Mittwoch, 30. Oktober 2019

Dieter Nuhr und die Massenhysterie (knapp 120'000 Views auf Youtube)

Dieter Nuhr hat es gewagt, in seiner ARD-Comedyshow Sprüche über Greta und das Klima zu machen. How dare you, Dieter! Zu viele Comedians machen Witze, die nicht jedermanns Geschmack treffen. Spotten über Dinge, die wichtig sind. Machen sich über Leute lustig, statt ihnen zu huldigen.
Wir sollten alle geschlossen den Humor boykottieren. Von Tamara Wernli


Greta wird wohl nicht heizen im Winter, hat Kabarettist Dieter Nuhr neulich in seiner Comedy-Show im Ersten gelästert. Er sagte: "Wenn unsere Kinder glauben, dass man die ganze Welt mit etwas Wind und Sonne betreiben kann, sollte man ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen, wo sie dann ihr Handy aufladen können." (Der ist wirklich gut!) In der gleichen Sendung hat er aber auch auf die Dringlichkeit des Umwelt-Themas hingewiesen – und nicht nur Sprüche über Grüne und Linke gemacht, sondern auch gegen Rechte ausgeteilt. Er tut eigentlich GENAU das, was Satire tun sollte: Er nimmt extreme Pole links und rechts unter Beschuss.

Nur gefallen seine Klima-Witze einigen Klima-Bewegten überhaupt nicht. Michael Flammer empört sich bei Twitter: "Wie geschmacklos ist das denn bitte, Herr dieternuhr? Es tut mir fast körperlich weh, dass ich mit meinen Gebühren Ihre Show mitfinanzieren muss. So viel Stimmung, wie Sie gegen #FridaysForFuture machen, ist aus meiner Sicht keine Satire mehr. Das ist reine Meinung." Aus seiner Blase erhielt er viel Zustimmung.

Meinung?! Stimmungsmache?? Naja, dieselben Leute, die #Nuhr wegen seiner Satireshow Stimmungsmache und "Meinung" vorwerfen, regen sich bestimmt auch immer fürchterlich über Comedians wie Jan Böhmermann auf, von wegen Stimmungsmache und Meinung und so. Weil der ist ja auch so überhaupt nicht politisch. Wenigstens ist man hier also konsequent.

Es wurde auch gemahnt, dass Nuhr nicht über "Kinder" spotten sollte, Satire sollte sich ausschliesslich gegen die mächtige Obrigkeit richten. Ist das ein Gesetz, dass sich Satire nur über Mächtige oder Politiker lustig machen darf, wo steht das geschrieben? Dann würden ja etwa 80% aller Themen 'falsch' ausgewählt. Ausserdem ist eine Bewegung wie Fridays for Future oder Greta selbst ja auch mächtig. Sie spricht vor der UNO, sie wird von den Mächtigen und Wichtigen dieser Welt angehört und empfangen, auf Twitter hat sie knapp 3 Millionen Follower, die Medien huldigen ihr. (Klimaaktivisten und Medien sind sowieso nachhaltig ein starkes Team).

Die Klima-Aktivisten, die sich über Nuhr empören, hat wohl gestört, dass er FFF ein bisschen als das entlarvt, was es halt ist. Eine Teenie/Jugend-Bewegung, die den Komfort des westlichen Lebens beansprucht und über die Wirtschaft schimpft, obwohl sie in deren Wohlstand sehr komfortabel aufgewachsen ist. Natürlich sind die jugendlichen Demonstranten nicht das Problem, die Medien jedoch schon, die auf jeden ihrer Piepse eingehen. Dasselbe geschieht auch bei der noch radikaleren Gruppe Extinction Rebellion, deren Aktivisten Gebäude mit Blut bespritzen, Strassen blockieren oder auf Flugzeuge klettern: Das kann man selbstverständlich unterstützen, dann darf man sich aber über Spott oder Nuhr-Satire nicht wundern.
Nuhr selbst bleibt ja immer schön unbeeindruckt. Auf Twitter macht er Werbung für die nächste Show: "Damit alle wissen, wann der Shitstorm anzufangen hat." Und in besagter Show doppelt er dann nach, meint, er habe nicht gewusst, "dass man Greta huldigen muss ohne Einschränkung, er habe vergessen, dass wir hier keine Satire machen sondern einen Gottesdienst."

Satire kann man gut oder schlecht finden, man kann von mir aus auch empört sein, um das geht’s gar nicht mal sooo sehr. Was mehr irritiert, ist die Überreaktion, die gnadenlose Verteufelung der Person. Derselbe Herr Flammer hat unter seinen ersten Tweet noch geschrieben: "Und liebe @ARD_Presse, @DasErste, finden Sie das wenigstens witzig? Sie strahlen solch platte Meinungsmache aus und liefern Stoff für jeden Stammtisch. Nach dem Motto, was wir in Deutschland machen, spielt keine Rolle fürs Klima. Wir streiken auch für Ihre Kinder."
Er findet also, dass die ARD solche Satire am besten nicht ausstrahlen sollte, dass man solchen Comedians keine Bühne, keine Aufmerksamkeit geben sollte. Dass man sie eigentlich canceln sollte. Es gibt sonst keinen anderen Grund, den Sender, also den Arbeit- oder Auftraggeber, gleich mitanzuschreiben. Und genau das geht über die übliche Kritik hinaus. Denn da will man gezielt Druck ausüben. Es würde mir nicht mal im Traum einfallen, jemanden bei Twitter zu kritisieren mit Kopie an seinen Arbeitgeber. Aber hier wird insistiert, in der Hoffnung, dass man sich bei der ARD überlegt, den unsäglichen Nuhr mit seinen Greta-Witzen aus dem Programm zu streichen.

Und wir sind bei der Cancel Culture. 

Der Begriff kommt aus Amerika, es ist ein zeitgenössisches Phänomen, wo man Leute oder Institutionen, die einem nicht zusagen oder deren Ansichten einem nicht gefallen, in den sozialen Medien (aber auch ausserhalb) anprangert, diskreditiert, verteufelt. Es ist dann jeweils eine grosse Gruppe, die sich zusammenschliesst und mit ihrer Wut oder ihrem Hass auf eine Person abzielt. Kritik ginge ja in Ordnung, Kritik ist gut, aber Cancel Culture geht eben viel weiter: Man will diese Leute zum Schweigen bringen, will, dass sie von der Bildfläche verschwinden, keine Aufmerksamkeit mehr erhalten. Wenn ich die Person nicht gut finde, dürfen sie alle anderen auch nicht sehen, oder lesen, oder hören. Man will ihnen so eigentlich ihre Existenzgrundlage vernichten. Beliebte Mittel sind wie erwähnt, die Person beim Arbeitgeber schlechtmachen, dort Druck aufbauen. Und in vielen Fällen funktioniert's.

Bei uns ist es (noch) nicht so weit fortgeschritten wie in Amerika. Es passiert nicht oft, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, weil sie bei einigen unbeliebt sind. Aber es kommt vor. In Deutschland verlor gerade neulich ein Mann seinen Job als Chef der hessischen Filmförderung, weil er mit dem falschen Politiker (Jörg Meuthen, AfD) zu Mittag ass. Kulturschaffenden missfiel das, sie machten Druck auf die Kulturorganisation, drohten, nicht mehr mit der Hessen-Film zusammenarbeiten zu wollen, wenn deren Geschäftsführer weiter im Amt bleibe, wie Jan Fleischhauer in seiner Focus-Kolumne schreibt. Sie sammelten Unterschriften, die die Entlassung von Hans Joachim Mendig forderten. Es gab eine Krisensitzung, dann hat man ihn des Amtes enthoben. Man habe den Imageschaden begrenzen müssen, sagte die Kulturministerin, eine Grüne.
Nebst unliebsamen Meinungen oder "falsche" Lunches gibt’s noch andere Gründe fürs canceln. In den USA sind sie wie gesagt schon viel weiter. Kevin Spacey wurde gecancellt – weil er einen Mann sexuell belästigt haben soll. Als die Anschuldigung publik wurde, schmissen die House of Cards-Macher Spacey per sofort aus der Serie. Seine Agentur beendete die Zusammenarbeit, aus einem Film wurde er kurz vor dem Kinostart herausgeschnitten. Seine künstlerische Basis wurde zerstört – obwohl die Anklage wegen sexueller Belästigung dann diesen Juni fallen gelassen wurde. Man ist sehr schnell, über jemanden zu urteilen – aber sehr langsam, um ein Urteil abzuwarten, oder eine Sache erst mal zu hinterfragen.
Jordan Peterson wollte man canceln, weil er sich gegen eine von der Regierung diktierte Sprache in Bezug auf Gender-Pronomen wehrte. Comedian Kevin Hart wurde wegen eines zehn Jahre alten Tweets zur Absage der Oscar-Moderation gezwungen. Seiner Kollegin Sarah Silverman wurde eine Filmrolle entzogen, weil Fotos auftauchten, auf denen sie einmal für einen Sketch Blackfacing trug. Dem Guardian sagte Silverman, Cancel Culture sei beängstigend. Wenn man einmal das Falsche sage, würde gleich jeder den ersten Stein werfen wollen, so nach dem Motto "Schau wie rechtschaffen ich bin und jetzt drücke ich den ganzen Tag 'Aktualisieren' um zu sehen, wie viele Likes ich in meiner Rechtschaffenheit erhalte."
Comedians sind, so scheints, besonders beliebte Ziele der Online-Aktivisten. Das liegt wohl daran, dass viele sich der political correctness nicht beugen, sie machen Witze über alles Mögliche, das ihnen auffällt, und das schliesst halt auch Minderheitengruppen oder eine Greta nicht aus. Dave Chappelle zum Beispiel nimmt in seinem Netflix-Special "Sticks and Stones" viele unterschiedliche Gruppen aufs Korn – auch solche über die man laut den Moral-Diktatoren keine Witze machen darf.

Und jetzt kommt der Punkt: Jahrelang hat man diese Comedians lustig gefunden, hat sie gefeiert, und jetzt, wo sie Witze machen, die einem nicht gefallen, will man sie gleich zerstören. Eigentlich zeigt das ganz gut, dass diese Leute Humor nicht verstehen. Denn ihre Hysterie entlarvt sie: Wenn sie lachen, Lachen sie nur aus Häme, wenn die Pointe über Dinge oder Leute ist, die sie sowieso nicht mögen oder gar verabscheuen. Sie benützen die Comedians wie eine Art Waffe. Das ist der falsche Humor.
Vor allem hat es nichts mit Humor zu tun, wenn man verlangt, dass nur über bestimmte unliebsame Leute oder verhasste Gruppen gespottet werden darf – weil sich die Witze dann GEGEN diese Leute richten. Satire beobachtet alles gleichermassen, greift gesellschaftliche Trends auf allen Seiten auf – wir können alle mal drunter kommen. Und natürlich gibt’s auch schlechten, geschmacklosen Stil, aber darum geht hier ja gar nicht. Schon mit dem Keim von Missbilligung bricht die Hysterie los.

Humor ist, wenn man auch über sich selbst lachen kann und nicht nur über jene, die man sowieso nicht mag. Und sorry, wer Comedians vorschreiben will, über was sie Witze machen dürfen und über was nicht, der nimmt sich selbst viel zu ernst, er sieht sich als Zentrum vom Universum, er benimmt sich wie ein kleiner Diktator. Und indem sich diese Leute im Internet zusammenschliessen, erhalten sie eine gewisse Macht, und die nützen sie aus – ähnlich wie Diktatoren. Chappelle sagt, sein Job als Komiker sei nie schwieriger gewesen als heute. Das glaub ich ihm.

Warum funktioniert Cancel Culture? Empörung gab's ja schon immer, Leute waren schon immer selbstgerecht, bitchig und nahmen sich viel zu ernst. Warum haben Moral-Aktivisten gerade jetzt damit Erfolg? Ich denke, das Internet hat einen grossen Einfluss, es funktioniert wie ein Brandbeschleuniger. Das hat sich daran geändert. Leute können damit (noch) nicht umgehen. Oft startet die Anschuldigung oder Empörung auf Twitter, wie auch im Fall von Dieter Nuhr. Hier formieren sich die Kampftruppen, man erhält likes und Applaus, und von dort greifen es oft die Medien auf, und die Hysterie entwickelt sich wie eine Lawine. Natürlich tut man mit der Lynchjustiz im Internet genau das, was man ja sonst ständig bei anderen kritisiert: Man drängt einzelne Leute an den gesellschaftlichen Rand. Aber das haben die Moralhüter noch nicht mitbekommen, zu sehr sind sie damit beschäftigt, die einzige Wahrheit für sich zu beanspruchen.

Cancel Culture gibt den Aktivisten eine gewisse Macht, aber nur, wenn man sich canceln lässt.
Aber das ist das Problem: Denn obwohl es viele bestreiten, das Canceln passiert tatsächlich täglich auf irgendeine Art und Weise, Leute sagen in der Öffentlichkeit nicht mehr was sie wirklich denken. Und damit mein ich nicht üble Beschimpfungen oder dergleichen. Das kann heute schon nur ein sachlich angeführtes Argument zu einem kontroversen Thema sein. Wer die heutige Debattenkultur als 'verbalen Terrorismus' bezeichnet, hat nicht ganz Unrecht.

Es fehlt vielleicht auch ein bisschen an Mut, um sich gegen die lauten Moralisten von linker und auch rechter Seite aufzulehnen. Auch Unternehmen knicken ein, weil sie keine schlechte Presse wollen. Heute ist es ja oftmals nicht mehr der Chef, den man kennt, der mit seinem Namen für einen Entscheid hin steht und der Risiken eingeht, sondern es sind anonyme Gremien, ein VR, es ist oft ein Team, der sich die Verantwortung teilt, jeder macht seinen Job für höchstens drei bis vier Jahre. Warum soll der PR-Chef also ein Risiko nehmen, die Firma gegen einen Shitstorm im Netz verteidigen, wo es doch bequemer ist, das Produkt, das für Empörung sorgte, oder die Person,
einfach aus dem Sortiment zu nehmen?

Aber, es gibt auch Hoffnung. Peterson konnte nicht gecancelled werden. Dave Chappelle füllt trotz füllt trotz anhaltender Kritik von beleidigten Leberwürsten riesen Hallen. Vielleicht ist es ja ein Zeichen, dass Leute langsam genug haben von der Hysterie und der moralen Panik. Ich bin optimistisch. Und darum lautet meine Botschaft heute: Hey Leute, lacht mal ein bisschen über euch selbst und nehmt euch nicht immer so ******* ernst.


Oktober 2019 auf Youtube und bei Weltwoche.

Adieu, Sexyness! Adieu, Cheerleader!


Nach den F1-Gridgirls, den Dart-Girls und den Podium-Damen beim Radfahren werden jetzt auch die Cheerleader abgeschafft. Willkommen zur neuen Prüderie. Von Tamara Wernli



Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein sportliches Hobby. In ihre Leidenschaft investieren Sie unzählige Stunden, Energie, Schweiss – Sie gehören damit sogar zu den Besten in Europa, nehmen an Wettkämpfen teil und erfreuen viele Zuschauer mit Ihren Auftritten. Nun aber ortet jemand plötzlich ein Problem. Er entscheidet, dass Ihre Darbietungen "nicht mehr in unsere Zeit" passen und entzieht Ihnen die Show-Plattform. So gerade geschehen bei Cheerleadern in Berlin. Die Hysterie rund um den Sexismus kennt kein Halten mehr – und trifft dabei die Falschen. 

Der Basketballclub Alba Berlin kündigte die Änderung jüngst auf seiner Webseite an: "Wir verabschieden uns nach 25 Jahren von den ALBA Dancers", so Alba-Geschäftsführer Marco Baldi. "Zukünftig werden in den Spielunterbrechungen der ALBA-Heimspiele keine Cheerleader mehr auftreten." Die Tänzerinnen hätten in den letzten 25 Jahren Tolles geleistet. „Wir sind aber zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt." Man wolle stärker fördern, dass Frauen im Basketball als Spielerinnen sichtbar werden. 
Das Ereignis passt so vortrefflich in die heutige Zeit, dass ich es vor über einem Jahr schon in einer Kolumne vorausgesagt hatte: "Nach den Gridgirls werden die Ehrendamen beim Radfahren verbannt. Dann die Nummern-Girls beim Boxen. Dann die Cheerleader." Wäre es nicht einfacher, man würde Glamour und Sexyness grundsätzlich aus der Gesellschaft verbannen? 

Man möchte in dem Club also vermeiden, dass die Tänzerinnen als Sexobjekte wahrgenommen werden – oder so ähnlich. Das ist nobel. Vermutlich sind wir nur Momente davon entfernt, dass der Verantwortliche eine Medaille für "Frauenstärkung" erhält. Nur, Cheerleading ist eben keine Show, wo leichtbekleidete Damen ein bisschen herumtwerken. Sicher, der eine oder andere Zuschauer wird mehr Freude an dem Tanz als am Basketballspiel selbst haben. Cheerleading ist aber vor allem harter Sport und aufwendige Choreographie. Cheerleader sind Athletinnen, trainieren mehrmals pro Woche. 

Warum soll die sportlich geniale Pausen-Unterhaltung also nicht in unsere Zeit passen? Wer bestimmt, was zeitgemäss ist? Sind knapp bekleidete Damen jetzt per se schlecht? Und wo sollen sie ihre Shows künftig vorführen, in ihrem Keller? Vielleicht fällt es ihnen ja nicht auf, aber indem sexistisch-geschulte Frauenversteher wie die Baldis dieser Welt Cheerleader als "attraktive Pausenfüller" bezeichnen, entwerten sie die Frauen gleich selbst – und doppelt. Denn damit deutet man ja gerade an, sie seien Sexobjekte, während man ihnen gleichzeitig ihre Kompetenz als Sportlerinnen aberkennt. Wie die Reaktion der Cheerleader zeigt, sehen sie das ähnlich. Die ALBA-Cheerleader-Chefin Valesca Stix sagt bei Bild.de: „Ein Klub kann sich natürlich umorientieren, was das Rahmen-Programm angeht. Aber die Begründung in unserem Fall ist natürlich komisch. Dass wir so dargestellt werden, ist nicht schön.“ 

Anfang 2018 schaffte die Formel1 die Gridgirls ab, sexy gekleidete Hostessen, die im Motorsport für Promotionsjobs eingesetzt werden. Raten Sie mal, wie die betroffenen Frauen damals reagiert haben. "Danke, endlich, ich habe mich im Job schon immer schlecht gefühlt"? Nicht ganz. Unmissverständlich haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht gerettet werden wollen. Gridgirl Lauren-Jade schrieb bei Twitter: "Die Welt dreht gerade durch! Angeblich verteidigen uns diese Feministen, aber in Wirklichkeit verlieren wir wegen ihnen unsere Jobs! Während den acht Jahren, die ich als Gridgirl gearbeitet habe, habe ich mich kein einziges Mal schlecht gefühlt! Ich tue es, weil ich es gerne tue und weil ich die Wahl habe." Niemand sollte ihr vorschreiben dürfen, was sie arbeite. Auch das berühmte Model und F1-Fahnengirl Kelly Brook meinte: "Sie wollen uns verteidigen, aber das tun sie nicht." Der "Sun" sagte sie: "Feministen bevormunden uns, sie versuchen uns das Recht zu nehmen, eigene Entscheide zu treffen." 

Beim Feminismus geht es ja angeblich um die Würde der Frau, konkret: Wir sollten nicht als auf unsere Körper reduzierte Objekte dargestellt werden (der moderne Kampfbegriff dafür heisst "Objektifizierung"), es geht um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Wenn nun aber Leute über den Kopf von Frauen hinweg bestimmen, welcher Job, Sport oder welches Hobby gut für sie ist (oder für das Publikum), und wie sie ihren Körper einsetzen sollen, stärkt das nicht die Würde der Frau. Wenn wir selbstbestimmt und freiwillig Entscheide treffen, diese Wahl uns aber im Namen von 'Female Empowerment' weggenommen wird, ist es genau das Gegenteil: Man nimmt uns das Recht auf Selbstbestimmung. Das ist Bevormundung und schadet uns letztlich mehr, als dass es uns nützt. Solange die Neo-Prüdisten aber anderen ihren eigenen Moralvorstellungen überstülpen können, kümmert sie das scheinbar wenig.

Angesichts der Tatsache, dass also Athletik gepaart mit Sexyness 2019 nicht mehr zeitgemäss ist, sollte man konsequenterweise auch Eiskunstläuferinnen und Beachvolleyballerinnen verbannen. Die Stärkung der Frau kann nämlich nur erreicht werden, wenn endlich alle attraktiven Sportlerinnen von der Bildfläche verschwunden sind. 

Weltwoche Okt. 2019

Frauenfussball und die ewige Leier vom Pay Gap

Natürlich existiert der Paygap im Fussball. Man kann ihn mit dem Argument der Diskriminierung erklären oder mit der freien Marktwirtschaft. Nur beim ersten gibt’s Applaus. Von Tamara Wernli

Wer als Frau im Profi-Fussball mitmischt, ist bei Löhnen und Preisgeld krass benachteiligt. Denn die Herren erhalten viel mehr davon, ergo herrscht Geschlechterdiskriminierung – so zumindest der immer gleiche Reflex zahlreicher Medienvertreter. Dass dabei ein paar bedeutende Fakten unerwähnt bleiben, wen juckts.

Der News-Moderator von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Arthur Honegger, twitterte neulich: "Einfach nur krass, wie viel weniger ein Fussball-WM-Titel bei Frauen wert ist." Dazu postete er eine Anmoderation von sich selbst mit zwei Bildern der WM-Pokale, jenem der Frauen und jenem der Männern, und verkündete: "Während das Siegerteam bei der Fussball-WM der Männer 38 Millionen Preisgeld bekommt, sind's bei den Frauen nur vier Millionen für einen WM-Titel. Ein besonders krasses Beispiel von Lohnungleichheit."

Die US-Nationalspielerinnen erhalten auch weniger Basislohn als ihre männlichen Kollegen, man liest von 3600 Dollar pro Spiel versus 5000 Dollar. Der Unterschied ist auf den ersten Blick tatsächlich krass, macht wütend. Denn die Frauen stecken dieselbe Energie in den Sport, gehen dieselben Gesundheitsrisiken ein. Ausserdem besteht das Frauenteam im Gegensatz zu den Männern aus schillernden Namen, sie sind die Weltbesten – von den Frauen. Lässt man seine Emotionen aber mal beiseite, wird klar, dass verschiedene Faktoren für den Pay Gap verantwortlich sind.
Wie der Federalist schreibt, spielen die Frauen viel weniger Partien als die Männer. Dann stehen sie während der WM und den Olympischen Spielen zwar im Rampenlicht, also alle vier Jahre, während der restlichen Zeit aber ist es weitestgehend still um sie – während viele Männer in Eliteclubs vor einem riesigen Publikum spielen, ein bis zwei Mal pro Woche, und permanente Aufmerksamkeit erhalten: "Die Männer sind konsistente Cashcows."

Einer der Hauptgründe ist aber der Umsatz: Der Umsatz, den Frauenfussball erwirtschaftet, ist ein Vielfaches kleiner als jener der Männer. Die Diskrepanz wirkt sich direkt auf Lohn und Preisgeld aus: Angebot/Nachfrage – wir kennen es aus der Primarschule. "Der Lohnunterschied ist gerechtfertigt", schreibt Mike Ozanian bei Forbes, gemessen am Umsatz, würden Frauen sogar mehr verdienen. Die Frauenfussball-WM 2015 "erwirtschaftete fast 73 Millionen Dollar, davon erhielten die Spielerinnen 13 Prozent. Die Männer-WM in Südafrika 2010 generierte fast 4 Milliarden, davon gingen 9 Prozent an die Spieler." Zu 2018: "Die Männer-WM in Russland brachte über sechs Milliarden Umsatz ein; die teilnehmenden Teams teilten ungefähr 400 Millionen Dollar, weniger als 7 Prozent des Umsatzes." Laut The Federalist generierte die Frauen-WM 2019 zirca 131 Millionen Dollar, davon wurde an die Teams "ein Preisgeld von 30 Millionen verteilt, mehr als 20 Prozent des gesamten Umsatzes."

Diese krassen Unterschiede existieren auch unter den Sportarten. Die weltbesten Zehnkämpfer verdienen so wenig, dass viele vom Lohn alleine nicht leben können und auf Sponsoren angewiesen sind – auch wenn sie sich genauso abmühen wie Roger Federer. Im Eiskunstlauf verdienen Frauen insgesamt mehr; die Löhne sind zwar gleich hoch, aber sie ziehen lukrativere Sponsoring-Deals an Land. Die beste Eiskunstläuferin verdient aber ein Vielfaches weniger als die beste Tennisspielerin, die beste Basketballspielerin verdient nochmals weniger, denn Dameneiskunstlauf ist populär, Damenbasketball interessiert kaum jemanden.

Kommt hinzu: Frauenteams spielen nicht auf demselben Niveau wie männliche Top-Mannschaften. Die US-Fussball-Weltmeisterinnen verloren bei einem Testspiel 2017 chancenlos gegen die U15 Junioren vom FC Dallas mit 5:2. Auch der schnellste Sprinter ist schneller als die schnellste Sprinterin, der beste Gewichtheber hebt mehr Gewicht als die beste Gewichtheberin. "Für mich sind Männer- und Frauen-Tennis fast zwei total getrennte Sportarten", sagte Serena Williams bei David Letterman 2013. "Wenn ich gegen Andy Murray spielen würde, würde ich 6-0, 6-0 verlieren, in fünf bis sechs Minuten, vielleicht zehn." Männer seien die besseren Athleten.
Für viele macht diese Tatsache das Zugucken ansprechender. Und um Unterhaltung geht's letztlich – egal, ob Mann oder Frau. Wir wollen die besten Sportler in populären Sportartarten sehen. Je mehr Leute also im Stadion oder vor dem Bildschirm sitzen, ein Pay-TV-Abo haben, desto mehr Geld erhalten die Klubs für TV-Übertragung und Bildrechte, das sie an Spieler weitergeben können, und desto mehr steigt der Markenwert der Athleten.

SRF-Moderator Honegger fordert in seinem Tweet nicht gleiche Löhne im Fussball. Indem er aber zusammenhängende Fakten ignoriert, deutet er an, dass die Ungleichheit auf Geschlechterdiskriminierung beruht. Das kann man machen, aber dann präsentiert man halt nur die halbe Wahrheit. Oder, wie böse Zungen sagen würden, man betreibt populistische Stimmungsmache. Im nächsten Tweet könnte man ja noch ein bisschen an der sexistischen Welt insgesamt herummäkeln – weil ja mehr Menschen Männer- als Frauenfussball gucken.
Mich nähme Wunder, wie viele all jener, die sich über den Pay Gap im Fussball beschweren, eine Saisonkarte für Damen-Profi-Klubs besitzen und regelmässig an den Wochenenden an deren Spiele pilgern. Damit wäre den Spielerinnen auf jeden Fall (krass) mehr geholfen als mit dem ständigen Gejohle. Denn eine tolle Leistung zeigen die Ladys allemal.


Weltwoche Sept 2019

Frauen haben weniger Interesse am Ingenieurstudium. Ja, und?


Frauen haben weniger Interesse an technischen Studiengängen. Wenn man die Anforderungen für die Damen senkt, motiviert man sie aber nicht eher. Man stellt sie als dumm dar. Von Tamara Wernli


Um mehr Frauen für das Ingenieur-Studium zu begeistern, macht die University of Technology in Sydney (UTS) den Damen ein Präsent, sie setzt die Einstiegshürden für sie tiefer an. Wie die Zeitung "Sydney Morning Herald" berichtet, werden die ATAR-Punkte für weibliche Interessenten im nächsten Jahr um 10 Punkte nach unten angepasst. Die Direktorin der UTS begründet den Entscheid damit, dass eine bessere Geschlechterdurchmischung schulische Leistungen steigern und zu "besseren Gebäuden und Design" auf der Welt führen würde. Australien ist zwar weit weg. Aber auch bei uns sind Gerechtigkeitsverfechter davon überzeugt, dass Frausein ein Hindernis für Erfolg bedeutet und wir darum eine bevorzugte Behandlung brauchen.

Frauen vermehrt für technische Studiengänge und Berufe zu motivieren, macht Sinn. Die Branche ist vielseitig, die Gehälter sind lukrativ. Und wenn ich an Dinge wie Umkleidekabinen denke, wo die offensichtlich männlichen Konstrukteure das Problem mit absackenden Fleischschichten und Orangenhaut nicht kennen und mit Design- und Beleuchtungskonzepten regelmässige Traumata auslösen, fragt ich mich tatsächlich, ob eine Frau das nicht anders, mitfühlender entwerfen würde. Dass Regale im Supermarkt zu weit oben hängen oder Werkzeug "konsequent auf Männerhände ausgerichtet sind", stört mich hingegen nicht. Für die Bearbeitung von Gegenständen durch einen Hammer gibt’s in meinem Haushalt eine Männerquote. Und diskriminierend fände ich es nur, wenn die Wimperntusche unerreichbar hoch gelagert würde.
Vielleicht konstruieren Frauen gewisse Dinge besser. Vielleicht auch nicht, denn, ob man etwas gut macht, hängt grundsätzlich nicht von dem Teil in der Hose ab.

Für Frauen zwecks Interessenboost die Anforderungen zu senken, ist aber auf mehreren Ebenen falsch. Jene Frauen, die sich ein Ingenieurstudium in den Kopf gesetzt haben, sind in der Regel intellektuell gefestigt, bewältigen schulische Hindernisse ohne Almosen – zumal es ja innerhalb ihrer Kontrolle liegt, sich entsprechend vorzubereiten. Man weiss längst, dass Mädchen oft fleissiger und disziplinierter als Buben sind und bessere Noten haben. An Schweizer Hochschulen ist die Mehrheit weiblich. Wenn sich also weniger Frauen für technische Studiengänge entscheiden, liegt es nicht daran, dass sie den Ansprüchen nicht gewachsen sind. Es ist das (männerlastige) Umfeld und die Themenfelder, die ihnen nicht zusagen. Viele Frauen interessiert es schlicht nicht, wie man Teile zusammenbaut oder Integralrechnungen anstellt.

Indem man die Einstiegshürde für Frauen herunterschraubt, untergräbt man ihren Intellekt. Man erweckt den Anschein, dass Frauen dümmer sind als Männer und es ohne bevorzugte Behandlung nicht schaffen. Ausserdem verleitet es zur falschen Annahme, dass ein Ingenieurstudium ohne grösstmögliche Anstrengung zu bewältigen ist. Böse Frage: Wollen wir jene Frauen, die die üblichen Startanforderungen, rein hypothetisch, bei einer ETH Zürich nicht bewältigen können, später wirklich als Ingenieurinnen für unsere Häuser, Brücken und Flugzeuge haben? Ich finde es geht völlig in Ordnung, wenn ein Ingenieurstudium schwerer zu meistern ist als ein Soziologiestudium, und man fleissiger oder klüger oder beides sein muss. Es muss nicht für jedermann machbar sein. Denn: Arbeitet der Gleichstellungsbeauftragte unsauber, ist das halt dumm gelaufen. Arbeitet der Ingenieur ungenau, tja. Einfachere Bedingungen schaden langfristig auch der gesamten Branche.

Bei solchen Begünstigungen zugunsten einer Gruppe spricht man unter den Befürwortern von "positiver Diskriminierung", auf Englisch "Affirmative Action": Man trifft gezielte, vorteilsgewährende Massnahmen, um der Diskriminierung einer Gruppe entgegenzuwirken. Die Praxis ist umstritten, weil - um einer benachteiligten Gruppe zu helfen - eine andere Gruppe benachteiligt wird. Die renommierte Harvard Universität zum Beispiel wendet "Affirmative Action" an und bevorzugt Afroamerikaner bei der Studienplatzvergabe. Benachteiligt werden dadurch aber alle anderen, insbesondere asiatischstämmige Bewerber, die deswegen eine Klage gegen Harvard eingereicht haben. "Positive Diskriminierung", der Begriff an sich ist schon ein Witz. Diskriminierung mit etwas Positivem zu behaften, ist etwa so wie Gewalt etwas Gutes abgewinnen zu wollen. Und als nächstes gibt's den positiven Rassismus?

Im Fall der australischen Uni hat die "positive Diskriminierung" keine so problematischen Auswirkungen wie bei Harvard. Dennoch würde ich mir als Mann ziemlich veräppelt vorkommen und sähe es als Ungerechtigkeit, wenn ich bei der Platzvergabe mehr leisten müsste als andere; auch als Frau, die schon dort studiert, empfände ich es als Affront.

Statt geschlechts-basierte Begünstigungen einzuführen, wäre es sinnvoller, durch entsprechende Projekte Interesse zu wecken, oder, noch besser, schon in Kindheit und Jugend durch Erziehung und Bildung. Eltern, Schulen und die Spielzeugindustrie sind hier gefordert, das Bild zu vermitteln, dass Technik, Bauen und Algebra Spass machen. Mit dem Senken von Anforderungen tut man niemandem einen Gefallen. Im Gegenteil, am Ende herrschen dann noch Zustände wie in dieser europäischen Hauptstadt, wo man 25 Jahre braucht, um einen Flughafen zu bauen.

Egotrip in der Jogginghose (Jogginghose in Schule ja oder nein?)

Auch wenn wir über viele persönliche Freiheiten verfügen, heisst das noch lange nicht, dass wir sie immer und überall ausleben müssen.


Eine Realschule im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen verbietet seit kurzem Jogginghosen im Unterricht. Dieser "Couch-Potato-Look" gehöre nicht in die Schule, meinte die Schulleiterin, da diese auf das Berufsleben vorbereiten und Werte vermitteln würde. Die Zeitung "WAZ" berichtete. Eine öffentliche Diskussion ist seither in Gange: Gegen liberale Werte sei das Verbot, meinen die einen. "Ich würde eher die Lehrer, die es nicht ertragen, Menschen in gemütlichen Klamotten zu sehen, allesamt in eine Burn-out-Klinik schicken […]", schrieb Margarete Stokowski in ihrer SPON-Kolumne. Es gäbe ja auch viele Berufe, die man problemlos in Jogginghosen ausüben könne. Die anderen finden das bequeme Beinkleid im Unterricht unangemessen, auch, weil es eine Null-Bock-Einstellung fördere.

Da möchte man grundsätzlich erst einmal sagen: Kleidervorschriften sind Quark. Das äussere Erscheinungsbild gehört zur persönlichen Freiheit. Jogginghosen sind ein kulturelles Allgemeingut und wenn sie bei der Jugend im Trend sind, sollte man sich nicht querstellen, zumal Schulen ja auch Umschlagplatz für gesellschaftliche Entwicklungen sind. Als Fürsprecherin von Jogginghosen – ich besitze deren 14 Stück, von stylisch bis trashig, von Camouflage bis Glitzerlook – hier meine Wahrheit: Es gibt kein Kleidungsstück, in dem man sich Zuhause, auf dem Hundespaziergang oder beim Einkaufen wohler fühlt. Zum Argument, dass Jogginghosen in der Schule eine Null-Bock-Einstellung fördern: Auch Jeans oder Hosenanzüge halten uns von dieser Attitüde nicht ab. In Jogginghosen lernt man nicht besser oder schlechter; für gute Leistung braucht es keine kultivierte Kleidung.

Die Welt wäre schön, wenn alles so einfach wäre. Leider muss ich enttäuschen, denn Sache ist die: Kleidung ist nicht nur Funktionalität, sie ist fast immer auch ein Statement. So wie der Farbwechsel beim Chamäleon, der zur Verständigung unter Artgenossen dient, ist auch Kleidung ein Stück weit Kommunikation. Kleidung passiert nicht einfach so.

Das Statement von Jogginghosen? Na ja, es ist halt dieses: Ich mach, worauf ich gerade Bock habe. Jogginghosen stehen für Behaglichkeit, Sofa, Freizeit, Sport, Fläzen, Chillen. Und auch wenn sie manchmal modisch aussehen, Taylor Swift in dem Teil (in Luxusversion) Interviews gibt und Stars ihre eigenen Trainingsanzug-Kollektionen haben, es ändert daran nichts. Jogginghosen sind Ausdruck eines zwanglosen, legeren Lebensgefühls, das das eigene Ego ins Zentrum rückt.

Theoretisch spricht zwar nichts dagegen, der Welt seine momentane Haltung mitzuteilen oder zu demonstrieren, dass man auf Konformität pfeift. Gerade als Teenager kommt das einem grandios vor – in meiner Jugend drückten wir das mit Tattoos aus, heute läuft man eben als Eminem-Verschnitt herum. Da aber Schule ein Ort der Bildung, Ordnung und der Disziplin ist, halte ich es nicht für die schlechteste Idee, wenn man im Klassenzimmer nicht wie ein Penner daherkommt (auch Badelatschen etc. fallen in die Schlabberkategorie). Ordentlich gekleidet zu erscheinen ist auch eine Form von Wertschätzung und Respekt dem Lehrpersonal und Mitschülern gegenüber. Die eigene Behaglichkeit zurückstellen und Rücksicht nehmen auf andere Befindlichkeiten taugt als Vorbereitung auf die Berufsrealität besser als das beharrliche Ausleben seiner persönlichen Freiheiten.

Es gibt genügend Zentgenossen, die tun, worauf sie gerade Lust haben, obwohl sie damit das Befinden ihrer Mitmenschen beeinträchtigen oder sie mit ihrem Verhalten gar einschränken, und viele Jugendliche schliesst das leider mit ein: Nach ausgiebigem feiern Samstagabends im Park ungeniert den Müll liegenlassen (gehen Sie mal an einem Sonntag in gewisse Parks, da bekommen Sie Brechreiz). Im ÖV die Duftnote eines Döners verbreiten. Das komplette Tramabteil mit seinem Telefonat unterhalten. Auf der Strasse Leute mit Musik aus Bluetooth-Boxen zudröhnen. Bei alldem denken sie keine Sekunde lang darüber nach, wie es bei anderen ankommt. Manchmal hat man überhaupt das Gefühl, Gedanken wie "Störe ich mit meinem Verhalten andere?" kommen vielen Leuten gar nicht mehr in den Sinn. Nennen Sie es von mir aus die antiquierte Einstellung einer Ü40-jährigen, aber diese kollektive Selbstbesessenheit nervt.

Rücksicht nehmen scheint heute uncool. Und für dieses Ich-Theater steht die Trainerhose im Schulzimmer: Mimimi. Die YOLO-Mentalität (You Only Live Once) als Synonym für eine Teenager-Kultur, die sich selbst ins Zentrum des Universums WhatsAppt, klickt und Liked, mit freundlicher Unterstützung der Erziehungsberechtigten, die das entweder als Teil der ach so wertvollen persönlichen Entfaltung sehen, oder aber wegschauen.


Junge Menschen wegen ihrer Einstellung zu verteufeln, wäre aber verkehrt, denn Eltern sind die prägende Generation, Kinder kopieren ja oft nur ihr Verhalten. Darum halte ich auch ein Verbot von Jogginghosen an Schulen für falsch. Stattdessen wäre es sinnvoller, wenn Lehrer mit Schülern darüber debattieren und sie in den Entscheid miteinbeziehen. Eltern würde ich empfehlen, dem Nachwuchs einmal die Frage zu stellen, was er oder sie mit der abgeranzten alten Jogginghose denn ausdrücken möchte. Auch würde ich raten, die Jugendlichen auf ihre Rolle in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und darauf, dass nicht immer alles nur um sie selbst rotiert, ergo, dass man mit seiner Kleidung Mitmenschen zu sehr ablenken oder irritieren könnte. Es ist wohl grundsätzlich nicht das Dümmste, wenn Eltern ihren Kids statt des "Benimm dich so wie du Bock hast"-Mantras, ein "Benimm dich nicht wie ein egoistisches, egozentrisches kleines *****loch" mit auf den Weg geben.



Der Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche April 2019

Wie sexistisch kann ein Videospiel sein?

Radikale Frauenschützerinnen inszenieren sich als Videospiel-Kennerinnen. Ihre Mission ist es, Videogames in erotik- und humorfreie Zonen zu verwandeln.


Selbstverständlich können Feministen nichts dafür, dass sie überall Diskriminierung orten. Durch ihre fortwährende Fixierung aufs Opferdasein sind sie schon befangen, wenn sie morgens vor die Tür treten.
Vergangene Woche kam das Videospiel "Mortal Kombat11" auf den Markt. Die Spielentwickler von
Netherrealm Studios unterzogen die Spielserie einigen Änderungen. Weibliche Charaktere – früher sexy Erscheinungen, sie trugen Bikinis und knackige Kostüme, ja, sie zeigten nackte Haut – kommen neu bis zum Hals verhüllt daher und mit hässlichen Gesichtern. "Unser Design wird reifer und respektvoller. Man hat keinen Bikini an, wenn man kämpft. Man zeigt nicht so viel Haut", hat die Firma verkündet und sich dabei dem Druck der politisch Korrekten gebeugt, oder ihn freiwillig übernommen, man weiss es nicht. Auf jeden Fall sind sie nicht die ersten: Andere Spielentwickler hatten auch schon an den weiblichen Charakteren herumgeschraubt, sie weniger attraktiv und sexy designt. Die Community ist nicht amused.

Dass die Darstellungen von Frauen in Videospielen als sexualisierend und stereotyp und Videospiele als frauenfeindlich gelten, ist nichts Neues; 2012 erlangte die feministische Spielkritikerin Anita Sarkeesian mit ihrer Aburteilung weltweit (zweifelhafte) Bekanntheit. Auch das deutsche Webportal Webcare.plus stellte jüngst fest: Gamerinnen sind in vielen Bereichen diskriminiert. Das sei ein Teufelskreis, wird eine Kulturwissenschaftlerin namens Sabine Hahn zitiert. Hahn beanstandet unter anderem, dass Frauen "nur knapp ein Viertel aller Beschäftigten in der Games-Industrie" ausmachen, dass Frauencharaktere "oft sexuell stilisiert werden" (knappe Kleidung, grosse Brüste), meist schlechter ausgestattet sind (Werkzeuge, Waffen) und oft nur Neben- oder Opferrollen haben. Als "dekorative Randerscheinung" bezeichnet eine Spielforscherin die weiblichen Figuren.

Wie es der Zufall so will, bin ich auch Spielforscherin. Ich forsche praktisch jeden Tag, und manchmal auch nachts, zu Zombies, Ego-Shootern, Konstruktions- und Fantasy-Games, seit ich 10 Jahre alt bin. Meine Message an die Kultur- und sogenannten Spieljournalisten: Die einzigen, die uns Frauen in die Opferrolle drängen und uns als dekorative Randerscheinungen sehen, sind sie selbst. Man möchte den "Experten" spontan ein Ticket fürs Theater anbieten, wo sie mit einer Kritik über den neusten "Hamlet" wohl besser aufgehoben sind.

Die Gamer-Community hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Während in den 70iger und 80iger Jahren hauptsächlich Teenager Videogames gespielt haben, sind heute auch ältere Generationen und Frauen begeisterte Zocker. Letztere machen etwa 42% der Gamer aus, wobei hier auch Frauen eingerechnet sind, die auf den Smartphones spielen. Die Game-Industrie hat reagiert mit einer ganzen Palette an "frauenfreundlichen" Spielen – solchen, bei denen man zum Beispiel Bonbons platzen lässt. Statistiken zeigen, Frauen gerne Dinge kombinieren wie bei "Candy Crush", sie spielen vor allem am Smartphone, Männer bevorzugen taktische Shooter- und Action-Spiele, wo kompetitives Verhalten im Vordergrund steht. Unter Hardcore-Gamern, also solchen, die mehr als 20 Stunden pro Woche spielen, ist die grosse Mehrheit männlich. Nach welcher Kundschaft sich Spielentwickler wohl richten, wenn sie Action-Games kreieren?

Sexy Frauen und Helden, das gefällt den Männern, es liegt in ihrer DNA. Es wäre also unternehmerischer Blödsinn, wenn auf Befindlichkeiten von Damen eingegangen würde, die solche Games gar nicht spielen. Und jene, die sie Games spielen, stören sich in der Regel kein bisschen daran, auch wenn es besorgte Frauenversteher so aussehen lassen. In Wahrheit arbeitet sich eine kleine, laute Minderheit daran ab. Ich kämpfe gegen meine Gegner lieber im sexy Kostüm und mit langen nackten Beinen denn als graue Maus oder verhüllt wie in einer Burka.

Feministen behaupten, dass Stereotype und sexualisierende Darstellungen von Frauen in Games schädlich sind, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Videospiele aus Jungs und Männern sexistische oder aggressive Lumpen machen. Wenn sie Figuren im Bikini sehen, gehen sie danach nicht raus und belästigen oder schlagen Frauen. Dass Videogames Frauen diskriminieren oder eine frauenfeindliche Kultur fördern, ist genauso absurd. Wir würden uns wohl kaum freiwillig an einem Ort aufhalten, an dem wir uns ständig schlecht fühlen. Und auch wenn wir da sexuell stilisiert werden, so what? Ein erotischer Avatar ist weder Grund noch Anzeichen für ein geringes Selbstwertgefühl – ist es ja bei den Männern auch nicht, und sie kämpfen oft mit nacktem Oberkörper und Sixpack. Hier kommt lustigerweise keiner auf den Gedanken, dass diese Stereotype schädlich oder sexistisch sein könnten. Apropos Erotik: Es gibt tatsächlich Spiele, die es auf die Spitze treiben und ja, wo Damen denkbar unpraktische Kleider tragen. In früheren Serien von "Dead or Alive" zum Beispiel prügeln sich Frauen mit übernatürlicher Oberweite, ihre Brüste springen so energisch herum, dass sie aus dem Top zu fallen drohen – da wurde wohl eine eigene Physik-Engine nur für den Vorbau entwickelt. Kann man mögen, muss man nicht.

Es arbeiten weniger Frauen als Männer in der Games-Industrie? Tja, vermutlich hat man es ihnen verboten. Frauen sind oft in Neben- oder Opferrollen? Kompletter Unsinn. Es gibt unzählige Games mit Frauen in der Leadrolle, von Lara Croft in "Tomb Raider" bis Jill Valentine in "Resident Evil" oder Yuna in "Final Fantasy X". Die Game-Industrie ist riesig, es ist für jeden etwas dabei. Überhaupt geht es beim Videospiel gar nicht so sehr um das Geschlecht des Avatars – Männer spielen als Frauenfigur und umgekehrt – es geht um die Geschichte, die Atmosphäre, die Bilder und Geräusche müssen ansprechend sein, man will Unterhaltung. Wer mal in Akihabara in Tokio war, der erkennt, wie die Stilisierung von Videogames zustande kommt.
Sollen Frauen nicht sexy sein? Nicht hübsch? Nicht gerettet werden von Männern? Nicht bewundert werden? Nicht Bikini tragen? Nicht Brüste zeigen? Ist die Video-Gender-Polizei dann zufrieden? Wir kennen die Antwort: Nein. Dann finden sie eben neue Opferfelder.

Es ist eigentlich belanglos, wenn eine Kulturwissenschaftlerin oder eine Gender-Aktivistin ein Problem mit einem Videospiel hat. Lästig wird es, wenn Unternehmen auf den Zug der "Social Justice Warriors" aufspringen. Vielleicht sollten sie wieder mehr auf die Neigungen ihrer Kundschaft eingehen, statt sich die Ideologie einiger weniger Berufsdiskriminierten zu Eigen zu machen und sich nach ihren abstrusen Forderungen zu richten. Irgendwann wird der Schuss nach hinten losgehen.

veröffentlicht Weltwoche Mai 2019


Haben Frauen eine Opfermentalität? (zum Schweizer Frauenstreiktag)

Menschen verwechseln oft Beschwerlichkeiten, denen sie im Verlauf ihres Lebens begegnen, mit Diskriminierung. So werden sie ihren Ärger nie überwinden.


Vergangene Woche fand in der Schweiz der nationale Frauenstreiktag statt. Den Frauenstreik gibt es auch in Deutschland, da gingen die Frauen im März auf die Strasse. Die Gründe sind dieselben: Man streikt für Gleichberechtigung. Auch der "Tagesspiegel" hat über den Schweizer Frauenstreik berichtet: "In Sachen Gleichberechtigung hinkt die Schweiz oft hinterher", findet der Autor – ooookay, dazu später.

Solidarität unter Frauen ist zwar etwas Gutes, ich bin dem Streik trotzdem ferngeblieben. Denn, egal ob Deutschland oder Schweiz: Ein Frauenstreik setzt ja gravierende Missstände voraus, solche, die explizit die weibliche Bevölkerung betreffen. Ich sehe in der Schweiz und in Deutschland keine Missstände, die einen solchen Streik rechtfertigen. Im Gegenteil: Wir sind privilegiert, in Ländern zu leben, wo Chancengleichheit herrscht.

Viele Menschen haben es schwer im Leben, nur hängen es die meisten nicht an die grosse Glocke, sondern lösen ihre Probleme selbständig und im Stillen. Bei manchen Frauen aber hat man das Gefühl, dass sie sich permanent im Nachteil fühlen, übergangen, nicht genügend wertgeschätzt, diskriminiert, und dass sie ihre Beschwerlichkeiten und Hürden ständig anprangern und mitteilen müssen – sie leben in einer Opfermentalität. Und dort malen sie ein ziemlich düsteres Bild für die Frau. Frauenfeindlichkeit, wohin man blickt: Frauen werden diskriminiert bei der Arbeit, in der Gesellschaft, in der Politik, zuhause, bei Twitter, Youtube und Wikipedia; im Geschäft hängen die Regale zu hoch für Frauen und im Baumarkt die Arbeitshosen zu weit hinten; jene für Männer sind viel einfacher auffindbar. Alles ganz schlimm.

Ein Beispiel fand man neulich bei der Süddeutschen, wo wieder einmal auf Sexismus hingewiesen wurde. Da war ein Plakat abgebildet, mit dem ein Schweizer Sägewerk mit vier Frauen im Dirndl für "Holz vor der Hütte" wirbt. Die Autorin der "Süddeutschen" sieht in dem Plakat Brüste und Sexismus. Ich sehe darin lachende Frauen im Dirndl, ein Plakat mit Augenzwinkern und einer Prise Ironie und Provokation. Die Models haben freiwillig mitgemacht. Sicher, der Spruch "Wir haben Holz vor der Hütte – greifen Sie zu!" ist doppeldeutig, das kann man plump und dämlich finden, jeder hat einen anderen Humor. Na dann schaut man eben nicht hin. Aber jedes Mal einen medialen Aufreger kreieren, einen Schaden für die Frau ableiten und eine böse Absicht dahinter suggerieren… durchs Leben wandern und immer nur vom Schlimmstmöglichen ausgehen und alles ins Negative drehen: Das muss sehr anstrengend sein.

Mein Tweet dazu zeigt, dass viele Leute genauso denken. Das Interessante daran: Hört man den Feministen zu und liest man die Medien, könnte man meinen, alle Frauen denken so, alle Frauen fühlen sich durch solche Plakate auf ihren Körper reduziert, herabgewürdigt und ganz grundsätzlich von der Welt permanent diskriminiert. Dabei ist es nur ein Teil, ein lauter Teil, aber längst nicht die Mehrheit.

Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson sagt in einem seiner Videos über Opfer-Mentalität: "Wenn ich ein Opfer bin, dann schulden mir alle anderen etwas. Und ich muss keine Verantwortung übernehmen. Hier ist etwas zum Nachdenken, das mich wundernimmt: Es könnte sein, dass der Sinn und die Bedeutung, die dein Leben dir bietet, der Menge an Verantwortung entspricht, die du entscheidest, anzunehmen." In anderen Worten, je mehr Verantwortung man übernimmt und Schwierigkeiten meistert, desto mehr hat das Leben einen Sinn. Keine Ahnung, ob das so ist, aber auf jeden Fall ist es eine realistische Vorstellung.

Die Geschlechter-Debatte krankt heute daran, dass nicht mehr zwischen Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit unterschieden wird. Wer für Chancengleichheit ist, der will gleiche Chancen für alle. Für Verfechter der Gleichheits-Agenda muss das Ergebnis stimmen, sie wollen das gleiche Ergebnis für alle. Wenn also auf dem Planeten 50 Prozent Frauen leben, müssen gefälligst auch 50 Prozent Frauen in der Politik oder in Führungspositionen in Unternehmen vertreten sein, alles andere ist Diskriminierung.
Eine zentrale Beschwerde ist die Lohnungleichheit. Der Gender Pay Gap steht für Demütigung, ja für die vorsätzliche Ausbeutung der weiblichen Spezies. Auch für den Autor vom "Tagesspiegel" soll der Pay Gap in seinem Artikel zum Schweizer Frauenstreik als Beispiel herhalten für fehlende Gleichberechtigung. Er schreibt: "Auch das Bundesamt für Statistik belegt die Ungleichheit: Frauen in der Schweiz verdienen insgesamt im Durchschnitt pro Monat 18,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen." Ja, die Zahl ist korrekt: In der Schweiz verdienen Frauen im Durchschnitt 18,3 Prozent weniger als die Männer (Quelle: Bundesamt für Statistik). Nur ist das der unbereinigte Lohnunterschied. Hier werden alle Schweizer Löhne gesamthaft verglichen, unabhängig von Branche, Arbeitspensum, Position etc. Der unerklärte Lohnunterschied in der Schweizer Privatwirtschaft beträgt 8,1 Prozent, jener im öffentlichen Sektor 5,9 Prozent.

Bei staatlichen Institutionen aber machen fixe Lohntabellen die Diskriminierung eines Geschlechts unmöglich. Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft Economiesuisse schreibt dazu auf seiner Webseite: "Geht man davon aus, dass es keine Diskriminierung im öffentlichen Sektor gibt, schrumpft die unerklärte Differenz im Privatsektor auf zwei Prozent. Die Resultate stützen also vielmehr die ökonomisch plausible These, dass die Unternehmen eben nicht nach dem Geschlecht diskriminieren."  Zwei Prozent? Solche Unterschiede gibt’s auch bei Löhnen unter Männern.

Und das ist etwas, das bei vielen Leuten schlecht ankommt: Zum einen ist das Hausieren mit einer unbereinigten Lohndifferenz zwecks Unterstützung seiner Diskriminierungs-These unseriöser Journalismus. Zum anderen verkaufen gerade Journalisten häufig ihre persönliche Interpretation von Lohndifferenzen als die eine Wahrheit: Es gibt einen Lohnunterschied, also ist es Diskriminierung. Dabei kann man unterschiedlich herleiten, wie Lohndifferenzen entstehen; wieviel Wahrheit in subjektiven Gefühlen steckt, ist entsprechend diskutabel.

Auch das Märchen hält sich hartnäckig, die Gesellschaft verwehre Frauen ihre Chancen, halte sie in ihrer Selbstverwirklichung zurück, halte sie klein: Männer sind die Verhinderer, Frauen die Opfer. Man spricht von "systematischer" Diskriminierung, während in Deutschland die Kanzlerin bekanntlich weiblich ist; in der Schweiz sitzen im Bundesrat drei Damen; in beiden Ländern ist die Mehrheit der Hochschulabsolventen weiblich; Frauen kommen praktisch in jedem Sektor in den Genuss von Förderprogrammen, von Technik und Informatik bis Wirtschaft, Forschung, Wissenschaft und Luftfahrt. Frauen können jedes Fach studieren, jeden Beruf ausüben – wenn wir denn nur wollen. Wir haben die gleichen Rechte wie die Männer.

Es gibt Länder, wo Frauen tatsächlich systematisch benachteiligt werden. Im Iran etwa, wo Frauen per Gesetz einer Kleiderordnung unterworfen sind, oder in Regionen, wo massive Benachteiligung herrscht bei Scheide-, Erb-,  Straf- und Familienrecht. Da wäre diese eskalierende Rhetorik, mit der man hier fehlende Gleichberechtigung anprangert, gewiss angebracht. Bei uns aber, in den westlichen Industrieländern, ist sie fehl am Platz. Es ist gewiss nicht alles perfekt bei uns, aber die Diskriminierung der Frau haben wir zum Glück vor Jahrzehnten überwunden.

Systematische Diskriminierung gibt es bei uns nicht. Was es aber gibt, es gibt naturgegebene geschlechts-spezifische Schwierigkeiten. Und hier ist das Problem: Viele Menschen verwechseln Strapazen und Hürden, denen wir alle, auch Männer, im Leben begegnen, mit Diskriminierung, oder sogar mit Frauenfeindlichkeit. Beschwerlichkeiten bedeuten aber nicht zwingend fehlende Gleichberechtigung, nur weil eine Gruppe damit konfrontiert ist, und eine andere nicht. In der Wirtschaft geht es nun mal um Konkurrenzfähigkeit, Risikobereitschaft, Durchsetzungsvermögen, es zählen Nachfrage, Angebot und Gewinn. Das ist nicht frauenfeindlich, das ist Realität.

In diesem Umfeld ist ein naturgegebener Nachteil für die Frau, dass sie Kinder gebärt. Damit verbunden ist die Kindererziehung, die Frauen oft übernehmen – weil sie es so wollen. Sie fallen im Job häufiger aus, was Männer teilweise zu attraktiveren Arbeitnehmern macht. Durch ihre Absenz gestaltet sich der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt schwieriger, und generell ist es einfacher, eine Karriere ohne Kinder voranzutreiben. Job und Familie unter einen Hut bringen ist nicht einfach. Auch für Männer nicht. Aber daneben gibt es viele Entscheide, die Frauen selbst treffen und die zu ihrem Nachteil geraten können – wer etwa französische Philosophie vor der Renaissance studiert, muss sich später nicht über den höheren Lohn des IT-Spezialisten wundern.

Hinzu kommt der Aspekt mit dem Selbstvertrauen. Viele Frauen verkaufen sich im Job oft unter ihrem Wert, weil sie sich von Selbstzweifeln aufhalten lassen. In einem vielbeachteten Essay in "The Atlantic" von 2014 mit dem Titel "The Confidence Gap" haben zwei US-Journalistinnen über das Selbstvertrauen von Frauen geschrieben. Ihr Fazit: Um im Job erfolgreich zu sein, ist Selbstvertrauen genauso wichtig wie Kompetenz, und der "akute Mangel an Selbstvertrauen" hält Frauen oft zurück, die gläserne Decke zu durchbrechen – oder höhere Löhne zu verlangen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Männer mehr Lohnverhandlungen initiieren als Frauen, und wenn Frauen über Lohn verhandeln, dann fordern sie 30 Prozent weniger Geld als Männer.

Selbstverständlich treffen diese Befunde nicht auf alle Frauen zu, auch gibt es Lebensumstände, wo man nicht einfach sagen kann, verhandle du mal besser, dann klappt's auch mit dem Lohn. Aber es sind realistische Erklärungen, wie Lohndifferenzen oder geschlechtliche Unausgewogenheit bei der Arbeit zustande kommen. Wir Frauen sind vielleicht nicht mit einem exorbitanten Selbstbewusstsein geboren, das heißt aber nicht, dass wir das ein Leben lang nicht ändern können. Ein selbstbewusstes Auftreten kann man sich antrainieren, ein besseres Verhandeln auch. Das Arbeitspflaster wir immer ein hartes sein. Aber statt auf vermeintliche, oder gefühlte Diskriminierung zu fixieren, scheint es mir sinnvoller, den Fokus vermehrt auf Lösungsansätze für frauenspezifische Problemzonen zu legen. Ich wage zu behaupten, dass Frauen, die wissen, was sie wert sind, nicht weniger verdienen als Männer.

Gleichzeitig gäbe es aber trotzdem auch Verbesserungsmöglichkeiten. Zum Beispiel wäre die finanzielle Aufwertung von Pflegeberufen sinnvoll, wo überwiegend Frauen arbeiten, oder der Ausbau von Ganztagesschulen zwecks Entlastung der Mütter. Das Problem der unbezahlten Arbeit zu Hause könnte man lösen, indem man sich mit dem Partner auf einen Kinderbetreuungslohn einigt – Selbstbestimmung beginnt in seinen vier Wänden.

Das Leben ist nicht einfach. Aber hier eine Frage mit Schnappatmungs-Potential: Hätten Männer nicht auch Anlass zur Beschwerde? In der Schweiz etwa gibt es handfeste Nachteile für die Männer. Katharina Fontana hat in der "Weltwoche" die wichtigsten zusammengefasst: 1. Sie sind zum Militärdienst verpflichtet. 2. Bei der Altersvorsorge bezahlen die Frauen 34% der Beiträge und beziehen 55% der Leistungen, die Männer bezahlen 66% und erhalten 45% der Leistungen. "Die Privilegierung beim Rentenalter ist aus Männersicht umso stossender, als die Frauen im Durchschnitt länger leben", so Fontana. Sie sterben im Durchschnitt fünf Jahre früher – was teilweise auch mit ihrem Lebenswandel zu tun hat, aber längst nicht bei allen. 3. Frauen sind bei der Witwenrente deutlich bessergestellt. 4. Männer sind – wie überall auf der Welt – dazu verdonnert, praktisch jeden gefährlichen Job auszuüben.

Aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit (aber auch aus anderen, biologischen Gründen) sind also auch Männer konfrontiert mit naturgegebenen Beschwerlichkeiten. Und dafür, dass sie früher sterben, können die Frauen ja nichts. Es wäre also hanebüchen, wenn Männer bei diesen Punkten von Diskriminierung sprechen würden, aber das tun sie eben nicht. Der Punkt aber ist: Umgekehrt führen viele Ladys genau solche Einflüsse an, wofür Männer und auch sonst niemand etwas können – und nennen es dann fehlende Gleichberechtigung.

Es sind längst nicht alle Frauen, die so denken. Aber insbesondere Feministen, Medien und manche Politiker wollen uns permanent weismachen, dass für Frauen ein flächendeckendes Problem besteht, dass Frauen Unterstützung und Schutz brauchen, als ob wir hilflose, schwache Geschöpfe wären. Viele Frauen aber möchten nicht als Opfer einer vorherrschenden Männerwelt gesehen werden, sie lösen ihre Probleme eigenständig, sie wollen nicht von Feministen gerettet werden.

Es ist einfach sich einzureden, ich bin diskriminiert. So kann man die Verantwortung abgeben, an die Gesellschaft, den Staat. Wenn ich nicht weiterkomme, wenn ich auf Hürden treffe, die ich nicht überwinden kann, für Misserfolge, ist ein immer anderer schuld. Opfermentalität statt Eigenverantwortung wahrnehmen, ist vielleicht kurzfristig und mit dem Echo der Außenwelt der bequemere Weg. Nochmal, es ist nicht alles perfekt – nur kann man naturbestimmte geschlechtliche Nachteile nicht völlig aus dem Weg räumen. Staat und Gesellschaft werden nie alle Probleme eines jeden Individuums lösen können. Wer in der Utopie lebt, wird sich langfristig und Zeit seines Lebens ärgern.

veröffentlicht bei Weltwoche und Tichys Einblick Juni 2019

Montag, 8. April 2019

Wieso schaden Klimaschützer der Umwelt?

Solange nicht alle Länder etwas für die Umwelt tun, sind unsere Bemühungen doch wirkungslos wie eine Windkraftanlage an windstillen Tagen. Nicht ganz.

Von Tamara Wernli

Irgendwie mag ich das Mädchen. Greta Thunberg, eine Art Mutter Theresa des Klimas, wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als Initiatorin der Klimaschutz-Bewegung #FridaysForFuture habe sie etwas Grosses angestossen, das sei ein wichtiger Beitrag zum Frieden.

Mit ihren Ideen begeistert die 16-jährige, die mit dem Zug ans Davoser WEF reiste und 65 Stunden Hin- und Rückfahrt in Kauf nahm, eine ganze Generation – und wenn sich junge Menschen für eine bessere Umwelt einsetzen, ist das etwas Gutes. Persönlich glaube ich an den Klimawandel, und dass er auch von Menschen gemacht ist. Fracking, die Abholzung grosser Teile des Regenwaldes, Tonnen von Müll im Meer und CO2-Ausstoss werden unseren Planeten früher oder später an den Rand des Kollapses befördern. Überbevölkerung auch, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich bin von Natur aus Fleischliebhaberin. Aber so sehr ich mich für die Umwelt erwärme – während dem Verzehr eines saftigen Rindsfilets denke ich keinen Moment an den Regenwald, obgleich dessen Flächen für den Sojaanbau, dem Futter des zarten Rindes zwischen meinen Zähnen, radikal rasiert werden. Welchen Unterschied macht es, wenn ich weniger Fleisch esse? Schauspieler Christoph Waltz sagt im Blick-Interview: „Wenn ein Einzelner eine Batterie recycelt, ist das gar nichts. Aber wenn 6 Milliarden Menschen es tun würden, dann könnte es den Ausschlag für 20 weitere Jahre Überleben geben.“ So ist es. Und daher gönne ich mir höchstens zweimal pro Woche Fleisch, und wenn, dann Bioqualität aus der Schweiz. Ein 500Gramm-Pack importierter Chicken Nuggets für 2.99 Euro halte ich für eine Perversion. Trotz allem, mein ökologischer Fussabdruck ist wohl um ein x-faches grösser als der meiner Grossmutter.

Durchdrungen von ihrer Hingabe an eine bessere Welt erheben sich viele Klimaaktivisten über den Rest der Gesellschaft, beanspruchen Moral und Pflichtgefühl für sich. Mit erhobenem Zeigefinger drängen sie andere Leute und Politiker zum Handeln. Lustig wird es, wenn ausgerechnet die Aushängeschilder der Klimabewegung aber über ihre eigene Öko-Bilanz straucheln. Wie etwa die 22-jährige Deutsche Luisa Neubauer, deren Instagram-Account zahlreiche (mittlerweile gelöschte) Fotos von Reislein an entlegenste Orte der Welt zierten, wie der Autor Don Alphonso entdeckte, was ihr den Hashtag #LangstreckenLuisa einbrockte. Oder die sozialistische US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez mir ihrem „Green New Deal“. Die „New York Post“ enthüllte, dass die 29-jährige für sich und ihr Team 1049 Transaktionen für Uber-Fahrten und Automiete während ihres Wahlkampfes auflistete und fast 30‘000 Dollar ausgab – obwohl ihr Büro eine Minute von der U-Bahn-Station entfernt lag. Hinzu kamen 66 Flug-Transaktionen – bei 18 Zugfahrten.

Die jüngeren Generationen geben sich im Panikmodus aufgrund des weltweiten CO2-Ausstosses, gerade sie aber lassen sich ihren trendigen Lifestyle nicht madig machen, auch nicht durch den Klimafeind Flugzeug – obwohl „ein einziger Urlaubsflug das Klima stärker aufheizen kann als ein Jahr lang Auto fahren und das Haus mit Erdöl heizen zusammen“ (WWF). Laut dem Mikrozensus Mobilität von 2015 fliegt die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in ihrer Freizeit nicht nur am meisten. Sie fliegen auch mehr als doppelt so viel wie die 65-79-jährigen, also jene Gruppe, zu der die Mehrheit der mit den Klimastreiks angesprochenen Politiker zählen dürfte.

Natürlich man kann sich fürs Klima einsetzen und trotzdem Flugzeug und Minivan benützen. Oft geht es einfach nicht ohne Flug, gerade im Beruf. In den USA einen Wahlkampf führen ohne Flüge ist wohl unmöglich, und ein bisschen Leben muss man schliesslich auch noch. Wer sich aber an vorderster Front - mit Betonung auf vorderster Front - „engagiert“ und selber mehr Kohlendioxid in die Luft jagt als so manches Durchschnittsindividuum, der muss sich über Spott nicht wundern. Öko-Star und hohe Rechnungen für Automiete, Klima-Postergirl und Weltumjetterin – das passt so wenig zusammen wie Wurstplatte und Veganerparty, darum empfinden es viele Leute als Heuchelei. Die Birkenstock-Grünen von früher, die wir damals belächelten, haben auf der Höhe ihrer Forderungen gelebt. Der hippe Klimaaktivist von heute ist Weltreisender, besitzt (jedes Jahr) das neuste Smartphone, Tablet, Laptop und einen 80‘000 Franken-Tesla, mit dessen Akkus ein halbes Dorf betrieben werden kann. Und selbst wenn er das Fahrrad nimmt, dann eines mit E-Motorantrieb.

Wie gesagt halte ich das Engagement der Jugend für die Umwelt für eine gute Sache. Ich hätte aber eine Idee: Warum nützen Schulen die aktuelle Klima-Aufmerksamkeit nicht als Chance zur praktischen Umsetzung für die Jugend? Statt dem freitäglichen Schulschwänzen könnte ein halbjähriges Projekt gestartet werden mit dem Ziel der vorbildlichen Nachhaltigkeit, an dem auch Eltern und Schule mitwirken: Mütter bringen ihre Kids statt mit dem SUV mit dem ÖV zur Schule. Mensas tischen kein Fleisch mehr auf. Fahrrad statt E-Bike, Schulreisen per Zug, ein Freizeitflug pro halbes Jahr pro Kopf. Smartphone-Einzug bei jedem, der mehr als zwanzig Mal pro Stunde draufschaut (zwei Google-Suchanfragen setzen so viel CO2 frei wie eine Tasse Tee kochen, hat ein Physiker der Harvard University herausgefunden). Klingt nach viel Verzicht? Es wäre ja auch nur ein zeitlich beschränkter Versuch.

Vielleicht werden Greta und die jungen Aktivisten ja eines Tages mit Forschung und Aufklärung zur Lösung der Umweltfragen beitragen. Dann wäre der Schwedin der Friedensnobelpreis von Herzen zu gönnen.

Weltwoche März 2019

Doppelnamen: Der gemeinste Witz überhaupt

Der Karneval taugt für Humorlose etwa so gut wie eine Fahrt durch den Bobkanal ohne Untersatz.

Von Tamara Wernli

Kennen sie den Witz: "Wo sehen Frauen am besten aus? Auf alten Fotos." Oder diesen: "Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte 15 Minuten und mach den Kofferraum wieder auf. Wer freut sich?" Der Brüller. Ich liebe Witze, Comedy, Karnevalsshows, Schnitzelbänke an der Fasnacht (wie sie in der Schweiz heissen), und Frauenwitze finde ich besonders lustig. Manche haben die Veranlagung, bei mir vor lauter Lachen Ganzkörpertourette auszulösen. Gerade jetzt zur Karnevalsszeit erhitzen sich die Gemüter aufgrund politischer Unkorrektheit ja wieder gerne: Wie die Gratiszeitung 20 Minuten berichtet, hat sich in der Schweiz schon eine anonyme Gruppe über Fasnächtler beschwert, die über LGBTQ-Anhänger ulkten.

In Deutschland sind die Witz-Beleidigten einen Schritt weiter. Statt inkognito-Kritik gibt's dort Face-to-Face-Beschwerde an Ort und Stelle. Neulich machte der Komiker Bernd Stelter in einer Karnevalsshow einen mässig lustigen Witz über Doppelnamen. Doppelnamen!! Der Witz hatte Auswirkungen auf das mässig stabile Nervenkostüm einer Dame im Publikum. Sie echauffierte sich derart, dass sie auf die Bühne sprang und Stelter anfuhr: „Männernamen sind immer toll - und Frauennamen sind immer scheisse. Und Doppelnamen sind Doppelscheisse.“ Die Frau musste daraufhin den Saal verlassen; seither findet in Medien und sozialen Medien eine angestrengte Debatte über Doppelnamen und Humor und Politische Korrektheit am Karneval statt. Persönlich bin ich ja für Dreifach-Namen; der Dritte ist der, mit dem man sich identifiziert.

Die Empörung der Zuschauerin über die Ungerechtigkeit stiess auf grosse Zustimmung bei den üblichen Verbündeten aus dem kultivierten Milieu der Humorlosen. Man griff jetzt Stelter für seinen Witz an, wetterte gleich noch über den schlechten Humor beim Karneval ganz allgemein. Melanie Amann, Leiterin Hauptstadtbüro von SPIEGEL, twitterte: "Karneval hin oder her: Als Tochter einer Frau mit Doppelnamen habe ich die Häme satt, die über meine Mutter und Frauen wie Annegret Kramp-Karrenbauer ausgegossen wird - oft von Männern, die nie ihre Namen für die Ehe aufgegeben hätten. Hut ab vor dem Mut dieser Frau."

Einer, der immer wieder für seine derben Witze angegriffen wird, ist der britische Comedian Ricky Gervais. Er schreibt bei Twitter: "Nur weil jemand beleidigt ist, heisst das nicht, dass er im Recht ist." Und: "Die Frage, ob man über ein Thema keine Witze machen darf, ist nicht weniger lächerlich als jene, ob man über ein Thema nicht sprechen darf." Beleidigung sehe er als Kollateralschaden von Redefreiheit. "Ich hasse den Gedanken, dass die Meinung einer Person abgeändert oder sogar zum Schweigen gebracht wird, weil jemand sie irgendwo vielleicht nicht hören will. Ausserhalb von Gesetz brechen oder jemandem physischen Schaden zufügen, ist 'Gefühle verletzen' fast unmöglich objektiv zu messen." Wenn niemand je verletzt werden sollte, dürfte man gar keine Witze mehr machen.

Ich sehe es genauso. Ein Witz ist per se zugespitzt, ja, vielleicht auch zugespitzte Realität, die einige halt nicht hören wollen. Eine Regulierung von Comedy oder Karneval zugunsten von politischer Korrektheit würde in totaler Willkür ausarten. Denn der eine prangert einen Witz an, weil er in seinen Gefühlen verletzt ist. Der nächste findet ihn rassistisch oder sexistisch. Dem anderen passt er aus ideologischen oder politischen Gründen nicht, die nächste hatte einmal ein negatives Erlebnis dazu, ein weiterer findet den Komiker schlecht. Und sowieso: Leute, die sich jetzt beschweren, lachen bei Witzen, die nicht sie selbst betreffen, ansonsten ja ganz gerne mit.

Dass man Leute feiert, die ihre Beleidigung wegen eines Witzes gekränkt sind, ist – auch im Zeitalter von Empörungskultur – eine neue Dimension. Hätte eine Zuschauerin bei einer Karnevalshow im Jahr 2000 wegen eines unliebsamen Witzes die Bühne gestürmt, wäre sich die Restwelt einig gewesen: "Was ist denn mit der los, spinnt die? Ist ja nur ein Witz." Im Jahr 2019 vereinnahmt die emotionsgeladene Empfindlichkeit bei vielen den Verstand, wenn sie rufen: "Schlechter Witz! Schlechter Comedian! Mutige Frau! Applaus!" Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich lachen oder weinen soll. Aus der Pro-Witz-Gruppe meinte immerhin der deutsche Comedian Shahak Shapira bei Twitter: "Du bist kein Held, wenn du eine Comedyshow besuchst und dann entscheidest, von einem Witz beleidigt zu sein, der nichts mit dir zu tun hat. Beleidigt sein ist keine Heldentat und wir sollten aufhören, beleidigte Leute zu feiern, als wären sie mutig oder selbstlos."

Gruppe eins macht es einem wirklich nicht leicht, sie nicht als die selbstmitleidigen Zeitgenossen zu sehen, die sie nun mal sind, und die in übertriebener Selbstverliebtheit alles auf sich beziehen. Witze über Doppelnamen sollten jetzt als Beispiel für Alltagssexismus dienen? Warum? Weil Frauen heute keine andere Wahl haben, als den Namen des Mannes anzunehmen? Weil uns #MeToo gelehrt hat, dass, wenn wir unter etwas so Schrecklichem wie einem Gag leiden, es dann auch tatsächlich schrecklich ist, egal, wie es gemeint war? Gemäss der Logik wäre dann übrigens auch jener ein Sexist, der mich nach meinem Alter fragt. Mir egal, wie es gemeint ist. Was zählt ist, wie es bei mir ankommt.

Der Doppelname-Skandal wurde von den Medien einige Tage verlängert, indem sie wie etwa Focus Online eine Umfrage starteten: "Muss sich Bernd Stelter für seinen Doppelnamen-Witz entschuldigen?" Dass 86 Prozent mit "nein" antworteten, liegt wahrscheinlich daran, dass nur frauenhassende Drecksäcke abgestimmt haben.
Persönlich beantworte ich die Frage mit "ja". Ja, Comedians sollten sich bei Menschen entschuldigen, die sich durch ihre Witze gekränkt fühlen. Sie sollten die Witze im Vorfeld mit Feministen- und Randgruppenverbänden besprechen. Das Ministerium für Wahrheit in den Kreativprozess miteinbeziehen. Den Zuschauern während der Show einen Sorgenbeauftragten zur Seite stellen. Und gratis Kleenex an alle verteilen.
Viel Spass Ihnen allen!


Weltwoche, März 2019

Feministische Pornos – stööööhn! (Achtung: sexuell verstörender Inhalt)

Trigger Warnung: Diese Kolumne enthält pornografischen und irritierenden Inhalt. Es könnte Sie eventuell sexuell verstören.

Von Tamara Wernli


Neulich feierte ein Porno-Startup in Freiburg Premiere mit seinem ersten feministischen Pornofilm, "Retour". Feministische Pornos? Was soll das sein? Feministinnen mit umgeschnalltem Dildo, die lüsterne Typen penetrieren? Videos, in denen sich alte weisse Männer, geknebelt und gefesselt, Frauen in diskriminierenden Sexualpraktiken unterwerfen – so nach dem Motto: Die Rache der Weiber an dem Patriarchat?

Nicht ganz. Feministische Pornos sollen "fair" produziert werden und eine Vielfalt an Geschlechtern, Körperformen und ethnischer Herkunft zeigen. Zudem sollen die Akteure keine Szenen ohne Einverständnis spielen und Frauen nicht in einem herabwürdigenden Akt oder als Objekt dargestellt werden. So zumindest deklarieren es die studentischen Porno-Macher von "Feuer.zeug", die den Film "Retour" produziert haben, auf ihrer Webseite feuerzeugfilms.de. Und: "Am Set haben wir eine*n Sorgenbeauftrage*n, die sicherstellen, dass Darsteller*innen sich wohlfühlen."

Ich bewundere junge Leute, die aus Überzeugung etwas auf die Beine stellen. Ein Projekt, das den respektvollen Umgang mit Menschen in einer zweifellos harten Branche fördert, macht Sinn. Statt spermaschluckende geile Luder zu zeigen, fokussiert man hier also auf Dialoge, eine "wahre Geschichte" und die Persönlichkeit der Darsteller. Das ist wunderbar. Ich frage mich nur: Welche Fantasie soll damit angeturnt werden? Ist Masturbieren unterhaltender, wenn statt der durch doggystyle beglückten vollbusigen Darstellerin eine Dame mit Orangenhaut Obszönitäten in Missionarsstellung vollführt? Und seit wann können Menschen nicht mehr zwischen Drehbuch und Realität unterscheiden? Bei Pornos "herabwürdigende" Szenen anzuprangern, ist etwa so, wie Horrorfilmen die Verwendung von Blut vorzuwerfen – weil jemand denken könnte, die Schauspieler seien tatsächlich verletzt. Und möglicherweise ist ja das Filmen von sexuellen Interaktionen für Menschen, die eine*n Sorgenbeauftragte*n für den Wohlfühlfaktor brauchen, nicht der geeignete Zeitvertreib.

Das "faire" Produzieren von Pornos ist nichts Neues. In den USA gibt es dafür den Begriff "Ethical porn", ethische Pornos. Diese gehen mit ihren Regeln zwar nicht so weit wie feministische Pornos, aber auf die Rechte der Darsteller wird wert gelegt; Bezahlung, Konditionen und alle Szenen müssen in gegenseitiger Zustimmung stattfinden.
Im Interview mit Cosmopolitan erklären prominente Pornodarstellerinnen- und Produzentinnen, dass man, indem man für Videos bezahlt, ethisches Produzieren sicherstellen und unterstützen könne. Solange eine Szene einvernehmlich sei, können sich ethische Grundsätze auch ändern, meint Pornostar Chanel Preston. Sie fragt: "Finden sie es ethisch, eine Person gegen ihren Willen zu entführen? Wahrscheinlich nicht. Aber viele finden während dem Sex die Vorstellung erregend, gekidnappt zu werden, und ich würde das nicht als unethisch sehen." Wenn eine junge Frau mit Zahnspange als sexy Stieftochter dargestellt wird, solle man nicht denken: "Das Mädchen wurde dazu gezwungen." Auch würden Pornodarsteller immer gemäss den Grenzen eines Drehbuchs spielen, so die Expertin. Sie spielen die Szenen also freiwillig. Pornoregisseur- und Darsteller Seymore Butts sagt im Lifestylemagazin Menshealth.com: "Die Mehrheit der Frauen tut es zuallererst fürs Geld, gefolgt von Bewunderung, Freiheit, dann wegen dem Sex."

Tatsachlich liegen "frauenfreundliche" Pornos bei den Konsumenten im Trend. Laut einer Statistik der Pornowebsite Pornhub von 2017 lag bei ihren Suchanfragen der Begriff "Lesbian" (Videos ohne männliche Darsteller) auf Platz 1, auf Platz 2 "Hentai" (japanische Anime-Pornos), noch vor "Milf" (Mom I'd Like To F**ck; Pornos mit reiferen Damen – nicht zu verwechseln mit "Gilf", ja, auch das gibt's: 'G' für Granny). Gleich danach kommen "Stepmom" und "Stepsister" – ich weiss, das gibt Anlass zu Irritation, aber Sie wurden eingangs gewarnt.

Interessant sind die Suchanfragen allein bei den Damen. Sie scheinen mehr durch frauenverachtende Inhalte angesprochen als die Männer. Die drei meistgesuchten Begriffe bei Pornhub zeigen zwar frauenfreundlichen Stoff, die nächsten Ränge aber bringen das adrette Damenbild ein bisschen zum Wackeln: "Gangbang", "Hardcore", "rauer Sex" und "Bondage" sind populäre Stimuli mit sehr herabwürdigenden Szenen. In ihrer Fantasie mögen es viele Frauen hart und aggressiv – vermutlich liegt es daran, dass sie von Dingen gefesselt sind, die sie sich selbst nicht auszuprobieren trauen. Und grundsätzlich: Ginge es ihnen um die wertvolle Filmstory, würden sie wohl Arte schauen.

Die Jungunternehmer von Feuer.zeug stellen viele Verfehlungen in der Branche fest, etwas Bedeutendes erwähnen sie aber nicht: Den Pay Gap. Bei den Pornos sind Frauen nämlich viel besser bezahlt als Männer. Laut dem Newssender CNBC erhält eine durchschnittliche Darstellerin in den USA zwischen 800 und 1000 US-Dollar pro Szene oder Tag, ein Darsteller 500-600 US-Dollar. Ungleiche Bezahlung für gleiche Leistung – wo bleibt der Aufschrei? Es braucht ihn nicht, als Hauptattraktion steht der Frau die höhere Gage zu, so simpel. Dass die Männer aufgrund der Anforderung, stets auf Kommando "performen" zu müssen, ungleich grössere Probleme als die Damen am Set zu verantworten haben und trotzdem weniger verdienen, ist dann eben Künstlerpech.


Weltwoche, Februar 2019

Wie rassistisch kann ein Smoothie sein?

Jüngst hat Adidas den falschen Turnschuh verkauft. Der Schuhhersteller hatte zu Ehren des Black History Month einen speziellen Schuh kreiert. Weil das Teil weiss war, hatten ihn einige als Beleidigung empfunden und bei Twitter zum Aufstand gerufen. Adidas hat sich entschuldigt und die kränkenden Treter entfernt.

Die US-Warenhauskette Bloomingdale's hat das falsche T-Shirt verkauft, eines mit dem Aufdruck "Fake News". Eine Reporterin hat sich daran gestört und bei Twitter geschrieben. "Es entlegitimiert hart arbeitende Journalisten, die echte News liefern." Bloomingsdale's hat sich entschuldigt und das demütigende Stück Stoff entfernt.
Gucci hat den falschen Rolli verkauft. Einen schwarzen Rolli mit einem Schlitz für den Mund im Kragen und roten Lippen – ein maximal bescheuerter Look. Einige hatten den Rolli als rassistisch empfunden, weil es Blackfacing darstelle. Gucci hat sich entschuldigt und die Schande entfernt.

Ein Radiosender im US-Bundesstaat Ohio hatte zu Weihnachten den falschen Song gespielt, den Weihnachtsklassiker "Baby its cold outside". Eine Coverversion des 1950iger-Hits von Michael Bublé hat über 37 Millionen Views bei Youtube. 37 Millionen Menschen sehen in dem Lied einen Mann, der mit einer Frau kuscheln möchte. Ein paar Hörer sahen darin einen "Date Rape"-Song, also ein Lied, das Vergewaltigung bei einem Date fördert. Das Lied sende eine schlechte Botschaft an die #MeToo-Bewegung" aus, beklagten sie. Der Sender entfernte das Ärgernis von seiner Playlist.

Vergangene Woche hat es ein deutsches Unternehmen geschafft, gleich die ganze Palette an intersektionaler Empörung abzubekommen, der Smoothie-Hersteller True Fruits: Rassistisch! Sexistisch! Frauenfeindlich! Diskriminierend! Fördert "Rape Culture"! Nüchtern betrachtet muss man annehmen, dass in dem Saftladen ein sexistisches und rassistisches Männerpack arbeitet.

Als eines der ersten Medien ist das Onlineportal Vice auf die Empörung im Netz aufgesprungen, die bei einigen Zeitgenossen ähnlich gross war, wie wenn das Unternehmen Raketen für Nordkorea produzieren und diese mit dem Abbild einer nackten Frau und deren Köpfe mit weissen Zipfelmützen versehen würde. Das Digitalmagazin titelte: "Die Instagram-Werbung von True Fruits steht für alles, was man auf Social Media falsch machen kann. Rassismus, Rape-Jokes, Beschimpfung der Kunden: eine Fruchtsaft-Mischung zum Kotzen." (True Fruits führt die Kotzfrucht übrigens nicht im Angebot).

Die Smoothie-Firma wurde 2006 von drei Freunden aus Bonn gegründet, sie stellt die meisten Produkte vegan her, benützt keine Stabilisatoren oder Farbstoffe. True Fruits ist unter den Fruchtsäften etwa das, was Tesla unter den Automobilen ist: Eine progressive und kreative Marke – dafür wurde sie schon mit dem deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. Lustige, doppeldeutige und provokative Slogans versorgen ihre Werbekampagnen mit Originalität, damit lösen die Macher aber auch immer wieder Kontroversen aus. So haben sie Säften mit Chiasamen den Slogan "Bei Samenstau gut schütteln" verpasst oder "Oralverzehr – schneller kommst Du nicht zum Samengenuss" (Vorwurf: Sexismus). Zu einem Nusssaft schrieben sie meinen persönlichen Favoriten: "Voulez-vous cashew avec moi?". Mit "Abgefüllt und mitgenommen" bewarben sie einen Flaschen-Trinkaufsatz (Vorwurf: fördert Rape Culture). Der Slogan zu einer schwarzen Flasche hiess "Unser Quotenschwarzer" (Vorwurf: Rassismus).

Die Reaktion von True Fuits auf das Beschwerden-Potpurri war verblüffend. Keine Entschuldigung, keine Selbstgeisselung mit der Peitsche, ausser der schwarzen Flasche wurde kein Produkt entfernt – und dieses auch nur weil ihnen "die ständigen Fehlinterpretationen auf die Nerven gehen". Stattdessen schrieb man bei Facebook, dass man das Lamento einiger Zwangsempörter gewöhnt sei und sich bei allen entschuldige, "die davon ebenfalls zu Recht gelangweilt sind". Die Motive seien ohne Sinn und Verstand rauskopiert worden und man betreibe übertriebene Polemik. Aber ja, sie seien in einem Punkt diskriminierend und zwar "gegenüber dummen Menschen, denn die schließt unsere Art der Kommunikation eindeutig aus." Den Entrüsteten entgegneten sie mit einem „Fuck you!“. Intelligenz oder Humor liesse sich eben schwer versenden.

Jetzt waren die Empörten noch ein bisschen empörter. Während Vice von einer "Beschimpfung der Kunden" polterte, fragt das Kommunikationsmagazin Werben & Verkaufen, ob True Fruits mit der Reaktion auf die Kritik übers Ziel hinausgeschossen sei. Die grosse Mehrheit der Abstimmenden findet: Nein. Die Instagram-Abos der Saftproduzenten stiegen in kurzer Zeit mit 4000 auf 124'000, ihre Reaktion wurde über 19'000 Mal geliked. Persönlich interpretiere ich das so, dass gewisse Medien die Thematik zu einem Skandal hochstilisieren, der keiner ist, und dass die meisten Menschen nicht zu den Hypersensiblen zählen und keine Dauer-Empörung mit sich herumschleppen.

Aus meiner Sicht hat True Fruits mit seiner Reaktion auf die Kritik nicht den richtigen Ton getroffen. Aber während heute viele Unternehmen unter dem Druck der Empörungsaktivisten einknicken, zeigen die deutschen Unternehmer Rückgrat, stehen zu ihrem Stil und ihrem Humor – das macht Hoffnung. Es gibt viele Dinge, über die sich Menschen ärgern, die ihnen nicht behagen. Und ja, man kann überall etwas Negatives hineininterpretieren, wenn man es darauf anlegt und das scheinen diese Leute zu tun. True Fruits fragt: "Was für ein kranker Dummkopf man sein muss, um in einem Slogan eine Befürwortung von Vergewaltigungen zu lesen?"

Ich sehe es genauso. Es scheint, als ob sie danach suchen, sich schlecht zu fühlen. Ob etwas tatsächlich rassistisch oder sexistisch motiviert ist, spielt keine Rolle. Indem sie aber die Aufmerksamkeit permanent auf Rasse, Hautfarbe und Geschlecht lenken, trennen sie Menschen mehr, als dass sie sie vereinen – sie machen also genau das, was sie anderen immer vorwerfen.

Die Slogans von True Fruits sind provokativ. Vielleicht empfinden einige sie als unsensitiv, als beleidigend. Heisst das, dass sie zwingend falsch sind? Nein. Jeder hat eine andere Schmerzschwelle, was für den einen verletzend ist, ist es für den anderen nicht. Soll die Gesellschaft als Ganzes die Toleranzgrenze für Sprüche, Humor oder Ideen wegen den Sensibleren unter uns nach unten versetzen? Soll sie ihre Sprache anpassen? Selbstverständlich nicht. Die Hyperempörung stammt ja auch nur von einigen wenigen, sie aber zeichnen sich durch schrilles und durchdringendes Herauskrähen aus. Twitter-Entrüstung ist für sie zum Teamsport geworden. Diese Leute kommen einem manchmal vor wie kleine Tyrannen, die allen anderen ihre moralischen Massstäbe aufdrängen wollen. Wer wegen eines Slogans auf einem Fruchtsaft, der Farbe eines Turnschuhs, dem Aufdruck eines Shirts, oder eines 70 Jahre alten Weihnachtssongs in einen emotionalen Ausnahmezustand gerät, sollte sich vielleicht Gedanken über seine eigene Verklemmtheit machen – oder über seinen Humor.

True Fruits verleiht übrigens seinen eigenen Preis; der „Eier aus Stahl“-Award geht an Individuen oder Unternehmen, die "ihr eigenes Ding durchziehen und sich nicht zum Gefallen ihrer Zielgruppe verbiegen lassen". Man wünscht sich, es gäbe mehr solche Unternehmen mit Eiern aus Stahl. Und für die anderen: Wer sich an einem Produkt stört, verletzt oder beleidigt fühlt, der soll es einfach nicht kaufen. Es ist wirklich nicht so schwer. Aber besser fürs Gemüt.

Weltwoche, Februar 2019

Männlich = schlecht (Gillette Spot)


Gillette appelliert an die Männer, sie sollten sich besser benehmen. Wissenschaftler kommen zum Schluss, die traditionelle Männlichkeit sei schädlich. In gewissen Situationen ist sie aber gestattet. So nach dem Motto: Männlichkeit an- und abknipsen, je nach Bedarf. 



Von Tamara Wernli


Auf Männer einzudreschen, ist derzeit en vogue. Im postfeministischen Zeitalter werden sie für ziemlich alles Schlechte verantwortlich gemacht. Sie sind schuld an den Harvey Weinsteins dieser Welt, an verpassten Chancen, unbefriedigenden Jobs, unerfüllten Träumen. In den sozialen Medien wurde das Hashtag "Menaretrash" (Männer sind Abfall) verbreitet, das ihr verhasstes Dasein zusammenfassen sollte. 
Während dem Schreiben dieser Zeilen hat der Rasierer-Hersteller Gillette ein Video veröffentlicht, so quasi einen Appell an die Männer, sie sollten sich besser benehmen. Der Spot suggeriert, dass Männlichkeit etwas Negatives ist. Menschen aufrütteln und für Toleranz und gegen Gewalt einzustehen ist wichtig. Aber man hätte ja auch eine positive Botschaft zeichnen und Bilder von tapferen Männern, die sich für andere einsetzen und Zivilcourage beweisen, zeigen können – Gillette zieht es vor, die ganze Gruppe der Männer mit negativen Stereotypen zu verbinden. Die Männlichkeit liegt da wie eine verbeulte Tomate, die in der Küche zulange keine Verwendung gefunden hat. 

Als wäre das alles nicht genug, gibt’s jetzt quasi den offiziellen "männlich = schlecht"-Gütesiegel der Wissenschaft. Die "American Psychological Association" APA, die grösste US-Organisation für psychische Gesundheit, lies vergangene Woche verlauten: "Traditionelle Männlichkeit ist psychologisch schädlich." Zu den traditionell männlichen Eigenschaften zählen laut der APA Stoizismus, Selbstaufopferung und Kompetitivität. Diese würden unter anderem die "psychologische Entwicklung von Männern limitieren", negatives Verhalten und Gewalt fördern, was in einem "Geschlechterrollen-Konflikt" resultieren könne. Die APA hat darum Richtlinien für Psychologen erstellt, die bei der Behandlung von männlichen Wesen helfen sollen. 

Die Gemüter sind erhitzt. Der kanadische Psychologie-Professor Jordan Peterson schreibt bei Twitter, er sei "entsetzt", dass die APA im Namen der Psychologen spricht. "Es gibt keine Entschuldigung für das, was sie da geschrieben haben." Die US-amerikanische Philosophin und Autorin Christina Hoff Sommers kritisiert beim Sender Fox: "Es ist eine politisierte Doktrin." Die APA würde Männlichkeit als Pathologie behandeln, die Heilung benötigt. "Das ist so, als müsse der durchschnittliche Mann umstrukturiert oder re-sozialisiert werden – und zwar gemäss den Bedingungen eines Gender Studies-Lehrbuchs aus den Siebzigern." Es sei gefährlich, wenn Politik so sehr in die Wissenschaft eindringt. 

Die Richtlinien lesen sich tatsächlich wie ein Feministen-Manifest. Der Report pflegt einen verschwenderischen Umgang mit Schlagwörtern wie "Privilegien", "dominant", "geschlechtsspezifische Vorurteile", "Unterdrückung" – allein das Wort "Gender" kommt in dem 36-seitigen Dokument 298 Mal vor, "Geschlechterrolle" 63 Mal. 
In Richtline Nr.1 wird behauptet, dass Männlichkeit konstruiert sei "basierend auf sozialen, kulturellen und kontextuellen Normen." Weiter gäbe es heute nicht mehr die binäre Kategorie männlich/weiblich, sondern: "Wenn wir die komplexe Rolle von Männlichkeit verstehen wollen […] ist es entscheidend anzuerkennen, dass das soziale Geschlecht ein non-binäres Konstrukt ist." Teilabsolution gibt’s von Ryon McDermott, Psychologe und Mitentwickler der APA-Richtlinien. Er räumt immerhin ein, dass es wichtig sei, "in gewissen Situationen" pro-soziale Aspekte wie Stoizismus und Selbstaufopferung zu ermutigen. Und: “Wenn wir Männer ändern können, können wir die Welt ändern." 

Männer sollten also ummodelliert, neu designt werden. Der Bericht legt den Schluss nahe, dass traditionell männliche Eigenschaften unterdrückt werden sollten – zumindest in Bereichen, wo Mut, Tapferkeit, Selbstaufopferung und Konkurrenzfähigkeit nicht gefragt sind. Dort, wo sie nützlich ist, darf traditionelle Männlichkeit bleiben. Wie generös. Und wie soll das Abschwächen vonstattengehen? Sollte vielleicht bei Buben, deren angeborene Eigenschaften ausgeprägter sind, Ritalin bereits in den Schoppen gefüllt werden? Man fragt sich, welchen Einflüssen oder Mächten Leute ausgesetzt sind, die sich solche Thesen ausdenken. Wie war ihre Kindheit? Vermutlich zählten die Verfasser früher zu jenen Kids, die im Turnen immer zuletzt ins Team gewählt wurden. 

Mit "gewissen Situationen", in denen Ermutigung männlicher Aspekte erlaubt ist, dürften vor allem die ungemütlichen, riskanten und gesundheitsschädigenden Jobs gemeint sein: Feuerwehr, Abfallentsorgung, Gruben- und Holzarbeit, Kanalreinigung, Kriegseinsätze – alles Bereiche im Übrigen, bei denen die Frauenvertretung überschaubar ist. In Zahlen: Bei den 20 gefährlichsten Jobs in den USA sind bis auf zwei Bereiche Männer mit 85 bis 99.9 Prozent vertreten. Das geht aus einem Artikel des Wirtschaftsmagazins "Forbes" mit dem Titel "Das ist ihr Gender Pay Gap – fatale Verletzungen am Arbeitsplatz" von 2016 hervor, der sich auf das Statistische Amt für Arbeit und einer Erhebung von 2015 stützt. Couragierte Männer ringen sich bei diesen Arbeiten durch, vielleicht, weil sie als Ernährer gebraucht werden. Vielleicht, weil sie einen Sinn im Leben suchen, als Retter und Beschützer gesehen werden wollen.

Ausgerechnet "kompetitiv" als psychologisch schädlich anzuführen, ist ziemlich verwegen. In unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft werden maskuline Grundeigenschaften gewiss weniger benötigt. Nur ist unser Wohlstand erst entstanden, weil sich unsere Vorfahren mit eben dieser traditionellen Männlichkeit im Konkurrenzkampf durchgesetzt und Wohlstand und "Wohlstandsberufe" wie zum Beispiel jene der Verfasser erkämpft haben. Apropos Kämpfen: Ich kenne keine einzige Frau, die sich in einer dunklen Gasse den verständnisvollen, non-binären Stubentiger an ihrer Seite wünscht.

Natürlich ist ein zu hoher Grad an gewissen Eigenschaften wie Aggressivität oder Dominanz sozial nicht verträglich – aber hat das nichts mit traditioneller Männlichkeit zu tun, sondern mit dem Charakter des Individuums. Jeder Charakterzug, der ins Extreme abdriftet, stellt ein gesellschaftliches Zusammenleben auf die Probe. Ob männlich oder weiblich spielt keine Rolle. Das Verhalten einzelner Individuen zu verallgemeinern und typisch männliche Merkmale zu verteufeln, ist der falsche Ansatz zum Lösen von Gewalt-, Mobbing- oder Sexismus-Problemen. Indem sie andeuten, dass traditionelle Männlichkeit irgendwann zu Gewalt führte, vermengen die Wissenschaftler gelassene Männer mit Drecksäcken, dominante Kerle mit Unterdrückern und kompetitive Typen mit Gewalttätern. 

Alles Männliche ersticken zu wollen, ist aber auch vom humoristischen Aspekt her problematisch: Wohin dann mit den ganzen Chuck-Norris-Witzen?

Weltwoche, Januar 2019

Was wollen Männer von den Frauen?

Machen wir uns nichts vor, Männer sind weniger anspruchsvoll mit den Wünschen an die Partnerin als umgekehrt. Aber komplex wird es auch hier.

Von Tamara Wernli

Nachdem wir vergangene Woche die Ansprüche der Frau ergründet haben, drängt sich heute die Frage auf: Was wollen die Männer? Es gibt ja dieses Bonmot: Der Mann hofft, dass die Frau so bleibt, wie er sie kennengelernt hat. Die Frau wünscht sich, dass er so wird, wie sie ihn sich vorstellt. Es umschreibt die Geschlechter-Unterschiede bezüglich der Anforderungen ganz gut: Der Mann lebt tendentiell nach dem Motto "Leben und leben lassen".

Ich habe die Frage Männern im Alter von 24-64 Jahren in der Community meines Youtube-Kanals gestellt. Die Antworten variieren, aber gewisse Muster lassen sich erkennen: In den Kommentaren wurden am häufigsten Klassiker genannt wie Ehrlichkeit, Humor und Selbstbewusstsein, auch Intelligenz – wobei hier eine Diskrepanz zu wissenschaftlichen Studien auffällt. Gemäss einer Untersuchung im Wallstreet Journal steht bei Männern Intelligenz nicht zuoberst auf der Liste. Sie wünschen sich die Damen sogar etwas dümmer: Man hat herausgefunden, dass Männer nicht gerne mit Frauen zusammen sind, die intelligenter sind als sie selbst. Auch mit Frauen, die mehr verdienen, werden sie nicht restlos glücklich. Bringt die Gattin mehr Kohle nach Hause, sei "eheliche Befriedigung" geringer und eine Scheidung eher wahrscheinlich. Das schreibt die Washington Post und beruft sich dabei auf Studien von Ökonomen der University of Chicago.

Laut meiner kleinen Umfrage ist Akzeptanz eine weitere hochgeschätzte Eigenschaft. Gewisse Frauen haben ein Faible fürs Herumnörgeln und auch in der Erzieherrolle, die sie ungeniert auf erwachsene Familienmitglieder ausdehnen, fühlen sie sich wohl. Das Problem ist, Männer wollen keine neue Mutter und sie würden gerne so sein dürfen, wie man sie einst vorgefunden hat. Auch gibt es diese kritische Zone, in der man als Frau vernünftigerweise auf Einwände verzichtet, dazu zählen seine Hobbies.

Männer wünschen sich von der Frau, dass sie klar sagt, was sie will – und was nicht. Die Kommunikation der Geschlechter unterscheidet sich grundlegend. Männer kennen zum Beispiel das Wort "nein", bei Frauen ist man sich nicht zweifelsfrei sicher. Das Wort kommt ihnen nur schwer über die Lippen, dafür schaffen sie es mit Leichtigkeit, an seiner Stelle elf Sätze zu produzieren zur Begründung, warum sie etwas nicht wollen. Das erklärt auch, warum Frauen pro Tag etwa 350 Wörter mehr benützen. "Bringst du mir ein Sandwich mit?", fragt der Mann im Büro. Frauen brauen dieselbe Anfrage so zusammen: "Hast du ein schönes Wochenende verbracht? Wenn du einkaufen gehst, wäre es vielleicht möglich, dass du mir ein Sandwich mitbringst? Aber wirklich nur, wenn es keine Umstände macht. Soo wichtig ist es nicht." Aufs Jahr gerechnet macht das ein Plus von 127'750 Worten und offenbart, dass direkte Kommunikation nicht die Hauptstärke der Damen ist.

Männer haben ein Bedürfnis nach Anerkennung. Sie mögen es, wenn man ihre guten Qualitäten würdigt, ihnen ab und zu dankt für ihre Arbeit. Gerade in Zeiten, wo Frauen vieles selbst Zustande kriegen, es die Männer nicht einmal mehr fürs Kinder zeugen braucht und Evolutionsbiologen von einem Abschlaffen des Y-Chromosoms sprechen, kann man ihnen eine gewisse Verunsicherung nicht verübeln. Auch hier zeigt sich aber eine Diskrepanz: Einerseits gefällt dem Mann die Bestätigung seiner Liebsten, wenn sie zu ihm hochsieht und als Revanche für seine Mühen die Hemden bügelt oder sein Lieblingsessen kocht – andererseits findet er den Typ Frau unattraktiv, der diese Rolle perfektioniert: Das beschürzte Hausmütterchen. Die unabhängige, selbstbewusste Partnerin ist ihm lieber, die, wenn es sein muss, auch ohne ihn klarkommt. Wir haben die verworrene Situation: Männer wollen zwar nicht, dass sich Frauen wieder hinter den Herd stellen und finanziell keinen Beitrag leisten, sie saugen aber die Qualitäten der fürsorgenden Hausfrau dankbar auf.

Dazu passend halten Männer klassisch feminine Züge für sehr wertvoll: Männer sind empfänglich für Empathie und schmelzen dahin bei liebevoller Behandlung. Diese Wirkung können Frauen ganz einfach erzielen, indem sie den Duft von selbstgebackenem Kuchen ins Haus zaubern – oder Interesse vortäuschen, wenn er von dem strunzdummen Hobby erzählt. Zur Weiblichkeit gehört für die Herren auch die Pflege des Erscheinungsbildes. Wissenschaftler erklären ihre Fixierung auf den Körper mit dem Urinstinkt: Weibliche Formen sind ein Zeichen von Fruchtbarkeit. Sie haben herausgefunden, dass die meisten Männer die klassische Sanduhr-Figur bevorzugen – und ob eine Dame der gewünschten Bauart entspricht, wird in den ersten 200 Millisekunden einer Begegnung bewertet. Bei Männern, die nach einer Beziehung Ausschau halten, dominiert zur Beurteilung das Gesicht.

Interessant an meiner Umfrage ist, dass die sexuellen Begabungen kaum zur Sprache kamen. Männer sind offensichtlich nicht so sex-fixiert, wie gemeinhin angenommen. Laut der Wissenschaftswebseite Psychologytoday.com bestehe zwar eine starke Verbindung zwischen der Zufriedenheit eines Mannes in einer Beziehung und der Häufigkeit physischer Intimität – aber nicht wegen dem Sex: Die Chancen, dass ein Mann glücklich ist, verdreifache sich durch regelmässiges Küssen und Kuscheln. Wenn ich mich nicht täusche, trifft das ja die Präferenzen der Damen wunderbar. So verschieden sind wir eben doch nicht.


Weltwoche, Februar 2019