Freitag, 31. Juli 2020

Liebestöter Auto

Ständiges Aufeinanderhocken macht aggressiv. So ist auch der Beziehungsstreit im Auto programmiert. Derzeit beginnt der Krach noch früher als sonst.

Männer halten sich ja für die perfekten Autofahrer. Gott persönlich hat das Auto für sie erschaffen. Uns Frauen halten sie meist für fahrtechnisch zurückgeblieben, dabei belegen Verkehrsstudien das Gegenteil: Frauen fahren sicherer, verursachen weniger Unfälle. Aufgrund des zögerlichen weiblichen Fahrstils (der sich durch fortwährend frühes Bremsen ausdrückt, damit alle anderen Fahrzeuge bequem in die Lücke drängen können) benötigen sie halt einfach ein Jahr länger, um von A nach B zu gelangen. Männer sind im Strassenverkehr oft abgelenkt und pflegen einen aggressiveren Fahrstil.

Die Fahreigenschaften von Männern könnten Frauen eigentlich einerlei sein – wäre da nicht die gelegentliche Unvermeidbarkeit einer Beifahrt. Und da muss festgehalten werden: Männer geben sich hinter dem Steuer alle erdenkliche Mühe, es ihren Partnerinnen leichtzumachen, dass wir sie hassen.

Die Knackpunkte sind vielfältig. Beim Anfahren zum Beispiel drücken sie das Gaspedal mit so übertriebener Begeisterung durch, dass es die Beifahrerin in den Sitz zurückdrückt und sich ihr der Magen umdreht wie beim Raketenstart. Mein Mann lässt seinen Fuss gerne bis zum letzten Moment bleiern auf dem Gaspedal liegen, obwohl die Ampel schon von weitem erkennbar auf Rot steht. Das abrupte, spätmöglichste Abbremsen scheint ihm eine kindliche Freude zu bereiten, anders kann ich es mir nicht erklären. Weil Männer im Sommer während der Fahrt damit beschäftigt sind, nackten Beinen hinterherzuschauen, holpern sie über jeden dritten Randstein. In den Ferien weigern sie sich hartnäckig, Strassenkarten zu konsultieren oder jemanden nach dem Weg zu fragen, stattdessen fahren sie lieber 442 Kilometer Umwege pro Jahr – das hat eine Untersuchung des britischen Versicherers Sheilas’ Wheels ergeben. Während die Beifahrerin diesen Fahrstil bei einer kurzen Strecke wenigstens teilweise ignorieren kann, führt gemeinsames Autofahren auf einem längeren Trip direkt in den Beziehungsstreit. Ich habe einmal eine Studie des Autoherstellers Seat gelesen, wonach bei Paaren nach 22 Minuten der Streit beginnt.

Knapp 80 Prozent der Paare streiten sich auf Autoreisen – oder haben sich schon einmal gestritten. Das zeigt eine Umfrage des Mietwagenportals Happycar, publiziert bei web.de 2017. Je länger die Reise dauert, desto grösser ist das Streitpotenzial. Unter Europäern zanken Spanier am meisten (83 Prozent), dicht gefolgt von den Franzosen (82,4 Prozent). Italiener und Deutsche liegen bei entspannten 77,6 beziehungsweise 76,5 Prozent. Über Schweizer steht in dem Artikel nichts, wahrscheinlich ist es bei ihnen hoffnungslos.

Die drei häufigsten Gründe für die zerrüttete Harmonie sind fehlerhafte Richtungsangaben, Fahrstil und zu schnelles Fahren. Laut der US-Beziehungsexpertin Carole Lieberman haben Streitgründe mit Kontrolle zu tun: «Diese Paare führen Machtkämpfe darüber, wer die Kontrolle hat, wohin die Reise geht und wie sie an ihr Ziel gelangen. Anders gesagt, streiten sie darüber, wer der Boss in der Beziehung ist, wer die wichtigen Entscheidungen für ihr gemeinsames Leben trifft.»

Machtkämpfe? Ein übertrieben starkes Wort, ich sehe es eher als lösungsorientierte Ansätze, seinem Partner einen konstruktiven Fahrstil nahezulegen. Sitze ich als Beifahrerin im Wagen, tue ich, was man als Frau in solchen Situationen tut: Man gibt Empfehlungen ab. «Schatz, du fährst immer zu dicht auf.» Das ist ja nicht als Kritik, sondern als Tipp gemeint. Weil aber weibliche Ratschläge vielfach die Worte «immer», «jedes Mal» und «alle» beinhalten – «Du fährst immer zu schnell!», «Jedes Mal baust du fast einen Unfall!», «Du nervst alle mit deinen Manövern!» –, sind sie zwangsläufig Streit-Beschleuniger. Ich glaube, der Grund, warum Männer den Wagen während der gemeinsamen Fahrt nicht häufiger anhalten und die bessere Hälfte zur Tür hinausbefördern, liegt einzig darin, dass sie sich damit ins eigene Fleisch schneiden – weil sie sie später irgendwo wieder aufladen und dann eine ernsthafte Krise ausbügeln müssen. Nachdem ich mich neulich wieder einmal gegen sein abruptes Abbremsen aufgelehnt hatte, war mein Familienpatriarch schon nach elf Minuten bereit, mich vor die Tür zu setzen und den Weg nach Hause marschieren zu lassen (zehn Kilometer in hohen Schuhen!); ich laste das mal der Corona-Gereiztheit an. Im letzten Moment hat er sich, zu seinem Wohl, umentschieden.

Beim Paarstreit im Auto spielt es laut der Happycar-Studie eine Rolle, wer am Steuer sitzt. Das Geschlecht habe einen Einfluss auf die Streitpunkte. Fährt die Frau, dreht sich der Krach meistens um Richtungsangaben. Wenn der Mann fährt, führt in den meisten Fällen zu schnelles Fahren zum Zoff. Grundsätzlich gebe es seltener Konflikte, wenn ein Mann am Steuer sitzt. Prima. Das deute ich so, dass Frauen (Einparken ausgenommen) grundsätzlich die besseren Autofahrer sind – und auch die entspannteren Beifahrer.

Das Gute ist, man kann den automobilen Beziehungsstreit relativ einfach managen. Zwecks Deeskalation empfehlen Verkehrspsychologen das Schaffen von streitmildernden Umständen – wie etwa regelmässige Pausen einlegen, sich bei der Musikwahl abwechseln oder ab und zu einen Snack hinüberreichen. Darum nehme ich auf längeren Fahrten stets meine eigenen Lieblingsguetsli für alle mit.

Weltwoche, Mai 2020