Freitag, 31. Juli 2020

Macht im Internet

Die klassischen Medien müssen sich heute das Informationsmonopol mit Influencern teilen. Das ist nicht in ihrem Sinne – und es macht sie nervös.

Wenn ich junge Leute frage, wo sie sich über das Weltgeschehen informieren, kommt oft die Antwort: Podcasts, Youtube, Reddit, nebst Gratisportalen wie 20 Minuten online. Die neuen Medien werden aber auch bei älteren Menschen immer beliebter, das geht seit ein paar Jahren so. Die Mainstream-Medien haben das Informationsmonopol verloren. Und das ist gar nicht mal so schlecht.

Dass diese Machtverschiebung auf den Redaktionen Nervosität auslöst, auch Frust, ist nachvollziehbar. Wenn Youtuber ein oft grösseres Publikum erreichen als die meisten Journalisten grosser Medienunternehmen zusammen, bedeutet dies nicht nur kommerzielle Konkurrenz, sondern untergräbt auch ihre Rolle als Meinungsmacher – etwas, das einem Journalisten-Ego nicht unbedingt zuträglich ist. Lustig finde ich, wie sich Autoren in ihren Artikeln (über Social Media) stets um klare Abgrenzung zu den Social Media und Influencern bemühen, sich als die besseren Storyteller und Rechercheure rühmen. Auf der einen Seite haben wir also die «professionellen» Redaktionen, auf der anderen die Influencer, die einfach ihre Meinung in die Welt hinausposaunen. Deren Einfluss auf die Meinungsbildung werde unterschätzt, warnen deshalb Journalisten.

Jüngst las ich in der NZZ, dass die Rolle von Influencern «verharmlost» werde und sie als «wesentliche Akteure des Mediensystems wahrgenommen werden» sollten. Anlass des Artikels war das Tiktok-Video von Laura Sophie, der achtzehnjährigen Deutschen mit Millionen-Followerschaft, das für Aufregung sorgte: «Iran verfügt über extrem viele Atombomben und gefährliche Waffen. Wenn da eine hochgeht, sind wir alle futsch», erklärte sie unter anderem. Mehr als zwei Millionen Menschen haben das Video gesehen, in dem die Schülerin die Angst vor einem dritten Weltkrieg befeuerte. Als Reaktion gab’s viel Spott, aber auch Aufklärung durch andere User. Sie nahm das Video offline, entschuldigte sich. Sie habe eingesehen, dass ihre Aussagen nicht ganz stimmten.

Auch das Video «Die Zerstörung der CDU» (16 Millionen Aufrufe) des Youtuber Rezo schreckte vergangenes Jahr ein paar Gemüter auf – im Wesentlichen Politiker und Journalisten. Das CDU-Bashing stiess die Debatte an, wie man gegen Influencer vorgehen sollte. Denn: Auch Rezos Video ist teilweise polemisch, er übersimplifiziert komplexe Themenbereiche. Des Videos hatten sich bei der FAZ gleich vier gestandene Journalisten angenommen, es einem Faktencheck unterzogen. Ihr Fazit: Einige Dinge stelle er richtigerweise fest, bei anderen lasse er relevante Fakten aus oder präsentiere sogar falsche Sachlagen. Heute hat Rezo eine eigene Kolumne in der Zeit.

Influencer sind Teil des Mediensystems – und werden als solche längst wahrgenommen. Im Gegensatz zu Journalisten haben sie sich ihr Publikum aber selbst erarbeitet und nicht von einem Medienunternehmen geerbt. Natürlich haben sie eine gewisse Verantwortung; reichweitenstarke Kanäle können einseitige oder auch irreführende Behauptungen verbreiten und damit innert Kürze viele Menschen beeinflussen. Das ist grundsätzlich ein bisschen die Schattenseite des Internets.

Aber, surprise! Auch bei den klassischen Medien kommt mangelnde Qualität vor, zum Beispiel wenn Journalisten sich gegenseitig abschreiben und Falschinformationen übernehmen, wie neulich bei Dieter Nuhr. Oder wenn sogar in News-Artikeln die Haltung des Autors durchdringt und damit ein bestimmtes Framing erzeugt werden soll oder einseitig berichtet wird. Wenn Studien zitiert werden, bei denen aufgrund der politischen Ausrichtung ihres Auftraggebers schon von vornherein klar ist, welche These damit untermauert werden soll. Statistiken können unterschiedlich ausgelegt werden, auch «professionelle» Redaktionen interpretieren dann eben von ihrem ideologischen Standpunkt aus. Und es muss mir ja niemand erzählen, dass jeder einzelne Kommentar eines prominenten Autors auf Fakten gecheckt wird – man verlässt sich auf seine Recherche und Redlichkeit. Und auch wenn Medien wie der Spiegel über ein Sicherheitssystem verfügen, kann es – wie im Fall Relotius – versagen.

Zwischen Journalisten und Influencern gibt es noch den Unterschied, dass Erstere ihre objektive Berichterstattung stets betonen (und sich gewiss auch darum bemühen), während Letztere ihre Beiträge gar nicht erst als neutrales, journalistisches Machwerk deklarieren. Sie verbergen ihre Subjektivität nicht, man weiss, was man bekommt. So gesehen, ist es viel ehrlicher.

Alternative Angebote tragen zur Medien- und Meinungsvielfalt bei. Man ist zwecks Informationsbeschaffung nicht mehr auf Mainstream-Medien angewiesen. Dass gerade junge Menschen von Influencern beeinflusst werden können, bestreite ich nicht. Ich erachte es als zentral – und betone es in meinen Youtube-Videos immer wieder –, dass man sich nicht auf eine einzige Quelle verlässt – für die meisten eine Selbstverständlichkeit; diese Verantwortung darf man ihnen zutrauen. Entsprechend wichtig ist, dass man Kindern an Schulen frühzeitig Medienkompetenz, Recherche und Datenanalyse lehrt.

Sind Influencer mit einseitigen Beiträgen eine Bedrohung? Ich glaube nicht. Einseitige Argumentation wird es immer geben, falsche Informationen auch. Aber dann gibt es auch immer Leute, die richtigstellen und aufklären.

Weltwoche, Januar 2020