Mittwoch, 30. Oktober 2019

Dieter Nuhr und die Massenhysterie (knapp 80'000 Views auf Youtube)

Dieter Nuhr hat es gewagt, in seiner ARD-Comedyshow Sprüche über Greta und das Klima zu machen. How dare you, Dieter! Zu viele Comedians machen Witze, die nicht jedermanns Geschmack treffen. Spotten über Dinge, die wichtig sind. Machen sich über Leute lustig, statt ihnen zu huldigen.
Wir sollten alle geschlossen den Humor boykottieren. Von Tamara Wernli


Greta wird wohl nicht heizen im Winter, hat Kabarettist Dieter Nuhr neulich in seiner Comedy-Show im Ersten gelästert. Er sagte: "Wenn unsere Kinder glauben, dass man die ganze Welt mit etwas Wind und Sonne betreiben kann, sollte man ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen, wo sie dann ihr Handy aufladen können." (Der ist wirklich gut!) In der gleichen Sendung hat er aber auch auf die Dringlichkeit des Umwelt-Themas hingewiesen – und nicht nur Sprüche über Grüne und Linke gemacht, sondern auch gegen Rechte ausgeteilt. Er tut eigentlich GENAU das, was Satire tun sollte: Er nimmt extreme Pole links und rechts unter Beschuss.

Nur gefallen seine Klima-Witze einigen Klima-Bewegten überhaupt nicht. Michael Flammer empört sich bei Twitter: "Wie geschmacklos ist das denn bitte, Herr dieternuhr? Es tut mir fast körperlich weh, dass ich mit meinen Gebühren Ihre Show mitfinanzieren muss. So viel Stimmung, wie Sie gegen #FridaysForFuture machen, ist aus meiner Sicht keine Satire mehr. Das ist reine Meinung." Aus seiner Blase erhielt er viel Zustimmung.

Meinung?! Stimmungsmache?? Naja, dieselben Leute, die #Nuhr wegen seiner Satireshow Stimmungsmache und "Meinung" vorwerfen, regen sich bestimmt auch immer fürchterlich über Comedians wie Jan Böhmermann auf, von wegen Stimmungsmache und Meinung und so. Weil der ist ja auch so überhaupt nicht politisch. Wenigstens ist man hier also konsequent.

Es wurde auch gemahnt, dass Nuhr nicht über "Kinder" spotten sollte, Satire sollte sich ausschliesslich gegen die mächtige Obrigkeit richten. Ist das ein Gesetz, dass sich Satire nur über Mächtige oder Politiker lustig machen darf, wo steht das geschrieben? Dann würden ja etwa 80% aller Themen 'falsch' ausgewählt. Ausserdem ist eine Bewegung wie Fridays for Future oder Greta selbst ja auch mächtig. Sie spricht vor der UNO, sie wird von den Mächtigen und Wichtigen dieser Welt angehört und empfangen, auf Twitter hat sie knapp 3 Millionen Follower, die Medien huldigen ihr. (Klimaaktivisten und Medien sind sowieso nachhaltig ein starkes Team).

Die Klima-Aktivisten, die sich über Nuhr empören, hat wohl gestört, dass er FFF ein bisschen als das entlarvt, was es halt ist. Eine Teenie/Jugend-Bewegung, die den Komfort des westlichen Lebens beansprucht und über die Wirtschaft schimpft, obwohl sie in deren Wohlstand sehr komfortabel aufgewachsen ist. Natürlich sind die jugendlichen Demonstranten nicht das Problem, die Medien jedoch schon, die auf jeden ihrer Piepse eingehen. Dasselbe geschieht auch bei der noch radikaleren Gruppe Extinction Rebellion, deren Aktivisten Gebäude mit Blut bespritzen, Strassen blockieren oder auf Flugzeuge klettern: Das kann man selbstverständlich unterstützen, dann darf man sich aber über Spott oder Nuhr-Satire nicht wundern.
Nuhr selbst bleibt ja immer schön unbeeindruckt. Auf Twitter macht er Werbung für die nächste Show: "Damit alle wissen, wann der Shitstorm anzufangen hat." Und in besagter Show doppelt er dann nach, meint, er habe nicht gewusst, "dass man Greta huldigen muss ohne Einschränkung, er habe vergessen, dass wir hier keine Satire machen sondern einen Gottesdienst."

Satire kann man gut oder schlecht finden, man kann von mir aus auch empört sein, um das geht’s gar nicht mal sooo sehr. Was mehr irritiert, ist die Überreaktion, die gnadenlose Verteufelung der Person. Derselbe Herr Flammer hat unter seinen ersten Tweet noch geschrieben: "Und liebe @ARD_Presse, @DasErste, finden Sie das wenigstens witzig? Sie strahlen solch platte Meinungsmache aus und liefern Stoff für jeden Stammtisch. Nach dem Motto, was wir in Deutschland machen, spielt keine Rolle fürs Klima. Wir streiken auch für Ihre Kinder."
Er findet also, dass die ARD solche Satire am besten nicht ausstrahlen sollte, dass man solchen Comedians keine Bühne, keine Aufmerksamkeit geben sollte. Dass man sie eigentlich canceln sollte. Es gibt sonst keinen anderen Grund, den Sender, also den Arbeit- oder Auftraggeber, gleich mitanzuschreiben. Und genau das geht über die übliche Kritik hinaus. Denn da will man gezielt Druck ausüben. Es würde mir nicht mal im Traum einfallen, jemanden bei Twitter zu kritisieren mit Kopie an seinen Arbeitgeber. Aber hier wird insistiert, in der Hoffnung, dass man sich bei der ARD überlegt, den unsäglichen Nuhr mit seinen Greta-Witzen aus dem Programm zu streichen.

Und wir sind bei der Cancel Culture. 

Der Begriff kommt aus Amerika, es ist ein zeitgenössisches Phänomen, wo man Leute oder Institutionen, die einem nicht zusagen oder deren Ansichten einem nicht gefallen, in den sozialen Medien (aber auch ausserhalb) anprangert, diskreditiert, verteufelt. Es ist dann jeweils eine grosse Gruppe, die sich zusammenschliesst und mit ihrer Wut oder ihrem Hass auf eine Person abzielt. Kritik ginge ja in Ordnung, Kritik ist gut, aber Cancel Culture geht eben viel weiter: Man will diese Leute zum Schweigen bringen, will, dass sie von der Bildfläche verschwinden, keine Aufmerksamkeit mehr erhalten. Wenn ich die Person nicht gut finde, dürfen sie alle anderen auch nicht sehen, oder lesen, oder hören. Man will ihnen so eigentlich ihre Existenzgrundlage vernichten. Beliebte Mittel sind wie erwähnt, die Person beim Arbeitgeber schlechtmachen, dort Druck aufbauen. Und in vielen Fällen funktioniert's.

Bei uns ist es (noch) nicht so weit fortgeschritten wie in Amerika. Es passiert nicht oft, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, weil sie bei einigen unbeliebt sind. Aber es kommt vor. In Deutschland verlor gerade neulich ein Mann seinen Job als Chef der hessischen Filmförderung, weil er mit dem falschen Politiker (Jörg Meuthen, AfD) zu Mittag ass. Kulturschaffenden missfiel das, sie machten Druck auf die Kulturorganisation, drohten, nicht mehr mit der Hessen-Film zusammenarbeiten zu wollen, wenn deren Geschäftsführer weiter im Amt bleibe, wie Jan Fleischhauer in seiner Focus-Kolumne schreibt. Sie sammelten Unterschriften, die die Entlassung von Hans Joachim Mendig forderten. Es gab eine Krisensitzung, dann hat man ihn des Amtes enthoben. Man habe den Imageschaden begrenzen müssen, sagte die Kulturministerin, eine Grüne.
Nebst unliebsamen Meinungen oder "falsche" Lunches gibt’s noch andere Gründe fürs canceln. In den USA sind sie wie gesagt schon viel weiter. Kevin Spacey wurde gecancellt – weil er einen Mann sexuell belästigt haben soll. Als die Anschuldigung publik wurde, schmissen die House of Cards-Macher Spacey per sofort aus der Serie. Seine Agentur beendete die Zusammenarbeit, aus einem Film wurde er kurz vor dem Kinostart herausgeschnitten. Seine künstlerische Basis wurde zerstört – obwohl die Anklage wegen sexueller Belästigung dann diesen Juni fallen gelassen wurde. Man ist sehr schnell, über jemanden zu urteilen – aber sehr langsam, um ein Urteil abzuwarten, oder eine Sache erst mal zu hinterfragen.
Jordan Peterson wollte man canceln, weil er sich gegen eine von der Regierung diktierte Sprache in Bezug auf Gender-Pronomen wehrte. Comedian Kevin Hart wurde wegen eines zehn Jahre alten Tweets zur Absage der Oscar-Moderation gezwungen. Seiner Kollegin Sarah Silverman wurde eine Filmrolle entzogen, weil Fotos auftauchten, auf denen sie einmal für einen Sketch Blackfacing trug. Dem Guardian sagte Silverman, Cancel Culture sei beängstigend. Wenn man einmal das Falsche sage, würde gleich jeder den ersten Stein werfen wollen, so nach dem Motto "Schau wie rechtschaffen ich bin und jetzt drücke ich den ganzen Tag 'Aktualisieren' um zu sehen, wie viele Likes ich in meiner Rechtschaffenheit erhalte."
Comedians sind, so scheints, besonders beliebte Ziele der Online-Aktivisten. Das liegt wohl daran, dass viele sich der political correctness nicht beugen, sie machen Witze über alles Mögliche, das ihnen auffällt, und das schliesst halt auch Minderheitengruppen oder eine Greta nicht aus. Dave Chappelle zum Beispiel nimmt in seinem Netflix-Special "Sticks and Stones" viele unterschiedliche Gruppen aufs Korn – auch solche über die man laut den Moral-Diktatoren keine Witze machen darf.

Und jetzt kommt der Punkt: Jahrelang hat man diese Comedians lustig gefunden, hat sie gefeiert, und jetzt, wo sie Witze machen, die einem nicht gefallen, will man sie gleich zerstören. Eigentlich zeigt das ganz gut, dass diese Leute Humor nicht verstehen. Denn ihre Hysterie entlarvt sie: Wenn sie lachen, Lachen sie nur aus Häme, wenn die Pointe über Dinge oder Leute ist, die sie sowieso nicht mögen oder gar verabscheuen. Sie benützen die Comedians wie eine Art Waffe. Das ist der falsche Humor.
Vor allem hat es nichts mit Humor zu tun, wenn man verlangt, dass nur über bestimmte unliebsame Leute oder verhasste Gruppen gespottet werden darf – weil sich die Witze dann GEGEN diese Leute richten. Satire beobachtet alles gleichermassen, greift gesellschaftliche Trends auf allen Seiten auf – wir können alle mal drunter kommen. Und natürlich gibt’s auch schlechten, geschmacklosen Stil, aber darum geht hier ja gar nicht. Schon mit dem Keim von Missbilligung bricht die Hysterie los.

Humor ist, wenn man auch über sich selbst lachen kann und nicht nur über jene, die man sowieso nicht mag. Und sorry, wer Comedians vorschreiben will, über was sie Witze machen dürfen und über was nicht, der nimmt sich selbst viel zu ernst, er sieht sich als Zentrum vom Universum, er benimmt sich wie ein kleiner Diktator. Und indem sich diese Leute im Internet zusammenschliessen, erhalten sie eine gewisse Macht, und die nützen sie aus – ähnlich wie Diktatoren. Chappelle sagt, sein Job als Komiker sei nie schwieriger gewesen als heute. Das glaub ich ihm.

Warum funktioniert Cancel Culture? Empörung gab's ja schon immer, Leute waren schon immer selbstgerecht, bitchig und nahmen sich viel zu ernst. Warum haben Moral-Aktivisten gerade jetzt damit Erfolg? Ich denke, das Internet hat einen grossen Einfluss, es funktioniert wie ein Brandbeschleuniger. Das hat sich daran geändert. Leute können damit (noch) nicht umgehen. Oft startet die Anschuldigung oder Empörung auf Twitter, wie auch im Fall von Dieter Nuhr. Hier formieren sich die Kampftruppen, man erhält likes und Applaus, und von dort greifen es oft die Medien auf, und die Hysterie entwickelt sich wie eine Lawine. Natürlich tut man mit der Lynchjustiz im Internet genau das, was man ja sonst ständig bei anderen kritisiert: Man drängt einzelne Leute an den gesellschaftlichen Rand. Aber das haben die Moralhüter noch nicht mitbekommen, zu sehr sind sie damit beschäftigt, die einzige Wahrheit für sich zu beanspruchen.

Cancel Culture gibt den Aktivisten eine gewisse Macht, aber nur, wenn man sich canceln lässt.
Aber das ist das Problem: Denn obwohl es viele bestreiten, das Canceln passiert tatsächlich täglich auf irgendeine Art und Weise, Leute sagen in der Öffentlichkeit nicht mehr was sie wirklich denken. Und damit mein ich nicht üble Beschimpfungen oder dergleichen. Das kann heute schon nur ein sachlich angeführtes Argument zu einem kontroversen Thema sein. Wer die heutige Debattenkultur als 'verbalen Terrorismus' bezeichnet, hat nicht ganz Unrecht.

Es fehlt vielleicht auch ein bisschen an Mut, um sich gegen die lauten Moralisten von linker und auch rechter Seite aufzulehnen. Auch Unternehmen knicken ein, weil sie keine schlechte Presse wollen. Heute ist es ja oftmals nicht mehr der Chef, den man kennt, der mit seinem Namen für einen Entscheid hin steht und der Risiken eingeht, sondern es sind anonyme Gremien, ein VR, es ist oft ein Team, der sich die Verantwortung teilt, jeder macht seinen Job für höchstens drei bis vier Jahre. Warum soll der PR-Chef also ein Risiko nehmen, die Firma gegen einen Shitstorm im Netz verteidigen, wo es doch bequemer ist, das Produkt, das für Empörung sorgte, oder die Person,
einfach aus dem Sortiment zu nehmen?

Aber, es gibt auch Hoffnung. Peterson konnte nicht gecancelled werden. Dave Chappelle füllt trotz füllt trotz anhaltender Kritik von beleidigten Leberwürsten riesen Hallen. Vielleicht ist es ja ein Zeichen, dass Leute langsam genug haben von der Hysterie und der moralen Panik. Ich bin optimistisch. Und darum lautet meine Botschaft heute: Hey Leute, lacht mal ein bisschen über euch selbst und nehmt euch nicht immer so ******* ernst.


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