Samstag, 18. August 2018

ZEIT-Debatte: Der schleichende Tod der Meinungsfreiheit (über 12'000 mal geteilt bei baz.ch)

Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, liebe Leser, wir stehen kurz vor dem Untergang unserer Zivilisation. Der soziale Frieden ist nachhaltig zerstört. Zerstört hat ihn ein einziger Essay in einer deutschen Zeitung – und alle selbsternannten Moralhüter zusammen konnten die Ketzerschrift nicht verhindern. Tja. In den USA sind sie einen Schritt weiter: Texte, die sensible Gemüter zu sehr erregen, werden sofort vom Netz genommen.

Kurze Zusammenfassung für jene, die vergangene Woche im Urlaub weilten: Bei der Zeit wurde debattiert, ob es gut ist, wenn private Hilfsorganisationen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten. Autorin Mariam Lau, die selbst einmal zwei Wochen mit einem privaten Rettungsschiff mitgefahren ist, findet: "Die Retter vergrössern das Problem." Sie schreibt von Helfern, die sich keine Gedanken darüber machen, wie etwa die italienische Regierung ihren Bürgern erklären soll, dass sie Tausende von Menschen einkleiden, beherbergen und ernähren sollen, "die gekommen sind, um zu bleiben – legal, illegal, ganz egal."

Lau ist keine verwirrte Nazi-Braut. Seit 2010 schreibt sie für die linksliberale Zeit. Ihr Text ist sachlich und differenziert formuliert. Dennoch ist er für viele Publizisten und Politiker aus dem eher linken Spektrum mehr als unzumutbar. Angesichts ihrer Reaktionen, die viel irritierender sind als Laus Essay, dürfte diese eine abweichende Ansicht von Migräne bis Magengeschwür alles bei ihnen ausgelöst haben. Eigentlich ist es ein Luxus, sich über den adäquaten Inhalt von Zeitungsartikeln derart erregen zu können.

Die Empörung der Meinungsinspektoren entlud sich bei Twitter. "Ich bin erschüttert, wie leicht unsere Zivilisation bricht", kommentierte SPON-Kolumnist Jakob Augstein. Kollegin Judith Horchert hat offenbar direkt das Abo gekündigt – immerhin wegen 919 falscher Worte. Sie habe "den Betrag, den ich bis Jahresende für @DIEZEIT ausgegeben hätte, nun an private Seenotretter gespendet." Von Zeit-Redaktor Christian Bangel gabs besonders stilvolle Kolleginnen-Schelte: "Aber es ist auch ein Übergriff, mit dieser Abscheu über Leute zu schreiben […]." Laus persönliche Meinung ein Übergriff – diese Logik würde sogar Einsteins Grosshirn überfordern.
Das linke Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" sieht den "sozialen Frieden nachhaltig gestört". Eine österreichische Journalistin macht bei Lau "menschenfeindliche Positionen" aus, bei Sea-Watch klingts ähnlich: "Diskutieren wir in Deutschland gerade ernsthaft, ob man Menschen einfach sterben lässt oder nicht, @DIEZEIT?" Tim Wolff, Chefredakteur des Titanic-Magazins, setzte noch einen obendrauf, er startete eine Umfrage: "Zeit"-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen?" Satire! Haha, lustig ists. Nur, für die Autorin dürften Tötungsspinnereien, Gewaltandrohungen im Netz, Anfeindungen und Unterstellungen von 'menschenfeindlich' und 'Übergriff' nicht ganz so amüsant sein.

Den Flüchtlings-Aktivismus auf dem Mittelmeer zu hinterfragen, ist weder unmenschlich noch zivilisationsgefährdend. Die Ethikexperten aber äussern ihre Kritik rhetorisch so, als ging es der Autorin um die Frage, ob man Menschen ertrinken lassen soll. Sie bedienen sich damit des klassischen Strohmann-Arguments: Statt auf ihre These einzugehen – dass NGO's den Schleppern in die Hände spielen – argumentieren sie gegen etwas, das sie nie gesagt hat. In Laus Beitrag steht nirgends, dass man Menschen nicht vor dem Ertrinken retten soll. Natürlich kann man jetzt sagen, hey, wer sich aus dem Fenster lehnt, muss Kritik einstecken können. Das stimmt. Und Kritik geht auch in Ordnung – nur ist Kritik heute zu einer kollektiven Aburteilung der Person als Ganzes verkommen, sie hat ein zerstörerisches und ungesundes Mass angenommen, wo die Diskussion keinen Spass mehr macht. Meinungsvielfalt? Immer mehr Autoren zweifeln daran, ob sie sensible Themen überhaupt noch aufgreifen, ihre Ansichten dazu aufschreiben sollen.

Während sich die leicht Erregbaren in Deutschland wegen eines einzigen Artikels den Sommerfrieden ruinieren, scheint man in den USA seine eigene Lösung im Umgang mit Empörung gefunden zu haben: Meinungsstücke werden bei Gegenwind sofort vom Netz genommen.

Jüngst hat das Nachrichtenportal Business Insider einen Text, der nicht sein darf, innert weniger Stunden nach seiner Veröffentlichung wieder von seiner Website entfernt – ein Zensur-Tempo, mit dem selbst China Mühe hätte mitzuhalten.

Kolumnistin Daniella Greenbaum hatte es gewagt, Scarlett Johansson zu verteidigen, die eine landesweite Debatte um ihren neuen Film ausgelöst hat, in dem sie einen Transgender-Mann spielen sollte. Der von Transgender-Schauspielern initiierte Aufstand gegen die Johansson-Besetzung erstreckte sich von einem wütenden Internetmob, der sich auf den Hollywoodstar stürzte, bis hin zu Leitmedien, die ihr eine 'unsensible Rollenwahl' vorwarfen. Eine Transgender-Schauspielerin schrieb bei Twitter: "Du bist nicht nur gegen uns und stiehlst unsere Geschichte und unsere Chancen, du klopfst dir dafür auch noch auf die Schulter, dass du unser Leben nachahmst… so verdorben. Ich habe so genug."

Natürlich könnte man einwenden, dass jemand, der Worte wie "Diebstahl" und "Nachahmen" im Zusammenhang mit Schauspielern benützt, deren Job es ist, in andere Rollen zu schlüpfen – schwach ausgedrückt – eine Vollmeise hat. Und dass gemäss der Logik ja auch nur kranke Menschen Kranke, Frauen mit Kids Mütter oder ausgebildete Lebensretter Superman spielen dürften. Nur käme man hier mit Rationalität etwa so weit, wie wenn man einem Kind mit verbundenen Augen das Lesen beibringen möchte. Johansson ist unter dem Druck aus dem Projekt ausgestiegen. Greenbaum, die in ihrem zurückgezogenen Artikel nüchtern und sachlich argumentiert hatte, dass Schauspielerinnen Männer und Trans-Männer spielen können, hat ihren Job bei BI gekündigt. Die Hysterie obsiegt.

Dass der Trend in den Medien dahin geht, sein Publikum vor sensiblen oder kontroversen Themen und andersgearteten Ansichten bestmöglich zu schützen (und sich selbst von deren Zorn), zeigt auch das Beispiel der deutschen Schriftstellerin Tina Uebel. In einem Zeit-Artikel (13.7.2018) berichtet sie, wie die politische Korrektheit – auch bei eben dieser Zeitung – ihre Arbeit einschränke. "Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte." In einem Reisebericht für die Zeit habe sie über einen Hahnenkampf in Kolumbien geschrieben, der zur dortigen Kultur gehöre. Man habe ihr gesagt, sie soll die Passage streichen: "Zu problematisch, sagt die Redaktion, im erwartbaren Leser-Shitstorm drohe jegliche positive Wahrnehmung der Haupterzählung unterzugehen."

Hätte man Mariam Laus Essay einem 'kulturellen Sensitivitäts'-Test unterzogen, er wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit durchgefallen. Ihr Text steht zwar noch online, die Chefredaktion sah sich aber unterdessen in einer Stellungnahme genötigt, ihn öffentlich zu rechtfertigen, und dass dort je wieder ein derart umstrittener Artikel erscheinen wird, ist eher unwahrscheinlich. Auf jeden Fall lassen Ereignisse wie dieses keine allzu hoffnungsvolle Prognose für die Medien- und Meinungsvielfalt zu: Die Empfindlichkeit gewisser Gruppen scheint stetig grösser zu werden, die Anfeindungen heftiger und die Chefredaktoren für Forderungen einer aufgebrachten Menge empfänglicher.

Wenn Menschen sachlich und vernünftig formulierte Meinungen nicht ertragen und deswegen in einen Zustand glühenden Moralisierens verfallen, liegt es nicht am Absender, sondern am Empfänger: Diese Leute sind zu reizbar, zu sensibel, zu anmaßend, zu wenig tolerant. Sie nehmen für sich in Anspruch, die einzig richtige Meinung zu besitzen und ihre Wahrheit allen anderen aufdrängen zu müssen. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt formuliert es so: "Der Thron, von dem herab sie über Andersdenkende urteilen, wächst in den Himmel."

Möglicherweise sollten die Thron-Besetzer sich mal ein paar Gedanken dazu machen. Denn es ist keine rechte oder linke Angelegenheit, es betrifft uns alle. Hysterie und moralische Überheblichkeit dürfen Stimmen nicht zum Verstummen bringen.




veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018

Raus aus der Filterblase!

Man kann mit Menschen, mit denen man in sämtlichen politischen Fragen uneins ist, ein tolles Verhältnis haben. Man kann diese Leute lustig und intelligent finden und sie wertschätzen.

Das ist nicht das Ergebnis langjähriger Studien, die Erkenntnis stammt aus meinem persönlichen Erfahrungsfundus. Und auch wenn ich Gefahr laufe, einen Frömmigkeitsvorwurf zu kassieren: Lassen Sie sich gelegentlich einmal auf einen Gedankenaustausch mit der anderen Seite ein. Mit der Seite, deren Ansichten und Argumentation von Schnappatmung bis Migräne alles in Ihnen auslöst. Und auch wenn es Ihr Nervenkostüm möglicherweise strapaziert: Eine andere Weltansicht kann einen Horizont erweitern.

Einige werden sich jetzt fragen: Wieso soll man mit linken Gutmenschen diskutieren? Jemand, der Merkels Politik gut findet, hat doch nicht alle Latten am Zaun. Jemand, der den privaten Flüchtlings-Aktivismus unterstützt, ist doch von Haus aus bescheuert – nein, das ist er nicht. Oder wieso soll man mit rechten Hetzern reden? Jemand, der AfD wählt, ist doch ein Nazi – nein, auch das muss er nicht sein.

Natürlich: Um seinen geistigen Wohlbefinden gerecht zu werden, schützt man sich so gut es geht vor allzu hartnäckigen "falschen" Meinungen. Wir konsumieren oft nur Artikel und folgen in den sozialen Medien nur jenen, die unsere Weltsicht bestätigen. Sich mit der anderen Seite auseinanderzusetzen, ist anstrengend, viel einfacher ist es "Kommunist!", "linker Gutmensch!" oder "rechter Hetzer!" zu quieken – oder bei Twitter gleich zu blocken. Auch Journalisten blocken sich dort gegenseitig, sogar öffentlich-rechtliche Medienanstalten blockieren aufmüpfige Follower (wobei es zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe ja durchaus Abstufungen gäbe, wie etwa simples Ignorieren oder die Funktion "Stummschalten". Blocken jedoch lässt keinen Spielraum für Zwischentöne zu).

Wer die sozialen Medien, mehr oder weniger das Abbild der Gesellschaft, ein bisschen verfolgt, der kann beobachten, wie sich die Gesellschaft in politischen Fragen ungefähr in zwei Lager teilt: In Gut und Böse, je nach Blickwinkel, wo man politisch steht. Diese Lager, die sich nicht wahnsinnig sachlich gesonnen sind und beide um die Deutungshoheit ringen, haben, so scheints, überhaupt keine geistigen Schnittmengen mehr. Reizthemen wie Mesut Ösil, Flüchtlinge oder Klimaerwärmung – sie sind zu unüberwindbaren gesellschaftlichen Barrieren geworden. Dabei ist es gar nicht immer so, dass die beiden Lager nicht dasselbe Ziel hätten. Oftmals haben sie das gleiche Ziel, nur ist ihr Weg dahin ein völlig anderer. Mit der Folge, dass man das Ziel des anderen dann grundsätzlich ablehnt.

Statt uns einzulassen mit doofen Meinungen doofer Menschen, sperren wir sie lieber aus, verschanzen wir uns in unserer kleinen Meinungsnische, der Filter Bubble. Dort haben wir uns ein behagliches Örtchen unter Gleichgesinnten erschaffen. Fremde Einflüsse können unser Weltbild hier nicht zum Kippen bringen. Und so werden fremde Gedanken in die ewige Verdammnis entsandt, bevor sie überhaupt gründlich durchdacht werden können. Das Resultat: Die Gesellschaft hat immer mehr Mühe, mit verschiedenen Meinungen umzugehen.

Und wenn man dann einmal etwas anderes liest, ist man in höchstem Grade schockiert – wie etwa bei dem umstrittenen Essay einer Zeit-Redaktorin, den ich im letzten Beitrag erwähnte. Gerade an dem Beispiel konnte man ja wunderbar beobachten, wie oftmals gar nicht auf das Argument eingegangen wurde, stattdessen argumentiere man gegen etwas, das die Person nie gesagt hat – oder wenn, dann in einem völlig anderen Kontext.

Dass die Filter Bubble zwar innerhalb der Gruppe verbindet, die Gesellschaft aber in zwei Lager spaltet, bestätigt auch der US-Autor und Politologe Eli Pariser in seinem Buch "Filter Bubble". Darin warnt er davor, dass wir uns in unserer Filterblase vom Rest der Welt abschotten, auch von neuen Ideen und Informationen. Das habe eine Verengung der Weltsicht zur Folge, die gefährlich sei für die Gesellschaft, da es den Diskurs erschwere.

Ich gestehe, ich bin da teilweise nicht besser. Wenn in Leserkommentaren meine Ansichten bestätigt werden, gefällt mir das ungemein. Umgekehrt beschleicht mich manchmal fast eine heimliche kleine Freude, wenn ein Autor in seinem Text meine Weltanschauung teilt. Als liberal gesinnter Mensch, der sich politisch irgendwo in der Mitte verortet, versuche ich aber, zumindest offen zu sein für andere Meinungen, versuche, das Motiv dahinter zu verstehen. Sei es bei Social Media oder bei Zeitungsartikeln, ich bemühe mich, Ansichten aus dem gesamten politischen Spektrum zu lesen – auch wenn ich mich dabei teilweise fürchterlich aufrege oder es meine Vorurteile bestätigt.

Leider kann das Bemühen, auch seine Followerschaft zu öffnen für andere Ansichten, zünftig in die Hose gehen, wie ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt. Schauspieler Mark Duplass ("Zero Dark Thirty") hatte seiner Twitter-Fangemeinde, für einen Hollywoodler fast schon todesmutig, den meinungsstarken konservativen Journalisten Ben Shapiro zum Folgen empfohlen: "Wenn ihr interessiert daran seid, den Gang zu überqueren, empfehle ich euch Ben Shapiro. Ich stimme mit ihm nicht in vielem überein, aber er ist eine ehrliche Person, er beugt die Wahrheit nicht. Seine Absichten sind gut." Der Tweet war sozial nicht sehr ergiebig. Gelinde gesagt. Der Shitstorm des getriggerten Internet-Mobs war so heftig, dass Duplass den Tweet löschte und sich entschuldigte – ein Impuls, den er besser unterdrückt hätte, denn etwas Gutes über einen politischen Gegner zu sagen, beweist Toleranz und Grossmütigkeit.

In den USA zeigt sich die Spaltung der Gesellschaft besonders deutlich, Liberale und Konservative haben zu den meisten zentralen Themen eine 180 Grad entgegengesetzte Meinung. So ganz anders ist es bei uns ja nicht. Darum braucht es mehr starke Persönlichkeiten, die nicht einknicken bei Gegenwind. Natürlich ist das einfach gesagt; bei 1000 bösen Tweets, Morddrohungen oder Firmen, die sich von einem distanzieren, zieht man sich lieber zurück. Aber das Aushalten ist so unheimlich wichtig für unsere Meinungsfreiheit.

Nach dem Shapiro-Schema sollte es nicht ablaufen. Und selbstverständlich kann man nicht immer objektiv sein. Aufeinander zugehen heisst auch nicht, seine eigenen Positionen aufzugeben. Aber neue Impulse aufzunehmen, fremde Ideen ein bisschen open minded und pragmatisch anzugehen, das ist nicht so unvernünftig. Man muss nicht alles von einer Person gut finden, um vor ihr Respekt zu haben.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018

Ich, Sexistin

Eine jüngst bei The Guardian veröffentlichte Studie hat herausgefunden: "Männliche Journalisten ignorieren ihre Kolleginnen bei Twitter". Das "Gender-Ungleichgewicht" führe dazu, dass Journalistinnen nicht die gebührende Aufmerksamkeit für ihre kreative Arbeit bekommen; dieser Alltags-Sexismus kreiere Nachteile für Frauen im Job.

Die eigenen Vorurteile werden ja immer gerne gepflegt, deshalb stelle mir das so vor, dass sich die Studienmacher zuerst gefragt haben, in welchem Bereich des Lebens man noch Sexismus anprangern könnte. Dann haben sie darum geknobelt und sich bei "Twitter" dazu entschlossen, eine Studie abzufassen. Twitter ist von dem Sexismus-Gedöns bislang mehr oder weniger verschont geblieben.

So oder so: Der Sexismus-Vorwurf ist heute in allen Lebenslügen, pardon, -Lagen, wie ein Joker, er bekommt Instant-Beachtung und funktioniert auch ohne Erbringung des Beweises, der ein bestimmtes männliches Verhalten zwingend an Überlegenheitsfantasien und Diskriminierung gegenüber Frauen koppeln würde.

Aber einverstanden, es ist schon so: Männer beschäftigen sich bei Twitter mehr mit ihresgleichen als mit dem weiblichen Geschlecht. Und hier mein Geständnis: Ich tue es auch. Ich kommentiere, like und retweete Beiträge von Männern viel öfter als solche von Frauen. Von den 137 Accounts, denen ich bei Twitter folge, sind nur 33 weiblich. Alarmierend ist das, wie ich jetzt aus der Studie im Guardian erfahre: "Nimmt man die Bedeutung von Twitter im Polit-Journalismus, kann es gut sein, dass dieses Gender-Ungleichgewicht einen noch grösseren strukturellen Nachteil für Journalistinnen in ihrem Beruf schafft."

Als Teil des sexistischen Patriarchats bin ich also mitverantwortlich für die Verdrängung von kreativen Journalistinnen an den äusseren Twitter-Rand, und auch für gewisse Probleme, denen sie in ihrem Job begegnen. Irgendwie habe ich es ja immer geahnt.
Die Studie, die im deutschsprachigen Raum unter Journalistinnen rege geteilt wurde, ist von "American Political Reporters" und basiert auf 2,292 analysierten Twitter-Konten von Journalisten in Washington DC. Konkret steht da, dass männliche Polit-Journalisten ihren Kollegen in 91,5% ihrer Zeit antworten und sie dreiviertel Mal mehr retweeten als ihre weiblichen Kolleginnen: “Am alarmierendsten ist, dass männliche Journalisten sich bei Twitter fast ausschliesslich mit ihresgleichen beschäftigen, während Journalistinnen sich eher mit Journalistinnen befassen." Diese männliche Dominanz erschwere es Journalistinnen gerade bei politischen Debatten, sich Gehör zu verschaffen.

Zu wenig Beachtung für die Damen? Frauen und die Opferrolle: Man kommt irgendwie nicht voneinander los – es erinnert spontan an Glenn Close in Fatal Attraction. Und weil eben Fakten zur Rechtfertigung von Sexismus-Ideen nicht so wahnsinnig gut taugen, begnügt man sich mit deren taktvoller Auslassung. Denn Tatsache ist: Verschiedene Faktoren, die nichts mit Sexismus zu tun haben, erklären das Phänomen der bescheideneren Berücksichtigung von Frauen in den sozialen Medien. Das Online-Verhalten bei den Geschlechtern ist grundsätzlich unterschiedlich: Frauen nutzen soziale Medien eher dazu, um sich mit Freunden und Familie zu unterhalten, ihr Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen, während Männer da eher Job-mässig unterwegs sind und ihre Accounts aus dem Grund möglicherweise mit mehr Ambition und Aufwand verwalten. Laut einem Artikel des Wirtschaftsmagazins persönlich.com, der das Online-Verhalten von Influencern beschreibt (bekannte Journalisten sind auch Influencer), liken Frauen gerne und häufiger, Männer schreiben tendenziell lieber eigene Beiträge.

Preisfrage: Wem folgt und mit wem interagiert man also eher? Mit Personen, die mehr eigene Beiträge posten oder solchen, die meist nur liken und retweeten? Das heisst nicht, dass Frauen grundsätzlich weniger Eigeninitiative demonstrieren, aber bei Twitter und Facebook geht es in die Richtung. Zudem sind Männer meines Erachtens in ihren Beiträgen einen Zacken couragierter, schneidiger, ihre Posts kommen weniger überlegt daher, dafür authentischer und ja, man kann es auch Spontaneität zu Lasten der Professionalität nennen – aber das bewirkt eben mehr Kontakte. Der Hauptgrund aber, warum ich mich in den sozialen Medien mehr mit Männern beschäftige, ist ihr Humor. Männer sind lustiger als Frauen.

Man kann also Studien wie diese so deuten, dass Journalistinnen bei Twitter wegen der männlichen Dominanz ignoriert werden, kann das Argument derart überstrapazieren, dass es sogar für systematische Nachteile im Job herhalten muss – eine wunderbar bequeme Denkweise, die einem befreit von mehr eigener Initiative, Originalität und Mut. Oder man kann sie so interpretieren, dass viele Frauen sich eben mit anderen, wichtigeren Dingen als Twitter beschäftigen – mit ihrer Arbeit oder der Familie. Oder, wenn bei Twitter, dann mit Fotoaustausch unter Freundinnen und dergleichen.

Auf jeden Fall dürfte es nicht lange dauern, bis das Unternehmen – um auf der Höhe der Zeit und ihrer Nörgeler zu sein – diesbezüglich neue Regeln einführt und Männer dazu verpflichtet, den twitternden Damen vermehrt Beachtung für ihre kreative Arbeit zu schenken und ihre Beiträge uneingeschränkt zu liken, teilen und kommentieren.

Zwecks Erfolgspotential im Humorbereich hätte ich dann einen Vorschlag: Die Herren könnten das Verfassen dieser Tweets doch gleich mitübernehmen. Ich weiss, jetzt gibt’s zünftig eins obendrauf.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018