Montag, 8. April 2019

Wieso schaden Klimaschützer der Umwelt?

Solange nicht alle Länder etwas für die Umwelt tun, sind unsere Bemühungen doch wirkungslos wie eine Windkraftanlage an windstillen Tagen. Nicht ganz.

Von Tamara Wernli

Irgendwie mag ich das Mädchen. Greta Thunberg, eine Art Mutter Theresa des Klimas, wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als Initiatorin der Klimaschutz-Bewegung #FridaysForFuture habe sie etwas Grosses angestossen, das sei ein wichtiger Beitrag zum Frieden.

Mit ihren Ideen begeistert die 16-jährige, die mit dem Zug ans Davoser WEF reiste und 65 Stunden Hin- und Rückfahrt in Kauf nahm, eine ganze Generation – und wenn sich junge Menschen für eine bessere Umwelt einsetzen, ist das etwas Gutes. Persönlich glaube ich an den Klimawandel, und dass er auch von Menschen gemacht ist. Fracking, die Abholzung grosser Teile des Regenwaldes, Tonnen von Müll im Meer und CO2-Ausstoss werden unseren Planeten früher oder später an den Rand des Kollapses befördern. Überbevölkerung auch, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich bin von Natur aus Fleischliebhaberin. Aber so sehr ich mich für die Umwelt erwärme – während dem Verzehr eines saftigen Rindsfilets denke ich keinen Moment an den Regenwald, obgleich dessen Flächen für den Sojaanbau, dem Futter des zarten Rindes zwischen meinen Zähnen, radikal rasiert werden. Welchen Unterschied macht es, wenn ich weniger Fleisch esse? Schauspieler Christoph Waltz sagt im Blick-Interview: „Wenn ein Einzelner eine Batterie recycelt, ist das gar nichts. Aber wenn 6 Milliarden Menschen es tun würden, dann könnte es den Ausschlag für 20 weitere Jahre Überleben geben.“ So ist es. Und daher gönne ich mir höchstens zweimal pro Woche Fleisch, und wenn, dann Bioqualität aus der Schweiz. Ein 500Gramm-Pack importierter Chicken Nuggets für 2.99 Euro halte ich für eine Perversion. Trotz allem, mein ökologischer Fussabdruck ist wohl um ein x-faches grösser als der meiner Grossmutter.

Durchdrungen von ihrer Hingabe an eine bessere Welt erheben sich viele Klimaaktivisten über den Rest der Gesellschaft, beanspruchen Moral und Pflichtgefühl für sich. Mit erhobenem Zeigefinger drängen sie andere Leute und Politiker zum Handeln. Lustig wird es, wenn ausgerechnet die Aushängeschilder der Klimabewegung aber über ihre eigene Öko-Bilanz straucheln. Wie etwa die 22-jährige Deutsche Luisa Neubauer, deren Instagram-Account zahlreiche (mittlerweile gelöschte) Fotos von Reislein an entlegenste Orte der Welt zierten, wie der Autor Don Alphonso entdeckte, was ihr den Hashtag #LangstreckenLuisa einbrockte. Oder die sozialistische US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez mir ihrem „Green New Deal“. Die „New York Post“ enthüllte, dass die 29-jährige für sich und ihr Team 1049 Transaktionen für Uber-Fahrten und Automiete während ihres Wahlkampfes auflistete und fast 30‘000 Dollar ausgab – obwohl ihr Büro eine Minute von der U-Bahn-Station entfernt lag. Hinzu kamen 66 Flug-Transaktionen – bei 18 Zugfahrten.

Die jüngeren Generationen geben sich im Panikmodus aufgrund des weltweiten CO2-Ausstosses, gerade sie aber lassen sich ihren trendigen Lifestyle nicht madig machen, auch nicht durch den Klimafeind Flugzeug – obwohl „ein einziger Urlaubsflug das Klima stärker aufheizen kann als ein Jahr lang Auto fahren und das Haus mit Erdöl heizen zusammen“ (WWF). Laut dem Mikrozensus Mobilität von 2015 fliegt die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in ihrer Freizeit nicht nur am meisten. Sie fliegen auch mehr als doppelt so viel wie die 65-79-jährigen, also jene Gruppe, zu der die Mehrheit der mit den Klimastreiks angesprochenen Politiker zählen dürfte.

Natürlich man kann sich fürs Klima einsetzen und trotzdem Flugzeug und Minivan benützen. Oft geht es einfach nicht ohne Flug, gerade im Beruf. In den USA einen Wahlkampf führen ohne Flüge ist wohl unmöglich, und ein bisschen Leben muss man schliesslich auch noch. Wer sich aber an vorderster Front - mit Betonung auf vorderster Front - „engagiert“ und selber mehr Kohlendioxid in die Luft jagt als so manches Durchschnittsindividuum, der muss sich über Spott nicht wundern. Öko-Star und hohe Rechnungen für Automiete, Klima-Postergirl und Weltumjetterin – das passt so wenig zusammen wie Wurstplatte und Veganerparty, darum empfinden es viele Leute als Heuchelei. Die Birkenstock-Grünen von früher, die wir damals belächelten, haben auf der Höhe ihrer Forderungen gelebt. Der hippe Klimaaktivist von heute ist Weltreisender, besitzt (jedes Jahr) das neuste Smartphone, Tablet, Laptop und einen 80‘000 Franken-Tesla, mit dessen Akkus ein halbes Dorf betrieben werden kann. Und selbst wenn er das Fahrrad nimmt, dann eines mit E-Motorantrieb.

Wie gesagt halte ich das Engagement der Jugend für die Umwelt für eine gute Sache. Ich hätte aber eine Idee: Warum nützen Schulen die aktuelle Klima-Aufmerksamkeit nicht als Chance zur praktischen Umsetzung für die Jugend? Statt dem freitäglichen Schulschwänzen könnte ein halbjähriges Projekt gestartet werden mit dem Ziel der vorbildlichen Nachhaltigkeit, an dem auch Eltern und Schule mitwirken: Mütter bringen ihre Kids statt mit dem SUV mit dem ÖV zur Schule. Mensas tischen kein Fleisch mehr auf. Fahrrad statt E-Bike, Schulreisen per Zug, ein Freizeitflug pro halbes Jahr pro Kopf. Smartphone-Einzug bei jedem, der mehr als zwanzig Mal pro Stunde draufschaut (zwei Google-Suchanfragen setzen so viel CO2 frei wie eine Tasse Tee kochen, hat ein Physiker der Harvard University herausgefunden). Klingt nach viel Verzicht? Es wäre ja auch nur ein zeitlich beschränkter Versuch.

Vielleicht werden Greta und die jungen Aktivisten ja eines Tages mit Forschung und Aufklärung zur Lösung der Umweltfragen beitragen. Dann wäre der Schwedin der Friedensnobelpreis von Herzen zu gönnen.

Weltwoche März 2019