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Berliner Hochschule wurde kürzlich übermalt, da als sexistisch eingestuft. In der Manchester Art Gallery hängten die Verantwortlichen ein Bild mit Nymphen ab (und später wieder auf). An der Metropolitan Opera in New York wurde ein Regisseur laut Welt.de fristlos entlassen, weil er angeblich zwecks Veranschaulichung eine sexistische Bemerkung gemacht haben soll, die ein Chorist fälschlicherweise auf sich bezogen hat: „Stellt euch vor, der Sänger wäre nackt.“

Uns als Gesellschaft muss bewusst werden, was wir hier tun. Dazu gehören insbesondere Entscheidungsträger, Behördenvorsteher, Hochschulleiter, CEOs, Politiker. Uns muss klar sein, warum und wem wir nachgeben. Wem wir die Deutungshoheit über Sexismus und anderen gesellschaftlich relevanten -Ismen überlassen. Mit einem Wegschmunzeln, auch einem Wegsehen machen wir es uns zu einfach, denn es geht um mehr als eine Frau, die sich an einem Bild stört. Durch das Nachgeben werden vor Jahrzehnten hart erkämpfte Errungenschaften und liberale Werte wie künstlerische Freiheit, Meinungsfreiheit und Toleranz über den Haufen geworfen. Das ist fatal. Und schliesslich ist Freiheit immer auch die Freiheit Grenzen auszuloten, mit Bildern, mit Gedichten, mit Sprüchen.

Ganz nebenbei: Das ästhetisch Schöne an der Frau zu unterstreichen wie etwa in einem Gemälde, und sie gleichzeitig für selbstbestimmt, klug, souverän und unabhängig zu halten, schliesst sich nicht aus. Solange radikale Feministen und Dauerbeleidigte das nicht verstehen, lesen wir morgen von der nächsten Empörung.


veröffentlicht bei BaZ/TE März 2018

Hymne gendern: Welcome to Absurdistan.

Gestern war Frauentag. Einige Tage zuvor, so ist anzunehmen, ist eine deutsche Gleichstellungsbeauftrage aufgewacht mit dem Gedanken: Wie in aller Welt soll ich das nächste Mal die Nationalhymne singen, wo doch im Text zwei Worte stehen, die ein paar Frauen beleidigen könnten?
Der Rundbrief der Gleichstellungsbeauftragten Kristin Rose-Möhring aus dem SPD-geführten Familienministerium ging dann sofort raus an alle Mitarbeiter, wie Bild.de vergangene Woche berichtete. Ihre durch den Frauentag inspirierte Forderung: In der Hymne sollte 'Vaterland' in 'Heimatland' umbenannt werden, statt 'brüderlich' soll es 'couragiert' heissen. Der Gedanke ist ja nett, aber leider nicht ganz durchdacht, denn gerade der Ausdruck 'Heimat' ist ja in Deutschland alles andere als unumstritten. Und weil sich auch mit Formulierungsalternativen immer irgendeine Gruppe getriggert fühlt, würde sich am besten der Text 'Bla bla bla, bla bla bla blablabla' eignen.

Die Idee mit den geschlechtsneutralen Umformulierungen bei Nationalhymnen ist nicht neu. Die kanadische Hymne wurde erst kürzlich angepasst. Österreich machte aus „Heimat bist du grosser Söhne“ neu „Heimat grosser Töchter und Söhne“. Beim Schweizerpsalm scheint zwar kein Genderproblem verortet, dennoch unternahmen einige Findige Änderungsversuche, weil der Text angeblich nicht mehr zeitgemäss, zu religiös und patriotisch sei. Es blieb bei Versuchen. Da haben es die Spanier einfacher: Der "Marcha Real" hat gar keinen Text.

Hymnen reichen zurück bis in die Antike. Der Hymnus war schon bei den alten Griechen beliebt, sie sangen ihn zur Götter-, Helden- und Naturverehrung. Im Mittelalter hatte die Hymne mit der Anbetung Gottes einen religiösen Zweck. Im 19. Jahrhundert wurde die Hymne im Zuge der Gründung von Nationalstaaten als Staatssymbol entdeckt, die meisten Nationalhymnen entstanden in der Zeit – laut Kulturradio SRF entweder um im Kampf anzuspornen oder das Volk zu vereinigen und das Oberhaupt zu preisen. Nationalhymnen sind stark mit der Geschichte und Politik des Landes verbunden, drücken Verehrung und Stolz aus, normalerweise widerspiegeln sie die zentralen Werte einer Gesellschaft.

Und weil sich die Gesellschaft wandelt, weiterentwickelt, aufgeklärter und sensibilisierter geworden ist, wandelt sich mit ihr auch ihre Ausdrucksform. Heute würde man bestimmte Hymnen-Texte anders formulieren als vor 70 oder 100 Jahren. Man würde auch Filme anders filmen, Gedichte oder Bücher anders schreiben. Und das ist gut so. Wenn aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen sensibler artikuliert und formuliert wird, bedeutet es Fortschritt und 'Inklusion' (Einbeziehung), um mal das angesagte soziale Modewort zu beanspruchen.
Wenn also eine Gleichstellungsbeauftragte an einer Hymne herumdoktert, ist das nicht weiter tragisch. Bestimmt meint sie es gut. Und angesichts der zig Millionen sich im singfähigen Alter befindenden deutschen Frauen, die alle regelmässig die Hymne trällern und sich ob deren Text ärgern, scheint das Ausdenken von neuen Begriffen auf Staatskosten ein vernünftig investierter Aufwand. Oder doch nicht? Sind es vielleicht gar nicht so viele Frauen, die sich wegen der Worte 'Vaterland' und 'brüderlich' ausgegrenzt und herabgewürdigt fühlen und es als dringend zu lösende Knacknuss erachten?

Wir sind beim ersten Problem der gendergerechten Sprache. Wenn Gleichstellungsbeauftragte irgendwo eine Ungerechtigkeit orten, schliessen sie in der Regel von sich selber auf alle anderen. Sie bilden sich ein, mit ihrer Gender-Ideologie im Namen ihrer Geschlechtsgenossinnen zu sprechen. Das tun sie nicht. Sie sprechen für eine Minderheit, zwar eine laute, aber eine Minderheit. 'Vaterland' stellt für die Mehrheit der Gesellschaft kein Problem dar und deshalb sind solche rückwirkenden Sprachänderungen reine Bevormundung.

Weiter entpuppt sich die Priorisierung eines angeblich unzumutbaren Zustandes, der keiner ist, als klassisches First World-Problem – dessen Lösung man übrigens an eine Schulklasse zur Abschlussarbeit delegieren könnte. Ein Ministerium, das Leute beschäftigt, die sich mit dem Umwandeln von Hymnentexten auseinandersetzen, suggeriert (auch wenn es nicht für all diese Bereiche zuständig ist), dass man alle anderen Probleme im Land gelöst hat, von der Arbeitslosigkeit bis zur Altersarmut, von der Kriminalität bis zur Umweltverschmutzung – und weil eben alles palletti ist, geht man halt noch die Hymne an. Das dem augenscheinlich nicht so ist, und viele Menschen solche Genderfixierungen darum als 'Genderwahn' bezeichnen, ist nachvollziehbar.

Man kann nun argumentieren, es sei nicht Wahn, sondern einfach eine Anpassung von Dingen, die nicht mehr ins heutige Gesellschaftsbild passen. In Deutschland zum Beispiel wurde ja auch die erste Strophe des „Deutschlandliedes“ nicht mehr gesungen, weil die Worte „Deutschland, Deutschland über alles“ von Nationalsozialisten ideologisch für ihre Zwecke missbraucht wurden; ausserdem wären bestimmte Passagen wie jenen zu den Landesgrenzen heute falsch. Der Unterschied zur gegenderten Hymne ist aber, dass diese Anpassungen nicht wegen einer sich möglicherweise benachteiligt fühlenden Gruppe gemacht wurden, sondern für die Gesellschaft als Ganzes, und eben, weil sie inhaltlich nicht mehr stimmen. Rückwirkende Anpassungen aber wegen eventuell frauenfeindlicher Textpassagen sind absurd. Wer sich als Frau ernsthaft an 'Vaterland' stört, der empfindet bestimmt auch etwas so Banales wie Ampelmännchen als diskriminierend. Moment, das haben wir ja tatsächlich.

Die Ironie an der gendergerechten Sprache aber ist, zumindest bei der aktuellen Forderung, dass die Gender-Sensiblen nun mit den Integrations-Sensiblen kollidieren. Mit dem Vorschlag 'Vaterland' in 'Heimatland' umzubenennen, wird nämlich die Verstimmung einer weiteren Gruppe riskiert: "Heimat ist ein ausgrenzender Begriff", twitterte die Grüne Jugend Deutschland. Der Begriff 'Heimat' würde von den Rechten verwendet. "Er ist mindestens unsensibel, wenn nicht völlig deplatziert", so ein Links-Politiker laut der Berliner Zeitung. Ja, was denn nun?

Das Gender-Dilemma, es offenbart sich: Immer mehr Gruppen melden immer mehr Forderungen an – es scheint schier unmöglich, eine universelle Sprache zu sprechen, bei der sich kein Mensch dieser Welt ausgegrenzt fühlt. Wenn jetzt in Hymnen Männer neutralisiert werden sollen, wer kommt als nächstes? Nebst den binären Geschlechtern gibt es heute über 70 Geschlechtstypisierungen, von Intersexuell über Transgender bis Transsexuell und Queer, die wahrscheinlich in keiner Hymne vertreten sind. Eventuell sollte man Hymnentexte generell abschaffen, so wie die Spanier.
Wie empfinden eigentlich nicht-weibliche Wesen angesichts Begriffen wie Mutter Erde, Muttersprache und Schraubenmutter? Und was sollte man nach den Hymnen ändern? Gedichte übermalen hatten wir ja schon. Vielleicht Literatur umschreiben? Jene Menschen, die alte Texte in Hymnen nicht ertragen, werden wohl bald auch gewisse alte Bücher, Filme, Gedichte und Schriften nicht mehr ertragen. Wer sich also eine Nachbarschaft von sich stets benachteiligt fühlenden Zeitgenossen anerziehen will, sollte Gleichstellungsbeauftragten und ihren Ideen unbedingt nachgeben.

Es ist nicht so, dass man eine Hymne absolut nie einer Änderung unterziehen sollte – Sprache hat sich stets gewandelt; irgendwann schreibt man vielleicht eine komplett neue Hymne – denn, sind wir ehrlich, wer benutzt heute noch Begriffe wie 'Vaterland'? Der Wandel geschieht aber auf natürliche Weise, dazu benötigt es keine Staatsangestellte.


veröffentlicht BaZ/TE März 2018

Shooter-Games sind nicht schuld – und sie machen schlau

Wie so oft nach Schiessereien an Schulen, flammte auch jetzt, nach dem Florida-Massaker, die Diskussion um Videospiele wieder auf. Weil gewalttätige Shooter-Games vor allem junge Menschen aggressiv machen und ihre Psyche verderben würden, tragen sie eine Mitschuld an solchen Massakern, sagen die Kritiker. Ich spiele für mein Leben gerne Shooter-Spiele und habe da ein Wörtchen mitzureden. Es ist Zeit für etwas Rationalität.

"Zerstört eure Ego-Shooter und Spielkonsolen! Das sind KEINE Spiele! Es sind Militär-Simulationen, kreiert um Leuten zu lernen, wie man Waffen benützt und damit tötet." Der Tweet des New Yorkers Andrew Humphreys, mit dem er vergangene Woche nach dem Schulmassaker in Florida zum Boykott von Videospielen aufrief, erhielt viel Zustimmung. "Sie beschädigen die Psyche von jungen Menschen."

Vielleicht spielen Sie ja selbst Videospiele, vielleicht spielen Ihre Kinder. Vielleicht sind sich unschlüssig, was für einen Einfluss Gewaltspiele auf den Nachwuchs haben. Jeder Mensch reagiert anders. Ich bin keine Psychologin, folgende Informationen sollen lediglich als Input dienen.

Es gibt eine Studie, die eine Verknüpfung herstellt zwischen brutalen Videospielen und Selbstkontrolle. "Gewalttätige Videospiele entmutigen die Spieler, Selbstkontrolle auszuüben", heisst es in der Studie von 2014, veröffentlicht auf der Website Psychology Today. Als Beispiel wird das Spiel Grand Theft Auto genannt, wo Spieler Autos stehlen, mit Prostituierten Sex haben und andere Charaktere töten können. Die Studie wurde mit 172 HighSchool-Studenten durchgeführt, von denen eine Gruppe gewalttätige Videospiele spielte, die andere nicht-gewalttätige (wie Pinball 3D). Während dem Experiment stand eine Schüssel M&Ms bereit, von der sich die Spieler bedienen konnten mit der Warnung, dass eine hoher Konsum in einem kurzen Zeitraum ungesund sei. Die Spieler, die die gewalttätigen Videogames spielten, assen mehr als dreimal so viele Süssigkeiten als die anderen.

In einem anderen Artikel bei der Gesundheits-Website webmd.com. warnt der US-Suchtberater Keith Bakker vor einem wachsenden Problem mit Videospielen bei Buben und jungen Männer, weil es zur Sucht führen könne. Forschung zeige, dass Zocken Dopamin freisetzt. Ähnlich wie bei Alkoholsucht würde der Gamer versuchen seinen Gefühlszustand zu ändern, indem er etwas von ausserhalb nach ihnen nimmt. "Der Kokainabhängige nimmt eine Linie Kokain, um sich besser zu fühlen. Für Gamer ist es die Fantasiewelt, mit der sie sich besser fühlen", so Bakker. Die Studie stammt von 2006.

Bevor wir neuere Studien analysieren, die zu einem komplett anderen Ergebnis kommen, ein kleiner Erfahrungsbericht meinerseits. Mein Faible für Videogames besteht seit meiner Kindheit, ich spiele regelmässig; um den Kopf frei zu bekommen gibt es für mich nichts Besseres. Vor allem aber macht es riesigen Spass. Ich spiele vorzugsweise Ego-Shooter wie Call of Duty, das sind eben jene in die Kritik geratenen Spiele, bei denen der Spieler sich aus der Egoperspektive in einer dreidimensionalen Spielwelt bewegt und mit Schusswaffen Gegner tötet. Das Spiel ist anspruchsvoll, das Tempo hoch, man bedient dabei gleichzeitig Kamerasteuerung, Bewegungs-, Ziel-, Schiess- und Sprungknopf. Taktik und Reaktionsvermögen sind essentiell – seit ich intensiv spiele, scheinen meine Reflexe aus dem Tiefschlaf erwacht (sollte ich mir das nur einbilden, so hat das Zocken eben einen positiven psychologischen Einfluss).

Videospiele haben meines Erachtens mit der Realität nichts zu tun. Ich vermag das so zu formulieren, weil ich den direkten Vergleich zum Abdrücken mit einer echten Waffe vom Schiessstand her kenne: Es sind zwei komplett verschiedene Erfahrungen. Während es bei Videogames eine bewusste Spielerei ist, ohne dass die Psyche Hürden wie Empathie überwinden müsste, benötigt es beim reellen Abdrücken auf Gegenstände Überwindung, denn der Rückstoss, der Knall und die Aktion als solche verursachen emotionale Aufruhr.
Videospielen eignen sich, um gewisse taktische Aspekte zu üben. Die US-Armee etwa trainiert ihre Soldaten mit Shooter-Games, am Computer üben die Soldaten das Schiessen, den Umgang mit Panzern und Mienen. Auch von Autorennfahrern ist bekannt, dass sie bestimme Strecken mit Videospielen trainieren, etwa für die Sequenz von Kurven oder Bremspunkten.

Oftmals ist es ja so, dass Leute über Sinn und Unsinn von Videogames diskutieren, die in ihrem Leben noch nie gespielt haben. Nach einem Amoklauf in Erfurt 2002 kreierte etwa die deutsche Politik den Kampfbegriff "Killerspiele", der vor brutalen Spielen warnen und abschrecken sollte – dass das wohl keinen einzigen Spieler von Call of Duty oder Battlefield abhielt, versteht sich von selbst. Selbstverständlich kann man eine Meinung haben, ohne auf dem Gebiet Experte zu sein, auch können Emotionen nach einer Schul-Schiesserei einen Verstand trüben. Für jene Zeitgenossen habe ich einige wissenschaftliche Argumente zusammengetragen.

"Unsere Resultate legen nahe, dass der Konsum von Spielen mit eher gewalttätigen Inhalten in der Kindheit nur schwach mit einem erhöhten Risiko zu Verhaltensstörungen im späten Jugendalter in Verbindung zu bringen ist", so das Fazit einer britischen Langzeitstudie von 2016. Die Forscher, deren Ergebnis in der Wissenschaftszeitschrift Plos One veröffentlicht wurde, fanden auch keine Verbindung zwischen Egoshooter-Spielen und Depression. Die Untersuchung nach antisozialen Verhaltensstörungen wurde an 1'815 Probanden – drunter Nicht-Spieler, Spieler von gewalttätigen Games und Spieler sogenannter "Puzzlegames" – und anhand von zwei Terminen durchgeführt, im Alter zwischen acht und neun Jahren und später nochmals mit 15 Jahren.

Zum selben Ergebnis kam eine im Telegraph publizierte Langzeitstudie der Oxford Universität von 2015. Ein negativer Einfluss brutaler Videogames auf das Verhalten von Kindern sei nicht wahrscheinlicher als der von anderen Spielen. Ihr regelmässiges Spielen sei nicht verknüpft mit Gewalt und Konflikten in der realen Welt. Die Wissenschaftler resümierten: "Die Studie impliziert, dass die Quantität eine grössere Rolle spielt als die Qualität der Spiele - es widerspricht jenen, die auf den gewalttätigen Inhalt einiger Spiele fokussieren." Gewalttätige Filme etwa können einen viel grösseren Einfluss haben als Videospiele, so Andy Przybylski, Autor der Studie.

Dann gibt es Studien, die Kindern, die regelmässig Online-Spiele zocken, ein besseres Abschneiden im Pisa-Intelligenztest gegenüber gleichaltrigen Nicht-Spielern bescheinigen. Zu dem Ergebnis kommt laut Stern.de eine australische Studie mit 15-jährigen Gamern, sie erzielten in den Bereichen Mathematik und Lesen 15 Punkte mehr als der Durchschnitt. "Videospiele könnten Schülern möglicherweise dabei helfen, die in der Schule gelernten Fähigkeiten anzuwenden und zu vertiefen", vermutet der Wissenschaftler Alberto Posso.
Laut der Wissenschaftssendung Galileo fanden Forscher heraus, dass bei Hardcore-Spielern die unterschiedlichen Gehirnbereiche deutlich besser verbunden waren als bei Gelegenheitszockern, die Kommunikation zwischen ihnen reibungsloser funktionierte. Dafür untersuchten sie die Hirnzellen von Amateurzockern und Profigamern mithilfe eines Magnetresonanztomographen.
Forscher einer Studie der Ruhr Universität Bochum von 2017 fanden heraus, dass Gamer-Hirne schneller sind als jene von Nicht-Spielern. Laut der Berliner Morgenpost verglichen sie die kognitiven Fähigkeiten von Computerspielern mit Nicht-Spielern, dabei stellten sie bei ersteren eine höhere Aktivität in einem lernrelevanten Hirnbereich, dem Hippocampus fest. "Videospieler sind besser darin, Situationen schnell zu erfassen, neues Wissen zu generieren und Wissen zu kategorisieren – und das vor allem in Situationen mit hoher Unsicherheit", sagt Forscherin Sabrina Schenk.

Studien sind grundsätzlich mit Objektivität zu betrachten, die absolute Wahrheit gibt es nicht. Wie immer gilt es, ein gesundes Mass zu berücksichtigen – bei Anzeichen von Sucht empfiehlt es sich, professionelle Hilfe aufzusuchen – und jeder Mensch reagiert anders. Brutale Videospiele machen Menschen nicht brutaler – Shooter-Games verwandeln Menschen nicht in Shooter. Auch scheint das Videospielen nicht gegenüber den Grausamkeiten in der realen Welt zu desensibilisieren. In Call of Duty & Co. eine Mitschuld für grausame Schulmassaker zu suchen, ist aus meiner Sicht ein Produkt der Fantasie.


veröffentlicht bei BaZ/TE März 2018