Freitag, 31. Juli 2020

Corona und Arnold Schwarzenegger

Einen Mangel an Sozialkompetenz erkennt man daran, dass sich sein eigenes Leben seit dem Corona-Lockdown in der Schweiz nicht gross verändert hat.


Ich spreche da vor allem von mir selbst. Beim Erscheinen dieser Kolumne bin ich seit etwa 21 Tagen in Selbstisolation, unterbrochen nur von einem Lebensmitteleinkauf. Weil ich sowieso einen guten Teil meiner Arbeit im Home-Office erledige und soziale Distanzierung schon länger zu meiner geschätzten Routine gehört, hat sich bei mir nichts grossartig geändert (wenn das Ganze vorbei ist, bleibe ich zur Erholung auch erst mal ein bisschen zu Hause). In Quarantäne achte ich weiterhin darauf, dass meine Nägel stets perfekt manikürt sind. So absurd es ist: Kleine Rituale schaffen ein Stück Normalität in Zeiten von Ungewissheit.

Emanzipation - Immerhin, auch in Krisenzeiten kann man sich auf die Feministinnen verlassen. Prominente deutsche Vertreterinnen weisen – in Berichten zur Ausgangssperre – auf nicht gendergerechte Formulierungen hin, andere beklagen die geschlechtertechnische Aufteilung im Home-Office. Rapperin Lady Bitch Ray twittert: «Alle Freundinnen mit Kindern, mit denen ich heute telefoniert habe – berufstätig, wohlgemerkt –, erzählten mir, dass sie zu Hause auf ihre Kinder aufpassen und ihr Ehemann im anderen Zimmer ‹Home-Office› macht, ich f**** diese Gleichberechtigung in den A****.» Ich tat hier also, was man in so einer Situation tut, retweetete das mit der Bemerkung: «Und all diese Ehemänner sind erst nach der Heirat zu egoistischen, unterdrückenden und rücksichtslosen A****löchern geworden? Selbstbestimmung und Gleichberechtigung beginnt in den eigenen vier Wänden – und mit der Wahl des zu seinem persönlichen Lebenskonzept passenden Partners.» Dass das feministisch verpufft, ist mir völlig wurst.

Unter dem Titel «Das Coronavirus ist eine Katastrophe für den Feminismus» schreibt eine Autorin im Atlantic, dass eine der markantesten Auswirkungen des Coronavirus darin bestehe, dass viele Paare «zurück in die 1950er» geschickt werden; auch wenn Mann und Frau einen Job hätten, sei es jetzt aus ökonomischen Gründen eher die Frau, die für die Kinder zu Hause bleibt. Diese unbezahlte Arbeit würde schwerer auf die Frauen zurückfallen. Vielleicht ist das so. Aber zum einen halte ich die Betreuung ihres Nachwuchses für Mütter während einer Pandemie dennoch für zumutbar. Zum anderen ist angesichts der Tatsache, dass gerade ganze Wirtschaftszweige kollabieren, viele Menschen ihren Job verlieren oder in Kurzarbeit geschickt werden, also Existenzen reell bedroht sind, die temporär (!) geschlechterungleiche Aufteilung der Kinderbetreuung innerhalb einer Familie wohl das geringere Problem. Es gehört mittlerweile zum guten Ton: Egal, bei was, Frauen sind immer schlimmer betroffen. Dass Männer durch das Coronavirus deutlich häufiger sterben, spielt keine Rolle.

Unbelehrbare - Viele Leute pflegten noch bis vor kurzem, bis zum Erlass der verschärften Verbote, einen grosszügigen Umgang mit Egozentrik, indem sie die Empfehlung der Behörden ignorierten, zu Hause zu bleiben, und sich in Gruppen im Park oder am Flussufer trafen. Man las auch von «Corona-Partys», zu denen man sich aufgrund geschlossener Lokale privat versammelte – und möchte am liebsten die Aliens anrufen mit der Bitte, diesen Planeten endlich zu übernehmen. Der Vernunft und Eigenverantwortung der Menschen vertrauen? Das Coronavirus lacht sich ins Fäustchen.

Andere wiederum lösen wegen WC-Papier-Hamsterns Polizeieinsätze aus; vielleicht kann man ja wenigstens diese Berserker unter Zwangsquarantäne stellen – natürlich nur so lange, bis der Impfstoff da ist.

Eine Schlagzeile auf Welt.de lautete: «Kontrollierte Infizierung ist die beste Strategie gegen das Virus.» Das ist etwa so beruhigend wie ein ratternder Hydraulikbagger im Vorgarten. Danke für den Tipp, aber bevor ich mich kontrolliert infizieren lasse, esse ich lieber zehn rohe Eier, einen Kübel Muscheln und Hackfleisch, das lange in der Sonne gelagert hat.

Prominente - Wenn Promis in Selbstisolation von sich reden machen wollen, geben sie den Beatles-Song «Imagine» zum Besten. Angeführt von der amerikanischen Schauspielerin Gal Gadot («Wonder Woman»), trällern Kollegen wie Mark Ruffalo und James Marsden im Instagram-Video und kommen sich dabei sichtlich grandios vor. Warum der Rest von uns sich dadurch besser fühlen soll, bleibt ihr Geheimnis. Okay, es ist ja schön, wenn Stars in Krisenzeiten zusammenkommen – und weil auch Kristen Wiig und Pedro Pascal mitsingen (beide «Wonder Woman 2»), sogar Lynda Carter («Wonder Woman», 1975) und weil der neue «Wonder Woman 2»-Film mit Gadot in der Hauptrolle im Sommer in die Kinos kommen soll, denkt ja auch niemand, dass das eine PR-Aktion ist.

Die coolen Kids machen es anders; Arnie Schwarzenegger sitzt in seinem Video in der Küche, flankiert von Esel und Pony, und appelliert an alle: «Bleibt zu Hause!» Moderator Jeremy Clarkson («The Grand Tour») twittert: «Das Gute daran ist, in etwa drei Wochen werden wir von allen die echte Haarfarbe kennen.» Mit anderen Worten, in ein paar Wochen sind viele von uns um zehn Jahre gealtert.

Ja, und weil wir uns bis dahin alle vermehrt daheim aufhalten und dieser Umstand nicht nur die Beziehung zu uns selbst, sondern auch zum Partner intensiviert, tippe ich mal: Entweder wird 2020 als geburtenstärkster Jahrgang in die Statistik eingehen. Oder als scheidungsstärkster.

Weltwoche, März 2020