Freitag, 31. Juli 2020

Das Frauen-Paradox

Frauen präsentieren sich heute freizügig wie nie zuvor. So wirklich unwohl scheinen sie sich in der angeblich sexistischen Gesellschaft nicht zu fühlen.


Gerade im Sommer kleiden sich viele Frauen gerne aufreizend sexy. Das kann sich niederschlagen in Po-Backen, die unten aus den Hotpants drängen, oder Tops, die einen grosszügigen Blick auf den BH gewähren. Oder einfach in hübschen Sommerkleidchen und vielen nackten Beinen. Auch am Arbeitsplatz rauschen Damen heute teils mit kurzen Shorts oder tiefen Décolletés an – so dass ihre nähere Umgebung praktisch zum Hingucken gezwungen wird und die Klimaanlage wegen zu viel Pulsschlag auf Hochtouren läuft.

All das ist 2020 nichts Ungewöhnliches. Die Betonung seiner Weiblichkeit (am geeigneten Ort, zu dem das Arbeitsumfeld nicht unbedingt zählt) halte ich für etwas Schönes. Altes Naturgesetz: Je weniger Stoff, desto mehr Köpfe drehen sich. Promi-Damen machen es vor mit erotisierenden Outfits oder sexuell befreiten Tanz-Shows. Die weibliche Laszivität ausspielen kommt gut an: Das Video der Popsängerin Nicki Minaj zum Song «Anaconda», in dem sie praktisch nichts anderes tut, als in Unterwäsche mit ihrem Hinterteil in die Kameras zu wackeln, hat auf Youtube 942 Millionen Aufrufe.

Frauen sollen mit ihren Reizen tun können, was sie möchten.

Nur sollte man sich dann halt auch darüber im Klaren sein, welche Signale man damit aussendet. Präsentiert sich eine Frau immerzu ultrasexy, darf sie nicht überrascht sein, wenn sie als sexualisiertes Wesen wahrgenommen wird. Denn niemand besitzt die alleinige Deutungshoheit über sein Erscheinungsbild. Den jungen Damen im Ausgang, von denen sich einige heute optisch kaum von Stripperinnen oder Prostituierten unterscheiden, sieht man die Datenanalystin halt eher nicht an. Genauso wenig sollte sich ein Mann, der im Tanktop auf der Bank erscheint, wundern, wenn er dort mit dem Klempner verwechselt und zur verstopften Toilette geführt wird; wer im Arztkittel herumläuft, sollte sich nicht beschweren, wenn Leute von ihm eine Diagnose gestellt haben wollen.

In der Gesellschaft herrscht in weiten Teilen die Übereinkunft, dass Männer sich bessern müssen. Sie sollen sich Frauen gegenüber besser benehmen. Diese Empfehlung einigen Zeitgenossen nahezulegen, ist nicht falsch. Man braucht hier nicht einmal sexuelle Belästigung ins Feld zu führen; für eine Frau kann es schon nur unangenehm sein, von einer Gruppe von Männern angestarrt zu werden. Sensibilisierung ist daher gut.

Aber wie viel verlangt man heute von den Männern? In der medialen Öffentlichkeit wird uns weisgemacht, dass das Verhalten zwischen den Geschlechtern völlig einfach sei: Männer müssten Frauen zuhören. Nein heisst nein. Ins Décolleté gucken ist sexuelle Belästigung. Ein Kompliment zu den sexy Stiefeln auch. Ebenso ein ungewollter Flirtversuch. Späht also einer mal ein bisschen zu lange aufs knallenge Top oder wird ein Flirt gestartet (vom Falschen!) – wird das schnell einmal als unverzeihbares Fehlverhalten guillotiniert. Aber das ist Unsinn. Denn am Anfang einer Beziehung steht meistens ein Flirt, der vielleicht erst beim dritten Ansatz erfolggekrönt ist. «Nein heisst nein» würde ja heissen, dass jedem nur ein einziger Versuch vergönnt ist – und man mit der eroberten Person bis ans Ende aller Tage zusammenbleiben muss. So einfach ist das alles eben nicht.

Das Paradoxe: Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind Frauen, sei es im Privaten oder im Arbeitsumfeld, so freizügig, aufreizend und sexualisiert aufgetreten; und gleichzeitig haben sie Männern noch nie so eindringlich erklärt, dass Gucken oder Kommentieren verboten ist – weil sexuelle Belästigung – und mit harter Strafe sanktioniert wird. Wie passt das zusammen? Dass wir uns heute gegen Dinge wehren, die gestern noch irgendwie akzeptiert oder zumindest nicht offen angesprochen wurden, Grapschen, sexualisierte Abwertungen, ist gut und wichtig. Aber diese übertriebene Strenge angesichts der weiblichen Locksignale und des männlichen, evolutionsbiologischen Reaktionsverhaltens stiftet einige Verwirrung.

Hier meine gewagte These: Es gibt viele unterschiedliche Frauentypen. Frauen, die gerne Make-up auflegen, Minis und High Heels tragen, sind nicht unbedingt jene, die sich an vorderster Front über sexistische Sprüche und Hinterherschauen beklagen. Auch mit Komplimenten zu ihrem Aussehen gehen diese Ladys entspannt um.

Umgekehrt sind die Frauen, die an jeder Ecke Sexismus verorten und von Männern Besserung fordern, eher nicht jene, die sich gerne sexy präsentieren. Möglicherweise geht es diesem Typus Frauen, die alles ganz schlimm finden und Empörungs-Tweets über Pfiffe an der Baustelle schreiben, ja gar nicht um die Würde der Frau, sondern um die Aufmerksamkeit, die nicht bei ihnen ist. (Umso mehr Beachtung schenken ihnen dafür die Medien, die sie oft und gerne für ihr «Sexistische Gesellschaft»-Narrativ als Beispiel heranziehen).

Gemäss meiner Beobachtung geben sich Männer oft auch unbeeindruckt von sexy Outfits – oder sie können ihre Instinkte einfach sehr gut ausblenden. Wir sollten auch mal das Positive sehen: Der Umstand, dass sehr viele Frauen ihre erotischen Reize durch freizügige Kleidung in Szene setzen, zeigt doch eben, dass sie sich dabei nicht unwohl fühlen – auch im Bewusstsein, dass Männer insgeheim ja schon auf ihre nackten Beine und die roten Lippen reagieren. Wir sind auf einem guten Weg.

Weltwoche, Juli 2020