Mittwoch, 30. Oktober 2019

Wie sexistisch kann ein Videospiel sein?

Radikale Frauenschützerinnen inszenieren sich als Videospiel-Kennerinnen. Ihre Mission ist es, Videogames in erotik- und humorfreie Zonen zu verwandeln.


Selbstverständlich können Feministen nichts dafür, dass sie überall Diskriminierung orten. Durch ihre fortwährende Fixierung aufs Opferdasein sind sie schon befangen, wenn sie morgens vor die Tür treten.
Vergangene Woche kam das Videospiel "Mortal Kombat11" auf den Markt. Die Spielentwickler von
Netherrealm Studios unterzogen die Spielserie einigen Änderungen. Weibliche Charaktere – früher sexy Erscheinungen, sie trugen Bikinis und knackige Kostüme, ja, sie zeigten nackte Haut – kommen neu bis zum Hals verhüllt daher und mit hässlichen Gesichtern. "Unser Design wird reifer und respektvoller. Man hat keinen Bikini an, wenn man kämpft. Man zeigt nicht so viel Haut", hat die Firma verkündet und sich dabei dem Druck der politisch Korrekten gebeugt, oder ihn freiwillig übernommen, man weiss es nicht. Auf jeden Fall sind sie nicht die ersten: Andere Spielentwickler hatten auch schon an den weiblichen Charakteren herumgeschraubt, sie weniger attraktiv und sexy designt. Die Community ist nicht amused.

Dass die Darstellungen von Frauen in Videospielen als sexualisierend und stereotyp und Videospiele als frauenfeindlich gelten, ist nichts Neues; 2012 erlangte die feministische Spielkritikerin Anita Sarkeesian mit ihrer Aburteilung weltweit (zweifelhafte) Bekanntheit. Auch das deutsche Webportal Webcare.plus stellte jüngst fest: Gamerinnen sind in vielen Bereichen diskriminiert. Das sei ein Teufelskreis, wird eine Kulturwissenschaftlerin namens Sabine Hahn zitiert. Hahn beanstandet unter anderem, dass Frauen "nur knapp ein Viertel aller Beschäftigten in der Games-Industrie" ausmachen, dass Frauencharaktere "oft sexuell stilisiert werden" (knappe Kleidung, grosse Brüste), meist schlechter ausgestattet sind (Werkzeuge, Waffen) und oft nur Neben- oder Opferrollen haben. Als "dekorative Randerscheinung" bezeichnet eine Spielforscherin die weiblichen Figuren.

Wie es der Zufall so will, bin ich auch Spielforscherin. Ich forsche praktisch jeden Tag, und manchmal auch nachts, zu Zombies, Ego-Shootern, Konstruktions- und Fantasy-Games, seit ich 10 Jahre alt bin. Meine Message an die Kultur- und sogenannten Spieljournalisten: Die einzigen, die uns Frauen in die Opferrolle drängen und uns als dekorative Randerscheinungen sehen, sind sie selbst. Man möchte den "Experten" spontan ein Ticket fürs Theater anbieten, wo sie mit einer Kritik über den neusten "Hamlet" wohl besser aufgehoben sind.

Die Gamer-Community hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Während in den 70iger und 80iger Jahren hauptsächlich Teenager Videogames gespielt haben, sind heute auch ältere Generationen und Frauen begeisterte Zocker. Letztere machen etwa 42% der Gamer aus, wobei hier auch Frauen eingerechnet sind, die auf den Smartphones spielen. Die Game-Industrie hat reagiert mit einer ganzen Palette an "frauenfreundlichen" Spielen – solchen, bei denen man zum Beispiel Bonbons platzen lässt. Statistiken zeigen, Frauen gerne Dinge kombinieren wie bei "Candy Crush", sie spielen vor allem am Smartphone, Männer bevorzugen taktische Shooter- und Action-Spiele, wo kompetitives Verhalten im Vordergrund steht. Unter Hardcore-Gamern, also solchen, die mehr als 20 Stunden pro Woche spielen, ist die grosse Mehrheit männlich. Nach welcher Kundschaft sich Spielentwickler wohl richten, wenn sie Action-Games kreieren?

Sexy Frauen und Helden, das gefällt den Männern, es liegt in ihrer DNA. Es wäre also unternehmerischer Blödsinn, wenn auf Befindlichkeiten von Damen eingegangen würde, die solche Games gar nicht spielen. Und jene, die sie Games spielen, stören sich in der Regel kein bisschen daran, auch wenn es besorgte Frauenversteher so aussehen lassen. In Wahrheit arbeitet sich eine kleine, laute Minderheit daran ab. Ich kämpfe gegen meine Gegner lieber im sexy Kostüm und mit langen nackten Beinen denn als graue Maus oder verhüllt wie in einer Burka.

Feministen behaupten, dass Stereotype und sexualisierende Darstellungen von Frauen in Games schädlich sind, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Videospiele aus Jungs und Männern sexistische oder aggressive Lumpen machen. Wenn sie Figuren im Bikini sehen, gehen sie danach nicht raus und belästigen oder schlagen Frauen. Dass Videogames Frauen diskriminieren oder eine frauenfeindliche Kultur fördern, ist genauso absurd. Wir würden uns wohl kaum freiwillig an einem Ort aufhalten, an dem wir uns ständig schlecht fühlen. Und auch wenn wir da sexuell stilisiert werden, so what? Ein erotischer Avatar ist weder Grund noch Anzeichen für ein geringes Selbstwertgefühl – ist es ja bei den Männern auch nicht, und sie kämpfen oft mit nacktem Oberkörper und Sixpack. Hier kommt lustigerweise keiner auf den Gedanken, dass diese Stereotype schädlich oder sexistisch sein könnten. Apropos Erotik: Es gibt tatsächlich Spiele, die es auf die Spitze treiben und ja, wo Damen denkbar unpraktische Kleider tragen. In früheren Serien von "Dead or Alive" zum Beispiel prügeln sich Frauen mit übernatürlicher Oberweite, ihre Brüste springen so energisch herum, dass sie aus dem Top zu fallen drohen – da wurde wohl eine eigene Physik-Engine nur für den Vorbau entwickelt. Kann man mögen, muss man nicht.

Es arbeiten weniger Frauen als Männer in der Games-Industrie? Tja, vermutlich hat man es ihnen verboten. Frauen sind oft in Neben- oder Opferrollen? Kompletter Unsinn. Es gibt unzählige Games mit Frauen in der Leadrolle, von Lara Croft in "Tomb Raider" bis Jill Valentine in "Resident Evil" oder Yuna in "Final Fantasy X". Die Game-Industrie ist riesig, es ist für jeden etwas dabei. Überhaupt geht es beim Videospiel gar nicht so sehr um das Geschlecht des Avatars – Männer spielen als Frauenfigur und umgekehrt – es geht um die Geschichte, die Atmosphäre, die Bilder und Geräusche müssen ansprechend sein, man will Unterhaltung. Wer mal in Akihabara in Tokio war, der erkennt, wie die Stilisierung von Videogames zustande kommt.
Sollen Frauen nicht sexy sein? Nicht hübsch? Nicht gerettet werden von Männern? Nicht bewundert werden? Nicht Bikini tragen? Nicht Brüste zeigen? Ist die Video-Gender-Polizei dann zufrieden? Wir kennen die Antwort: Nein. Dann finden sie eben neue Opferfelder.

Es ist eigentlich belanglos, wenn eine Kulturwissenschaftlerin oder eine Gender-Aktivistin ein Problem mit einem Videospiel hat. Lästig wird es, wenn Unternehmen auf den Zug der "Social Justice Warriors" aufspringen. Vielleicht sollten sie wieder mehr auf die Neigungen ihrer Kundschaft eingehen, statt sich die Ideologie einiger weniger Berufsdiskriminierten zu Eigen zu machen und sich nach ihren abstrusen Forderungen zu richten. Irgendwann wird der Schuss nach hinten losgehen.

veröffentlicht Weltwoche Mai 2019