Samstag, 18. August 2018

Raus aus der Filterblase!

Man kann mit Menschen, mit denen man in sämtlichen politischen Fragen uneins ist, ein tolles Verhältnis haben. Man kann diese Leute lustig und intelligent finden und sie wertschätzen.

Das ist nicht das Ergebnis langjähriger Studien, die Erkenntnis stammt aus meinem persönlichen Erfahrungsfundus. Und auch wenn ich Gefahr laufe, einen Frömmigkeitsvorwurf zu kassieren: Lassen Sie sich gelegentlich einmal auf einen Gedankenaustausch mit der anderen Seite ein. Mit der Seite, deren Ansichten und Argumentation von Schnappatmung bis Migräne alles in Ihnen auslöst. Und auch wenn es Ihr Nervenkostüm möglicherweise strapaziert: Eine andere Weltansicht kann einen Horizont erweitern.

Einige werden sich jetzt fragen: Wieso soll man mit linken Gutmenschen diskutieren? Jemand, der Merkels Politik gut findet, hat doch nicht alle Latten am Zaun. Jemand, der den privaten Flüchtlings-Aktivismus unterstützt, ist doch von Haus aus bescheuert – nein, das ist er nicht. Oder wieso soll man mit rechten Hetzern reden? Jemand, der AfD wählt, ist doch ein Nazi – nein, auch das muss er nicht sein.

Natürlich: Um seinen geistigen Wohlbefinden gerecht zu werden, schützt man sich so gut es geht vor allzu hartnäckigen "falschen" Meinungen. Wir konsumieren oft nur Artikel und folgen in den sozialen Medien nur jenen, die unsere Weltsicht bestätigen. Sich mit der anderen Seite auseinanderzusetzen, ist anstrengend, viel einfacher ist es "Kommunist!", "linker Gutmensch!" oder "rechter Hetzer!" zu quieken – oder bei Twitter gleich zu blocken. Auch Journalisten blocken sich dort gegenseitig, sogar öffentlich-rechtliche Medienanstalten blockieren aufmüpfige Follower (wobei es zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe ja durchaus Abstufungen gäbe, wie etwa simples Ignorieren oder die Funktion "Stummschalten". Blocken jedoch lässt keinen Spielraum für Zwischentöne zu).

Wer die sozialen Medien, mehr oder weniger das Abbild der Gesellschaft, ein bisschen verfolgt, der kann beobachten, wie sich die Gesellschaft in politischen Fragen ungefähr in zwei Lager teilt: In Gut und Böse, je nach Blickwinkel, wo man politisch steht. Diese Lager, die sich nicht wahnsinnig sachlich gesonnen sind und beide um die Deutungshoheit ringen, haben, so scheints, überhaupt keine geistigen Schnittmengen mehr. Reizthemen wie Mesut Ösil, Flüchtlinge oder Klimaerwärmung – sie sind zu unüberwindbaren gesellschaftlichen Barrieren geworden. Dabei ist es gar nicht immer so, dass die beiden Lager nicht dasselbe Ziel hätten. Oftmals haben sie das gleiche Ziel, nur ist ihr Weg dahin ein völlig anderer. Mit der Folge, dass man das Ziel des anderen dann grundsätzlich ablehnt.

Statt uns einzulassen mit doofen Meinungen doofer Menschen, sperren wir sie lieber aus, verschanzen wir uns in unserer kleinen Meinungsnische, der Filter Bubble. Dort haben wir uns ein behagliches Örtchen unter Gleichgesinnten erschaffen. Fremde Einflüsse können unser Weltbild hier nicht zum Kippen bringen. Und so werden fremde Gedanken in die ewige Verdammnis entsandt, bevor sie überhaupt gründlich durchdacht werden können. Das Resultat: Die Gesellschaft hat immer mehr Mühe, mit verschiedenen Meinungen umzugehen.

Und wenn man dann einmal etwas anderes liest, ist man in höchstem Grade schockiert – wie etwa bei dem umstrittenen Essay einer Zeit-Redaktorin, den ich im letzten Beitrag erwähnte. Gerade an dem Beispiel konnte man ja wunderbar beobachten, wie oftmals gar nicht auf das Argument eingegangen wurde, stattdessen argumentiere man gegen etwas, das die Person nie gesagt hat – oder wenn, dann in einem völlig anderen Kontext.

Dass die Filter Bubble zwar innerhalb der Gruppe verbindet, die Gesellschaft aber in zwei Lager spaltet, bestätigt auch der US-Autor und Politologe Eli Pariser in seinem Buch "Filter Bubble". Darin warnt er davor, dass wir uns in unserer Filterblase vom Rest der Welt abschotten, auch von neuen Ideen und Informationen. Das habe eine Verengung der Weltsicht zur Folge, die gefährlich sei für die Gesellschaft, da es den Diskurs erschwere.

Ich gestehe, ich bin da teilweise nicht besser. Wenn in Leserkommentaren meine Ansichten bestätigt werden, gefällt mir das ungemein. Umgekehrt beschleicht mich manchmal fast eine heimliche kleine Freude, wenn ein Autor in seinem Text meine Weltanschauung teilt. Als liberal gesinnter Mensch, der sich politisch irgendwo in der Mitte verortet, versuche ich aber, zumindest offen zu sein für andere Meinungen, versuche, das Motiv dahinter zu verstehen. Sei es bei Social Media oder bei Zeitungsartikeln, ich bemühe mich, Ansichten aus dem gesamten politischen Spektrum zu lesen – auch wenn ich mich dabei teilweise fürchterlich aufrege oder es meine Vorurteile bestätigt.

Leider kann das Bemühen, auch seine Followerschaft zu öffnen für andere Ansichten, zünftig in die Hose gehen, wie ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt. Schauspieler Mark Duplass ("Zero Dark Thirty") hatte seiner Twitter-Fangemeinde, für einen Hollywoodler fast schon todesmutig, den meinungsstarken konservativen Journalisten Ben Shapiro zum Folgen empfohlen: "Wenn ihr interessiert daran seid, den Gang zu überqueren, empfehle ich euch Ben Shapiro. Ich stimme mit ihm nicht in vielem überein, aber er ist eine ehrliche Person, er beugt die Wahrheit nicht. Seine Absichten sind gut." Der Tweet war sozial nicht sehr ergiebig. Gelinde gesagt. Der Shitstorm des getriggerten Internet-Mobs war so heftig, dass Duplass den Tweet löschte und sich entschuldigte – ein Impuls, den er besser unterdrückt hätte, denn etwas Gutes über einen politischen Gegner zu sagen, beweist Toleranz und Grossmütigkeit.

In den USA zeigt sich die Spaltung der Gesellschaft besonders deutlich, Liberale und Konservative haben zu den meisten zentralen Themen eine 180 Grad entgegengesetzte Meinung. So ganz anders ist es bei uns ja nicht. Darum braucht es mehr starke Persönlichkeiten, die nicht einknicken bei Gegenwind. Natürlich ist das einfach gesagt; bei 1000 bösen Tweets, Morddrohungen oder Firmen, die sich von einem distanzieren, zieht man sich lieber zurück. Aber das Aushalten ist so unheimlich wichtig für unsere Meinungsfreiheit.

Nach dem Shapiro-Schema sollte es nicht ablaufen. Und selbstverständlich kann man nicht immer objektiv sein. Aufeinander zugehen heisst auch nicht, seine eigenen Positionen aufzugeben. Aber neue Impulse aufzunehmen, fremde Ideen ein bisschen open minded und pragmatisch anzugehen, das ist nicht so unvernünftig. Man muss nicht alles von einer Person gut finden, um vor ihr Respekt zu haben.


veröffentlicht bei BaZ und TE im Juli 2018