Montag, 8. April 2019

Stefan Kretzschmar und die Meinungsfreit (über 60'000 Views bei Youtube)

Der ehemalige Spitzenhandballer Stefan Kretzschmar hat sich in ein Wespennest gesetzt. Er sprach neulich im Interview mit t-online darüber, warum es keine Persönlichkeiten mehr mit Ecken und Kanten gibt. Auf die Frage, warum es so schwer ist, seine Meinung zu sagen, antwortete er im Video: "Man darf nichts Regierungs- oder Gesellschaftskritisches mehr sagen, es sei denn, es sind so Mainstream-Meinungen wie 'wir sind bunt' & 'Refugees welcome' – es gibt hier keine Meinungsfreiheit, für alles kriegst du auf die Fresse." Und: "Wir Sportler haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast kommt. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen."

Die Reaktionen darauf sind interessant. Die einen stimmen ihm zu, die anderen…. tja, tun genau das, was er kritisiert: Sie labeln seine Aussagen als "gefährlich", drängen ihn in eine politische Ecke, stellen absurde Nazi-Fragen. Vielleich soll letzteres ja lustig sein, ist es aber nicht. All das kann problematische Konsequenzen haben, wenn man von Sponsoren und Arbeitgebern abhängig ist.

Der Tagesspiegel titelte: "Stefan Kretzschmars Aussagen sind falsch und gefährlich." Im Text steht: "Der Grat zwischen der gezielten Provokation und plumper Dummheit ist oftmals ein sehr schmaler." Der ehemalige Spitzensportler wird als Provokateur hingestellt, der eine plumpe Dummheit äussert – die Dummheit ist notabene auch noch gefährlich. Mit solchen Aussagen würde Kretzschmar die "Bedeutung von Toleranz" entwerten, so der Autor. Ihn störte auch, dass die AfD Kretzschmars Aussagen retweetete – also ob Kretzschmar beeinflussen könnte, wer seine Aussagen im Netz teilt und für seine Zwecke benützt. Im Übrigen werden Äusserungen, die jemandem politisch dienen, ständig instrumentalisiert, von links und von rechts. Welcome to reality! Der Person daraus einen Vorwurf zu stricken ist unlauter und unfair.

Aber es geht weiter. Ein Autor bei "Bento" entblödete sich nicht, im ersten Satz seines Artikels die Frage zu stellen: "Ist Stefan Kretzschmar ein Kleingarten-Nazi?" Natürlich verneint er sie im Text – der Zusammenhang zu den grössten Verbrechern der Menschheit ist aber schon hergestellt. Im Titel steht: "Warum die Diskussion, ob Stefan Kretzschmar plötzlich rechts ist, nur der AfD hilft." Wenn zwei anonyme Tölpel im Internet darüber fabulieren, ist das keine Diskussion. Niemand diskutiert ernsthaft darüber, ob Stefan Kretzschmar rechts ist. Aus der blauen Häckchen-Fraktion twitterte Florian Neuhann, Korrespondent beim ZDF: "Doch, lieber Stefan Kretzschmar, jeder darf jedweden Unsinn in einem Video oder wo auch immer verbreiten."

Damit hat er grundsätzlich recht. Wir dürfen sagen und schreiben, was wir wollen, (solange es im gesetzlichen Rahmen ist). Kritik an der Regierung oder an der Einwanderungspolitik ist nicht verboten – das behauptet auch Kretzschmar nicht. Er meinte ja mit Augenzwinkern: "Wir kommen nicht in den Knast, wenn wir uns kritisch äußern".

Nur trifft Kretzschmar einen Punkt, wenn er sagt, dass Leute, die sich zu politischen Fragen vom Mainstream abweichend äussern, mit Repressalien rechnen müssen, im Sinne von Nicht-Verlängerung eines Werbevertrages. Oder auch eines Shitstormes, gesellschaftlicher Ächtung.

Abweichende Ansichten sind zwar gesetzlich erlaubt, aber differenziert formulierte Kritik wie zum Beispiel jene an der Einwanderungspolitik wird häufig gleichermassen abgekanzelt wie extreme oder rechtsextreme Positionen und Äusserungen. Sachliche Kritik wird oftmals mit "Hetze verbreiten" gleichgesetzt, das Wort "Nazi" gerne auch für Personen verwendet, die weder rechtsextrem noch Nazis sind, nicht mal rechts. Der Begriff wird heute derart verwässert und für x-beliebige verhasste Menschen verwendet, dass man damit tatsächliche Nazis verharmlost. Beispiel: In einem Kommentar zu meinem Youtube-Video über Werbeverbote werde ich "Nazibitch" genannt. Ähnliches erfahren Kollegen, die nicht zum linken und linksliberalen Medienspektrum gehören.

Sicher, mein Beispiel stammt von einem Netz-Troll. Nur stellen nicht nur anonyme Trolle Verbindungen her mit der rechten oder rechtsextremen Ecke, sondern auch "seriöse" Journalisten: Innenminister Horst Seehofer zum Beispiel habe nicht am Integrationsgipfel im Sommer teilgenommen, weil die Autorin Ferda Ataman ihn mit der "Blut und Boden"-Ideologie in Verbindung gebracht hatte. (Quelle: NTV)

Publizisten sind natürlich clever genug um den "Nazi" oder "rechts-extreme"-Begriff nicht direkt und greifbar zu gebrauchen. Aber schon nur mit dem Verknüpfen und dem beiläufigen Fallenlassen eines nationalsozialistisch geprägten Begriffes wird ein schaler Beigeschmack erzeugt und irgendeine Nähe zu der Gruppe suggeriert. Alle schreiben dann einander ab, drei Schlagzeilen später landet es als dümmliche Nazi-Frage bei "Bento".

Dass Äusserungen, die nicht Mainstream sind, skeptisch betrachtet werden, ist normal. Das war schon immer so – egal ob links oder rechts. Sobald etwas von der Massen-Meinung abweicht, wirkt es auf viele befremdlich, vor allem bei emotionsgeladenen Themen wie Zuwanderung und Flüchtlinge; eine Anti-Mainstream-Meinung zu neuen Richtlinien beim Verzollen erregt die wenigsten Gemüter.

Es ergeht aber allen Stimmen so, die sich auf die Äste rauslassen: Nicht nur Vertreter der gesellschaftlichen Mitte oder Rechte, auch Linke und Linksliberale werden für ihre Meinungen kritisiert und diffamiert. Feministinnen werden übelst beschimpft, erhalten Vergewaltigungsdrohungen im Netz. Und auch sie haben Repressalien zu befürchten. Der deutsche Comiczeichner Ralph Ruthe schreibt bei Twitter als Antwort zu Kretzschmar: "Ich vertrete seit vier Jahren öffentlich das, was du 'Mainstream-Meinung' nennst. Deswegen schreiben mir JEDEN TAG Leute, dass sie nun nicht mehr meine Bücher kaufen und nicht mehr in meine Live-Show kommen werden. Wenn ich das aushalte, schaffst du sowas auch."

Stimmt. Es gibt aber einen Unterschied, der nicht ganz unerheblich ist. Die linken und linksliberalen Meinungsmacher, Politiker, Journalisten und Publizisten haben ein Helferlein, wenn man so will: Sie haben die grossen Medienhäuser auf ihrer Seite. Denn Politikjournalisten in Deutschland stehen nun mal linken Parteien am nächsten, wie eine Erhebung von "Statista" von 2009 zeigt (und die sich nicht allzu sehr geändert haben dürfte): Mit 26,9 Prozent liegen die Grünen auf der Beliebtheitsskale vor der SPD.
Das Back Up der Leitmedien verleiht einem eine gewisse Macht. Man erhält ein Megaphon für seine Anliegen, wohlwollende Artikel inklusive. Es macht auch einen Shitstorm erträglicher, weil sofort eine gutgeölte Maschinerie zur Unterstützung in Gang gesetzt wird. 

Anstatt Meinungen wie Kretzschmars als "gefährlich", ihn als "Toleranz-Entwerter" zu brandmarken und in eine unbequeme politische Ecke zu drängen, wäre etwas Verständnis angebracht für Menschen, die aufgrund von moderaten Äusserungen berufliche Nachteile haben – und die darum die Meinungsfreiheit als eingeschränkt wahrnehmen.
Auch Kritik gehört selbstverständlich zu Meinungsfreiheit, auch wenn sie unfair oder diffamierend ist. Wir können dann entweder einknicken und uns zurückziehen, oder es ist uns egal und wir machen immer weiter. Ich habe mich entschieden. Und Sie?


veröffentlicht Januar 2019