Freitag, 31. Juli 2020

Ein Hoch auf Lisa Su: Der bestbezahlte CEO ist eine Frau

Der bestbezahlte CEO der USA ist eine Frau. Wo ansonsten jeder kleinste Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern angeprangert wird, bleibt es erstaunlich still.


Lisa Su führt als erste Frau die Liste der bestbezahlten CEOs eines US-Unternehmens im S&P 500 an. Gemäss einer Auswertung von Equilar und AP verdiente sie 2019 58,5 Millionen Dollar – mit grossem Abstand (fast 13 Millionen Dollar) vor dem Zweitplatzierten. Haben Sie in den Mainstream-Medien auch massenhaft Artikel gelesen über diesen herausragenden Erfolg? Über die erfreuliche Nachricht in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation? Ich auch nicht. Es hätte wohl das Gender-Pay-Gap- und das «Pro Quoten»-Narrativ arg in Schieflage gebracht.

Meinem Ruf zuliebe muss ich diese kleine Diskrepanz natürlich aufgreifen. In erster Linie aber möchte ich eine grossartige Frau würdigen, die es in einer absoluten Männerdomäne mit Leistung, Fleiss und Kompetenz ganz nach oben geschafft hat.

Lisa Su, 50-jährige Amerikanerin taiwanesischer Abstammung, ist Chefin des Unternehmens AMD, das Mikroprozessoren und Chipkarten für Computer produziert und die Nummer zwei hinter Marktführer Intel ist. Ihr Lohn setzt sich laut der Computer-Website Pcgameshardware.de zusammen aus einem Basisgehalt von einer Million Dollar und riesigen Bonuszahlungen aufgrund von Börsenerfolgen ihrer Firma.

Es geht mir aber nicht nur darum, wie viel sie verdient. Su steht vor allem für herausragendes Leadership. Um ihren Erfolg in die richtigen Proportionen zu setzen, muss man wissen: Sie hat mit AMD nicht einfach ein erfolgreiches Unternehmen übernommen und dessen Ertrag um ein paar Prozent gesteigert. Su wurde Chefin im Jahr 2014, zu einer Zeit, als das Unternehmen ein Underdog in der Branche war, am Rande des finanziellen Ruins, und machte aus ihm einen Top-Performer. AMD ist zwar auch heute noch ein Knirps neben Intel, aber mit den «Ryzen»-Prozessoren schaffte Su es 2017, ein äusserst konkurrenzfähiges Produkt auf den Markt zu bringen und damit den Riesen Intel ordentlich durchzuschütteln. Nun konnte man mithalten. Man muss sich das so vorstellen, wie wenn wir in unserer Garage ein Auto bauen und damit mit Mercedes konkurrieren könnten.

Startvorteil Mann? Systematische Diskriminierung Frau? Su beweist das Gegenteil. Was macht sie anders als jene Frauen, die sich als Opfer einer von Männern dominierten Arbeitswelt sehen? Ich weiss es nicht genau, habe aber eine Vermutung. Sie ist verheiratet – aber vielleicht nicht nur mit ihrem Mann, sondern auch mit dem Unternehmen. Vielleicht gehört sie zu den Frauen, die morgens um vier Uhr aufstehen, um sich den Kopf frei zu joggen, dann einen Avocado-Spinat-Shake mixen, bevor sie um sechs Uhr zur Arbeit fahren. Vielleicht denkt sie in ihrer Freizeit, wenn sie mit ihrem Mann alleine ist, über die Verbesserung der «Ryzen»-Prozessoren nach, vielleicht kreist ihr Leben ausschliesslich um Chipkarten und Mikrotechnik.

Was definitiv überliefert ist: Sie hat sich schon als Kind mit Mathematik und Technik beschäftigt; mit zehn Jahren reparierte sie die ferngesteuerten Autos ihres Bruders. Sie hat einen Bachelor, Master und Doktortitel in Elektrotechnik, alle vom renommierten MIT. Es sei immer ihr Traum gewesen, Chefin eines Halbleiter-Unternehmens zu sein, erzählt sie in Interviews, und die Leute hätten immer gestaunt, weil es ja nicht der übliche Mädchentraum sei: «Wie kannst du das wollen?!» An der Stelle gibt’s Lacher im Publikum.

«Risk Taker» titelte CNN über sie. Offensichtlich hat sie viele richtige Entscheide im Leben getroffen, gute Innovationen vorangetrieben – ist Risiken eingegangen. Im Interview mit Fortune Magazine antwortet sie auf die Frage zum Schlüssel ihres Erfolges: «In dieser Industrie macht man Einsätze über lange Zeit, sie zahlen sich manchmal erst nach drei oder fünf Jahren aus. Wir fokussieren auf grossartige Produkte und sind uns immer im Klaren darüber, was wir nicht tun wollen.» Um die Mitarbeiter hinter ihre Entscheide zu versammeln, sei «extreme Kommunikation» nötig. «Man sagt etwas 75-mal, und dann muss man es nochmals 75-mal sagen.» Damit jeder die Strategie verinnerliche.

Eine Frau bestbezahlte CEO in Amerika – ich finde, diese Nachricht sollte eigentlich in allen Medien stehen. Gibt man aber ihren Namen in Zusammenhang mit «bestbezahlter CEO» bei Deutsch-Google ein, wird ihre Rekordleistung ausser von einigen Tech-Seiten kaum erwähnt (Stand: 7.6.).

Natürlich egalisiert Sus Erfolg nicht alle Missstände in der Arbeitswelt, und die gibt es auch. Aber wenn es den feministischen Journalisten wirklich um «Female Empowerment» ginge, müsste man sie doch exzessiv erwähnen und abfeiern – statt stillschweigen. Angesichts der unzähligen Artikel, wo jeder minimalste Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ausgeschlachtet wird, uns permanent erklärt wird, warum es eine Frau im Job viel schwieriger hat, wo vorgefertigte Meinungen von der allgegenwärtigen Diskriminierung vor sich hergeschoben werden wie Panzer in der Schlacht, entbehrt das Aussparen solcher Erfolgsgeschichten nicht einer gewissen Ironie. 
Diese Art von Selbstbestimmung ist, so scheint’s, für die Opfer-Theorie nicht ergiebig, man schiesst sich lieber aufs Anprangern und Beklagen ein. Dabei wäre es doch sinnvoll, Frauen wie Su als strahlende Vorbilder für Emanzipation und Gleichberechtigung in Szene zu setzen: als Beweis, dass man es schaffen kann, wenn man das Zeug dazu hat. Herzliche Gratulation, Lisa Su!

Weltwoche, Juni 2020