Freitag, 31. Juli 2020

Apokalypse (Corona)

Derzeit stossen vor allem Artikel mit Coronavirus-Inhalten auf Leserinteresse. Für mich ein Grund, sich dem Druck zu beugen und ein paar Aspekte aufzuschreiben.

Die Panik sei grösser als die Gefahr, sagen sie. Das Coronavirus sei weitgehend ungefährlich, die meisten Menschen, die sich anstecken, kämen mit einem Schnupfen und Husten davon, sagen sie. Das stimmt wohl alles.

Nur, wenn sich bizarre Dinge ereignen, erwacht dennoch ein unbewusstes Kribbeln. Wenn man von Frauen liest, die mit ihrem Baby aufgelöst an der Supermarktkasse stehen, ohne Milchpulver, weil eine Person zuvor alles aufgekauft hat. Wenn aus Kliniken Masken und Desinfektionsmittel gestohlen werden. Wenn Kassiererinnen im Discounter plötzlich zur Autorität werden, weil sie Kunden auffordern, die auf dem Rollband ausgebreiteten zwanzig Pakete WC-Papier zurückzulegen: «Handelsübliche Mengen!» Wenn Menschen in gepflegter Hetze und in dieser Reihenfolge Desinfektionsmittel, Pasta und WC-Papier horten. Wenn Journalisten seit Tagen zwar mahnen, Ruhe zu bewahren, gleichzeitig aber erklären, dass wir auf einen ernsten Seuchenausbruch nicht genügend vorbereitet seien, ihre Frontseiten unaufhörlich mit Live-tickern zum Coronavirus füllen, mit Zahlen zu Infizierten und zu Toten, und so vielleicht unabsichtlich die Keimzelle für die gesellschaftliche Anspannung sind.

Man kann all dem selbstverständlich mit der gebührenden Gelassenheit begegnen. Nur, weil Leute derzeit panisch Regale leerkaufen, heisst das noch lange nicht, dass ich mich nicht daran beteilige. Und so habe ich also einen kleinen Vorrat an Nudeln und Reis und Dosenfood angeschafft, ganz so, als würden Bohnen aus Büchsen Krankheiten heilen. Im Ernstfall können zwei Personen in meinem Haushalt davon zwei Wochen überleben, und weil das ungefähr 351 Tage zu wenig sind – der Impfstoff kommt laut Virologen nicht vor 2021 auf den Markt –, regt sich in mir zum ersten Mal so etwas wie Neid auf diese Prepper. Dann habe ich noch Hygieneartikel gekauft, weil man zur Endzeit ja nicht als die dastehen möchte, die keine Seife mehr hat.

Des Weiteren meidet man neuerdings den Kauf von unverpackten Esswaren, die auf einer Theke herumliegen, Wurstweggen, Cremeschnitten oder frisch benieste Brötchen. Man realisiert plötzlich, wie oft man bedenkliche Dinge berührt, Türklinken, Einkaufswagen, Lichtschalter, oder sich an die juckende Nase fasst. Man erkennt, dass der übermässige Konsum der Hitserie «The Walking Dead» ungünstig war, weil die persönlichen Vorbereitungen jetzt eher für eine Zombie-Apokalypse als für eine Virusinfektion taugen. Ertappt sich beim Versuch der Rekonstruktion sämtlicher Kontakte der vergangenen drei Wochen oder bei aufkeimender Nervosität, wenn jemand im Tram hinter einem hustet. Ein entsprechender Spruch verbreitete sich auf Twitter: Niest eine Person in der Öffentlichkeit, hat das heute dieselbe Wirkung auf die unmittelbare Umgebung, wie wenn jemand «Allahu akbar!» schreit. Höchst amüsant.

Etwas Gutes hat die Situation, immerhin waschen sich die Leute jetzt endlich die Hände. Auch muss man nicht mehr ständig zeigen, wie wohlerzogen man ist. Hände schütteln, Bussi, Bussi; ohne schlechtes Gewissen kann man gesellschaftliche Konventionen über Bord werfen und stattdessen Unhöflichkeiten austauschen. Die Aufforderung der Behörden, grosse Menschenmengen und Veranstaltungen zu meiden, lenkt gut von der Tatsache ab, dass man keine Freunde hat, und letztlich führen einem solche Zustände ja immer auch existenzielle Grundgedanken vor Augen, etwa zur Haltbarkeit von Salz und Dosenbohnen (zwei Jahre), während sie gleichzeitig die Entbehrlichkeit von exquisiter Milchschokolade mit caramelisierten Nussstückchen (drei Wochen) demonstrieren. Die Prioritäten werden also wieder ins Lot gerückt.

Wie bei jeder Veränderung pflegen Menschen auch mit dem Coronavirus ihren eigenen Umgang. In den USA sehen Leute davon ab, ein bestimmtes Bier zu trinken. Laut einer Umfrage würden 38 Prozent der Amerikaner wegen des Coronavirus kein Corona-Bier kaufen, unter keinen Umständen, schrieb CNN jüngst auf Twitter. Das halte ich für verständlich. Denn wenn man in der momentanen Situation etwas auf gar keinen Fall tun sollte, ist es Bier trinken, das aus Viren hergestellt wird.

Dann gibt es Panik-Tweets, in denen Hobby-Epidemiologen von der Sterblichkeitsrate des Coronavirus sprechen – «Zwei bis fünf Prozent. Zwei Prozent der US-Bevölkerung, macht 7 000 000 Tote» –, sie also die Mortalitätsrate im Land hochrechnen und dabei vergessen, zu erwähnen, dass dieses Szenario bedingt, dass sich jeder Einzelne der 327 Millionen Einwohner infiziert. Andere wiederum, wie Hazel Brugger, schreiben lustige Tweets: «Je mehr ich über kranke Menschen lese, desto mehr denke ich, dass ich auch krank bin. Aber wenn ich über sexy Leute lese, denke ich nie, dass ich auch sexy bin.»

Und dann ist da noch Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, mit der wohl coolsten Aussage. In einem Video von Omnisport.tv antwortete er auf die Frage eines Journalisten, was er zum Coronavirus meinte: «Es stört mich, als Trainer zu ernsten Themen befragt zu werden. Das kann ich nicht nachvollziehen, ich könnte genauso Sie fragen. Es ist völlig egal, was prominente Leute sagen.» Man sollte solche Auskünfte Experten überlassen. «Ich verstehe nichts davon – das gilt für Politik und Corona. Wieso fragen Sie mich? Ich trage eine Baseball-Cap und bin schlecht rasiert.»
Bleiben Sie gesund!

Weltwoche, März 2020