Freitag, 31. Juli 2020

Die grosse Lüge, die immer funktioniert

Oft werden extreme Aussagen in der Öffentlichkeit verbreitet, die bei genauer Betrachtung in sich zusammenfallen. Dennoch erhalten sie von vielen tosenden Applaus.


Neulich hat Mercedes-AMG ein Gruppenfoto ihres neuen Management-Teams veröffentlicht. Auf dem Bild stehen fünf Männer. «Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der Männer sich abgrundtief für solche Fotos schämen»: Eine Twitter-Userin konnte nicht mehr an sich halten, sie brauchte bei dem Anblick vermutlich Baldriantropfen. Für ihre Entrüstung über die offenbar fehlenden Frauen im Management erntete sie riesige Zustimmung: «Ein Grund, dort keinen Wagen zu kaufen!», Mercedes solle sich fragen, ob sie für Diversität stehe, Kunden würden andere Fotos erwarten!

Ehm, nein. Die meisten Mercedes-Kunden erwarten keine anderen Fotos. Zufälligerweise bin ich eine Kundin, auch wenn ich zwecks Anschaffung eines AMG noch ein paar Kolumnen schreiben muss. Als solche ist es mir einerlei, ob Frösche oder Zebras auf dem Foto sind. Mein Anliegen ist einzig, dass mein fahrbarer Untersatz von der bestqualifizierten Person konstruiert wird, egal, ob Mann oder Frau, von mir aus kann das auch ein non-binärer, transfluider Gartenzwerg erledigen, wenn er es denn drauf hat.

Wer googelt, findet rasch noch andere Berufszweige mit reinen Männerbildern: Abfallentsorgung, Gruben- und Holzarbeit, Kanalreinigung, Feuerwehr, Militär. Einzig auf dem Foto des Zürcher Kanalreinigungsunternehmens Karo AG steht, zwischen dreissig Männern, eine Frau – ich tippe aber darauf, dass sie während der Arbeit an einem Schreibtisch sitzt, in einem Büro mit halbwegs appetitlicher Duftnote und angenehmer Temperatur. Interessanterweise hat sich noch keine Feministin je über die tiefe Frauenquote in ungemütlichen, riskanten und gesundheitsschädigenden Jobs aufgeregt. Für Heuchelei könnte man sich ja auch mal abgrundtief schämen.

AMG, der Tochterkonzern von Daimler AG, entwickelt und produziert Hochleistungsfahrzeuge, PS-starke Autos. Laut der Daimler-Pressemitteilung wurde das Management von High Performance Powertrains umstrukturiert. Hätten sich die Empörten die Mühe gemacht, das nachzulesen, wäre schnell klar geworden, dass dort absolute Spezialisten arbeiten. Man kommt nicht in die Chefetage von AMG, wenn man nicht ein bisschen was mit Rennsport am Hut hat. Eine Germanistin hätte wohl nicht ins Team gepasst.

Weiter hätten sie festgestellt, dass Daimler als einer der wenigen DAX-Konzerne im Vorstand einen Frauenanteil von 25 Prozent hat. Mit der Berufung von Britta Seeger als weltweiter Vertriebschefin wurde die Kampagne «She‘s Mercedes» ins Leben gerufen, bei der explizit Angebote geschaffen wurden, um «Frauen zu inspirieren und zu vernetzen».

Raten Sie mal, wer bei meinem Autoservice den Ölwechsel macht, Luftfilter, Zahnriemen und Pneus auswechselt und das Auto reinigt? Es sind meist Männer. Die Autobranche, gerade im Technikbereich, ist eine Männerdomäne, auch wenn sie in den letzten Jahren viele Frauen dazugewonnen hat, etwa als Mechanikerinnen oder Teilelogistikerinnen. Es ist nicht so, dass Frauen da nicht als Chefinnen reüssieren könnten. Wie überall sonst steht es jeder Frau offen, sich zur Kfz-Mechatronikerin oder -Ingenieurin ausbilden zu lassen. Nur haben die Damen eben oftmals andere Interessen, machen lieber «etwas mit Menschen». Die logische Konsequenz einer Männermehrheit ist, dass die männliche Spezies mehr in Kaderpositionen vertreten ist.

So ein einzelner Entrüstungs-Tweet würde keine Rolle spielen. Das Problem ist, dass er heute als Sinnbild steht für das, was in der medialen Öffentlichkeit passiert. Der Tweet hatte knapp 9000 Likes, das ist viel. Die grosse Mehrheit nutzt Twitter zwar nicht. Die Macht der Plattform ist aber, dass die Botschaften oft in den Massenmedien aufgegriffen werden und dort riesige Aufmerksamkeit bekommen. Der Tweet hat es sogar in die Stuttgarter Nachrichten geschafft. Medien basteln oft aus solchen unqualifizierten Aussagen, bei denen mit nicht recherchierten Inhalten ein bestimmtes Narrativ verbreitet wird und die sich über Monate und Jahre kumulieren, ihre Geschichten. Das lesen dann sehr viele Menschen, und es entsteht bei ihnen der Eindruck, dass sie wahr sind. Böse Mercedes, ganz ohne Frauen! Auch gerät durch viele solcher Artikel dann die Politik unter Druck, greift mit Dingen wie Frauenquoten in den Markt ein.

Eine Firma wie Daimler macht eigentlich alles richtig, sie fährt eine maximale diversity-Kampagne – und es bringt dennoch nichts. Weil diese Leute nie zufrieden sind. Es geht ihnen im Grunde nicht um tatsächliche Verbesserungen, denn die sind längst da. Es geht darum, unter grossem Applaus etwas anzuprangern. Es geht um die moralische Überhöhung.

Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der nicht nach Geschlecht unterschieden wird, sondern nach Kompetenz und Können. In der solche Extremaussagen wie zu dem Foto häufiger hinterfragt statt gefeiert werden. Wenn sich ein Mann «abgrundtief schämen» sollte, wenn er auf einem Gruppenfoto nur mit Männern abgebildet ist, was soll er dann nach einem verwerflichem Verhalten oder einer Straftat tun? Sich selbst kasteien? Oder sich besser gleich einen Strick um den Hals legen? Wenn harmlose Dinge dieselbe Empörung auslösen wie tatsächliches Fehlverhalten, läuft der Feminismus komplett aus dem Ruder. Das ist schon lange der Fall. Und ausserhalb der feministischen Blase ist man sich darüber völlig einig.

Weltwoche, Juni 2020