Freitag, 31. Juli 2020

Schadet der Penis dem Klima?


Männer setzen sich zusammen und hecken Pläne aus, wie sie der Umwelt schaden und den Planeten ruinieren können. Männer sind angeblich schuld am Klimawandel.

Die Idee stammt von der Feministen-Front. «Klimawandel hat seinen Ursprung auch in traditionellen Konzepten von Männlichkeit», sagte Feminismus-Aktivist Jens van Tricht jüngst bei Deutschlandfunk. Ich war mir nicht sicher, ob das ironisch sein sollte – aber so viel Humor traue ich diesen Leuten gar nicht zu. Es liege am Gesellschaftssystem, das wir ändern müssen, und mit Feminismus könne man der Klimakrise entgegentreten. Heisst also: Männer sollen sich ändern und gute Wesen werden wie die Frauen, die wir ja bekanntlich alle völlig im Einklang mit der Natur leben.


Schon 2007 hat eine Bremer Professorin der Gender Studies, Ines Weller, auf die Schuld der Männer beim Klimawandel hingedeutet. Laut Spiegel online sagte sie, dass Männer mehr Fleisch essen, mehr Auto fahren und meistens grössere Wagen als die Frauen, die wiederum mehr Obst und Salate essen. Ihre zugespitzte These: Wer mehr verdient, verbraucht mehr Ressourcen und verursacht mehr klimaschädigende Emissionen. Sie gab laut Spon aber zu, dass die Daten dünn sind.

Das nächste Pimmel-Bashing las ich bei der Zeit. «Beim Klima zählt auch das Geschlecht», schreibt Diplom-Physikerin Gotelind Alber 2015. «Frauen verhalten sich umweltbewusster.» Auch sie meint, dass Männer mehr Auto fahren, Frauen tendenziell umweltfreundlicher unterwegs seien, mit kleineren, sparsameren Autos, und eher vegetarisch essen. Klimawandel sei ein strukturelles Problem, denn es sei unter anderem die «Dominanz von Männern und ihren Perspektiven, die in den Entscheidungspositionen die ungerechte Situation weiter verfestigt, die klimaschädigendes Verhalten bevorzugt». Ja, Männer essen mehr Fleisch. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Männer viel mehr körperliche Arbeit leisten. Da hast du eben am Mittag nicht auf den hippen, kleinen Salat Lust wie vielleicht die Beraterin aus der Werbeagentur, sondern eher auf ein Schinkensandwich oder einen Döner. Dies einem Kerl, der zum Beispiel auf dem Bau arbeitet, indirekt vorzuwerfen, ist absurd. Die Argumente dieser «Experten», die aus Universitätskreisen stammen und aus dieser engen Perspektive die Welt erklären wollen, sind realitätsfern.

Dass Frauen kleinere Autos fahren, war vielleicht vor zwanzig Jahren so. Heute verdienen Frauen mehr, deshalb leisten sie sich gerne grössere und teurere Autos: Laut der deutschen News-Website RP online, die sich auf Daten des Kompetenzzentrums «Frau und Auto» bezieht, kaufen Frauen immer häufiger einen SUV. «Zwischen 2010 und 2017 stieg der Anteil der SUVs an allen Fahrzeugen mit weiblichem Halter um 3,5 Prozent. [...] Damit unterscheidet sich das Kaufverhalten von Frauen in diesem Bereich nicht grundsätzlich von dem der Männer.» Der SUV-Anteil sei geschlechterübergreifend stark gestiegen. Traditionelle Weiblichkeit steht offenbar auf Geländewagen – die morgendliche SUV-Karawane vor den Schulhäusern bestätigt diese Entwicklung.

Ja, Männer fahren mehr Kilometer, und sie fliegen mehr – vor allem, weil sie geschäftsbedingt mehr reisen müssen. Für jeden Mann, der geschäftlich mehr reist, ist eine Frau zu Hause, die von dem Geld lebt – mitsamt den Kindern.

Ja, Männer sind öfters Entscheidungsträger in Unternehmen. Zum Beispiel in solchen, die fossile Brennstoffe fördern. Ich rufe aber gerne in Erinnerung, dass Strassen, Autos und Flugzeuge nicht von Männern für Männer gebaut werden. Männer fördern auch nicht ausschliesslich für sich selbst Erdöl. Auch wenn es für einige überraschend kommt, auch wir Frauen benötigen Plastik, Internet, wir mögen iPhones und Billigflieger und nette Ferien auf den Malediven, wohin wir vor der Kälte flüchten, denn die mögen wir gar nicht, Heizung umso mehr! Frauen frieren schneller als Männer. Sie sind aber nicht schuld am Klimawandel, weil wegen ihnen mehr geheizt werden muss. Auch profitieren wir gerne von der Landwirtschaft und überhaupt von allem, was unseren modernen Lifestyle möglich macht. Es sind wirklich nur ganz wenige, die ins 18. Jahrhundert zurückwollen.

Man könnte ja mal die geschlechtertechnische Unausgewogenheit beim Shoppen unter die Lupe nehmen. Ich denke da an die vielen Retoursendungen bei Zalando. Oder die Millionen Tonnen Kosmetika, deren Produktion ja so umweltfreundlich und deren Verpackung so gut recyclebar ist.

Schuldzuweisungen sind kontraproduktiv, vielen Leuten stinkt’s, sie sind für Anliegen nicht mehr offen. Denn die grosse Mehrheit leugnet ja nicht, dass der Klimawandel existiert. Man ist sich einfach uneinig darüber, inwieweit das Klima sich ändert und wie genau es sich auswirkt, argumentiert mit Arbeitsplatzverlust, individueller Mobilität, und inwiefern Umweltmassnahmen umgesetzt werden können, ohne ganze Wirtschaftszweige zu zerstören. Lösungen für beide Bereiche zu finden, schliesst sich ja gegenseitig nicht aus. (Man gestatte mir den Einwurf, dass es dann in der Mehrheit wieder die Männer sind, die neue Technologien mit Manpower, Kapital und Investment vorantreiben.)

Dass Männer schuld sind am Klimawandel, ist genauso lächerlich, wie zu sagen: Wenn Frauen nie Kinder gebären würden, gäbe es keinen Klimawandel. Oder: Alle Nazis wurden von Frauen geboren.
Der Klimawandel ist eine Herausforderung, und wir sind alle damit verkettet. Um sie zu meistern, sollte man alle mit an Bord haben.

Weltwoche, Januar 2020