Freitag, 31. Juli 2020

Sexy oder sexistisch?

Der Star bei Shows vieler weiblicher Popstars ist heute der Po. Die Zurschaustellung der eigenen Sexualität geht in Ordnung, aber mit «Empowerment» hat das nichts zu tun.


Jennifer Lopez und Shakira feuerten während der Halbzeitshow beim Superbowl neulich ein sexuelles Bombardement auf das Publikum ab. Es ist ein verlässliches Naturgesetz: Je stoffbefreiter weibliche Popstars auftreten, je lasziver sie sich um Stühle oder am Boden räkeln, desto mehr Aufmerksamkeit erhalten sie, desto besser verkaufen sich ihre Alben.

Ich habe nichts gegen erotische Provokation. Das Spektakel war grossartig, sexy, das Publikum war begeistert. «Female Empowerment!», flötete die Feministen-Front. Im Paillettenkostüm, das gerade so viel bedeckte, dass die Show im US-Fernsehen übertragen werden konnte, liessen die Latinas ihre Gesässe kreisen, warfen ihre Mähnen – für ihren grosszügigen Umgang mit wenig Stoff und die vollendete Inszenierung ihrer Sexualität sind sie bekannt. J. Lo schlang sich um eine Poledance-Stange, mehrmals griff sie sich in den Schritt – das war schon bei Michael Jackson beknackt. Über 100 Millionen Menschen haben zugesehen.

Gut möglich, dass einige konservativ gestimmte Zuschauer heute noch davon traumatisiert sind. Bei vielen kam die Nummer nämlich schlecht an. «Es sollte möglich sein, das Spiel mit den Kindern zu schauen, einschliesslich der Halbzeit-Show», twitterte ein konservativer Kommentator unter grossem Applaus, es sei ein Familien-Event. Andere monierten, die Show mit zwei halbnackten Sängerinnen und dem Poledance würde Frauen «objektivieren» und zum Sexualobjekt degradieren, ja gar «ausbeuten». Eine Userin schrieb: «Das Frauenbild der Halbzeit-Show war total sexistisch.» Ein überzeugter Christ regte sich in einem Video über zu viel «Pornografie» auf; sein zwölfjähriger Sohn könnte das sexuell erregend finden.

Soviel ich weiss, gibt es bei der Halbzeit-Show eines Superbowls keinen Grund, Mönche aus einem tibetanischen Kloster auftreten zu lassen. Die grosse Mehrheit der Zuschauer der National Football League ist männlich, das Season-Finale fand in Miami statt – es hätte wohl keine besseren Quotenqueens als Shakira und J. Lo gegeben. Sex sells, und bei diesen Spektakeln, auch wenn sie für die ganze Familie gedacht sind, steht Profit im Vordergrund; die Show ist kalkulierte Provokation. Mit Nana Mouskouri wäre sie im Jahr 2020 vermutlich falsch besetzt.

Ganz grundsätzlich, und das kann man gut finden oder nicht, geht der Trend schon lange weg von herausragenden Stimmen (Whitney Houston) und hin zu viel nackter Haut und zu Sängerinnen, die alle ähnlich klingen (Selena, Demi, Ariana, Vanessa etc.). Der Verkaufswert vieler weiblicher Popstars misst sich auch an ihrem sexuellen Wert; die Konkurrenz ist riesig, um im Showbusiness relevant zu bleiben, und müssen sie ihre Performance jedes Mal mit noch aufsehenerregenderen Outfits oder Tanzeinlagen toppen. Aber: Sie tun es aus freier Entscheidung, es ist ihre Wahl. Auf der anderen Seite gibt es ja auch überaus erfolgreiche Sängerinnen wie Adele, die haben Erfolg, ohne fortlaufend die verruchte, twerkende Verführerin zu geben.

Seine Nacktheit benützen, um Platten zu verkaufen, geht für mich völlig in Ordnung. Auch die Durchschnittsstimme mit einer sexy Bühnen-Show zu kompensieren, ist legitim. Wenn Frauen selbstbestimmt ihre Sexualität einsetzen, ist das keine Ausbeutung; Organisatoren, Manager und Stars benützen sich alle gegenseitig. Sie offenbaren auch kein ‹sexistisches Frauenbild›, Frauen können talentierte und kluge und gleichzeitig sich um polierte Eisenstangen windende Wesen sein. Überhaupt, es spricht eher für ein spiessiges Weltbild, den Poledance in die Schmuddel- oder Porno-Ecke zu drängen. Gewiss, er gehört zum Striptease, aber die anspruchsvolle Tanzart wird auch im Fitnesscenter geübt. Und wer das wie ich schon mal ausprobiert und wie eine verdrehte Bretzel an der Stange gehangen hat, weiss, dass es für ein Minimum an Ästhetik hartes Training braucht.

Mit «Female Empowerment» hat der Auftritt von Shakira und J. Lo freilich nichts zu tun, auch wenn moderne Feministen solche sexuell befreiten Darbietungen als Zeichen «weiblicher Emanzipation» feiern. Spärlich bekleidete Auftritte und aufreizende Posen stärken die Position von Frauen nicht. Und: Wer sich ständig auf sexualisierte Art zeigt, muss sich nicht wundern, wenn er von Männern (und Frauen) als sexualisiertes Wesen gesehen und eventuell darauf reduziert wird.

Die Sorgen hinsichtlich der Kinder sind bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Nur leben wir in einer sexualisierten Welt: Internet, Instagram, Werbung, red carpet-Outfits der Stars, Hotpants, bauchfreie Shirts oder tiefe Décolletés – wir werden überall mit sexualisierten Bildern und Anblicken konfrontiert –, Kinder sind heute ganz anderen negativen Einflüssen ausgesetzt. Hier sind eben die Eltern gefordert. Statt übertrieben fürsorglich zu sein, sollten sie, und nicht die Gesellschaft, ihren Kindern beibringen und vorleben, dass der Einsatz von Nacktheit und Sexualität für den Erfolg im Leben nicht notwendig ist.

Und sonst bleibt immer noch das Wegzappen. Oder die Methode meiner Eltern. Die haben mich damals, als ich mit ihnen endlich den «Tatort» schauen durfte, bei der geringsten Andeutung einer Kuss- oder Bettszene immer hastig aus dem Wohnzimmer verbannt – und mir blieb nichts anderes übrig, als eben im Gang versteckt weiterzuschauen. Es gibt Lösungen für fast alles.

Weltwoche, Februar 2020