Montag, 8. April 2019

Gendersprache: Hannover gendert und die Grausamkeit hat ein Ende (Tamara's Parodie bei Youtube)

Der nächste Friedensnobelpreis sollte an die Stadt Hannover gehen. Sie ändert ihre Amtssprache und befreit damit Menschen von jahrhundertelanger Diskriminierung.

Von Tamara Wernli

Die Ignoranz, mit der Leute agieren, ist manchmal erschreckend. Ein paar Beispiele: Bei Referaten brüskieren sie ihre Mitmenschen mit der unreflektierten Pauschal-Begrüßung "Damen und Herren". Personen, die aussehen wie Männer, hängen sie leichtsinnig das Etikett "Mann" an, solche mit weiblichen Erscheinungsmerkmalen nennen sie "Frauen". Sie verwenden geschlechtsspezifische Worte zugunsten des biologisch männlichen Geschlechts und unterstützen damit nicht nur freimütig das Patriarchat, sondern degradieren die Frau zur Bürgerin zweiter Klasse. "Sommelier" ist so ein Wort.

Das ist auch der Stadt Hannover aufgefallen, sie hat darum vergangene Woche ein Zeichen gegen den menschenverachtenden Umgang gesetzt: Die Stadtverwaltung verwendet künftig eine genderneutrale Verwaltungssprache. Der gesamte städtische Schriftverkehr, E-Mails, Pressemitteilungen, Broschüren, Formulare, Flyer, Hausmitteilungen, Rechtstexte und Briefe werden neu "geschlechtergerecht" formuliert sein, so eine Sprecherin der Stadt gegenüber dem Magazin Spiegel. Die neue Regelung gilt für 11.000 Mitarbeiter*innen. Statt „Lehrer und Lehrerinnen“ heißt es neu „Lehrende“, aus „Rednerpult“ wird „Redepult“. Die würdelose Anrede "Herr und Frau" wird es nicht mehr geben, nachdem sie immer wieder zu multiplen Herzkreislaufstörungen geführt hat. Auch "Wähler" werden entsorgt. "Es ist ein wichtiges Signal und ein weiterer Schritt, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen", sagt Oberbürgermeister Stefan Schostok. Wo es möglich ist, sollte man "geschlechtsumfassende Formulierungen" verwenden. Wo dies nicht geht, dürfe auch das Gender-Sternchen zum Einsatz kommen – etwa bei Dezernent*innenkonferenz.
Persönlich finde ich es richtig, dass eine Stadt ihren gesamten Schriftverkehr, E-Mails, Pressemitteilungen, Broschüren, Formulare, Flyer, Rechtstexte und Briefe mit einer neuen, 'gendergerechten' Sprache gestaltet. An der alten haben sich nämlich vier Personen gestört.

Man sollte die Relevanz hier nicht verkennen. Im deutschsprachigen Raum haben Menschen während vieler Jahrhunderte an ihrer Sprache gelitten, in der Schweiz, in Österreich und Deutschland haben sie beklemmende Zustände erleben müssen. Es gab Streiks, dann Volksaufstände und Bürgerkriege. Schon nur die Vorstellung, dass Menschengruppen, die sich nicht innerhalb der Kategorie von Mann und Frau identifizieren, Begrüßungen wie "Sehr geehrte Damen und Herren" ertragen mussten, macht einem fertig. Die deutsche Sprache ist problematisch, weil sie unüberwindbare gesellschaftliche Barrieren schafft, vor allem aber unterdrückt sie weibliche Menschen – wer denkt schon an Mädchen, wenn von "Lehrlingen" gesprochen wird, wer hört einer Frau zu, die hinter einem "Rednerpult" steht? Und weil "Wähler" viele abschreckt, haben sich gerade Damen bei Abstimmungen in den letzten Jahren kaum an die Urne gewagt.

Wer*welche jetzt sagt, dass neue Wortschöpfungen wie "Dezernent*innenkonferenz" eine Verschandelung der deutschen Sprache sei, der/die sollte vielleicht mal das Wort "Dezernent" nachschlagen. Wenn wir die Konferenz für die "Sachbearbeiter*innen mit Entscheidungsbefugnis bei Behörden und Verwaltungen" (Wikipedia) in schriftlicher Korrespondenz jedes Mal "Konferenz für Sachbearbeiter*innen mit Entscheidungsbefugnis bei Behörden und Verwaltungen" nennen müssten, wo kämen wir hin? Die Nörgler sollten auch mal zur Kenntnis nehmen, dass Genderneutralität vieles einfacher macht.

Die 11'000 Hannoveraner*innen & Diverse Staatsangestellten sind die Stützen der modernen Gesellschaft. Täglich wenden sie sich mit Hingabe staatstragenden Themen zu, bestimmen Regeln für alle im eigenen Interesse, auf den Moment der Verkündigung ihrer neuen Sprachregeln haben sie ein Leben lang hingearbeitet. Es sind Menschen, die sich auch mit ihren Familien am Abendtisch weiterkümmern. Ihre Gespräche kreisen um Gender und Diversität und abbaubares Haarshampoo und die Fragen, wie man "Charmeur", "Barbier", und "Eremit" abändern könnte, und ob eine Demo vor dem Duden-Gebäude vielleicht der nächste sinnvolle Schritt ist. Solche Leute geben jemandem wie mir das Gefühl, herzlos und unsensibel zu sein. Ich sollte vielleicht zur Abwechslung mal einen wichtigen Text schreiben.

Besonders effizient sind sie bei finanziellen Belangen. Denn wenn sie nicht die Gelder von anderen verschwenden, wer tut es dann? Wobei diese Kosten im Namen der Gerechtigkeit ja nicht groß zu Buche schlagen. In Berlin zum Beispiel hatte man laut der Berliner Zeitung B.Z. vor etwa drei Jahren gendergerechte Anpassungen vorgenommen; aus dem "Studentenwerk" wurde ein "Studierendenwerk", das kostete nur rund 800.000 Euro – dank dem Länderfinanzausgleich durfte auch das verstaubte Bayern beim Bezahlen mithelfen. Unter anderem musste dafür die Fassade eines Studierendenwohnheims neu gestrichen werden, weil das alte Logo einige Menschen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gestoßen hatte.

Leute haben mir erzählt, dass die neuen Maßnahmen in Hannover sie irgendwie an "Idiocracy" erinnern, eine Science-Fiction-Komödie, die eine geistig degenerierte Gesellschaft im Jahr 2505 zeigt. Warum das so ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

veröffentlicht Weltwoche, Januar 2019