Freitag, 29. Juni 2018

Moderner Feminismus: Angriff auf die Schönheit

Es gibt zwei Arten von Frauen. Die einen haben Spass. Sie sind mit sich im Reinen. Handeln selbstbestimmt. Strahlen Zuversicht aus. Sie lieben das Frausein. Zelebrieren ihre Dekolletees und die Weiblichkeit. Die Anerkennung dafür nehmen sie dankbar an.
Die anderen, die sind neidisch. Frustriert. Hypersensibel. Dauerempört. Regen sich über Unterwäscheplakate auf, über lustige Werbung auch. Den Blick aufs Dekolletee halten sie für sexuelle Belästigung, ein Kompliment für einen Übergriff und den Hostessen-Job für die reinste Demütigung. Diese Frauen sind durchdrungen von dem Verlangen, alle Bereiche, in denen sie nicht mithalten können, abzuschaffen. Haben sie keinen Spass, sollen ihn auch die anderen nicht haben. Wir sprechen von der vierten Welle der Feministinnen, und mit ihrem Angriff auf die weibliche Schönheit haben sie derzeit grossen Erfolg.

Neulich bin ich über einen Artikel gestolpert. "Grüne wollen Miss-Wahl auch für weniger Schöne" titelte die Berliner Zeitung B.Z. Die Grünen-Politikerin Marianne Burkert-Eulitz beschwerte sich, dass "Jugendliche, die nicht gross und schlank sind, bei Miss-Wahlen ausgegrenzt" würden. Jeder solle eine Chance bei einem Schönheitswettbewerb bekommen – auch weniger schöne Menschen. Persönlich finde ich ja, man könnte noch weiter gehen: Damit sich niemand aufgrund seines Aussehens ausgrenzt fühlt, sollte man Teilnehmer von Schönheitswettbewerben nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach ihren Bastel-Fertigkeiten beurteilen. Oder nach ihrem Umgang mit Entenküken. Ihrem Erfolg beim Biotomatenanbau.

Der Artikel ist zwar ein paar Jährchen alt, im Zuge der Miss-America-Neuerungen hat er aber neue
Relevanz erlangt – auch meine Ideen wurden da übrigens mehr oder weniger zielstrebend umgesetzt. Anfangs Juni teilte die Organisation mit, dass der Badeanzug-Teil, also der Höhepunkt der Schönheitswahl, künftig abgeschafft wird. Die Teilnehmerinnen müssen sich auch nicht mehr im Abendkleid und hohen Schuhen präsentieren, sie können anziehen "was immer sie wollen". Der Wettbewerb werde neu für "Frauen aller Figuren und Grössen" sein. Statt auf physische Attribute werden die Juroren auf soziales Engagement und die Ziele im Leben der Frauen fokussieren. "Wir werden unsere Kandidatinnen nicht länger aufgrund ihrer physischen Erscheinung beurteilen, das ist riesig", jubelte die Vorsitzende Gretchen Carlson beim TV-Sender ABC. Sie nannte es eine kulturelle Revolution.
Yaaaaay! Schlabberlook und flache Schuhe! So revolutionär, so fortschrittlich, so frauen-gerecht! Genau das, was die Zuschauer bei Misswahlen sehen wollen. Und wer dann die richtigen Gedanken auspackt ('Ich bin gegen Diskriminierung') und sich für die richtige Sache engagiert (Frauen/ Transgender/ Schwule/ Lesben/ ethnische Minderheiten und Weltfrieden), gewinnt das Krönchen. Wenn man bedenkt, dass die allermeisten Frauen an dem Schönheitswettbewerb teilnehmen, weil sie eine Karriere als Astrophysikerin anstreben, macht der Entscheid durchaus Sinn. Konsequenterweise sollte man auch das Makeup bei dem Auftritt abschaffen.

Irgendwie passend zu der Sexismus-Thematik schrieb die deutsche Slam-Poetin und Spiegel Daily-Kolumnistin Sophie Passmann neulich einen Tweet, in dem die 24-jährige ein Foto kommentierte, das zwei Hostessen zeigt, die eine neue Tafel im deutschen Wirtschaftsministerium enthüllen. Der dazugehörige Minister, ein älterer Herr, steht daneben (und guckt der Enthüllung zu): "Haben wir 2018? Kann das auf dem Foto so schlecht erkennen, weil da 2 HOSTESSEN IM MINIKLEID im Wirtschaftsministerium stehen." Oh. Mein. Gott. UNERHÖRT. Zwei Hostessen machen einen Job, freiwillig, den sie sich irgendwann freiwillig ausgesucht haben, tragen obendrein erst noch freiwillig ein MINIKLEID. Und ein Mann steht daneben und schaut ihnen zu. Ein MANN. Die Schönen und das Patriarchat, die Herablassung gegenüber dem weiblichen Geschlecht, sie ist bildlich, schamlos, und sie dringt aus allen Pixeln. Reicht mir bitte jemand Baldriantropfen, bevor meine Empörung darüber spontan meinen Kopf auf die Tischplatte knallen lässt…?

Kriegen wir uns wieder ernsthaft ein. Man könnte nun einwenden, dass es doch keine Rolle spielt, was ein paar Feministen in Interviews und sozialen Medien und auch sonst wo von sich geben. Gelangweilte Mütter, Studentinnen mit Masterfach rhythmischer Ausdruckstanz, Moralistinnen, deren bröckeliges Gedankenhochhaus eh keiner ernst nimmt. Das Problem ist, es spielt eine Rolle. Passmanns Tweet hat mit über 4000 Likes voll ins Schwarze getroffen und wegen der Empörungsschübe selbsternannter Frauenversteherinnen fallen derzeit einige der letzten Bastionen weiblicher Reize: die Formel 1-Gridgirls wurden abgeschafft (konkret: die Frauen haben ihren Job verloren), die Darts-Walk-On-Girls ebenso, Hostessen stehen zur Diskussion, die Cheerleader wackeln, Nummerngirls beim Boxen auch. Misswahlen werden in pseudo-intellektuelle Charityevents umgemodelt.

Feministen bekämpfen die Fokussierung auf äussere Merkmale, weil sie die Frau angeblich zum (Sexual)Objekt degradieren und jene ausgrenzt, die weniger schön, schlank und gross sind. Natürlich wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Sie tun es, weil sie der Neid quält. Mit Ausgrenzung hat das nichts zu tun. Wer sich aufgrund seiner kleinen Statur und seiner grossen Nase (meine eigene fällt im Übrigen auch in die Kategorie) irgendwo ausgegrenzt fühlt, der hat Probleme, die über das Frausein hinausgehen, die irgendwo beim Selbstwertgefühl angesiedelt gehören und die auch die Verbannung von sexy Anblicken aus der Öffentlichkeit nicht zu lösen vermag.

Bei einer Miss-Wahl misst sich nun mal Schönheit, und auch wenns für manche schrecklich klingt, es gibt eine objektive, universelle Schönheit, nach der die Gesellschaft Individuen beurteilt. Der Protest dagegen ist so aussichtlos wie der Kampf gegen Zellulite, egal, wie viele Berufe man einstampfen wird. Bei Schönheitswettbewerben geht es um Attraktivität, so wie es beim olympischen Hammerwerfen um Kraft geht und dort wohl keinem in den Sinn käme, nach einem speziell leichten Hammer zu verlangen, damit ihn auch ein 50 Kilo-Frauchen werfen kann. Es ist Blödsinn, alles so anpassen zu wollen, damit alles für alle möglich ist. Unattraktive Menschen müssen nicht an Schönheitswettbewerben teilnehmen. Und ganz grundsätzlich, warum soll das Fokussieren auf physische Attraktivität schlecht sein? Warum ist Schönheit weniger wert als beispielsweise Intelligenz? Intelligenz wird durch Gene mitbestimmt, Schönheit auch. Ausserdem schliessen sich Eigenschaften wie Sexyness und Intelligenz oder Selbstbestimmung gegenseitig ja nicht aus, und Schach- und Bikiniwettbewerbe können wunderbar nebeneinander existieren.

Kaum ein Gridgirl oder eine Hostess sieht sich als würdeloses und diskriminiertes Sexobjekt. Es sind Frauen, die eine Entscheidung für sich getroffen haben. Feministen aber verbreiten dieses Bild seit Jahrzehnten, dabei ist es nicht nur eine schamlose Lüge, sondern auch eine Schmälerung der Verdienste jener Frauen, die sich für ihren Körper abrackern. Dass sich ihr Angriff gerade gegen ihre Selbstbestimmung richtet, ist in ihrer Säuberungswut wohl untergegangen.

Wenn Feministen uns in ihre vorgefertigte Frauenform pressen wollen, bestimmen wollen, wie wir zu denken und uns zu verhalten haben, was für uns gut oder schlecht ist, dann tun sie das ja im Namen der Gleichberechtigung. Genau deshalb hat die Feminismus-Bewegung nichts mehr gemein mit ihrer Ursprungsidee, als tapfere Frauen einst gegen ihre systematische Unterdrückung kämpften, später für das Recht auf politische Mitbestimmung, und sich dann gegen das Patriarchat auflehnten. Heute bekriegt die vierte Welle der Gretchen Carlsons dieser Welt alles, was nicht in ihr eigenes Konzept passt. Sie übermalen Gedichte, hängen Bilder ab, stampfen ganze Berufsgattungen ein – und wer das alles zu kritisieren wagt, wird als frauenfeindlich und reaktionär beschimpft und in eine ungemütliche politische Ecke gedrängt.

Ich habe darum meine eigene These: Dem Feminismus geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung. In den vergangenen Jahren hat man zwar hat so getan, als stünde man für Fortschritt bei den Geschlechtern, und solange man die Sorte Selbstbestimmung förderte, die nicht mit den eigenen Ansichten kollidierte, war es bequem und man selbst unverdächtig. In Wirklichkeit aber kämpfen die modernen Feministinnen nur für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen, um Autorität, und darum, diese kompromisslos durchzusetzen – Freiheitsvernichtung nach Diktatorinnen-Art. Dabei gehen sie so clever vor, dass es kaum einer merkt.


BaZ/TE im Juni 2018

Liebe Deutsche, mässigt euren WM-Jubel

Ich hoffe ja sehr, dass sich unsere Nachbarn im Norden über die Tore der Deutschen Nationalmann…... pardon, der Mannschaft, während der WM nicht zu fest freuen. Sich nicht zu fest von Stolz und Heimatgefühlen hinreissen lassen. Nicht zum Patrioten mutieren. Denn solche Gefühle, die sind ein grosses Problem.

Was bei der der WM geht und was nicht, eine kleine Erklärung: Fähnchen aufhängen, das ist okay. Zumindest, wenn es nach der Grünen-Politikerin Claudia Roth geht. Sie hat es im Interview mit dem Tagesspiegel explizit erlaubt: "Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen."

Aber bitte nicht übertreiben, denn Frau Roth sagt weiter: "Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung."

Persönlich deute ich das so, dass zurückhaltendes Klatschen und zu einem Lächeln verzogene Mundwinkel im grünen Bereich liegen, die Arme hochreissen und lautes Herumgekreische jedoch die Grenze des Zumutbaren ziemlich sicher überschreiten. Auf keinen Fall geht blasiertes Klopfen auf die stolz geschwellte National-Brust und frenetischem Riesenfahnen-Schwenken, das ist der direkte Weg in den Nationalsozialismus. Prompt bringt Frau Roth in ihrer Argumentation ja auch eine rechte Partei ins Spiel, die "auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören". Das liesse sich nicht einfach so ausblenden und Leute sollten das beim Feiern im Blick haben.

So weit, so Nazi. Jetzt aber haben wir ein Problem mit den Fähnchen. Während Frau Roth dieses bedrohliche Stück Stoff erlaubt, haben ihre jugendlichen Freunde im Geiste, die Linksjungend "Solid", etwas dagegen. Unter dem Motto "Deutschland knicken" riefen sie auf ihrer Webseite jüngst zur "kritischen Intervention im nationalen Fahnenmeer“ auf. Konkret steht da, man solle Deutschlandfähnchen an Autos und auch sonst wo "fangen" und "knicken" – im nicht-linken Sprachmilieu auch bekannt unter stehlen und zerstören. Auf der Webseite steht weiter, dass während der WM der "öffentliche Raum zunehmend schwarz-rot-gold gefärbt" sei und diese Tatsache oft als "harmloser Party-Patriotismus verklärt" würde. Das Mitfiebern für das eigene Team verletzte aber und werte diejenigen ab, die dabei ausgeschlossen werden: "Aussen vor bleiben insbesondere Migrant*innen, People of Colour und andere Menschen, die nicht als Teil des nationalen Kollektivs betrachtet werden." Auch würde die Zahl rassistischer Gewalttaten zu Zeiten von Fussballmeisterschaften steigen.

Die beherzten jungen Spassförderer haben für ihr "Deutschland knicken" extra eine Broschüre angefertigt. Unter dem Titel "Techniken und Kniffe für das Fähnchenfangen" erklären sie in aller Gründlichkeit die Pros und Kontras von "Abbrechen, Abreissen, Abschneiden und Anbrennen". Weil sie die verschiedenen Varianten zuvor getestet haben, wird für den grösstmöglichen Erfolg das Abschneiden empfohlen, bei dem "eine mitgeführte Schere schnelle und sichere Ergebnisse liefert."

Es ist nicht das erste Mal, dass junge linke Denker in Deutschland mit scharfsinniger Logik aufwarten. Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz schrieb schon bei der Fussball-EM 2016, dass "Nationalstolz die Gewalt und nationalistisches Gedankengut stärkt". Unter dem Slogan "Patriotismus = Nationalismus, Fussballfans Fahnen runter!" forderten sie ein Fahnenboykott. Bei der Fussball-EM 2012 verteilte die Jugendorganisation der Grünen Anti-Patriotismus-Aufkleber, die eine durchgestrichene Deutschlandfahne zeigten und die Aufschrift „Patriotismus? Nein danke!“. Der Fahnen-Zirkus ist unter jungen Linken aus aller Welt beliebt: Wegen Gefahr von Nationalismus und "Militarisierung der ganzen Welt" riefen die Schweizer Jusos 2014 anlässlich unseres Nationalfeiertages zu Verzicht auf Schweizer-Flaggen auf.

Wenn also Patriotismus zu Ausgrenzung führt, zu Nationalismus auch, und wenn aus Fussballfans übergangslos Nazis werden, müssen Weltmeisterschaften neu betrachtet werden: Wir sollten künftig jegliche Verbundenheitsgefühle eindämmen – Gefahr wegen Verletzen von Gefühlen. Wir sollten bei den Sporttrikots auf die Landeszeichen verzichten – Gefahr von rassistischer Gewalttaten. Den Jubel bestmöglich unterdrücken – Gefahr wegen Selbstbeweihräucherung. Fähnchen verbieten – Gefahr der Abwertung. Wir sollten Turniere mit Nationalbezug möglicherweise streichen – Gefahr wegen Militarisierung. Und Nationalitäten grundsätzlich abschaffen – Gefahr wegen all dem zusammen.

Da die Empfehlung von Politikern, wie genau man die Freude über seine Mannschaft ausdrücken sollte, erfahrungsgemäss sehr viele Fussball-Begeisterte interessiert, sollte man subito rausgehen und seine Fähnchen abhängen. Denn diese am Auto oder sonst wo anzubringen, ist nicht nur Ausgrenzung, vor allem ist es Anstiftung zu Straftaten, denn damit hetzt man die Linksjugend auf und stachelt sie zu Diebstahl und Sachbeschädigung an. Das sollte einem einfach bewusst sein.


veröffentlicht bei TE Juni 2018

Böhmermann checkt's nicht, Schwarze Listen und Abweichler

Neulich hat mich Jan Böhmermann bei Twitter geblockt. Der Comedian mochte meinen Tweet nicht: "Ein Satiriker blockt alle, die sich über IHN lustig machen. Nebst Hyperempfindlichkeit verrät das auch einiges über Stehvermögen. Und Grösse." Hintergrund meiner Bemerkung war, dass Böhmi mit der Routine einer Vollblut-Mimose bei Twitter alle blockt, die sich kritisch über ihn äussern. Mit Blocken schliesst man unliebsame Follower aus, sie können dann nichts mehr von einem lesen. Persönlich habe ich noch nie jemanden geblockt, trotz Beleidigungen und all dem Mist.

Böhmi blockt nicht nur wahnsinnig gerne, der ZDF-Mitarbeiter erstellt auch Listen von Personen, die man blocken sollte. Mit der Aktion "Reconquista Internet", die er in seiner ZDF-Show lancierte, wolle er rechte und rechtsradikale Trolle und Hater im Internet bekämpfen. Die Liste mit den bösen Twitter-Accounts verbreitete er anfangs Mai bei Twitter.

Weil im aktuellen Deutschland ja jeder, der politisch eher rechts oder konservativ oder liberal-konservativ ist, auf derselben Stufe steht wie ein Total-Nazi, finden sich auf Böhmis Liste nebst echten rechtsextremen Trollen auch unzählige Twitter-Konten von kritischen Zeitgenossen wie etwa dem Philosophen Dushan Wegner oder Verleger Roland Tichy. Listenhunde gibt’s schon lange, neu gibt’s auch Listenmenschen. Böhmi, bravo.

Böhmi ist nicht der einzige, den schwarze Listen in einen Zustand heldenhafter Überlegenheit versetzen. Die Deutschen stehen auf Ketzer-Verzeichnisse. Wie sonst lässt sich erklären, dass sich diese öffentlichen Pranger, die ideologisch Abtrünnige zum Schweigen bringen sollen, verbreiten wie unbehandelter Ausschlag? Vergangenes Jahr erstellte das Online-Lexikon Agentin*In eine Liste mit angeblichen "Gegnern des Islam", "Gegnern der Homosexuellen", und der Genderforschung. Hier fand man Autoren wie Alexander Kissler, Birgit Kelle, Matthias Matussek und auch Weltwoche-Verleger Roger Köppel. Wegen zu viel Kritik existiert die Liste nicht mehr. Im März veröffentliche Welt.de unter dem Titel "Rechts? Deutsche Schriftsteller im Schnell-Check" eine Liste von Abtrünnigen, klatschte auf deren Foto einen roten Warnstempel, wie auf das von Uwe Tellkamp, der es gewagt hatte, sich kritisch über die aktuelle Einwanderungspolitik zu äussern.

Was aber macht diese lose Gruppe prominenter Andersdenkender so gefährlich, dass die Gesellschaft mit Hingabe vor ihnen gewarnt werden muss?

Zuerst einmal sind es lästige, unerwünschte Provokateure. Sie setzten sich über das Dogma einer moralisierenden Gesellschaft hinweg, das ihnen bestimmtes Denken vorschreiben will. Freie Autoren, Intellektuelle, Gründer von alternativen Medienplattformen, die meisten kennen sich untereinander, bestreiten gemeinsam Auftritte. Der Grossteil unter ihnen setzt sich in den sozialen Medien in Szene. Sie haben sich dort eine enorme Reichweite erschaffen, weil dort Meinungen und Texte jenseits des Mainstreams verbreitet und ausgetauscht werden, User sich von den alternativen Angeboten oftmals mehr angesprochen fühlen als von klassischen Medien. Populär sind sie nicht nur wegen ihres Mutes, unbequeme Wahrheiten anzusprechen, sondern weil sie fundierte Begründungen gleich mitliefern.

Natürlich haben sie nicht immer recht. Auch können ihre Ansichten für andere verletzend sein. Möglicherweise argumentieren sie teilweise einseitig. Ich stimme ihren Ansichten oft nicht zu, halte sie für übertrieben. Die Gesellschaft lechzt aber nach einem offenen Diskurs. Und diese Personen, die ich teilweise persönlich kenne, möchten sachliche Diskussionen vorantreiben. Der Preis dafür ist der Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus, als Handlanger der Nazis zu agieren, auf öffentlich verbreiteten Listen nennt man sie mit Letzteren in einem Atemzug. Auch die Autoren Henryk Broder und Rainer Meyer alias Don Alphonso sind Teil der verhassten Gruppe. Werbeleute haben für Broders Website Achse des Guten schon ein Werbeboykott empfohlen; nach anhaltender Kritik hat er soeben auf einen Literaturpreis verzichtet. Don Alphonso habe "die Marktlücke eines elitären Rechtspopulismus für sich entdeckt", schrieb die TaZ.

Je mehr Diffamierung diese Gruppe - insbesondere von anderen Medien - erfährt, desto mehr scheint ihr Publikum zu wachsen. Unter Don Alphonso's Blog, den er neu für Welt.de schreibt, findet sich regelmässig eine Rekordanzahl an Kommentaren. Das von Roland Tichy gegründete liberal-konservative Meinungsmagazin Tichys Einblick hat monatlich drei Millionen Besuche auf seiner Seite. Autorin Birgit Kelle zählt zu den gefragtesten Gästen in Talkshows. Philosoph und Buchautor Dushan Wegner hat sich mit seinen pointierten Texten über Politik zum Influencer emporgeschrieben. Henryk Broder hat auf Youtube Hunderttausende Zuschauer. Menschen vor ihnen zu warnen, scheint vor allem eines: Unfreiwillig komisch. 

Weil man sich auf die Dauerempörten blind verlassen kann, ist es keine Überraschung, dass es in den USA nach ähnlichem Muster abläuft. Dort heisst die Gruppe der prominenten Irrgläubigen "Intellectual Dark Web." In ihrem jüngst erschienen Artikel in der New York Times erzählt Bari Weiss von geächteten Intellektuellen, von Professoren, die aus ihrer Uni gedrängt werden, von kritischen Stimmen, die mundtot gemacht werden sollen. Konservative, Liberale, Libertäre, alles dabei, von Neurowissenschaftler Sam Harris über Psychologieprofessor Jordan Peterson bis zur Feministin Ayaan Hirsi Ali und den konservativen Autoren Ben Shapiro und Douglas Murray ('Der Selbstmord Europas').
Ihr Vergehen: Sie halten Dinge wie Identitätspolitik für schädlich für die Gesellschaft, sie sprechen sich öffentlich gegen Gender-Ideologie aus, sie glauben an biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau. Zusammen haben sie ein Millionenpublikum in den sozialen Medien, sind zu einer intellektuellen Macht abseits vom Mainstream herangewachsen. Autorin Weiss greift in ihrem Text die Frage auf, wie gut sich diese neuen Alternativ-Stars abgrenzen von Trollen, Rechtsextremen, Verschwörungstheoretikern, die ihnen zu Ruhm mitverhelfen, indem sie ihre Meinungen und Beiträge mit dem eigenen Millionenpublikum teilen und weiterverbreiten. Sie fürchtet eine Manipulation der Zuschauer, weil viele Menschen keine Alternative kennen würden und es nicht besser wüssten.

Die Frage ist berechtigt. Mit grossem Publikum kommt grosse Verantwortung. Viele Menschen teilen Beiträge unkritisch, übernehmen Fake News oder Meinungen ohne zu hinterfragen – schwarze Listen auch. Aber: Sich öffentlich abzugrenzen, weil man eventuell gewisse weltanschauliche Schnittmengen hat mit einer verhassten Person oder Gruppe, ist Blödsinn. Warum sollte man sich von etwas distanzieren, wo man nicht Teil davon ist? Niemand muss sich vorschreiben lassen, wie er zu denken hat. Wer einen liest, zustimmt, im Internet teilt – das liegt ausserhalb seiner Kontrolle. Der Vorwurf des Helfershelfers offenbart deshalb eine sehr beschränkte Denkweise.

Zurück zu Böhmi: Auch wenn es moralisch fragwürdig ist, jeder darf schwarze Listen entwerfen, wenn es ihm Genugtuung verschafft. Jeder hat das Recht, andere zu blocken. Jeder darf behaupten, dass der andere ein rassistischer Hornochse ist. Wer mit seiner Meinung provokativ unterwegs ist, sollte Gegenwind bis zu einem gewissen Punkt aushalten können (für Satiriker gilt das selbstverständlich nicht!!).

Wer aber Menschen auf Blacklists vorführt, wer wie der Schmähdichter seinen Millionen vor allem junger Fans Andersdenkende zum Blocken empfiehlt, dem sollte klar sein, dass er damit nicht nur dem Diskurs schadet und die Spaltung der Gesellschaft fördert. Vor allem entsprechen ihre Aktionen genau dem totalitären Gedankengut, das sie eigentlich zu bekämpfen glauben. Nur fehlt ihnen die Geisteskraft, das zu erkennen.


veröffentlicht bei BaZ/TE im Mai 2018

Cultural Appropriation: Ein verdammtes Kleid


"My culture is NOT your goddamn prom dress." Meine Kultur ist nicht dein verdammtes Prom-Kleid. Bumm. Herr Lams Gemüt war am Wochenende bei Twitter feurig erregt. Nein, Herrn Lam, einen jungen Asiaten aus den USA, muss man nicht kennen. Ein Mädchen hat Bilder von ihrer High-School-Feier gepostet, auf denen es ein Qipao trägt. Das Fräulein ist keine Chinesin, notabene. Ein Qipao ist aber ein traditionelles chinesisches Kleid, hoher Kragen, seitlicher Schlitz, aus Seide oder Satin, dessen Tragen für Nicht-Chinesen strikt verboten ist. Zu meiner Schande besitze ich auch eines, habe schon darin moderiert. Herr Lam hatte das aber nicht mitbekommen.

Und in China fällt ein Sack Reis um, denken Sie jetzt vielleicht. Von wegen. Zwar dürften sich Chinesen in China über den von Massenmedien aufgegriffenen Qipao-Skandal schlapp lachen, in den USA aber hat das Stück Stoff ein Erdbeben ausgelöst. Innert kurzer Zeit hat Herrn Lams Tweet 177'000 Likes erhalten. Ein Volltreffer, Herr Lams Durchbruch sozusagen. Er hat 177'000 Menschen überzeugt, dass das Mädchen das falsche Kleid trägt. Der Fauxpas liegt auf einer Schlimmheitsskala etwa auf derselben Stufe, wie wenn ich mir ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren lasse und damit auf eine Feier gehe. Oder mich in ein weisses, oben spitzes Bettlaken hülle.

Herr Lam schreibt weiter, das Kleid sei ursprünglich für Chinesinnen kreiert worden, die als Reinigungskraft arbeiteten. Zu einer Zeit, als asiatische Frauen unterdrückt wurden, sei es Symbol ihres Aktivismus geworden. Es bedeute Gender-Gleichheit. Es habe die Teilung der Klassen durchbrochen. Dass das Qipao einfach Teil des amerikanischen Materialismus ist und einem weissen Publikum diene, sei vergleichbar mit kolonialer Ideologie.

Das sind Argumente vom Format eines Jahrhundertdenkers. Mao höchstpersönlich hätte das nicht besser formuliert. Warum ist das noch nicht bei allen angekommen? Chinesische Gewänder dürfen nun mal nur Chinesen tragen. Kimonos nur Japaner, Saris nur Inderinnen, Dirndl nur Bayerinnen und Österreicherinnen. Anzüge und Krawatte sind nur weissen Männern erlaubt, gestrecktes Haar weissen Frauen. Wer nicht Amerikaner ist, sollte keine Levis tragen, Nicht-Italiener nicht italienisch kochen. Wagner singen oder Mozart klimpern geht nur bei Europäern, eine Demokratie ausrufen nur bei den Griechen. Und dass so viele Nicht-Babylonier mathematische Formeln benützen – ohne Worte! Solange wir diese Segregation nicht alle verinnerlicht haben, wird das nie etwas mit dem Wir-Gefühl, mit interkultureller Würdigung und Toleranz.

Der Trend geht ja sowieso weg von der Durchmischung von Kulturen. Denn Durchmischung heisst Diebstahl von Identitäten und cultural appropriation, also Aneignung von Kultur, heisst rassistische weisse Menschen, die sie herabwürdigen, Textil einfach als Fashionstatement oder Kostüm benützen. Kleider haben aber eine lange Geschichte. Wie auch das Qipao, das an einem Tag irgendwo in Taiwan, pardon, in China, für Fr. 18.99 produziert wurde.

Weisse sollten bei Diskussionen um Identitätspolitik ohnehin nicht mitreden. Und besser dem gefeierten Herrn Lam zuhören, wie 177'000 Kultursensible es vernünftigerweise tun. Er selbst kleidet sich zwar nicht wie ein Chinese im 19. Jahrhundert, auf seinem Profilbild trägt er Shorts und eine Baseballkappe von Adidas, aber auf Twitter schrieb er immerhin: "Ich esse Tamales mit Stäbchen." Und in Guatemala fällt gerade ein Sack Mais um.


Legalize it!

Vergangene Woche hat die FDP in Deutschland einen Tweet abgesetzt, in dem sie die Cannabis-Legalisierung forderte. Selbstverständlich hat das Empörungswellen ausgelöst, spürbar bis in die Schweiz, wo übrigens gerade im April die Unterschriftensammlung begonnen hat für die Initiative zur Cannabis-Legalisierung. Nun, liebe Leser, chillen Sie ein bisschen. Auch wenn es mir Kritik einbringt: Ich stimme dem legalen Kiffen zu.

Kiffen ist ein Tütchen Entspannung, ist maximal dummes Gelaber, gemütliches Beisammensein auch. Lachsalven, Fressattacken und ein Gang durchs Zeitlupenuniversum. Kiffen ist in der Gesellschaft nicht so stark verankert wie Alkohol- oder Nikotinkonsum. Die Männerriege vom Turnverein raucht nach dem Korbball keinen Joint – eher kippt man im nächsten Lokal ein Bier oder Glas Wein. In Deutschland kiffen circa vier Millionen Menschen, in der Schweiz hunderttausende. Es sind per Gesetz Kriminelle. Geniesser von Alkohol- und Nikotin, genauso schädliche Substanzen wie Cannabis, wenn nicht schädlicher, sind es nicht.

Wer Cannabis verbieten will, muss konsequenterweise auch Alkohol und Nikotin verbieten. Alle psychoaktiven Substanzen sind schlecht, ergo sollten sie und ihre genussfreudigen Abnehmer alle gleich behandelt werden. Nur ist es natürlich so, dass Wein- oder Bierliebhaber eher einen Leberknacks in Kauf nehmen als auf ihr Lieblingsgetränk zu verzichten und Raucher eher eine ramponierte Lunge. Sind wir realistisch: Ein Alkoholverbot würde niemals funktionieren. Nicht mal annähernd würde es auf Akzeptanz in der Gesellschaft stossen, das hat schon die Prohibition in Amerika gezeigt. Es wäre etwa so, als würde man den Menschen den Sex wegnehmen – nur für einige viel, viel schlimmer. Wenig überraschend an der Diskussion ist, dass vor allem jene gegen Hanf-Legalisierung sind, die selber nicht kiffen. Verbote zu fordern, die einen selbst nicht betreffen, ist ja so einfach.

Wie soll Cannabis legalisiert werden und für wen? Cannabis sollte staatlich kontrolliert und nur an Volljährige verkauft werden, flankiert von wirksamen Jugendschutzmassnahmen. Wie es die Befürworter vorschlagen, könnten die zusätzlichen Steuereinnahmen für Prävention, Suchtbehandlung oder die Sanierung der Altersvorsorge eingesetzt werden. 

Sie geben jetzt zu bedenken, dass mit der Legalisierung suggeriert wird, Drogenkonsum sei in Ordnung, und damit ein komplett falsches Zeichen an Kinder und Jugendliche ausgesendet würde? Eine kontrollierte Freigabe von Cannabis bedeutet nicht Verharmlosung. Es bleibt unsere Aufgabe, Drogen nicht zu bagatellisieren, aufzuklären, zu warnen. Legal heisst nicht, man kann tun was man will. Natürlich sind Drogen schädlich, Cannabis kann gefährlich sein, besonders für Jugendliche – darum sollte es auch nur für über 18-jährige freigegeben werden. Auf jeden Fall lebt es sich ohne Cannabis gesünder. Aber darum geht es nicht; nur weil etwas schädlich ist, kann man es nicht verbieten. In Grossbritannien zum Beispiel sterben jährlich rund 3000 Menschen an den Folgen von Aspirin, wie eine Studie der Oxford Universität ergab. Für viele Menschen ist das Medikament schädlich. Sollte man deswegen Aspirin verbieten?

Sie argumentieren mit der Gefahr von Psychosen? Ja, es ist bewiesen, dass Cannabiskonsum psychotische Störungen auszulösen vermag. Regelmässiger Konsum in hohen Mengen erhöht das Risiko. Der Prozentsatz der Menschen mit hanfinduzierten Psychosen ist aber klein – auch wenn Legalisierungs-Gegner nun plötzlich alle "jemanden in der Bekanntschaft kennen", der mal eine Psychose erlebt hat. Laut einer schwedischen Studie ist die Wahrscheinlichkeit zwar dreimal höher, dass Vielkonsumenten Schizophreniesymptome entwickeln als Abstinenzler, aber nur 1,4 Prozent der Cannabis-Konsumenten zeige überhaupt Anzeichen einer Störung im Vergleich zu 0,6 Prozent der Personen, die nach eigenen Angaben noch nie Cannabis konsumiert hatten.
Ausserdem besteht die Gefahr von Psychosen auch bei Alkoholkonsum, haben Sie das gewusst? "Eine substanzinduzierte Psychose ist eine psychotische Störung, die von einer psychotropen Substanz wie etwa Alkohol oder Cannabinoide ausgelöst wurde", heisst es bei Wikipedia.

Mit der freien Verfügbarkeit würde der Konsum steigen? Möglicherweise kurzfristig. Am Anfang entsteht ein kleiner Hype, auch weil der lästige Weg zum Dealer endlich wegfällt. Es gibt aber keine Beweise für einen erwähnenswerten Anstieg in Ländern mit liberaler Drogenpolitik. Der US-Bundesstaat Colorado führte die Cannabis-Legalisierung 2012 ein. Laut 20 Minuten zeigt ein Bericht der Drogen- und Kriminalitätsabteilung der UNO, dass der dortige Konsum von Mitte 2000er-Jahre bis 2014 von sechs Prozent auf acht gestiegen ist, der Anstieg könne aber Ursachen haben wie gesellschaftliche Normen, Zugänglichkeit oder Preisveränderungen.

Cannabis sei eine Einstiegsdroge? Sie kann es sein. Aber der Gang zum illegalen Dealer erleichtert den Einstieg zu härteren Drogen erst recht, weil einem dort, sei es am Rande des Stadtparks oder in einem dreckigen Hinterhof, gefährlichere Substanzen oftmals gleich mitangeboten werden. Ist es nicht besser, Cannabis dort zu kaufen, wo die Abgabe kontrolliert, die Qualität einwandfrei ist und keine dubiosen Gestalten unterwegs sind?

Zu guter Letzt, Sie haben Angst vor bekifften und benebelten Autofahrern? Fürchten Sie sich auch vor betrunkenen Autofahrern? Zu einer Hanf-Legalisierung gehören natürlich genau wie beim Spiritus – nebst Regulierung und Altersbeschränkung – Regulationen im Strassenverkehr und kluge Testverfahren. Apropos: Sind Sie jemals einem aggressiven, pöbelnden Kiffer begegnet? Ich auch nicht. Meistens sind das relaxte Leute, die niemandem etwas zuleide tun. Aber wir alle hatten schon unsere negativen Erfahrungen mit Betrunkenen.

Stellen Sie sich einmal vor, heute wäre keine Substanz erlaubt und wir als Gesellschaft müssten darüber befinden, welche Substanzen legalisiert werden sollen. Ist es nicht so, dass wir nach gründlichem Abwägen aller Faktoren mit grosser Wahrscheinlichkeit Cannabis legalisieren würden – lange vor Nikotin und Alkohol? Und sollten Sie es noch nicht mitbekommen haben: Alkoholgenuss hat in unseren Breitengraden zwar eine längere Tradition, aber die Tüten haben aufgeholt, Kiffen ist ebenso zum Kulturgut avanciert. Die Gesellschaft wandelt sich, Gesetze und Regelungen sollten darum angepasst werden.

Wer kiffen will, der tut es sowieso. Wie so oft geht es darum, das richtige Mass zu finden, von Erwachsenen sollte man einen angemessenen Umgang mit dem Kraut erwarten können. Ich selbst kiffe übrigens nicht. Ich bin für Hanf-Legalisierung, weil mir Eigenverantwortung wichtig ist und eine freie Gesellschaft, in der Menschen selber entscheiden können.



im April veröffentlicht bei BaZ und TE