Freitag, 31. Juli 2020

Corona: Sex im Stresstest

Die Quarantäne während der Pandemie ist für viele Paare ein Erotikkiller. Die plötzliche, intensive Nähe zum Partner belebt das Sexleben nicht, im Gegenteil. 

Seit dem Lockdown von Kneipen und Sportplätzen haben Paare wieder mehr Zeit füreinander. Dementsprechend steigt jetzt die Anzahl Männer, die abends ihre Gartenzäune streichen, Heckenpflanzen schneiden und Garagen aufräumen, markant an. Das ist ein bisschen zugespitzt dargelegt, aber es beschreibt tatsächlich meine Beobachtungen vor Ort. Vielleicht liege ich ja falsch.

Wir alle verändern uns in Zeiten von Corona, entdecken Dinge an uns selbst und am Partner, erfinden uns neu. Meinen Mann zum Beispiel habe ich als Coiffeur eingesetzt. Aber nachdem er mir beim Haareschneiden ein Loch – und mir meine Mutter beim Ausbessern ein noch grösseres – in die Frisur geschnitten hat, hätte ich jetzt ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn die Quarantäne noch bis Herbst andauert.

In Isolation hat man als Frau viel Zeit, ein paar neue Besenreiser aufzuspüren, ebenso frische weisse Haare an den unmöglichsten Stellen. Ein intensives optisches Scannen des Partners fördert ebenso diverse Baustellen zutage – und kann leicht zu Gereiztheit führen. Identifiziert man nämlich einen Haarbüschel, der sich aus der Nase zwängt, oder eine Fünf-Zentimeter-Augenbraue und bringt die Probleme freundlicherweise zur Sprache, wird einem erklärt, dass sich die Unterhaltung so angenehm anfühlt wie eine Prostatauntersuchung.

Männer wiederum erfinden im Home-Office neue Spiele mit den Kids, etwa Terrassenböden mit Kreide vollkritzeln; ihre einstige Disziplin im Büro überkompensieren sie jetzt bei der Heimarbeit, indem sie seit Wochen mit Höhlenbart und ein und derselben Trainerhose herumlaufen. Überhaupt lassen wir uns äusserlich derzeit alle etwas gehen und verströmen in unserem bequemen Schlabberlook samt reduzierten Dusch- und Haarwaschgängen die erotische Attraktivität von Gollum aus «Lord of the Rings».

Sexuell gesehen, sind die plötzliche, intensive Nähe zum Partner und die Rückkehr zur Schöpfung natürlich nicht sonderlich ergiebig. Manchen Paaren kommt die gesellschaftliche Abschottung zwar entgegen. Voll Harmonie ziehen sie sich zurück in ihren Zweierkosmos, decken sich ein mit neuen Sex-Toys und Pornos – Verkaufszahlen zeigen, dass deren Konsum seit der Pandemie angestiegen ist. Auch entwickeln sie neue, schlüpfrige Fantasien. Laut Pornhub suchen viele nach Pornos mit dem Stichwort «Corona»; Sex mit Mundschutzmasken, Krankenschwestern mit Plastikhandschuhen oder Videos mit dem Titel «F***** gegen das Coronavirus» liegen im Trend – lassen wir das mal sacken.

Es gibt aber auch viele Paare, die gemäss Beziehungsforschern mit dem ungewohnten Mangel an häuslichem Social Distancing nicht klarkommen. Vielleicht sind das ja dieselben, die sich in den Ferien immerfort streiten. Ständiges Aufeinanderhocken macht nun mal aggressiv, die derzeit mehrheitlich fehlende Möglichkeit des Ausweichens macht es noch schlimmer; je weniger Quadratmeter einem für das Zusammenleben zur Verfügung stehen, desto mehr kann man unter der gemeinsamen Isolation leiden. Dass einige sich also in Gartenarbeit oder Solo-Spaziergänge flüchten, ist keine Überraschung.

Während aber die meisten Männer auch während der Corona-Krise ihrem Ruf als unkomplizierte Liebhaber nachkommen, können partnerschaftliche Misstöne oder eine kleine Veränderung im Alltag die Libido der Frau tage-, wenn nicht wochenlang flachlegen. Dass wir Probleme in der Regel viel weniger gut verdrängen können und unsere Gedankenflut beim Geschlechtsakt nicht selten die Leidenschaft überfordert, kann schon im Normalzustand zu latenter Lustlosigkeit führen. Viele Frauen durchleben während dieser Phase der Ungewissheit wohl etwas Ähnliches wie einen sexuellen Lockdown.

Dabei ist Sex gerade in Krisenzeiten ein ideales Mittel gegen Aggression und Stress, auch gegen Langeweile, sagt der Schweizer Sexualtherapeut Werner Huwiler, und wir sollten ihn nutzen. «Wir können über Sexualität verschiedene wichtige Bedürfnisse abdecken», erklärt er im Tages-Anzeiger. In einer bedrohlichen Lage könne man sich quasi «autonom ein Lust- und Glücksgefühl verschaffen» und ein Bedürfnis nach Sicherheit auffangen. Die Hälfte der Paare schweisse eine Krise zusammen – wenn Probleme schon vorher da waren, könne es die Abwärtsspirale beschleunigen.

Auch die deutsche Sexualtherapeutin Melanie Büttner sagt im Interview mit Turi2.de, dass gemeinsame Isolation sowohl ein Beziehungskiller als auch eine Chance ist: «Wir wissen von Krisensituationen aus der Vergangenheit, dass es dann tatsächlich mehr Babys gab, auch mehr Heiraten, andererseits auch mehr Scheidungen. Es ist eine Art Stresstest für Paare, der vielleicht hervorbringt, wie es um die Beziehung tatsächlich steht.»

Also alles beim Alten. War die Beziehung vor der Pandemie gut, hat man es jetzt noch besser zusammen. Bei den anderen deckt die Isolation schon länger schlummernde Probleme auf und offenbart vielleicht die Unvereinbarkeit zweier Menschen. Im Sinne des erotischen Paarfriedens empfehlen Sexualtherapeuten, den Stress und die Veränderung als positive Herausforderung zu sehen, über Lustlosigkeit zu sprechen, sich selbst nicht unter Druck zu setzen und ein Ambiente zu schaffen, wo beide sich wohlfühlen. So steht die Beziehung hoffentlich auch den Sex-Stresstest in Corona-Zeiten durch.

Weltwoche, April 2020