Mittwoch, 30. Oktober 2019

Frauenfussball und die ewige Leier vom Pay Gap

Natürlich existiert der Paygap im Fussball. Man kann ihn mit dem Argument der Diskriminierung erklären oder mit der freien Marktwirtschaft. Nur beim ersten gibt’s Applaus. Von Tamara Wernli

Wer als Frau im Profi-Fussball mitmischt, ist bei Löhnen und Preisgeld krass benachteiligt. Denn die Herren erhalten viel mehr davon, ergo herrscht Geschlechterdiskriminierung – so zumindest der immer gleiche Reflex zahlreicher Medienvertreter. Dass dabei ein paar bedeutende Fakten unerwähnt bleiben, wen juckts.

Der News-Moderator von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Arthur Honegger, twitterte neulich: "Einfach nur krass, wie viel weniger ein Fussball-WM-Titel bei Frauen wert ist." Dazu postete er eine Anmoderation von sich selbst mit zwei Bildern der WM-Pokale, jenem der Frauen und jenem der Männern, und verkündete: "Während das Siegerteam bei der Fussball-WM der Männer 38 Millionen Preisgeld bekommt, sind's bei den Frauen nur vier Millionen für einen WM-Titel. Ein besonders krasses Beispiel von Lohnungleichheit."

Die US-Nationalspielerinnen erhalten auch weniger Basislohn als ihre männlichen Kollegen, man liest von 3600 Dollar pro Spiel versus 5000 Dollar. Der Unterschied ist auf den ersten Blick tatsächlich krass, macht wütend. Denn die Frauen stecken dieselbe Energie in den Sport, gehen dieselben Gesundheitsrisiken ein. Ausserdem besteht das Frauenteam im Gegensatz zu den Männern aus schillernden Namen, sie sind die Weltbesten – von den Frauen. Lässt man seine Emotionen aber mal beiseite, wird klar, dass verschiedene Faktoren für den Pay Gap verantwortlich sind.
Wie der Federalist schreibt, spielen die Frauen viel weniger Partien als die Männer. Dann stehen sie während der WM und den Olympischen Spielen zwar im Rampenlicht, also alle vier Jahre, während der restlichen Zeit aber ist es weitestgehend still um sie – während viele Männer in Eliteclubs vor einem riesigen Publikum spielen, ein bis zwei Mal pro Woche, und permanente Aufmerksamkeit erhalten: "Die Männer sind konsistente Cashcows."

Einer der Hauptgründe ist aber der Umsatz: Der Umsatz, den Frauenfussball erwirtschaftet, ist ein Vielfaches kleiner als jener der Männer. Die Diskrepanz wirkt sich direkt auf Lohn und Preisgeld aus: Angebot/Nachfrage – wir kennen es aus der Primarschule. "Der Lohnunterschied ist gerechtfertigt", schreibt Mike Ozanian bei Forbes, gemessen am Umsatz, würden Frauen sogar mehr verdienen. Die Frauenfussball-WM 2015 "erwirtschaftete fast 73 Millionen Dollar, davon erhielten die Spielerinnen 13 Prozent. Die Männer-WM in Südafrika 2010 generierte fast 4 Milliarden, davon gingen 9 Prozent an die Spieler." Zu 2018: "Die Männer-WM in Russland brachte über sechs Milliarden Umsatz ein; die teilnehmenden Teams teilten ungefähr 400 Millionen Dollar, weniger als 7 Prozent des Umsatzes." Laut The Federalist generierte die Frauen-WM 2019 zirca 131 Millionen Dollar, davon wurde an die Teams "ein Preisgeld von 30 Millionen verteilt, mehr als 20 Prozent des gesamten Umsatzes."

Diese krassen Unterschiede existieren auch unter den Sportarten. Die weltbesten Zehnkämpfer verdienen so wenig, dass viele vom Lohn alleine nicht leben können und auf Sponsoren angewiesen sind – auch wenn sie sich genauso abmühen wie Roger Federer. Im Eiskunstlauf verdienen Frauen insgesamt mehr; die Löhne sind zwar gleich hoch, aber sie ziehen lukrativere Sponsoring-Deals an Land. Die beste Eiskunstläuferin verdient aber ein Vielfaches weniger als die beste Tennisspielerin, die beste Basketballspielerin verdient nochmals weniger, denn Dameneiskunstlauf ist populär, Damenbasketball interessiert kaum jemanden.

Kommt hinzu: Frauenteams spielen nicht auf demselben Niveau wie männliche Top-Mannschaften. Die US-Fussball-Weltmeisterinnen verloren bei einem Testspiel 2017 chancenlos gegen die U15 Junioren vom FC Dallas mit 5:2. Auch der schnellste Sprinter ist schneller als die schnellste Sprinterin, der beste Gewichtheber hebt mehr Gewicht als die beste Gewichtheberin. "Für mich sind Männer- und Frauen-Tennis fast zwei total getrennte Sportarten", sagte Serena Williams bei David Letterman 2013. "Wenn ich gegen Andy Murray spielen würde, würde ich 6-0, 6-0 verlieren, in fünf bis sechs Minuten, vielleicht zehn." Männer seien die besseren Athleten.
Für viele macht diese Tatsache das Zugucken ansprechender. Und um Unterhaltung geht's letztlich – egal, ob Mann oder Frau. Wir wollen die besten Sportler in populären Sportartarten sehen. Je mehr Leute also im Stadion oder vor dem Bildschirm sitzen, ein Pay-TV-Abo haben, desto mehr Geld erhalten die Klubs für TV-Übertragung und Bildrechte, das sie an Spieler weitergeben können, und desto mehr steigt der Markenwert der Athleten.

SRF-Moderator Honegger fordert in seinem Tweet nicht gleiche Löhne im Fussball. Indem er aber zusammenhängende Fakten ignoriert, deutet er an, dass die Ungleichheit auf Geschlechterdiskriminierung beruht. Das kann man machen, aber dann präsentiert man halt nur die halbe Wahrheit. Oder, wie böse Zungen sagen würden, man betreibt populistische Stimmungsmache. Im nächsten Tweet könnte man ja noch ein bisschen an der sexistischen Welt insgesamt herummäkeln – weil ja mehr Menschen Männer- als Frauenfussball gucken.
Mich nähme Wunder, wie viele all jener, die sich über den Pay Gap im Fussball beschweren, eine Saisonkarte für Damen-Profi-Klubs besitzen und regelmässig an den Wochenenden an deren Spiele pilgern. Damit wäre den Spielerinnen auf jeden Fall (krass) mehr geholfen als mit dem ständigen Gejohle. Denn eine tolle Leistung zeigen die Ladys allemal.


Weltwoche Sept 2019