Freitag, 31. Juli 2020

Studenten, schreiende Babys

Studenten sabotieren an Universitäten Events und hindern Andersdenkende am Reden. Es ist lachhaft, wie diese Leute dem Rest der Gesellschaft auf der Nase herumtanzen.


Man stelle sich die irrwitzige Situation vor: Da ist eine Muslimin, die vor vielen Jahren aus Algerien, wo sie unter einem religiös-ideologischen Diktat gelitten hat, nach Deutschland einwanderte. In ihrem neuen Zuhause kämpft sie dafür, dass Frauen sich nicht verhüllen müssen und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Dafür wird sie als Rassistin beschimpft und von Studenten an einer Universität am Diskutieren gehindert.

Das geschah neulich der Frauenrechtlerin Naïla Chikhi an der Frankfurter Goethe-Universität, wo sie als Podiumsteilnehmerin zum Thema Kopftuch auftrat. Eine Gruppe, die sich «Studis gegen rechte Hetze» nennt, hat die Veranstaltung mit Bannern und lautem Gebrüll derart gestört, dass die Diskussion unterbrochen werden musste. Die Kopftuchdebatte endete laut der FAZ in einer Schlägerei. Im Mai 2019 sabotierten Studenten eine Konferenz an derselben Hochschule, ebenfalls zum Reizthema Kopftuch. Vergangenen Oktober verhinderten Studenten eine Vorlesung zu «Makroökonomik II» des AfD-Gründers Bernd Lucke an der Uni Hamburg. In der Schweiz wurde 2017 ein Vortrag an der ETH Zürich von David Petraeus, dem ehemaligen Chef der CIA, aufgrund von Protesten einer linken Studentengruppe abgesagt. Eine ähnliche Erfahrung machte der ehemalige Novartis-Chef Daniel Vasella.

Das Phänomen ist aus den USA zu uns herübergeschwappt. Dort stören Studenten seit vielen Jahren Auftritte von unerwünschten Gastrednern, mehrfach kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Ohne Sicherheitsaufgebot sind Events mit konservativen oder liberalen Rednern vielerorts kaum mehr durchführbar. Eine Gesellschaft wächst aber und gedeiht durch den Austausch von Ansichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln; auch umstrittene, sogar gefährliche Meinungen können so offen debattiert, mit Gegenargumenten widerlegt und als hanebüchen entlarvt werden. Ohne gute Argumente bleiben die schlechten unwidersprochen.

Diese Studenten, die Meinungsfreiheit bei Andersdenkenden nicht gelten lassen, stellen zwar eine Minderheit dar. Aber die Zahl Boykotte von Vorlesungen und Events an Universitäten und die Diffamierung von Rednern nehmen zu. «Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt», sagt Antonio Loprieno, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, laut der Aargauer Zeitung. «Wir müssen die Debattenkultur bewahren» und aufpassen, dass wir «den aufklärerischen Charakter unserer Universitäten nicht aufs Spiel setzen».

Naila Chikhi, die sich für ein Kopftuchverbot für Mädchen einsetzt, schrieb nach den Ausschreitungen an der Uni auf Welt.de, dass sie immer wieder mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert werde, sobald sie den politischen Islam kritisiere. «Um eine Meinungsbildung zu verhindern, bedienen sich diese extremen Gruppen der Methode der Diffamierung und des Diskussionsverbotes. Sind dies nicht erste Anzeichen von Totalitarismus?», fragt die Feministin.

Natürlich, man kann sich als Student über unliebsame Aussagen echauffieren, auch hat man das Recht zu demonstrieren. Draussen vor der Uni wäre dem ja auch nichts entgegenzusetzen, da könnte man Sitzkreise abhalten oder Flyer als Zeichen des Protests verteilen gegen bedrohliche Ansichten aus dem Mund einer muslimischen Frauenrechtlerin – warum nicht, wenn man gerade nichts Wichtigeres in seinem Leben zu tun hat? Wer sein antidemokratisches Rebelliönchen aber in einen Vorlesungssaal schleppt, wer dort andere Menschen am Reden hindert, vor allem durch Gewalt, wer Veranstaltungen derart stört, dass sie abgebrochen werden müssen, der unterdrückt die Meinungsfreiheit: Er handelt totalitär. Dabei ist es völlig irrelevant, auf welcher politischen Seite er steht.

Legitimation erhalten die Proteste in den Augen der Störenfriede dadurch, dass sie sich auf der richtigen Seite wähnen. Diese jungen Leute sind nicht nur gefangen im eigenen Ego-Kosmos, sie haben ihre Abneigung gegen demokratische Prinzipien offensichtlich im Dauerzustand moralischer Selbstüberhöhung entwickelt. Sie stellen keinen Fortschritt der Gesellschaft dar; die Entwicklung erinnert ans Mittelalter.

Der US-amerikanische Psychologieprofessor Jonathan Haidt, der die Entwicklung an US-Universitäten erforscht, kritisiert die zunehmende Form von Zensur im Namen von Identitätspolitik und politischer Korrektheit. Er erklärt das Phänomen mit dem Unvermögen der Studenten, mit normalem Alltagsstress umzugehen. Sie hätten es nie gelernt, darum sind schon abweichende Meinungen schlimm: «Worte sind für sie Gewalt, darum müssen sie geschützt werden vor gewissen Wörtern, Büchern, Rednern und Ansichten.»

Die Uni ist für diese leidvollen jungen Existenzen, die wahrscheinlich jeden Abend im Bett darüber nachdenken, welche Ungerechtigkeiten ihnen im Laufe des Tages widerfahren sind (und sich dabei die Gestaltung des entsprechenden Banners ausmalen), also ein Ort des Unbehagens. Tja, vielleicht sollten Hochschulen ja verpflichtend einführen, dass Studienanwärter zuerst ein Semester «Demokratie Basics» besuchen müssen – gefolgt von zwanzig Wochen Bootcamp. Denn, ich sag’s mal ganz direkt: Mit diesen wohlstandsverwöhnten jungen Leuten wird viel zu sanft umgegangen. Letztlich ist es ganz einfach: Wenn Studenten Debatten an ihren Unis nicht ertragen, sind sie nicht bereit und reif genug für ein Studium.

Weltwoche, Februar 2020