Mittwoch, 3. Oktober 2018

Auf Böhmermans Twitter-Blockliste (über 1500 Mal geteilt bei Twitter)

Hat man heute die falsche Haltung, ist die Chance gross, dass sein Name auf einer schwarzen Liste auftaucht. Meiner steht neuerdings auf der Twitter-Blockliste des Jan Böhmermann, Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen ZDF.

Vor einigen Monaten schon hatte Satiriker Böhmi eine Liste mit unliebsamen Twitter-Accounts erstellt, die man seiner Meinung nach Blocken sollte – und dem er selbst mit der Disziplin einer chinesischen Kunstturnerin nachging. (Ich hatte darüber berichtet. Anlass für das Blocken meiner Wenigkeit, ohne den Namen einer Liste zuzufügen, war mein Tweet: "Ein Satiriker blockt alle, die sich über IHN lustig machen. Nebst Hyperempfindlichkeit verrät das auch einiges über Stehvermögen. Und Grösse." Zack, Block).

Meine Tränen darüber waren gerade erst getrocknet, da zündet der Humorbolze die zweite Stufe, indem er dieser Tage bei Twitter, quasi als Gag verpackt, schreibt: "Installiere jetzt Jan Böhmermanns persönliche Blockliste (8421 handgeblockte Accounts) – OHNE GEWÄHR! Viel Spass!" Seinen über zwei Millionen Followern fügte er die Liste bei, man kann sie direkt übernehmen und so tausende Andersdenkende aufs Mal blocken. Und weil auf der Seite der "Guten" schon lange nicht mehr unterschieden wird zwischen liberal-konservativ, rechts, rechtsradikal und Nazi – alles das gleiche Pack! – stehen auf Böhmis neuer Blacklist nebst tatsächlichen Nazi-Trollen auch Namen von Welt-, FAZ- und BaZ-Autoren.

Der "Gag" erreicht somit eine neue Dimension. Wo Böhmi zuvor hauptsächlich Accounts blockte, die ihn selbst kritisierten, nervten, beleidigten oder eben die falsche Gesinnung hatten, bringt er nun Namen in Umlauf von Personen, wo in vielen Fällen nicht die geringste Interaktion stattfindet, weder mit ihm noch untereinander. Angesichts seiner Millionen Follower ist anzunehmen, dass viele der angestifteten Fans die Block-Empfehlung ohne grosses Nachdenken übernehmen. Man muss keinen Abschluss in Raketenwissenschaft haben um zu erkennen, dass diese Aktion dem gesellschaftlichen Diskurs etwa so sehr dient wie ein Schweigegebot der Podiumsdiskussion. Zwischen Blocken und grosser Twitter-Liebe gäbe es im Übrigen noch diverse Abstufungen wie das ehemals verwendete simple Ignorieren der Person oder "Stummschalten". Blocken aber ist die Guillotine unter den Twitter-Funktionen, der Beleg für tiefste Verachtung.

Ich folge einigen Leuten der "anderen Seite". Ich bin offen für verschiedene Meinungen, auch wenn sie mein geistiges Wohlbefinden streckenweise derart strapazieren, dass Schnappatmung die Folge ist. Margarete Stokowski zum Beispiel, feministische Spiegel-Autorin, ich habe sogar ihr aktuelles Buch "Die letzten Tag des Patriarchats" bestellt. Wie soll man gegen moderne Feministen anschreiben, wenn man deren Argumente nicht kennt? Oder der Links-Ikone Sophie Passmann. Wir sind uns beide insofern einig, dass wir Frauen sind – that's it. Trotzdem pflegen wir einen angenehmen Umgang. Wenn man sich ein bisschen von seiner eigenen Engstirnigkeit abkoppelt, ist es (manchmal) möglich, Personen zu achten oder ihre Arbeit zu schätzen, auch wenn man mit ihnen in politischen Fragen uneins ist.

Blocken an sich geht völlig in Ordnung. Ich habe davon zwar noch nie Gebrauch gemacht, weil ich jedem die Chance zum Kontern geben möchte. Ich kann aber verstehen, dass man halt nicht alles lesen möchte. Böhmi kann natürlich blocken, wen er will, wenn es ihm Genugtuung verschafft. Er kann selbstverliebt von seiner Kanzel herab predigen, sich in seiner Filterblase abschotten, andere Meinungen, Kritik und das Pack aussperren. Gerade die, die besonders heftig austeilen ("Ziegenficker"), sind manchmal die routiniertesten Despoten, pardon, Mimosen. Er kann aus dem Epizentrum der moralischen Überheblichkeit, wo ständig für mehr Toleranz geworben wird, aber alles, was nicht dem eigenen Gedankengut entspricht, pauschal delegitimiert wird, eine Block-Hysterie verbreiten – vielleicht ist das der neue Zeitgeist. Passend dazu gibt es ja dieses Sprichwort mit dem Wasser, dem Wein und dem Predigen.

Und auch wenn ihm in seinem Purge-Wahn offensichtlich entgangen ist, dass zum Charakter des Kommunikationstools Twitter eben gehört, "normalen" Leuten eine Plattform zu bieten, um sich mit Prominenten oder Politikern auszutauschen, sie herausfordern, zu  kritisieren, ihnen zu widersprechen, ist das nicht tragisch. Er kann nichts dafür, dass er solche Zusammenhänge nicht erkennt.

Das Problem sind die dummen Gebührenzahler. Viele haben angesichts der "Gags" des zu berappenden ZDF-Satirikers zunehmend miese Laune. Wenn also die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt noch ein bisschen mehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen möchte, dann sollte sie den totalitären Aktionen ihres Vorzeige-Mitarbeiters auf keinen Fall den Riegel vorschieben.


Frauen verboten: Die Zünfte wollen uns nicht, so what?

Im Kampf gegen die allgegenwärtige Diskriminierung haben die sensiblen Seelen unter uns ein neues Objekt im Visier: Die Basler Zünfte. Sie sind traditionsgemäss reine Männerdomänen. Die Basler SP fordert jetzt, so quasi im Namen des weiblichen Geschlechts, dass Zünfte sich den Frauen öffnen sollen (Feministen forderten das längst auch anderorts). Deren Ausschluss bedeute Diskriminierung. Und: Die Öffnung sei eine Bereicherung für diese Institutionen.

Das lässt Schmunzeln. Dass die Damen eine Bereicherung sein sollen für die eingeschworenen Männerclubs, ist ja nett gemeint, aber eher Gegenstand linker Schönwetterfantasien. Wer sich überall als Bereicherung sieht, demonstriert nicht nur eine übersteigerte Selbstverliebtheit, er offenbart auch eine Diskrepanz in Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Grössenordnung eines Tsunami.

Genauso wie die Zünfte erdreisten sich auch Serviceclubs, keine Frauen aufzunehmen. Neulich habe ich ein Referat gehalten bei Rotary. Dort wurde mir erzählt, dass diese Clubs genauso wie Zünfte unter Druck stehen, weil ihnen das Etikett der Frauenfeindlichkeit angehängt wird; die Vorwürfe hinterlassen die Herren – diplomatisch ausgedrückt – dezent genervt.

Die Entstehung der Zünfte geht zurück ins 12. Jahrhundert, wo sich Handwerker zu organisierten Verbänden zusammenschlossen und Regeln festlegten, die der beruflichen Absicherung und Positionierung dienten. In progressiven Städten wie Köln arbeiteten im Mittelalter auch Frauen im Gewerbe, es gab dort drei reine Frauenzünfte – was eine Ausnahme war. Im wirtschaftlichen Leben heute haben Zünfte an Bedeutung verloren. Ohne sie zu schmälern kann man behaupten, dass es jetzt vor allem Männertreffs sind zwecks Networking und Engagement fürs Gemeinwohl.

Warum also sollen Frauen da nicht dabei sein dürfen – zumal sie ja nicht einfach so ihre eigenen Zünfte gründen können, wie das etwa bei Serviceclubs möglich wäre? Ganz einfach: Weil Männer eben manchmal unter sich bleiben, ihr eigenes Ding machen wollen. Frauen lenken ab. Ohne Frauen sind Männer entspannter. Sie reden untereinander über andere Dinge. Die Gruppendynamik ändert sich. Auch haben Männer und Frauen oft eine unterschiedliche Definition von freizeitlichem Vergnügen.

Frauen haben keinen Nachteil im Leben, wenn sie nicht Zunftmitglied sind. Anders als vor vielleicht 200 Jahren spielt es für den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg keine Rolle. Auch gibt es heute zahlreiche andere Möglichkeiten für Networking oder gemeinschaftliche Bürgeraktivitäten. Angesichts der hartnäckigen Forderung nach Öffnung stellt sich die Frage: Strebt eine Mehrheit der Frauen im Land eine Mitgliedschaft überhaupt an? Und warum geht das offenbar dringende Bedürfnis nicht von Damen des bürgerlichen Lagers aus? Angesichts ihrer viel stärkeren Vertretung in Wirtschaft und Unternehmertum müssten ja gerade sie in ihrer Zunft-Ablehnung massive Nachteile erkennen.

Und so bleibt wieder einmal nicht viel mehr übrig als das gewohnheitsmässige Gebaren der Feministentruppe, die in ihrer Überempfindsamkeit jeden Entscheid als Ungerechtigkeit und Diskriminierung gegen sich selbst versteht. Ihre selbstgefällige Zwängerei, mit der sie auf Teufel komm raus durchstieren wollen, was nicht nach ihrem Gusto läuft, wird in der Gesellschaft als zunehmend anstrengend empfunden. Männer wollen unter sich bleiben? So, what. Lasst ihnen doch den Spass.

Ach, Serena.

Gelegentliches Zerstören eines Tennisrackets oder frustriertes Herumgemotze auf dem Court ist kein Skandal. Das passiert den grössten Stars. Es geht um viel Geld, Prestige, teilweise haben die Sportler ihr ganzes Leben auf den einen Moment hingearbeitet.

Bei der vielleicht grössten Tennisspielerin aller Zeiten, Serena Williams, gehen die Ausfälligkeiten ein Stück weiter: 2009 drohte sie einer Linienrichterin: „Wenn ich könnte, würde ich verdammt noch mal diesen verdammten Ball in deine verdammte Gurgel stecken und dich umbringen. Hörst du das?“ 2011 fuhr sie die Schiedsrichterin an: “Sie sind eine Hasserin und haben ein unattraktives Inneres."

Auch am Samstag bei den US Open hatte die 36-jährige weder das Racket noch sich selbst im Griff. Sie verlor die Nerven – und das Spiel. Zuvor hatte der Schiedsrichter sie dreimal verwarnt, irgendwann schrie sie ihn an: „Ich habe eine Tochter, ich betrüge nicht!“ Und: „Du schuldest mir eine Entschuldigung“. Sie nannte ihn "Dieb" und "Lügner" und zückte die Sexismuskarte: „Das ist nicht fair. Nur weil ich eine Frau bin.“ Bei der Siegerehrung wurde die Gewinnerin Naomi Osaka vom Publikum ausgebuht, weinte. Serenas Gezeter hat den glanzvollsten Moment ihrer Karriere ruiniert. Das ist unschön.

Wer sich so danebenbenimmt, muss mit Konsequenzen rechnen, das gilt für Normalsterbliche wie für Superstars. In Serenas Fall war die Konsequenz unter anderem eine Karikatur in der australischen Zeitung The Herald Sun. Darin ist sie als zwängelndes Baby dargestellt. Es bildet ihr Benehmen treffend ab.

Die humorloseren Zeitgenossen unter uns empören sich darüber, das Bild sei rassistisch und sexistisch. Der Internetmob zog über den Karikaturisten Mark Knight her, forderte seine Entlassung, drohte ihm mit Mord. Er löschte er seinen Twitter-Account.

Ich kann das Getöse um die Karikatur nicht verstehen. Satire IST überspitzt, Leute werden übertrieben dargestellt, Stereotype herausgearbeitet. Männer werden ständig mit stereotypen Merkmalen abgebildet – übergrosse Segelohren, schütteres Haar, Hängebauch und rote Nase – keiner schert sich drum. Ich wurde schon mehrmals karikiert, sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen oder als "Telefasel"-Tussi mit riesen Zinken. Du meine Güte.

Was soll an der Karikatur rassistisch sein? Äussere Merkmale sind übertrieben abgebildet: Gekräuseltes Haar. Üppige Lippen. Athletische Statur mit grossem Hintern. Wenn das nicht mehr zumutbar ist, muss Karikatur grundsätzlich verboten werden. Im Übrigen hat Serena ja auch kein Primaballerina-Figürchen. Das heulende Riesenbaby? Sie hat sich wie ein wütendes Baby aufgeführt. Der Karikaturist, der Tage zuvor einen männlichen Spieler als gereiztes Kleinkind darstellte, schrieb: "Es ist eine Karikatur über Verhalten. Es hat nichts mit Rasse zu tun."

Die Besessenheit mit Identitätspolitik vergiftet die künstlerische Freiheit. Karikaturen erschaffen angesichts einer dauerdrohenden Guillotine in Medien und sozialen Medien – der Job wird dereinst so befriedigend sein wie ein Spaziergang durchs Minenfeld. Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weisser Mann oder eine grossflächig verhasste weisse Gruppe ist. Künstler werden von Rassismus- und Sexismusvorwürfen irgendwann genug haben. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig. Humor bleibt auf der Strecke. Was für eine traurige Gesellschaft.



Paygap: Wenn Medien ihre Leser für blöd halten

Journalisten führen ihr Publikum manchmal ziemlich an der Nase herum. Mittels diskreter Umgehung der Fakten pimpen sie gerne mal ihre Schlagzeilen und meinen dann, es merkts keiner. Ein gutes Beispiel lieferte neulich das IT-Newsportal Golem.de. Es titelte: "Weibliche IMB-Angestellte verdienen in England 14,6 Prozent weniger." Ein ziemlich krasser Lohnunterschied. Ungerecht und diskriminierend. Denken sich wohl alle, die nicht weiterlesen – uns viele lesen nach der Schlagzeile nicht weiter.

Im Textteil steh dann: "Zwischen beruflich gleichgestellten Frauen und Männern betrage der Unterschied etwa ein Prozent." Beruflich gleichgestellt heißt, gleiche Position und Qualifikation. Der Lohnunterschied (Paygap) von Frauen und Männern mit gleicher Position und Qualifikation beträgt bei IBM also etwa ein Prozent. Das ist praktisch nichts, NOTHING. Es ist so wenig, dass es keinen Piep wert wäre – außer eben, man lässt in der Schlagzeile den zentralen Punkt weg.

Einen nicht-bereinigten Paygap für eine reißerische Schlagzeile zu instrumentalisieren, ist unprofessioneller Journalismus. Es ist ein manipulativer Versuch, seine Leser in bestimmte Denkbahnen zu lenken, nämlich dass IBM ein diskriminierender Arbeitgeber ist. Man nimmt im Kauf, dem Unternehmen zu schaden und dazu gehört eine zünftige Portion Verschlagenheit. Golem.de ist mit 1,92 Millionen Unique Usern im Monat (Quelle: Agof) kein Winzling.

Ich tat also, was man in so einer Situation tut, ich twitterte den IBM-Text und schrieb an die Golem-Redaktion: "Wenn der 14%-Paygap aus der Schlagzeile im Textteil – und unter Berücksichtigung relevanter Fakten – plötzlich auf 1% schrumpft. Manche Journalisten gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Leser ein bisserl verblödet sind." Die Antwort: "Wir sind hier anderer Meinung: Ein Paygap von 14 Prozent ist auch dann relevant, wenn er nicht darauf zurückzuführen ist, dass Frauen und Männer in derselben Position ungleich bezahlt werden, sondern darauf, dass Männer offenbar bessere Aufstiegschancen haben als Frauen."

"Offenbar" ist eine Projektion des Schreibers. Eine subjektive Annahme. Dass bei IBM mehr Männer aufsteigen, kann auch daran liegen, dass die Frauen dort nicht unbedingt aufsteigen wollen, oder viele Frauen nicht bereit sind Vollzeit zu arbeiten, oder die Firma schlicht weniger Auswahl an Damen hat. Denn Tatsache ist: Wie ein Computer zusammengesetzt ist, interessiert die Mehrheit der Frauen dieses Planeten etwa so sehr wie das Innenleben eines Doppelschlitztoasters. Mit IT&Co. können Frauen im Durchschnitt weniger anfangen als Männer. Die feministischen Kreise aber, die den Paygap permanent als unerschütterlichen Beweis für systematischen Sexismus und Diskriminierung durch das böse Patriarchat anbringen, haben sich entschlossen, von dieser Realität keine Notiz zu nehmen. Unterstützt werden sie dabei von vielen Journalisten, die statt in gesicherte Beweise lieber in eine ideologisch motivierte Meinungsbeeinflussung investieren.

Stuart Reges, Dozent für Informatik an der University of Washington mit 32 Jahren Berufserfahrung, widerspricht der Behauptung, dass Lohnunterschiede auf Männer und ihre patriarchalischen Organisationen zurückzuführen sind. "Frauen wollen weniger Computerwissenschaften studieren als Männer und eher keine Karriere als Software-Ingenieur anstreben" – dieser Unterschied sei hauptsächlich verantwortlich für Lohnunterschiede in der IT-Branche, schrieb er jüngst im Onlinemagazin Quillette. Die Darstellung von Autoren, Professionellen und Aktivisten, dass Frauen systematisch von den lukrativen Branchen in der IT ausgeschlossen werden, sei ein gefährlicher "Oppression Narrative", eine Erzählung, die auf Unterdrückung basiert.

Dass die Geschlechter unterschiedliche Interessen haben und darum unterschiedliche Berufsentscheide treffen, hat schon der Dokumentarfilm "Gehirnwäsche, das Gleichstellungsparadox" (2010) gezeigt. Der Soziologe Harald Eia hat herausgefunden, dass sich Frauen in Norwegen, dem Land mit der mustergültigsten Geschlechtergleichheit weltweit, trotz intensiver staatlicher Förderprojekte für frauentypische Berufe entscheiden – die halt oftmals schlechter bezahlt sind. In Norwegen ist fast 90% des Pflegepersonals weiblich, 90% aller Ingenieure sind männlich, obwohl die Regierung seit Jahren versuche, Männer für den Pflegeberuf zu begeistern und Frauen für das Ingenieurswesen. Mit Diskriminierung habe das nichts zu tun.

Das bestätigt auch ein User, der auf meinen Golem-Tweet antwortete: "Ich bin Software-Entwickler. Es gibt kaum Kolleginnen. Wenn doch, überproportional aus Osteuropa oder Indien. Und viele werden nie zum besserverdienenden Senior-Entwickler, weil sie vorher die Branche wechseln. Das verzerrt die Statistik enorm."

Frauen haben bei uns die freie Wahl und wollen trotzdem nur sehr selten als Ingenieurin oder Programmiererin arbeiten. Die freie Wahl, noch so ein Zankapfel. Denn genau an der Stelle ruft die selbsterklärte Beschützer-Fraktion erneut dazwischen "Die ist doch gar nicht frei!" – weil Frauen ja in diese gesellschaftlichen Schablonen und Stereotypen hineingedrängt werden. In ihrer Entrüstung entgeht ihnen, dass sie Frauen mit der Behauptung bei der Studien- oder Berufswahl jegliches selbständige Denken absprechen, sie zu hilfsbedürftigen Geschöpfen machen, die nicht in der Lage sind, Entscheide für sich zu treffen (wie solche Frauen dann bei Lohnverhandlungen oder in Führungspositionen reüssieren sollen, wäre dann die nächste Frage).

So argumentiert auch die renommierte US-Philosophin und Autorin Christina Hoff Sommers. In ihrem Meinungsstück bei der Huffington Post von 2012 zitierte sie eine Studie der American Association of University Women (AAUW), die herausgefunden hat, dass der Paygap nahezu verschwindet, wenn man relevante Variablen wie Branche, Ausbildung und Länge am Arbeitsplatz miteinkalkuliert. Der 23 Prozent Lohnunterschied sei einfach die durchschnittliche Differenz zwischen den Löhnen bei Männern und Frauen, die Vollzeit beschäftigt sin. Wichtig sei, dass man die "bereinigte" Lohndifferenz bei der Berechnung nimmt. "Wenn es wahr wäre, dass ein Arbeitgeber Jill für dieselbe Arbeit weniger zahlen müsste als Jack, dann würden clevere Unternehmer all ihre männlichen Arbeitskräfte feuern und sie mit weiblichen ersetzen, und einen riesigen Marktvorteil geniessen", so Hoff Sommers.

Meistens bleiben bei Lohndifferenzen einige wenige Prozent übrig, die trotz der einkalkulierten Faktoren nicht erklärbar sind. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen tendenziell schlechter verhandeln. Vielleicht entscheidet manchmal einfach persönliche Sympathie. Das ist menschlich – und kann Männer genauso treffen. Und es gibt wohl auch Männer, die ihren Geschlechtsgenossen mehr bezahlen und ihnen die besseren Jobs zuschanzen. Das ist ungerecht und gehört bekämpft. Ich wäre die erste, die sich beschweren würde, bekämen meine männlichen Kollegen mehr Honorar für die gleiche Kolumne. Nur, so einfach ist es auch da wieder nicht. Wäre ich Chefin, würde ich mehr Faktoren als nur "gleiche Arbeit und Qualifikation" in meine Honorarberechnung einfliessen lassen, wie etwa den Bekanntheitsgrad eines Schreibers, das Spektrum seiner Themenwahl, seine Flexibilität bei spontanen Textanfragen, die Resonanz auf seine Kolumnen (wie oft geteilt online, wie viele Kommentare im Schnitt etc.).

Unternehmen sind sensibilisiert, bemühen sich um Fairness in der Lohnfrage. Journalisten, die den Narrativ einer strukturellen geschlechtlichen Lohnungleichheit unkritisch verbreiten, dienen der Sache nicht. Aber man kann Medien keinen allzu grossen Vorwurf machen, denn einerseits leben sie von Clickbaiting, andererseits ist das Überwinden der eigenen Vorurteile geistig auch nicht gerade einfach, da können Fakten noch so hartnäckig sein.