Freitag, 31. Juli 2020

Frauen und ihr Geburtsmakel

Aus der Serie «Das Leben ist ungerecht für die Frau» kommt die nächste Folge: Menstruation bedeutet finanzielle Bestrafung. Darum gibt’s jetzt gratis Tampons für alle.



Der Jubel war gross, als vergangene Woche bekannt wurde, dass Schottland – als erstes Land der Welt – Tampons und Binden für Frauen gratis zur Verfügung stellt. Wie die BBC berichtet, werden die Menstruationsprodukte an öffentlichen Orten wie Apotheken oder Gemeindezentren kostenlos erhältlich sein. Das entsprechende Gesetz, das jährlich etwa 24 Millionen Pfund kosten soll, wurde jüngst verabschiedet. Die Fürsprecherinnen haben argumentiert, dass es «finanzielle Bestrafung» sei und fehlende Gleichberechtigung, wenn Frauen wegen einer natürlichen Körperfunktion mehr bezahlen müssten. Das Wort «unfair» kam ein paarmal vor. Unfair. Unfair. Unfair.

Auch in der Schweiz fordern SP-Frauen, Tampons und Binden an Schulen und Universitäten kostenlos abzugeben. Nach dem Schottland-Entscheid sind wir wohl nur Momente davon entfernt, dass eine ermutigte Tamara Funiciello die nächste Motion einreicht, die auch die Gratisabgabe von Produkten wie Antibabypille, Badekugeln und Essiggurken an Frauen verlangt.

Hierzulande plant der Bundesrat eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Damenhygieneartikel von 7,7 auf 2,5 Prozent, was ich für begrüssenswert halte. Ich sehe nicht ein, wieso man etwa auf Kaviar oder Schnittblumen weniger Mehrwertsteuer zahlen muss als auf Basisartikel wie Binden. Nur, damit öffnet man natürlich die Fragebüchse der Pandora: Wieso würde dann Seife höher besteuert als Tampons? Wann verbilligt man Windeln? Warum finanziert der Staat eigentlich nicht das WC-Papier? Da hätten wenigstens alle etwas davon.

Ich halte es für richtig, dass man Frauen mit einem sehr tiefen Einkommen, die sich keine Tampons und Binden leisten können, mit deren Abgabe unterstützt. (Allerdings müsste man dann davon ausgehen, dass diese Frauen sich auch keine Dinge wie Zigaretten oder Alkohol kaufen.) Eine Packung Tampons kostet etwa 5, Binden kosten 8 Franken, macht aufs Jahr gerechnet zwischen 200 und 400 Franken, es ist bei jeder Frau ein bisschen anders. Die Gratisaktion für alle jedoch ist höchst fragwürdig. Denn «gratis» heisst ja nichts anderes, als dass nicht der Endverbraucher die Produkte bezahlt, sondern die Allgemeinheit. Dumm gelaufen also für den Elektriker, der knapp bei Kasse ist, mit seinem Steuergeld aber die Hygieneartikel der erfolgreichen Staatsanwältin berappen muss.

In ihrer fortwährenden Fixierung auf Nachteile im Leben und dem unbändigen Drang, sich unfair behandelt zu fühlen, liegen die Frauen auch hier wieder einmal falsch: Wenn nur eine Bevölkerungsgruppe ein Produkt benötigt, ist das weder Diskriminierung noch «finanzielle Bestrafung». Die Logik ist etwa so absurd, wie wenn Männer eine Entschädigung vom Staat fordern würden, weil sie sich aufgrund ihres (nachweislich) höheren Kalorienbedarfs benachteiligt fühlen. Ausserdem müssten dann ja auch Käufer von Brillen und Schuheinlagen als diskriminiert gelten – und diese Produkte kostenlos erhalten. So hat übrigens auch der Bundesrat 2017 argumentiert, als er damals noch die Motion der SP für einen reduzierten Mehrwertsteuersatz bei Damenhygieneartikeln ablehnte: «Es liegt auch keine Diskriminierung vor, wenn nur ein Teil der Bevölkerung solche Produkte benötigt.»

Die Argumentation ist richtig – dass man den Mehrwertsteuersatz nun etwas anzupassen plant, widerspricht der Aussage nicht.

Menschen in einer prekären finanziellen Lage, die Produkte wegen ihrer «natürlichen Körperfunktion» benötigen, gibt es zum Beispiel oft unter Senioren. Warum soll diese Gruppe nicht auch das Recht auf unentgeltliche Hygieneartikel wie Inkontinenzhosen oder Urinbeutel haben, Produkte, die längst nicht immer von der Krankenkasse gedeckt sind? Männerrechtler wiederum finden, dass so gesehen auch Rasierklingen fürs Gesicht vom Staat finanziert werden müssten. Natürlich kann man da einwenden, dass man die Wahl hat, sich nicht zu rasieren, wo hingegen Binden zwingend notwendig sind. Nur hängt Rasur nicht immer von Ästhetik ab; bei vielen Jobs ist Rasur Pflicht, es arbeitet nicht jeder in einer Hipster-Bude. Gewiss, das Beispiel passt nicht eins zu eins zu Menstruation, und diese Vergleiche sind ja auch grotesk, aber sie offenbaren die Willkür, mit der Forderungen gestellt werden – und dieser Willkür unterliegt auch die staatliche Tamponfinanzierung in Schottland.

Man muss sich ja auch fragen, warum etwa Senioren mit ihren Anliegen grundsätzlich auf viel weniger Gehör stossen. Die Antwort ist wohl einfach: Sie haben keine so starke Lobby wie die Gruppe der Frauen. Darum verleitet die Gratisaktion auch zu der These, dass die Zuwendung der Wohlstandsgesellschaft vermehrt auf die Ansprüche der Damenwelt fokussiert – und sie zu den Hauptleidtragenden eines ungerechten Lebens erklärt. Der Tweet von Dominic Wyler von den «Jungen Grünliberalen beider Basel» zu Schottland trifft es gut: «Damit wird impliziert, dass Frau aufgrund ihres Geschlechts Unterstützung benötigt. Dies steht im krassen Widerspruch zum gewünschten Effekt der Gleichstellung.»

Dem femininen Vorsatz haftet ein Anspruchsdenken an: Die Welt schuldet mir etwas, weil ich eine Frau bin – geboren mit diversen evolutionären Startnachteilen. Solange Frauen sich selbst in dieser Rolle wahrnehmen, sind sie von Gleichstellung tatsächlich noch Lichtjahre entfernt.

Weltwoche, März 2020