Sonntag, 30. August 2020

Unwichtigtuer - Daran erkennen Sie, wie unwichtig Sie sind


Mit der warmen Jahreszeit flattern die Event-Einladungen ins Haus. Und obwohl man sich die Gäste dort nicht ausgesucht hat, wird von einem erwartet, dass man rege an Gesprächen teilnimmt. Ob man ein beliebter, weil wichtiger Gesprächspartner ist oder man im gesellschaftlichen Umgang floppt, lässt sich sehr einfach anhand bestimmter Anzeichen feststellen. Es ist eben, wie's ist: Popularität ereignet sich nicht einfach, sie erfordert Gesprächsfertigkeiten und jede Menge Schleimerei.

Ein wichtiges Indiz dafür, dass einem die Gäste keine Bedeutung zugestehen und man in ihren Augen nur als Staffage dient, ist der Blickkontakt. Sehen einem die Gesprächspartner während des Smalltalks fortwährend über die linke und rechte Schulter, um die Umgebung nach wichtigeren Menschen abzuscannen, steht man auf der VIP-Liste weit unten. Neulich ist mir das auf einem Züricher Fest passiert, und glauben Sie mir, da schmilzt ein Stolz dahin wie das Eis im Gin Tonic.

Ein weiterer Anhaltspunkt für gesellschaftliche Irrelevanz ist der Ladenhüter-Effekt: Das Smalltalk-Grüppchen scheint sich – trotz dreimaligem Standortwechsel – immer dann zu lichten, wo man gerade steht, bis man jedes Mal wie schlechte Ware als Letzter übrig bleibt. Oder der "Drink-Rückzug": Er beschreibt die Situation, wenn Gesprächspartner immerzu das Ende seines Satzes abwarten, um dann hastig zu informieren: "Also, ich geh dann mal mein Glas auffüllen" – obwohl ihr Weinglas dreiviertel voll ist.

Natürlich würde das niemand zugeben, aber auf jedem Event stellt man sich grundsätzlich die Frage: "Wer bringt mir hier etwas?" Network-technisches Bauchpinseln und Auswechseln seiner Gesprächspartner in Anbetracht ihres VIP-Status ist nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Motivation, weil sie im Ringen um Popularität Erfolg verspricht, sonst könnte man ja gleich zu Hause bleiben. All das ist jedoch kein Trost für die weniger Wichtigen unter uns. Und auch wenn man sich bei einigen rächen könnte, indem man etwa Steven mit dem Scanner-Blick beharrlich Stefan nennt, ändert es letztlich nichts. (Aber mal ehrlich, für Eltern, die Dieter und Doris heissen, gibt's ja auch gar keinen Grund, den Sohn Steven zu nennen.)
Was läuft also schief? Laut fachmännischer Beurteilung hat man es möglicherweise mit den Emotionen übertrieben. Das erkennt man daran, dass seine Gesprächspartner hingebungsvoll den Inhalt ihres Weinglases studieren, während man als einzige innig lacht – über den eigenen Witz, nachdem man extra noch die Erklärung hinterhergereicht hat.

Oder man nimmt an, seine Geschichte sei spannender als alle anderen. Dann ist einem wahrscheinlich die "Zwei-Ohren-ein-Mund-Methode" nicht bekannt, zu der einem geraten wird: auf Events doppelt so viel zuzuhören als zu sprechen. Um möglichst viele Informationen über sich selbst an sein Smalltalk-Grüppchen weiterzugeben, hat man also seine Familiengeschichte von 1972 bis 2020 aufgerollt. Auf solch grosszügigen Umgang mit Worten reagieren Partygäste aber so säuerlich wie auf abgestandenen Wein. Apropos Wein: Die meisten Leute haben ja keine Ahnung, wie heimtückisch das Getränk sein kann, aber von Atem zu Nase ist es nur ein winziger Schritt und je nach Hauch fühlt es sich an wie ein Logenplatz am Güllefass.

Vielleicht ist ja auch der Gesprächspartner beleidigt, weil ihm unser peinliches Namen-Blackout nicht entgangen ist. Hirnforscher behaupten zwar, dass wir uns viel besser an Namen als an Gesichter erinnern können, jede einzelne Feier beweist aber das exakte Gegenteil. Für den Fall, wenn das Gesicht bekannt ist, der Verstand jedoch die Verbindung zu einem Namen verweigert, gibt's aber einen einfach Trick: "Hallo, Tamara, wie geht es dir?" - "Und Dir, mein Lieber, Corona gut überstanden?" Das "Mein Lieber" scheint auf den ersten Blick unanständig intim. Aber auf Sommerpartys, wo der Alkohol fliesst, ist es vertretbar, vor allem aber bringt es die Gegenseite in Bedrängnis, die sich nun ihrerseits nicht mehr an den Grund des herzlichen Kontakts erinnern kann.

Was ist zu tun? Den gröbsten Erniedrigungen kann man aus dem Weg gehen, indem man sich als Gesprächspartner interessanter erscheinen lässt. Zum Beispiel kann man sich im Vorfeld des Events drei willkürliche Zitate wichtiger Zeitgenossen (tot oder lebendig) einprägen, um dann im entscheidenden Moment mit dem beiläufigen Fallenlassen des Bonmots seinen Intellekt vorzuführen. (Ich nahm dafür einst Nietzsche in Anspruch; zum Problem wurde allerdings, dass das Gegenüber die Materie dann mit Hingabe vertiefte.) Nun kann man einwenden, es sei verlogen, Geistreichtum vorzutäuschen, wo keiner ist. Ja, aber wir alle haben wenig Bedarf an vielschichtigem Desinteresse, und gelegentliches Vorgaukeln erweist sich für eine Eitelkeit effektiver, als jedem Raum-Scanner zu erklären, was für ein ekelhafter Schleimer er ist.
Zu guter Letzt: Es lohnt sich, nicht jede Demütigung persönlich zu nehmen. Mir wurde einmal auf einer Dinner-Party ein Platz an der Seite eines sehr wichtigen Herrn zugeteilt. Während des Fünf-Gang-Menüs gab ich mir alle erdenkliche Mühe, ihn in ein kluges Gespräch zu verwickeln, er wurde jedoch zusehends schläfriger. Erst später realisierte ich zu meiner grossen Erleichterung, dass er völlig bekifft war.


veröffentlicht Weltwoche, August 2020

Freitag, 31. Juli 2020

Das Frauen-Paradox

Frauen präsentieren sich heute freizügig wie nie zuvor. So wirklich unwohl scheinen sie sich in der angeblich sexistischen Gesellschaft nicht zu fühlen.


Gerade im Sommer kleiden sich viele Frauen gerne aufreizend sexy. Das kann sich niederschlagen in Po-Backen, die unten aus den Hotpants drängen, oder Tops, die einen grosszügigen Blick auf den BH gewähren. Oder einfach in hübschen Sommerkleidchen und vielen nackten Beinen. Auch am Arbeitsplatz rauschen Damen heute teils mit kurzen Shorts oder tiefen Décolletés an – so dass ihre nähere Umgebung praktisch zum Hingucken gezwungen wird und die Klimaanlage wegen zu viel Pulsschlag auf Hochtouren läuft.

All das ist 2020 nichts Ungewöhnliches. Die Betonung seiner Weiblichkeit (am geeigneten Ort, zu dem das Arbeitsumfeld nicht unbedingt zählt) halte ich für etwas Schönes. Altes Naturgesetz: Je weniger Stoff, desto mehr Köpfe drehen sich. Promi-Damen machen es vor mit erotisierenden Outfits oder sexuell befreiten Tanz-Shows. Die weibliche Laszivität ausspielen kommt gut an: Das Video der Popsängerin Nicki Minaj zum Song «Anaconda», in dem sie praktisch nichts anderes tut, als in Unterwäsche mit ihrem Hinterteil in die Kameras zu wackeln, hat auf Youtube 942 Millionen Aufrufe.

Frauen sollen mit ihren Reizen tun können, was sie möchten.

Nur sollte man sich dann halt auch darüber im Klaren sein, welche Signale man damit aussendet. Präsentiert sich eine Frau immerzu ultrasexy, darf sie nicht überrascht sein, wenn sie als sexualisiertes Wesen wahrgenommen wird. Denn niemand besitzt die alleinige Deutungshoheit über sein Erscheinungsbild. Den jungen Damen im Ausgang, von denen sich einige heute optisch kaum von Stripperinnen oder Prostituierten unterscheiden, sieht man die Datenanalystin halt eher nicht an. Genauso wenig sollte sich ein Mann, der im Tanktop auf der Bank erscheint, wundern, wenn er dort mit dem Klempner verwechselt und zur verstopften Toilette geführt wird; wer im Arztkittel herumläuft, sollte sich nicht beschweren, wenn Leute von ihm eine Diagnose gestellt haben wollen.

In der Gesellschaft herrscht in weiten Teilen die Übereinkunft, dass Männer sich bessern müssen. Sie sollen sich Frauen gegenüber besser benehmen. Diese Empfehlung einigen Zeitgenossen nahezulegen, ist nicht falsch. Man braucht hier nicht einmal sexuelle Belästigung ins Feld zu führen; für eine Frau kann es schon nur unangenehm sein, von einer Gruppe von Männern angestarrt zu werden. Sensibilisierung ist daher gut.

Aber wie viel verlangt man heute von den Männern? In der medialen Öffentlichkeit wird uns weisgemacht, dass das Verhalten zwischen den Geschlechtern völlig einfach sei: Männer müssten Frauen zuhören. Nein heisst nein. Ins Décolleté gucken ist sexuelle Belästigung. Ein Kompliment zu den sexy Stiefeln auch. Ebenso ein ungewollter Flirtversuch. Späht also einer mal ein bisschen zu lange aufs knallenge Top oder wird ein Flirt gestartet (vom Falschen!) – wird das schnell einmal als unverzeihbares Fehlverhalten guillotiniert. Aber das ist Unsinn. Denn am Anfang einer Beziehung steht meistens ein Flirt, der vielleicht erst beim dritten Ansatz erfolggekrönt ist. «Nein heisst nein» würde ja heissen, dass jedem nur ein einziger Versuch vergönnt ist – und man mit der eroberten Person bis ans Ende aller Tage zusammenbleiben muss. So einfach ist das alles eben nicht.

Das Paradoxe: Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind Frauen, sei es im Privaten oder im Arbeitsumfeld, so freizügig, aufreizend und sexualisiert aufgetreten; und gleichzeitig haben sie Männern noch nie so eindringlich erklärt, dass Gucken oder Kommentieren verboten ist – weil sexuelle Belästigung – und mit harter Strafe sanktioniert wird. Wie passt das zusammen? Dass wir uns heute gegen Dinge wehren, die gestern noch irgendwie akzeptiert oder zumindest nicht offen angesprochen wurden, Grapschen, sexualisierte Abwertungen, ist gut und wichtig. Aber diese übertriebene Strenge angesichts der weiblichen Locksignale und des männlichen, evolutionsbiologischen Reaktionsverhaltens stiftet einige Verwirrung.

Hier meine gewagte These: Es gibt viele unterschiedliche Frauentypen. Frauen, die gerne Make-up auflegen, Minis und High Heels tragen, sind nicht unbedingt jene, die sich an vorderster Front über sexistische Sprüche und Hinterherschauen beklagen. Auch mit Komplimenten zu ihrem Aussehen gehen diese Ladys entspannt um.

Umgekehrt sind die Frauen, die an jeder Ecke Sexismus verorten und von Männern Besserung fordern, eher nicht jene, die sich gerne sexy präsentieren. Möglicherweise geht es diesem Typus Frauen, die alles ganz schlimm finden und Empörungs-Tweets über Pfiffe an der Baustelle schreiben, ja gar nicht um die Würde der Frau, sondern um die Aufmerksamkeit, die nicht bei ihnen ist. (Umso mehr Beachtung schenken ihnen dafür die Medien, die sie oft und gerne für ihr «Sexistische Gesellschaft»-Narrativ als Beispiel heranziehen).

Gemäss meiner Beobachtung geben sich Männer oft auch unbeeindruckt von sexy Outfits – oder sie können ihre Instinkte einfach sehr gut ausblenden. Wir sollten auch mal das Positive sehen: Der Umstand, dass sehr viele Frauen ihre erotischen Reize durch freizügige Kleidung in Szene setzen, zeigt doch eben, dass sie sich dabei nicht unwohl fühlen – auch im Bewusstsein, dass Männer insgeheim ja schon auf ihre nackten Beine und die roten Lippen reagieren. Wir sind auf einem guten Weg.

Weltwoche, Juli 2020

Das Monster

Wo sind die Umweltaktivisten, wenn man sie einmal braucht???!!!


Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass das ein alter Besen ist, lassen Sie mich trotzdem Rechen und Laubbläser thematisieren – zwecks Überwindung eines unsachlichen Gefühlsausbruchs. Ein paar Sätze aufschreiben ist allemal besser als einen Eimer Wasser von seinem Balkon aus auf das Haupt eines Laubinators zu giessen.

Der Laubinator – gut möglich, dass der Begriff schon von jemandem vor mir verwendet wurde – ist der Mann, der den Laubbläser bedient, die verhassteste Maschine der Welt. Man verzeihe mir hier die Reduktion auf das männliche Geschlecht, aber ich habe noch nie eine Frau mit dem Teil in der Hand gesehen. Mit Hilfe dieses Gerätes bläst der Laubinator Laub von der einen Seite des Trottoirs zur anderen. Er bläst es vom Boden gen Himmel – und umgekehrt. Er bläst mal zwei Blätter, mal zwölf, mal einen ganzen Haufen in diverse Richtungen, ohne dass dabei ein konkretes Endziel erkennbar wäre. Er bläst über eine Fläche von zwei Quadratmetern, dabei wirbelt er mehr Blätter in der Gegend herum als ein Orkan der Stärke zwölf. In seiner monotonen Abwesenheit entgeht ihm das vielleicht.

Es bleibt aber nicht beim Laub, da wäre der Laubinator nicht genügend ausgelastet. Er bläst alles, was sich blasen lässt, von den Hinterhöfen, Vorgärten, Türeingängen, Garageneinfahrten und Gebäudewänden: Spinnweben, PET-Flaschen, Schneeflocken, Sandkörnchen, Grashälmchen, Kieselsteinchen, auch nicht weggeräumter Hundekot muss wohl von Zeit zu Zeit daran glauben. Ich glaube, er bläst sich damit auch das nasse Haar.

Anders als ihre Mitmenschen auf den lärmgeplagten Balkonen tragen Laubinatoren immer Gehörschutz, und sie sehen aus, als ob sie mit dem Gerät eine Art Symbiose entwickelt haben. Sie scheinen immer zufrieden. Oder aber das herumschaukelnde Laubwerk übt eine undurchschaubare Faszination auf sie aus. Man weiss es nicht genau. Auf jeden Fall ist gegen den erschöpfungsresistenten Laubbläser jeder Rechen machtlos, auch wenn ein bisschen Fegen dem einen oder anderen Oberarm nicht schaden würde.

Ich möchte an der Stelle betonen, dass Laubinatoren, die das Monster arbeitsbedingt bedienen müssen, natürlich nicht für die durch sie freigesetzten kollektiven Aggressionen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Aber ihre Arbeitgeber. Und der Staat, der die Laubinatoren oft und gerne einsetzt. Denn mit Blättern bedeckte öffentliche Parks und Grünanlagen sind in seinen wachen Augen ganz offensichtlich immense Dreckschleudern, deshalb werden in der Schweiz ja auch Spazierwege im Wald vom Laub befreit. Das ist kein Witz, ich habe das schon beobachtet. Ausserdem überdeckt das Laub die Pfade, was enormes Gefahrenpotenzial birgt. Wie um Himmels willen sollen wir auf unbegehbaren Wegen, uns durch Laubfontänen kämpfend, wieder nach Hause finden? Es gilt hier wohl, einen Sicherheitsstandard zu erfüllen. Aber nebst dem staatlichen Putz-Ehrgeiz fühlen sich auch immer mehr private Laubinatoren in ihrer Freizeit dazu berufen, uns das ganze Jahr über von diesem fiesen Schmutz zu befreien.

Seit Ende der neunziger Jahre treiben Laubbläser ihr Unwesen. Und weil einzelne Blättchen von sehr widerspenstiger Natur sein können, dauert der Einsatz schnell einmal mehrere Stunden. Den kompletten Samstagvormittag. Oder den kompletten Montagnachmittag – wie heute, wo ich das alles zwecks persönlicher Entspannung aufschreibe (und Ihnen nicht nur fürs Lesen, sondern auch fürs Mitgefühl dankbar bin). Statt Sommerstimmung auf der Terrasse ist also gefühlsintensives Presslufthammer-Feeling angesagt (auch mit geschlossenen Fenstern) und immer wieder wuchtiges Staunen über die Unmengen von Laub, mit dem unser Planet offenbar überflutet wird. Mitten im Hochsommer. Ja, Hochsommer.

Nebst Bluthochdruck bewirkt das Blasgerät ein komplett neues Luftaroma: Indem es mit seinem Luftstrom von 290 km/h Feinstaub, Bakterien und Viren herumweht, entsteht ein Partikel-Mischmasch in der Luft, das sich laut Experten über mehrere Tage hält – und von seiner toxischen Zusammensetzung her wahrscheinlich locker mit Rauschpilzen mithalten kann. «Laubsauger und -bläser, die von einem Verbrennungsmotor angetrieben werden, stossen darüber hinaus gesundheitsschädliche Abgase wie Kohlenwasserstoffe, Stickoxide und Kohlenmonoxid aus», schreibt der Bund Naturschutz. «Auch die Bodenbiologie wird durch Laubsauger gravierend beeinträchtigt. Die lauten Ordnungshalter saugen mit den welken Blättern auch Kleintiere wie Spinnen und Insekten auf, häckseln und töten sie dabei. Ausserdem zerstören sie Pflanzensamen.» Ja, und bevor die Hitze des Bläsers Spinnlein, Würmer oder Insekten tilgt, wurde ihr Unterschlupf, das Laub, schon längst vom Luftstrom zerstört. Dass die meisten Geräte mit Verbrennungsmotoren funktionieren, scheint dabei nur konsequent; elektronische Laubbläser sind viermal so teuer, und das ständige Auswechseln der Akkus würde noch mehr Extraarbeit für bequeme Menschen bedeuten.

Mit dem Einsatzende des Laubinators habe ich jetzt übrigens meine 5200 Zeichen erreicht. Lassen Sie mich noch einen Wunsch äussern: Könnte sich bitte mal ein «Fridays for Future»-Aktivist dafür einsetzen, dass man zwei Blätter, die am Boden liegen, mit einem Laubrechen und nicht mit einem Laubbläser entfernt? MfG, Ihr sozialer Friede.

Weltwoche, Juli 2020

Zeitgeist Intoleranz (Identitätspolitik)

Es erheben sich stets neue Gruppen, die sich über ihre Identitätsmerkmale definieren. Diesem kollektivistischen Ansatz fallen vermehrt die eigenen Verbündeten zum Opfer.

Identitätspolitik steht für eine Politik, manche sagen Religion, bei der Gruppen und deren Identitätsmerkmale wie Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung im Zentrum stehen – anstelle des Individuums mit seinen persönlichen Merkmalen wie Charakter oder Leistung. Identitätspolitik gibt es auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Weil aber auf der linken Seite seit je Toleranz gefordert wird, ist es umso bemerkenswerter, dass die Toleranten heute die Intoleranten sind – und nicht Inklusion betreiben, einen Gesellschaftsansatz, der alle einschliesst, sondern Exklusion und Spaltung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun auch die Revoluzzer von einst Opfer der aktuellen identitätspolitischen Kulturrevolution werden – als eigentlich Verbündete. Mit den neuen, radikaleren Entwicklungen können sie nicht mithalten.

Zum Beispiel Alice Schwarzer. Sie war so lange eine Ikone der Frauenbewegung, bis sie eine falsche Toleranz gegenüber frauenfeindlichen Kulturen in bestimmten muslimischen Ländern kritisierte. Seither wird sie vor allem von der jüngeren, radikaleren Feministengeneration öffentlich als Rassistin und Antifeministin beschimpft und geächtet.

Oder J. K. Rowling. Die «Harry Potter»-Erfinderin ist Feministin durch und durch, seit vielen Jahren. Seit sie sich bei Trans-Themen einmischt und sich dafür ausspricht, dass das biologische Geschlecht eines Menschen Realität ist, wird sie von radikalen Trans- und Gender-Aktivistengruppen als grausam, gefährlich und transfeindlich diffamiert.

Oder Adidas. Der Sportartikelhersteller, der angeblich Frauenförderung hochhält und verschiedene Projekte betreibt, trennte sich jüngst von seiner Personalchefin, Karen Parkin, der einzigen Frau im Vorstand. Sie sei Rassismus nicht entschieden genug entgegengetreten. Parkins konkrete Fehler: zum einen ihre Aussage, dass sie nicht glaube, dass Adidas ein Rassismusproblem habe. Eine Gruppe von Mitarbeitern sah das anders, befand, dass sie Rassenprobleme nicht richtig anspreche. Der Druck auf das Unternehmen wuchs.

Zum anderen habe sie auf einer internen Veranstaltung vor einem Jahr Rassismus als «Geräusch» abgetan, über das nur in den USA gesprochen werde. Dafür hat sie sich zwar entschuldigt, das Wort sei schlecht gewählt gewesen. Für Adidas spielte das offenbar keine Rolle. Auch war es einerlei, dass Parkins Eindruck, das Label habe kein Rassismusproblem, ihre fachliche Einschätzung der Situation darstellte; als Personalchefin war sie ja direkt am Puls der Mitarbeiter – und könnte damit vielleicht sogar recht gehabt haben. Auch sagte sie nicht, dass Rassismus kein Problem sei, sie sieht es eben nicht so dramatisch wie diese Gruppe. All das ist weder Hass noch Hetze, sie ist weder Rassistin, noch besteht Verdacht auf Rassismus. Ihren Job ist sie trotzdem los.

Es ist richtig, wenn sich ein Multi-Konzern um Rassismusprobleme und Diversität (natürlich an Kompetenz gekoppelt!) im Unternehmen kümmert. Aber wie das nun vielfach umgesetzt wird, grenzt an Hysterie. Da trennt sich ein Unternehmen im Zuge einer «Kulturrevolution» von der einzigen Frau im Vorstand, der jetzt wieder rein männlich ist. Aus Angst vor dem Vorwurf, nicht genug gegen Rassismus zu tun. Ja, und der «wichtige Kampf für die Frau»? Gerade nicht opportun.

Warum breitet sich Identitätspolitik immer mehr aus, wird radikaler? Unter dem Titel «Wie Amerikas Identitätspolitik von Inklusion zu Division wurde» veröffentlichte der Guardian 2018 dazu einen interessanten Ausschnitt des Buches «Political Tribes» von Amy Chua.

Chuas Meinung nach hat in den letzten Jahren gerade die Linke, die sonst stets für Inklusion eintrat, aus Frust über den mangelnden Fortschritt ihre Rhetorik und Logik verlagert – weg von Inklusion und hin zu Exklusion und Spaltung. Für viele Linke sei heute jeder, der sich zugunsten von Gruppenblindheit ausspreche – also keine Unterschiede macht zwischen Hautfarbe, Rasse et cetera – auf der anderen Seite gleichgültig gegenüber Unterdrückung oder sogar deren schuldig. «Weil die Linke immer versucht, noch linker zu sein als der letzte Linke, kann das Resultat nur ein Null-Summen-Konkurrenzkampf sein darüber, welche Gruppe am wenigsten privilegiert ist, eine ‹Unterdrückungsolympiade›, die die Progressiven oft zersplittert und sie gegeneinanderstellt», schreibt Chua. «Obwohl Inklusivität wahrscheinlich immer noch das ultimative Ziel ist, ist die zeitgenössische Linke ganz gezielt ausschliessend.»

Einst beschränkte sich Aktivistenprotest vor allem auf Uni-Campusse, heute ist er inmitten der Gesellschaft angekommen: Die Studenten von früher mit ihren safe spaces und Mikroaggressionen, die snowflakes, die vor jedem negativen Gefühl beschützt werden wollen, arbeiten heute in bedeutenden Unternehmen, in Medien, können Druck ausüben oder entscheiden, wer wegen eines falschen Wortes oder einer falschen Meinung gefeuert wird. In den USA, aber auch bei uns.

Amy Chua meint zwar in ihrem Buch, dass das Pendel in den USA bald in die andere Richtung schwinge. Dieser Hoffnung mag ich mich angesichts der Entwicklungen – von Schreib- und Denkdiktatur über Empörungskultur bis zur Zerstörung von Denkmälern – nicht anschliessen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird Identitätspolitik wohl oder übel eine dominante gesellschaftliche Rolle spielen.

Weltwoche, Juli 2020

Die grosse Lüge, die immer funktioniert

Oft werden extreme Aussagen in der Öffentlichkeit verbreitet, die bei genauer Betrachtung in sich zusammenfallen. Dennoch erhalten sie von vielen tosenden Applaus.


Neulich hat Mercedes-AMG ein Gruppenfoto ihres neuen Management-Teams veröffentlicht. Auf dem Bild stehen fünf Männer. «Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der Männer sich abgrundtief für solche Fotos schämen»: Eine Twitter-Userin konnte nicht mehr an sich halten, sie brauchte bei dem Anblick vermutlich Baldriantropfen. Für ihre Entrüstung über die offenbar fehlenden Frauen im Management erntete sie riesige Zustimmung: «Ein Grund, dort keinen Wagen zu kaufen!», Mercedes solle sich fragen, ob sie für Diversität stehe, Kunden würden andere Fotos erwarten!

Ehm, nein. Die meisten Mercedes-Kunden erwarten keine anderen Fotos. Zufälligerweise bin ich eine Kundin, auch wenn ich zwecks Anschaffung eines AMG noch ein paar Kolumnen schreiben muss. Als solche ist es mir einerlei, ob Frösche oder Zebras auf dem Foto sind. Mein Anliegen ist einzig, dass mein fahrbarer Untersatz von der bestqualifizierten Person konstruiert wird, egal, ob Mann oder Frau, von mir aus kann das auch ein non-binärer, transfluider Gartenzwerg erledigen, wenn er es denn drauf hat.

Wer googelt, findet rasch noch andere Berufszweige mit reinen Männerbildern: Abfallentsorgung, Gruben- und Holzarbeit, Kanalreinigung, Feuerwehr, Militär. Einzig auf dem Foto des Zürcher Kanalreinigungsunternehmens Karo AG steht, zwischen dreissig Männern, eine Frau – ich tippe aber darauf, dass sie während der Arbeit an einem Schreibtisch sitzt, in einem Büro mit halbwegs appetitlicher Duftnote und angenehmer Temperatur. Interessanterweise hat sich noch keine Feministin je über die tiefe Frauenquote in ungemütlichen, riskanten und gesundheitsschädigenden Jobs aufgeregt. Für Heuchelei könnte man sich ja auch mal abgrundtief schämen.

AMG, der Tochterkonzern von Daimler AG, entwickelt und produziert Hochleistungsfahrzeuge, PS-starke Autos. Laut der Daimler-Pressemitteilung wurde das Management von High Performance Powertrains umstrukturiert. Hätten sich die Empörten die Mühe gemacht, das nachzulesen, wäre schnell klar geworden, dass dort absolute Spezialisten arbeiten. Man kommt nicht in die Chefetage von AMG, wenn man nicht ein bisschen was mit Rennsport am Hut hat. Eine Germanistin hätte wohl nicht ins Team gepasst.

Weiter hätten sie festgestellt, dass Daimler als einer der wenigen DAX-Konzerne im Vorstand einen Frauenanteil von 25 Prozent hat. Mit der Berufung von Britta Seeger als weltweiter Vertriebschefin wurde die Kampagne «She‘s Mercedes» ins Leben gerufen, bei der explizit Angebote geschaffen wurden, um «Frauen zu inspirieren und zu vernetzen».

Raten Sie mal, wer bei meinem Autoservice den Ölwechsel macht, Luftfilter, Zahnriemen und Pneus auswechselt und das Auto reinigt? Es sind meist Männer. Die Autobranche, gerade im Technikbereich, ist eine Männerdomäne, auch wenn sie in den letzten Jahren viele Frauen dazugewonnen hat, etwa als Mechanikerinnen oder Teilelogistikerinnen. Es ist nicht so, dass Frauen da nicht als Chefinnen reüssieren könnten. Wie überall sonst steht es jeder Frau offen, sich zur Kfz-Mechatronikerin oder -Ingenieurin ausbilden zu lassen. Nur haben die Damen eben oftmals andere Interessen, machen lieber «etwas mit Menschen». Die logische Konsequenz einer Männermehrheit ist, dass die männliche Spezies mehr in Kaderpositionen vertreten ist.

So ein einzelner Entrüstungs-Tweet würde keine Rolle spielen. Das Problem ist, dass er heute als Sinnbild steht für das, was in der medialen Öffentlichkeit passiert. Der Tweet hatte knapp 9000 Likes, das ist viel. Die grosse Mehrheit nutzt Twitter zwar nicht. Die Macht der Plattform ist aber, dass die Botschaften oft in den Massenmedien aufgegriffen werden und dort riesige Aufmerksamkeit bekommen. Der Tweet hat es sogar in die Stuttgarter Nachrichten geschafft. Medien basteln oft aus solchen unqualifizierten Aussagen, bei denen mit nicht recherchierten Inhalten ein bestimmtes Narrativ verbreitet wird und die sich über Monate und Jahre kumulieren, ihre Geschichten. Das lesen dann sehr viele Menschen, und es entsteht bei ihnen der Eindruck, dass sie wahr sind. Böse Mercedes, ganz ohne Frauen! Auch gerät durch viele solcher Artikel dann die Politik unter Druck, greift mit Dingen wie Frauenquoten in den Markt ein.

Eine Firma wie Daimler macht eigentlich alles richtig, sie fährt eine maximale diversity-Kampagne – und es bringt dennoch nichts. Weil diese Leute nie zufrieden sind. Es geht ihnen im Grunde nicht um tatsächliche Verbesserungen, denn die sind längst da. Es geht darum, unter grossem Applaus etwas anzuprangern. Es geht um die moralische Überhöhung.

Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der nicht nach Geschlecht unterschieden wird, sondern nach Kompetenz und Können. In der solche Extremaussagen wie zu dem Foto häufiger hinterfragt statt gefeiert werden. Wenn sich ein Mann «abgrundtief schämen» sollte, wenn er auf einem Gruppenfoto nur mit Männern abgebildet ist, was soll er dann nach einem verwerflichem Verhalten oder einer Straftat tun? Sich selbst kasteien? Oder sich besser gleich einen Strick um den Hals legen? Wenn harmlose Dinge dieselbe Empörung auslösen wie tatsächliches Fehlverhalten, läuft der Feminismus komplett aus dem Ruder. Das ist schon lange der Fall. Und ausserhalb der feministischen Blase ist man sich darüber völlig einig.

Weltwoche, Juni 2020

Ein Hoch auf Lisa Su: Der bestbezahlte CEO ist eine Frau

Der bestbezahlte CEO der USA ist eine Frau. Wo ansonsten jeder kleinste Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern angeprangert wird, bleibt es erstaunlich still.


Lisa Su führt als erste Frau die Liste der bestbezahlten CEOs eines US-Unternehmens im S&P 500 an. Gemäss einer Auswertung von Equilar und AP verdiente sie 2019 58,5 Millionen Dollar – mit grossem Abstand (fast 13 Millionen Dollar) vor dem Zweitplatzierten. Haben Sie in den Mainstream-Medien auch massenhaft Artikel gelesen über diesen herausragenden Erfolg? Über die erfreuliche Nachricht in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation? Ich auch nicht. Es hätte wohl das Gender-Pay-Gap- und das «Pro Quoten»-Narrativ arg in Schieflage gebracht.

Meinem Ruf zuliebe muss ich diese kleine Diskrepanz natürlich aufgreifen. In erster Linie aber möchte ich eine grossartige Frau würdigen, die es in einer absoluten Männerdomäne mit Leistung, Fleiss und Kompetenz ganz nach oben geschafft hat.

Lisa Su, 50-jährige Amerikanerin taiwanesischer Abstammung, ist Chefin des Unternehmens AMD, das Mikroprozessoren und Chipkarten für Computer produziert und die Nummer zwei hinter Marktführer Intel ist. Ihr Lohn setzt sich laut der Computer-Website Pcgameshardware.de zusammen aus einem Basisgehalt von einer Million Dollar und riesigen Bonuszahlungen aufgrund von Börsenerfolgen ihrer Firma.

Es geht mir aber nicht nur darum, wie viel sie verdient. Su steht vor allem für herausragendes Leadership. Um ihren Erfolg in die richtigen Proportionen zu setzen, muss man wissen: Sie hat mit AMD nicht einfach ein erfolgreiches Unternehmen übernommen und dessen Ertrag um ein paar Prozent gesteigert. Su wurde Chefin im Jahr 2014, zu einer Zeit, als das Unternehmen ein Underdog in der Branche war, am Rande des finanziellen Ruins, und machte aus ihm einen Top-Performer. AMD ist zwar auch heute noch ein Knirps neben Intel, aber mit den «Ryzen»-Prozessoren schaffte Su es 2017, ein äusserst konkurrenzfähiges Produkt auf den Markt zu bringen und damit den Riesen Intel ordentlich durchzuschütteln. Nun konnte man mithalten. Man muss sich das so vorstellen, wie wenn wir in unserer Garage ein Auto bauen und damit mit Mercedes konkurrieren könnten.

Startvorteil Mann? Systematische Diskriminierung Frau? Su beweist das Gegenteil. Was macht sie anders als jene Frauen, die sich als Opfer einer von Männern dominierten Arbeitswelt sehen? Ich weiss es nicht genau, habe aber eine Vermutung. Sie ist verheiratet – aber vielleicht nicht nur mit ihrem Mann, sondern auch mit dem Unternehmen. Vielleicht gehört sie zu den Frauen, die morgens um vier Uhr aufstehen, um sich den Kopf frei zu joggen, dann einen Avocado-Spinat-Shake mixen, bevor sie um sechs Uhr zur Arbeit fahren. Vielleicht denkt sie in ihrer Freizeit, wenn sie mit ihrem Mann alleine ist, über die Verbesserung der «Ryzen»-Prozessoren nach, vielleicht kreist ihr Leben ausschliesslich um Chipkarten und Mikrotechnik.

Was definitiv überliefert ist: Sie hat sich schon als Kind mit Mathematik und Technik beschäftigt; mit zehn Jahren reparierte sie die ferngesteuerten Autos ihres Bruders. Sie hat einen Bachelor, Master und Doktortitel in Elektrotechnik, alle vom renommierten MIT. Es sei immer ihr Traum gewesen, Chefin eines Halbleiter-Unternehmens zu sein, erzählt sie in Interviews, und die Leute hätten immer gestaunt, weil es ja nicht der übliche Mädchentraum sei: «Wie kannst du das wollen?!» An der Stelle gibt’s Lacher im Publikum.

«Risk Taker» titelte CNN über sie. Offensichtlich hat sie viele richtige Entscheide im Leben getroffen, gute Innovationen vorangetrieben – ist Risiken eingegangen. Im Interview mit Fortune Magazine antwortet sie auf die Frage zum Schlüssel ihres Erfolges: «In dieser Industrie macht man Einsätze über lange Zeit, sie zahlen sich manchmal erst nach drei oder fünf Jahren aus. Wir fokussieren auf grossartige Produkte und sind uns immer im Klaren darüber, was wir nicht tun wollen.» Um die Mitarbeiter hinter ihre Entscheide zu versammeln, sei «extreme Kommunikation» nötig. «Man sagt etwas 75-mal, und dann muss man es nochmals 75-mal sagen.» Damit jeder die Strategie verinnerliche.

Eine Frau bestbezahlte CEO in Amerika – ich finde, diese Nachricht sollte eigentlich in allen Medien stehen. Gibt man aber ihren Namen in Zusammenhang mit «bestbezahlter CEO» bei Deutsch-Google ein, wird ihre Rekordleistung ausser von einigen Tech-Seiten kaum erwähnt (Stand: 7.6.).

Natürlich egalisiert Sus Erfolg nicht alle Missstände in der Arbeitswelt, und die gibt es auch. Aber wenn es den feministischen Journalisten wirklich um «Female Empowerment» ginge, müsste man sie doch exzessiv erwähnen und abfeiern – statt stillschweigen. Angesichts der unzähligen Artikel, wo jeder minimalste Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ausgeschlachtet wird, uns permanent erklärt wird, warum es eine Frau im Job viel schwieriger hat, wo vorgefertigte Meinungen von der allgegenwärtigen Diskriminierung vor sich hergeschoben werden wie Panzer in der Schlacht, entbehrt das Aussparen solcher Erfolgsgeschichten nicht einer gewissen Ironie. 
Diese Art von Selbstbestimmung ist, so scheint’s, für die Opfer-Theorie nicht ergiebig, man schiesst sich lieber aufs Anprangern und Beklagen ein. Dabei wäre es doch sinnvoll, Frauen wie Su als strahlende Vorbilder für Emanzipation und Gleichberechtigung in Szene zu setzen: als Beweis, dass man es schaffen kann, wenn man das Zeug dazu hat. Herzliche Gratulation, Lisa Su!

Weltwoche, Juni 2020

Einspruch! «Männerwelten» (Joko&Klaas)

Männer Schweine, Frauen wunderbare, korrekte Wesen: So einfach, wie es in der TV-Show von Joko und Klaas dargestellt wird, ist es leider nicht.

Die deutschen Spassmacher Joko und Klaas haben neulich in ihrer Pro-7-Sendung sexuelle Belästigung von Frauen thematisiert. In dem fünfzehnminütigen Beitrag «Männerwelten» geht es in erster Linie um Penisbilder, sogenannte dick pics, um sexistische Kommentare im Netz, peinliche Chat-Verläufe.

Belästigung im Internet ist ein Problem. Durch die Anonymität fühlen sich Leute dazu berufen, andere sexistisch zu belästigen, zu beleidigen. Es kehrt bei manchen die schlechteste Seite heraus. Das Thema aufzugreifen, ist darum richtig und wichtig.

Die Autorin Sophie Passmann spricht in dem Beitrag mit Frauen über ihre Erfahrungen. TV-Moderatorinnen lesen beleidigende Kommentare vor wie «Sie soll nicht immer so tun, als hätte sie eine Ahnung von Rap, jeder weiss, sie ist nur wegen der Titten angestellt.» Ein Kameraschwenk fährt über eine Reihe Penisbilder, die Frauen unaufgefordert erhalten, auch sexistisch-perverse Chat-Anmachen werden gezeigt. An einer Stelle sagt Passmann, dass Männer Frauen als «bumsbar» bezeichnen würden – und es quasi «zur Jobbeschreibung» gehöre, «als Frau in der Öffentlichkeit so was ertragen zu müssen».

Dick pics im Postfach sind gewiss gruselig. Was pubertäre Idioten sich davon versprechen, bleibt ihr dunkles Geheimnis. Als Frau kann man sich wehren, kann es anzeigen. Auch sexistische und perverse Kommentare können fürchterlich und verletzend sein. Nicht jede Frau vermag das einfach so wegzustecken, für einige ist das zweifellos schlimm.

Es gibt aber noch diesen Blickwinkel: Dick pics kann man auch einfach ignorieren, löschen, E-Mails oder Messages von unbekannten Absendern muss man nicht lesen. Es existieren Möglichkeiten, etwa bei Twitter, Nachrichten von Usern, denen man selbst nicht folgt, auszublenden; auf Youtube kann man Kommentare, die bestimmte Wörter enthalten («Hure»), direkt in einen Spam-Ordner verschieben.

Zudem, auch wir Frauen beurteilen Männer. «Geiler Arsch», «geiler Body», wir bezeichnen Männer nicht als «bumsbar», teilen sie aber in keeper, also gut als Familienernährer, und loser ein. Auch lästern wir genauso über andere Frauen: «Sie ist nicht die hellste Kerze auf der Torte», «Sie hat ihren Job nur, weil sie hübsch ist»: Frauen sind einfach nicht so doof, das ins Internet zu schreiben.

Und ob mich irgendein anonymer Typ für «bumsbar» befindet oder meinen beruflichen Erfolg im Hochschlafen begründet sieht, kann mir auch einerlei sein. Gerade jungen Frauen sollte man nicht einreden, dass sie wegen solcher Sprüche «Opfer» seien, sondern eher mit auf den Weg geben, dass die Beurteilung von aussen, auch wenn verletzend, unwichtig ist und man versuchen sollte, es an sich abperlen zu lassen. Weil: Böse und dumme Menschen wird es immer geben. Ein Selbstbewusstsein sollte wegen solcher Leute nicht leiden.

Ein weiterer Punkt, der in «Männerwelten» nicht zur Sprache kommt: Nicht nur Frauen erleben online Belästigung. Auch Männer werden übel beschimpft, ich sehe es auf allen Kanälen, es manifestiert sich nur unterschiedlich. Eine US-Studie des Pew Research Center von 2014 hat ergeben, dass Männer im Internet mehr mit beleidigenden Ausdrücken konfrontiert sind, sie werden mehr körperlich bedroht. Frauen werden mehr gestalkt und sexuell belästigt. «Insgesamt erleben Männer eher etwas mehr Online-Missbrauch als Frauen», schreibt das Pew Research Center. Das macht Sexismus gegen Frauen nicht besser, es rechtfertigt kein einziges Penisbild. Aber es ist halt nur die halbe Wahrheit, wenn man die Perspektive, die nicht zum eigenen Argument passt, völlig ausblendet.

Frauen sind natürlich nicht schuld an sexistischen Kommentaren. Aber es gibt noch den Aspekt: Viele Ladys kleiden sich sexy, kommen ins Büro in knallengen Jeans, Hotpants, hohen Hacken, mit tiefem Décolleté. Sie verkaufen sich als verführerische Geschöpfe, definieren sich selbst über ihr Aussehen – aber man darf sie nicht als Sexsymbol sehen? Darf sie nicht geil finden, darf als Mann nicht hingucken? Hello, Heiligenschein! Es ist sicher ein Unterschied, ob eine Politikerin oder Ärztin auf ihre Sexualität reduziert wird oder eine TV-Moderatorin. Bei Letzterer gehört ein attraktives Äusseres nun mal zum gewählten Job – und wenn man sich überwiegend in sexy Klamotten präsentiert, muss man nicht überrascht sein, wenn man in erster Linie als attraktive, sexy Frau wahrgenommen wird – und nicht etwa als die mit dem Masterstudium oder die, die sich in der Freizeit für bedrohte Pflanzenarten einsetzt.

«Männerwelten» macht es sich insgesamt zu einfach: Es wird so dargestellt, als seien praktisch alle Männer Schweine und alle Frauen wunderbare, korrekte Wesen. Und es wird übertrieben, so als seien dick pics und sexistische Kommentare «Teil unseres Alltags», unter dem wir alle permanent leiden. Das gilt längst nicht für alle Frauen, wie mir Kolleginnen bestätigen. Auch ich habe noch nie ein dick pic erhalten. Und trotz jahrelanger Arbeit als TV-Moderatorin, trotz Youtube-Kanal, Meinungskolumne, grosser Klappe auf Twitter und Girlie-Fotos auf Instagram: Ich bekomme kaum sexistische oder beleidigende Kommentare von Männern (und wenn, dann auch von Frauen).

Trotz der Kritikpunkte halte ich die Botschaft von «Männerwelten» aber grundsätzlich für gut, um die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.

Weltwoche, Juni 2020

«Männer sind schuld» (Achtung, Triggerwarnung!)

Fiktives Interview in Corona-Zeiten mit der Feministin Tabea Hacklberger-Schöll. Achtung, Trigger!


Tabea Hacklberger-Schöll, wie geht’s Ihnen, wie kommen Sie durch die Corona-Krise?
Als Frau bin ich natürlich am meisten von Corona betroffen. Ich versuche durchzuhalten.
Warum, gehören Sie einer Risikogruppe an? Denn Männer sterben ja viel häufiger an dem Virus, sind also mehr betroffen.
Nein. Einfach, weil ich eine Frau bin. Wir tragen die Last der Menschheit.
Wenigstens sind Sie gesund ...
Ja, allerdings zeigt die Corona-Krise wieder einmal, wer für all das Elend verantwortlich ist: Ohne Kapitalismus wäre das Virus gar nicht erst entstanden, und da die Wirtschaft von Männern dominiert wird, sind sie jetzt auch schuld an der Pandemie. Sowieso, wir müssen alle umdenken, unseren Lebensstil ändern ... mit «wir» meine ich, ähm, die Wirtschaft, die Bevölkerung ... also die anderen. Madonna hat das übrigens auch gesagt.
Mit Verlaub, Madonna schwimmt im Luxus, sie wird doch ihren Lebensstil nicht ändern. Das ist virtue signalling aus Hollywood.
Haben Sie das Foto nicht gesehen?: Madonna in der Badewanne, wie ganz gewöhnliche Leute. Daran erkennt man doch, dass sie es ernst meint.
Neulich haben Sie Corona-Empfehlungen von Wissenschaftlern kritisiert, weil in der Arbeitsgruppe mehr Männer als Frauen mitgeforscht haben. Bei einem Arbeitsergebnis kommt es doch nicht auf das Geschlecht der Wissenschaftler an, sondern auf deren Kompetenz.
Das ist ein gängiges Vorurteil. Ein Forschungsergebnis hängt natürlich direkt vom Geschlecht der Forscher*innen ab. Haben mehr Männer als Frauen mitgeforscht, ist das Resultat falsch, und man sollte eine neue Studie durchführen.
Sie stören sich auch daran, dass zum Thema Corona in Medien und Talkshows mehr Männer zu Wort kommen als Frauen.
Die absolute Zumutung, wie sie mit ihren gespreizten Beinen dasitzen und Mansplaining betreiben. Virologinnen sind als Expertinnen massiv unterrepräsentiert, was wieder einmal beweist, dass Gleichberechtigung nicht existiert.
Aber weniger Frauen in Talkshows, das liegt doch auch daran, dass Frauen mehr Anfragen ablehnen als Männer. Männer für Auftritte zu gewinnen, ist viel einfacher. Ich spreche da aus Erfahrung als ehemalige Gastgeberin von Talkshows.
Wenn zu wenig Frauen zusagen, muss man es Männern eben verbieten, aufzutreten, bis die Quote stimmt. Ganz einfach.
Aber das wäre ja völlig antiliberal.
Ach, ihr Liberalen. Mit eurem ewigen Freiheitsdrang, völlig asozial. Man muss Männer mehr zurückbinden und Frauen mehr fördern, mehr Steuergelder in die Hand nehmen.
Wie genau stellen Sie sich das vor?
Redaktionen müssen intensiver nach Frauen suchen. Man sollte Frauen dann einen Coach zur Seite stellen für Honorarverhandlungen, auch einen Life-Coach, damit sie während ihres Auftritts nicht nervös oder eingeschüchtert sind. Und einen Therapeuten, falls im Nachhinein negative Gefühle aufkommen.
Grundsätzlich bleibt aber das Problem, dass halt mehr Männer als Frauen MINT-Fächer studieren. Das macht das Angebot an männlicher Expertise in Feldern wie Virologie grösser – obwohl man ja weiss, dass, wenn Frauen diese Studiengänge wählen, sie im Job sehr erfolgreich sind. Aber niemand hält sie davon ab, diese Berufsfelder zu wählen.
Männer halten sie aktiv davon ab.
Wie das?
Sie haben die Einstiegshürden für ein MINT-Studium für Frauen viel zu hoch angesetzt. Man muss sie herunterschrauben, damit sich mehr Frauen an ein solches Studium wagen.
Damit würde man doch die Qualität des Studiums heruntersetzen, ausserdem hätten es Frauen dann leichter als Männer, was wiederum Diskriminierung wäre.
Die ganze Geschichte der Frauen basiert auf Diskriminierung, jetzt machen Sie ein Fass auf wegen ein paar Mimosen? Frauen sind durch die Dominanz der Männer völlig eingeschüchtert. Männer drängen Frauen an den gesellschaftlichen Rand. Sie sind schuld, wenn Frauen in Studium und Beruf nicht reüssieren. Frauen werden viel mehr begrapscht als gefördert!
Sie scheinen ein schlechtes Bild von Männern zu haben. Es gibt viele Männer, die haben noch nie eine Frau belästigt oder diskriminiert.
Sie sind eine Luxusfrau, in Ihrer privilegierten Position kriegen Sie nichts mit von den Problemen normaler Frauen. Überhaupt, wie Sie hier die Männer permanent verteidigen und sich beim Patriarchat anbiedern, ist eklig.
Noch eine Frage: Sie lehnen eine Corona-Impfung ab. Warum?
Die Spritze ist ein Phallussymbol. Impfen ist also nichts anderes, als von einem Phallussymbol penetriert zu werden. Aber der Hauptgrund ist, dass unter Wissenschaftlern, die am Corona-Impfstoff forschen, auch wieder mehr Männer als Frauen sind. Einen Impfstoff, der hauptsächlich von Männern hergestellt wird, lehne ich kategorisch ab.
Auch wenn er das Risiko vermindert, sich selbst und andere anzustecken?
Sich mit Corona anzustecken, ist immer noch besser, als sich dem Patriarchat zu unterwerfen.

Weltwoche, Mai 2020

Liebestöter Auto

Ständiges Aufeinanderhocken macht aggressiv. So ist auch der Beziehungsstreit im Auto programmiert. Derzeit beginnt der Krach noch früher als sonst.

Männer halten sich ja für die perfekten Autofahrer. Gott persönlich hat das Auto für sie erschaffen. Uns Frauen halten sie meist für fahrtechnisch zurückgeblieben, dabei belegen Verkehrsstudien das Gegenteil: Frauen fahren sicherer, verursachen weniger Unfälle. Aufgrund des zögerlichen weiblichen Fahrstils (der sich durch fortwährend frühes Bremsen ausdrückt, damit alle anderen Fahrzeuge bequem in die Lücke drängen können) benötigen sie halt einfach ein Jahr länger, um von A nach B zu gelangen. Männer sind im Strassenverkehr oft abgelenkt und pflegen einen aggressiveren Fahrstil.

Die Fahreigenschaften von Männern könnten Frauen eigentlich einerlei sein – wäre da nicht die gelegentliche Unvermeidbarkeit einer Beifahrt. Und da muss festgehalten werden: Männer geben sich hinter dem Steuer alle erdenkliche Mühe, es ihren Partnerinnen leichtzumachen, dass wir sie hassen.

Die Knackpunkte sind vielfältig. Beim Anfahren zum Beispiel drücken sie das Gaspedal mit so übertriebener Begeisterung durch, dass es die Beifahrerin in den Sitz zurückdrückt und sich ihr der Magen umdreht wie beim Raketenstart. Mein Mann lässt seinen Fuss gerne bis zum letzten Moment bleiern auf dem Gaspedal liegen, obwohl die Ampel schon von weitem erkennbar auf Rot steht. Das abrupte, spätmöglichste Abbremsen scheint ihm eine kindliche Freude zu bereiten, anders kann ich es mir nicht erklären. Weil Männer im Sommer während der Fahrt damit beschäftigt sind, nackten Beinen hinterherzuschauen, holpern sie über jeden dritten Randstein. In den Ferien weigern sie sich hartnäckig, Strassenkarten zu konsultieren oder jemanden nach dem Weg zu fragen, stattdessen fahren sie lieber 442 Kilometer Umwege pro Jahr – das hat eine Untersuchung des britischen Versicherers Sheilas’ Wheels ergeben. Während die Beifahrerin diesen Fahrstil bei einer kurzen Strecke wenigstens teilweise ignorieren kann, führt gemeinsames Autofahren auf einem längeren Trip direkt in den Beziehungsstreit. Ich habe einmal eine Studie des Autoherstellers Seat gelesen, wonach bei Paaren nach 22 Minuten der Streit beginnt.

Knapp 80 Prozent der Paare streiten sich auf Autoreisen – oder haben sich schon einmal gestritten. Das zeigt eine Umfrage des Mietwagenportals Happycar, publiziert bei web.de 2017. Je länger die Reise dauert, desto grösser ist das Streitpotenzial. Unter Europäern zanken Spanier am meisten (83 Prozent), dicht gefolgt von den Franzosen (82,4 Prozent). Italiener und Deutsche liegen bei entspannten 77,6 beziehungsweise 76,5 Prozent. Über Schweizer steht in dem Artikel nichts, wahrscheinlich ist es bei ihnen hoffnungslos.

Die drei häufigsten Gründe für die zerrüttete Harmonie sind fehlerhafte Richtungsangaben, Fahrstil und zu schnelles Fahren. Laut der US-Beziehungsexpertin Carole Lieberman haben Streitgründe mit Kontrolle zu tun: «Diese Paare führen Machtkämpfe darüber, wer die Kontrolle hat, wohin die Reise geht und wie sie an ihr Ziel gelangen. Anders gesagt, streiten sie darüber, wer der Boss in der Beziehung ist, wer die wichtigen Entscheidungen für ihr gemeinsames Leben trifft.»

Machtkämpfe? Ein übertrieben starkes Wort, ich sehe es eher als lösungsorientierte Ansätze, seinem Partner einen konstruktiven Fahrstil nahezulegen. Sitze ich als Beifahrerin im Wagen, tue ich, was man als Frau in solchen Situationen tut: Man gibt Empfehlungen ab. «Schatz, du fährst immer zu dicht auf.» Das ist ja nicht als Kritik, sondern als Tipp gemeint. Weil aber weibliche Ratschläge vielfach die Worte «immer», «jedes Mal» und «alle» beinhalten – «Du fährst immer zu schnell!», «Jedes Mal baust du fast einen Unfall!», «Du nervst alle mit deinen Manövern!» –, sind sie zwangsläufig Streit-Beschleuniger. Ich glaube, der Grund, warum Männer den Wagen während der gemeinsamen Fahrt nicht häufiger anhalten und die bessere Hälfte zur Tür hinausbefördern, liegt einzig darin, dass sie sich damit ins eigene Fleisch schneiden – weil sie sie später irgendwo wieder aufladen und dann eine ernsthafte Krise ausbügeln müssen. Nachdem ich mich neulich wieder einmal gegen sein abruptes Abbremsen aufgelehnt hatte, war mein Familienpatriarch schon nach elf Minuten bereit, mich vor die Tür zu setzen und den Weg nach Hause marschieren zu lassen (zehn Kilometer in hohen Schuhen!); ich laste das mal der Corona-Gereiztheit an. Im letzten Moment hat er sich, zu seinem Wohl, umentschieden.

Beim Paarstreit im Auto spielt es laut der Happycar-Studie eine Rolle, wer am Steuer sitzt. Das Geschlecht habe einen Einfluss auf die Streitpunkte. Fährt die Frau, dreht sich der Krach meistens um Richtungsangaben. Wenn der Mann fährt, führt in den meisten Fällen zu schnelles Fahren zum Zoff. Grundsätzlich gebe es seltener Konflikte, wenn ein Mann am Steuer sitzt. Prima. Das deute ich so, dass Frauen (Einparken ausgenommen) grundsätzlich die besseren Autofahrer sind – und auch die entspannteren Beifahrer.

Das Gute ist, man kann den automobilen Beziehungsstreit relativ einfach managen. Zwecks Deeskalation empfehlen Verkehrspsychologen das Schaffen von streitmildernden Umständen – wie etwa regelmässige Pausen einlegen, sich bei der Musikwahl abwechseln oder ab und zu einen Snack hinüberreichen. Darum nehme ich auf längeren Fahrten stets meine eigenen Lieblingsguetsli für alle mit.

Weltwoche, Mai 2020

Der grosse Medien-Quatsch, den alle nachplappern

Weibliche Regierungen bewältigen die Corona-Pandemie angeblich besser. Ist das Geschlecht entscheidend, haben Frauen tatsächlich das bessere Krisenmanagement?


Weiblich regierte Länder meistern die aktuelle Situation besser», schrieb vergangene Woche eine Welt-Autorin in einem Meinungsstück. Einen Tag später titelte ihr Welt-Kollege über seinem Text: «Warum Belgien die höchste Todesrate der Welt hat». Belgiens Ministerpräsidentin Sophie Wilmès ist weiblich.

Dass mich das als Autorin wurmen würde, geschenkt. Aber wie sieht es wirklich aus? Setzt sich der weibliche Führungsstil in Krisenzeiten besser durch? 

Als Beispiel für vorbildliche weibliche Krisenbewältigung nennt die Welt-Redaktorin Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern. Sie hatte schon sehr früh Ausgangsbeschränkungen angeordnet, die auf breite Akzeptanz gestossen sind. Neuseeland zählt ganz wenige Neuinfektionen. Weiter listet sie Island, Finnland, Norwegen, Dänemark, Taiwan und Deutschland auf. Diese «Erfolgsgeschichten» hätten nicht nur damit zu tun, wie die Länder regiert werden. Aber: «Es gibt Parallelen in der Art, wie die Regierungschefinnen ihre Länder durch die Krise navigierten: mit einer Politik der Transparenz und des Dialogs etwa. Mit Weitsicht und Empathie. Mit Konsequenz in der Haltung, aber einem Diskurs der Nähe und Zugewandtheit in der Durchführung.» Für gescheitert erklärt sie Donald Trump und Boris Johnson.

Es gibt die vorherrschende Meinung, dass weiblicher Führungsstil mit besserer Kommunikation, mehr Empathie und Sozialkompetenz einhergeht. Aber dieses Klischee wurde widerlegt – sogar in derselben Zeitung. 
Unter dem Titel «Frauen verlieren als Chef Sozialkompetenz» schrieb 2016 Welt-Wirtschaftsreporterin Inga Michler: «Eine Studie beweist das Gegenteil. Frauen werden wie ihre männlichen Kollegen.» Je weiblicher die Chefetage, desto härter und zielorientierter wird der Führungsstil, desto rauer das Klima; die kritische Masse sei 22 Prozent. «Dann kümmern sich Frauen stärker um ihre eigene Karriere und nähern sich in Sachen Durchsetzungskraft und Härte ihren männlichen Kollegen an», so Studienautor Joachim Bohner, der die Untersuchung der internationalen Personalberatung Russell Reynolds Associates durchgeführt hat. Die Fürsorge für andere und die Beziehungspflege hingegen nähmen messbar ab. Mit seiner hohen Leistungsorientierung, der Fähigkeit, Menschen emotional mitzunehmen und dabei auch nicht vor härteren Entscheiden zurückzuweichen, sei dieser «härtere» Leader-Typ am besten gewappnet für unsere dynamische Zeit. Laut der Welt am Sonntag sind für Bohner die «Persönlichkeitsunterschiede von Mensch zu Mensch wesentlich relevanter» als die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Für die Studie wurden Tiefeninterviews mit über 4300 internationalen Führungskräften geführt. Meines Erachtens haben Management- und Polit-Führung viele Ähnlichkeiten.

Mit Ausnahme von Deutschland sind alle aufgezählten, «erfolgreichen» Länder Inselstaaten oder Halbinseln. Der Vergleich hinkt deshalb. Denn naturgemäss sind sie vom Virus weniger stark betroffen, ein Land wie Neuseeland kann sich besser abschotten als etwa die Schweiz mit 68 000 italienischen Grenzgängern. Unsinnigerweise hätte man auch Grönland nennen können – es ist Corona-frei (Stand 27. 4.) –, wobei einem dann bei seiner These der Pimmel des Premierministers in die Quere gekommen wäre.

Es gibt männlich regierte Länder, die das Virus vergleichsweise gut stoppen, wie Singapur, Südkorea und Österreich. Angela Merkel macht laut Datenanalysten einen guten Job – genauso wie Sebastian Kurz. Anfangs dieser Woche zählte Österreich 542 Corona-Tote bei 15 188 Infizierten. Wie Ardern hat er sehr früh Grenz- und Ladenschliessungen angeordnet, in seinen Pressekonferenzen kommuniziert er klar und direkt, ohne Beschönigungen – und ohne Skript. Merkel hat sogar gesagt: «Österreich war uns immer einen Schritt voraus.» Kurz ist beliebt wie nie.

Grossbritannien hat ein eher schlechtes Corona-Management. Heathrow ist natürlich eine Virenschleuder, und England liegt nicht abgelegen. Und Johnson? Kann ich nicht beurteilen. Auch Belgien ist mit der weltweit höchsten Todesrate stark betroffen. Belgien hat zwar aufgrund seiner Zählmethode mehr Corona-Fälle, dennoch: In Belgien sind vor allem die Altersheime Hotspots, zusätzlich fehlt es an Schutzausrüstung. Diese Schwächen in der Bewältigungsstrategie Wilmès anzulasten, wäre aber Unsinn.

Wie gut oder schlecht ein Land die Pandemie meistert, hängt eher nicht vom Geschlecht des Regierungschefs ab. So einfach ist es nicht. Viele Komponenten spielen eine Rolle: die Lage, der Altersdurchschnitt, das Gesund-heitssystem, der Vorrat an Schutzausrüstung, die Strenge der Massnahmen, auch Begrüssungsrituale. Hinzu kommt, dass Regierungschefs für ihre Entscheide in der Regel die Zustimmung des Koalitionspartners benötigen. Asiatische Länder sind mit ihren Krisenplänen und dem Tragen von Masken, das für viele zum Alltag gehört, besser auf eine Epidemie vorbereitet.

Die Überschwemmung der Medienlandschaft mit Artikeln, die das Narrativ pushen, Menschen seien fähiger (oder unfähiger) aufgrund von Geschlecht, Alter oder Hautfarbe, statt aufgrund ihrer individuellen Qualitäten, ist einfach nur müssig. Letztlich kommt es auf die Kompetenz und den Charakter der Führungsperson an. Hier stimme ich zu, zwischen Trumps irrationalen Entscheiden und dem schlechten Abschneiden der USA dürfte wohl ein Zusammenhang bestehen.

Weltwoche, April 2020

Corona: Sex im Stresstest

Die Quarantäne während der Pandemie ist für viele Paare ein Erotikkiller. Die plötzliche, intensive Nähe zum Partner belebt das Sexleben nicht, im Gegenteil. 

Seit dem Lockdown von Kneipen und Sportplätzen haben Paare wieder mehr Zeit füreinander. Dementsprechend steigt jetzt die Anzahl Männer, die abends ihre Gartenzäune streichen, Heckenpflanzen schneiden und Garagen aufräumen, markant an. Das ist ein bisschen zugespitzt dargelegt, aber es beschreibt tatsächlich meine Beobachtungen vor Ort. Vielleicht liege ich ja falsch.

Wir alle verändern uns in Zeiten von Corona, entdecken Dinge an uns selbst und am Partner, erfinden uns neu. Meinen Mann zum Beispiel habe ich als Coiffeur eingesetzt. Aber nachdem er mir beim Haareschneiden ein Loch – und mir meine Mutter beim Ausbessern ein noch grösseres – in die Frisur geschnitten hat, hätte ich jetzt ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn die Quarantäne noch bis Herbst andauert.

In Isolation hat man als Frau viel Zeit, ein paar neue Besenreiser aufzuspüren, ebenso frische weisse Haare an den unmöglichsten Stellen. Ein intensives optisches Scannen des Partners fördert ebenso diverse Baustellen zutage – und kann leicht zu Gereiztheit führen. Identifiziert man nämlich einen Haarbüschel, der sich aus der Nase zwängt, oder eine Fünf-Zentimeter-Augenbraue und bringt die Probleme freundlicherweise zur Sprache, wird einem erklärt, dass sich die Unterhaltung so angenehm anfühlt wie eine Prostatauntersuchung.

Männer wiederum erfinden im Home-Office neue Spiele mit den Kids, etwa Terrassenböden mit Kreide vollkritzeln; ihre einstige Disziplin im Büro überkompensieren sie jetzt bei der Heimarbeit, indem sie seit Wochen mit Höhlenbart und ein und derselben Trainerhose herumlaufen. Überhaupt lassen wir uns äusserlich derzeit alle etwas gehen und verströmen in unserem bequemen Schlabberlook samt reduzierten Dusch- und Haarwaschgängen die erotische Attraktivität von Gollum aus «Lord of the Rings».

Sexuell gesehen, sind die plötzliche, intensive Nähe zum Partner und die Rückkehr zur Schöpfung natürlich nicht sonderlich ergiebig. Manchen Paaren kommt die gesellschaftliche Abschottung zwar entgegen. Voll Harmonie ziehen sie sich zurück in ihren Zweierkosmos, decken sich ein mit neuen Sex-Toys und Pornos – Verkaufszahlen zeigen, dass deren Konsum seit der Pandemie angestiegen ist. Auch entwickeln sie neue, schlüpfrige Fantasien. Laut Pornhub suchen viele nach Pornos mit dem Stichwort «Corona»; Sex mit Mundschutzmasken, Krankenschwestern mit Plastikhandschuhen oder Videos mit dem Titel «F***** gegen das Coronavirus» liegen im Trend – lassen wir das mal sacken.

Es gibt aber auch viele Paare, die gemäss Beziehungsforschern mit dem ungewohnten Mangel an häuslichem Social Distancing nicht klarkommen. Vielleicht sind das ja dieselben, die sich in den Ferien immerfort streiten. Ständiges Aufeinanderhocken macht nun mal aggressiv, die derzeit mehrheitlich fehlende Möglichkeit des Ausweichens macht es noch schlimmer; je weniger Quadratmeter einem für das Zusammenleben zur Verfügung stehen, desto mehr kann man unter der gemeinsamen Isolation leiden. Dass einige sich also in Gartenarbeit oder Solo-Spaziergänge flüchten, ist keine Überraschung.

Während aber die meisten Männer auch während der Corona-Krise ihrem Ruf als unkomplizierte Liebhaber nachkommen, können partnerschaftliche Misstöne oder eine kleine Veränderung im Alltag die Libido der Frau tage-, wenn nicht wochenlang flachlegen. Dass wir Probleme in der Regel viel weniger gut verdrängen können und unsere Gedankenflut beim Geschlechtsakt nicht selten die Leidenschaft überfordert, kann schon im Normalzustand zu latenter Lustlosigkeit führen. Viele Frauen durchleben während dieser Phase der Ungewissheit wohl etwas Ähnliches wie einen sexuellen Lockdown.

Dabei ist Sex gerade in Krisenzeiten ein ideales Mittel gegen Aggression und Stress, auch gegen Langeweile, sagt der Schweizer Sexualtherapeut Werner Huwiler, und wir sollten ihn nutzen. «Wir können über Sexualität verschiedene wichtige Bedürfnisse abdecken», erklärt er im Tages-Anzeiger. In einer bedrohlichen Lage könne man sich quasi «autonom ein Lust- und Glücksgefühl verschaffen» und ein Bedürfnis nach Sicherheit auffangen. Die Hälfte der Paare schweisse eine Krise zusammen – wenn Probleme schon vorher da waren, könne es die Abwärtsspirale beschleunigen.

Auch die deutsche Sexualtherapeutin Melanie Büttner sagt im Interview mit Turi2.de, dass gemeinsame Isolation sowohl ein Beziehungskiller als auch eine Chance ist: «Wir wissen von Krisensituationen aus der Vergangenheit, dass es dann tatsächlich mehr Babys gab, auch mehr Heiraten, andererseits auch mehr Scheidungen. Es ist eine Art Stresstest für Paare, der vielleicht hervorbringt, wie es um die Beziehung tatsächlich steht.»

Also alles beim Alten. War die Beziehung vor der Pandemie gut, hat man es jetzt noch besser zusammen. Bei den anderen deckt die Isolation schon länger schlummernde Probleme auf und offenbart vielleicht die Unvereinbarkeit zweier Menschen. Im Sinne des erotischen Paarfriedens empfehlen Sexualtherapeuten, den Stress und die Veränderung als positive Herausforderung zu sehen, über Lustlosigkeit zu sprechen, sich selbst nicht unter Druck zu setzen und ein Ambiente zu schaffen, wo beide sich wohlfühlen. So steht die Beziehung hoffentlich auch den Sex-Stresstest in Corona-Zeiten durch.

Weltwoche, April 2020