Montag, 3. Dezember 2018

Warum schweigen die Medien? (über 1200 Mal geteilt bei Twitter)

"Wissen ist Macht", das haben wir von den Eltern eingeimpft bekommen, verinnerlicht, wir geben es weiter an unsere Kinder. Der britische Philosoph Francis Bacon ist der Kreateur des Bonmots. Im 16. Jahrhundert hat er es ins Leben gerufen, zur Zeit der Renaissance und des Humanismus, als eine neue Art des Intellekts in Entstehung war, weg vom Scheuklappen-Denken des Mittelalters und der Religion, hin zu Wissenschaft und Experimenten, durch die man neue Erkenntnisse erlangte. Wissen ist auch Macht, weil Kenntnis über eine Sache oder ein Ereignis die Basis bereitet, um sich ein fundiertes, ausgewogenes Urteil zu bilden.

Vor etwa zwei Wochen stellte sich heraus, dass eine der Frauen, die Richter Brett Kavanaugh der Vergewaltigung bezichtigten, ihre Geschichte frei erfunden hat. Allen ins Gesicht gelogen, öffentlich und ungeniert. Judy Munro-Leighton hatte zuerst behauptet, sie sei die Verfasserin eines anonymen Briefes, worin stand, dass Kavanaugh und sein Freund sie "in seinem Auto vergewaltigten". Der Brief war auf einer Website im Zuge der Anhörung veröffentlicht worden. Nachdem sie von Ermittlern befragt wurde, gab sie zu, dass sie den Brief nicht geschrieben und Kavanaugh sie nicht vergewaltigt habe. Sie wollte "Aufmerksamkeit erlangen" und seine "Nominierung stoppen".

Über die pikante Falschanschuldigung haben unter anderem "Business Insider", "Newsweek", "Daily Mail", "New York Post", "The Daily Beast", "USA Today", "Fox News" und das "Wallstreet Journal" berichtet. Es war nicht die einzige Falschaussage im Kavanaugh-Fall; laut "USA Today" steht im Untersuchungsbericht des Komitees, dass Julie Swetnick und Michael Avenatti 'erhebliche falsche Aussagen' tätigten, um die Ermittlungen zu behindern. Und: Drei weitere Anschuldigungen erwiesen sich als 'nicht glaubwürdig'.

Von den deutschsprachigen Leitmedien hielt es kein einziges für nötig, über Munro-Leightons Lüge zu informieren. Ich war überrascht und twitterte: "Google ich 'Kavanaugh Falschanschuldigung' finde ich in deutschen Leitmedien KEINEN EINZIGEN Artikel darüber. Die Berichte zu den Vorwürfen gegen den Mann waren zahlreich, eine Entlastung wird stillgeschwiegen. Darum, liebe Medien, mögen euch viele Leser nicht mehr."

Natürlich bin ich damit einigen Journalisten auf den Schlips getreten. Ralph Pöhner, Chefökonom bei der "Handelszeitung", antwortete: "Quatsch. In deutschen Medien wurde der hier beschriebene Fall mit keinem Wort erwähnt. Also müssen sie auch nix korrigieren." Später meinte er, man könne schon darüber berichten, aber: "Angesichts der Themenlage diese Woche (Midterms, Merz, Brexit...) würde ich als Blattmacher auch sagen, dass wir uns nicht um irgendeine linke Idiotin in Washington kümmern."

Wenn jemand eine Vergewaltigung erfindet und das später zugibt, ist das eine Entlastung. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass es nur fair ist, einer Entlastung ebenso mediale Aufmerksamkeit einzuräumen. Der konkrete Vorwurf wurde zwar offenbar von deutschsprachigen Leitmedien nicht thematisiert, das ist für mich aber kein schlüssiges Argument, um über die neue Information nicht zu schreiben. Gerade angesichts der populären Kavanaugh-Berichterstattung ist es für die Öffentlichkeit möglicherweise von Interesse, wenn eine der Anschuldigungen nun erwiesenermassen falsch ist. Natürlich ändert es grundsätzlich nichts, es hängen noch immer (unbewiesene) Anschuldigungen gegen den Supreme Court-Richter in der Luft. Losgelöst von Kavanaugh kann ich mir aber aus Sicht einer gebrandmarkten Person vorstellen, dass eine bestätigte Falschanschuldigung eine Befreiung ist, und darum von Belang, wenn die Erkenntnis den Weg an die Öffentlichkeit findet. Die erdichtete Vergewaltigung von Munro-Leighton zeigt aber vor allem auch, dass man nicht jede Geschichte vorbehaltslos glauben kann – und wie wichtig Beweise und Ermittlungen sind.

Ob die Dame eine 'linke Idiotin' ist, eine rechte Anwältin, ein apolitisches Supermodell, spielt überhaupt keine Rolle. Eine Falschanschuldigung kann dazu führen, dass Karriere, Familie, Leben zerstört werden. Wer Vergewaltigungen erfindet, um Leuten zu schaden, sollte bestraft werden. Zumal auch bei einem Freispruch immer etwas haften bleibt, Leute sich hauptsächlich an den Vorwurf erinnern und weniger an die Information über die Unschuld, die irgendwann später folgt. Und natürlich erweist man Opfern von tatsächlichem sexuellem Missbrauch damit keinen Dienst. Ähnliches schreibt das "Wallstreet Journal" zum Fall Kavanaugh: "[…] Darum ist es wichtig, dass man Ankläger, die lügen, entlarvt und bestraft. Falsche Aussagen im Kongress schaden den Nominierten und ihren Familien, verschwenden Ressourcen und vergiften die amerikanische Politik."

Man kann nun einwenden, dass es viel mehr tatsächliche sexuelle Übergriffe gibt als Falschanschuldigungen – und die Berichterstattung deshalb unterschiedlich breit ausfällt. Das mag stimmen, als Argument gegen einen Artikel überzeugt es mich nicht.

Es gibt vermutlich mehr Falschanschuldigungen bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen als gemeinhin angenommen. Laut dem forensischen US-Profiler Brent Turvey, der "Falsche Anschuldigungen" für sein gleichnamiges Buch anhand wissenschaftlicher Literatur mehrerer Jahrzehnte analysiert hat, liegt die Zahl in den Vereinigten Staaten zwischen 8 und 41 Prozent (Quelle: US-Newswebsite "The Daily Wire"). Gemäss einer Münchner Studie von 2005 zu Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Bayern, die im Auftrag des Bayerischen Staatsministerium des Innern verfasst wurde, sind 'mindestens ein Fünftel bis zu einem Drittel der Vorgänge zweifelhaft'. Experten bestätigen diese Resultate: "Das Phänomen der Falschanschuldigung bei Vergewaltigungen ist sehr verbreitet. Wir rechnen damit, dass etwa die Hälfte der Anzeigen fingiert ist", sagte Thomas Hansjakob, damals Erster Staatsanwalt im Kanton St. Gallen, in einem Artikel des "Schweizer Beobachter" von 2012.

Warum berichten Journalisten nicht mit derselben Leidenschaft über erwiesene Falschbezichtigungen, wie sie es über Anschuldigungen tun? Kavanaugh ist ja nicht das einzige Beispiel – bei Jörg Kachelmann und einigen weiteren war der Freispruch nach dem vernichtenden Vorwurf vielen Medienschaffenden kaum mehr einen Artikel wert. Ist es die Unsicherheit, dass man Frauenwerte verraten könnte? Die wahren Opfer? Scheut man heute die #MeToo-Verfechter? Verfliegt die Motivation, weil für solcherlei Artikel kein Applaus in Aussicht steht?

"Darum, liebe Medien, mögen euch viele Leser nicht mehr." Mein Tweet wurde über 1000 Mal geliked. Ich würde das als Indikator für öffentliches Interesse bezeichnen. Wenn also Blattmacher die Information als nicht relevant einstufen, haben sie entweder kein Gespür dafür, wofür die Leserschaft bereit ist, ihre Aufmerksamkeit zu investieren. Oder aber sie leiden an Überheblichkeit: Man begrenzt den Inhalt seiner Beiträge auf das, was seinen eigenen ideologischen und moralischen Massstäben entspricht, und filtert Informationen selektiv aus. Den Anschein macht es zumindest. Die Emanzipation des Publikums ist aber schon zu weit fortgeschritten, deshalb taugt diese Taktik für die Leserbindung etwa so gut wie ein 100 Prozent-Preisaufschlag aufs Abo.



veröffentlicht BaZ, Nov. 2018








Gruppenvergewaltigung in Freiburg: Die Kraft der Symbolik

Freiburg liegt eine Stunde von Basel entfernt. In jüngeren Jahren habe ich in Freiburgs Diskotheken die Nächte durchgetanzt, bis meine Füsse brannten. In einer dieser Discos hat sich vor etwa zwei Wochen eine junge Frau amüsiert, vielleicht hat auch sie getanzt, bevor sie in der Nähe eines Lokals von acht Männern vergewaltigt wurde. Lese ich von solchen Taten, breiten sich in meinem Kopf Bilder, die ich nicht beschreiben möchte, zu diffusem Horror aus. Hoffentlich, so ein erster Gedanke, hat sie keine schweren körperlichen Verletzungen. Hoffentlich hat sie Menschen um sich herum, die ihr bei der Verarbeitung des Traumas helfen. Hoffentlich kann sie irgendwann wieder unbeschwert lachen.

Die Freiburger Polizei hat acht mutmassliche Täter festgenommen, darunter laut FAZ sieben syrische Flüchtlinge und ein Deutscher. Im gleichen Statement, in dem sich der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) von der Tat 'entsetzt' zeigte und bei Facebook äusserte, dass seine 'Gedanken dem Opfer und seiner Familie' gelten, warnte er vor pauschalen Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen, die Mehrheit der in Deutschland lebenden Migranten verhalte sich gesetzestreu. Weiter schrieb er: Kriminelles Handeln werde nicht toleriert.

Herr Horn hat recht. Die Mehrheit der Migranten verhaltet sich gesetzestreu – und die grosse Mehrheit der Menschen weiss das. Auch soll man vor der Aufklärung der Tat keine voreiligen Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass die nach solchen Taten von Politikern gewohnheitsmässig abgesonderten Floskeln in einem Moment, in dem die Fassungslosigkeit viele Leute in einen emotionalen Negativsprudel reisst, kontraproduktiv sind.

Angesichts der Schwere der Tat – acht Männer haben sich während mehreren Stunden an der Frau vergangen – sind überstürzte, unreflektierte Gedanken menschlich, wir sind keine Roboter. Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen sind hässlich, sie lassen sich aber nicht einfach durch mahnende Worte austreiben, durch positive Alltagserlebnisse und persönliche Gespräche schon. All diese Bedenken und Befangenheiten sind aber unter dem Einfluss des Entsetzens, den das Opfer, seine Familie und viele Menschen gerade in Freiburg durchleben, jetzt wie auch damals, als im Oktober 2016 Maria Ladenburger von einem afghanischen Migranten vergewaltigt und ermordet wurde, Nebenplätze.
Um gedankliche Nebenszenarien darf es aber nicht an erster Stelle gehen. Das goutieren die Menschen nicht. Deshalb bleibt die reflexhafte Erwähnung wirkungslos; keine einzige negative Betrachtung wandelt sich dadurch in eine positive, die Mahnung zur Besonnenheit wird aber als Bevormundung verstanden, auch als eine Art Vertuschung und Ablenkung davor, dass man halt nicht in der Lage ist, die Frauen zu beschützen. Deshalb schürt sie noch mehr Frust und Wut in der Bevölkerung, speziell bei jenen, die sich in ihren Vorurteilen bestätigt sehen. Wenn eventuelle Pauschalurteile einen Politiker (zurecht) umtreiben, wäre es vernünftiger, zu einem späteren Zeitpunkt davor zu warnen. Gleichwohl, die Hassmails, die Horn nun entgegenschlagen, sind widerlich.

Kopfschütteln löst aber erst recht aus, wenn Politiker wie Horn zwar das Vorurteil-Problem in ihrem ersten Statement sofort benennen, Gedanken zu möglichen Ursachen der Gewalt aber grosszügig ausblenden – entweder weil sie keine Problematik erkennen (wollen) oder aus Angst vor dem Rassismusvorwurf. Bei Facebook schreibt er zwar, dass es ihn bestürze, dass unter den Tätern auch Geflüchtete seien. „Wir bieten diesen Schutz an, fordern aber auch klipp und klar, dass unsere Regeln und Gesetze von Allen akzeptiert und eingehalten werden", so Horn. Angesichts der Tatsache, dass fast alle mutmasslichen Täter polizeibekannt waren, gegen den Hauptbeschuldigten sogar ein Haftbefehl vorlag (und nicht vollzogen wurde), kommt diese 'Forderung' ein Stück weit wie Hohn daher und ist klipp und klar noch unnützer als die Warnung vor Pauschalurteilen.

Dabei liegen die Fragen, die Menschen beschäftigen und mit denen sich Politiker (sämtlicher Couleur) dieser Tage in ihren Kommentaren primär befassen könnten, wie offene Spielkarten auf dem Tisch: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Täter und Gewalt gegen Frauen? Warum können straffällige Asylbewerber nicht sofort abgeschoben werden? Warum werden Haftbefehle nicht sofort vollzogen? Warum dauern Abschiebeverfahren so lange? Braucht es eine Verschärfung der Abschieberegeln? Ich bin keine Expertin, aber möglicherweise ist das Asylgesetz veraltet. Es vermag die heutigen Herausforderungen der Masseneinwanderung nicht mehr zu bewältigen, gerade im Hinblick auf negative Asylentscheide, die angefochten werden und eine Abschiebung jahrelang verzögern können.

Einer, der diese heiklen Fragen in seinen Statements aufgreift, ist Horns Amtskollege aus Tübingen, der Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Er setzt sich mit den möglichen Ursachen des Verbrechens und mit den Straftätern unter Flüchtlingen und Immigranten auseinander – und reicht konkrete Lösungsvorschläge nach. Und ja, das ist eine Seltenheit, und sie tut gut.

So schrieb er nach der Tat in Freiburg auf seiner Facebook-Seite, dass zwar alle für ein Asylrecht qualifiziert seien, die sich nichts zu Schulden kommen lassen, die Bewegungsfreiheit für gewaltbereite Asylbewerber aber stark eingeschränkt werden müsse. Betroffene sollten in entlegenen Gegenden untergebracht werden, wo keine nächtliche Anbindung an den ÖPNV existiert. Wer die Einrichtung verlasse, soll kontrolliert und der Zeitpunkt festgehalten werden. "In den sicheren Landeseinrichtungen könnten die Asylverfahren ruhig beendet und die Abschiebungen vorbereitet und durchgeführt werden, ohne zu riskieren, dass in diesem Zeitraum schwere Straftaten zu beklagen sind", schreibt Palmer. Dieser weitgehende Entzug der Bewegungsfreiheit würde seiner Meinung nach die Gefahr aus der Gruppe der gewaltbereiten Flüchtlinge drastisch reduzieren.

Vielleicht gehen einige dieser Vorschläge zu weit, weil sie Menschen – wir sprechen hier von gewaltbereiten Immigranten ohne Integrationsbemühungen – zu sehr einschränken, vielleicht sind sie rechtlich nicht durchsetzbar. Das spielt aber in dem Moment keine Rolle. Es ist die berühmte 'Kraft der Symbolik', die zählt: Da hat sich einer etwas überlegt, sich informiert, nimmt Ängste ernst, ist bereit, einen offenen Diskurs zu führen und bemüht um greifbare Lösungsvorschläge – im Wissen, dass bestimmte Kreise ihn dafür umgehend ins Hetzer-Netz werfen. Palmer fordert einen Wandel, in einem neuen Facebook-Eintrag wendet er sich direkt an Kollege Martin Horn: "Es gab genügend Zeit, um die vielen früheren Fälle zu bewerten und das Muster zu erkennen. Der aktuelle Fall in Freiburg steht in einer langen Reihe und verdeutlicht daher die Dringlichkeit, etwas zu ändern."

Eine Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung ist immer entsetzlich. Aber die menschliche Psyche ist nun mal so gepolt, dass es für uns nochmal einen Unterschied macht, wenn die mutmasslichen Täter Leute sind, die ins Land kommen, weil sie Schutz suchen. Wenn Palmers Ideen Anstoss zu neuen Massnahmen liefern und dadurch nur eine einzige schwere Straftat verhindert wird, haben sich seine Überlegungen gelohnt. Und schlussendlich muss das das oberste Kriterium sein. Nach solchen Verbrechen genauso weitermachen wie bisher, ist keine Option.


veröffentlicht bei BaZ am 2. Nov. 2018

Sawsan's Rolex.

Wäre ich Sawsan Cheblis PR-Beraterin, ich würde ihr vom Tragen einer Rolex abraten. "Sawsan", würde ich sagen, "das ultimative Statussymbol taugt zum Promoten der Ideologie einer sozialgerechten Gesellschaft, wo es keine Reichen und keine Armen geben soll, etwa so gut wie eine Pelzstola um den Hals einer Tierschutz-Aktivistin."

Das Foto, auf dem die Berliner SPD-Staatssekretärin eine 7300 Euro teure Rolex trägt, hat für Aufruhr gesorgt. Bei Twitter schrieb ein User dazu belustigt: "Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss." Dass jetzt auch noch das Bild einer Cartier (9'850 Euro) an Cheblis Handgelenk kursiert, macht es nicht besser.

Der PR-Job wäre harte Arbeit. Denn das Hinderliche an einem SPD-Posten für Leute mit Empfänglichkeit für schöne Dinge ist halt, dass die Zurschaustellung seines Wohlergehens mit Produkten, die für den 'kleinen Mann' unerschwinglich sind, eher schlecht ankommt. Die äusserliche Manifestation widerspricht den vorgeplapperten Überzeugungen, torpediert das Wir-Gefühl unter den Gleichgesinnten. Natürlich nicht jenes der elitären Kaste, der Politiker und Publizisten – von denen sich die meisten problemlos eine Rolex leisten können, und die die Uhr-Kritik jetzt lautstark verurteilen. Aber das der Leute an der Basis, die sich wohl ihre eigene Sache dazu denken. Und die wir nicht hören oder lesen. "Sawsan, denk an die Steuerzahler!", würde ich empfehlen.

Das soll nicht heissen, dass sozialistische Politiker nur bei C&A einkaufen, Swatch tragen, in Ibis-Hotels absteigen und Pauschalurlaub auf Mallorca buchen sollten. Aber zwischen Luxusmarken und Mittelschichtware gibts ja noch diverse Abstufungen, die der eigenen Glaubwürdigkeit zuträglicher sind – wie etwa eine Tissot Le Locle oder die Omega De Ville, hübsches, solides Schweizer Uhrwerk unter 1'500 Euro. Hinzu kommt, dass Gemüter schnell von Neid in Besitz genommen werden. Ich persönlich posiere darum bei Fotoshootings immer ohne meine Rolex. Aber was weiss ich schon, bin ja weder Sozi noch vom Staat bezahlt.

Dennoch: Als Nicht-PR-Beraterin halte ich die Eskalation rund um Cheblis Uhr für absurd. Man mag sie für ihre Politik und Arbeit kritisieren, aber nicht für private Dinge, die sie sich vom eigenen Geld gekauft hat. Selbstverständlich kann auch eine SPD-lerin eine Luxusuhr besitzen, ein bisschen Häme muss sie dann halt ertragen. Anfeindungen deswegen sind aber unangebracht. Und ich stimme FDP-Chef Christian Lindner zu, der twitterte: "Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein." 

Dass sich jetzt viele in den sozialen Medien über die Rolex mokieren, ist nicht ganz verwunderlich – zumal die 40-jährige dort nicht gerade durch Zurückhaltung auffällt; sie gilt als Reizfigur. Aber alles, was ihre politischen Gegner mit der hochgekochten Empörung erreichen, sind Twitter-Likes für Chebli, denn gerade einer Person, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist sozialer Aufstieg zu gönnen und vor allem ist es der beste Beweis dafür, dass er möglich ist.

Nun aber das Amüsante an #Rolexgate: Leute aus dem linken Spektrum haben plötzlich ihre Liebe zu Luxusuhren entdeckt. Ungefragt breiten sie bei Twitter ihre Geschichten über Sparen und harte Arbeit aus und führen dazu ihren teuren Zeitmesser samt Foto Chebli-solidarisch vor. Liebe Genossen: Aus aktuellem Anlass geht das ja in Ordnung. Ab nächste Woche gilt das wieder als klassisches Geklotze.

Im Zweifel...lieber zweifeln. Anschuldigungen gegen Ronaldo & Kavanaugh

Die Gemüter sind nach dem Kavanaugh-Fall noch nicht beruhigt, da steht der nächste Vergewaltigungsvorwurf auf den Frontseiten; die Schlinge liegt jetzt um Cristiano Ronaldos Hals.
Während dem Star-Richter sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, die 36 Jahre zurückliegen und die nicht durch Beweise erhärtet werden konnten, soll der Star-Kicker vor neun Jahren eine Frau in einem Hotelzimmer in Las Vegas vergewaltigt haben.
Gemäss dem "Spiegel" hat Kathryn Mayorga den Übergriff damals der Polizei gemeldet, ohne den Namen des Täters zu nennen, später soll sie von Ronaldo 375'000 Dollar Schweigegeld akzeptiert haben. Jetzt hat sie eine Zivilklage eingereicht und fordert Schadensersatz für "psychische Schäden". Laut Ronaldo ist der Sex einvernehmlich gewesen.

Wem soll man glauben? Die bissige Frage stellt sich jedes Mal aufs Neue, wenn uns, praktisch im Wochentakt, Meldungen erreichen, in denen Frauen prominenten Männern sexuelle Übergriffe vorwerfen. Für mich persönlich ist es nur schwer möglich, ein Schloss um die Emotionalität zu legen und die Anschuldigungen rein sachlich zu bewerten.

Vermutlich sind die meisten Menschen in diesen Glaubensfragen hin- und hergerissen. Meine Gedanken verhalten sich stets gleich – und in der Reihenfolge: "Warum kommt sie damit erst jetzt?", "Luder" (bei Geldforderungen), später "das kann sie unmöglich erfunden haben", "falls wahr, wäre es schrecklich", dann: "Die Beweise vor Gericht werden es klären."

Nur werden es die Beweise wahrscheinlich nicht klären. Wenn Vorfälle viele Jahre zurückliegen, gibt es kaum mehr Spuren oder Zeugen. Und wenn es Zeugen gibt, dann können sie sich – wie die Anklägerin selbst – häufig nicht mehr genau erinnern.
Dass Vergewaltigungsopfer manchmal all die Jahre über schweigen, ist nachvollziehbar. Ich bin kein Fan von Lady Gaga, aber neulich hat sie - selbst Opfer von sexueller Gewalt - in der Late Show mit Stephen Colbert etwas Wichtiges gesagt: "Wenn man Opfer von sexuellem Missbrauch wurde, ändert man sich. Das Hirn ändert sich. Es nimmt das Trauma, stellt es in eine Kiste und sperrt es weg, so dass wir den Schmerz überleben können." Später könne man durch ein Ereignis getriggert werden und die Kiste öffnet sich. Bei Kavanaugh's Anklägerin sei der Auslöser wohl seine Nomination für das höchste Richteramt im Land gewesen, so die Sängerin.

Ohne Beweise steht Aussage gegen Aussage. Jahre später kann diese Patt-Situation 'er sagt, sie sagt' zum Nachteil des Opfers geraten. Dennoch: In unserem Rechtsstaat ist jemand erst dann schuldig, wenn seine Schuld bewiesen und dadurch die Wahrheit bestätigt ist. Sonst könnte jeder alles behaupten und wir bräuchten keine ordentlichen Gerichtsverfahren mehr – und viele Damen würden sehr schnell sehr reich werden (ja, dafür können Sie mich jetzt mit faulen Tomaten bewerfen).

Für viele scheint das Rechtsstaatsprinzip heute keine Gültigkeit mehr zu haben. Einerseits liegt es daran, dass ja meistens fremde Menschen von so einem Vorwurf betroffen sind – wäre der eigene Vater, Ehemann oder Bruder der Vergewaltigung beschuldigt, würde sich so mancher bestimmt wieder im Eiltempo für das "Im Zweifel für den Angeklagten" entscheiden. Andererseits sind es gerade Bewegungen wie #MeToo, die Vorverurteilungen aufgrund reiner Behauptungen befeuern. Wäre es bei Kavanaugh möglich gewesen, seine Karriere aufgrund von unbewiesenen, 36 Jahre alten Vorwürfen zu zerstören, hätte das nicht nur völlig neue Möglichkeiten im Kampf gegen politische Gegner eröffnet, sondern auch im Geschlechterkampf ganz allgemein.

Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs müssen ernst genommen werden. Und da hat die #MeToo-Bewegung vielleicht, trotz ihrer Makel, ein Stück weit dazu beigetragen, dass Opfer von tatsächlichem Missbrauch heute mehr Gehör finden. Christine Blasey Ford oder Kathryn Mayorga auch ohne Fakten zu glauben ist völlig legitim. Es liegt in der Natur der Menschen, dass wir geneigt sind Dinge glauben, die sie uns als sehr wahrscheinlich erscheinen – oder einfach, weil wir sie glauben wollen. Gerade beim Vorwurf der Vergewaltigung sind wir rasch von emotionsgeladener Parteilichkeit ergriffen.

Ich denke aber, dass man die Parteinahme, ähnlich wie den Schmerz, auch in eine Kiste wegsperren kann, zumindest vorübergehend. Es ist möglich, dem Opfer zuzuhören und es ernst zu nehmen und gleichzeitig auf Beweisen zu beharren oder diese abzuwarten, und dem Angeschuldigten eine faire Chance zur Verteidigung zu geben – bevor man sich in Medien oder sozialen Medien in routinierter Manier zum Scharfrichter erhebt. Anteilnahme und Zweifel schliessen sich nicht per se aus. Und dafür muss man im Übrigen für die Beschuldigten nicht einmal besondere Sympathien hegen.

Wenn uns Kavanaugh und Ronaldo etwas lehren, dann das: Wer einen sexuellen Übergriff erlebt hat, sollte sich, wenn immer möglich durchringen und sofort zur Polizei gehen. Egal, wie schwierig es in dem Moment ist, später wird alles noch viel schwieriger.


veröffentlicht bei BaZ, Okt. 2018