Mittwoch, 30. Oktober 2019

Frauen haben weniger Interesse am Ingenieurstudium. Ja, und?


Frauen haben weniger Interesse an technischen Studiengängen. Wenn man die Anforderungen für die Damen senkt, motiviert man sie aber nicht eher. Man stellt sie als dumm dar. Von Tamara Wernli


Um mehr Frauen für das Ingenieur-Studium zu begeistern, macht die University of Technology in Sydney (UTS) den Damen ein Präsent, sie setzt die Einstiegshürden für sie tiefer an. Wie die Zeitung "Sydney Morning Herald" berichtet, werden die ATAR-Punkte für weibliche Interessenten im nächsten Jahr um 10 Punkte nach unten angepasst. Die Direktorin der UTS begründet den Entscheid damit, dass eine bessere Geschlechterdurchmischung schulische Leistungen steigern und zu "besseren Gebäuden und Design" auf der Welt führen würde. Australien ist zwar weit weg. Aber auch bei uns sind Gerechtigkeitsverfechter davon überzeugt, dass Frausein ein Hindernis für Erfolg bedeutet und wir darum eine bevorzugte Behandlung brauchen.

Frauen vermehrt für technische Studiengänge und Berufe zu motivieren, macht Sinn. Die Branche ist vielseitig, die Gehälter sind lukrativ. Und wenn ich an Dinge wie Umkleidekabinen denke, wo die offensichtlich männlichen Konstrukteure das Problem mit absackenden Fleischschichten und Orangenhaut nicht kennen und mit Design- und Beleuchtungskonzepten regelmässige Traumata auslösen, fragt ich mich tatsächlich, ob eine Frau das nicht anders, mitfühlender entwerfen würde. Dass Regale im Supermarkt zu weit oben hängen oder Werkzeug "konsequent auf Männerhände ausgerichtet sind", stört mich hingegen nicht. Für die Bearbeitung von Gegenständen durch einen Hammer gibt’s in meinem Haushalt eine Männerquote. Und diskriminierend fände ich es nur, wenn die Wimperntusche unerreichbar hoch gelagert würde.
Vielleicht konstruieren Frauen gewisse Dinge besser. Vielleicht auch nicht, denn, ob man etwas gut macht, hängt grundsätzlich nicht von dem Teil in der Hose ab.

Für Frauen zwecks Interessenboost die Anforderungen zu senken, ist aber auf mehreren Ebenen falsch. Jene Frauen, die sich ein Ingenieurstudium in den Kopf gesetzt haben, sind in der Regel intellektuell gefestigt, bewältigen schulische Hindernisse ohne Almosen – zumal es ja innerhalb ihrer Kontrolle liegt, sich entsprechend vorzubereiten. Man weiss längst, dass Mädchen oft fleissiger und disziplinierter als Buben sind und bessere Noten haben. An Schweizer Hochschulen ist die Mehrheit weiblich. Wenn sich also weniger Frauen für technische Studiengänge entscheiden, liegt es nicht daran, dass sie den Ansprüchen nicht gewachsen sind. Es ist das (männerlastige) Umfeld und die Themenfelder, die ihnen nicht zusagen. Viele Frauen interessiert es schlicht nicht, wie man Teile zusammenbaut oder Integralrechnungen anstellt.

Indem man die Einstiegshürde für Frauen herunterschraubt, untergräbt man ihren Intellekt. Man erweckt den Anschein, dass Frauen dümmer sind als Männer und es ohne bevorzugte Behandlung nicht schaffen. Ausserdem verleitet es zur falschen Annahme, dass ein Ingenieurstudium ohne grösstmögliche Anstrengung zu bewältigen ist. Böse Frage: Wollen wir jene Frauen, die die üblichen Startanforderungen, rein hypothetisch, bei einer ETH Zürich nicht bewältigen können, später wirklich als Ingenieurinnen für unsere Häuser, Brücken und Flugzeuge haben? Ich finde es geht völlig in Ordnung, wenn ein Ingenieurstudium schwerer zu meistern ist als ein Soziologiestudium, und man fleissiger oder klüger oder beides sein muss. Es muss nicht für jedermann machbar sein. Denn: Arbeitet der Gleichstellungsbeauftragte unsauber, ist das halt dumm gelaufen. Arbeitet der Ingenieur ungenau, tja. Einfachere Bedingungen schaden langfristig auch der gesamten Branche.

Bei solchen Begünstigungen zugunsten einer Gruppe spricht man unter den Befürwortern von "positiver Diskriminierung", auf Englisch "Affirmative Action": Man trifft gezielte, vorteilsgewährende Massnahmen, um der Diskriminierung einer Gruppe entgegenzuwirken. Die Praxis ist umstritten, weil - um einer benachteiligten Gruppe zu helfen - eine andere Gruppe benachteiligt wird. Die renommierte Harvard Universität zum Beispiel wendet "Affirmative Action" an und bevorzugt Afroamerikaner bei der Studienplatzvergabe. Benachteiligt werden dadurch aber alle anderen, insbesondere asiatischstämmige Bewerber, die deswegen eine Klage gegen Harvard eingereicht haben. "Positive Diskriminierung", der Begriff an sich ist schon ein Witz. Diskriminierung mit etwas Positivem zu behaften, ist etwa so wie Gewalt etwas Gutes abgewinnen zu wollen. Und als nächstes gibt's den positiven Rassismus?

Im Fall der australischen Uni hat die "positive Diskriminierung" keine so problematischen Auswirkungen wie bei Harvard. Dennoch würde ich mir als Mann ziemlich veräppelt vorkommen und sähe es als Ungerechtigkeit, wenn ich bei der Platzvergabe mehr leisten müsste als andere; auch als Frau, die schon dort studiert, empfände ich es als Affront.

Statt geschlechts-basierte Begünstigungen einzuführen, wäre es sinnvoller, durch entsprechende Projekte Interesse zu wecken, oder, noch besser, schon in Kindheit und Jugend durch Erziehung und Bildung. Eltern, Schulen und die Spielzeugindustrie sind hier gefordert, das Bild zu vermitteln, dass Technik, Bauen und Algebra Spass machen. Mit dem Senken von Anforderungen tut man niemandem einen Gefallen. Im Gegenteil, am Ende herrschen dann noch Zustände wie in dieser europäischen Hauptstadt, wo man 25 Jahre braucht, um einen Flughafen zu bauen.