Freitag, 31. Juli 2020

Einspruch! «Männerwelten» (Joko&Klaas)

Männer Schweine, Frauen wunderbare, korrekte Wesen: So einfach, wie es in der TV-Show von Joko und Klaas dargestellt wird, ist es leider nicht.

Die deutschen Spassmacher Joko und Klaas haben neulich in ihrer Pro-7-Sendung sexuelle Belästigung von Frauen thematisiert. In dem fünfzehnminütigen Beitrag «Männerwelten» geht es in erster Linie um Penisbilder, sogenannte dick pics, um sexistische Kommentare im Netz, peinliche Chat-Verläufe.

Belästigung im Internet ist ein Problem. Durch die Anonymität fühlen sich Leute dazu berufen, andere sexistisch zu belästigen, zu beleidigen. Es kehrt bei manchen die schlechteste Seite heraus. Das Thema aufzugreifen, ist darum richtig und wichtig.

Die Autorin Sophie Passmann spricht in dem Beitrag mit Frauen über ihre Erfahrungen. TV-Moderatorinnen lesen beleidigende Kommentare vor wie «Sie soll nicht immer so tun, als hätte sie eine Ahnung von Rap, jeder weiss, sie ist nur wegen der Titten angestellt.» Ein Kameraschwenk fährt über eine Reihe Penisbilder, die Frauen unaufgefordert erhalten, auch sexistisch-perverse Chat-Anmachen werden gezeigt. An einer Stelle sagt Passmann, dass Männer Frauen als «bumsbar» bezeichnen würden – und es quasi «zur Jobbeschreibung» gehöre, «als Frau in der Öffentlichkeit so was ertragen zu müssen».

Dick pics im Postfach sind gewiss gruselig. Was pubertäre Idioten sich davon versprechen, bleibt ihr dunkles Geheimnis. Als Frau kann man sich wehren, kann es anzeigen. Auch sexistische und perverse Kommentare können fürchterlich und verletzend sein. Nicht jede Frau vermag das einfach so wegzustecken, für einige ist das zweifellos schlimm.

Es gibt aber noch diesen Blickwinkel: Dick pics kann man auch einfach ignorieren, löschen, E-Mails oder Messages von unbekannten Absendern muss man nicht lesen. Es existieren Möglichkeiten, etwa bei Twitter, Nachrichten von Usern, denen man selbst nicht folgt, auszublenden; auf Youtube kann man Kommentare, die bestimmte Wörter enthalten («Hure»), direkt in einen Spam-Ordner verschieben.

Zudem, auch wir Frauen beurteilen Männer. «Geiler Arsch», «geiler Body», wir bezeichnen Männer nicht als «bumsbar», teilen sie aber in keeper, also gut als Familienernährer, und loser ein. Auch lästern wir genauso über andere Frauen: «Sie ist nicht die hellste Kerze auf der Torte», «Sie hat ihren Job nur, weil sie hübsch ist»: Frauen sind einfach nicht so doof, das ins Internet zu schreiben.

Und ob mich irgendein anonymer Typ für «bumsbar» befindet oder meinen beruflichen Erfolg im Hochschlafen begründet sieht, kann mir auch einerlei sein. Gerade jungen Frauen sollte man nicht einreden, dass sie wegen solcher Sprüche «Opfer» seien, sondern eher mit auf den Weg geben, dass die Beurteilung von aussen, auch wenn verletzend, unwichtig ist und man versuchen sollte, es an sich abperlen zu lassen. Weil: Böse und dumme Menschen wird es immer geben. Ein Selbstbewusstsein sollte wegen solcher Leute nicht leiden.

Ein weiterer Punkt, der in «Männerwelten» nicht zur Sprache kommt: Nicht nur Frauen erleben online Belästigung. Auch Männer werden übel beschimpft, ich sehe es auf allen Kanälen, es manifestiert sich nur unterschiedlich. Eine US-Studie des Pew Research Center von 2014 hat ergeben, dass Männer im Internet mehr mit beleidigenden Ausdrücken konfrontiert sind, sie werden mehr körperlich bedroht. Frauen werden mehr gestalkt und sexuell belästigt. «Insgesamt erleben Männer eher etwas mehr Online-Missbrauch als Frauen», schreibt das Pew Research Center. Das macht Sexismus gegen Frauen nicht besser, es rechtfertigt kein einziges Penisbild. Aber es ist halt nur die halbe Wahrheit, wenn man die Perspektive, die nicht zum eigenen Argument passt, völlig ausblendet.

Frauen sind natürlich nicht schuld an sexistischen Kommentaren. Aber es gibt noch den Aspekt: Viele Ladys kleiden sich sexy, kommen ins Büro in knallengen Jeans, Hotpants, hohen Hacken, mit tiefem Décolleté. Sie verkaufen sich als verführerische Geschöpfe, definieren sich selbst über ihr Aussehen – aber man darf sie nicht als Sexsymbol sehen? Darf sie nicht geil finden, darf als Mann nicht hingucken? Hello, Heiligenschein! Es ist sicher ein Unterschied, ob eine Politikerin oder Ärztin auf ihre Sexualität reduziert wird oder eine TV-Moderatorin. Bei Letzterer gehört ein attraktives Äusseres nun mal zum gewählten Job – und wenn man sich überwiegend in sexy Klamotten präsentiert, muss man nicht überrascht sein, wenn man in erster Linie als attraktive, sexy Frau wahrgenommen wird – und nicht etwa als die mit dem Masterstudium oder die, die sich in der Freizeit für bedrohte Pflanzenarten einsetzt.

«Männerwelten» macht es sich insgesamt zu einfach: Es wird so dargestellt, als seien praktisch alle Männer Schweine und alle Frauen wunderbare, korrekte Wesen. Und es wird übertrieben, so als seien dick pics und sexistische Kommentare «Teil unseres Alltags», unter dem wir alle permanent leiden. Das gilt längst nicht für alle Frauen, wie mir Kolleginnen bestätigen. Auch ich habe noch nie ein dick pic erhalten. Und trotz jahrelanger Arbeit als TV-Moderatorin, trotz Youtube-Kanal, Meinungskolumne, grosser Klappe auf Twitter und Girlie-Fotos auf Instagram: Ich bekomme kaum sexistische oder beleidigende Kommentare von Männern (und wenn, dann auch von Frauen).

Trotz der Kritikpunkte halte ich die Botschaft von «Männerwelten» aber grundsätzlich für gut, um die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.

Weltwoche, Juni 2020