Freitag, 31. Juli 2020

Das Monster

Wo sind die Umweltaktivisten, wenn man sie einmal braucht???!!!


Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass das ein alter Besen ist, lassen Sie mich trotzdem Rechen und Laubbläser thematisieren – zwecks Überwindung eines unsachlichen Gefühlsausbruchs. Ein paar Sätze aufschreiben ist allemal besser als einen Eimer Wasser von seinem Balkon aus auf das Haupt eines Laubinators zu giessen.

Der Laubinator – gut möglich, dass der Begriff schon von jemandem vor mir verwendet wurde – ist der Mann, der den Laubbläser bedient, die verhassteste Maschine der Welt. Man verzeihe mir hier die Reduktion auf das männliche Geschlecht, aber ich habe noch nie eine Frau mit dem Teil in der Hand gesehen. Mit Hilfe dieses Gerätes bläst der Laubinator Laub von der einen Seite des Trottoirs zur anderen. Er bläst es vom Boden gen Himmel – und umgekehrt. Er bläst mal zwei Blätter, mal zwölf, mal einen ganzen Haufen in diverse Richtungen, ohne dass dabei ein konkretes Endziel erkennbar wäre. Er bläst über eine Fläche von zwei Quadratmetern, dabei wirbelt er mehr Blätter in der Gegend herum als ein Orkan der Stärke zwölf. In seiner monotonen Abwesenheit entgeht ihm das vielleicht.

Es bleibt aber nicht beim Laub, da wäre der Laubinator nicht genügend ausgelastet. Er bläst alles, was sich blasen lässt, von den Hinterhöfen, Vorgärten, Türeingängen, Garageneinfahrten und Gebäudewänden: Spinnweben, PET-Flaschen, Schneeflocken, Sandkörnchen, Grashälmchen, Kieselsteinchen, auch nicht weggeräumter Hundekot muss wohl von Zeit zu Zeit daran glauben. Ich glaube, er bläst sich damit auch das nasse Haar.

Anders als ihre Mitmenschen auf den lärmgeplagten Balkonen tragen Laubinatoren immer Gehörschutz, und sie sehen aus, als ob sie mit dem Gerät eine Art Symbiose entwickelt haben. Sie scheinen immer zufrieden. Oder aber das herumschaukelnde Laubwerk übt eine undurchschaubare Faszination auf sie aus. Man weiss es nicht genau. Auf jeden Fall ist gegen den erschöpfungsresistenten Laubbläser jeder Rechen machtlos, auch wenn ein bisschen Fegen dem einen oder anderen Oberarm nicht schaden würde.

Ich möchte an der Stelle betonen, dass Laubinatoren, die das Monster arbeitsbedingt bedienen müssen, natürlich nicht für die durch sie freigesetzten kollektiven Aggressionen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Aber ihre Arbeitgeber. Und der Staat, der die Laubinatoren oft und gerne einsetzt. Denn mit Blättern bedeckte öffentliche Parks und Grünanlagen sind in seinen wachen Augen ganz offensichtlich immense Dreckschleudern, deshalb werden in der Schweiz ja auch Spazierwege im Wald vom Laub befreit. Das ist kein Witz, ich habe das schon beobachtet. Ausserdem überdeckt das Laub die Pfade, was enormes Gefahrenpotenzial birgt. Wie um Himmels willen sollen wir auf unbegehbaren Wegen, uns durch Laubfontänen kämpfend, wieder nach Hause finden? Es gilt hier wohl, einen Sicherheitsstandard zu erfüllen. Aber nebst dem staatlichen Putz-Ehrgeiz fühlen sich auch immer mehr private Laubinatoren in ihrer Freizeit dazu berufen, uns das ganze Jahr über von diesem fiesen Schmutz zu befreien.

Seit Ende der neunziger Jahre treiben Laubbläser ihr Unwesen. Und weil einzelne Blättchen von sehr widerspenstiger Natur sein können, dauert der Einsatz schnell einmal mehrere Stunden. Den kompletten Samstagvormittag. Oder den kompletten Montagnachmittag – wie heute, wo ich das alles zwecks persönlicher Entspannung aufschreibe (und Ihnen nicht nur fürs Lesen, sondern auch fürs Mitgefühl dankbar bin). Statt Sommerstimmung auf der Terrasse ist also gefühlsintensives Presslufthammer-Feeling angesagt (auch mit geschlossenen Fenstern) und immer wieder wuchtiges Staunen über die Unmengen von Laub, mit dem unser Planet offenbar überflutet wird. Mitten im Hochsommer. Ja, Hochsommer.

Nebst Bluthochdruck bewirkt das Blasgerät ein komplett neues Luftaroma: Indem es mit seinem Luftstrom von 290 km/h Feinstaub, Bakterien und Viren herumweht, entsteht ein Partikel-Mischmasch in der Luft, das sich laut Experten über mehrere Tage hält – und von seiner toxischen Zusammensetzung her wahrscheinlich locker mit Rauschpilzen mithalten kann. «Laubsauger und -bläser, die von einem Verbrennungsmotor angetrieben werden, stossen darüber hinaus gesundheitsschädliche Abgase wie Kohlenwasserstoffe, Stickoxide und Kohlenmonoxid aus», schreibt der Bund Naturschutz. «Auch die Bodenbiologie wird durch Laubsauger gravierend beeinträchtigt. Die lauten Ordnungshalter saugen mit den welken Blättern auch Kleintiere wie Spinnen und Insekten auf, häckseln und töten sie dabei. Ausserdem zerstören sie Pflanzensamen.» Ja, und bevor die Hitze des Bläsers Spinnlein, Würmer oder Insekten tilgt, wurde ihr Unterschlupf, das Laub, schon längst vom Luftstrom zerstört. Dass die meisten Geräte mit Verbrennungsmotoren funktionieren, scheint dabei nur konsequent; elektronische Laubbläser sind viermal so teuer, und das ständige Auswechseln der Akkus würde noch mehr Extraarbeit für bequeme Menschen bedeuten.

Mit dem Einsatzende des Laubinators habe ich jetzt übrigens meine 5200 Zeichen erreicht. Lassen Sie mich noch einen Wunsch äussern: Könnte sich bitte mal ein «Fridays for Future»-Aktivist dafür einsetzen, dass man zwei Blätter, die am Boden liegen, mit einem Laubrechen und nicht mit einem Laubbläser entfernt? MfG, Ihr sozialer Friede.

Weltwoche, Juli 2020