Freitag, 31. Juli 2020

Der grosse Medien-Quatsch, den alle nachplappern

Weibliche Regierungen bewältigen die Corona-Pandemie angeblich besser. Ist das Geschlecht entscheidend, haben Frauen tatsächlich das bessere Krisenmanagement?


Weiblich regierte Länder meistern die aktuelle Situation besser», schrieb vergangene Woche eine Welt-Autorin in einem Meinungsstück. Einen Tag später titelte ihr Welt-Kollege über seinem Text: «Warum Belgien die höchste Todesrate der Welt hat». Belgiens Ministerpräsidentin Sophie Wilmès ist weiblich.

Dass mich das als Autorin wurmen würde, geschenkt. Aber wie sieht es wirklich aus? Setzt sich der weibliche Führungsstil in Krisenzeiten besser durch? 

Als Beispiel für vorbildliche weibliche Krisenbewältigung nennt die Welt-Redaktorin Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern. Sie hatte schon sehr früh Ausgangsbeschränkungen angeordnet, die auf breite Akzeptanz gestossen sind. Neuseeland zählt ganz wenige Neuinfektionen. Weiter listet sie Island, Finnland, Norwegen, Dänemark, Taiwan und Deutschland auf. Diese «Erfolgsgeschichten» hätten nicht nur damit zu tun, wie die Länder regiert werden. Aber: «Es gibt Parallelen in der Art, wie die Regierungschefinnen ihre Länder durch die Krise navigierten: mit einer Politik der Transparenz und des Dialogs etwa. Mit Weitsicht und Empathie. Mit Konsequenz in der Haltung, aber einem Diskurs der Nähe und Zugewandtheit in der Durchführung.» Für gescheitert erklärt sie Donald Trump und Boris Johnson.

Es gibt die vorherrschende Meinung, dass weiblicher Führungsstil mit besserer Kommunikation, mehr Empathie und Sozialkompetenz einhergeht. Aber dieses Klischee wurde widerlegt – sogar in derselben Zeitung. 
Unter dem Titel «Frauen verlieren als Chef Sozialkompetenz» schrieb 2016 Welt-Wirtschaftsreporterin Inga Michler: «Eine Studie beweist das Gegenteil. Frauen werden wie ihre männlichen Kollegen.» Je weiblicher die Chefetage, desto härter und zielorientierter wird der Führungsstil, desto rauer das Klima; die kritische Masse sei 22 Prozent. «Dann kümmern sich Frauen stärker um ihre eigene Karriere und nähern sich in Sachen Durchsetzungskraft und Härte ihren männlichen Kollegen an», so Studienautor Joachim Bohner, der die Untersuchung der internationalen Personalberatung Russell Reynolds Associates durchgeführt hat. Die Fürsorge für andere und die Beziehungspflege hingegen nähmen messbar ab. Mit seiner hohen Leistungsorientierung, der Fähigkeit, Menschen emotional mitzunehmen und dabei auch nicht vor härteren Entscheiden zurückzuweichen, sei dieser «härtere» Leader-Typ am besten gewappnet für unsere dynamische Zeit. Laut der Welt am Sonntag sind für Bohner die «Persönlichkeitsunterschiede von Mensch zu Mensch wesentlich relevanter» als die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Für die Studie wurden Tiefeninterviews mit über 4300 internationalen Führungskräften geführt. Meines Erachtens haben Management- und Polit-Führung viele Ähnlichkeiten.

Mit Ausnahme von Deutschland sind alle aufgezählten, «erfolgreichen» Länder Inselstaaten oder Halbinseln. Der Vergleich hinkt deshalb. Denn naturgemäss sind sie vom Virus weniger stark betroffen, ein Land wie Neuseeland kann sich besser abschotten als etwa die Schweiz mit 68 000 italienischen Grenzgängern. Unsinnigerweise hätte man auch Grönland nennen können – es ist Corona-frei (Stand 27. 4.) –, wobei einem dann bei seiner These der Pimmel des Premierministers in die Quere gekommen wäre.

Es gibt männlich regierte Länder, die das Virus vergleichsweise gut stoppen, wie Singapur, Südkorea und Österreich. Angela Merkel macht laut Datenanalysten einen guten Job – genauso wie Sebastian Kurz. Anfangs dieser Woche zählte Österreich 542 Corona-Tote bei 15 188 Infizierten. Wie Ardern hat er sehr früh Grenz- und Ladenschliessungen angeordnet, in seinen Pressekonferenzen kommuniziert er klar und direkt, ohne Beschönigungen – und ohne Skript. Merkel hat sogar gesagt: «Österreich war uns immer einen Schritt voraus.» Kurz ist beliebt wie nie.

Grossbritannien hat ein eher schlechtes Corona-Management. Heathrow ist natürlich eine Virenschleuder, und England liegt nicht abgelegen. Und Johnson? Kann ich nicht beurteilen. Auch Belgien ist mit der weltweit höchsten Todesrate stark betroffen. Belgien hat zwar aufgrund seiner Zählmethode mehr Corona-Fälle, dennoch: In Belgien sind vor allem die Altersheime Hotspots, zusätzlich fehlt es an Schutzausrüstung. Diese Schwächen in der Bewältigungsstrategie Wilmès anzulasten, wäre aber Unsinn.

Wie gut oder schlecht ein Land die Pandemie meistert, hängt eher nicht vom Geschlecht des Regierungschefs ab. So einfach ist es nicht. Viele Komponenten spielen eine Rolle: die Lage, der Altersdurchschnitt, das Gesund-heitssystem, der Vorrat an Schutzausrüstung, die Strenge der Massnahmen, auch Begrüssungsrituale. Hinzu kommt, dass Regierungschefs für ihre Entscheide in der Regel die Zustimmung des Koalitionspartners benötigen. Asiatische Länder sind mit ihren Krisenplänen und dem Tragen von Masken, das für viele zum Alltag gehört, besser auf eine Epidemie vorbereitet.

Die Überschwemmung der Medienlandschaft mit Artikeln, die das Narrativ pushen, Menschen seien fähiger (oder unfähiger) aufgrund von Geschlecht, Alter oder Hautfarbe, statt aufgrund ihrer individuellen Qualitäten, ist einfach nur müssig. Letztlich kommt es auf die Kompetenz und den Charakter der Führungsperson an. Hier stimme ich zu, zwischen Trumps irrationalen Entscheiden und dem schlechten Abschneiden der USA dürfte wohl ein Zusammenhang bestehen.

Weltwoche, April 2020