Montag, 8. April 2019

Wieso schaden Klimaschützer der Umwelt?

Solange nicht alle Länder etwas für die Umwelt tun, sind unsere Bemühungen doch wirkungslos wie eine Windkraftanlage an windstillen Tagen. Nicht ganz.

Von Tamara Wernli

Irgendwie mag ich das Mädchen. Greta Thunberg, eine Art Mutter Theresa des Klimas, wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als Initiatorin der Klimaschutz-Bewegung #FridaysForFuture habe sie etwas Grosses angestossen, das sei ein wichtiger Beitrag zum Frieden.

Mit ihren Ideen begeistert die 16-jährige, die mit dem Zug ans Davoser WEF reiste und 65 Stunden Hin- und Rückfahrt in Kauf nahm, eine ganze Generation – und wenn sich junge Menschen für eine bessere Umwelt einsetzen, ist das etwas Gutes. Persönlich glaube ich an den Klimawandel, und dass er auch von Menschen gemacht ist. Fracking, die Abholzung grosser Teile des Regenwaldes, Tonnen von Müll im Meer und CO2-Ausstoss werden unseren Planeten früher oder später an den Rand des Kollapses befördern. Überbevölkerung auch, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich bin von Natur aus Fleischliebhaberin. Aber so sehr ich mich für die Umwelt erwärme – während dem Verzehr eines saftigen Rindsfilets denke ich keinen Moment an den Regenwald, obgleich dessen Flächen für den Sojaanbau, dem Futter des zarten Rindes zwischen meinen Zähnen, radikal rasiert werden. Welchen Unterschied macht es, wenn ich weniger Fleisch esse? Schauspieler Christoph Waltz sagt im Blick-Interview: „Wenn ein Einzelner eine Batterie recycelt, ist das gar nichts. Aber wenn 6 Milliarden Menschen es tun würden, dann könnte es den Ausschlag für 20 weitere Jahre Überleben geben.“ So ist es. Und daher gönne ich mir höchstens zweimal pro Woche Fleisch, und wenn, dann Bioqualität aus der Schweiz. Ein 500Gramm-Pack importierter Chicken Nuggets für 2.99 Euro halte ich für eine Perversion. Trotz allem, mein ökologischer Fussabdruck ist wohl um ein x-faches grösser als der meiner Grossmutter.

Durchdrungen von ihrer Hingabe an eine bessere Welt erheben sich viele Klimaaktivisten über den Rest der Gesellschaft, beanspruchen Moral und Pflichtgefühl für sich. Mit erhobenem Zeigefinger drängen sie andere Leute und Politiker zum Handeln. Lustig wird es, wenn ausgerechnet die Aushängeschilder der Klimabewegung aber über ihre eigene Öko-Bilanz straucheln. Wie etwa die 22-jährige Deutsche Luisa Neubauer, deren Instagram-Account zahlreiche (mittlerweile gelöschte) Fotos von Reislein an entlegenste Orte der Welt zierten, wie der Autor Don Alphonso entdeckte, was ihr den Hashtag #LangstreckenLuisa einbrockte. Oder die sozialistische US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez mir ihrem „Green New Deal“. Die „New York Post“ enthüllte, dass die 29-jährige für sich und ihr Team 1049 Transaktionen für Uber-Fahrten und Automiete während ihres Wahlkampfes auflistete und fast 30‘000 Dollar ausgab – obwohl ihr Büro eine Minute von der U-Bahn-Station entfernt lag. Hinzu kamen 66 Flug-Transaktionen – bei 18 Zugfahrten.

Die jüngeren Generationen geben sich im Panikmodus aufgrund des weltweiten CO2-Ausstosses, gerade sie aber lassen sich ihren trendigen Lifestyle nicht madig machen, auch nicht durch den Klimafeind Flugzeug – obwohl „ein einziger Urlaubsflug das Klima stärker aufheizen kann als ein Jahr lang Auto fahren und das Haus mit Erdöl heizen zusammen“ (WWF). Laut dem Mikrozensus Mobilität von 2015 fliegt die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in ihrer Freizeit nicht nur am meisten. Sie fliegen auch mehr als doppelt so viel wie die 65-79-jährigen, also jene Gruppe, zu der die Mehrheit der mit den Klimastreiks angesprochenen Politiker zählen dürfte.

Natürlich man kann sich fürs Klima einsetzen und trotzdem Flugzeug und Minivan benützen. Oft geht es einfach nicht ohne Flug, gerade im Beruf. In den USA einen Wahlkampf führen ohne Flüge ist wohl unmöglich, und ein bisschen Leben muss man schliesslich auch noch. Wer sich aber an vorderster Front - mit Betonung auf vorderster Front - „engagiert“ und selber mehr Kohlendioxid in die Luft jagt als so manches Durchschnittsindividuum, der muss sich über Spott nicht wundern. Öko-Star und hohe Rechnungen für Automiete, Klima-Postergirl und Weltumjetterin – das passt so wenig zusammen wie Wurstplatte und Veganerparty, darum empfinden es viele Leute als Heuchelei. Die Birkenstock-Grünen von früher, die wir damals belächelten, haben auf der Höhe ihrer Forderungen gelebt. Der hippe Klimaaktivist von heute ist Weltreisender, besitzt (jedes Jahr) das neuste Smartphone, Tablet, Laptop und einen 80‘000 Franken-Tesla, mit dessen Akkus ein halbes Dorf betrieben werden kann. Und selbst wenn er das Fahrrad nimmt, dann eines mit E-Motorantrieb.

Wie gesagt halte ich das Engagement der Jugend für die Umwelt für eine gute Sache. Ich hätte aber eine Idee: Warum nützen Schulen die aktuelle Klima-Aufmerksamkeit nicht als Chance zur praktischen Umsetzung für die Jugend? Statt dem freitäglichen Schulschwänzen könnte ein halbjähriges Projekt gestartet werden mit dem Ziel der vorbildlichen Nachhaltigkeit, an dem auch Eltern und Schule mitwirken: Mütter bringen ihre Kids statt mit dem SUV mit dem ÖV zur Schule. Mensas tischen kein Fleisch mehr auf. Fahrrad statt E-Bike, Schulreisen per Zug, ein Freizeitflug pro halbes Jahr pro Kopf. Smartphone-Einzug bei jedem, der mehr als zwanzig Mal pro Stunde draufschaut (zwei Google-Suchanfragen setzen so viel CO2 frei wie eine Tasse Tee kochen, hat ein Physiker der Harvard University herausgefunden). Klingt nach viel Verzicht? Es wäre ja auch nur ein zeitlich beschränkter Versuch.

Vielleicht werden Greta und die jungen Aktivisten ja eines Tages mit Forschung und Aufklärung zur Lösung der Umweltfragen beitragen. Dann wäre der Schwedin der Friedensnobelpreis von Herzen zu gönnen.

Weltwoche März 2019

Doppelnamen: Der gemeinste Witz überhaupt

Der Karneval taugt für Humorlose etwa so gut wie eine Fahrt durch den Bobkanal ohne Untersatz.

Von Tamara Wernli

Kennen sie den Witz: "Wo sehen Frauen am besten aus? Auf alten Fotos." Oder diesen: "Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte 15 Minuten und mach den Kofferraum wieder auf. Wer freut sich?" Der Brüller. Ich liebe Witze, Comedy, Karnevalsshows, Schnitzelbänke an der Fasnacht (wie sie in der Schweiz heissen), und Frauenwitze finde ich besonders lustig. Manche haben die Veranlagung, bei mir vor lauter Lachen Ganzkörpertourette auszulösen. Gerade jetzt zur Karnevalsszeit erhitzen sich die Gemüter aufgrund politischer Unkorrektheit ja wieder gerne: Wie die Gratiszeitung 20 Minuten berichtet, hat sich in der Schweiz schon eine anonyme Gruppe über Fasnächtler beschwert, die über LGBTQ-Anhänger ulkten.

In Deutschland sind die Witz-Beleidigten einen Schritt weiter. Statt inkognito-Kritik gibt's dort Face-to-Face-Beschwerde an Ort und Stelle. Neulich machte der Komiker Bernd Stelter in einer Karnevalsshow einen mässig lustigen Witz über Doppelnamen. Doppelnamen!! Der Witz hatte Auswirkungen auf das mässig stabile Nervenkostüm einer Dame im Publikum. Sie echauffierte sich derart, dass sie auf die Bühne sprang und Stelter anfuhr: „Männernamen sind immer toll - und Frauennamen sind immer scheisse. Und Doppelnamen sind Doppelscheisse.“ Die Frau musste daraufhin den Saal verlassen; seither findet in Medien und sozialen Medien eine angestrengte Debatte über Doppelnamen und Humor und Politische Korrektheit am Karneval statt. Persönlich bin ich ja für Dreifach-Namen; der Dritte ist der, mit dem man sich identifiziert.

Die Empörung der Zuschauerin über die Ungerechtigkeit stiess auf grosse Zustimmung bei den üblichen Verbündeten aus dem kultivierten Milieu der Humorlosen. Man griff jetzt Stelter für seinen Witz an, wetterte gleich noch über den schlechten Humor beim Karneval ganz allgemein. Melanie Amann, Leiterin Hauptstadtbüro von SPIEGEL, twitterte: "Karneval hin oder her: Als Tochter einer Frau mit Doppelnamen habe ich die Häme satt, die über meine Mutter und Frauen wie Annegret Kramp-Karrenbauer ausgegossen wird - oft von Männern, die nie ihre Namen für die Ehe aufgegeben hätten. Hut ab vor dem Mut dieser Frau."

Einer, der immer wieder für seine derben Witze angegriffen wird, ist der britische Comedian Ricky Gervais. Er schreibt bei Twitter: "Nur weil jemand beleidigt ist, heisst das nicht, dass er im Recht ist." Und: "Die Frage, ob man über ein Thema keine Witze machen darf, ist nicht weniger lächerlich als jene, ob man über ein Thema nicht sprechen darf." Beleidigung sehe er als Kollateralschaden von Redefreiheit. "Ich hasse den Gedanken, dass die Meinung einer Person abgeändert oder sogar zum Schweigen gebracht wird, weil jemand sie irgendwo vielleicht nicht hören will. Ausserhalb von Gesetz brechen oder jemandem physischen Schaden zufügen, ist 'Gefühle verletzen' fast unmöglich objektiv zu messen." Wenn niemand je verletzt werden sollte, dürfte man gar keine Witze mehr machen.

Ich sehe es genauso. Ein Witz ist per se zugespitzt, ja, vielleicht auch zugespitzte Realität, die einige halt nicht hören wollen. Eine Regulierung von Comedy oder Karneval zugunsten von politischer Korrektheit würde in totaler Willkür ausarten. Denn der eine prangert einen Witz an, weil er in seinen Gefühlen verletzt ist. Der nächste findet ihn rassistisch oder sexistisch. Dem anderen passt er aus ideologischen oder politischen Gründen nicht, die nächste hatte einmal ein negatives Erlebnis dazu, ein weiterer findet den Komiker schlecht. Und sowieso: Leute, die sich jetzt beschweren, lachen bei Witzen, die nicht sie selbst betreffen, ansonsten ja ganz gerne mit.

Dass man Leute feiert, die ihre Beleidigung wegen eines Witzes gekränkt sind, ist – auch im Zeitalter von Empörungskultur – eine neue Dimension. Hätte eine Zuschauerin bei einer Karnevalshow im Jahr 2000 wegen eines unliebsamen Witzes die Bühne gestürmt, wäre sich die Restwelt einig gewesen: "Was ist denn mit der los, spinnt die? Ist ja nur ein Witz." Im Jahr 2019 vereinnahmt die emotionsgeladene Empfindlichkeit bei vielen den Verstand, wenn sie rufen: "Schlechter Witz! Schlechter Comedian! Mutige Frau! Applaus!" Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich lachen oder weinen soll. Aus der Pro-Witz-Gruppe meinte immerhin der deutsche Comedian Shahak Shapira bei Twitter: "Du bist kein Held, wenn du eine Comedyshow besuchst und dann entscheidest, von einem Witz beleidigt zu sein, der nichts mit dir zu tun hat. Beleidigt sein ist keine Heldentat und wir sollten aufhören, beleidigte Leute zu feiern, als wären sie mutig oder selbstlos."

Gruppe eins macht es einem wirklich nicht leicht, sie nicht als die selbstmitleidigen Zeitgenossen zu sehen, die sie nun mal sind, und die in übertriebener Selbstverliebtheit alles auf sich beziehen. Witze über Doppelnamen sollten jetzt als Beispiel für Alltagssexismus dienen? Warum? Weil Frauen heute keine andere Wahl haben, als den Namen des Mannes anzunehmen? Weil uns #MeToo gelehrt hat, dass, wenn wir unter etwas so Schrecklichem wie einem Gag leiden, es dann auch tatsächlich schrecklich ist, egal, wie es gemeint war? Gemäss der Logik wäre dann übrigens auch jener ein Sexist, der mich nach meinem Alter fragt. Mir egal, wie es gemeint ist. Was zählt ist, wie es bei mir ankommt.

Der Doppelname-Skandal wurde von den Medien einige Tage verlängert, indem sie wie etwa Focus Online eine Umfrage starteten: "Muss sich Bernd Stelter für seinen Doppelnamen-Witz entschuldigen?" Dass 86 Prozent mit "nein" antworteten, liegt wahrscheinlich daran, dass nur frauenhassende Drecksäcke abgestimmt haben.
Persönlich beantworte ich die Frage mit "ja". Ja, Comedians sollten sich bei Menschen entschuldigen, die sich durch ihre Witze gekränkt fühlen. Sie sollten die Witze im Vorfeld mit Feministen- und Randgruppenverbänden besprechen. Das Ministerium für Wahrheit in den Kreativprozess miteinbeziehen. Den Zuschauern während der Show einen Sorgenbeauftragten zur Seite stellen. Und gratis Kleenex an alle verteilen.
Viel Spass Ihnen allen!


Weltwoche, März 2019

Feministische Pornos – stööööhn! (Achtung: sexuell verstörender Inhalt)

Trigger Warnung: Diese Kolumne enthält pornografischen und irritierenden Inhalt. Es könnte Sie eventuell sexuell verstören.

Von Tamara Wernli


Neulich feierte ein Porno-Startup in Freiburg Premiere mit seinem ersten feministischen Pornofilm, "Retour". Feministische Pornos? Was soll das sein? Feministinnen mit umgeschnalltem Dildo, die lüsterne Typen penetrieren? Videos, in denen sich alte weisse Männer, geknebelt und gefesselt, Frauen in diskriminierenden Sexualpraktiken unterwerfen – so nach dem Motto: Die Rache der Weiber an dem Patriarchat?

Nicht ganz. Feministische Pornos sollen "fair" produziert werden und eine Vielfalt an Geschlechtern, Körperformen und ethnischer Herkunft zeigen. Zudem sollen die Akteure keine Szenen ohne Einverständnis spielen und Frauen nicht in einem herabwürdigenden Akt oder als Objekt dargestellt werden. So zumindest deklarieren es die studentischen Porno-Macher von "Feuer.zeug", die den Film "Retour" produziert haben, auf ihrer Webseite feuerzeugfilms.de. Und: "Am Set haben wir eine*n Sorgenbeauftrage*n, die sicherstellen, dass Darsteller*innen sich wohlfühlen."

Ich bewundere junge Leute, die aus Überzeugung etwas auf die Beine stellen. Ein Projekt, das den respektvollen Umgang mit Menschen in einer zweifellos harten Branche fördert, macht Sinn. Statt spermaschluckende geile Luder zu zeigen, fokussiert man hier also auf Dialoge, eine "wahre Geschichte" und die Persönlichkeit der Darsteller. Das ist wunderbar. Ich frage mich nur: Welche Fantasie soll damit angeturnt werden? Ist Masturbieren unterhaltender, wenn statt der durch doggystyle beglückten vollbusigen Darstellerin eine Dame mit Orangenhaut Obszönitäten in Missionarsstellung vollführt? Und seit wann können Menschen nicht mehr zwischen Drehbuch und Realität unterscheiden? Bei Pornos "herabwürdigende" Szenen anzuprangern, ist etwa so, wie Horrorfilmen die Verwendung von Blut vorzuwerfen – weil jemand denken könnte, die Schauspieler seien tatsächlich verletzt. Und möglicherweise ist ja das Filmen von sexuellen Interaktionen für Menschen, die eine*n Sorgenbeauftragte*n für den Wohlfühlfaktor brauchen, nicht der geeignete Zeitvertreib.

Das "faire" Produzieren von Pornos ist nichts Neues. In den USA gibt es dafür den Begriff "Ethical porn", ethische Pornos. Diese gehen mit ihren Regeln zwar nicht so weit wie feministische Pornos, aber auf die Rechte der Darsteller wird wert gelegt; Bezahlung, Konditionen und alle Szenen müssen in gegenseitiger Zustimmung stattfinden.
Im Interview mit Cosmopolitan erklären prominente Pornodarstellerinnen- und Produzentinnen, dass man, indem man für Videos bezahlt, ethisches Produzieren sicherstellen und unterstützen könne. Solange eine Szene einvernehmlich sei, können sich ethische Grundsätze auch ändern, meint Pornostar Chanel Preston. Sie fragt: "Finden sie es ethisch, eine Person gegen ihren Willen zu entführen? Wahrscheinlich nicht. Aber viele finden während dem Sex die Vorstellung erregend, gekidnappt zu werden, und ich würde das nicht als unethisch sehen." Wenn eine junge Frau mit Zahnspange als sexy Stieftochter dargestellt wird, solle man nicht denken: "Das Mädchen wurde dazu gezwungen." Auch würden Pornodarsteller immer gemäss den Grenzen eines Drehbuchs spielen, so die Expertin. Sie spielen die Szenen also freiwillig. Pornoregisseur- und Darsteller Seymore Butts sagt im Lifestylemagazin Menshealth.com: "Die Mehrheit der Frauen tut es zuallererst fürs Geld, gefolgt von Bewunderung, Freiheit, dann wegen dem Sex."

Tatsachlich liegen "frauenfreundliche" Pornos bei den Konsumenten im Trend. Laut einer Statistik der Pornowebsite Pornhub von 2017 lag bei ihren Suchanfragen der Begriff "Lesbian" (Videos ohne männliche Darsteller) auf Platz 1, auf Platz 2 "Hentai" (japanische Anime-Pornos), noch vor "Milf" (Mom I'd Like To F**ck; Pornos mit reiferen Damen – nicht zu verwechseln mit "Gilf", ja, auch das gibt's: 'G' für Granny). Gleich danach kommen "Stepmom" und "Stepsister" – ich weiss, das gibt Anlass zu Irritation, aber Sie wurden eingangs gewarnt.

Interessant sind die Suchanfragen allein bei den Damen. Sie scheinen mehr durch frauenverachtende Inhalte angesprochen als die Männer. Die drei meistgesuchten Begriffe bei Pornhub zeigen zwar frauenfreundlichen Stoff, die nächsten Ränge aber bringen das adrette Damenbild ein bisschen zum Wackeln: "Gangbang", "Hardcore", "rauer Sex" und "Bondage" sind populäre Stimuli mit sehr herabwürdigenden Szenen. In ihrer Fantasie mögen es viele Frauen hart und aggressiv – vermutlich liegt es daran, dass sie von Dingen gefesselt sind, die sie sich selbst nicht auszuprobieren trauen. Und grundsätzlich: Ginge es ihnen um die wertvolle Filmstory, würden sie wohl Arte schauen.

Die Jungunternehmer von Feuer.zeug stellen viele Verfehlungen in der Branche fest, etwas Bedeutendes erwähnen sie aber nicht: Den Pay Gap. Bei den Pornos sind Frauen nämlich viel besser bezahlt als Männer. Laut dem Newssender CNBC erhält eine durchschnittliche Darstellerin in den USA zwischen 800 und 1000 US-Dollar pro Szene oder Tag, ein Darsteller 500-600 US-Dollar. Ungleiche Bezahlung für gleiche Leistung – wo bleibt der Aufschrei? Es braucht ihn nicht, als Hauptattraktion steht der Frau die höhere Gage zu, so simpel. Dass die Männer aufgrund der Anforderung, stets auf Kommando "performen" zu müssen, ungleich grössere Probleme als die Damen am Set zu verantworten haben und trotzdem weniger verdienen, ist dann eben Künstlerpech.


Weltwoche, Februar 2019

Wie rassistisch kann ein Smoothie sein?

Jüngst hat Adidas den falschen Turnschuh verkauft. Der Schuhhersteller hatte zu Ehren des Black History Month einen speziellen Schuh kreiert. Weil das Teil weiss war, hatten ihn einige als Beleidigung empfunden und bei Twitter zum Aufstand gerufen. Adidas hat sich entschuldigt und die kränkenden Treter entfernt.

Die US-Warenhauskette Bloomingdale's hat das falsche T-Shirt verkauft, eines mit dem Aufdruck "Fake News". Eine Reporterin hat sich daran gestört und bei Twitter geschrieben. "Es entlegitimiert hart arbeitende Journalisten, die echte News liefern." Bloomingsdale's hat sich entschuldigt und das demütigende Stück Stoff entfernt.
Gucci hat den falschen Rolli verkauft. Einen schwarzen Rolli mit einem Schlitz für den Mund im Kragen und roten Lippen – ein maximal bescheuerter Look. Einige hatten den Rolli als rassistisch empfunden, weil es Blackfacing darstelle. Gucci hat sich entschuldigt und die Schande entfernt.

Ein Radiosender im US-Bundesstaat Ohio hatte zu Weihnachten den falschen Song gespielt, den Weihnachtsklassiker "Baby its cold outside". Eine Coverversion des 1950iger-Hits von Michael Bublé hat über 37 Millionen Views bei Youtube. 37 Millionen Menschen sehen in dem Lied einen Mann, der mit einer Frau kuscheln möchte. Ein paar Hörer sahen darin einen "Date Rape"-Song, also ein Lied, das Vergewaltigung bei einem Date fördert. Das Lied sende eine schlechte Botschaft an die #MeToo-Bewegung" aus, beklagten sie. Der Sender entfernte das Ärgernis von seiner Playlist.

Vergangene Woche hat es ein deutsches Unternehmen geschafft, gleich die ganze Palette an intersektionaler Empörung abzubekommen, der Smoothie-Hersteller True Fruits: Rassistisch! Sexistisch! Frauenfeindlich! Diskriminierend! Fördert "Rape Culture"! Nüchtern betrachtet muss man annehmen, dass in dem Saftladen ein sexistisches und rassistisches Männerpack arbeitet.

Als eines der ersten Medien ist das Onlineportal Vice auf die Empörung im Netz aufgesprungen, die bei einigen Zeitgenossen ähnlich gross war, wie wenn das Unternehmen Raketen für Nordkorea produzieren und diese mit dem Abbild einer nackten Frau und deren Köpfe mit weissen Zipfelmützen versehen würde. Das Digitalmagazin titelte: "Die Instagram-Werbung von True Fruits steht für alles, was man auf Social Media falsch machen kann. Rassismus, Rape-Jokes, Beschimpfung der Kunden: eine Fruchtsaft-Mischung zum Kotzen." (True Fruits führt die Kotzfrucht übrigens nicht im Angebot).

Die Smoothie-Firma wurde 2006 von drei Freunden aus Bonn gegründet, sie stellt die meisten Produkte vegan her, benützt keine Stabilisatoren oder Farbstoffe. True Fruits ist unter den Fruchtsäften etwa das, was Tesla unter den Automobilen ist: Eine progressive und kreative Marke – dafür wurde sie schon mit dem deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. Lustige, doppeldeutige und provokative Slogans versorgen ihre Werbekampagnen mit Originalität, damit lösen die Macher aber auch immer wieder Kontroversen aus. So haben sie Säften mit Chiasamen den Slogan "Bei Samenstau gut schütteln" verpasst oder "Oralverzehr – schneller kommst Du nicht zum Samengenuss" (Vorwurf: Sexismus). Zu einem Nusssaft schrieben sie meinen persönlichen Favoriten: "Voulez-vous cashew avec moi?". Mit "Abgefüllt und mitgenommen" bewarben sie einen Flaschen-Trinkaufsatz (Vorwurf: fördert Rape Culture). Der Slogan zu einer schwarzen Flasche hiess "Unser Quotenschwarzer" (Vorwurf: Rassismus).

Die Reaktion von True Fuits auf das Beschwerden-Potpurri war verblüffend. Keine Entschuldigung, keine Selbstgeisselung mit der Peitsche, ausser der schwarzen Flasche wurde kein Produkt entfernt – und dieses auch nur weil ihnen "die ständigen Fehlinterpretationen auf die Nerven gehen". Stattdessen schrieb man bei Facebook, dass man das Lamento einiger Zwangsempörter gewöhnt sei und sich bei allen entschuldige, "die davon ebenfalls zu Recht gelangweilt sind". Die Motive seien ohne Sinn und Verstand rauskopiert worden und man betreibe übertriebene Polemik. Aber ja, sie seien in einem Punkt diskriminierend und zwar "gegenüber dummen Menschen, denn die schließt unsere Art der Kommunikation eindeutig aus." Den Entrüsteten entgegneten sie mit einem „Fuck you!“. Intelligenz oder Humor liesse sich eben schwer versenden.

Jetzt waren die Empörten noch ein bisschen empörter. Während Vice von einer "Beschimpfung der Kunden" polterte, fragt das Kommunikationsmagazin Werben & Verkaufen, ob True Fruits mit der Reaktion auf die Kritik übers Ziel hinausgeschossen sei. Die grosse Mehrheit der Abstimmenden findet: Nein. Die Instagram-Abos der Saftproduzenten stiegen in kurzer Zeit mit 4000 auf 124'000, ihre Reaktion wurde über 19'000 Mal geliked. Persönlich interpretiere ich das so, dass gewisse Medien die Thematik zu einem Skandal hochstilisieren, der keiner ist, und dass die meisten Menschen nicht zu den Hypersensiblen zählen und keine Dauer-Empörung mit sich herumschleppen.

Aus meiner Sicht hat True Fruits mit seiner Reaktion auf die Kritik nicht den richtigen Ton getroffen. Aber während heute viele Unternehmen unter dem Druck der Empörungsaktivisten einknicken, zeigen die deutschen Unternehmer Rückgrat, stehen zu ihrem Stil und ihrem Humor – das macht Hoffnung. Es gibt viele Dinge, über die sich Menschen ärgern, die ihnen nicht behagen. Und ja, man kann überall etwas Negatives hineininterpretieren, wenn man es darauf anlegt und das scheinen diese Leute zu tun. True Fruits fragt: "Was für ein kranker Dummkopf man sein muss, um in einem Slogan eine Befürwortung von Vergewaltigungen zu lesen?"

Ich sehe es genauso. Es scheint, als ob sie danach suchen, sich schlecht zu fühlen. Ob etwas tatsächlich rassistisch oder sexistisch motiviert ist, spielt keine Rolle. Indem sie aber die Aufmerksamkeit permanent auf Rasse, Hautfarbe und Geschlecht lenken, trennen sie Menschen mehr, als dass sie sie vereinen – sie machen also genau das, was sie anderen immer vorwerfen.

Die Slogans von True Fruits sind provokativ. Vielleicht empfinden einige sie als unsensitiv, als beleidigend. Heisst das, dass sie zwingend falsch sind? Nein. Jeder hat eine andere Schmerzschwelle, was für den einen verletzend ist, ist es für den anderen nicht. Soll die Gesellschaft als Ganzes die Toleranzgrenze für Sprüche, Humor oder Ideen wegen den Sensibleren unter uns nach unten versetzen? Soll sie ihre Sprache anpassen? Selbstverständlich nicht. Die Hyperempörung stammt ja auch nur von einigen wenigen, sie aber zeichnen sich durch schrilles und durchdringendes Herauskrähen aus. Twitter-Entrüstung ist für sie zum Teamsport geworden. Diese Leute kommen einem manchmal vor wie kleine Tyrannen, die allen anderen ihre moralischen Massstäbe aufdrängen wollen. Wer wegen eines Slogans auf einem Fruchtsaft, der Farbe eines Turnschuhs, dem Aufdruck eines Shirts, oder eines 70 Jahre alten Weihnachtssongs in einen emotionalen Ausnahmezustand gerät, sollte sich vielleicht Gedanken über seine eigene Verklemmtheit machen – oder über seinen Humor.

True Fruits verleiht übrigens seinen eigenen Preis; der „Eier aus Stahl“-Award geht an Individuen oder Unternehmen, die "ihr eigenes Ding durchziehen und sich nicht zum Gefallen ihrer Zielgruppe verbiegen lassen". Man wünscht sich, es gäbe mehr solche Unternehmen mit Eiern aus Stahl. Und für die anderen: Wer sich an einem Produkt stört, verletzt oder beleidigt fühlt, der soll es einfach nicht kaufen. Es ist wirklich nicht so schwer. Aber besser fürs Gemüt.

Weltwoche, Februar 2019

Männlich = schlecht (Gillette Spot)


Gillette appelliert an die Männer, sie sollten sich besser benehmen. Wissenschaftler kommen zum Schluss, die traditionelle Männlichkeit sei schädlich. In gewissen Situationen ist sie aber gestattet. So nach dem Motto: Männlichkeit an- und abknipsen, je nach Bedarf. 



Von Tamara Wernli


Auf Männer einzudreschen, ist derzeit en vogue. Im postfeministischen Zeitalter werden sie für ziemlich alles Schlechte verantwortlich gemacht. Sie sind schuld an den Harvey Weinsteins dieser Welt, an verpassten Chancen, unbefriedigenden Jobs, unerfüllten Träumen. In den sozialen Medien wurde das Hashtag "Menaretrash" (Männer sind Abfall) verbreitet, das ihr verhasstes Dasein zusammenfassen sollte. 
Während dem Schreiben dieser Zeilen hat der Rasierer-Hersteller Gillette ein Video veröffentlicht, so quasi einen Appell an die Männer, sie sollten sich besser benehmen. Der Spot suggeriert, dass Männlichkeit etwas Negatives ist. Menschen aufrütteln und für Toleranz und gegen Gewalt einzustehen ist wichtig. Aber man hätte ja auch eine positive Botschaft zeichnen und Bilder von tapferen Männern, die sich für andere einsetzen und Zivilcourage beweisen, zeigen können – Gillette zieht es vor, die ganze Gruppe der Männer mit negativen Stereotypen zu verbinden. Die Männlichkeit liegt da wie eine verbeulte Tomate, die in der Küche zulange keine Verwendung gefunden hat. 

Als wäre das alles nicht genug, gibt’s jetzt quasi den offiziellen "männlich = schlecht"-Gütesiegel der Wissenschaft. Die "American Psychological Association" APA, die grösste US-Organisation für psychische Gesundheit, lies vergangene Woche verlauten: "Traditionelle Männlichkeit ist psychologisch schädlich." Zu den traditionell männlichen Eigenschaften zählen laut der APA Stoizismus, Selbstaufopferung und Kompetitivität. Diese würden unter anderem die "psychologische Entwicklung von Männern limitieren", negatives Verhalten und Gewalt fördern, was in einem "Geschlechterrollen-Konflikt" resultieren könne. Die APA hat darum Richtlinien für Psychologen erstellt, die bei der Behandlung von männlichen Wesen helfen sollen. 

Die Gemüter sind erhitzt. Der kanadische Psychologie-Professor Jordan Peterson schreibt bei Twitter, er sei "entsetzt", dass die APA im Namen der Psychologen spricht. "Es gibt keine Entschuldigung für das, was sie da geschrieben haben." Die US-amerikanische Philosophin und Autorin Christina Hoff Sommers kritisiert beim Sender Fox: "Es ist eine politisierte Doktrin." Die APA würde Männlichkeit als Pathologie behandeln, die Heilung benötigt. "Das ist so, als müsse der durchschnittliche Mann umstrukturiert oder re-sozialisiert werden – und zwar gemäss den Bedingungen eines Gender Studies-Lehrbuchs aus den Siebzigern." Es sei gefährlich, wenn Politik so sehr in die Wissenschaft eindringt. 

Die Richtlinien lesen sich tatsächlich wie ein Feministen-Manifest. Der Report pflegt einen verschwenderischen Umgang mit Schlagwörtern wie "Privilegien", "dominant", "geschlechtsspezifische Vorurteile", "Unterdrückung" – allein das Wort "Gender" kommt in dem 36-seitigen Dokument 298 Mal vor, "Geschlechterrolle" 63 Mal. 
In Richtline Nr.1 wird behauptet, dass Männlichkeit konstruiert sei "basierend auf sozialen, kulturellen und kontextuellen Normen." Weiter gäbe es heute nicht mehr die binäre Kategorie männlich/weiblich, sondern: "Wenn wir die komplexe Rolle von Männlichkeit verstehen wollen […] ist es entscheidend anzuerkennen, dass das soziale Geschlecht ein non-binäres Konstrukt ist." Teilabsolution gibt’s von Ryon McDermott, Psychologe und Mitentwickler der APA-Richtlinien. Er räumt immerhin ein, dass es wichtig sei, "in gewissen Situationen" pro-soziale Aspekte wie Stoizismus und Selbstaufopferung zu ermutigen. Und: “Wenn wir Männer ändern können, können wir die Welt ändern." 

Männer sollten also ummodelliert, neu designt werden. Der Bericht legt den Schluss nahe, dass traditionell männliche Eigenschaften unterdrückt werden sollten – zumindest in Bereichen, wo Mut, Tapferkeit, Selbstaufopferung und Konkurrenzfähigkeit nicht gefragt sind. Dort, wo sie nützlich ist, darf traditionelle Männlichkeit bleiben. Wie generös. Und wie soll das Abschwächen vonstattengehen? Sollte vielleicht bei Buben, deren angeborene Eigenschaften ausgeprägter sind, Ritalin bereits in den Schoppen gefüllt werden? Man fragt sich, welchen Einflüssen oder Mächten Leute ausgesetzt sind, die sich solche Thesen ausdenken. Wie war ihre Kindheit? Vermutlich zählten die Verfasser früher zu jenen Kids, die im Turnen immer zuletzt ins Team gewählt wurden. 

Mit "gewissen Situationen", in denen Ermutigung männlicher Aspekte erlaubt ist, dürften vor allem die ungemütlichen, riskanten und gesundheitsschädigenden Jobs gemeint sein: Feuerwehr, Abfallentsorgung, Gruben- und Holzarbeit, Kanalreinigung, Kriegseinsätze – alles Bereiche im Übrigen, bei denen die Frauenvertretung überschaubar ist. In Zahlen: Bei den 20 gefährlichsten Jobs in den USA sind bis auf zwei Bereiche Männer mit 85 bis 99.9 Prozent vertreten. Das geht aus einem Artikel des Wirtschaftsmagazins "Forbes" mit dem Titel "Das ist ihr Gender Pay Gap – fatale Verletzungen am Arbeitsplatz" von 2016 hervor, der sich auf das Statistische Amt für Arbeit und einer Erhebung von 2015 stützt. Couragierte Männer ringen sich bei diesen Arbeiten durch, vielleicht, weil sie als Ernährer gebraucht werden. Vielleicht, weil sie einen Sinn im Leben suchen, als Retter und Beschützer gesehen werden wollen.

Ausgerechnet "kompetitiv" als psychologisch schädlich anzuführen, ist ziemlich verwegen. In unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft werden maskuline Grundeigenschaften gewiss weniger benötigt. Nur ist unser Wohlstand erst entstanden, weil sich unsere Vorfahren mit eben dieser traditionellen Männlichkeit im Konkurrenzkampf durchgesetzt und Wohlstand und "Wohlstandsberufe" wie zum Beispiel jene der Verfasser erkämpft haben. Apropos Kämpfen: Ich kenne keine einzige Frau, die sich in einer dunklen Gasse den verständnisvollen, non-binären Stubentiger an ihrer Seite wünscht.

Natürlich ist ein zu hoher Grad an gewissen Eigenschaften wie Aggressivität oder Dominanz sozial nicht verträglich – aber hat das nichts mit traditioneller Männlichkeit zu tun, sondern mit dem Charakter des Individuums. Jeder Charakterzug, der ins Extreme abdriftet, stellt ein gesellschaftliches Zusammenleben auf die Probe. Ob männlich oder weiblich spielt keine Rolle. Das Verhalten einzelner Individuen zu verallgemeinern und typisch männliche Merkmale zu verteufeln, ist der falsche Ansatz zum Lösen von Gewalt-, Mobbing- oder Sexismus-Problemen. Indem sie andeuten, dass traditionelle Männlichkeit irgendwann zu Gewalt führte, vermengen die Wissenschaftler gelassene Männer mit Drecksäcken, dominante Kerle mit Unterdrückern und kompetitive Typen mit Gewalttätern. 

Alles Männliche ersticken zu wollen, ist aber auch vom humoristischen Aspekt her problematisch: Wohin dann mit den ganzen Chuck-Norris-Witzen?

Weltwoche, Januar 2019

Was wollen Männer von den Frauen?

Machen wir uns nichts vor, Männer sind weniger anspruchsvoll mit den Wünschen an die Partnerin als umgekehrt. Aber komplex wird es auch hier.

Von Tamara Wernli

Nachdem wir vergangene Woche die Ansprüche der Frau ergründet haben, drängt sich heute die Frage auf: Was wollen die Männer? Es gibt ja dieses Bonmot: Der Mann hofft, dass die Frau so bleibt, wie er sie kennengelernt hat. Die Frau wünscht sich, dass er so wird, wie sie ihn sich vorstellt. Es umschreibt die Geschlechter-Unterschiede bezüglich der Anforderungen ganz gut: Der Mann lebt tendentiell nach dem Motto "Leben und leben lassen".

Ich habe die Frage Männern im Alter von 24-64 Jahren in der Community meines Youtube-Kanals gestellt. Die Antworten variieren, aber gewisse Muster lassen sich erkennen: In den Kommentaren wurden am häufigsten Klassiker genannt wie Ehrlichkeit, Humor und Selbstbewusstsein, auch Intelligenz – wobei hier eine Diskrepanz zu wissenschaftlichen Studien auffällt. Gemäss einer Untersuchung im Wallstreet Journal steht bei Männern Intelligenz nicht zuoberst auf der Liste. Sie wünschen sich die Damen sogar etwas dümmer: Man hat herausgefunden, dass Männer nicht gerne mit Frauen zusammen sind, die intelligenter sind als sie selbst. Auch mit Frauen, die mehr verdienen, werden sie nicht restlos glücklich. Bringt die Gattin mehr Kohle nach Hause, sei "eheliche Befriedigung" geringer und eine Scheidung eher wahrscheinlich. Das schreibt die Washington Post und beruft sich dabei auf Studien von Ökonomen der University of Chicago.

Laut meiner kleinen Umfrage ist Akzeptanz eine weitere hochgeschätzte Eigenschaft. Gewisse Frauen haben ein Faible fürs Herumnörgeln und auch in der Erzieherrolle, die sie ungeniert auf erwachsene Familienmitglieder ausdehnen, fühlen sie sich wohl. Das Problem ist, Männer wollen keine neue Mutter und sie würden gerne so sein dürfen, wie man sie einst vorgefunden hat. Auch gibt es diese kritische Zone, in der man als Frau vernünftigerweise auf Einwände verzichtet, dazu zählen seine Hobbies.

Männer wünschen sich von der Frau, dass sie klar sagt, was sie will – und was nicht. Die Kommunikation der Geschlechter unterscheidet sich grundlegend. Männer kennen zum Beispiel das Wort "nein", bei Frauen ist man sich nicht zweifelsfrei sicher. Das Wort kommt ihnen nur schwer über die Lippen, dafür schaffen sie es mit Leichtigkeit, an seiner Stelle elf Sätze zu produzieren zur Begründung, warum sie etwas nicht wollen. Das erklärt auch, warum Frauen pro Tag etwa 350 Wörter mehr benützen. "Bringst du mir ein Sandwich mit?", fragt der Mann im Büro. Frauen brauen dieselbe Anfrage so zusammen: "Hast du ein schönes Wochenende verbracht? Wenn du einkaufen gehst, wäre es vielleicht möglich, dass du mir ein Sandwich mitbringst? Aber wirklich nur, wenn es keine Umstände macht. Soo wichtig ist es nicht." Aufs Jahr gerechnet macht das ein Plus von 127'750 Worten und offenbart, dass direkte Kommunikation nicht die Hauptstärke der Damen ist.

Männer haben ein Bedürfnis nach Anerkennung. Sie mögen es, wenn man ihre guten Qualitäten würdigt, ihnen ab und zu dankt für ihre Arbeit. Gerade in Zeiten, wo Frauen vieles selbst Zustande kriegen, es die Männer nicht einmal mehr fürs Kinder zeugen braucht und Evolutionsbiologen von einem Abschlaffen des Y-Chromosoms sprechen, kann man ihnen eine gewisse Verunsicherung nicht verübeln. Auch hier zeigt sich aber eine Diskrepanz: Einerseits gefällt dem Mann die Bestätigung seiner Liebsten, wenn sie zu ihm hochsieht und als Revanche für seine Mühen die Hemden bügelt oder sein Lieblingsessen kocht – andererseits findet er den Typ Frau unattraktiv, der diese Rolle perfektioniert: Das beschürzte Hausmütterchen. Die unabhängige, selbstbewusste Partnerin ist ihm lieber, die, wenn es sein muss, auch ohne ihn klarkommt. Wir haben die verworrene Situation: Männer wollen zwar nicht, dass sich Frauen wieder hinter den Herd stellen und finanziell keinen Beitrag leisten, sie saugen aber die Qualitäten der fürsorgenden Hausfrau dankbar auf.

Dazu passend halten Männer klassisch feminine Züge für sehr wertvoll: Männer sind empfänglich für Empathie und schmelzen dahin bei liebevoller Behandlung. Diese Wirkung können Frauen ganz einfach erzielen, indem sie den Duft von selbstgebackenem Kuchen ins Haus zaubern – oder Interesse vortäuschen, wenn er von dem strunzdummen Hobby erzählt. Zur Weiblichkeit gehört für die Herren auch die Pflege des Erscheinungsbildes. Wissenschaftler erklären ihre Fixierung auf den Körper mit dem Urinstinkt: Weibliche Formen sind ein Zeichen von Fruchtbarkeit. Sie haben herausgefunden, dass die meisten Männer die klassische Sanduhr-Figur bevorzugen – und ob eine Dame der gewünschten Bauart entspricht, wird in den ersten 200 Millisekunden einer Begegnung bewertet. Bei Männern, die nach einer Beziehung Ausschau halten, dominiert zur Beurteilung das Gesicht.

Interessant an meiner Umfrage ist, dass die sexuellen Begabungen kaum zur Sprache kamen. Männer sind offensichtlich nicht so sex-fixiert, wie gemeinhin angenommen. Laut der Wissenschaftswebseite Psychologytoday.com bestehe zwar eine starke Verbindung zwischen der Zufriedenheit eines Mannes in einer Beziehung und der Häufigkeit physischer Intimität – aber nicht wegen dem Sex: Die Chancen, dass ein Mann glücklich ist, verdreifache sich durch regelmässiges Küssen und Kuscheln. Wenn ich mich nicht täusche, trifft das ja die Präferenzen der Damen wunderbar. So verschieden sind wir eben doch nicht.


Weltwoche, Februar 2019

Was wollen Frauen von Männern?

Um eine Frau komplett zufriedenzustellen, muss der Mann über magische Kräfte verfügen. Trotzdem kann er es leicht schaffen, denn die Fähigkeiten dazu sind in seiner DNA verankert.

Von Tamara Wernli


Nach der Diskussion um den Gillette-Spot, dem Hashtag 'menaretrash' und dem Befund der US-Psychologie-Organisation APA, dass 'traditionelle Männlichkeit schädlich' sei, müssen wir uns die Frage stellen: Was wollen wir Frauen eigentlich von Männern? Die Antwort ist so verzwickt, dass sich sogar Albert Einstein gegen deren Erkundigung entschied: "Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen zum Beispiel der Relativitätstheorie", soll er einmal gesagt haben.

Im Grundsatz sehen die Wünsche der Frau an den sozialtauglichen Mann von heute so aus: Er soll kochen können, bügeln, waschen, Windeln wechseln, Begonien einpflanzen. Humorvoll sein, intelligent, sensibel, rücksichtsvoll, im Job kompetitiv, abgehärtet und erfolgreich – und währenddem immer genug Zeit für die Familie aufbringen. Später in der Nacht soll er unseren G-Punkt finden – mit verbundenen Augen und auf den Rücken gebundenen Händen, während er gleichzeitig unsere verspannten Nackenmuskeln lockert.

Meine These unterscheidet sich nicht gross von dem Ergebnis, das Suzanne Degges-White 2018 bei der Psychologie-Webseite psychologytoday.com veröffentlichte. Die Wissenschaftlerin führte eine Studie mit Frauen zwischen 18 und 75 Jahren durch, deren Ansprüche an den Mann unterteilt sie in drei Kategorien: 1. Moralische Integrität (etwa Verantwortung übernehmen). 2. Sensitivität (Verständnis, Unterstützung). 3. Befriedigende Intimität; der Mann soll "Abenteuer und Spannung in die Beziehung bringen", die Frau beglücken. Ich interpretiere das so, dass Frauen eine Kombination aus General und Sozialarbeiter wollen, mit den nächtlichen Fantasien eines Marquis de Sade.

Frauen unterscheiden sich natürlich in ihren Ansprüchen. Auch wandeln sich diese mit Zeit, Lebensphase und auch in der Gesellschaft. Was für Frauen früher zentral war, wie etwa der Mann in der Hundert-Prozent-Ernährerrolle, ist heute – gerade bei jüngeren Generationen – nicht mehr prioritär. Frauen sind selbst aktiv und erfolgreich im Beruf, besitzen eine hervorragende Ausbildung, sind in den vergangenen Jahrzehnten stärker und selbstbewusster geworden.

Dennoch gibt es, und damit werden wir konkret, altersübergreifend Hinweise auf Einigkeit bei den Eigenschaften eines Mannes, die ihn als "Keeper" qualifizieren – also als jemanden, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen möchte. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

-Praktische Veranlagung. Wenn ein Mann zuhause anpacken kann, macht ihn das attraktiv – und unseren Alltag angenehmer: Abfluss entstopfen, Computer-Zeugs einrichten, Stromsparlampen auswechseln, Bilder aufhängen, und das Wichtigste überhaupt: Die Hausspinne an die frische Luft befördern (ohne sie zu töten!).

-Troubleshooter. Den Problemlöser finden wir sexy, weil die Fähigkeit, innert kurzer Zeit Lösungen zu finden, unser Wohlbefinden erheblich steigert. Ich hatte wegen einer Kolumne einmal Post von David Beckhams Anwälten erhalten, da weilte ich mit meinem Mann gerade in Tokio. Die Basler Zeitung fragte nach meinen Quellen. Das bedeutete, alles hervorsuchen, dokumentieren. Ich war (trotz korrekter Zitate) zu erschrocken, um zu einer raschen Aufarbeitung des Problems beizutragen – angesichts einer drohenden Geldklage sah ich mich schon meine Louis-Vuitton-Taschen verkaufen. Die Angelegenheit wurde dann von dem Troubleshooter neben mir in einem lärmenden Tokioer Internetcafé mit einer Gelassenheit, die Urvölker vor Neid erblassen lässt, beiseite geräumt. (Natürlich können lösungsorientierte Männer zuweilen eine gewisse Gereiztheit auslösen, wenn sie auch dann beseelt nach Lösungen suchen, wenn gar keine Lösung gefragt ist, sondern Zuhören.)

-Galantes Benehmen. In Feministenkreisen ist sie zwar umstritten, aber diese Eigenschaft taugt dazu, Scharen von Frauen vor Entzücken zum Glühen zu bringen. Die grosse Mehrheit der Damen schätzt den Gentleman alter Schule – sie sehen seine Art der Aufmerksamkeit und das zuvorkommende Verhalten als Zeichen der Wertschätzung gegenüber der Weiblichkeit: Tür aufhalten, in den Mantel helfen, Komplimente. Komplimente zum schönen Sommerkleid, den sexy Stiefeln, dem kussroten Lippenstift, sie machen Freude. Ein Kompliment reduziert eine Frau nicht auf ihr Aussehen, und die Herren sollten sich das von niemandem einreden lassen. Wir setzen ja unsere erotischen Reize nicht in Szene, damit sie unbemerkt bleiben. Und auch ein ungeschicktes Bekunden der Bewunderung ist kein Weltuntergang: Eine entspannte Frau verzeiht das ohne #Aufschrei.

-Integrität. Die wertvollste Eigenschaft eines Mannes. Ein "Keeper" ist zuverlässig, übernimmt Verantwortung, er "kümmert" sich instinktiv – auch wenn es für ihn vielleicht Verzicht oder ein persönliches Opfer bedeutet. Dazu gehört der Auftrag des "Beschützers", auch wenn das Wort klischeehaft klingt. Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau und die Behüter- und Versorgerrolle vom Mann schliessen sich nicht aus. Unabhängig von unserem beruflichen Status und der Eigenständigkeit: Die Vorstellung, dass unser Partner uns beschützt, wenn es darauf ankommt, uns finanziell und/oder emotional zur Seite steht, sich wie ein grosser Schirm über unser Wohlergehen spannt – das Gefühl ist unbezahlbar. Es das Gefühl, für das wir Frauen die Männer lieben. Für das Beste im Mann.


veröffentlicht Weltwoche, Februar 2019

Gendersprache: Hannover gendert und die Grausamkeit hat ein Ende (Tamara's Parodie bei Youtube)

Der nächste Friedensnobelpreis sollte an die Stadt Hannover gehen. Sie ändert ihre Amtssprache und befreit damit Menschen von jahrhundertelanger Diskriminierung.

Von Tamara Wernli

Die Ignoranz, mit der Leute agieren, ist manchmal erschreckend. Ein paar Beispiele: Bei Referaten brüskieren sie ihre Mitmenschen mit der unreflektierten Pauschal-Begrüßung "Damen und Herren". Personen, die aussehen wie Männer, hängen sie leichtsinnig das Etikett "Mann" an, solche mit weiblichen Erscheinungsmerkmalen nennen sie "Frauen". Sie verwenden geschlechtsspezifische Worte zugunsten des biologisch männlichen Geschlechts und unterstützen damit nicht nur freimütig das Patriarchat, sondern degradieren die Frau zur Bürgerin zweiter Klasse. "Sommelier" ist so ein Wort.

Das ist auch der Stadt Hannover aufgefallen, sie hat darum vergangene Woche ein Zeichen gegen den menschenverachtenden Umgang gesetzt: Die Stadtverwaltung verwendet künftig eine genderneutrale Verwaltungssprache. Der gesamte städtische Schriftverkehr, E-Mails, Pressemitteilungen, Broschüren, Formulare, Flyer, Hausmitteilungen, Rechtstexte und Briefe werden neu "geschlechtergerecht" formuliert sein, so eine Sprecherin der Stadt gegenüber dem Magazin Spiegel. Die neue Regelung gilt für 11.000 Mitarbeiter*innen. Statt „Lehrer und Lehrerinnen“ heißt es neu „Lehrende“, aus „Rednerpult“ wird „Redepult“. Die würdelose Anrede "Herr und Frau" wird es nicht mehr geben, nachdem sie immer wieder zu multiplen Herzkreislaufstörungen geführt hat. Auch "Wähler" werden entsorgt. "Es ist ein wichtiges Signal und ein weiterer Schritt, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen", sagt Oberbürgermeister Stefan Schostok. Wo es möglich ist, sollte man "geschlechtsumfassende Formulierungen" verwenden. Wo dies nicht geht, dürfe auch das Gender-Sternchen zum Einsatz kommen – etwa bei Dezernent*innenkonferenz.
Persönlich finde ich es richtig, dass eine Stadt ihren gesamten Schriftverkehr, E-Mails, Pressemitteilungen, Broschüren, Formulare, Flyer, Rechtstexte und Briefe mit einer neuen, 'gendergerechten' Sprache gestaltet. An der alten haben sich nämlich vier Personen gestört.

Man sollte die Relevanz hier nicht verkennen. Im deutschsprachigen Raum haben Menschen während vieler Jahrhunderte an ihrer Sprache gelitten, in der Schweiz, in Österreich und Deutschland haben sie beklemmende Zustände erleben müssen. Es gab Streiks, dann Volksaufstände und Bürgerkriege. Schon nur die Vorstellung, dass Menschengruppen, die sich nicht innerhalb der Kategorie von Mann und Frau identifizieren, Begrüßungen wie "Sehr geehrte Damen und Herren" ertragen mussten, macht einem fertig. Die deutsche Sprache ist problematisch, weil sie unüberwindbare gesellschaftliche Barrieren schafft, vor allem aber unterdrückt sie weibliche Menschen – wer denkt schon an Mädchen, wenn von "Lehrlingen" gesprochen wird, wer hört einer Frau zu, die hinter einem "Rednerpult" steht? Und weil "Wähler" viele abschreckt, haben sich gerade Damen bei Abstimmungen in den letzten Jahren kaum an die Urne gewagt.

Wer*welche jetzt sagt, dass neue Wortschöpfungen wie "Dezernent*innenkonferenz" eine Verschandelung der deutschen Sprache sei, der/die sollte vielleicht mal das Wort "Dezernent" nachschlagen. Wenn wir die Konferenz für die "Sachbearbeiter*innen mit Entscheidungsbefugnis bei Behörden und Verwaltungen" (Wikipedia) in schriftlicher Korrespondenz jedes Mal "Konferenz für Sachbearbeiter*innen mit Entscheidungsbefugnis bei Behörden und Verwaltungen" nennen müssten, wo kämen wir hin? Die Nörgler sollten auch mal zur Kenntnis nehmen, dass Genderneutralität vieles einfacher macht.

Die 11'000 Hannoveraner*innen & Diverse Staatsangestellten sind die Stützen der modernen Gesellschaft. Täglich wenden sie sich mit Hingabe staatstragenden Themen zu, bestimmen Regeln für alle im eigenen Interesse, auf den Moment der Verkündigung ihrer neuen Sprachregeln haben sie ein Leben lang hingearbeitet. Es sind Menschen, die sich auch mit ihren Familien am Abendtisch weiterkümmern. Ihre Gespräche kreisen um Gender und Diversität und abbaubares Haarshampoo und die Fragen, wie man "Charmeur", "Barbier", und "Eremit" abändern könnte, und ob eine Demo vor dem Duden-Gebäude vielleicht der nächste sinnvolle Schritt ist. Solche Leute geben jemandem wie mir das Gefühl, herzlos und unsensibel zu sein. Ich sollte vielleicht zur Abwechslung mal einen wichtigen Text schreiben.

Besonders effizient sind sie bei finanziellen Belangen. Denn wenn sie nicht die Gelder von anderen verschwenden, wer tut es dann? Wobei diese Kosten im Namen der Gerechtigkeit ja nicht groß zu Buche schlagen. In Berlin zum Beispiel hatte man laut der Berliner Zeitung B.Z. vor etwa drei Jahren gendergerechte Anpassungen vorgenommen; aus dem "Studentenwerk" wurde ein "Studierendenwerk", das kostete nur rund 800.000 Euro – dank dem Länderfinanzausgleich durfte auch das verstaubte Bayern beim Bezahlen mithelfen. Unter anderem musste dafür die Fassade eines Studierendenwohnheims neu gestrichen werden, weil das alte Logo einige Menschen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gestoßen hatte.

Leute haben mir erzählt, dass die neuen Maßnahmen in Hannover sie irgendwie an "Idiocracy" erinnern, eine Science-Fiction-Komödie, die eine geistig degenerierte Gesellschaft im Jahr 2505 zeigt. Warum das so ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

veröffentlicht Weltwoche, Januar 2019

Stefan Kretzschmar und die Meinungsfreit (über 60'000 Views bei Youtube)

Der ehemalige Spitzenhandballer Stefan Kretzschmar hat sich in ein Wespennest gesetzt. Er sprach neulich im Interview mit t-online darüber, warum es keine Persönlichkeiten mehr mit Ecken und Kanten gibt. Auf die Frage, warum es so schwer ist, seine Meinung zu sagen, antwortete er im Video: "Man darf nichts Regierungs- oder Gesellschaftskritisches mehr sagen, es sei denn, es sind so Mainstream-Meinungen wie 'wir sind bunt' & 'Refugees welcome' – es gibt hier keine Meinungsfreiheit, für alles kriegst du auf die Fresse." Und: "Wir Sportler haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast kommt. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen."

Die Reaktionen darauf sind interessant. Die einen stimmen ihm zu, die anderen…. tja, tun genau das, was er kritisiert: Sie labeln seine Aussagen als "gefährlich", drängen ihn in eine politische Ecke, stellen absurde Nazi-Fragen. Vielleich soll letzteres ja lustig sein, ist es aber nicht. All das kann problematische Konsequenzen haben, wenn man von Sponsoren und Arbeitgebern abhängig ist.

Der Tagesspiegel titelte: "Stefan Kretzschmars Aussagen sind falsch und gefährlich." Im Text steht: "Der Grat zwischen der gezielten Provokation und plumper Dummheit ist oftmals ein sehr schmaler." Der ehemalige Spitzensportler wird als Provokateur hingestellt, der eine plumpe Dummheit äussert – die Dummheit ist notabene auch noch gefährlich. Mit solchen Aussagen würde Kretzschmar die "Bedeutung von Toleranz" entwerten, so der Autor. Ihn störte auch, dass die AfD Kretzschmars Aussagen retweetete – also ob Kretzschmar beeinflussen könnte, wer seine Aussagen im Netz teilt und für seine Zwecke benützt. Im Übrigen werden Äusserungen, die jemandem politisch dienen, ständig instrumentalisiert, von links und von rechts. Welcome to reality! Der Person daraus einen Vorwurf zu stricken ist unlauter und unfair.

Aber es geht weiter. Ein Autor bei "Bento" entblödete sich nicht, im ersten Satz seines Artikels die Frage zu stellen: "Ist Stefan Kretzschmar ein Kleingarten-Nazi?" Natürlich verneint er sie im Text – der Zusammenhang zu den grössten Verbrechern der Menschheit ist aber schon hergestellt. Im Titel steht: "Warum die Diskussion, ob Stefan Kretzschmar plötzlich rechts ist, nur der AfD hilft." Wenn zwei anonyme Tölpel im Internet darüber fabulieren, ist das keine Diskussion. Niemand diskutiert ernsthaft darüber, ob Stefan Kretzschmar rechts ist. Aus der blauen Häckchen-Fraktion twitterte Florian Neuhann, Korrespondent beim ZDF: "Doch, lieber Stefan Kretzschmar, jeder darf jedweden Unsinn in einem Video oder wo auch immer verbreiten."

Damit hat er grundsätzlich recht. Wir dürfen sagen und schreiben, was wir wollen, (solange es im gesetzlichen Rahmen ist). Kritik an der Regierung oder an der Einwanderungspolitik ist nicht verboten – das behauptet auch Kretzschmar nicht. Er meinte ja mit Augenzwinkern: "Wir kommen nicht in den Knast, wenn wir uns kritisch äußern".

Nur trifft Kretzschmar einen Punkt, wenn er sagt, dass Leute, die sich zu politischen Fragen vom Mainstream abweichend äussern, mit Repressalien rechnen müssen, im Sinne von Nicht-Verlängerung eines Werbevertrages. Oder auch eines Shitstormes, gesellschaftlicher Ächtung.

Abweichende Ansichten sind zwar gesetzlich erlaubt, aber differenziert formulierte Kritik wie zum Beispiel jene an der Einwanderungspolitik wird häufig gleichermassen abgekanzelt wie extreme oder rechtsextreme Positionen und Äusserungen. Sachliche Kritik wird oftmals mit "Hetze verbreiten" gleichgesetzt, das Wort "Nazi" gerne auch für Personen verwendet, die weder rechtsextrem noch Nazis sind, nicht mal rechts. Der Begriff wird heute derart verwässert und für x-beliebige verhasste Menschen verwendet, dass man damit tatsächliche Nazis verharmlost. Beispiel: In einem Kommentar zu meinem Youtube-Video über Werbeverbote werde ich "Nazibitch" genannt. Ähnliches erfahren Kollegen, die nicht zum linken und linksliberalen Medienspektrum gehören.

Sicher, mein Beispiel stammt von einem Netz-Troll. Nur stellen nicht nur anonyme Trolle Verbindungen her mit der rechten oder rechtsextremen Ecke, sondern auch "seriöse" Journalisten: Innenminister Horst Seehofer zum Beispiel habe nicht am Integrationsgipfel im Sommer teilgenommen, weil die Autorin Ferda Ataman ihn mit der "Blut und Boden"-Ideologie in Verbindung gebracht hatte. (Quelle: NTV)

Publizisten sind natürlich clever genug um den "Nazi" oder "rechts-extreme"-Begriff nicht direkt und greifbar zu gebrauchen. Aber schon nur mit dem Verknüpfen und dem beiläufigen Fallenlassen eines nationalsozialistisch geprägten Begriffes wird ein schaler Beigeschmack erzeugt und irgendeine Nähe zu der Gruppe suggeriert. Alle schreiben dann einander ab, drei Schlagzeilen später landet es als dümmliche Nazi-Frage bei "Bento".

Dass Äusserungen, die nicht Mainstream sind, skeptisch betrachtet werden, ist normal. Das war schon immer so – egal ob links oder rechts. Sobald etwas von der Massen-Meinung abweicht, wirkt es auf viele befremdlich, vor allem bei emotionsgeladenen Themen wie Zuwanderung und Flüchtlinge; eine Anti-Mainstream-Meinung zu neuen Richtlinien beim Verzollen erregt die wenigsten Gemüter.

Es ergeht aber allen Stimmen so, die sich auf die Äste rauslassen: Nicht nur Vertreter der gesellschaftlichen Mitte oder Rechte, auch Linke und Linksliberale werden für ihre Meinungen kritisiert und diffamiert. Feministinnen werden übelst beschimpft, erhalten Vergewaltigungsdrohungen im Netz. Und auch sie haben Repressalien zu befürchten. Der deutsche Comiczeichner Ralph Ruthe schreibt bei Twitter als Antwort zu Kretzschmar: "Ich vertrete seit vier Jahren öffentlich das, was du 'Mainstream-Meinung' nennst. Deswegen schreiben mir JEDEN TAG Leute, dass sie nun nicht mehr meine Bücher kaufen und nicht mehr in meine Live-Show kommen werden. Wenn ich das aushalte, schaffst du sowas auch."

Stimmt. Es gibt aber einen Unterschied, der nicht ganz unerheblich ist. Die linken und linksliberalen Meinungsmacher, Politiker, Journalisten und Publizisten haben ein Helferlein, wenn man so will: Sie haben die grossen Medienhäuser auf ihrer Seite. Denn Politikjournalisten in Deutschland stehen nun mal linken Parteien am nächsten, wie eine Erhebung von "Statista" von 2009 zeigt (und die sich nicht allzu sehr geändert haben dürfte): Mit 26,9 Prozent liegen die Grünen auf der Beliebtheitsskale vor der SPD.
Das Back Up der Leitmedien verleiht einem eine gewisse Macht. Man erhält ein Megaphon für seine Anliegen, wohlwollende Artikel inklusive. Es macht auch einen Shitstorm erträglicher, weil sofort eine gutgeölte Maschinerie zur Unterstützung in Gang gesetzt wird. 

Anstatt Meinungen wie Kretzschmars als "gefährlich", ihn als "Toleranz-Entwerter" zu brandmarken und in eine unbequeme politische Ecke zu drängen, wäre etwas Verständnis angebracht für Menschen, die aufgrund von moderaten Äusserungen berufliche Nachteile haben – und die darum die Meinungsfreiheit als eingeschränkt wahrnehmen.
Auch Kritik gehört selbstverständlich zu Meinungsfreiheit, auch wenn sie unfair oder diffamierend ist. Wir können dann entweder einknicken und uns zurückziehen, oder es ist uns egal und wir machen immer weiter. Ich habe mich entschieden. Und Sie?


veröffentlicht Januar 2019

Assistenten der Unterdrücker: Warum man den Hijab-Day nicht feiern sollte

Mit dem Promoten des "World Hijab Day" gibt sich eine privilegierte Bewegung alle Mühe, den wahren Kämpferinnen für Frauenrechte in den Rücken zu fallen.

Von Tamara Wernli

Am 1. Februar wird der "World Hijab Day" gefeiert. Er wurde von Aktivistinnen aus den USA gegründet und soll zeigen, dass die Verschleierung von muslimischen Frauen keine Unterdrückung darstellt. Die Bewegung fordert auch westliche Frauen auf, den Hijab zu tragen, um zu erleben, wie es sich anfühlt. Unter dem Hashtag "FreeInHijab" (frei im Kopftuch) sollen sie dann Selfies von sich in den sozialen Medien posten. Ein Hijab ist ein islamisches Kopftuch, das Haar, Hals und Schulterbereich bedeckt.

Seit einigen Tagen nun veröffentlichen Frauen Fotos von sich im Hijab, viele feiern ihn als Symbol der Freiheit und der weiblichen Emanzipation. Aziza, Amerikanerin äthiopischer Abstammung, schreibt bei Twitter: “Ich trage den Hijab, weil ich mich damit komplett fühle." Es sei ihre eigene Wahl. Keiara aus den USA meint: "Ich habe mich nie freier gefühlt als in dem Moment, als mich meine Nachbarn zum ersten Mal mit dem Hijab sahen." Shakera aus Bangladesh: “Ich trage den Hijab nur für Allah. Ich habe beim Tragen viel über meine Identität gelernt. Er lehrte mir die wahre Bedeutung von Selbstbestimmung und Emanzipation. Mein Hijab ist das am meisten bestärkende Kleidungsstück."

Dass diese Damen den Hijab als Sinnbild für Freiheit sehen und sich darunter wohl fühlen, ist ihre Entscheidung. Nur hat die öffentlich zur Schau getragene Verehrung etwas Befremdliches. Denn in vielen muslimischen Ländern wird Frauen die Freiheit verweigert, anzuziehen, was sie wollen. Sie haben nicht die freie Wahl, den Hijab zu tragen; viele wollen sich nicht verhüllen, sind aber dazu gezwungen. Für sie steht das Kopftuch nicht für Freiheit und Selbstbestimmung, sondern für das exakte Gegenteil: für Freiheitsberaubung.
"Es ist das sichtbarste Symbol der Unterdrückung", sagt die iranische Journalistin Masih Alinejad im Interview mit dem Magazin "Emma". In ihrem Heimatland gilt für Mädchen ab sieben Jahren Zwangsverschleierung. Dagegen kämpft die 42-jährige seit vielen Jahren, ohne Anklage sass sie deswegen im Gefängnis, musste ihr Heimatland verlassen, ist von ihrer Familie getrennt. 2014 gründete sie in den USA die Online-Bewegung "My Stealthy Freedom" (Meine Heimliche Freiheit) gegen den Kopftuchzwang. "Der Hijab ist die zentrale Art, Frauen zu kontrollieren", so Alinejad.
Im Internet gibt es Videos aus muslimischen Ländern, die Frauen mit offenem Haar zeigen, wie sie von Männern auf der Strasse belästigt, als Schlampe beschimpft oder unter Androhung von Polizeiarrest aufgefordert werden, ihr Haupt zu verhüllen.

Während sich also die einen trotz dem Risiko einer Gefängnisstrafe gegen die Zwangsverschleierung wehren, promoten die anderen, die keinen Preis für ihre freie Outfit-Wahl zu bezahlen haben, den Hijab als "befreiend". Die Kampagne beruft sich zwar auf kulturelle Toleranz, offenbart damit aber den Hochmut einiger privilegierter westlicher Aktivistinnen, die die Welt nur im Bezug zu ihrer eigenen Realität beurteilen – und die schreckliche Wirklichkeit, die Einschränkungen vieler anderer Frauen ausblenden. Diese Frauen dürften den "Hijab Day" als Hohn empfinden. "Diese Frauen und Millionen andere sehen es als unglaublichen Verrat und Heuchelei vom Westen…insbesondere von sogenannten Feministen", fasst es Yasmine Mohammed, eine prominente Ex-Muslimin und Aktivistin aus Kanada, bei Twitter zusammen. Es ginge nicht darum, gegen den Hijab zu argumentieren, sondern für die freie Kleiderwahl.

Ich sehe es genauso. Ich habe nichts dagegen, dass Frauen Hijabs tragen. Das Kopftuch gehört zur Religionsfreiheit, und es ist verwegen, Menschen vorzuschreiben, was sie anziehen dürfen und was nicht (Ausnahme: Burka, aber das ist ein anderes Thema). Nur: Wer seine Entscheide primär aufgrund von Religion trifft oder diese mit dem Tragen religiöser Symbole wie des Hijab, der Kippa, eines auffälligen Kreuzanhängers oder einer Amischen-Haube in den Vordergrund stellt, dem muss einfach bewusst sein, dass das in einer säkularen Gesellschaft Nachteile mit sich bringen kann; ein Arbeitgeber entscheidet sich vielleicht eher gegen einen Bewerber, dessen religiöse Überzeugungen zu Lasten seiner Flexibilität im Berufsalltag gehen.

Jene Frauen, die in ihrer Heimat unter Androhung von Gefängnisstrafen gegen Kopftuchzwang protestieren, gegen die Sittenpolizei und den patriarchalen Wächterrat – sie sind die wahren Feministinnen. Und gerade sie bräuchten die Unterstützung der westlichen Frauenrechtler und Netzaktivisten, denen es ja ansonsten nicht an Leidenschaft mangelt, wenn es darum geht, falsche Komplimente anzuprangern oder gegen unliebsame Gedichte ins Feld zu ziehen. Aber ihr Protest zum "World Hijab Day" bleibt weitgehend stumm. Offenbar haben sie sich entschlossen, von der real existierenden Diskriminierung in fernen Ländern keine allzu grosse Notiz zu nehmen.
Während bei uns viele – trotz endloser Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – auf noch mehr Gleichberechtigung hoffen, hofft Masih Alinejad darauf, ihre Mutter im Iran irgendwann wiederzusehen. Ihr grösster Wunsch ist es, mit ihr spazieren zu gehen, die Mutter im Hijab, Mashi mit Wind im Haar – das bedeute für sie Freiheit.

Man kann den Hijab akzeptieren, ohne ihn zu promoten, kann ihn gutheissen, ohne ihn zu feiern. Solange aber Verschleierung nicht für alle Frauen eine freie Wahl ist, solange nicht alle Frauen dieser Welt ihr Haar zeigen, im Minirock flanieren, mit tiefem Dekolletee ins Restaurant und im Bikini am Strand liegen können, solange ist Sensibilität angebracht und Zurückhaltung mit unsinnigen Kampagnen für ein Kleidungsstück, das vielen Menschen Leid und Schmerz bereitet. Indem wir den Hijab zu etwas Grossartigem hochstilisieren, machen wir uns zu Assistenten von Unterdrückern.

veröffentlicht Weltwoche, Januar 2019

Heuchlerische Werbeverbote

Sexy Motive und stereotype Geschlechterrollen in der Werbung machen angeblich psychisch krank. Bald werden wir nur noch Männer beim Kochen und Frauen in langen Hosen sehen.

Von Tamara Wernli

Knackige, athletische Rückenansicht: Sandi Morris, Hallenweltmeisterin im Stabhochsprung, zierte neulich in Düsseldorf ein Plakat für einen Sportevent. Sie trug ihr Wettkampf-Outfit, hielt den Stab, auf einem Slogan stand "Finale oho". Es zeigte sie – bitte festhalten – von hinten. Von hinten! Die entspannten Ästheten unter uns hielten das für ein grossartiges Bild, die anderen kreischten "Sexismus!", weil sie auf das Hinterteil reduziert würde. Und da sich im 21. Jahrhundert die anderen vermehrt durchsetzen, entschied man zum Schutz von Sandi, ihre 16 Grossplakate zu entfernen – und sie mit Kugelstosser Tomáš Stanek zu ersetzen. Angesichts des permanenten Klagens der Feministen, Frauen würden viel weniger berücksichtigt, offenbart die Auswechslung von Sandi mit Tomáš einen eher lückenhaften Gedankengang. Immerhin kommt die neue Prüderie den Werbern zugute: Sie können einfach wieder ihre Plakate aus den 50ern aufhängen.

Nur geht es so bequem eben auch wieder nicht. Denn viele Motive von damals passen nicht mehr ins heutige Weltbild; Werber richten ihre Bilder längst von selbst darauf aus. Der Werbeaufsicht in Grossbrittannien genügt das aber nicht, sie verkündete jüngst das neuste Verbot: Werbung, die Männer und Frauen in stereotypen Geschlechterbildern zeigt, ist per Juni 2019 nicht mehr erlaubt. Eine Frau, die Mühe mit dem Einparken hat oder allein für das Aufräumen zuständig ist, während der Mann mit hochgelegten Füssen herumhängt – solche Bilder sind künftig untersagt. Laut der britischen Zeitung "The Guardian" befürchtet die Werbeaufsicht, dass geschlechtsstereotype Aktivitäten zu "Lohnunterschieden beitragen" und "psychologischen Schaden" anrichten. Persönlich finde ich ja, dass jene Menschen, deren Psyche beeinträchtigt ist durch das in einem TV-Spot bebilderte (und auf Tatsachen beruhende!) schlechte Einparken einer Frau, das Autofahren lieber ganz bleiben lassen sollten. Möglicherweise sind sie der Belastung nicht gewachsen.

Natürlich kann Werbung eine Gesellschaft beeinflussen. Filme oder Idole aus dem Showbiz mit ihren Millionen vor allem junger Fans tun es aber noch viel mehr: Die Beyoncés und Emily Ratajkowskis, die mit sexualisierten Tanzeinlagen und der halbnackten Zurschaustellung des eigenen Körpers Sexualität permanent promoten und damit das Rollenbild der erotischen Frau vervollkommnen. Oder die Gangsta-Rapper, deren Videos Jugendliche verehren, von denen viele mit herabwürdigender Sprache und gängigen Stereotypen daherkommen; drei Lamborghinis, drei twerkende Damen und drei Typen mit Knarre. Mir muss die öffentliche Diskussion darüber entgangen sein, dass diese Klischees Lohnunterschiede fördern oder psychischen Schaden anrichten.

Von mir aus können Sängerinnen nackt auf der Bühne herumspringen und Rapper ihren Bitches in den Clips den Hintern versohlen – künstlerische Freiheit ist ein hohes Gut. Nur kann man den modernen Moralhütern, die diese marktregulierenden Werbeverbote befördern und beklatschen, eine gewisse Heuchelei nicht absprechen, wenn sie einerseits Frauen wie Beyoncé und Emily als feministische Ikonen feiern und nichts gegen die Goldzahnkreativität einwenden – und es andererseits als soziologische Pflicht erachten, Menschen vor Unterwäsche- oder Bikiniplakaten zu schützen. Weil sie zu sehr eingenommen sind von dem Bestreben, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, in der niemand sich abgewertet fühlt, übersehen sie ihre unterschiedlichen Massstäbe.
Stereotype Geschlechterbilder zu verbieten, ist etwa so wie den "Tatort" aus dem Programm zu kippen in der Hoffnung, dass die Kriminalität zurückgeht. Gemäss der Logik müsste man auch Werbung verbannen, die Frauen als Beifahrerin im Auto zeigt oder Männer, die Frauen nachgucken. Vielleicht sollte man Sekretärinnen grundsätzlich durch Physikerinnen ersetzen.

Inwiefern vermindern denn solche Werbeverbote psychologische Schäden? Wer definiert Stereotypen? Wann sind sie gut, wann schlecht? Am Ende ist es doch einfach Willkür, die entscheidet. Da sitzen Leute in Fachstellen, oft finanziert durch Steuergelder, die nach ihrem subjektiven Befinden urteilen, deren Thesen wissenschaftlich kaum belegt und deren Erfolge (und Misserfolge) nicht messbar sind. In zwölf Sitzungen debattieren sie darüber, ob die Farbe Rosarot in einem Firmenlogo sexistisch ist.

Zusehends entsteht das Gefühl, dass diese "Experten" Probleme kreieren, die für die Mehrheit der Gesellschaft gar keine sind, nur damit sich ihre Jobs rechtfertigen lassen. Sie drücken allen anderen ihre Weltsicht auf, unterliegen der Hybris, dass sie die absolute Wahrheit gefunden haben – dabei sind sie doch genauso ahnungslos wie der Rest von uns.

Es gibt geschmacklose Kampagnen, Werbung kommt oft effekthascherisch daher, dämlich. Aber unpassend ist nicht immer sexistisch. Und nicht jede sexistische Werbung ist herabwürdigend oder beeinflusst die Psyche auf negative Art. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, die Werbung mit ihr. Sie zeigt heute andere völlig Motive als vor 50 Jahren. Der Wandel geschieht aber auf natürliche Weise. Dazu benötigt es keine Ämter, die ihre eigene kleine Version von "1984" nachspielen.


veröffentlicht Weltwoche Januar 2019