Mittwoch, 30. Oktober 2019

Adieu, Sexyness! Adieu, Cheerleader!


Nach den F1-Gridgirls, den Dart-Girls und den Podium-Damen beim Radfahren werden jetzt auch die Cheerleader abgeschafft. Willkommen zur neuen Prüderie. Von Tamara Wernli



Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein sportliches Hobby. In ihre Leidenschaft investieren Sie unzählige Stunden, Energie, Schweiss – Sie gehören damit sogar zu den Besten in Europa, nehmen an Wettkämpfen teil und erfreuen viele Zuschauer mit Ihren Auftritten. Nun aber ortet jemand plötzlich ein Problem. Er entscheidet, dass Ihre Darbietungen "nicht mehr in unsere Zeit" passen und entzieht Ihnen die Show-Plattform. So gerade geschehen bei Cheerleadern in Berlin. Die Hysterie rund um den Sexismus kennt kein Halten mehr – und trifft dabei die Falschen. 

Der Basketballclub Alba Berlin kündigte die Änderung jüngst auf seiner Webseite an: "Wir verabschieden uns nach 25 Jahren von den ALBA Dancers", so Alba-Geschäftsführer Marco Baldi. "Zukünftig werden in den Spielunterbrechungen der ALBA-Heimspiele keine Cheerleader mehr auftreten." Die Tänzerinnen hätten in den letzten 25 Jahren Tolles geleistet. „Wir sind aber zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt." Man wolle stärker fördern, dass Frauen im Basketball als Spielerinnen sichtbar werden. 
Das Ereignis passt so vortrefflich in die heutige Zeit, dass ich es vor über einem Jahr schon in einer Kolumne vorausgesagt hatte: "Nach den Gridgirls werden die Ehrendamen beim Radfahren verbannt. Dann die Nummern-Girls beim Boxen. Dann die Cheerleader." Wäre es nicht einfacher, man würde Glamour und Sexyness grundsätzlich aus der Gesellschaft verbannen? 

Man möchte in dem Club also vermeiden, dass die Tänzerinnen als Sexobjekte wahrgenommen werden – oder so ähnlich. Das ist nobel. Vermutlich sind wir nur Momente davon entfernt, dass der Verantwortliche eine Medaille für "Frauenstärkung" erhält. Nur, Cheerleading ist eben keine Show, wo leichtbekleidete Damen ein bisschen herumtwerken. Sicher, der eine oder andere Zuschauer wird mehr Freude an dem Tanz als am Basketballspiel selbst haben. Cheerleading ist aber vor allem harter Sport und aufwendige Choreographie. Cheerleader sind Athletinnen, trainieren mehrmals pro Woche. 

Warum soll die sportlich geniale Pausen-Unterhaltung also nicht in unsere Zeit passen? Wer bestimmt, was zeitgemäss ist? Sind knapp bekleidete Damen jetzt per se schlecht? Und wo sollen sie ihre Shows künftig vorführen, in ihrem Keller? Vielleicht fällt es ihnen ja nicht auf, aber indem sexistisch-geschulte Frauenversteher wie die Baldis dieser Welt Cheerleader als "attraktive Pausenfüller" bezeichnen, entwerten sie die Frauen gleich selbst – und doppelt. Denn damit deutet man ja gerade an, sie seien Sexobjekte, während man ihnen gleichzeitig ihre Kompetenz als Sportlerinnen aberkennt. Wie die Reaktion der Cheerleader zeigt, sehen sie das ähnlich. Die ALBA-Cheerleader-Chefin Valesca Stix sagt bei Bild.de: „Ein Klub kann sich natürlich umorientieren, was das Rahmen-Programm angeht. Aber die Begründung in unserem Fall ist natürlich komisch. Dass wir so dargestellt werden, ist nicht schön.“ 

Anfang 2018 schaffte die Formel1 die Gridgirls ab, sexy gekleidete Hostessen, die im Motorsport für Promotionsjobs eingesetzt werden. Raten Sie mal, wie die betroffenen Frauen damals reagiert haben. "Danke, endlich, ich habe mich im Job schon immer schlecht gefühlt"? Nicht ganz. Unmissverständlich haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht gerettet werden wollen. Gridgirl Lauren-Jade schrieb bei Twitter: "Die Welt dreht gerade durch! Angeblich verteidigen uns diese Feministen, aber in Wirklichkeit verlieren wir wegen ihnen unsere Jobs! Während den acht Jahren, die ich als Gridgirl gearbeitet habe, habe ich mich kein einziges Mal schlecht gefühlt! Ich tue es, weil ich es gerne tue und weil ich die Wahl habe." Niemand sollte ihr vorschreiben dürfen, was sie arbeite. Auch das berühmte Model und F1-Fahnengirl Kelly Brook meinte: "Sie wollen uns verteidigen, aber das tun sie nicht." Der "Sun" sagte sie: "Feministen bevormunden uns, sie versuchen uns das Recht zu nehmen, eigene Entscheide zu treffen." 

Beim Feminismus geht es ja angeblich um die Würde der Frau, konkret: Wir sollten nicht als auf unsere Körper reduzierte Objekte dargestellt werden (der moderne Kampfbegriff dafür heisst "Objektifizierung"), es geht um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Wenn nun aber Leute über den Kopf von Frauen hinweg bestimmen, welcher Job, Sport oder welches Hobby gut für sie ist (oder für das Publikum), und wie sie ihren Körper einsetzen sollen, stärkt das nicht die Würde der Frau. Wenn wir selbstbestimmt und freiwillig Entscheide treffen, diese Wahl uns aber im Namen von 'Female Empowerment' weggenommen wird, ist es genau das Gegenteil: Man nimmt uns das Recht auf Selbstbestimmung. Das ist Bevormundung und schadet uns letztlich mehr, als dass es uns nützt. Solange die Neo-Prüdisten aber anderen ihren eigenen Moralvorstellungen überstülpen können, kümmert sie das scheinbar wenig.

Angesichts der Tatsache, dass also Athletik gepaart mit Sexyness 2019 nicht mehr zeitgemäss ist, sollte man konsequenterweise auch Eiskunstläuferinnen und Beachvolleyballerinnen verbannen. Die Stärkung der Frau kann nämlich nur erreicht werden, wenn endlich alle attraktiven Sportlerinnen von der Bildfläche verschwunden sind. 

Weltwoche Okt. 2019