Montag, 8. April 2019

Assistenten der Unterdrücker: Warum man den Hijab-Day nicht feiern sollte

Mit dem Promoten des "World Hijab Day" gibt sich eine privilegierte Bewegung alle Mühe, den wahren Kämpferinnen für Frauenrechte in den Rücken zu fallen.

Von Tamara Wernli

Am 1. Februar wird der "World Hijab Day" gefeiert. Er wurde von Aktivistinnen aus den USA gegründet und soll zeigen, dass die Verschleierung von muslimischen Frauen keine Unterdrückung darstellt. Die Bewegung fordert auch westliche Frauen auf, den Hijab zu tragen, um zu erleben, wie es sich anfühlt. Unter dem Hashtag "FreeInHijab" (frei im Kopftuch) sollen sie dann Selfies von sich in den sozialen Medien posten. Ein Hijab ist ein islamisches Kopftuch, das Haar, Hals und Schulterbereich bedeckt.

Seit einigen Tagen nun veröffentlichen Frauen Fotos von sich im Hijab, viele feiern ihn als Symbol der Freiheit und der weiblichen Emanzipation. Aziza, Amerikanerin äthiopischer Abstammung, schreibt bei Twitter: “Ich trage den Hijab, weil ich mich damit komplett fühle." Es sei ihre eigene Wahl. Keiara aus den USA meint: "Ich habe mich nie freier gefühlt als in dem Moment, als mich meine Nachbarn zum ersten Mal mit dem Hijab sahen." Shakera aus Bangladesh: “Ich trage den Hijab nur für Allah. Ich habe beim Tragen viel über meine Identität gelernt. Er lehrte mir die wahre Bedeutung von Selbstbestimmung und Emanzipation. Mein Hijab ist das am meisten bestärkende Kleidungsstück."

Dass diese Damen den Hijab als Sinnbild für Freiheit sehen und sich darunter wohl fühlen, ist ihre Entscheidung. Nur hat die öffentlich zur Schau getragene Verehrung etwas Befremdliches. Denn in vielen muslimischen Ländern wird Frauen die Freiheit verweigert, anzuziehen, was sie wollen. Sie haben nicht die freie Wahl, den Hijab zu tragen; viele wollen sich nicht verhüllen, sind aber dazu gezwungen. Für sie steht das Kopftuch nicht für Freiheit und Selbstbestimmung, sondern für das exakte Gegenteil: für Freiheitsberaubung.
"Es ist das sichtbarste Symbol der Unterdrückung", sagt die iranische Journalistin Masih Alinejad im Interview mit dem Magazin "Emma". In ihrem Heimatland gilt für Mädchen ab sieben Jahren Zwangsverschleierung. Dagegen kämpft die 42-jährige seit vielen Jahren, ohne Anklage sass sie deswegen im Gefängnis, musste ihr Heimatland verlassen, ist von ihrer Familie getrennt. 2014 gründete sie in den USA die Online-Bewegung "My Stealthy Freedom" (Meine Heimliche Freiheit) gegen den Kopftuchzwang. "Der Hijab ist die zentrale Art, Frauen zu kontrollieren", so Alinejad.
Im Internet gibt es Videos aus muslimischen Ländern, die Frauen mit offenem Haar zeigen, wie sie von Männern auf der Strasse belästigt, als Schlampe beschimpft oder unter Androhung von Polizeiarrest aufgefordert werden, ihr Haupt zu verhüllen.

Während sich also die einen trotz dem Risiko einer Gefängnisstrafe gegen die Zwangsverschleierung wehren, promoten die anderen, die keinen Preis für ihre freie Outfit-Wahl zu bezahlen haben, den Hijab als "befreiend". Die Kampagne beruft sich zwar auf kulturelle Toleranz, offenbart damit aber den Hochmut einiger privilegierter westlicher Aktivistinnen, die die Welt nur im Bezug zu ihrer eigenen Realität beurteilen – und die schreckliche Wirklichkeit, die Einschränkungen vieler anderer Frauen ausblenden. Diese Frauen dürften den "Hijab Day" als Hohn empfinden. "Diese Frauen und Millionen andere sehen es als unglaublichen Verrat und Heuchelei vom Westen…insbesondere von sogenannten Feministen", fasst es Yasmine Mohammed, eine prominente Ex-Muslimin und Aktivistin aus Kanada, bei Twitter zusammen. Es ginge nicht darum, gegen den Hijab zu argumentieren, sondern für die freie Kleiderwahl.

Ich sehe es genauso. Ich habe nichts dagegen, dass Frauen Hijabs tragen. Das Kopftuch gehört zur Religionsfreiheit, und es ist verwegen, Menschen vorzuschreiben, was sie anziehen dürfen und was nicht (Ausnahme: Burka, aber das ist ein anderes Thema). Nur: Wer seine Entscheide primär aufgrund von Religion trifft oder diese mit dem Tragen religiöser Symbole wie des Hijab, der Kippa, eines auffälligen Kreuzanhängers oder einer Amischen-Haube in den Vordergrund stellt, dem muss einfach bewusst sein, dass das in einer säkularen Gesellschaft Nachteile mit sich bringen kann; ein Arbeitgeber entscheidet sich vielleicht eher gegen einen Bewerber, dessen religiöse Überzeugungen zu Lasten seiner Flexibilität im Berufsalltag gehen.

Jene Frauen, die in ihrer Heimat unter Androhung von Gefängnisstrafen gegen Kopftuchzwang protestieren, gegen die Sittenpolizei und den patriarchalen Wächterrat – sie sind die wahren Feministinnen. Und gerade sie bräuchten die Unterstützung der westlichen Frauenrechtler und Netzaktivisten, denen es ja ansonsten nicht an Leidenschaft mangelt, wenn es darum geht, falsche Komplimente anzuprangern oder gegen unliebsame Gedichte ins Feld zu ziehen. Aber ihr Protest zum "World Hijab Day" bleibt weitgehend stumm. Offenbar haben sie sich entschlossen, von der real existierenden Diskriminierung in fernen Ländern keine allzu grosse Notiz zu nehmen.
Während bei uns viele – trotz endloser Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – auf noch mehr Gleichberechtigung hoffen, hofft Masih Alinejad darauf, ihre Mutter im Iran irgendwann wiederzusehen. Ihr grösster Wunsch ist es, mit ihr spazieren zu gehen, die Mutter im Hijab, Mashi mit Wind im Haar – das bedeute für sie Freiheit.

Man kann den Hijab akzeptieren, ohne ihn zu promoten, kann ihn gutheissen, ohne ihn zu feiern. Solange aber Verschleierung nicht für alle Frauen eine freie Wahl ist, solange nicht alle Frauen dieser Welt ihr Haar zeigen, im Minirock flanieren, mit tiefem Dekolletee ins Restaurant und im Bikini am Strand liegen können, solange ist Sensibilität angebracht und Zurückhaltung mit unsinnigen Kampagnen für ein Kleidungsstück, das vielen Menschen Leid und Schmerz bereitet. Indem wir den Hijab zu etwas Grossartigem hochstilisieren, machen wir uns zu Assistenten von Unterdrückern.

veröffentlicht Weltwoche, Januar 2019